Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Zum Diskursbegriff 5
2.1. Die Methode der kritischen Diskursanalyse. 9
2.2. Fazit zur Methodik der Diskursanalyse. 12
3. Die Kohärenz der Motive - oder: Die Frage nach den Diskursen. 13
4. Eine Makroanalyse des Nibelungenliedes. 17
5. Höfisches und archaisches im Nibelungenlied. 22
5.1. Merkmale des christlich-höfischen Diskurses. 22
5.2. Merkmale des archaisch-heroischen Diskurses. 25
6. Figurenkonzeption Hagens. 28
6.1. Namensgebung und literarische Wurzeln. 28
6.2. Verwandtschaftliche Beziehungen. 29
6.3. Äußere Merkmale. 31
6.4. Hagen als Modell: Ein Muster an Heldenepik? 34
7. Szeneanalysen I. 37
7.1. Kriemhilds Warnträume. 37
7.1.1. Der Falkentraum. 38
7.1.2. Der Wildschweintraum. 39
7.1.3. Der Bergetraum. 40
7.2. Siegfrieds Ankunft in Worms. 41
7.2.1. Siegmunds Warnung vor Siegfried. 42
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7.2.2. Ankunft und Jungsiegfriedgeschichte. 44
7.2.3. Hagen im Sachsenkrieg. 48
7.3. Isenstein. 50
7.4. Der Mord an Siegfried. 54
8. Ein Zwischenfazit. 63
9. Szeneanalysen II. 65
9.1. Kriemhild und Etzel. 65
9.1.1. Etzels Werbung. 65
9.1.2. Kriemhilds Einladung. 67
9.2. Donauepisode. 70
9.2.1. Zu Strophe 1526. 70
9.2.2. Die merewîp-Prophezeiung. 71
9.2.3. Übersetzung und Kaplanepisode 72
9.3. Am Etzelhof. 77
9.3.1. Der bewaffnete Kirchgang. 77
9.3.2. Rüdigers Schildgabe. 79
10. Fazit. 81
11. Primärliteratur. 83
12. Sekundärliteratur. 83
13. Anhang. 87
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1. Einleitung
Die Figur Hagens von Tronje ist in der Nibelungenliteratur eine der umstrittensten Figuren. Der Grund dafür liegt in der Widersprüchlichkeit der Gesamtkonzeption dieser Gestalt, wie das obige Zitat bereits andeutet. Auf der einen Seite steht 'der Ritter' Hagen, der wichtiger Bestandteil der höfischen Welt zu Worms ist. Andererseits begegnet man immer wieder einem ganz unhöfischen Hagen, dessen Taten in keinster Weise einem Ritter anstünden. Wie können diese Widersprüche aber in einer einzigen Figur verbunden sein? War der Dichter ein Dilettant? Sind verschiedene Vorlagen schuld an diesen Spannungen? Oder wollte der Dichter seinen Hörern beide Seiten vorführen, um seine gesellschaftskritische Aussage in sein Werk hineinzuweben? Oder aber: Ist es vielleicht gar kein Widerspruch, lässt sich die Ambivalenz in dieser Hagenfigur vielleicht durch Regeln begründen, greifbar machen?
Auf jene Fragen möchte diese Arbeit versuchen Antworten zu finden. Bevor jedoch die eigentliche Thematik behandelt werden kann, soll zunächst ein kurzer Vorspann zur Theorie und zur Untersuchungsmethodik erfolgen. Hierbei ist besonders auf den Begriff des Diskurses einzugehen und einige wichtige Diskurstheoretiker vorzustellen. Es wird dabei kein Anspruch auf Vollständigkeit gelegt werden, da das nicht dem Erkenntnisziel dieser Arbeit entspräche. Stattdessen sollen einzelne Aspekte und Methoden, die für die Untersuchungsziele von Bedeutung sind, herausgegriffen und skizziert werden.
In einem ersten Schritt soll zunächst die Kohärenz des Textes untersucht werden; damit geht die grundlegende Frage einher, ob die im Nibelungenlied anzutreffenden Diskursstränge sinnhaft, reflektiert eingesetzt sind, oder, ob der Dichter bei der Schaffung seines Epos grobe Brüche in der Struktur desselbigen zugelassen habe, wodurch ein neben- und übereinander verschiedener Diskursstränge eher 'Unfall' oder unbeabsichtigte 'Collage' denn Sinnstruktur
1 Haymes: Nibelungenlied. S. 99.
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wäre. Im nächsten Schritt beginnt die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Nibelungenlied. Dabei werde ich mich entsprechend der diskursanalytischen Praxis vom Groben zum Feinen vorarbeiten: Zunächst bedarf es einer Analyse der Entstehungsgeschichte des Nibelungenliedes, um den sozio-kulturellen Hintergrund zu durchleuchten und dabei eventuell auch die Frage zu klären, inwiefern eine gesellschaftskritische Aussage durch die Ambivalenz Hagens überhaupt postuliert sein könnte.
