1. Einführung
Seit Jahrtausenden setzt der Mensch sich mit dem Tod auseinander. Nicht nur sind Religionen ein Ausdruck dieser Auseinandersetzung, sondern sie bildet auch beispielsweise eine Grundlage für Fragen der Medizin, der Biologie und, was für mich von besonderer Relevanz ist, der Philosophie. In diesem letzteren Bereich hat Ernst Tugendhat mit dem Buch „Über den Tod“ den Versuch unternommen, einem festgefahrenen Diskurs neuen Aufwind zu verleihen. Diesen Aufwind werde ich mir im Folgenden zunutze machen und auf einige seiner Thesen antworten.
2. Ernst Tugendhats Auffassung von Todesfurcht
Tugendhat unterscheidet drei Arten, auf die der Mensch dem eigenen Tod begegnen kann. Zum einen benennt er die vegetative Todesangst, die einen im Angesicht des Todes befällt und sich unter anderem in einem „Zittern“ und „erhöhte[r] Herztätigkeit“ äußert. Sie ist unbestimmt, im Gegensatz zur Furcht vor dem Tod, „die Furcht vor einem klar definierten Ereignis ist“. Die dritte Art ist das Bewusstsein, dass „wir irgendeinmal sterben werden“. 1 Diese Arten als Arten zu bezeichnen, auf die der Mensch dem Tod begegnen kann, ist problematisch und Tugendhat tut das auch nicht. So kann man den Tod durchaus auch mit offenen Armen empfangen, was ebenfalls in gewisser Weise eine Art ist, dem Tod zu begegnen, und dessen ist Tugendhat sich bewusst. Ich habe diese problematische und provisorische Bezeichnung gewählt, denn Tugendhat trifft diese Unterscheidung ohne von Arten zu sprechen oder einen Oberbegriff für alle drei festzulegen. Möglich wäre der Oberbegriff „Bewusstsein des eigenen Todes“, also der Umstand, dass man vom je bevorstehenden Tod weiß. Allerdings scheu ich mich davor, die vegetative Todesangst als eine Form von Bewusstsein anzusehen. Tugendhat hat das möglicherweise, ich lese die vegetative Todesangst aber als instinktive Reaktion auf den drohenden Tod. Dafür spricht, dass Zittern und ein erhöhter Pulsschlag eben keine bewussten Reaktionen auf den Tod sind. Mit dieser Unterscheidung bewaffnet stellt Tugendhat sich der Frage, warum wir den Tod fürchten. Hierbei kommt er zu folgender Antwort:
1 Ernst Tugendhat, Über den Tod, Suhrkamp, Frankfurt/ Main 2006 (S. 7-58), S. 16.
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1. Wir fürchten uns dann vor dem baldigen Tod, wenn wir erkennen, dass unser Leben unserer Ansicht nach nicht sinnvoll von uns gelebt wurde und wir nun unsere letzte Chance verlieren, unserem Leben mehr Sinn zu geben.
2. (Dies scheint mir 1. kausal zu verursachen.) Im Angesicht des Todes werden unsere menschlichen Maßstäbe zurechtgerückt. Während des Lebens empfinden wir uns selbst als Zentrum dieses Lebens, wenn wir zu streben glauben, wird uns jedoch bewusst, dass wir nur Teil der Welt sind und nicht ihr Zentrum.
Wichtig ist zunächst die These, dass Todesfurcht zumindest in dieser Form nur erfahren werden kann, wenn der Tod in absehbarer Zeit stattfindet oder wir dies wenigstens vermuten. Wir fürchten uns vor dem Tod jetzt. 2 Diese Ansicht vertritt Tugendhat, weil der Tod zunächst einmal nicht immer ein Übel bzw. etwas zu fürchtendes ist und das Leben nicht immer ein Gut. Deshalb können wir uns nicht davor fürchten, irgendwann zu sterben, sondern nur davor, zu einem spezifischen Zeitpunkt zu streben.
Nach Tugendhat müssen wir uns während unseres Lebens als Zentrum der Welt auffassen, weil wir nur so den Willen aufrecht erhalten können, weiterzuleben. Warum das Zurechtrücken der Maßstäbe im Angesicht des Todes erfolgt, erklärt Tugendhat nicht wirklich. Ein Ansatz lässt sich aber schnell finden. In unserem Leben benötigen wir, um diese Leben aufrechtzuerhalten, die Auffassung, dass wir das Zentrum der Welt sind. Wenn wir sterben, das Leben also nicht mehr selbständig aufrechterhalten können, brauchen wir diese Selbstzentrierung nicht mehr, denn sie kann uns nicht länger helfen. Offen bleibt hierbei aber immer noch ein spezifischer Auslöser dafür, dass die Maßstäbe zurechtgerückt werden. Dass wir etwas nicht brauchen, heißt noch nicht zwangsläufig, dass wir es verlieren.
