Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 1
1.1 LITERATURLAGE 3
1.2 METHODISCHE VORGEHENSWEISE 5
2 DIE RAHMENBEDINGUNGEN IM GELSENKIRCHENER STADTTEIL SCHALKE 6
3 DIE ANFÄNGE DES FUßBALLS 10
3.1 DAS „ENGLISCHE SPIEL“: EIN BÜRGERLICHER ODER EIN PROLETARISCHER SPORT? 10
3.2 DIE ERSTEN FUßBALLVEREINE IN DEUTSCHLAND 15
3.2.1 Die Kontroverse zwischen Fußball und Turnen 18
3.2.2 Die Popularität des Fußballs in der Arbeiterschaft - Volkssport Fußball 22
4 DIE GESCHICHTE DES FC SCHALKE 04 BIS 1945 28
4.1 DIE GRÜNDUNG UND DIE ANFÄNGE ALS STRAßENMANNSCHAFT 29
4.2 DIE ERSTEN ERFOLGE ALS FC SCHALKE 04 37
4.3 DIE SOZIALE UND POLITISCHE HERKUNFT DES FC SCHALKE 04 40
4.3.1 Die Sozialstruktur des FC Schalke 04 42
4.3.2 Die politische Herkunft 45
4.3.2.1 Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) 45
4.3.2.2 Deutsche Jugendkraft (DJK) 49
4.3.2.3 Behörden- und Firmensportvereine 50
4.3.2.4 Deutsche Turnerschaft (DT) 50
4.3.2.5 Deutsch-jüdische Sportvereine 51
4.3.3 Der bürgerliche’ Arbeiterverein 52
4.4 INTEGRATION, IDENTIFIKATION UND ABLENKUNG: SCHALKE WIRD ZUM
ZUSCHAUERMAGNETEN WESTDEUTSCHLANDS 54
4.5 BAU DER GLÜCKAUF-KAMPFBAHN UND WESTDEUTSCHE MEISTERSCHAFT 56
4.6 „DOLCHSTOß“ GEGEN SCHALKE - DIE KONTROVERSE ZWISCHEN AMATEUR-
UND PROFIFUßBALL 57
4.7 DIE GRÖßTEN ERFOLGE UNTERM HAKENKREUZ 68
5 VORZEIGEVEREIN’ FC SCHALKE 04 ZWISCHEN FUßBALL UND
NATIONALSOZIALISMUS 70
5.1 ZERSCHLAGUNG DER ARBEITERKULTURBEWEGUNG 71
5.2 DIE GLEICHSCHALTUNG IM FUßBALL 74
5.3 DIE GLEICHSCHALTUNG UND MITWIRKUNG DES FC SCHALKE 04 IM ORGANISIERTEN
SPORT DES DRITTEN REICHS’ 77
5.3.1 Der Ausschluss der Juden 80
5.3.2 „Alle deutsche Jungen“ 83
5.4 DIE EI-N UND SELBSTEINBINDUNG DES FC SCHALKE 04 IN DIE NS-PROPAGANDA 85
5.4.1 Der Film „Das große Spiel“ 93
5.4.2 Manipulationen der Spiele? 95
5.5 VEREINSMITGLIEDER UNTERM HAKENKREUZ 98
5.5.1 Die wirtschaftliche Absicherung der Spieler - Der Fall Fritz Szepan 100
5.5.2 Jüdische Mitglieder und Unterstützer 103
6 SCHLUSSBETRACHTUNG 107
7 LITERATURVERZEICHNIS 111
Abkürzungsverzeichnis
ATB Arbeiter-Turnerbund ATSB Arbeiter-Turn- und Sportbund ATSZ Arbeiter-Turn- und Sportzeitung BZ Buersche Zeitung DAF Deutsche Arbeitsfront DFB Deutscher Fußball-Bund DJK Deutsche Jugendkraft DRA Deutscher Reichsausschuss für Leibesübungen DRL Deutsche Reichsbund für Leibesübungen DT Deutsche Turnerschaft FA Football Association FIFA Fédération Internationale de Football Association FuL Fußball und Leichtathletik FW Fußball-Woche GAZ Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung Gestapo Geheime Staatspolizei GZ Gelsenkirchener Zeitung HJ Hitler-Jugend KdF Kraft durch Freude KG Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit NSDAP Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei NSRL Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen NZ Nationalzeitung RKJ Reichskuratorium für Jugendertüchtigung SA Sturmabteilung SS Schutzstaffel WSV Westdeutscher Spielverband ZK Zentralkommission für Arbeitersport und Körperpflege
1 Einleitung
Sportveranstaltungen wie Olympische Spiele und Fußballweltmeisterschaften beeinflussen das Nationalgefühl. Regierungen nutzen sportliche Großereignisse, um den Standort oder den eigenen Standpunkt zu präsentieren 1 . Sport und Politik sind eng miteinander verbunden. 2
So lassen sich die Aussagen zusammenfassen, die sich heute in fast allen wissenschaftlichen Publikationen zum Zusammenhang zwischen den Gesellschaftsfeldern Sport und Politik finden lassen. Viele Sportverbände, Sportvereine und Sportler haben hingegen lange Zeit das genaue Gegenteil behauptet: Sport galt als unpolitisch, als etwas sehr Individuelles, das jeder Einzelne nur um seiner selbst willen betreibe. Anlässlich der olympischen Spiele in Peking wurde erneut über mögliche Wirkungszusammenhänge zwischen Politik und Sport diskutiert: Die chinesische Regierung hatte Anfang 2008 Proteste in Tibet brutal niedergeschlagen, daraufhin wurde in der bundesdeutschen Öffentlichkeit über einen Boykott der Spiele nachgedacht. Viele Sportler sprachen sich gegen einen Boykott aus, so z. B. die Judokämpferin Annett Böhm: „Nein, ich trenne Sport und Politik. Was in Tibet geschieht, finde ich sehr traurig, aber meinen Startplatz gebe ich nicht her“ 3 . Dass Sport eine staatliche und gesellschaftliche Angelegenheit ist, wird hingegen bei der einfachen Betrachtung folgender Zahlen klar: Am 1. Januar 2009 betrug die Zahl der registrierten Mitglieder des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) 6.684.462 Menschen, die in 25.726 Vereinen aktiv waren. Jede Woche nehmen 178.396 Mannschaften am DFB-Spielbetrieb teil. Die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland erzielte einen Ertrag von rund 135 Millionen Euro, davon erhielt der Bund 57,3 Millionen Steuereinnahmen und der DFB 28,25 Millionen Euro. Ein Wachstumseffekt von 0,3 % des Bruttoinlandsprodukts und 50.000 temporäre Arbeitsplätze wurden dem Mega-Event angerechnet. 1,5 Milliarden Menschen sahen allein das Finale am 9. Juli 2006: 4 „Fußballspiele sind nicht von Politik und nationaler Identität zu trennen.“ 5
1 Womit nicht nur die Selbstdarstellungen gastgebender Länder gemeint sind. Man denke an die Olympiaboykotte 1980 und 1984 aufgrund politischer Konfrontationen.
2 Vgl. u. a. Woyke, Wichard: Olympische Spiele und Fußballweltmeisterschaften - Mega-Events und ihre Bedeutung für die Politik, in: Andersen, Uwe u. a. (Hrsg.): Sport und Politik. Beiträge zur wissenschaftlichen Grundlegung und zur Unterrichtspraxis, 38. Jg. (2005), Nr.4, S. 8 f. und 19.
3 http://www.zeit.de/online/2008/13/Interview-boehm-olympia, abgerufen am 10.8.2009.
4 Vgl. http://wm2006.deutschland.de/DE/Content/SharedDocs/Publikationen/abschlussbericht-bundesregie rung-wm2006,property=publicationFile.pdf, abgerufen am 10.8.2009, und http://www.dfb.de/index.php? id=11015, abgerufen am 10.8.2009.
5 Scheuble, Verena/Wehner, Michael: Fußball und nationale Identität, in: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Fußball und Politik (Der Bürger im Staat, Heft 1/2006), S. 26.
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In den Sportbereich wirken also Ökonomie, Politik und die Gesellschaft hinein, und das nicht erst seit der Gegenwart. Schon im 19. Jahrhundert wollte z. B. der Erfinder der neuzeitlichen olympischen Spiele von 1896, Baron Pierre de Coubertin, u. a. junge Franzosen mit Hilfe des Sports wehrertüchtigen. Er machte den fehlenden Wettkampfgeist der Franzosen für die Niederlage gegen die Deutschen im Jahr 1870/71 verantwortlich. 6 Zuvor war in Deutschland die nationale und politische Turnbewegung Friedrich Ludwig Jahns aktiv am Deutsch-Französischen Krieg und am Prozess der Nationenbildung Deutschlands beteiligt gewesen.
Ende des 19. Jahrhunderts kam der Fußball aus England nach Deutschland. Die Fußballbewegung war nicht explizit politisch und stand in Konkurrenz zu den politischen Turnern. Durch die „Aufgeschlossenheit“ der Fußballer gegenüber neuen Medien - wie z. B. Radio und Zeitungen - wurde Fußball in den 20-er Jahren zu einer modernen Massenbewegung. In den 30-er Jahren florierte der Fußballsport vor allem in den faschistischen Regimen, die viel Geld in die neue Massenkultur investierten, 7 denn mit Hilfe von Masseninszenierungen der Sportereignisse konnten die Gegensätze von „Sieg“ und „Niederlage“, „Triumph“ und „Katastrophe“ und von „Freund“ und „Feind“ für die Zuschauer emotional und kollektiv erfahrbar gemacht werden. Das NS-Regime instrumentalisierte den Fußball für seine Zwecke und band die Akteure (Vereine, Verbände und Sportler) in die eigene menschenverachtende Politik ein. 8 Das ist in der Forschung unstrittig, aber zum Instrumentalisieren gehört eben auch, „das Instrumentalisieren lassen“ und zum Einbinden „das Einbinden lassen“. 9
Das führte zu der Frage, warum sich Sportverbände, -vereine und Sportler vom NS-Regime instrumentalisieren und einbinden ließen. Haben Akteure des Sports vom Nationalsozialismus profitiert? In der Forschung ist man mittlerweile noch einen Schritt weiter: Sporthistoriker diskutieren darüber, ob und vor allem warum Akteure des Sports die NS-Politik für die eigenen Zwecke instrumentalisierten. Die vorliegende Arbeit soll einen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen leisten.
Anhand der Geschichte des Fußball-Clubs Schalke 04 im „Dritten Reich“ sollen die Wirkungszusammenhänge und die Verflechtungen von Sport und Politik untersucht werden. Der Verein versäumte sehr lange - wie übrigens fast alle anderen Fußballvereine und
6 Vgl. Woyke, S. 9.
7 Vgl. Eisenberg, Christiane: Fußball als globales Phänomen, in: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, S. 17.
8 Vgl. Vorwort, in: Krüger, Michael (Hrsg.): Der deutsche Sport auf dem Weg in die Moderne. Carl Diem und seine Zeit, Berlin 2009 [im Folgenden: Krüger (2009)], S. 3 ff.
