Die Probleme um das Drama sind groß. Entstehung, Textgeschichte mehr oder weniger ungewiß. Von Schiller selbst gibt es kaum Äußerungen; der Weimarer dachte nicht übermäßig gern an die frühe Produktion. Geschrieben wurde das Stück in den Jahren 1779/80 noch auf der Karlsschule, die Schiller damals seit sieben Jahren besuchte. Will man dem Mitschüler und Ju-gendfreund Johann Wilhelm Petersen glauben, der später als Bibliothekar in Stuttgart lebte, so ist das Stück nicht das Werk eines Gusses. Schiller arbeitete einzelne Selbstgespräche und Auftritte aus, ehe er das Grundgewebe des Ganzen überdachte, ehe er Anlage, Verwicklung und Entwicklung bestimmt, Schatten und Licht verteilt und die Formen gehörig aneinander gereiht hatte. Was auf diese Weise ausgearbeitet war, ließ er sich teilweise von Bekannten vorlesen, um Eindruck und Wirkung besser beurteilen zu können. 1 Die Forschung hat deshalb versucht, eine genetische [...] Schichtung der Räuber zu erarbeiten 2 und einzelne frühe bzw. spätere Textschichten zu unterscheiden. Diese Unternehmungen sind nicht sehr ergiebig und nicht sehr fruchtbar. Grenzüberschreitend werden sie zu Unfug. 3 Gut dürfte sein, zu erinnern, was H. Stubenrauch schreibt: daß allzu oft unkritische Legendenbildung den Mangel historischer Zeugnisse wettmachen mußte. 4 Auf weiteste Strecken hin wird eine solche Bemühung immer erfolglos bleiben müssen. 5 Probleme der Entstehung und der Textgeschichte sind nicht unwichtig, für die Germanistik als Wissenschaft unverzichtbar, 6 sie sind aber nicht so zentral, als daß sie die Deutung des Stückes, in diesem Fall, voranbrächten oder behinderten. Was vorliegt, ist der Text der Erstausgabe von 1781 und die nachweisbaren Änderungen, Varianten von Schillers Hand bis hin zu den sog. unterdrückten Bögen: Schiller änderte, nachdem schon Exemplare gedruckt waren - die man später wieder auffand - die Bögen A und B (die Vorrede und die Szenen I, 1 und 1, 2). Unterdrückt läßt also leicht Bedeutungen entstehen, die schief liegen; man spräche besser von zurückgezogenen Bögen. Allerdings ist die zweite Fassung (dazu aber unten) gemäßigter. 7 Insgesamt läßt sich nicht übersehen, daß Schiller zu moderierenden Änderungen aufge-fordert wurde: von dem Mannheimer Verleger Schwan, vom Intendanten des Nationaltheaters, Heribert von Dalberg, der, als ihm Schillers Modifikationen nicht ausreichten, selbst nachhalf. Die so entstandene Fassung ist als Mannheimer Soufflierbuch erhalten Dalbergs Änderungen
1 Zit. nach B. Lecke (Hrsg.), Schiller I, München 1969, (= Dichter über ihre Dichtungen), S. 85. Lecke liefert eine brauchbare Zusammenstellung der Äußerungen Schillers (u. z. T. der Zeitgenossen) über die Dichtungen. Wer auf den relativ leicht zugänglichen Lecke verzichten will, muß die schwerer erreichbaren Briefe Schillers lesen, bzw. was die Äußerungen der Zeitgenossen angeht: M. Hecker/J. Petersen, Schillers Persönlichkeit. Urtheile der Zeitgenossen und Documente, 3 Bde., 1904-1909.
