Wer war der Stammvater der Insekten?
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Ernst Probst
Wer war der Stammvater der Insekten?
Interview mit dem Stuttgarter Biologen und Paläontologen Dr. Günter Bechly
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Wer war der Stammvater der Insekten? 5 Widmung
Dem Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart gewidmet, dessen Mitarbeiter
mich bei den Recherchen für zahlreiche Artikel und etliche populärwissenschaftliche Bücher mit Rat und Tat unterstützt haben.
Fotos auf der linken Seite:
Das Staatliche Museum für Naturkunde Stuttgart besteht aus zwei im Stuttgarter Rosensteinpark gelegenen Museen, die Ausstellungs- und Forschungstätigkeiten vereinigen. Das Museum Schloss Rosenstein (oben) widmet sich der Biologie, das Museum am Löwentor (unten) richtet den Fokus auf Paläontologie und Geologie.
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Wer war der Stammvater der Insekten? 7 Vorwort
Wer war der Stammvater der Insekten?
I n dem Taschenbuch „Wer war der Stammvater der
Insekten?“ wird ein Interview des Wiesbadener Wis-senschaftsautors Ernst Probst mit dem Biologen und Paläontologen Dr. Günter Bechly veröffentlicht. Bechly ist wissenschaftlicher Kurator am Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart und dort Sektionsleiter für die Bereiche Bernstein und fossile Insekten. Der frühere Zeitungsredakteur Ernst Probst hat von 1986 bis heute rund 200 Bücher, Taschenbücher, Broschüren und E-Books veröffentlicht. Zu seinen Spezialitäten gehören Themen aus den Bereichen Paläontologie und Archäologie sowie Biografien vor allem von berühmten Frauen.
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Inhalt
Vorwort / Seite 9
Interview mit dem Biologen und Paläontologen
Dr. Günter Bechly / Seite 11
Literatur / Seite 65
Bildquellen / Seite 67
Der Biologe und Paläontologe Dr. Günter Bechly /
Seite 71
Publikationen von Dr. Günter Bechly / Seite 73
Der Autor Ernst Probst / Seite 97
B ücher von Ernst Probst / Seite 99
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Ammonit Harpoceras falcifer
aus der Unterjurazeit vor etwa 180 Millionen Jahren, ein Fund aus den Ölschiefern von Holzmaden in Baden-Württemberg
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Interview mit dem Biologen und Paläontologen
Dr. Günter Bechly
Frage: Herr Dr. Bechly, wie, wann und wo wurde Ihr Interesse an Bernstein und fossilen Insekten geweckt? Antwort: Mein Interesse an Insekten wurde schon in frühester Kindheit geweckt. Eines der ersten Bücher, das ich von meinen Eltern geschenkt bekam, war ein Bilderbuch über Insekten und dieses faszinierte mich offenbar so sehr, dass „Wasserfenchelrüssler“ (eine Rüsselkäferart) zu den ersten Tiernamen gehörte, die ich nach der WauWau-Phase gelernt habe. Andere prägende Kindheitserlebnisse waren z. B. der Kinofilm „Die letzten Paradiese“ von Eugen Schumacher und die eigene Suche nach Fossilien in den Holzmadener Ölschiefern sowie natürlich auch die Besuche von Museen und Zoologischen Gärten. Auch die zahlreichen Naturfilme im Fernsehen hatten einen nicht unerheblichen Einfluss auf mich. Mein Interesse an Natur im Allgemeinen und an Insekten und Fossilien im Besonderen begleitete mich somit meine ganze Jugend
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und war dann auch der Grund für meinen entsprechenden Studienwunsch. Im Rahmen meines Studiums an der Universität Tübingen war es eine besondere Lehrerpersönlichkeit (Dr. Gerhard Mickoleit, der inzwischen im Ruhestand weilt), die mein Interesse in wissenschaftliche Bahnen gelenkt hat und meine Begeisterung für die Erforschung der Stammesgeschichte und Evolution der Insekten geweckt hat.