9 Vgl. Goch, Stefan/Silberbach, Norbert: Zwischen Blau und Weiß liegt Grau. Der FC Schalke 04 im Nationalsozialismus, Essen 2005, S. 19.
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-verbände auch -, die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, z. T. auch, weil der Fußball lange Zeit nicht als lokale, regionale und nationale Sozialgeschichte wahrgenommen wurde. Im Gegenteil, Publikationen, die die Vereinsgeschichten behandelten, wiederholten nur Mythen und Legenden, ohne sie einer wissenschaftlichen Verifizierung zu unterziehen. Nun erfreut sich gerade der FC Schalke 04 auch wegen diverser Legenden und Mythen einer großen Beliebtheit: Den Verein umgibt die Aura eines Revierfußball-Arbeitervereins, die er auf vielfältige Weise vermarktet. 10 „Auf Schalke“ ist man stolz auf die Herkunft aus dem Bergarbeitermilieu des Ruhrgebiets. Bereits in den frühen Zwanziger Jahren begann der Verein deshalb, seine Spieler ‘Knappen’ zu nennen. 11
Diese Aura sorgt für die ungebrochene Popularität des FC Schalke 04, denn die beachtlichen sportlichen Erfolge liegen lange zurück. In den Jahren zwischen 1933 und 1945 wurde der FC Schalke 04 sechsmal Deutscher Fußballmeister. Bisher gelang ihm das zum letzten Mal 1958. Durch diese sportlichen Erfolge während der Zeit des Nationalsozialismus ist dem FC Schalke 04 oft eine besondere Nähe zum Nationalsozialismus unterstellt worden.
Dies führt zu den forschungsleitenden Fragen dieser Arbeit: Hat der FC Schalke 04 von den Nationalsozialisten profitiert? Hat das NS-Regime den Verein gefördert? Wurden Spiele manipuliert? Wie hängt die Geschichte des FC Schalke 04 mit der Geschichte des Ruhrgebiets zusammen? Stammt der FC Schalke 04 überhaupt aus dem Arbeitermilieu des Ruhrgebiets? Wenn der FC Schalke 04 ein Arbeiterverein war, wieso war er Mitglied im DFB und nicht Teil der Arbeiterkulturbewegung? Sind Ruhrgebietsvereine populärer als andere Vereine gewesen? Warum wurde der „Arbeiterverein“ FC Schalke 04 zu einem Hauptbestandteil der nationalsozialistischen Sportpropaganda? Wie konnten es sich Arbeiter leisten, Fußball zu spielen, wenn es doch in Deutschland ein Berufsspielerverbot gab?
1.1 Literaturlage
Die Suche nach Quellen, die diese Fragen beantworten könnten, gestaltete sich im Fall des FC Schalke 04 sehr schwierig, denn erstens wurde im Herbst 1944 das Vereinsarchiv bei einem Bombenangriff komplett zerstört, und zweitens können die diversen Vereins-Publikationen (z. B. Chroniken, Jubiläumsschriften und Bücher von Fans) nur bedingt für eine wissenschaftliche Arbeit herangezogen werden, denn diese Publikationen sind teilwei- 10 Lindner,Rolf (Hrsg): Der Fußballfan. Ansichten vom Zuschauer, Frankfurt/M. 1980, S. 14 f. Der Verein schickte schon oft die Profispieler zu den Kumpeln unter Tage, um sein Image als „Malocherclub“ zu pflegen. Vgl. Röwekamp (2008), S. 259.
11 „Knappe“ war die Berufsbezeichnung für einen Bergmann mit abgeschlossener Lehre.
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se essayistischer Natur oder vermitteln, zumindest bis in die 1990-er Jahre, den Eindruck, dass Fußball ein unpolitischer Bereich des Lebens sei, indem z. B. die Darstellung der Geschichte des Vereins zwischen 1933-1945 auf sportliche Ereignisse beschränkt wird. Teilweise wurde der Nationalsozialismus überhaupt nicht erwähnt 12 oder kaum berücksichtigt. So heißt es z. B. in einer Vereinsschrift des FC Schalke 04 aus dem Jahre 1987 über den Zweiten Weltkrieg: „Dann kam der Krieg und alles wurde anders. Allerdings kaum im Sport, kaum in seinen Vereinen, kaum in der Fußballmeisterschaft.“ 13 Viele Vereine und Verbände veröffentlichten anlässlich ihrer 100-jährigen Jubiläen ausführliche Studien über die eigene Geschichte während des „Dritten Reichs“. Auch die Chroniken und Jubiläumsschriften widmen sich heutzutage den Rahmenbedingungen des Sports - auch der Jahre zwischen 1933-1945. Leider ist das vielfach nur dem Druck der Öffentlichkeit zu verdanken gewesen: So wollte die Geschäftsführung des Vereins FC Schalke 04 2001 anlässlich der Errichtung des neuen Stadions „Arena auf Schalke“ (heute Veltins-Arena), einen Weg nach einem sehr berühmten Spieler des Vereins, Fritz Szepan, benennen. Von diesem Vorschlag musste man schließlich Abstand nehmen, als Vorwürfe gegen Szepan erhoben wurden, dass er und seine Familie von der Politik der Enteignung jüdischen Eigentums der Nationalsozialisten profitiert hatten. Eine bundesweite öffentliche Diskussion folgte, die der FC Schalke 04 hätte vermeiden können, wenn es keine 59 Jahre gebraucht hätte, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. In Folge weiterer Enthüllungen über die Verstrickung Szepans- aber auch anderer Schalker Spieler - in den Nationalsozialismus beauftragte Schalke 2003 als erster Verein der Bundesliga unabhängige Wissenschaftler - des Gelsenkirchener Instituts für Stadtgeschichte - mit der Erstellung einer Studie, die die Geschichte des Vereins während des Nationalsozialismus aufarbeiten sollte. Die Studie „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau. Der FC Schalke 04 im Nationalsozialismus“ von Stefan Goch und Norbert Silberbach bildet auch das Gerüst meiner Arbeit. Natürlich werden auch viele andere Quellen hinzugezogen, die den Fußball als Ganzes während des Nationalsozialismus darstellen, u. a. „Stürmer für Hitler. Vom Zusammenspiel zwischen Fußball und Nationalsozialismus“ von Gerhard Fischer und Ulrich Lindner. Ebenfalls muss die Geschichte des DFB im „Dritten Reich“ berücksichtigt werden. Hierzu dienen vor allem zwei sehr gegensätzliche Publikationen: Die offizielle DFB-Studie „Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz“ von Nils Havemann und die 2000 erschienene wissenschaftliche Publikation „Der Deutsche Fußball-bund. Eine politische Geschichte“ von Arthur Heinrich. Um die Gründe für eine ideologi-
12 Vgl.Goch/Silberbach, S. 310, Anmerkung 33.
13 FC Schalke 04 (Hrsg.): Fußball in Blau und Weiß, Gelsenkirchen 1987, S. 48.
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sche Instrumentalisierung des Fußballs erklären zu können, wird vor allem die veröffentlichte Dissertation „‘Fußball-Volksgemeinschaft’. Ideologie, Politik und Fanatismus im deutschen Fußball 1919-1964“ von Rudolf Oswald herangezogen, zur Geschichte des Vereins bis 1933 Publikationen von Siegfried Gehrmann, der sich viele Jahre mit der sozialen Herkunft der Ruhrgebietsvereine auseinandergesetzt hat, z. B. in „Fußball - Vereine - Politik. Zur Sportgeschichte des Reviers 1900-1940.“
1.2 Methodische Vorgehensweise
Zunächst wird nach den Rahmenbedingungen des Gelsenkirchener Stadtteils Schalke gefragt (Kapitel 2), denn hinter dem Begriff „Ruhrgebiets-Arbeiterverein“ lässt sich ein Bezug zu den Bedingungen der Arbeiterschaft des Ruhgebiets vermuten. Da der Verein ein berühmter deutscher Fußballverein ist, müssen auch die Ausgangsbedingungen des Fußballspiels in Deutschland betrachtet werden. Fußball gilt z. B. in England per se eher als Arbeitersport. Anhand der Entwicklung der Spielregeln und der Anfänge in Deutschland soll ein Einblick in die Entwicklung der Sportart Fußball gegeben werden (Kapitel 3). Die vorliegende Arbeit stellt die Geschichte des FC Schalke 04 als Ruhrgebiets-Arbeiterverein der Geschichte als Vorzeigeverein des „Dritten Reichs“ gegenüber. So soll eine Verbindung der beiden Markenzeichen hergestellt werden. Dies soll durch zwei Methoden gewährleistet werden: Zuerst wird die Geschichte des Vereins bis 1945 chronologisch nachgezeichnet (Kapitel 4), um die soziale und politische Herkunft des Vereins zu ermitteln (Kapitel 4.3). Dann werden die Ergebnisse systematisch unter dem Gesichtspunkt der sportpolitischen Ziele der Nationalsozialisten in die Zeit des „Dritten Reichs“ eingeordnet (Kapitel 5). Dabei werden die Interessen der verschiedenen Akteure zueinander in Bezug gesetzt: das Interesse der Nationalsozialisten (Kapitel 5.4), das Interesse des Vereins als Institution (5.3 und 5.4) und die Interessen der handelnden Personen des FC Schalke 04 (Kapitel 5.5).
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2 Die Rahmenbedingungen im Gelsenkirchener Stadtteil Schalke
Mitte des 19. Jahrhunderts war das Ruhrgebiet eine sehr dünn besiedelte, nicht erschlossene Region, bestehend aus kleinen Kirchdörfern mit agrarisch geprägter Subsistenzwirtschaft und Landschaft. So betrug die Einwohnerzahl z. B. Gelsenkirchens 1818 lediglich 505 Personen 14 , hauptsächlich Bauern. Eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung des Ruhrgebiets zum damals „bedeutendsten Industriegebiets Europas“ 15 waren erstens die reichen Steinkohle-Vorkommen. Steinkohle wurde in Gelsenkirchen erstmalig 1840 erbohrt, die Nachfrage stieg dann im Zuge der Industrialisierung stetig an. Zweitens beflügelte die Liberalisierung der Wirtschaftsordnung in Form von Gesetzen und der Abschaffung bestimmter Privilegien, die die Bergleute (Knappen) bis in die napoleonische Zeit besessen hatten, den Gewinn der Bergbauindustrie. 16 Drittens war das Erreichen tiefer Steinkohleschichten erst durch den technischen Fortschritt in Form der Dampfmaschine möglich geworden. Die nun geförderte Fettkohle eignete sich zur Verkokung, also zur Umwandlung in Koks, das sich zur Herstellung von Eisen- und Stahlerzeugnissen direkt in der Nähe der Bergwerke eignete 17 . Viertens wurde der Abtransport dieser Industrieprodukte durch den Anschluss Gelsenkirchens an die 1847 eröffnete Eisenbahnstrecke zwischen Köln und Minden ermöglicht. Alles zusammen ließ Gelsenkirchen immer weiter anwachsen: 1875 betrug die Einwohnerzahl Gelsenkirchens mit 11.292 schon das 20fache von 1818. 18 Immer mehr Menschen kamen in die Region, weswegen Gelsenkirchen 1875 Stadtrechte erhielt und die Dörfer südlich des Flusses Emscher eingemeindet wurden -1903 wurde daher auch Schalke ein Ortsteil Gelsenkirchens.