Daraufhin gilt es die Existenz und die Beschaffenheit der beiden Diskursstränge im Nibelungenlied generell nachzuweisen, und schließlich sich der Hagenfigur strukturell zu nähern, indem einige konzeptionelle Aspekte querschnittartig durch das Nibelungenlied verfolgt werden sollen. Den größten Teil der Arbeit werden schließlich die Analysen einiger ausgewählter, repräsentativer Szenen aus dem Nibelungenlied einnehmen, an Hand derer die Zugehörigkeit Hagens zu einem jener diskursiven Systeme, oder aber eine Begründung für die eventuell vorzufindende Ambivalenz in der Hagendarstellung gefunden werden soll.
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2. Zum Diskursbegriff
Der Begriff des Diskurses ist selbst einem langen wissenschaftlichen Diskurs unterworfen worden. Verschiedene Wissenschaften haben ihn ihren Vorgehensweisen gemäß interpretiert, und auch innerhalb der einzelnen Wissenschaften herrscht keineswegs Klarheit über das, was man unter einem Diskurs, bzw. einer Diskursanalyse verstehen soll. Daher ist es zunächst unabdinglich, sich einen kurzen Überblick zu verschaffen, um schließlich zu einem sinngemäßen Diskursbegriff und zu einer praktikablen, dem Gegenstand angemessenen, analytischen Vorgehensweise zu gelangen.
Der Begriff "Diskurs", vom lat. discursus - das Hin- und Herlaufen, der Streifzug, meint in seiner ursprünglichen Bedeutung eine systematische Arbeit zu einem bestimmten Thema. 2 In der Linguistik begann man kohärente Texte als Diskurse zu bezeichnen, sie beispielsweise strukturalistisch zu analysieren und dadurch die Sprachfunktionen des Diskurses zu ermitteln. 3
Anders wurde der Begriff in die Terminologie der Philosophie eingeführt, wo er besonders mit der sog. Frankfurter Schule und Jürgen Habermas in enger Verbindung steht: Habermas versteht unter einem Diskurs, beziehungsweise einer Diskursanalyse, den psychoanalytischen Ansatz einer Gesprächsanalyse, 4 wobei das Gespräch, also der Diskurs, als ungezwungene, auf Konsens abzielende Debatte über den Geltungsanspruch von Normen verstanden wird. 5 Habermas gesteht dem handelnden Subjekt dabei Souveränität gegenüber dem Diskurs zu, d.h. dass das der Handelnde den Diskurs konstituiert, und nicht dem schon präexistenten Diskurs unterworfen ist. 6
In den Geschichts-, Literatur- und Sozialwissenschaften bezeichnet ein Diskurs ein "System des Denkens und Argumentierens" 7 das durch einen Bezugsgegenstand, durch die "Regulari- tätender Rede" 8 und durch "Relationen zu anderen Diskursen" bestimmt ist." 9 Oder einfa-