3. Eigene Auseinandersetzung mit dem Konzept der Todesfurcht
3.1 Der Einwand gegen die Annahme, dass Todesfurcht nur im Bewusstsein eines baldigen Todes empfunden wird
Man kann sich auch vor dem Tod in einem Zeitraum von 50 bis 60 Jahren in der eigenen Zukunft fürchten. Es ist zwar möglich zu sagen, dass man sich fürchtet vor dem Tod jetzt, wenn man jetzt 50 Jahre älter wäre und so einen Rettungsversuch Tugendhats zu starten. Trotzdem hat man dann aber noch nicht den eigenen baldigen Tod vor Augen, sondern meint zumindest von einem weit entfernt liegenden Todeszeitpunkt auszugehen. An dieser Stelle könnte man die Frage behandeln, wie sehr
2 A.a.O., S. 36.
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man sich Nähe von und Distanz zu dem Tod tatsächlich bewusst machen kann, wenn man diese Nähe oder Distanz annimmt, nicht aber glaubt, dass die Nähe oder Distanz der Fall ist. Ich weiß momentan allerdings nicht, wie ich mich dieser Frage nähern soll und lasse sie daher (auch weil sie nur bedingt relevant ist) fallen. Stattdessen möchte ich erklären, warum ich der Ansicht bin, dass wir uns auch vor dem Tod in sicherer Entfernung fürchten können.
Wir halten die Auslöschung unserer eigenen Person für etwas zumindest teilweise grausames. Nichts anders (vermuten wir) geschieht, wenn wir sterben. Und wenn wir uns vor allem grausamen fürchten (das legt der Wortstamm nahe, denn schließlich graust uns vor grausamem), dann fürchten wir uns folglich auch vor dem Tod.
Wir nehmen also an, dass unser Tod das Auslöschen unserer eigenen Person bedeutet. Außerdem können wir uns bewusst machen, dass wir am Ende unseres Lebens sterben. Dann können wir uns auch, in einem gewissen Rahmen zumindest, bewusst machen, dass irgendwann unser Bewusstsein ausgelöscht wird. Nur in einem gewissen Rahmen können wir das, weil wir uns, so scheint mir, nicht genau vorstellen können, wie es ist, wenn unser Bewusstsein nicht mehr ist. Wir können uns folglich nicht wirklich einen zeitlichen Ablauf des Erlöschens unseres Bewusstseins vorstellen, sondern nur den Teil der Abfolge, in dem unser Bewusstsein noch vorhanden ist. Wir haben aber auch etwas, das wir zumindest für eine Ahnung vom Tod eines bewussten Lebewesens halten, nämlich traumlosen Schlaf und die Erfahrung, das Bewusstsein verloren zu haben (wobei mir scheint, dass jeder Mensch mit einer Lebensspanne von mehreren Jahren zumindest einen der beiden Fälle erlebt hat).
3.2 Todesfurcht als Furcht vor dem endgültigen Bewusstseinsverlust
Man könnte jetzt zu der Vermutung gelangen, dass wir uns vor dem Verlust unseres Bewusstseins fürchten. Dann wären wir glücklich, wenn wir es schafften, unser Bewusstsein irgendwie zu erhalten. Das aber ist keineswegs der Fall. Ein Bewusstsein ohne Körper, um mit der Umwelt zu interagieren, und ohne Sinne, um diese Welt überhaupt wahrzunehmen, das scheinen mir keine in Betracht zu ziehenden Alternativen zu sein. Vielmehr scheint in einem solchen Fall der Wunsch nahezuliegen, dem Leben selbst ein Ende zu bereiten (was natürlich nicht geht, wenn man mit seiner Umwelt nicht interagieren kann, aber letztlich handelt es sich hierbei nur um ein Gedankenspiel). Die Furcht davor, unser Bewusstsein endgültig zu verlieren, ist nicht der alleinige Grund, aus dem wir Todesfurcht empfinden, aber diese Furcht kann Teil der Todesfurcht sein. Es lässt sich allerdings auch daran zweifeln, ob wir eine eigenen Persönlichkeit, ein Sich-seiner-
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Arbeit zitieren:
Tobias Tegge, 2011, Einwände und Ergänzungen zu Tugendhats Konzept der Todesfurcht, München, GRIN Verlag GmbH
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