14 Vgl. Statistisches Amt der Stadt Gelsenkirchen-Buer (Hrsg.): Statistisches Handbuch der Stadt Gelsenkirchen-Buer 1903-1925, Gelsenkirchen 1928. Zit. nach Beckmann, Dieter: Die Siedlungs- und Wirtschaftsstruktur der Stadt Gelsenkirchen, in: Gesellschaft für Geographie und Geologie Bochum e. V (Hrsg.): Bochum und das mittlere Ruhrgebiet, Paderborn 1965, S. 161, und Goch, Stefan: Eine Region im Kampf mit dem Strukturwandel. Bewältigung von Strukturwandel und Strukturpolitik im Ruhgebiet, Essen 2002 [im Folgenden: Goch (2002)], S. 62 f.
15 Brüggemeier, Franz-Josef: Nomaden in steinernen Zelten. Ruhrbergleute und Ruhrbergbau um die Jahr-hundertwende [im Folgenden: Brüggemeier (1984)], in: Niethammer, Lutz u. a. (Hrsg.): „Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst.“ Einladung zu einer Geschichte des Volkes NRW, Berlin 1984, S. 100.
16 1865 wurde das „Berggesetz“ verabschiedet, das die Bergleute zu gewöhnlichen Lohnarbeitern herabsetzte. Zuvor waren Bergleute staatlich geschützt und beinahe so privilegiert wie Staatsdiener gewesen. Sie besaßen diverse Freiheiten und sogar eine eigene knappschaftliche Sozialversicherung. Der Bergarbeiter stand bis 1865 über anderen Arbeitern und gehörte der Standesorganisation „Knappschaft“ an. Mit dem steigenden Arbeitskräftebedarf wurde aus dem begünstigten Knappen ein Bergarbeiter, der vollkommen abhängig vom Bergwerkseigentümer war. Dieser durfte völlig frei Löhne, Arbeitszeit usw. festlegen. Vgl. Hermann, Wilhelm/Hermann, Gertrude: Die alten Zechen an der Ruhr, 3. völlig neu bearb. und erw. Aufl., Königstein/T. 1990, S. 61-67, und Goch (2002), S. 63.
17 1913 wurden 42,5 % des Roheisens Deutschlands im Ruhrgebiet erzeugt. Vgl. Goch (2002), S. 64.
18 Vgl. Statistisches Amt der Stadt Gelsenkirchen Buer (Hrsg.). Zit. nach Beckmann, S. 161.
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Das Kirchdorf Schalke, das erstmalig 1246 erwähnt wurde, brachte es im Jahre 1818 gerade einmal auf 198 Bewohner. 19 Nachdem auch Schalke an die Köln-Minden-Bahn ange-bunden worden war, um die Bewirtschaftung der seit 1863 vom Unternehmer Friedrich Grillo abgeteuften 20 Schachtanlage „Consolidation“ zu optimieren, wuchs die Bevölkerungszahl extrem an: 1875 lebten bereits 7.807 Menschen in Schalke, von denen alleine 1.682 auf der Zeche „Consolidation“ beschäftigt waren. In Schalke befand sich außerdem die Zeche „Graf Bismarck“ (1868 abgeteuft) mit ca. 470 Beschäftigten im Jahre 1874 und eine ganze Reihe Montanindustriebetriebe wie z. B. das 1866 gegründete Walzwerk „Grillo Funke“ mit 364 Arbeitern im Jahre 1867. 21 1875 wurde dann der erste Hochofen in Schalke in Betrieb genommen, Schalke wurde das industrielle Zentrum im Ruhrgebiet mit einem sehr hohen Arbeitskräftebedarf, der ab 1870 nicht mehr von der bevölkerungsarmen Agrarregion gedeckt werden konnte: Die Industrie war auf Anwerbung von Arbeitskräften aus anderen Teilen Deutschlands angewiesen. Viele der neuen Arbeitsimmigranten stammten aus den preußischen Ostprovinzen (Posen, Schlesien, West- und Ostpreußen). Bis 1914 wanderten etwa 300.000 Polen und 180.000 Masuren ins Ruhrgebiet aus. Der Höhepunkt der Einwanderung liegt in den 1890ern. Diese 480.000 Menschen stammten meist aus der veramten Landbevölkerung, sie waren so genannte Losgänger (landlose Landarbeiter), Bauern und Tagelöhner, die von so genannten Zechenwerbern durch Versprechungen wie höhere Löhne und geregelte Arbeitszeiten angeworben wurden. 22 In ihrer Heimat gab es außerhalb Schlesiens keine Großindustrie und neue technische Möglichkeiten wie die Dreschmaschine ersetzten ihre Arbeitskraft in der Landwirtschaft. 23 Diese Immigranten wurden von der einheimischen Bevölkerung keineswegs willkommen geheißen, galten sie doch als Konkurrenz und Lohndrücker. Auch der preußische Staat schikanierte die Einwanderer z. B. mit einer rigiden Sprachenpolitik: Polnisch zu sprechen wurde im öffentlichen Leben verboten, die Einwanderer als „Polacken“ und „fremdes Pack“ diskriminiert. Die Masuren wurden dabei von der deutschen Bevölkerung und vom
19 Vgl. Vieting, Walter: Schalke - ein Bauernhof im Dorf Schalke, in: Dzudzek, Jürgen/Reimann, Jörg (Hrsg.): 750 Jahre Schalke. Geschichte eines weltberühmten Stadtteils, Gelsenkirchen 1996, S. 69.
20 Abteufung bedeutet: „Vortrieb eines Schachtes bis zur ersten Fördersohle“. Lindner, Rolf/Breuer, Heinrich Th.: „Sind doch nicht alles Beckenbauers“. Zur Sozialgeschichte des Fußballs im Ruhrgebiet, 2. Aufl., Frankfurt/M. 1979, S. 48.
21 Vgl. Dzudzek, Jürgen: Vom Kessel- zum Elektroblech. Schalker Bleche erobern die Welt, in: Dzudzek/Reimann, S. 198-201 und Beckmann, S. 161.
22 Die Realität war weit von den Versprechungen entfernt. Vgl. Matwiejczyk, Witold: Zwischen kirchlicher Integration und gesellschaftlicher Isolation: Polnische Katholiken im Ruhrgebiet von 1871 bis 1914, in: Dahlmann, Dittmar/Kotowski, Albert S./Karpus, Zbigniew (Hrsg.): Schimanski, Kuzorra und andere. Polnische Einwanderer im Ruhrgebiet zwischen der Reichsgründung und dem Zweiten Weltkrieg, 1. Aufl., Essen 2006, S. 11.
23 Vgl. Berg, Aloys: Polen und Türken im Ruhrkohlenbergbau. Ein Vergleich zweier Wanderungsvorgänge mit einer Fallstudie über „Türken im Ruhrgebiet“, Bochum (Dissertation) 1990, S. 46 f.
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deutschen Obrigkeitsstaat nicht anders wahrgenommen als die zeitgleich eingewanderten Polen. 24
Gelsenkirchen war das „Zentrum“ der masurischen Einwanderung, 25 durch die die Stadt und der Stadtteil Schalke immer weiter anwuchsen: Als Schalke 1903 eingemeindet wurde, hatte der Ort mit 27.766 gerade einmal ca. 10.000 Einwohner weniger als Gelsenkirchen, 1910 lebten 33.710 Menschen in Schalke (1925/34.625). 26 Die Mobilität der Arbeiter dieses „Vierten Standes“ war sehr hoch: fast 100 % von ihnen wechselten jährlich die Stelle und sehr viele daher auch den Wohnort. Der Lohn der Arbeiter lag meist unter dem Existenzminimum. Die meisten der überwiegend männlichen Arbeitsimmigranten konnten sich keine eigene Wohnung leisten und waren daher so genannte Kost- und Schlafgänger: Entweder waren sie in Menagen - Massenquartieren - untergebracht oder sie lebten bei Familien, die auf diese Art etwas Geld erwirtschafteten. 27 Die oft auf sich allein gestellten jungen Männer galten als „streikfreudig“ 28 , und den Unternehmern wurde bald klar, dass sie die Klassengegensätze mit billigen Wohnungen entschärfen mussten, wenn sie eine stabile und von Streiks und Unruhen unbeeinträchtigte Produktion erreichen wollten. 29 Der Bau von Arbeitersiedlungen war daher eine sozialpatriarchalische Maßnahme: Indem man ein Junktim zwischen Miet- und Arbeitsvertrag schuf, band man die Arbeiter an das Werk. 30 So entstand u. a. 1872 in Schalke die Kolonie „Krim“ mit 26 Vierfamilienhäusern mit Ställen und Kellern. 31 Ein weiterer Vorteil für die Arbeitgeber war, dass die Siedlungen in unmittelbarer Nähe zu den Betrieben gebaut wurden, es gab also keinen nennenswerten Arbeitsweg. Da alles in der Siedlung vorhanden war, wie z. B. Kirche, Kneipen und Geschäfte, hatte man die Arbeiter auch besser unter Kontrolle. Um sicher zu gehen, stellte man aber auch gleich noch so genannte Häuserverwalter ein, die bei Problemen den
24 Gehrmann, Siegfried: Der FC Schalke 04 und seine frühe Geschichte. Ein Fußballklub als Identifikationsmedium im Ruhrrevier [im Folgenden: Gehrmann (2004)], in: Pyta, Wolfram: Der lange Weg zur Bundesliga, Münster 2004, S. 156. Vgl. auch Kleßmann, Christoph: Kaiser Wilhelms Gastarbeiter. Polen als Bergarbeiter im Ruhgebiet, in: Niethammer, S. 105 ff, und Blecking, Diethelm: Vom „Polackenklub“ zu Türkiyem Spor - Migranten und Fußball im Ruhrgebiet und in anderen deutschen Regionen, in: Bouvier, Beatrix (Hrsg.): Zur Sozial- und Kulturgeschichte des Fußballs (Gesprächskreis Politik und Geschichte im Karl-Marx-Haus, Heft 8), Bonn 2006, S. 189.
25 Kossert, Andreas: Kuzorra, Szepan und Kalwitzki: Polnischsprachige Masuren im Ruhrgebiet, in: Dahlmann/Kotowski/Karpus, S. 204.
26 Vgl. Statistisches Amt der Stadt Gelsenkirchen-Buer (Hrsg.). Zit. nach Beckmann, S. 163.
27 Vgl. Berg, S. 52. Vgl. ebd., S. 52-56, und Brüggemeier (1984), S. 100.
28 Brüggemeier (1984), S. 102. Vgl. ebd., S. 100 f.
29 Vgl. Fachhochschule Bielefeld, Fachbereich Design (Hrsg.): Wer macht Schalke kaputt? Untersuchungen in einer Arbeiterstadt, Bielefeld 1974, S. 14.