2 Winko:Diskursanalyse. S. 463.
3 Winko: Diskursanalyse. S. 464.
4 Link/Link-Heer: Diskurs. S. 88 f.
5 Winko: Diskursanalyse. S. 464.
6 Link/Link-Heer: Diskurs. S. 89.
7 Titzman 1991, S. 406 nach Winko S. 464 unten, wegen Zitation noch mal checken!
8 Ebd.
9 Ebd.
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cher, nach Foucault: Ein Diskurs ist eine beliebige Anzahl von Aussagen 10 , die einem gemeinsamen Formationssystem angehören. 11 Innerhalb dieser literaturwissenschaftlichen Terminologie lassen sich erneut verschiedene Richtungen unterscheiden, die drei große Gruppen bilden: Die semiotisch-philosophische Richtung, die Diskursanalyse als dekonstruktiven Ansatz versteht, die linguistisch-psychologische Richtung, die versucht Diskurse psychologisch zu durchdringen, und schließlich die historisch-genealogische Richtung . 12
Für die folgende Umsetzung wird besonders der historisch-genealogische Ansatz von Bedeutung sein; dies liegt besonders daran, dass zur Analyse mittelalterlicher Texte keine geisteswissenschaftlichen Modelle späterer Zeiten auf Vergangenes rückbezogen werden dürfen: Wenn also die Herrschaftsdiskurse um Hagen von Tronje analysiert werden sollen, können darauf keine psychologischen Analysetheorien bezogen werden, da diese bei der Abfassung des Nibelungenliedes noch für viele Jahrhunderte nicht bekannt waren und somit auch eine Psychoanalyse wenig Sinn ergeben würde. 13 Da für die Betrachtung des Nibelungenliedes besonders die Diskursanalyse nach historisch-genealogischen Standards Sinn ergeben wird, soll diese , besonders von Michel Foucault beeinflusste Theorie, nun kurz umrissen werden:
Es ist zu beachten, dass Foucault, als er in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahr-hunderts seine Diskurstheorien abfasste, nicht primär die Literatur im Zentrum seines Interesses stand. 14 Ferner ist noch einmal zu betonen, dass hier keine vollständige Analyse seiner Theorien erfolgen kann: Im Laufe seines produktiven wissenschaftlichen Lebens lassen sich drei Phasen unterscheiden, 15 in denen er vorhergehende Theorien überarbeitete und zum Teil revidierte. 16 Es sollen hier nur einzelne Aspekte dargelegt werden, wie sie für die weitere Analyse und die Untersuchungsziele dieser Arbeit für sinnvoll erachtet werden.
Für Foucault bestehen Diskurse sowohl aus den Aussagen des Diskurses, als auch aus den Bedingungen, in denen dieser Diskurs sich entwickelt hat; beides gilt es zu untersuchen. 17 Ein
10 Nicht nur Sprechakte oder Worte stellen dabei für Foucault eine Aussage dar, sondern alle funktionstragen den Elemente eines Diskurses - also auch Nonverbales. Vgl. Landwehr: Geschichte des Sagbaren. S. 111.
11 Kammler: Diskursanalyse. S. 38.
12 Winko: Diskursanalyse. S. 465.
13 Schulze: Nibelungenlied. S. 254.
14 Kammler: Diskursanalyse. S. 50.
15 Winko: Diskursanalyse. S. 469.
16 Oder um mit den eloquenten Worten Kammlers zu sprechen: "Da Foucault selbst nie den Anspruch erhoben hat, ein homogenes Theoriegebäude zu entwickeln, [...] ist es nur legitim, wenn ihn die Literaturwissenschaft in einer selektiven und teilweise eklektizistischen Weise rezipiert." Kammler: Diskursanalyse. S. 44.
17 Winko: Diskursanalyse. S. 468.
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Diskurs entsteht und entwickelt sich dabei nicht selbstständig, sondern er wird gegenüber anderen Diskursen abgegrenzt und in sich reguliert. Dieser Vorgang geschieht Foucault zu Folge durch das Einwirken von sozialen Machtverhältnissen, von sog. Praktiken der Macht. 18 Die machtstrategische Verbindung von Diskursen mit reellen, nicht diskursiven Praktiken, bezeichnet Foucault als Dispositive. 19 Somit hat Foucault keine systematische Analyseverfahren des literarischen Diskurses entwickelt, sondern hat sich viel mehr als für die Literatur per se, für die in ihr auffindbaren und rekonstruierbaren Machtmechanismen und die daraus resultierenden Herrschaftsdiskurse interessiert. 20 Ein sehr treffendes Beispiel für die negativ ausschließende Macht eines Diskurses fanden Link/Link-Heer, als sie ausführten, dass der medizinische Diskurs des 19. Jahrhunderts beispielsweise alle Fragestellungen ausschloss, welche nicht seinen klinischen Argumentationsmustern gehorchten; zudem schließt dieser Diskurs institutionell 21 die Diskursteilhabe aller jener Menschen aus, die nicht eine vom Diskurs vordefinierte medizinische Ausbildung vorzuweisen hatten. 22
Wie kann nun ein Diskurs die Wahrnehmung der Realität ordnen? Zunächst ist es wichtig festzustellen, dass der Diskurs von den ihn führenden Menschen prinzipiell kontrolliert und gestaltet ist, also beeinflussbar ist. 23 Foucault unterscheidet interne und externe Kontrollmechanismen, die den Diskurs bestimmen. Sie sind im Lauf der Geschichte der Diskurse und der Reflexion über sie historisch gewachsene, an sich zufällige Grenzziehungen, die sich auch historisch in ihrer Entwicklung verfolgen und nachweisen lassen. 24
Die externen Mechanismen lassen sich in drei große Felder gliedern: Das Diskursverbot, die Ausgrenzung des Wahnsinns und den Willen zur Wahrheit. 25 Das Diskursverbot realisiert sich durch das Tabu über einen Gegenstand zu sprechen, das "Ritual der Umstände" 26 , d.h. dass bestimmte Situationen es verbieten über gewisse Dinge zu sprechen, und schließlich das "ausschließliche Recht des sprechenden Subjekts" 27 - nicht jeder darf über alles sprechen, manche Diskurse werden nur ausgewählten Personen zugestanden. Die Ausgrenzung des