2 So der Hrsg. Herbert Stubenrauch des Räuber-Bandes der Nationalausgabe, Bd. 3, Weimar 1953, S. 276.
3 Daß eine zu ausführliche Beschäftigung mit diesen für sich wichtigen Fragen die Problemsicht verstellen kann, belegt der sorgfältige Editor der NA. Er schreibt, der Tod Rollers sei mit einem dramaturgischen Nachteil erkauft, der dem kornpositionellen Gleichgewicht empfindlich schadet. Muß doch nun das in sattesten Farben prangende Zwischenspiel: die vereitelte Hinrichtung einer Nebenfigur, die gleich darauf dann doch ihr Leben aushaucht, wie ein recht überflüssiger dichterischer Aufwand wirken. (NA 3, S. 284f.) Ganz und gar nicht. Vielmehr ist die unmittelbare Aufeinanderfolge der aufwendigen Rettung und der endgültigen Vernichtung ein wahrhaft tragisches Motiv, das einer nicht einfachen Auslegung fähig ist: einmal zeigt es das Scheitern menschlicher Plane; die Rettung kann die Vernichtung nicht aufhalten. Dann ist es Weltgeschichte als Weltgericht: Roller muß auf der Bühne, wo er mit Unrecht und Leid befreit wurde, auch umkommen.
4 NA 3, S. 264.
5 Ebd.
6 Besonders, wenn es um die Verteilung von Geldern geht.
7 Stubenrauch NA 3, S. 290.
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Die Räuber
biegen in der Tat Schillersche Beweisinteressen um. So wird die Zeit der Geschichte um die Mitte des achtzehenden Jahrhunderts 8 zurückverlegt ins Spätmittelalter als Kayser Maximilian den ewigen Landfrieden für Deutschland stiftete 9 . Schiller selbst hat diese Verlegung im Brief an Dalberg vom 12. Dezember 1781 kritisiert: Viele Tiraden, kleine und große Züge, Karaktere sogar sind aus dem Schoos unserer gegenwärtigen Welt herausgehoben und taugten nichts in dem Maximilianischen Alter. Die Räuber, wie das Personenverzeichnis sagt, die Libertiner, nachher Banditen, die als (von moralischen Überlegungen bestimmte) Protestierende gegen Erscheinungsformen des Absolutismus begriffen werden müssen, werden so zu Kämpfern für das Faustrecht 10 . Die Einkleidung ins modische Ritterkostüm nimmt dem Stück seine aktuelle Schärfe. NotwendigeAnpassung an die Zensurregeln, die keine geistlichen Personen auf der Bühne duldeten, ist auch, wenn in der neue(n) für die Mannheimer Bühne verbesserte(n) Auflage, die sich an das Soufflierbuch hält, der Pater zu einer Magistratsperson wird. Der Interpret wird guttun, diese erzwungenen Änderungen in einer Analyse entsprechend zu bewerten. Denn daß Schiller der getreue Kopist der wirklichen Welt [seines Jahrhunderts] seyn wollte, wie er in der ersetzten Vorrede schreibt, 11 belegt auch die Quellenlage 12 . Hier gibt es eine ganze Reihe realer Bezüge, die die Forschung mit Hilfe z.T. zeitgenössischer Hinweise erarbeitet hat: die Geschichte des sogenannten Sonnenwirths oder Friedrich Schwans, von dem damals durch ganz Württemberg viel gesprochen wurde. 13 Er war, als Michael Kohlhaas-Typ, aufgrund des Gefühls ungerechter Behandlung durch die absolutistische Juristerei, zum Straßenräuber geworden. 14 Angeregt durch eine Notiz von Schillers Frau Charlotte, daß die Geschichte des alten Moor nicht erfunden war, sondern einen wahren Grund hatte, 15 fand man einen kurpfälzischen Adligen, der seiner Verschwendungssucht wegen entmündigt und bis kurz vor seinem Tode 24 Jahre lang in zeitweilig strengster und Unwürdigster Privathaft gehalten wurde. 16 G. Kraft hat eine Krummfinger - Balthasar - Bande nachgewiesen, deren Geschichte Ähnlichkeiten mit der Räuber - Handlung zeigt. 17 Kraft wertete auch eine Akte Buttler aus, die Affinitäten zu den Räubern aufweist, nämlich die Verbindung einer feudalen Familie mit einer Räuberbande 18 . Schließlich kannte Schiller ein Geschichtchen Schubarts, das sich mitten unter uns zugetragen hat, 19 aus dem er eine Reihe von Motiven übernehmen konnte. Was immer der Karlsschüler hier an Anregungen aufgriff, sie konnten nur den rohen Stoff für das Drama liefern. Die Intention, die Beweisabsicht, die mächtige Totalidee, die allem Technischen vorhergeht, von der er in einem späten Brief an Goethe spricht (vom 27.03.01), mußte er selbst entwickeln. In der Vorrede zur ersten Auflage gibt er in apologetischer Absicht 20 freilich nur allgemeinste Hinweise. Er versteht sich als Freund der Wahrheit, der den Mitbürgern [... auf der ] Schaubühne Schule [...]
