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Inhaltsverzeichnis
Vorwort 3
I. Altbabylonischer Besiedlungsschichten in Yorghan Tepe ? 5
II. Die Stratigraphie von Yorghan Tepe 12
III. Ein neuassyrisches Tempelamt in Nuzi ? 20
IV. Die absolute Datierung der Palastarchive von Nuzi 28
V. Zur Frage einer mittanischen Oberherrschaft über das 30
K önigreich von Arrapḫe
VI. Ḫurri - Mittani - Ḫanigalbat 33
VII. Zusammenfassung 34
Die Chronologie des gesamten vorderasiatischen Raumes einschließlich Ägyptens im 2. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung und früher befindet sich in einer Krise. Stellvertretend für die Ägyptologie sei hier diesbezüglich die Ansicht eines so verdienstvollen Forschers wie Wolfgang Helck zitiert: „Die Behandlung der Chronologie ist eindeutig in eine Krise geraten. Der Grund ist z.T. die Übernahme dogmatischer naturwissenschaftlicher Fakten, ohne daß dabei ihre Anwendbarkeit auf das ägyptische Material und die Tragfähigkeit dieses Materials geprüft wurde.“ 1
In der Assyriologie sucht man solch deutliche Worte bisher vergebens. Zwar stellt Wolfram von Soden die Verwertbarkeit der früher als einer der Grundpfeiler der chronologischen Rekonstruktion für das 2. Jahrtausend angesehenen so genannten „Venusdaten des Ammiṣaduqa“ als nunmehr „(…) für die Chronologie [ohne] jede Bedeutung“ grundsätzlich in Frage, doch fährt derselbe Autor fort: „Da nun vorläufig keine Aussicht besteht, daß wir für die altbabylonische Zeit und die noch älteren Perioden eine allgemein anerkannte absolute Chronologie erarbeiten könnten, ist es zweckmäßig, an den bisherigen Ansätzen festzuhalten, um innerhalb dieser aufgrund von Königslisten und Datenlisten genau datieren zu können.“ 2
Es wird also auch weiterhin an einer Chronologie festgehalten, deren Grundlagen als falsch und unbrauchbar erkannt wurden, und die daher jeglichen Wert verloren hat.
Im Grunde genommen hat sich also an der Situation, wie sie bereits seit den Anfängen der Assyriologie Bestand hat, nichts geändert: Die einzigen sicheren chronologischen Fixpunkte der babylonisch-assyrischen Geschichte - die Sonnenfinsternis vom 28. Mai 585 und vor allem diejenige vom 15. Juli 763bescheren uns in Verbindung mit dem assyrischen Eponymenkanon sichere Daten lediglich zurück bis zum Jahre 931 v. Chr. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben zahlreiche Außenseiter den Versuch unternommen, die gesamte vorderasiatische Chronologie neu zu justieren, indem sie konsequent die Schwachstellen aufgedeckt haben, die durch zahlreiche Diskrepanzen zwischen archäologischem Befund und konventioneller Chronologie entstanden sind. 3 Zwar kann den dort vorgebrachten Thesen nicht in allen Punkten vorbehaltlos zugestimmt werden, doch zeigen sie mit dem Versuch, die gerade für den vorderasiatischen Raum - im Gegensatz zu Ägypten - typische fachliche Trennung von Archäologie und Philologie und damit ihrer jeweiligen Ergebnisse aufzuheben, einen neuen methodischen Ansatz.
1 W. Helck, zur Lage der ägyptischen Geschichtsschreibung (Resumée), in: S. Schoske (Hrg.), 4. Internationaler Ägyptologenkongreß, 26.8.-1.9.1985 (1985) 95.
2 W. v. Soden, Einführung in die Altorientalistik (1985 41-42
3 Stellvertretend seien hie vor allem genannt: G. Heinsohn und H. Illig mit zahlreichen Büchern und Aufsätzen zu diesem Thema.
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In der folgenden Arbeit wird dieser Ansatz aufgegriffen und am Beispiel der osttigridischen Stadt Nuzi, deren Zerstörung konventionell um 1350 angesetzt wird, einer wissenschaftlich fundierten Überprüfung unterzogen. Sie soll gleichzeitig den Auftakt zu einer Reihe weiterer Untersuchungen bilden, indem sie zunächst den zeitlichen Rahmen abzustecken sucht, ohne den eine sinnvolle Beschäftigung mit den Texten nicht möglich ist.
Michael Klein M.A. ina arḫi Ḫuri ša šatti 2011/12
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I. Altbabylonischer Besiedlungsschichten in Yorghan Tepe ?
In ihrer Arbeit zum altbabylonischen Terrakottarelief 4 geht R. Opificius unter anderem auch auf die Schichtenabfolge in Nuzi ein 5 , mit dem Ziel, den Nachweis von Bebauungsschichten für die erste Hälfte des zweiten Jahrtausends zu erbringen. 6 Sie konzentriert sich dabei zunächst auf die sieben ergrabenen Tempelschichten A-G.