30 Vgl. Goch (2002), S. 68 f.
31 Vgl. Dzudzek, Jürgen: Chronik der Zeche Consolidation, in: Dzudzek/Reimann, S. 191.
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Werkseigentümer verständigten, der notfalls die gesamte Siedlung absperren konnte. 32 Diese Nähe ließ aber auch den Zusammenhalt innerhalb der Belegschaft und der Arbeiterkolonie eines Unternehmens wachsen: Eine ganze Reihe von Vereinen (Turn-, Gesangs-und Heimatvereinen) entstand, in denen man sich gegenseitig half, in der neuen Heimat anzukommen. Die Vereinszugehörigkeit bestimmte neben der Familie und dem Arbeitsplatz „die soziale Identität des Arbeiters“. 33
Durch diese an den Bedürfnissen der Unternehmen orientierte Bauweise entstand die „ruhrgebietstypische Gemengelage“ von Industrieanlage, Siedlung, Bahnlinie und Zechenbahnen. 34 Eine weitere Besonderheit dieses Konglomerats waren die vielen freien Flächen und Hinterhöfe zwischen den Häusern. Mietskasernen wie in Berlin gab es im Ruhrgebiet kaum, sondern die Kolonien des Ruhrgebiets bestanden eher aus Einzelhäusern. Der nahe Bergbau machte diese Bauweise nötig, denn man musste vermeiden, dass sich ein Riss durch ganze Häuserreihen zog. 35 Die so entstandenen freien Flächen nutzten vor allem die Arbeiterfamilien zum Gartenbau, da sie trotz einer Schicht von 12 oder mehr Stunden den Großteil der Freizeit nutzen mussten, um den eigenen Lebensmittelbedarf zu decken. Vielfach wurde ihnen das durch die Gartenarbeit Erwirtschaftete auch noch vom Lohn durch die Unternehmer abgezogen. 36
Die jungen und abhängigen Einwandererfamilien hatten vergleichsweise viele Kinder zu versorgen - im Durchschnitt drei bis vier. Die vielen Kinder nutzten die vielen freien Flächen, um miteinander zu spielen. So entstanden diverse Gruppen von Kindern und Jugendlichen, die zusammen Fußball spielten, denn das Spiel verträgt eine große Anzahl an Spielern und alle konnten mitmachen. 37
32 Vgl. Schulze-Marmeling, Dietrich: Der gezähmte Fußball. Zur Geschichte eines subversiven Sports. Göttingen 1992 [im Folgenden: Schulze-Marmeling (1992)], S. 83 f.
33 Lidtke, Vernon: Die kulturelle Bedeutung der Arbeitervereine, in Wiegelmann: Wandel, S. 146. Zit. nach Ritter, Gerhard A.: Arbeiterkultur im Deutschen Kaiserreich. Probleme und Forschungsansätze, in: Ritter, Gerhard A. (Hrsg.): Arbeiterkultur, Königstein/T. 1979, S. 22. Vgl. Goch (2002), S. 69.
34 Vgl. Goch (2002), S. 70.
35 Vgl. Steinberg, Heinz Günter: Das Ruhrgebiet im 19. und 20. Jahrhundert, Münster 1985, S. 37 f.
36 „Was die Familie auf ihren eigenen Gärtchen und Feldchen erarbeitet, das erlaubt die Konkurrenz dem Kapitalisten vom Preis der Arbeitskraft abzuziehen; die Arbeiter müssen eben jeden Akkordlohn nehmen, weil sie sonst gar nichts erhalten und vom Produkt ihres Landbaus allein nicht leben können … Man schlägt den ganzen Kapitalprofit heraus aus einem Abzug vom Arbeitslohn und kann den ganzen Mehrwert dem Käufer schenken. Das ist das Geheimnis der erstaunlichen Wohlfeilheit der meisten deutschen Ausfuhrartikel.“ Engels, Friedrich: Zur Wohnungsfrage, in: MEW, Bd. 18, Berlin 162. Zit. nach Fachhochschule Bielefeld, Fachbereich Design, S. 18.
37 Vgl. Gehrmann, Siegfried: Fußball - Vereine - Politik. Zur Sportgeschichte des Reviers 1900-1940, Essen 1988 [im Folgenden: Gehrmann (1988)], S. 41.
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3 Die Anfänge des Fußballs
Die Anfänge des Spiels mit dem Ball und dem Fuß liegen vermutlich in China. Dort spielten Soldaten der Tsin-Dynastie (3. Jahrhundert v. Chr.) das so genannte Tsu-Chu 38 , das trotz großer Beliebtheit um 900 n. Chr. verschwand. 39
In Europa gab es seit dem Mittelalter mit dem heutigen Spiel vergleichbare Varianten des Fußballspiels. Dabei handelte es sich meist um volkstümliche Versionen, in denen der Ball auch mit den Händen gespielt wurde. Der moderne Fußball 40 kennt kein Handspiel mehr, und im Unterschied zum traditionellem Volksfußball gibt es heute sehr klare Vorschriften, wie das Spiel zu spielen ist: z. B. ist die Anzahl der Spieler begrenzt, Spielzeit und Feldgröße sind festgelegt, speziellere Bestimmungen wie die Abseitsregel gelten verbindlich für jedes Spiel. Diese Vorschriften oder auch Spielregeln entstanden in England. Daher wird England oft als Wiege oder Mutterland des Fußballs bezeichnet. 41
3.1 Das „englische Spiel“: ein bürgerlicher oder ein proletarischer Sport?
Auch in England existierten bereits seit dem Mittelalter Ballspiel-Varianten. Diese volkstümlichen Spiele waren sehr brutal, beliebig viele Personen konnten teilnehmen - oft griffen die zahlreichen Zuschauer einfach mit ins Spielgeschehen ein -, und es kam zu Raufereien und sehr schweren Verletzungen. Gespielt wurde der so genannte Volksfußball 42 von den unteren Gesellschaftsschichten. Trotz seiner Gefährlichkeit für Leib und Leben war das Spiel sehr beliebt beim Volk, stellte aber auch eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung und des öffentlichen Eigentums dar. Seit 1314 versuchten Könige und Stadtbehörden jedes Jahrzehnts diesen gewalttätigen Spielen mit Hilfe von Edikten und Dekreten ein Ende zu bereiten, ein Beweis dafür, dass sich dieser Volksfußball nur sehr schwer unterdrü- 38 „Tsu“heißt treten, und „Chu“ bedeutet Ball. Vgl. Honigstein, Raphael: Harder, better, faster, stronger. Die geheime Geschichte des englischen Fußballs, Köln 2006, S. 17.
39 Vgl. Huba, Karl-Heinz: Fußball-Weltgeschichte, München 2000, S. 22 ff.
40 In Deutschland versteht man unter Fußball allgemein nur den Association Football (Soccer). Weitere Spielarten sind American Football und Rugby Football (Rugger). Alle haben denselben Ursprung im sog. Volksfußball. Vgl. Lottermann, Stefan: Fußballsport in Deutschland. Trainingswissenschaftliche Analyse der Entwicklung im Hochleistungsbereich, Frankfurt/M. (Dissertation), 1988, S. 21.
41 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Informationen zur politischen Bildung: Fußballmehr als ein Spiel, Bonn 2006, S. 7, und Dunning, Eric: „Volksfußball“ und Fußballsport [im Folgenden: Dunning (1998)], in: Hopf, Wilhelm (Hrsg.): Fußball. Soziologie und Sozialgeschichte, 3. Auflage, Münster 1998 [im Folgenden: Hopf (1998)], S. 12.
42 Im Englischen „Folk Football“ oder „Village Football“. Die Bezeichnung Volksfußball sagt aus, dass es sich um ein typisches Spiel der unteren Gesellschaftsschichten handelte. Vgl. Eisenberg, Christiane u. a. (Hrsg.): FIFA 1904-2004. 100 Jahre Weltfußball, Göttingen 2004 [im Folgenden: Eisenberg (2004)], S. 14 f.
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cken ließ. Durch die Repression der Obrigkeit, aber vor allem durch die industrielle Revolution, verlor der Volksfußball bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts an Relevanz. 43 Der moderne Fußball ist von diesem Volksfußball zu unterscheiden. Es lassen sich zwar Elemente der Vorläufer finden, aber ein langer Entwicklungsprozess ließ vor allem zwei gravierende Unterschiede entstehen: die Festlegung von Spielregeln und die Zivilisierung des Spiels. Diese Transformation vom Volks- zum Sportspiel erfuhr der Fußball in den englischen Public Schools 44 , Privatschulen für Adlige und bürgerliche Eliten. Zur Ursache gibt es zwei Ansichten. Die erste lautet, dass die berühmten Internate Eton, Rugby und Harrow das Spiel einführten, um ihre Schüler zu mehr Disziplin zu erziehen. 45 Dunning führt hingegen aus, dass Fußball von den Schülern selbständig betrieben und an den Schulen eingeführt worden sei, teilweise sogar, um die Lehrer zu provozieren. Die Schüler mit ihrem adligen Hintergrund erkannten die Autorität der gesellschaftlich unter ihnen stehenden Lehrer meist nicht an. Erst die Industrialisierung und die damit einhergehenden sozialen Prozesse - die Bourgeoisie ersetzte nach und nach die Vormachtstellung des Adels - machten eine Entwicklung der bis dahin gewalttätigen und ungeregelten Fußballspiele möglich. In Rugby setzte dieser Prozess schneller ein, denn hier waren nur 7 % der Schüler adliger Herkunft 46 . So konnte der Schuldirektor von Rugby, Dr. Thomas Arnold, Reformen durchsetzen, die im Regelwerk „The law of Football as Played in Rugby School“ von 1845 niedergelegt wurden. 47
Weitere Schulen folgten mit eigenen Regelwerken: Die Schüler aus Eton fühlten sich den Schülern aus Rugby gesellschaftlich überlegen, daher wichen sie in wesentlichen Punkten vom Rugby-Regelwerk ab. „The ball may not be caught, carried, thrown, nor struck by the hand“ 48 , hieß es fortan in den „Eton-Regeln“. Dieses Verbot des Handspiels, ein entscheidendes Merkmal des modernen Fußballs, führte erst zur Trennung in Fußball und Rugby. Auf die Eton-Regeln folgten die Cambridge-Regeln, die für eine weitere Verfeinerung sorgten, indem sie z. B. den Einsatz der Hände im Zweikampf untersagten. 49
43 Vgl. Elias, Norbert/Dunning, Eric: Sport im Zivilisationsprozess. Studien zur Figurationssoziologie, Münster o. J., S. 85 ff. und S. 124.
44 Diese Bildungseinrichtungen wurden eingeführt, um begabte Schüler aus der Mittelschicht zu fördern. Die Aristokratie entdeckte aber ihrerseits die Nützlichkeit der Public Schools für den eigenen Nachwuchs. Vgl. Dunning (1998), S. 43 f.
45 Vgl. Schamberger, Michael: Berufsfußball in England, Frankfurt/M. 1999, S. 3, Bundeszentrale für politische Bildung, S. 7, Honigstein, S. 13 und 18 f., Huba, S. 30, und Eisenberg (2004), S. 16.
46 In den anderen beiden genannten Schulen machten sie rund 20 % der Schüler aus. Vgl. Dunning (1998), S. 50.
47 Vgl. Dunning, Eric/Sheard, Kenneth: Barbarians, Gentlemen and Players. A Sociological Study of the Development of Rugby Football, 2nd Ed., London 2005, S. 79, und Dunning (1998), S. 49 ff.