18 Winko: Diskursanalyse. S. 468.
19 Kammler: Diskursanalyse. S. 43.
20 Winko: Diskursanalyse. S. 469.
21 Zum sich institutionell nach außen hin abschließenden Diskurs siehe auch Foucault: Ordnung. S. 26.
22 Link/Link-Heer: Diskurs. S. 90 f.
23 Foucault: Ordnung. S. 10.
24 Foucault: Ordnung. S. 13 f.
25 Foucault: Ordnung. S. 16.
26 Foucault: Ordnung. S. 11.
27 Foucault: Ordnung. S. 11.
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Wahnsinns ist seit jeher in der menschlichen Kultur anzutreffen, denn das Wort des Wahnsinnigen hat für gewöhnlich keinen Wert, es wird ihm rechtlich keine Bedeutung zugebilligt. 28 Und schließlich der externe Kontrollmechanismus des Willens zur Wahrheit: Dieser war schon seit der Antike der entscheidende, denn er war der herrschende Diskurs, der Recht sprechen konnte, der die Zukunft vorhersah und ihre Verwirklichung erstrebte, der die Zustimmung der Menschen erhielt und sie somit auf sich verpflichtete. 29 Wie Foucault nachweist, ist der Wille zur Wahrheit der dominierende Kontrollmechanismus, der auf die anderen Zwänge und Grenzen ausübt und im Lauf der Geschichte die Bedeutung der anderen beiden immer mehr verdrängte. 30 Man sehe dies daran wie durch neue Wissenschaften das Wort des Wahnsinnigen auf einmal von Bedeutung wurde, wie die Verbote des Wortes immer weniger zu werden schienen.
Von diesen drei externen Kontrollmechanismen unterscheidet Foucault weitere interne Prozeduren, die einen Diskurs ordnen. Auch hier wieder nennt er drei Systeme: Den Kommentar, den Autor und die Disziplin. 31 Der Kommentar thematisiert einen Primärtext, ist die diskursive Aufarbeitung einen vorhandenen Diskurses, der ihn interpretiert und pointiert. 32 Unter dem Autor versteht er nicht das sprechende oder schreibende Individuum, sondern die Schnittstelle der dem Diskurs zugrunde liegenden Bedeutungen und Diskurse; der Autor schafft also gewissermaßen eine semantische Einheit aus vorhandenen Diskursen, erfüllt sie mit neuem Sinn und stiftet neue Zusammenhänge, 33 ohne dabei ein Genie oder alleiniger Urheber eines neuen Diskurses zu sein, sondern mehr der Dreh-und-Angelpunkt, das Brennglas durch das zahlreiche andere Diskurse und Variablen in sein Werk eindringen. 34 Zuletzt konstituiert sich ein Diskurs aus den vorgefundenen Regeln, Techniken und Methoden der Disziplin, der er sich zugehörig fühlt, und die er nicht missachten darf, wenn er der Disziplin zugehörig sein möchte. 35 So muss beispielsweise ein literaturwissenschaftlicher Text den Methoden und dem Vokabular der Wissenschaft versuchen zu entsprechen, damit er von ihr ernst genommen werden kann.