Die älteste dieser Schichten, G, datiert sie in die Isin-Larsa-Zeit, frühaltbabylonisch also. Als Kriterium hierfür dienen ihr um den Tempel herum verstreute Scherben, deren Verzierung „(…) sich vielleicht auf Fische (…) oder Vögel (…) deuten läßt, (…) auch die an den Gefäßen angebrachten Ösen (…) zeigen eindeutig, daß es sich um eine Ware handelt, die u. a. in Tell Asmar in der Schicht ´Isin-Larsa´-Zeit gefunden wurde. Auch die Bronzestatuette einer fürbittenden Göttin (…) stammt möglicherweise aus der Isin-Zeit, in die ich denn auch den Tempel G datieren möchte.“ 7 (hier wie im Folgenden meine Hervorhebungen)
Auch für die nächstfolgende Schicht F, in der der Tempel erstmals als Doppeltempel erscheint, nimmt Opificius ebenfalls eine Datierung in die Larsa-Zeit vor. Sie stützt sich dabei auf „(…) ein großes Gefäß mit aufgesetzten Ringen und einem zum größten Teil geritzten, z.T. plastisch aufgesetzten Tierfries (…). Diese Art ist zu vergleichen mit einem großen Vorratsgefäß aus Tell Asmar, das in die Larsa-Zeit datiert wird, sowie einem aus Larsa stammenden Gefäß der gleichen Periode.“ 8
Wegen eines in der Schicht G gefundenen, der hurritischen Besiedlungsperiode zuzurechnenden Schatzfundes, für den der Ausgräber R. Starr annimmt, er sei vom Tempel der Schicht E aus in den Boden gelangt, vermutet Opificius für eben diese Schicht E und die darüber liegende Schicht D bereits eine Datierung in die Zeit der hurritischen Besiedlung, da auch die jüngsten Tempelschichten A-C ohnehin sicher dieser Periode zugeschrieben werden können. 9 Als nächstes wendet sie sich den Schichten (Pavements) der Tiefengrabung im Bereich L 4 (Palast) zu.
Da Pavement 3 aufgrund der Fundlage als akkadzeitlich angesehen wird, verdient vor allem ihre Datierung der sogenannten Zwischenschicht 3-2b Aufmerksamkeit, da gerade diese Schicht für sie auch die erste ist, die zeitlich mit den Tempelschichten korrelliert. 10
4 R. Opificius, Das altbabylonische Terrakottarelief (= Untersuchungen zur Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie Bd. 2) 1961
5 a.a.O. 16-20
6 a.a.O. 17
7 a.a.O. 17-18
8 a.a.O. 18
9 a.a.O. 19
10 a.a.O. 19: „Die für uns in Frage kommenden Schichten, d.h. die, die mit den Tempelschichten in Zusammenhang zu bringen sind, beginnen bei der sogenannten Zwischenschicht 3-2b, da die Schicht 3 ( d.h. Pavement 3 ) (…) in die Akkad-Zeit gehören muß (…)“
6
Die Tatsache, dass besagte Zwischenschicht keinerlei architektonische Überreste zu Tage gefördert hat, ist für Opificius „(…) wohl mehr Zufall (…), als daß es von Bedeutung für die gesamte Besiedlung des Ortes wäre.“ Diese ist 2,29 m dick und somit „(…) von beträchtlicher Stärke.“ 11 R. Opificius fährt fort: „In ihr wurden Reste von Keramik gefunden, die noch in die dritte Dynastie von Ur gehört und eine Urkunde dieser Zeit sowie ein großes Gefäß, das man mit den Vorrratsgefäßen der ´Isin-Larsa´-Zeit im Diyala-Gebiet in Verbindung bringen kann. Auch wurde hier eine Terrakotte gefunden. So möchte man diese ´Zwischenschicht´ 3-2b in die Ur III-Isin-Zeit datieren (…).“ 12
Der Ausgräber selbst kommt in seiner Publikation 13 bezüglich der Keramikfunde zu ganz anderen Schlüssen: „The greater part of these are unmistakably Ga.Sur. (…) The only vessels departing from this tradition are a small bowl (…), found at an elevation of 25 cm, and, slightly higher, a large storage pot (…). In shape, they vaguely resemble the earlier ware, and in decoration they are identical with the ware of the Nuzi period.” 14 Beide Gefäße repräsentieren demnach den Übergang von Gasur zu Nuzi.
Interessant ist dabei, dass es sich bei dem von Starr erwähnten “storage pot” um das gleiche Gefäß handelt, das Opificius in die Ur-III-Zeit einordnet. 15 Die nächste Schicht 2b brachte laut Opificius „außer Terrakotten (…) rein ´altbabylonische´ Keramik (…), die mit Stücken aus Tell Asmar zu vergleichen ist. Gefäße wie Nuzi, Tf. 62 K, M sind ähnlich einem Stück aus Tell Asmar, das (…) unserer altbabylonischen Zeit angehört, so daß man Nuzi 2b in eben diese Periode setzen möchte. 16
Was die von ihr angeführten Beispiele anbetrifft, so hält Starr gerade diese für „(…) identical with those found in temple F and G. These are the earliest forms, for this site, of the shouldered cups that were to become so common in the later Nuzian times.” 17 Auch hier also wieder ein deutlicher Hinweis auf Kontinuität zwischen Gasur und Nuzi.