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Zoologe Professor Dr. Willi Hennig (1913-1976)
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Frage: Wer war der Stammvater der Insekten? Antwort: Der eigentliche „Stammvater“ im engeren Sinne war diejenige, noch unbekannte und längst ausgestorbene Gliedertierart, aus deren Aufspaltung die beiden Hauptgruppen der heutigen Insekten in der weiteren Evolution hervorgingen. Diese Tierart lebte im Oberen Silur oder Unteren Devon vor etwa 430 Millionen Jahren und war bereits sechsfüßig, ungeflügelt und hatte nur ein Antennenpaar. Sie lebte in einem feuchten Lebensraum an Land, wo sie vermutlich schon über Tracheen atmen konnte. Es handelte sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine kleine, bodenlebende Gliedertierart, ähnlich den heutigen Springschwänzen, Doppelschwänzen und Felsenspringern. Diese ganzen Aussagen können wir durch einen genauen Vergleich und eine Bewertung der Merkmale der heutigen Insekten treffen, die mit den Methoden der Phylogenetischen Systematik des deutschen Zoologen Prof. Willi Hennig eine Grundplan-Rekonstruktion des hypothetischen Ahnen erlauben, selbst wenn entsprechende Fossilfunde noch völlig fehlen.
Was die weiter entfernte Herkunft der sechsfüßigen Insekten angeht, so glaubte man früher, dass diese unter landlebenden und tracheenatmenden Tausendfüßler-verwandten des Silur und Devon zu finden gewesen seien. In der Zwischenzeit hat sich jedoch durch
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Erbgutuntersuchungen sowie neue Erkenntnisse aus der vergleichenden Anatomie und Embryologie gezeigt, dass die nächsten Verwandten der Insekten nicht die Tausendfüßer, sondern die Krebstiere sind. Insekten sind somit landlebende, abgewandelte Krebse (ähnlich wie die Asseln, aber nicht näher mit diesen verwandt) und stammen ursprünglich (also noch vor dem Landgang) von einer meereslebenden, krebstierartigen Ahnenform ab, die vermutlich im Silur lebte. Vor einigen Jahren wurde mit Devonohexapodus bocksbergensis ein solches marines (vermeintliches) Proto-Insekt aus den unterdevonischen Hunsrückschiefern von Bundenbach beschrieben, aber nach neueren Erkenntnissen war diese Zuordnung wohl etwas verfrüht und sehr wahrscheinlich unzutreffend (zudem ist Devonohexapodus bocksbergensis wahrscheinlich identisch mit dem schon früher aus den gleichen Schichten beschriebenen Gliedertier Wingertshellicus backesi).
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Frage: Aus welcher Zeit stammen die ältesten fossilen Insekten? Antwort: Das älteste vollständig bekannte fossile Insekt ist noch immer der Springschwanz Rhyniella praecursor aus den unterdevonischen (396-407 Millionen Jahre) Hornsteinen von Rhynie in Schottland. Reste von etwas moderneren, flügellosen Insekten, wie z. B. Felsenspringern und Silberfischchen, wurden in etwas jüngeren devonischen (390 Millionen Jahre) Schichten von Gaspé Bay/Quebec in Kanada und dem Oberdevon (379 Millionen Jahre) von Gilboa/New York in Nordamerika gefunden, sind aber teilweise in ihrer Deutung noch umstritten. Auch aus den Rhynie-Hornsteinen gibt es einen weiteren Rest eines flügellosen Insektes, nämlich das Bein eines vermutlichen Felsenspringers oder Silberfisches, der Leverhulmia mariae genannt wurde. Lange Zeit glaubte man, dass es sich bei dem Fossil Eopterum devonicum aus dem Mittel-Devon von Russland um ein Ur-Insekt mit extrem primitiven Flügeln handele, bis sich vor einigen Jahren leider herausstellte, dass es sich bei den vermeintlichen Flügeln in Wirklichkeit nur um ein isoliertes Fragment vom Schwanzfächer eines Krebses handelt. Die ältesten bekannten geflügelten Insekten sind die Palaeodictyoptere Delitzschala bitterfeldensis aus dem Unteren Namurium (etwa 324 Millionen Jahre alt) von Ostdeutschland und eine unbenannte Urheuschrecke (Archaeoptera) gleichen