8 Schauspiel von 1782, NA 3, S. 3.
9 Ebd. S. 363; das war 1495.
10 Ebd. S. 366.
11 Ebd. S. 244; diese Vorrede ist leichter zugänglich in dem materialreichen, gut informierenden Band: Fr. Sch., Die Räuber, hrsg. von Chr. Grawe, in der Reihe: Erläuterungen und Dokumente bei Reclam in Stuttgart (RUB 8134).
12 Auch sie ist in dem Band von Grawe gut dokumentiert; hier auch die Erzählung Schubarts.
13 Hinweis des Schiller - Lehrers Abel, zit. nach NA 3, S. 268.
14 Schiller hat den Stoff auch in der Erzählung: Ein Verbrecher aus verlorener Ehre behandelt.
15 Zit. nach NA 3, S. 269.
16 Stubenrauch, ebd.
17 Günther Kraft, Historische Studien zu Schillers Schauspiel Die Räuber. Über eine mitteldeutschfränkische Räuberbande des 18. Jh.s., Weimar 1959.
18 Ebd. S. 96. Zum Räuber(un)wesen vgl. man außer Zuckmayers Schinderhannes jetzt: Carsten Küther, Räuber und Gauner in Deutschland. Das organisierte Bandenwesen im 18. und 19. Jh., Göttingen 1976.
19 Vgl. den Abdruck bei Grawe, Titel A. 11, S. 111-116.
20 Schiller will das provozierende Stück vor Mißverständnissen schützen; vgl. Stubenrauch in NA 3, S. 302f.
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Erbrecht und Affektstruktur
halten will (ohne groß an die Wirkung zu glauben). 21 Er hofft, daß sein Stück mit Recht einen Plaz unter den moralischen Büchern erhalten werde: das Laster nimmt den Ausgang, der seiner würdig ist. Der Verirrte tritt wieder in das Gelaise der Geseze. Die Tugend geht siegend davon. 22 Zu einer Lektüre ex negative waren die Zeitgenossen anscheinend nicht bereit oder fähig. Der Poet hat, zumindest gegenüber der staatlichen Zensur, den Schein der Ordnung zu wahren. Die Textanalyse wird im einzelnen zeigen müssen, was Laster, Tugend, Gesetze sind. Die Allgemeinheit der Worte ist anhand der Vorrede kaum ins Konkrete aufzulösen. Ähnlich verhält es sich mit dem stilistischen Programm: er habe die Natur gleichsam wörtlich abgeschrieben. 23 Welche Natur? Daß Schiller mit dem Wort nicht einen Begriff deckt, wird sich zeigen. Zweifellos kann man klären, indem man aufklärerische Gedanken der Zeit mit heranzieht. So liegt in der Absicht, g a n z e Menschen hinzustellen, indem man ihre Vollkommenheiten mitnehmen müsse, die auch dem bösesten nie fehlen, 24 die von Lessing erneuerte aristotelische Theorie des gemischten Charakters. Aufklärungspoetik ist auch, wenn die Vortheile der dramatischen Methode darin gesehen werden, die Seele gleichsam bei ihren geheimsten Operationen zu ertappen. 25 Es ist die auch von K.Ph. Moritz propagierte psychologische Methode, das Seelenleben genauer anzugehen, im mechanistischen Denken des 18. Jahrhunderts formuliert: die tausend Räderchen 26 , das ganze [...] inner(e) Räderwerk 27 psychischer Motivationen aufzudecken. Vertraut man dem Wortlaut der Vorrede, auch die zurückgezogene macht da keine Ausnahme, so geht es ausschließlich um Personen, Charaktere, ausserordentliche Menschen. 28 Nirgends wird gesagt, wer etwa daran mitgewirkt haben könnte, daß sie so sind, wie sie sind. Die Zielgruppe und die Wirkabsicht der theoretischen Äußerung machte diese Taktik nötig; der Text selbst ist in seiner Anschaulichkeit hier deutlicher. Indirekt kann man erschließen, daß der Autor mehr dachte, als er formulierte. So etwa, wenn er deutlich versichert, Karls Falsche Begriffe von Thätigkeit [...] mußten sich natürlicher Weise an bürgerlichen Verhältnissen zerschlagen. 29 Der schwierig verstehbare Satz weist auf das wohl inadäquate Verhalten des Räubers hin; nennt jedenfalls eine - gesellschaftliche - Dimension, die nicht ohne Gefahr vergessen werden kann. Wegen gesellschaftlich geltender Normen wird überhaupt diese das Stück verteidigende Vorrede nötig: Die Oekonomie desselben machte es nothwendig, daß mancher Karakter auftreten mußte, der das feinere Gefühl der Tugend beleidigt und die Zärtlichkeit unserer Sitten empört. 30 So versichert auch die Vorrede zur zwoten Auflage, daß sie sich durch Vermeidung derjenigen Zweideutigkeiten auszeichne, die dem feinem Theil des Publikums auffallend gewesen waren. 31 Für das Segment: der feinere Theil, darf dabei eine auch satirische Komponente behauptet werden. Denn Schiller sieht, was die zurückgezogene Vorrede besonders deutlich zeigt, die seiner