28 Foucault: Ordnung. S. 12.
29 Foucault: Ordnung. S. 14.
30 Foucault: Ordnung. S. 16.
31 Foucault: Ordnung. S. 18 ff.
32 Foucault: Ordnung. S. 19.
33 Foucault: Ordnung. S. 20 f.
34 Kammler: Diskursanalyse. S. 45.
35 Foucault: Ordnung. S. 22 f.
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Was ist nun aus Foucaults Diskursbegriff für die Analyse eines literarischen Textes abzuleiten? Wie bereits dargelegt wurde ist Foucaults Ziel nicht primär Literaturanalyse, er stellt hierzu ein kein unmittelbar anwendbares Handwerkszeug zur Verfügung. Für ihn hat Literatur illustrierenden Charakter, an ihr kann er diskursive Machtfaktoren nachweisen und den Wandel innerhalb der Diskurse sichtbar machen, da Literatur nicht nur aus innerdiskursiven Praxen (also beispielsweise ästhetischen Paradigmen) sondern auch aus außerliterarischen Diskursen aufgebaut ist, wie dem politischen, dem historischen oder dem biologischen Diskurs. 36 Um dieses Erkenntnisziel zu erreichen müsste ein größere Zahl von Texten mit diskursiven Schnittmengen verglichen werden, was aber nicht Ziel der hier vorliegenden Arbeit ist. Auch Fragen wie: Beeinflusst der Diskurs das Handeln der Charaktere, oder gelingt es den Charakteren, den Diskurs um sich herum nach ihrem Willen zu beeinflussen?, sind möglicherweise in Anbetracht eines mittelalterlichen Textes mit gewisser Vorsicht zu diskutieren, da die nibelungischen Charaktere über keinen 'freien Willen' oder einen echten Charakter verfügen, vielmehr als Typen für bestimmte Konzepte anzusehen sind. 37 Aber gerade weil Figuren wie Hagen auch einen ganz bestimmten Typus personifizieren, kann an ihnen dieser Typus, jener Diskurs für den sie stehen, herausgelesen werden: Hierzu wird im faucoultschen Sinne besonders auf die Ordnung der Diskurse zu achten sein, also wie beispielsweise Hagen wem gegenüber wann spricht, wer wie darauf reagieren kann und darf, und wie einzelne Charaktere in bestimmten Situationen nicht reden oder handeln dürfen, also vom Diskurs ausgeschlossen werden.
2.1. Die Methode der kritischen Diskursanalyse
Nachdem nun mit Foucault der wichtigste Theoretiker des Diskurses vorgestellt wurde, und mit Link/Link-Heer auch eine der wichtigen Sekundärarbeiten zu diesem Thema angesprochen wurde, soll nun ein konkretes literaturwissenschaftliches Methodenrepertoire aufgestellt werden. Ebenfalls von Foucaults Diskursbegriff ausgehend hat sich hier besonders Siegfried Jäger verdient gemacht, dessen kritische Diskursanalyse zunächst porträtiert werden soll.
36 Winko: Diskursanalyse. S. 469.
37 Dazu auch Backenköhler: Untersuchungen. S. 211.
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Jägers kritische Diskursanalyse ist sehr stark intratextuell geprägt, was sich in seinem Grundschema bereits niederschlägt: Diskursanalyse hat das Ziel, ein diskursives Netz zu entwirren, indem aus einem komplexen Diskurs einzelne Diskursstränge herausgearbeitet und analysiert werden. 38 Der Diskurs wird dabei als das große Themenfeld gesehen, beispielsweise wäre die Einwanderungspolitik der Diskurs, aus dem als einzelner Diskursstrang beispielsweise die Frage nach dem Umgang mit den Flüchtlingen auf Lampedusa herausgegriffen und analysiert werden könnte; in einem zweiten Schritt soll das Diskursfragment wieder in Bezug zu anderen Diskurssträngen und dem Gesamtdiskurs gesetzt werden, was eine entsprechende, in der Literatur also intertextuelle, syn- und teilweise, gerade bei historischen Themen, auch die diachrone Analyse des übergeordneten Diskurses notwendig macht. 39
Ähnlich wie Foucault ist auch Jäger darauf bedacht, kein komplettes 'Rezept' vorzulegen, sondern bemüht sich lediglich darum, einzelne Aspekte und Vorschläge zum Analyseverfahren zu offerieren. 40 Da seine Offerte vor allen Dingen zur Analyse soziokultureller, zeitgenössischer Kurztexte ausgelegt ist, wird in folgendem besonders das referiert werden, was auch für die Analyse seines mittelalterlichen Textes geeignet zu sein scheint.