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Alters aus der Tschechischen Republik. Es gibt allerdings ein paar renommierte Wissenschaftler, die der Auffassung sind, dass es sich bei den fragmentarischen Fossil Rhyniognatha hirsti aus den oben erwähnten Rhynie-Hornsteinen um eine Kieferkaulade (Mandibel) eines geflügelten Insektes handeln könnte und somit die Evolution der Fluginsekten sehr viel früher stattge-funden habe als gemeinhin noch angenommen wird. Andere Spezialisten sind jedoch nicht einmal davon überzeugt, dass es sich bei diesem Fossil überhaupt um den Kiefer eines Insektes handelt. Man sieht an diesen Beispielen auch, dass es in der Wissenschaft oft weniger um „festzementiertes“ Faktenwissen geht, sondern um die kritische Diskussion unterschiedlicher Hypothesen. Solche innerwissenschaftlichen Debatten werden von den Anhängern der biblischen Schöpfungsgeschichte, die derzeit nicht nur in Amerika auf dem Vormarsch sind und einem naturalistischen Weltbild den Kampf angesagt haben, natürlich immer wieder gerne aufgegriffen, um den Evolu-tionsforschern die Unsicherheit ihrer Thesen vorzuwerfen. In Wahrheit ist aber gerade diese gewisse Unsicherheit die große Stärke der Naturwissenschaften gegenüber dogmatischen Glaubenssystemen, denn gerade sie gestattet es ja falsche Hypothesen früher oder später durch kritische Überprüfung zu erkennen und zu verwerfen. Noch kein Kreationist konnte aber ein
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vernünftiges Kriterium nennen, bei dessen Erfüllung er seinen Glauben revidieren und die Evolutionstheorie als plausiblere Erklärung akzeptieren würde, während es sehr viele theoretisch denkbare Umstände gäbe, die die Evolutionstheorie ins Wanken bringen könnten: Beispielsweise eine ungeordnete stratigraphische Verteilung von sehr einfachen und sehr komplexen fossilen Lebewesen in sehr alten und sehr jungen geologischen Ablagerungen, oder das Vorhandensein völlig unterschiedlicher Mechanismen der Vererbung bei verschiedenen Pflanzen und Tieren, oder eine völlig chaotische statt weitgehend hierarchische Verteilung der Merkmalsähnlichkeiten zwischen den Organismengruppen, etc. Alle diese Befunde wären mit der darwinschen Evolutionstheorie unvereinbar, während die biblische Schöpfungstheorie mit jeder denkbaren Beweislage gleichermaßen vereinbar wäre. Letzteres ist aber ein typisches Kennzeichen für nichtssagende Theorien, vergleichbar der humorvollen Bauernregel „Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist“.
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Frage: Wie haben manche frühe Insekten das Fliegen gelernt? Antwort: Aus welchen Vorläuferorganen die Insektenflügel entstanden sind, und auf welche Weise das Flugvermögen der Insekten evolvierte, ist unter Fachleuten noch immer eines der umstrittensten Themen in der Evolutionsgeschichte der Insekten. Laut der üblichen Lehrbuchauffassung sind die Flügel aus tragflächenartigen Verbreiterungen der Rückenschilder der Brustsegmente hervorgegangen und dienten anfangs nur dem Gleitflug oder dem fallschirmartigen Abbremsen von Sprüngen. Für diese These spricht insbesondere die Embryonalentwicklung heutiger Fluginsekten.
Eine alternative Theorie besagt, dass Flügel ursprünglich kiemenartige Beinanhangsstrukturen waren, wie sie heute noch am Hinterleib der wasserlebenden Eintagsfliegenlarven zu finden sind. Diese These stützt sich insbesondere auf frühe fossile Insektenlarven aus dem Erdaltertum (Karbon und Perm), deren Flügelscheiden offenbar beweglich waren und den, oft ebenfalls vor-handenen, kiemenartigen Hinterleibsanhängen verblüffend ähnelten.
Eine Entscheidung zwischen diesen beiden Theorien ist bislang noch nicht sicher möglich, da es für beide Alternativen eine ganze Reihe von Pro- und Contra-Argumenten gibt. Von einer Lösung dieser Frage hängen
Arbeit zitieren:
Ernst Probst, 2011, Wer war der Stammvater der Insekten?, München, GRIN Verlag GmbH
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