21 NA 3, S. 8.
22 Ebd. Die Vorrede ist ein frühes Beispiel dafür, wie Literatur ihre Legalität beweisen muß.
23 Ebd. S. 7; das bezieht sich auf die vorher schon genannte Kopie der wirklichen Welt (S. 5). Dahinter steht das Realitätspostulat der Aufklärungspoetologie; Wieland z.B. hatte im Vorbericht zur Geschichte des Agathon (1766) geschrieben: Die Wahrheit, welche von einem Werke ... gefordert werden kann und soll, bestehet darin, daß alles mit dem Lauf der Welt übereinstimme, daß die Character nicht willkürlich, und bloß nach der Phantasie ... sondern aus dem unerschöpflichen Vorrat der Natur selbst hergenommen. zit. nach: Werke Bd. I, hrsg. v. Martini und Seiffert, München 1964, S. 375.
24 NA 3, S. 7.
25 Ebd. S. 5.
Ebd. S. 245; die relativ genaue Publikumssoziologie: Federhut, Tressenrock, weißer Kragen, ist in der Vorrede verwischt. Dort heißt es nur noch: Der Pöbel, worunter ich keineswegs die Gassenkehrer allein will verstanden wissen ... (ebd., S. 8)
26 Ebd.
27 Ebd. S. 6.
28 Ebd. S. 5.
29 Ebd. S. 6.
30 Ebd. S. 5.
31 Ebd. S. 9.
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Die Räuber
Dichtung nicht günstige Bewußtseinsstruktur des Publikums: Die Kenner die den Zusammenhang des Ganzen befassen, und die Absicht des Dichters errathen, machen immer das dünnste Häuflein aus. Der Pöbel hingegen (worunter ich s.v.v. nicht die Mistpanscher allein, sondern auch und noch vielmehr manchen Federhut, und manchen Tressenrok, und manchen weissen Kragen zu zählen Ursache habe,) der Pöbel, will ich sagen, würde ... wohl gar eine Apologie des Lasters darinn finden, uns seine eigene Kurzsichtigkeit den Dichter entgelten lassen, dem man gemeiniglich alles nur nicht Gerechtigkeit, wiederfahren läßt. 32
Das Stück beginnt stark mit der Intrige des bösen Franz; er verleumdet durch einen gefälschten Brief den in Leipzig studierenden Bruder, der dort einige Studentenstreiche nicht unterlassen konnte, beim Vater. Alle Interpreten sehen in dieser Briefintrige 33 einen recht plumpen 34 Vorgang immerhin wird er in einer Epoche erschwerter Kommunikation - die Klagen über die Schnelligkeit der Post sind allgemein - verständlich. Schiller hat es auf bestimmte Wirkung abgesehen; Aufgabe der ersten Szene ist, den Bösewicht zu zeigen, der seinen Verstand auf Unkosten seines Herzens entwickelt hat, 35 deutlich zu machen, daß unmoralische Karaktere [...] oft von Seiten des Geistes gewinnen, was sie von Seiten des Herzens verlieren. 36 Diese Wirkung Franz als raffinierten Betrüger zu zeigen, erreicht die Szene ganz zweifellos durch die rhetorische Durchformung, die dem, der das Stück nicht bloß auf Handlung durchliest, auffällt. Dabei ist unvergessen, daß Rhetorik nicht bloß die rhetorischen Topoi und Figuren meinen kann, sondern Gliederung und Aufbau. 37 Aufgebaut wird das Klima, das die Verleumdung Karls beim Vater erst ermöglicht:
Aber ist euch auch wohl, Vater? Ihr seht so blaß.