48 Zit. nach Dunning/Sheard, S. 86.
49 Vgl. Dunning/Sheard, S. 90.
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Ende der 50-er Jahre des 19. Jahrhunderts gründeten ehemalige Schüler und Universitäts-Absolventen die ersten Fußball-Clubs. Diese elitären Vereinigungen ermöglichten spielbegeisterten Männern, auch nach ihrer Ausbildung Fußball zu spielen und sich in der Freizeit zu erholen. Vielfach wurden die gemeinsamen Spiele auch zur Erweiterung des Bekanntenkreises und zum Ausbau geschäftlicher Netzwerke genutzt. Da es aber noch keine einheitlichen Regeln gab, musste man sich zuweilen helfen, indem man in der einen Halbzeit nach den eigenen, in der anderen nach den Regeln der anderen Mannschaft spielte. Als die Mannschaften zahlreicher wurden und es oft zu Streit über die Auslegung der Regeln kam, nahmen die Forderungen nach einer Vereinheitlichung der Regeln zu. 50 Zu diesem Zweck trafen sich am 26. Oktober 1863 Vertreter von Universitäten, Schulen und Fußball-Clubs und einigten sich auf Regeln, die zum großen Teil auf den Cambridge-Regeln aufbauten. Das Hauptargument zugunsten dieser Variante war die geringere Verletzungsgefahr: Da die meisten Spieler berufstätig waren, konnten sie sich schwere Verletzungen nicht leisten. Damit wurde Fußball endgültig zum „kicking game“ 51 . Um diese neuen Regeln auch verbindlich durchsetzen zu können, gründete diese Versammlung die Football Association (FA) 52 - den ersten Fußballverband der Welt. Ihr gebührte die Interpretationsherrschaft über die Regeln, und sie sollte als Aufsichtsbehörde und Dachorganisation fungieren. Die Vertreter des Rugby-Football weigerten sich, ihre Grundregeln aufzugeben und gründeten einen eigenen Verband. Damit war die formale und endgültige Trennung zwischen Association-Football und Rugby-Football vollzogen. Zu dieser Zeit war Fußball ein Sport der oberen und mittleren Klassen: Die Mitgliederstatistik des FC Sheffield 53 zeigt auf, dass „elf der 29 Vereinsmitglieder Fabrikanten“ 54 waren. Auch die FA wurde von Mittel- und Oberklässlern dominiert. Dass das auch so bleibt, sollte die „Gentlemenklausel“ 55 sichern, die 1866 eingeführt wurde, um die Massen vom Wettkampf fernzuhalten. Der Sport war für die Mitglieder des Adels und des wohlhabenden Bürgertums ein Freizeitvergnügen, bei dem sie sich nicht mit Proleten messen wollten. Gesichert werden sollte, dass Sport nur zum eigenen Vergnügen betrieben wurde und nicht, um damit Geld zu verdienen.
50 Vgl. ebd., S. 91 ff, und Bundeszentrale für politische Bildung, S. 7.
51 Christian Koller: Von den englischen Eliteschulen zum globalen Volkssport: Entstehung und Verbreitung des Fußballs bis zum Ersten Weltkrieg, in: Bouvier, S. 18.
52 1871 zählte die FA 50, 1888 1.000 und 1905 bereits 10.000 Mitglieder. Noch bis heute kontrolliert die FA den englischen Fußball. Vgl. Schulze-Marmeling, Dietrich: Fußball. Zur Geschichte eines globalen Sports, Göttingen 2000 [im Folgenden: Schulze-Marmeling (2000)], S. 26.
53 Der F.C. Sheffield wurde 1857 gegründet und ist der erste Fußballclub der Welt.
54 Schulze-Marmeling (2000), S. 30.
55 Sie untersagte Mechanikern, Handwerkern und Industriearbeitern die Teilnahme an Wettkämpfen. Teilnehmen durfte nicht, „who is mechanic, artisan or labourer, or engaged in menial activity.“ Zit. nach Mandell, Richard D.: Sport - a Cultural History, New York 1984, S. 153.
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Diese strenge Trennung zwischen Arbeit und Muße war im 19. Jahrhundert ein Ideal, in dem sich die Spannung zwischen den Klassen ausdrückte: Da die unentlohnte sportliche Betätigung für die „Upper Middle Class“ keinerlei finanzielles Problem darstellte, sah man auf Sportler herab, die mit ihrem Sport Geld verdienten. So entstand der Begriff des Amateurs 56 , der später durch Pierre de Coubertin eine Erweiterung erfuhr. Amateurismus war für Coubertin eine Frage von Moral. „Einzig der sportliche Geist interessiert mich, nicht die Anerkennung jener lächerlichen englischen Konzeption, die nur Millionären erlaubt, sich dem Sport zu widmen, wenn nicht ein veraltertes Dogma in die Brüche gehen soll.“ 57 Sein Amateurbegriff war geprägt von Prinzipien wie Tugend, Bescheidenheit und Ehre. Auf den völligen Verzicht materieller Vergünstigungen legte der Pädagoge besonderen Wert. 58 Die ersten olympischen Spiele der Neuzeit fanden 1896 in Athen statt. Die Teilnehmer waren durchweg männliche Amateure.
In dem Maße, in dem die Industrialisierung Englands voranschritt, veränderten sich auch die Rahmenbedingungen für das Fußballspiel. Der Sport verbreitete sich über neue Trans-portmöglichkeiten wie die englische Eisenbahn nach und nach auf der ganzen Insel und die Popularität des „Soccer“ nahm stetig zu. Am 20. Juli 1871 fasste die FA den Beschluss, das erste Fußballturnier auszurichten - den Football Association Challenge Cup (kurz: FA-Cup) 59 , der durch die Teilnahme der besten Mannschaften für das Spiel und den Verband warb. 60 Die Zuschauerzahlen stiegen stetig an 61 , Clubs nahmen Eintritt für die Spiele, es
56 Eine Definition aus dem Jahre 1885: „Amateur ist jener, der nie in einer für Alle offenen Concurrenz theilgenommen oder sich an Wettkämpfen betheiligt hat, wo die Bewerber öffentliche Geldpreise erhalten oder die Eintrittsgelder unter sich theilten, der ferner niemals gegen einen Professional, sei es um einen Preis oder um die Eintrittsgelder concurrirt hat; der weiters niemals zu keiner Zeit seines Lebens als Lehrer oder sonst wie von Hilfeleistungen bei der Ausübung athletischer Sportzweige seinen Lebensunterhalt erwarb, und der schließlich kein Handwerker, Arbeiter oder Tagelöhner ist.“ Zit. nach Lindner, Rolf: Die Professionalisierung des Fußballsports, in: Lindner, Rolf: Der Satz „Der Ball ist rund“ hat eine gewisse philosophische Tiefe, Berlin 1983 [im Folgenden: Lindner (1983)], S. 57. Für die Amateurideologie spielten maßgeblich Klassen- und regionale Feindschaften der Angehörigen der herrschenden Klasse eine Rolle. Sie konnten nicht ertragen, die Vorherrschaft über das Spiel an die beherrschte Klasse zu verlieren. Vgl. Dunning, Eric: Die Dynamik des modernen Sports: Anmerkungen zum Leistungsstreben und zur sozialen Bedeutung des Sports, in: Elias, Norbert/Dunning, Eric: Sport und Spannung im Prozeß der Zivilisation, Baden-Baden 2003, S. 383.
57 Eyquem, M.T.: Pierre de Coubertin, Paris 1966, S. 273. Zit. nach Krüger, Michael: Zur Geschichte und Bedeutung des Amateurismus, in: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports, Heft 1 (1988), Aachen 1988, S. 90.
58 Vgl. Carl-Diem-Institut (Hrsg.): Pierre de Coubertin: Der Olympische Gedanke. Reden und Aufsätze, Köln 1966, S. 11-17. Der moralische Aspekt wird besonders anschaulich auf den Seiten 16 f.
59 Dieses Turnier existiert heute noch.
60 Vgl. Eisenberg (2004), S. 23.
61 Das erste FA-Cup-Finale wurde 1872 von 2.000 Menschen gesehen. Zum Finale 1888 kamen 17.000, 1894 waren es ca. doppelt so viele. Vgl. Schulze-Marmeling (2000), S. 122 f. 1900 besuchten sogar bereits bis zu 100.000 Zuschauer wichtige Spiele. Vgl. Brüggemeier, Franz-Josef: Neue Männer braucht das Land. Die Anfänge des Fußballs in Deutschland (und England) [im Folgenden: Brüggemeier (2008)], in: Baumann, Uwe/Dahlmann, Dittmar (Hrsg.): Kopfball, Einwurf, Nachspielzeit. Gespräche und Beiträge zur Aktualität und Geschichte des Fußballs, Essen 2008, S. 43.
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wurden Wetten abgeschlossen, und Zeitungen begannen über den Sport zu berichten: Kurzum, es entstand ein Markt, der die weitere Ausbreitung vorantrieb. Fußballspiele wurden zu einem gesellschaftlichen Vergnügen, an dem sich jeder beteiligen konnte - sei es als Aktiver, Zuschauer, Zeitungsleser oder Glücksspieler. 62 Der steigende Lebensstandard der englischen Arbeiter erlaubte auch ihnen, ein Stück weit an dieser Freizeitkultur zu partizipieren und sich Sportbekleidung, Eintrittskarten und die Eisenbahn-Anfahrt zu den Spielen zu leisten. Immer mehr Arbeitervereine traten der FA bei. In ihrem Gründungsstatut hatte die FA auf „die Festlegung sozialer Teilnahmekriterien“ 63 verzichtet. 1863 hatte anscheinend niemand in den herrschenden Klassen mit einem derartig riesigen Erfolg der Sportart gerechnet. Man dachte vielmehr, dass Fußball immer ein Privatvergnügen der oberen Klassen bleiben würde. 64 Zwanzig Jahre später wurde man eines besseren belehrt, als die erste Arbeitermannschaft, Blackburn Olympic, das FA-Cup-Finale gegen die Old Etonians gewann. In den bürgerlichen Vereinen saß der Schock tief: Sämtliche Pokale zuvor hatten Universitäts- und „Public School“-Teams gewonnen. Die bürgerlichen Vereine hatten diese Tatsache auf ihre überlegene Spielkunst zurückgeführt und hatten immer auf die Arbeitermannschaften und deren Spieltechnik des „Passing game“ heruntergeschaut. Diese Art des Spiels hielt man für unsportlich und setzte eher auf das leistungsorientierte, individualistische „Dribbling game“. 65 Die Mannschaft von Blackburn setzte - typisch für Arbeitermannschaften und deren Verständnis als „Repräsentanten einer unterdrückten Klasse“ - eher auf „mannschaftliche Harmonie“, „kooperative Zusammenarbeit“ und „verantwortungsbewusste Kollektivität“ 66 . Fußball war für sie mehr als ein Spiel, es gab ihnen die Gelegenheit, der herrschenden Klassen empfindliche Niederlagen beizubringen. 67 Auch in den Folgejahren konnte keine der bürgerlichen Amateurmannschaften den englischen Pokal gewinnen, und so zog sich die aristokratische Elite gedemütigt aus dem Spiel um den FA-Cup zurück. 68
Der Erfolg der Arbeitermannschaften war nicht alleine auf das überlegene Passspiel zurückzuführen: Die steigenden Zuschauerzahlen während der Pokalspiele und das Bestreben, mit Eintrittsgeldern Geld zu verdienen, förderten den Wettbewerb: Um Erfolg zu haben, mussten die einzelnen Clubs gute Spieler gewinnen. So entstanden die ersten Berufs-
62 Vgl.Eisenberg (2004) S. 21 ff.
63 Eisenberg, Christiane: Fußball als globales Phänomen. Historische Perspektiven, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. B26/2004 [im Folgenden: Eisenberg (2004a)], S. 8.