Wie in jeder wissenschaftlichen Arbeit steht am Anfang die Thesenfindung, also die Festlegung auf einen zu bearbeitenden Diskursstrang. Dieser soll dann in fünf Schritten analysiert werden: Der Analyse der Makroebene, der der sprachlich-diskursiven Praxis, der Analyse des nicht-sprachlichen Textkontextes und der Mikroanalyse. Diese vier Schritte stellen die Vorarbeit für den finalen fünften Schritt dar, in dem eine systematische Zusammenstellung der Eigenschaften des Diskurses erfolgen und der Diskursstrang im Gesamtdiskurs verortet werden soll. 41
Die Analyse der Makrostruktur steht am Anfang der Beschäftigung mit dem Text, sie beinhaltet die basalen ersten Fragestellungen an den Text: Um welche Textsorte handelt es sich? Was ist der Inhalt des Textes? Wie ist er aufgebaut, gibt es wichtige Sinnabschnitte und Zäsuren? Etc. Sie dient also in erste Linie der groben Orientierung, erschließt den Text für das Erstverständnis. 42
38 Jäger: Diskursanalyse. S. 184.
39 Jäger: Diskursanalyse. S. 184.
40 Jäger: Diskursanalyse. S. 187.
41 Jäger: Diskursanalyse. S. 188.
42 Jäger: Diskursanalyse. S. 184 ff.
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Der zweite Schritt wendet sich der groben Analyse des sprachlich-diskursiven Kontextes zu. Hier soll beleuchtet werden in welcher Tradition sich der Text sieht, ob er Referenzen zu anderen oder vorgelagerten Diskursen besitzt, ob er historische Ereignisse verarbeitet oder Quellen benennt etc. 43
Im dritten Schritt soll weiterhin der Kontext des Textes betrachtet werden, allerdings dieses Mal der nicht-sprachliche. Besonders die Frage nach der Person des Autors, seinen Eigenheiten, der Frage nach dem Auftraggeber und dessen Motiven sowie auch die Verordnung der gesamten Urheberschaft in der Gesellschaft wären hier als Leitfragen herauszukristallisieren. 44
Schließlich und endlich soll im vierten Schritt der Text selbst genauestens unter die Lupe genommen werden: Gibt es eine besondere Symbolik? Anspielungen auf Vorwissen? Einer exakten Wortanalyse unter besonderer Berücksichtigung der Substantive und der mit diesen verbundenen Pronomen wird hier besonderes Gewicht beigemessen, 45 aber auch die Verben, Tempora und Zeitsprünge sind zu berücksichtigen. 46 Landwehr, der Jägers Modell versuchte für die Geschichtswissenschaft umzusetzen, geht hier auch noch besonders auf die Bedeutung der Adjektive ein, die bei Jäger etwas außen vor bleiben: Gerade Adjektive verdienen besondere Bedeutung, da sie für einen grammatikalisch korrekten Satz beinahe nie notwendiger Bestandteil sind, werden sie vom Autor als besonders bedeutungstragende, pointierende Ergänzung eingefügt, und lassen somit den Charakter der Aussage, die Zielrichtung erkennen. 47 Eine weitere sinnvolle Ergänzung Landwehrs soll hier ebenfalls bedacht werden: Die gesonderte Analyse der Rhetorik, die durch ihren persuasiven Charakter und die in ihr eingeschlossene Argumentation den Text und seine Aussageabsicht zugänglich machen kann. 48 Gerade in der Mikroanalyse wird aber auch deutlich, dass jeder Text seine Eigenheiten hat, die ein individuelles Herangehen erforderlich machen. Um mit Jäger zu sprechen: "Jeder Text [...] ist ein selbständiger Gegenstand, dem man nicht einfach ein Raster überstülpen kann." 49
43 Jäger: Diskursanalyse. S. 191 f.
44 Jäger: Diskursanalyse. S. 192 f.
45 Jäger: Diskursanalyse. S. 196.
46 Jäger: Diskursanalyse. S. 193 ff.
47 Landwehr: Geschichte des Sagbaren. S. 125.
48 Landwehr: Geschichte des Sagbaren. S. 119.
49 Jäger: Diskursanalyse. S. 198.
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Ist diese Vorarbeit erfolgreich abgeschlossen, hat man einen guten Überblick über einen eigenständigen Diskursstrang ermöglicht. Dieser ist dann als eine Einheit zu verstehen und soll in Relation zum Gesamtdiskurs gestellt werden, wozu ein entsprechendes Wissen des Diskurses durch intertextuelle Vergleiche und Analysen weiterer Diskursstränge notwendig wird. 50
2.2. Fazit zur Methodik der Diskursanalyse
Nachdem nun auf den Begriff des Diskurses und einige Modelle einer Diskursanalyse eingegangen worden ist, soll daraus nun eine Synthese versucht werden, mit der die Analyse der Hagen umgebenden Herrschaftsdiskurse im Nibelungenlied gelingen soll.