Dieser erste Satz des Dramas ist nicht der erste des Gesprächs, es muß etwas vorangegangen sein, worauf mit dem aber Bezug genommen wird. Sinn dieser Suggestion ist, sie wird durch Wiederholung verstärkt, 38 die Andeutung, daß etwas ganz Schlimmes bevorstehe, was nur zu einem Schock führen könne. So ist auch der Brief suggestive Anweisung; er sagt, wie der alte Moor reagieren soll: mir ists, als sah ich schon deinen alten, frommen Vater Todtenbleich ... in
32 Ebd. S. 245; die relativ genaue Publikumssoziologie: Federhut, Tressenrock, weißer Kragen, ist in der Vorrede verwischt. Dort heißt es nur noch: Der Pöbel, worunter ich keineswegs die Gassenkehrer allein will verstanden wissen ... (ebd., S. 8)
33 Briefintrige als dramatisches Mittel erscheint wieder im Don Karlos; sie ist der abendländischen Dichtung seit Euripides bekannt: in dessen Tragödie Hippolytos erhängt sich Phädra, die in ihren Stiefsohn Hippolytos verliebt ist, nachdem dieser ihre Werbung zurückgewiesen hat, und beschuldigt ihn in einem Brief an ihren Gatten Theseus der Verführung. Theseus verstößt daraufhin zu Unrecht seinen Sohn Hippolytos. (39) Ebd. S. t 2. Z. 31 ff .
34 So. G. Storz, Der Dichter Fr. Sch., Stuttgart 1959, S 23.
35 Vorrede, NA 3, S. 6
36 Ebd. S. 7.
37 G. Storz, Titel A. 34), S. 31
38 NA 3, S. 11, Z. 14: Ist euch wirklich ganz wol, mein Vater?
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Erbrecht und Affektstruktur
seinen Stuhl zurücktaumeln, und dem Tage fluchen [...] 39 . Zum rhetorischen Aufbau gehören in diesem Fall auch die Einzelheiten des Briefes, die untergeschobenen Verbrechen Karls 40000 Dukaten Schulden 40 , Vergewaltigung, Tötung, Luderleben 41 : sie wirken als Schläge, die das Taumeln auslösen sollen. Als der Brief allein nicht ausreicht, hilft Franz durch sarkastische Extrapolationen nach: Vielleicht Vater erlebet ihr noch die Freude, ihn an der Fronte eines Heeres zu erblicken das in der heiligen Stille der Wälder residiret, und dem müden Wanderer seine Reise um die Hälfte der Bürde erleichtert - vielleicht könnt ihr noch, eh ihr zu Grabe geht, eine Wallfarth nach seinem Monumente thun, das er sich zwischen Himmel und Erde errichtet 42 Diese Hinweise auf das Räuberleben und das Ende am Galgen sind nicht schlecht integrierte Textschichten aus älteren Fassungen der Szene, wie der Herausgeber der Nationalausgabe allzu scharfsinnig mutmaßt 43 , sondern legitime dramentechnische Mittel der Vorausschau, die hier ganz im Sinne der Tragödientheorie Furcht erzeugen. Diese rhetorische Motivierung der Klugheit Franzens ist aber für die Totalidee des Stückes nur das Beiherspielende. Zentral ist, was nur beiherspielend scheint. Die Erinnerungen von Franz an das frühere Verhalten des Bruders; hier bringt er Beispiele, die auf keinen Fall überlesen werden sollten; wenn irgendwo das Wort wichtig ist, dann gewiß auch hier. Und wenn Schiller diesen Bogen nachträglich geändert hat, diese