Gleiches gilt für die Zuweisung von Pavement 2a. Auch die in diesem Zusammenhang von Opificius angeführten Keramikbeispiele für eine Datierung in die Isin-Larsa-Zeit 18 sind nach Starr „(…) of undoubted Nuzi designe“ bzw. „(…) show a union of Ga.Sur and Nuzi technique.“ 19 Die beiden jüngsten Schichten der Tiefengrabung Pavement 2 und 1 stimmen, was nur zur Hälfte stimmt, laut Opificius mit den großen Flächenschichten II
11 a.a.O. 19. Für die Schichtdicke vgl. R. Starr (s. Anm. 13) 25
12 a.a.O. 19
13 R.F.S. Starr, Nuzi, Report on the Excavations at Yorghan Tepa near Kirkuk, Iraq, conducted by Harvard University in Conjunction with the Amarican School of Oriental Research and The University Museum of Philadelphia 1927-31, Volumne I und II 1939
14 a.a.O. I 25-26
15 a.a.O. II Pl. 63 B; vgl. Opificius, a.a.O. 19, Anm. 127
16 a.a.O. 19
17 Starr, a.a.O. I 27
18 Opificius, a.a.O. 19
19 Starr, a.a.O. I 29-30
7
und I überein „(…) und sind daher wohl ´churrisch-mitannisch´ anzusehen, so daß sie uns in diesem Rahmen nicht mehr interessieren.“ 20
Als vorläufiges Fazit bleibt daher festzuhalten:
Sowohl die Zwischenschicht 3-2b als auch die Pavements 2b und 2a, für die R. Opificius den Nachweis einer Datierung in altbabylonische Zeit erbringen möchte, dokumentieren aufgrund der Keramikfunde vielmehr den bruchlosen Übergang zwischen (dem altakkadischen) Gasur und dem späteren (dominant hurritisch geprägten) Nuzi, wobei schon Gasur - einweiteres Zeichen der Kontinuität - keinesfalls frei von hurritischen Einflüssen gewesen ist.
Abschließend wendet sich Opificius noch den Funden in einigen Wohnhäusern zu. Diese Häuser werden, so betont sie selbst, „(…) vom Ausgräber in Level III und somit Tempel C gleichgesetzt (…), obwohl Starr eine Einschränkung macht und sagt, dass die Wohnhäuser niemals, außer den zum Tempel A gehörigen, mit Sicherheit einer Tempelschicht zugeschrieben werden können. So besteht die Möglichkeit, einige von ihnen für älter als Tempel C anzusehen und sie eher mit Schicht F in Verbindung zu bringen.“ 21 Dabei greift sie sich lediglich zwei der insgesamt 19 ausgegrabenen Häusergruppen der Schicht III 22 in der Northwestern Ridge heraus. Warum, stellt sich alsbald heraus: „(…) z.B. möchte man das Haus des ´Northwestern Ridge´ B30-B17 aufgrund der darin gefundenen Keramik, ein Gefäß mit plastisch aufgesetzten Ringen und einem Stier in Ritzzeichnung, in eine unserer altbabylonischen Zeit entsprechenden Epoche datieren.“ 23 Starr bezeichnet dieses Gefäß als „(…) of the usual type“, also Gasur/Nuzi-Stil. 24 R. Opificius weiter: „Die in dem gleichen Haus (…) gefundene Terrakotte (…) wurde ganz ähnlich, man möchte annehmen, aus derselben Form gepresst, im Tempel F gefunden. Ein weiteres Wohnhaus B32-C9 könnte ebenfalls in diese Zeit gehören, zumindest sprechen die Funde: ein Tier mit einem Gefäß auf dem Rücken, eine ´fürbittende Göttin´ und schließlich ein Terrakottarelief (…) nicht gegen eine Ansetzung in die altbabylonische Periode.“ 25 Hier wird nun ganz deutlich , worum es ihr geht: Da in beiden Häusern eine Terrakotte gefunden wurde, deren Blütezeit ja nach R. Opificius - so auch der Titel ihrer Arbeit - in die altbabylonische Zeit fällt, müssen die betreffenden Häuser der Schicht III eben auch aus dieser Epoche stammen. Da aber eine Gleichsetzung von Schicht III mit der Tempelschicht C diesbezüglich nicht passen würde, da Tempel C ja bereits in die hurritische Besiedlungsphase datiert wird, ergreift sie kurzerhand den von Starr angebotenen Rettungsanker und setzt diejenigen Häuser der Schicht III, in denen besagte Terrakotten gefunden
20 Opificius, a.a.O. 19; vgl. jedoch Starr, a.a.O. I 30
21 a.a.O. 20
22 Starr, a.a.O. I 180-207
23 Opificius, a.a.O. 20
24 Starr, a.a.O. I 188
25 Opificius, a.a.O. 20
Arbeit zitieren:
M.A. Michael Klein, 2011, Hurri-Mittani-Hanigalbat, München, GRIN Verlag GmbH
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