64 Vgl. Eisenberg (2004a), S. 8.
65 Schulze-Marmeling (2000), S. 104.
66 Lottermann, S. 34.
67 Vgl. Lindner/Breuer, S. 7 f.
68 Vgl. Lindner/Breuer, S. 8., und Eisenberg (2004), S. 23.
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spieler, die mit „lukrativen Arbeitsplätzen“ und „finanziellen Zuwendungen“ angeworben wurden. 69 Die Popularisierung des Fußballs führte zur Kommerzialisierung, und daraufhin setzte die Professionalisierung ein. Die FA versuchte diesen Prozess aufzuhalten, indem Sie das Berufsspielertum verbot, Teams disqualifizierte und Spieler suspendierte. Nachdem aber Vertreter von 31 Clubs daraufhin mit der Gründung eines eigenen Profifußball-Verbandes gedroht hatten, lenkte die FA ein, wohl auch um den Professionalisierungsprozess zu steuern und zu überwachen „Aus diesem Grund beschloss die FA auch eine Gehaltsobergrenze für die Profis.“ 70 In den folgenden Jahren entstanden nebeneinander zwei Systeme in der FA: 1888 wurde eine Profiliga - die Football League - gegründet, dafür sollte der FA-Cup nur Amateurmannschaften vorbehalten sein. Als die FA 1907 alle Amateurligen aufforderte, sich auch für Profimannschaften zu öffnen, gründete die fußballspielende aristokratische und bürgerliche Elite 1907 die Amateur Football Alliance - viele wählten aber auch andere exklusivere Individualsportarten wie Tennis oder Golf als Freizeitbeschäftigung, „um den Kontakt mit den proletarischen Massen zu vermeiden“ 71 . Als Funktionäre blieben sie dem Sport erhalten, zogen sich aber „aus dem proletarisierten Spielbetrieb zurück.“ 72
Der Fußball durchlief mehrere Transformationsprozesse: Zuerst wurde er vom Volksspiel zum Spielvertreib adliger Schüler. Durch die Auseinandersetzungen der Aristokratie mit der aufstrebenden Bourgeoisie erhielt er seine Regeln, die ihn wiederum für die Arbeiterklasse interessant machten - noch heute gilt Fußball in England als der Sport der Arbeiterklasse. 73 Durch die Spannungen der Klassen entwickelte sich Fußball zu einem Sport, der überall auf der Welt spielbar wurde. Fußball wurde zum englischen Exportschlager, der sich von der Insel aus auf den Kontinent verbreitete.
3.2 Die ersten Fußballvereine in Deutschland
England war die imperialistische Weltmacht des 19. Jahrhunderts. Überall auf der Welt versuchten Briten, Geschäfte zu machen, neue Absatzmärkte zu erobern und Filialen zu eröffnen. Aber nicht nur Geschäftsleute, Bankiers und Industrielle waren auf den Kontinenten unterwegs: Viele wohlhabende Engländer setzten als Touristen aufs Festland über -
69 Vgl.Schamberger, S. 5.
70 Schulze-Marmeling (2000), S. 111. Vgl. Mason, Toni: Großbritannien, in: Eisenberg, Christiane (Hrsg): Fußball, soccer, calcio. Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt, München 1997 [im Folgenden: Eisenberg (1997)], S. 28.
71 Schulze-Marmeling (2000), S. 33.
72 Lottermann, S. 35. Vgl. auch Koller, S. 21 ff.
73 Vgl. Giulianotti, Richard/Williams, John (Ed.): Game without Frontiers. Football, Identity and Modernity, Vermont 1994, S. 36.
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Orte wie Nizza, Cannes, Alassio u. a. richteten sich auf den ersten Massentourismus ein. Viele britische Passagiere hatten einen Ball im Gepäck, die anvisierten Badeorte stellten sich auf die Vorliebe der fußballfreudigen Briten ein und boten Fußball im Freizeitprogramm an. 74
Deutschland war eines der ersten Länder auf dem Kontinent, in denen Fußball gespielt wurde, denn auch dort befanden sich Kurorte wie Wiesbaden, Baden-Baden und Bad Homburg. Außerdem schätzten englische Studenten das Humboldt-reformierte deutsche Universitätswesen und nahmen ein Studium an den technischen Hochschulen in Bremen und Berlin auf. Die Studenten und viele englische Ingenieure und Techniker lebten in den so genannten „Engländerkolonien“ 75 , die sich hauptsächlich in Hamburg, Bremen, Frankfurt und Hannover befanden. Viele der ersten „Expatriates“ ließen ihre Familien nachkommen und versuchten im Ausland zusammenzuhalten, indem sie „Sports und Pastimes“ 76 pflegten.
Die ersten Fußballer in Deutschland waren also Briten, zu denen sich aber alsbald auch anglophile Deutsche gesellten. Gerade bei jungen Deutschen war der englische „way of life“ in dieser Zeit sehr angesehen. Britisch bedeutete in diesen Kreisen dasselbe wie modern. 77 Die soziale Heimat dieser ersten deutschen Fußballer war das kosmopolitische Bürgertum. Meist stammten sie aus dem städtischen und wohlhabenden Milieu. Adlige waren vertreten, Kaufleute, Handelsvertreter, Juristen oder Selbständige und „schließlich waren unter den ersten Fußballern Juden und Protestanten überrepräsentiert.“ 78 Als ein erster Pionier des Fußballs in Deutschland gilt der Pädagoge Prof. Konrad Koch. Er machte Fußball in seinem Gymnasium in Braunschweig 1874 zum Schulsport, veröffentlichte wissenschaftliche Bücher über Zweck und Herkunft des Fußballs und warb überall für das neue Schulspiel. 79 Dabei hob er den Erfolg des Spiels für die Disziplinierung und Erziehung des bürgerlichen Nachwuchses hervor. Immer mehr Turnlehrer folgten seinem Beispiel, und das preußische Unterrichtsministerium billigte ab 1882 das Spiel als körperliches Erziehungsmittel. 80 1878 wurde der erste deutsche Fußballverein von Schülern in Hannover gegründet. Sie waren auch die ersten, die Spiele gegen Mannschaften anderer
74 Vgl. Eisenberg (2004a), S. 9.
75 Vgl. Eisenberg (2004), S. 40.
76 Eisenberg, Christiane: Deutschland [im Folgenden: Eisenberg (1997a)], in: Eisenberg (1997), S. 96.
77 Vgl. Koller, S. 23, und Eisenberg (2004), S. 49 f.
78 Eisenberg (2004), S. 49.
79 Vgl. Nielsen, Stefan: Sport und Großstadt 1870 bis 1930. Komparative Studien zur Entstehung bürgerlicher Freizeitkultur, Frankfurt/M. 2002, S. 266, und Hopf, Wilhelm: „Wie konnte Fußball ein deutsches Spiel werden?“ [im Folgenden: Hopf (1998a)], in: Hopf (1998), S. 54 f.
80 Vgl. Heinrich, Arthur: 100 Jahre Deutscher Fußballbund, Köln 2000 [im Folgenden: Heinrich (2000)], S. 22. An bayrischen Schulen war Fußball allerdings bis 1913 verboten. Vgl. Schulze-Marmeling (2000), S. 69.
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Städte austrugen. 1880 entstand dann der Bremer Football-Club, der erste Verein ohne schulischen Organisationsrahmen. Erst in den 90er Jahren wurden vermehrt Fußballvereine gegründet, und wie in England kam es zur Spaltung zwischen den Rugby- und den Association-Fußball-Vereinen. 81 Die Übernahme der englischen „Association-Regeln“ erfolgte dann schrittweise. Zunächst gründeten sich regionale Verbände: u. a. wurde 1898 der Rheinische Spielverband ins Leben gerufen, der sich regional vergrößerte - Rheinisch-Westfälischer Spielverband - und 1907 in Westdeutscher Spielverband (WSV) umbenannt wurde. Die Regionalverbände, aber auch viele Vereine schlossen sich am 28. Januar 1900 im Deutschen Fußball-Bund (DFB) zusammen, um einheitlichen Spielregeln in ganz Deutschland durchzusetzen. Der DFB führte regionale Ligen ein, und 1903 wurde die erste Endrunde um die Deutsche Meisterschaft ausgetragen. Auch hier war der Bau der Eisenbahn die wichtigste Voraussetzung, denn ein regelmäßiger Leistungsvergleich zwischen entfernten Städten konnte erst mit dem Ausbau eines Schienennetzes stattfinden. Der erste Deutsche Meister war der VfB Leipzig. 1904 trat der DFB den Weltfußballverband (FIFA) bei, und 1908 wurde das erste offizielle Länderspiel einer DFB-Auswahl ausgespielt. 82 In den Vereinen des DFB waren laut Eigenangaben 1910 von 51.162 Mitgliedern 11.478 Schüler, von denen 8.469 (73,7 %) höhere Schulanstalten besuchten, 1.235 (10,7%) waren Volksschüler und 1.774 (15,4 %) lernten auf anderen Schulen (wahrscheinlich Mittel- und Fachschulen). Das lässt den Schluss zu, dass kaum Schüler aus der Arbeiterschaft im DFB organisiert waren. 83 Die Verbandsfunktionäre des DFB stammten durchgängig aus dem Bürgertum und den hohen Regionen des neuen Mittelstandes. Bestätigt wird dieses Bild auch durch die Mitgliederangaben des WSV: Mehr als 70 % der Mitglieder waren am31. Dezember 1911 unter 30 Jahre. Die Hälfte gehörte der Gruppe des Bildungs- und Wirtschaftsbürgertums und der Angestellten (neuer Mittelstand) an. Rund 30 % waren Handwerker und somit Mitglieder des alten Mittelstands. Auch hatten die meisten dieser bürgerlichen Vereins- und Verbandsmitglieder kein Interesse, die soziale Basis nach unten zu erweitern. „In sehr, sehr vielen Vereinen, deren Mitglieder aus Studenten, Bureauangestellten, Kaufleuten und ähnlichen Berufsangehörigen bestehen, werden Arbeiter grundsätzlich
81 Vgl. Nielsen, S. 270 f., und Heinrich (2000), S. 21 f.
82 Vgl. Deutscher Fußball-Bund: Chronik, in: Deutscher Fußball-Bund (Hrsg.): 100 Jahre DFB. Die Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes, Berlin 1999 [im Folgenden: Deutscher Fußball-Bund (1999)], S. 16-23, und Grüne, Hardy: 100 Jahre Deutsche Meisterschaft. Die Geschichte des Fußballs in Deutsch-land, Göttingen 2003 [im Folgenden: Grüne (2003)], S. 21.