Beispiele aber stehen ließ, dann, weil damit ein wesentliches Beweisinteresse verknüpft war: Ahndete mirs nicht, da er noch ein Knabe den Mädels so nachschlenderte, mit Gassenjungen und elendem Gesindel auf Wiesen und Bergen sich herumhezte, den Anblick der Kirche, wie ein Missethäter das Gefängniß, floh, und die Pfenninge, die er euch abquälte, dem ersten dem besten Bettler in den Hut warf, während daß wir daheim mit frommen Gebeten, und heiligen Predigtbüchern uns erbauten? 44 Franz, der Frömmler, charakterisiert seinen Bruder in einer begrifflich nicht leicht umschreibbaren Weise; was er aber als negativ nennt, dürfte von dem Räsonnement des Zuschauers als das Positive erfaßt werden: Karl ist natürlich (schlendert Mädels nach), nicht standesbewußt (hat Gemeinschaft mit Gassenjungen), mitleidvoll (hilft Bettlern), nicht autoritätsgläubig (verzichtet auf Kirche) u.a.m. Mit diesen Erläuterungen sind die Beispiele aber noch nicht voll erklärt. Was bei der Betrachtung der Interpretationsansätze zu verhandeln ist: ob die Räuber ein revolutionäres Stück seien - wie weite Teile der, nicht nur materialistischen, sondern bürgerlichen Deuter meinen - gehört hierher. Im Verhalten des Erst-geborenen steckt zweifellos, wie die Franzsche Reaktion zeigt, Ungewohntes, insofern Neues. Bettlern Geld zu geben, ist, bei dem, der die Kirche nicht sehen will, nicht christliche Caritas, Unterstützung der Armen. Eher ist es, und das war oben gemeint mit: begrifflich nicht leicht umschreibbar, humanistisch - aufklärerisches Verhalten, das im Bettler als dem Mitmenschen nicht den Gedemütigten sehen kann, sondern dem Gleichen begegnen möchte. 45 Allein solche Segmente wie auf Wiesen und Bergen herumhetzen sind für den, der die Literaturszene mitbeachtet - zu denken wäre etwa an den von Schiller geliebten Goetheschen Werther - in wohl(aber schwer) zu verstehender Weise revolutionäre Semanteme. Franz charakterisiert so den Bruder, und das macht die Schwierigkeit einer Beurteilung mit allgemeinen Worten, die zudem
39 Ebd. S. 12. Z. 31 ff .
40 Die Summe ist in der Tat riesig; sie dürfte dem zehnfachen Jahresgehalt eines bevorzugten Ministers entsprechen oder auch ziemlich genau dem hundertfachen von Schillers Gehalt als Regimentsmedicus. Ansonsten handelt es sich um übliche galante Studentenabenteuer, die hier nur durch Übertreibung und die suggestive Einkleidung: als seien sie irreparabel schlimm, wirken.
41 Ebd. S. 13, Z. 2ff.
42 Ebd. S. 14, Z. 23ff .
43 Ebd. S. 401.
44 NA 3, S. 13, Z 19ff. Die weitgehenden, sedativen Verstümmelungen der Mannheimer Fassung der Räuber zeigen sich hier: daß diese Beispiele gestrichen sind. Im übrigen kann auf Differenzen nicht eingegangen werden. Eine kritische Vergleichung bliebe nützlich.
45 Dahinter stehen, über die christlich-barocke Vermittlung, stoische Ethik-Maximen: vgl. Lessing. A. Seneca, Moral. Biefe an Lucilius, Brief Nr. 47, Wie man Sklaven behandeln soll.