83 Vgl. Eisenberg, Christiane: „English Sports“ und deutsche Bürger. Eine Gesellschaftsgeschichte 1800-1939, Paderborn 1999 [im Folgenden: Eisenberg (1999)], S. 180 f., und Heinrich (2000), S. 26 f.
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nicht zugelassen. Die Herren dünken sich zu fein, mit einem ‘gewöhnlichen’ Arbeiter im Spiele sich zu tummeln, sie vergeben sich dann etwas.“ 84
So auch im Westen Deutschlands: 1892 gründeten Oberschüler in Witten den ersten Fußballverein Westdeutschlands und nahmen um 1900 Schüler anderer höherer Bildungseinrichtungen auf. Es folgten weitere Vereinsgründungen durch die bürgerlichen Schichten des Ruhrgebiets, u. a. der Duisburger SpV, Schwarz-Weiß Essen und SuS Schalke 96. Bis in die 1920er Jahre dominierten die Mannschaften dieser bürgerlichen Vereine den Spielbetrieb des WSV. Arbeitervereine spielten zu dieser Zeit noch keine bedeutende Rolle, was angesichts der finanziellen Möglichkeiten ihrer Mitglieder nicht verwundert. Plätze, Anreisen zu Auswärtsspielen und selbst Bälle waren für Arbeiter oft unerschwinglich. 85 Die Anfänge des Fußballs waren also auch im Ruhrgebiet wie in den anderen Teilen Deutschlands bürgerlich. Insgesamt gab es viele Parallelen zur englischen Entwicklung des Fußballsports, allerdings mit bedeutender zeitlicher Verschiebung und deutschen Besonderheiten. Es hatte ungleich länger gedauert, bis sich deutsche Arbeiter überhaupt für Sport interessieren konnten, denn der deutschen Arbeiterklasse ging es im Vergleich zur englischen lange bedeutend schlechter: Sie hatte weniger Geld und noch weniger Zeit zu spielen. Zudem schreckte der körperliche Aspekt des Spiels ab, denn Arbeiter durften wegen ihrer Abhängigkeit vom Arbeitsplatz keine Verletzungen riskieren. Auch waren andere Formen der körperlichen Ertüchtigung in der Arbeiterklasse beliebter: Viele bevorzugten die Angebote der Arbeiterkulturbewegung oder der Deutschen Turnerschaft, in denen das billigere Turnen angeboten wurde. 86
3.2.1 Die Kontroverse zwischen Fußball und Turnen
Von Anfang an hatte der Fußballsport aufgrund seiner englischen Herkunft und seines Wettbewerbscharakters einen schweren Stand im wilheminischen Deutschland. Ein englisches Spiel mit englischen Spielausdrücken wie z. B. „match“, „goal“, „captain“ und „team“ weckte von vornherein nationale Vorurteile, denn der deutsche Imperialismus richtete sich besonders gegen die damalige Weltmacht England. Auch hatte die neue „engli-
84 Bommes,Wilhelm: Sport und Arbeiterschaft, in: FuL, Nr. 13/1912, S. 647 f. Zit. nach Heinrich (2000), S. 26.
85 Vgl. Claßen, Ludger/Goch, Stefan: Von der Fußlümmelei bis zum Massensport - Fußball im Westen bis 1945, in: Goch, Stefan/Piorr, Ralf: Wo das Fußballherz schlägt. Fußball-Land Nordrhein-Westfalen, Essen 2006, S. 17 ff., und Eisenberg (1999), S. 182.
86 Vgl. Eisenberg (1997a), S. 98 f.
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sche Modetorheit“ 87 einen mächtigen Konkurrenten, denn in Deutschland hatte sich bereits das Turnen durchgesetzt.
Der Unterschied zwischen Turnen und Fußball ist evident: Beim Turnen führen große Gruppen gemeinsam immer gleiche Bewegungen durch. Ein Vorturner oder Turnlehrer bestimmt, welche Übungen von allen ausgeführt werden. „Uniformität, Harmonie und Abstraktion“ sind die Merkmale des Turnens. Ein Herausstechen individueller Leistungen wurde strikt abgelehnt, ebenso der leistungsorientierte Wettkampf. 88 Fußball ist ein Wettspiel und ein Mannschaftssport. Mit Hilfe individueller Leistungen und der Einordnung in die Mannschaft versucht eine begrenzte Menge an Sportlern, gegen eine andere zu gewinnen. Fußball muss den Leuten damals wie eine unkontrollierte Rauferei vorgekommen sein, völlig frei vom starren Drill, in den das Turnen oft ausartete. Carl Diem, deutscher Sportfunktionär von 1908 bis 1953, definierte die Gegensätze 1914 wie folgt: „Sport heißt als Grundsatz: Ausbildung des Einzelnen zu seiner persönlichen Höchstleistung. Turnen heißt als Grundsatz: Ausbildung der Masse zu einer gewissen Durchschnittlichkeit.“ 89
Alle damaligen deutschen Institutionen - von der Kirche bis zu den Kommunen - lehnten das Fußballspiel zunächst ab, aber die deutschen Turner und hier besonders der 1868 gegründete Dachverband Deutsche Turnerschaft (DT), führten einen erbitterten Kampf gegen die „englische Krankheit“, weil der Sport die „Gewinnsucht“, die „materielle Gesinnung“ und die „Rekordwut“ fördere. 90 Auch der Mangel an Nationalgefühl wurde scharf kritisiert, und Fußball galt nicht zuletzt als ungesund, weil er ein sehr körperbetontes Spiel ist. 91 So schrieb der Stuttgarter Professor und Turnlehrer Karl Planck eine Schmähschrift mit dem Titel „Fußlümmelei: Über Stauchballspiel und englische Krankheit“, in der er den Fußtritt als „ein Zeichen der Wegwerfung, der Geringschätzung, der Verachtung, des Ekels, des Abscheus [...]“ verdammte. Weiter würde „das Einsinken des Standbeins ins Knie“ den Menschen zum Affen erniedrigen. Natürlich wurde die englische Herkunft besonders gebrandmarkt: „Ei, so sieh ihn doch an, den feuchtohrigen Laffen, wie er mit seinen bunten, frisch aus Albion geholten Flicken und dem breitesten englischen Bulldoggengesicht dem erstaunten Repsbauern sein „half-time“, „Full-backs“, „scrummage“ entgegen- 87 Beyer,Bernd-M.: Walter Bensemann: Kosmopolit des Fußballs, in: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, S. 20.
88 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, S. 9.
89 Diem, Carl: Friede zwischen Turnen und Sport, Leipzig/Berlin, S. 8. Zit. nach Court, Jürgen: Der Begriff des Fußballs in der frühen Sporthistorie - eine wissenschaftstheoretische Analyse des Streits zwischen ‘Turnen’ und ‘Sport’ (1900-1913), in: Pyta, S. 37.
90 Zit. nach ebd., S. 36.
91 Der eigentliche Grund der erbitterten Gegnerschaft der Turner war, dass sie die entstehende Konkurrenz und den daraus resultierenden eigenen Bedeutungsverlust fürchteten. Vgl. Heinrich (2000), S. 21 ff.
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fletscht! Wer das mit ansehen muß, dessen Geduld ist „out“, er macht einen wütenden „try“, den ganzen Fußball-“match“ und „matsch“ mit einem „Kick“ in die Luft zu sprengen.“ 92
Für die Fußballer war es sehr schwer, sich gegen solche Anfeindungen zu wehren, denn die DT war eine mächtige Organisation. 1900 hatte sie bereits 648.000 Mitglieder in 6.500 Vereinen. Den DFB gründeten im selben Jahr hingegen lediglich 60 Vereine. 93 Die DT war aus der deutschen Turnbewegung hervorgegangen, die ihren Ursprung in der nationalen Bewegung gegen die napoleonische Besatzung hatte. Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) gilt als Initiator des Turnens in Deutschland. „Turnvater“ 94 Jahn machte die geschwundene Kraft des Volkstums und die fehlende körperliche Ertüchtigung für die Niederlage Preußens gegen die ihm verhassten Franzosen verantwortlich. 95 Um den Widerstand zu organisieren und seine Idee des Volkstums zu verbreiten, führte er das „vaterländische Turnen“ ein. Ziel waren die nationale Erziehung und der Aufbau eines Volksheeres. 96 Die französische Besatzung endete 1815. Als nach dem Wiener Kongress 1814/15 39 deutsche Staaten einen Deutschen Bund bildeten, war die Idee eines deutschen Staates gescheitert. Das „vaterländische Turnen“ Jahns sollte nun Wehrertüchtigung für die nationale Revolution sein, die Jugend sollte „zum künftigen Kampf für das Vaterland“ 97 aufgerüstet werden. Die einzelnen Fürsten verboten daher das Turnen 1820 durch eine preußische Kabinettsorder. 1842 wurde die sog. „Turnsperre“ wieder aufgehoben. Jetzt sammelten sich in der Turnbewegung alle fortschrittlichen Kräfte, um die Idee von Freiheit und Einheit zu verbreiten. So waren an der Revolution 1848/49 viele Turner beteiligt. Viele überzeugte Republikaner mussten schließlich Deutschland verlassen. 98 Die Turnbewegung verabschiedete sich in den Folgejahren von ihrer Rolle als progressiver Vorreiter für demokratische Ziele und
92 Planck, Karl: Fußlümmelei. Über Stauchballspiel und englische Krankheit, Stuttgart 1898, S. 6 f und 40.
93 1904 waren 194 Vereine und 9.317 Mitglieder im DFB organisiert. Vgl. Eisenberg (1999), S. 129, und Grüne, Hardy: 90 Jahre deutscher Liga-Fußball, Kassel 1995, S. 40.
94 Grüne (2003), S. 78.
95 Vgl. Stumpf, Wolfgang: Friedrich Ludwig Jahn in seiner Zeit: Vom ancien régime zur bürgerlichen Revolution und nationalen Demokratie, in: Ueberhorst, Horst (Hrsg): Friedrich Ludwig Jahn 1778/1978, München 1978 [im Folgenden: Ueberhorst (1978)], S. 34 ff. Jahns rassistische und antisemitische Ansichten gegen alles Nichtdeutsche trugen wesentlich dazu bei, das deutsche Nationalbewusstsein zu verengen. Seine Idee des Volkstums verbreitete er auch als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt. Vgl. Ueberhorst, Horst: Der Volkstumsgedanke bei Jahn, in: Ueberhorst (1978), S. 52 f. und 55.
96 Ueberhorst, Horst: Jahn als Wegbereiter, Ideologe und Popularisator des Turnens [im Folgenden: Ueber-horst (1978a)], in: Ueberhorst (1978), S. 60.
97 Aussage Jahns im Verhör zu Spandau 1819. DZA Merseburg, Rep.77, Tit. XXII, in: Schröder, W.: Das Jahnbild in der deutschen Turn- und Sportbewegung, Leipzig (Dissertation) 1958, S. 118. Zit. nach ebd., S. 62.
98 Vgl. ebd., S. 59-72.
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beteiligte sich aktiv an der „preußisch-militärischen Revolution von oben“ 99 . Die 1868 gegründete DT war zu diesem Zeitpunkt bereits durch und durch monarchistisch, nationalistisch und militaristisch, in ihren Schriften hob sie immer wieder den völkischen Gedanken Jahns hervor. Den deutsch-französichen Krieg von 1870/71 sah die DT als „Bewährungsprobe turnerischer Zucht und Willenskraft.“ In der Folge unterstützte die DT Bismarck in seiner sozialistenfeindlichen und Kaiser Wilhelm II in seiner imperialistischen Politik. Viele Turner aus der Arbeiterschaft verließen daraufhin die DT und gründeten einen eigenen deutschen Arbeiterturnerbund (siehe Kapitel 4.3.2.1). 100 Unter Edmund Neu-endorff, von 1921 bis 1933 Jugendwart der DT und ab 1933 ihr Vorsitzender, bekannte sich die DT 1933 zu Hitler und ging in der nationalsozialistischen Bewegung auf. 101 Die DT war von Anfang an eine politische Bewegung, die stolz ihren Beitrag zur kulturellen Nationbildung Deutschlands hervorhob. 102 Ihren Vorwurf, Fußball sei „undeutsch“, wollten die Fußballer nicht auf sich sitzen lassen. Als erstes bemühte sich Konrad Koch nachzuweisen, dass Fußball kein „englisches“ Spiel war, dann wurden die englischen Begriffe verbannt - z. B. wurde aus dem „captain“ der „Führer“ usw. -, und der DFB gab sich den Wahlspruch „Für’s Vaterland ist’s, wo wir zu spielen scheinen“. Der DFB teilte den aggressiven Nationalismus der DT, betonte aber im Gegensatz zur DT, unpolitisch zu sein - er kreierte den Nimbus des unpolitischen Sports. 103
Diese Ambivalenz ist der Tatsache geschuldet, dass zwei wesentliche innerverbandliche Konflikte den DFB seit seiner Gründung begleiteten. Erstens war der DFB zunächst kein sehr mächtiger Verband, denn die einzelnen Regionalverbände betonten stets ihre Souveränität, und zweitens gab es zwei gegensätzliche politische Strömungen innerhalb seiner Führungselite. Die Mehrheit der DFB-Funktionäre war deutsch-national, es gab auch aber auch eine internationalistische und liberale Strömung. Sehr anschaulich lässt sich das an-hand der zwei Persönlichkeiten Professor Dr. Ferdinand Hueppe und Walter Bensemann skizzieren. Hueppe wurde der erste Vorsitzende des DFB. Als Hygieneprofessor vertrat er
99 Schulze-Marmeling (2000), S. 63.
100 Vgl. Ueberhorst (1978a), S. 73-79.
101 Vgl. Teichler, Hans Joachim: Internationale Sportpolitik im Dritten Reich, Schorndorf 1991 [im Folgenden: Teichler (1991)], S. 23. Bereits seit 1919 betrieb Neuendorff eindeutig antisemitische Hetze. Vgl. ebd.
102 Vgl. Krüger, Michael: Die Bedeutung der Deutschen Turnfeste des Reichsgründungsjahrzehnts, in: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports, Heft 1 (1995), S. 18-20.
103 Vgl. Koch, Konrad: Die Geschichte des Fußballs im Altertum und in der Neuzeit, Berlin 1894 (Reprint, o. O., o. J.), S. 5-9. „Das häßliche Fremdwort „Goal“ […] ersetzen wir […] durch „Tor“.“ Koch, Konrad: Deutsche Kunstausdrücke des Fußballspiels [im Folgenden: Koch (1905)], in: Deutscher Fußball-Bund (Hrsg): 1. Deutsches Fußball-Jahrbuch 1904-05, Berlin 1905, S. 141 und Heinrich (2000), S. 29. Vgl. auch Hopf (1998a), S. 55.
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rassistische und antisemitische Thesen und war ein deutscher Nationalist. 104 Walter Bensemann war ein großer Fußballliebhaber. So gründete und förderte er diverse Fußballvereine. Der erste süddeutsche Fußballverein geht auf seine Initiative zurück. Bensemann sah im Fußball ein Mittel, Klassengegensätze zu überwinden und die internationale Völkerverständigung zu fördern. So stellte er die erste deutsche Mannschaft zusammen, die in Paris gegen den französischen Meister spielte. Seine vielfältigen Bemühungen stießen auf herbe Ablehnung innerhalb des DFB. 105
Die Mehrheit der DFB-Funktionäre pries den militärischen Nutzen des Fußballs. Ein „Stahlbad für Leib und Seele“ 106 sei der Sport und der Wettkampf „ein kleines Manöver“ 107 . Die Anerkennung für diese militaristische und nationalistische Gesinnung erhielt der Fußball von Kronprinz Wilhelm. Dieser stiftete 1909 den „Kronprinzenpokal“ - den heutigen Amateurländerpokal. Der DFB und die DT waren weltanschaulich auf einer Linie. So traten beide dem paramilitärischen nationalistischen Jungdeutschlandbund bei, dessen Ziel die „Schaffung einer kriegsverwendungsfähigen Jugend“ 108 war. In der Weimarer Zeit gehörten beide der Dachorganisation des deutschen Sports, dem Deutschen Reichsausschuss für Leibesübungen (DRA), an. Trotzdem wurde der Streit zwischen Turnern und Sportlern erst von den Nationalsozialisten durch die Gleichschaltung des Sports beendet. 109 Fußball war also kein „subversives Element gegen die Deutschtümelei, den deutschen Militarismus und die deutsche Autoritätsfixiertheit“. 110 Eine andere im folgenden zu überprüfenden Ansicht besagt, dass „die zentralen Elemente des Spiels (körperliche Leistung, Ausdauer, männliche Härte und eben auch Glück) […] zentrale kulturelle Orientierungen der Arbeiterklasse“ repräsentierten. 111 War der Fußball also deshalb ein spezifischer Teil der Arbeiterkultur?
3.2.2 Die Popularität des Fußballs in der Arbeiterschaft - Volkssport Fußball
Wie bereits erläutert war Fußball bis vor dem 1. Weltkrieg eher eine Sportart der bürgerlichen Mittelschichten, vornehmlich des Bildungsbürgertums, denn die meisten deutschen
104 Vgl. Grüne, Hardy: Anpfiff im Kaiserreich, in: Schulze-Marmeling Dietrich (Hrsg.): Die Geschichte der Fußballnationalmannschaft, Göttingen 2004 [im Folgenden: Schulze-Marmeling (2004)], S. 18 ff, und Schnitzler, Thomas: Fußball und Rassenhygiene - Der DFB-Gründungspräsident Ferdinand Hueppe, in: Bouvier, S. 96 ff.
105 Vgl. Beyer, 20 f.
106 Koch, S. 141.
107 Von Hülsen, Dietrich: Fußballsport und Wehrfähigkeit, in: Deutscher Fußball-Bund (Hrsg): Deutsches Fußball-Jahrbuch 1912, S. 26. Zit.nach Heinrich (2000), S. 38. Vgl. Beyer, S. 20.
108 Heinrich (2000), S. 39. Vgl. Grüne (2003), S. 63.
109 Vgl. Krüger (2009), S. 109.
110 Schulze-Marmeling (1992), S. 93.
111 Vgl. Paris, Rainer: Fußball als Interaktionsgeschehen, in: Lindner (1983), S. 155.
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Fußballer waren im Sportunterricht der höheren Schulen mit Fußball in Kontakt gekommen. 112 Daher spielte Fußball für die deutsche Arbeiterschaft lange Zeit gar keine Rolle: Sie kam mit der Sportart schlichtweg einfach nicht in Berührung. Das sollte sich während des Ersten Weltkrieges ändern.
Fußball war bereits 1910 Bestandteil der militärischen Ausbildung geworden. Damit trug das Militär den veränderten Bedingungen der gewandelten Kriegsführung Rechnung. „Individuelle Initiative“ und „kollektives Zusammenspiel“ waren die neuen Anforderungen an Soldaten. 113 Den Beweis seiner Nützlichkeit für das Militär erbrachte die neue Sportart während des Ersten Weltkrieges: In den Kampfpausen des „modernen“ Stellungskrieges entstanden eigene Mannschaften, die zur Unterhaltung und Hebung der Moral der Truppe, aber auch der Zivilbevölkerung gegeneinander antraten. Die Militärführung erkannte diese Vorteile und setzte das Spiel vermehrt als Unterhaltungs-, Trainings- und Ablenkungsprogramm ein. Es gab im Verlauf des Weltkrieges verschiedene Kompanie- und Regimentsmeisterschaften. 114 So lernten viele Soldaten - unter ihnen viele Arbeiter - das Spiel kennen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Fußball nach dem Krieg an Popularität gewonnen hatte. Viele neue Interessenten und überlebende Fußballspieler kamen zusammen, um den Spielbetrieb wieder aufzunehmen. Waren 1914 knapp 190.000 Fußballer im DFB organisiert, bezeugen die 470.000 Mitglieder des Jahres 1920 - trotz der vieler Gefallenendie enorme Popularisierung des Spiels durch den Krieg. 115
Der Fußballsport war also bereits zu Beginn der Weimarer Republik sehr beliebt und wurde Teil einer „milieuübergreifenden Freizeitkultur“. Man konnte das Spiel gemeinschaftlich fast überall mit geringer Ausrüstung betreiben, und sein Wettkampfcharakter begeisterte die Zuschauer. 116 Die verpönte Randsportart des Kaiserreichs wurde innerhalb weni-
112 Auchdie Berufszugehörigkeit der 89 Nationalspieler der Jahre 1908 bis 1914 legt diese Annahme nahe: 49,4 % waren Angestellte, - davon mehr als die Hälfte Kaufleute, Bankbeamte, Einkäufer und Reisende -20,2 % Beamte, 10,1 % waren Unternehmer oder übten freie Berufe aus. Lediglich 13,5 % waren Arbeiter und Handwerker. Vgl. Eisenberg, Christiane: Vom „Arbeiter-“ zum „Angestelltenfußball“? Zur Sozialstruktur des deutschen Fußballsports 1890-1950, in: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports, Heft 3 (1990) [im Folgenden: Eisenberg (1990)], S. 22.
113 Vgl. Koller, S. 35. Die auch heute noch geläufigen Begriffe wie „Deckung“, „Schuss“, Flanke“ entstanden in dieser Zeit. Eisenberg (1997a), S. 101.
114 Vgl. Eisenberg (1997a), S. 103 f. Vgl. Hering, Hartmut (Hrsg.): Im Land der tausend Derbys. Die Fußball-Geschichte des Ruhrgebiets, Göttingen 2002, S. 48.
115 Vgl. Heinrich, Arthur: Weißt du noch - damals, Kamerad? 100 Jahre Deutscher Fußballbund, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 2/2000 [im Folgenden: Heinrich (2000a)], S. 217. Den Zuwachs an Mitgliedern sieht Eisenberg eher in einer weiteren Zunahme der Gruppe der Angestellten begründet. Vgl. Eisenberg (1990), S. 24-28.
116 Claßen/Goch, S. 25. Vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur und Sozialgeschichte des modernen Fussballs, Zürich 2002, S. 47 ff.
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