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Die Räuber
noch Äußerungen des Vaters sind: der feurige Geist 46 , die Weichheit des Gefühls 47 , der männliche Muth 48 . Dramentechnischer Sinn ist einmal, Karl schon bevor er auftritt, vertraut zu machen. Er erscheint als Bekannter. Dann aber, um Gelegenheit zu geben, ein weiteres zentrales Moment der Totalidee zu entfalten. Franz betrachtet im antithetischen Vergleich sich selbst: Und dann der trockne Altagsmensch, der kalte, hölzerne Franz und wie die Titelgen alle heissen mögen, die euch der Contrast zwischen ihm und mir mocht haben, wenn er euch auf dem Schooße saß oder in die Backen zwickte - der wird einmal zwischen seinen Gränzsteinen sterben, und modern und vergessen werden, wenn der Ruhm dieses Universalkopfs von einem Pole zum andern fliegt - Ha! mit gefaltnen Händen dankt dir o Himmel! der kalte, trockne, hölzerne Franz - daß er nicht ist wie dieser! 49 (49) Sicher erscheint Franz, auch durch die biblische Assoziation im letzten Satz 50 , als Pharisäer, insgesamt durch die Szene als Heuchler, Lügner, Intrigant. Das ist aber nicht das Beweisinteresse: zu zeigen, daß es so etwas gibt. Groß ist der Poet, weil er, freilich in ästhetischer Vertextung, über die Gründe solcher Charaktereigenschaften bzw. Verhaltensweisen nachdenkt. Franz wurde zu dem, was er ist, erzogen. Das Trockne, Kalte, Hölzerne - wer möchte behaupten können, es sei nur angeboren, wenn der Zweitgeborene sich nur zurückgesetzt, ungleich behandelt sieht? Dies Moment ist nicht breit entfaltet; aber gerade deshalb ist es da. Franz ist deformiert, weil er nicht das Schooskind 51 ist, bzw. dies immer neben sich sieht. Der nackte Neid ist es, der ihn antreibt. Übrigens liegt, tragödientheoretisch gesehen, hier ein Moment von Hamartia 52 beim alten Moor: die ungleiche Behandlung seiner Söhne, die Bevorzugung des einen ist etwas, was die Weltgeschichte als Weltgericht nicht unbeachtet lassen kann.
Daß Franzens Denksystem, ähnlich wie später in der Braut von Messina das des zweitgeborenen Cesar, von diesem gesellschaftlichen Verhältnis bestimmt ist, belegt der weitere Gang der Szene. Schiller, der für die Pointierung seiner Aktschlüsse berühmt ist 53 , setzt die Zentralmotivation an den Schluß: Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt daß ich nicht H e r r bin. H e r r muß ich seyn, daß ich das mit Gewalt ertrotze, wozu mir die Liebenswürdigkeit gebricht. 54 Diese Thematik ist vorbereitet; Franz hat dem Vater in grellen Farben geschildert, was geschieht, wenn Karl Herr eurer [seiner] Güter 55 wird. Die Erbfolgeregelung: daß der Erstgeborene alleiniger Besitzer wird, regt ihn gewaltig auf: Ich habe grosse Rechte, über die Natur ungehalten zu seyn, und bey meiner Ehre! Ich will sie geltend machen. - Warum bin ich nicht der erste aus Mutterleib gekrochen? Warum nicht der Einzige? Warum mußte sie mir diese Bürde von Häßlichkeit aufladen? ... Warum gerade mir die Lappländers Nase? Gerade mir dieses Mohrenmaul? diese Hottentotten Augen? Wirklich ich glaube sie hat von allen Men-schensorten das Scheußliche auf einen Haufen geworfen, und mich daraus gebacken. 56 Die göttlichen Vergleiche (Mohrenmaul etc.) können den Ernst der Lage nicht verdecken: deutlich ist, daß Franz Natur äquivok gebraucht. Wohl ist das Kriechen etwas Natürliches, aber darum geht es doch nicht: es geht um das, was die Menschen, seit dem Alten Testament, damit verknüpft haben: das (anscheinend: weil sich nicht alle damit abfinden, ungerechte) Recht der Erstgeburt,
46 Ebd. S 13, Z. 38.
Ebd. Z. 4.
47 Ebd. S. 14, Z. 2
48 Ebd. Z. 4.
49 NA 3, S. 14f.
50 Die Anklänge an die Bibelsprache, wie übrigens in Goethes Werther, sind von der Forschung ungebührlich betont worden.
51 NA 3, S. 18, Z. 12.
52 Vgl. Aristoteles, Poetik Kap. 13, Fehler, ungewollte Schuld.
53 Vgl. H. Singer, Dem Fürsten Piccolomini, in: Euphorion 53, 1959, S. 281 -302.
54 NA 3, S. 20, Z. 10ff.
55 Ebd. S. 16, Z. 16.
56 Ebd. S. 18, Z. 19ff.
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Erwin Dr. Leibfried, 1985, Schiller, Die Räuber - Eine Interpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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