Zur Einführung in die Thematik soll zunächst im Jäger'schen Sinne eine Makroanalyse erfolgen, die aber auch gleichzeitig die sprachlich-diskursiven und die nichtsprachlichen Kontexte mit einschließen soll.
Daraufhin soll die Arbeitshypothese vorgestellt und an ausgewählten Textpassagen nachgewiesen werden. Dieser Schritt entspricht der Fokussierung auf ein einzelnes Diskursfragment, dessen Eigenständigkeit und dessen Existenz intratextuell nachgewiesen werden muss. Nach einer schlaglichtartigen Querschnittsanalyse der konzeptionellen Struktur Hagens sollen schließlich repräsentative Textpassagen in chronologischer Reihenfolg einer Mikroanalyse unterzogen werden, allerdings nicht dermaßen penibel wie Jäger dies vorschlägt, mit Wortstatistik und dergleichen, sondern eher im Foucault'schen Sinne, mit der Frage wer etwas wie und wann vor wem sagen und denken darf, was wo nicht gesagt werden darf und wie die Spezialdiskurse dieses Diskursstranges an den handelnden Personen markiert werden etc.
Eine abschließende Gesamtschau des intertextuellen Diskurses und eine Einbettung des Diskursstranges darin soll hier jedoch nicht erfolgen; diese Arbeit wird sich als Textgrundlage einzig auf das Nibelungenlied konzentrieren und nicht etwa den mittelalterlichen Herrschaftsdiskurs zu Grunde legen, sie wird somit also im engeren Sinne eine literarische Diskursanalyse bleiben.
50 Jäger: Diskursanalyse. S. 199.
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3. Die Kohärenz der Motive - oder: Die Frage nach den Diskursen
Das Nibelungenlied (=NL) bietet viele Leerstellen, die den verschiedensten Interpretationsrichtungen bis dato Tür und Tor geöffnet haben. Wie Heinzle schon richtig feststellte, stellt gerade das Füllen der Leerstellen eine Gefahr für die Interpretation dar: Je mehr sie vom modernen Leser gefüllt werden, desto weiter entfernt er sich von der mittelalterlichen Aussage des Textes. 52 Die Tatsache, dass viele der Leerstellen in späteren mittelalterlichen Verarbeitungen, namentlich der Klage, gefüllt wurden, und diese Klage fast allen erhaltenen NL Fassungen beigelegt wurde, deutet darauf hin, dass sich die mittelalterlichen Rezipienten dieser vermeintlichen Schwachstelle bewusst waren. 53 Es stellt sich also die grundlegende Frage, ob das NL in seinen Ambivalenzen sinnvoll interpretierbar ist, oder es sich um einen defizitären Text handelt, dessen Bruchstellen tatsächlich mehr 'Unfälle' denn sinnfällige, nuancierende Pointen des Dichters sind. Dazu zunächst ein skizzenhafter Überblick über die wichtigsten Grundrichtungen der Interpretationsforschung.
In der modernen Rezeptionsforschung lassen sich verschiedene Vorgehensweisen im Umgang mit diesen Problemen herausarbeiten. Als Exempel soll in dieser Arbeit die Figur Hagens herausgegriffen werden, da sie eine der ambivalentesten, und mit Sicherheit eine der für das NL charakteristischsten Figuren ist. 54
Grob lassen sich zwei Interpretationsrichtungen unterscheiden, die in sich dann wiederum differenziert werden müssen: Interpretationsansätze, die von einer fehlenden Kohärenz in der Hagenfigur ausgehen (2a/2b), und Interpretationsansätze die Hagen als in sich schlüssig und kohärent lesen (1a/1b). Beginnen wir mit letzterer Gruppe, da diese als klassische in der Hagenrezeption bezeichnet werden darf:
51 Hoffmann: Nibelungenlied-Grundlagen. S. 73.
52 Heinzle: Gnade für Hagen? S. 275.
53 Heinzle: Gnade für Hagen? S. 273.
54 Wie auch schon von Brinker-von-der-Heyde ausgeführt in: Brinker-von-der-Heyde: Hagen. S. 105
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Innerlich kohärent bedeutet in diesem Fall, dass man für Hagen als eine rein archaisch-heroische Gestalt (1a) plädiert, oder ihn, was seltener getan wurde, als rein christlichhöfischen Charakter (1b) sieht. Besonders die Interpreten des 18., 19. und 20. Jahrhunderts waren der geschlossenen archaisch-heroischen Interpretation Hagens zugetan. 55 Aber auch heute finden sich weiterhin Verfechter dieser Position, so beispielsweise Hoffmann, als er schrieb: "Seine [=Hagens] Position ist die der alten Heroik, deren beeindruckende Geschlossenheit wie ethische Fragwürdigkeit zugleich der Dichter an niemandem mehr als an Hagen dargestellt hat." 56 Doch auch Hoffmann weicht von dieser absoluten Ansicht leicht ab, indem er Hagen eine Janusköpfigkeit unterstellt, mit modernen Worten ausgedrückt: einen vielschichtigen Charakter. 57 Auch Gernot Müller sieht in Hagen einen durch das Motiv der êre getriebenen heroischen Helden, dessen Ziel letztlich die Schicksalserfüllung durch den eigenen, vorhergesehenen Tod sei, 58 ein "leuchtendes Bild heldischer Schicksalsbejahung." 59 Oder beispielsweise Haug, der, zugleich sich selbst teilweise relativierend, über Hagen schreibt: Er sei eine Figur, die "der Gesetzlichkeit des heroischen Typus verpflichtet [...] mit aller Konsequenz nach ihr handelt. [...] Er ist direktes [...] intaktes Typuszitat der gleichzeitigen mündlichen heroischen Epik - wenn die Figur auch keineswegs darin aufgeht." 60
Zahlenmäßig weit unterlegen sind die Interpreten, die in Hagen das genaue Gegenteil sehen: Einen zwar ebenfalls kohärenten Charakter, der aber als einheitliches Beispiel für einen christlich-höfischen Herrschaftsdiskurs (1b) stehe. Als Beispiel kann hier Ehrismann dienen, der Hagen ein durchgehend durch machtpolitische Aspekte motiviertes Handeln unterstellt, in dem er "sehr rational und zielstrebig im Rahmen des [...] Personenverbandsstaates zur ere des burgundischen Reiches" handle; 61 dies sieht Ehrismann auch im Burgundenuntergangsgeschehen gewahrt, indem er als Hagens Leitmotiv die Führung des Hofes ausmacht, dem er durch persönliche Verbindungen versucht ist, neue Verbündete zu sichern. 62
55 Ehrismann: Strategie. S. 92 f.
56 Hoffmann: Nibelungenlied-Interpretation. S. 94
57 Ebd. S. 74.
58 G. Müller: Symbolisches. S. 175 und 179 f.
59 Ebd. S. 241.
60 Haug: Idealität. S. 303.
61 Ehrismann: Strategie. S. 102 f.
62 Ebd. S. 107.
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Konträr zu dieser Großgruppe findet sich eine Vielzahl an Interpreten, die die Kohärenz Hagens in Frage stellen. Unter diesen wiederrum ließe sich unterscheiden nach jenen, welche (2a) eine Kohärenz für nicht gegeben halten, weil es entweder dem Dichter schlicht misslungen sei, oder weil es nicht zu seinen Prämissen gehörte, eine Handlung völlig schlüssig und rational nachvollziehbar zu motivieren, und jenen, (2b) welche ein vom Dichter gewolltes Diskursschisma in der Hagenfigur personifiziert sehen.
Die Annahme, dass der Dichter schlicht und ergreifend versagt habe, macht eine Interpretation in sich zweckfrei, soll daher zunächst hintangestellt werden; erhellender sind hingegen Hoffmanns Feststellungen, dass der Dichter generell mehr um die Finalität der Handlung, denn um eine durchgängig schlüssige Motivation derselben bemüht sei, 63 oder Backenköhlers These, dass Hagen als Vertreter seines ordo schlüssig sei, diesem aber zuweilen vom Dichter unpassende Charakterzüge ad hoc hinzugefügt wurden, wenn die Finalität der Handlung diese gerade gebrauchen konnte, 64 wodurch ein gemeinsamer Nenner für die Gesamtheit der Hagengestalt nicht mehr zu finden sei. 65 Er geht hier von einem vorgegebenem Textmuster 'heroische Epik' aus, dessen Einhaltung dem Dichter wichtiger gewesen sei als eine exakte Figurenzeichnung. 66 Besonders ausgezeichnet in der Analyse der Bedeutung des fatalistischen Textmusters hat sich Haug, der darin zu der Erkenntnis kam, dass in mittelalterlicher heroischer Epik weit weniger nach Kausalketten gefragt werden müsse, wie das moderne Leser gewohnt seien zu tun, sondern nach Handlungsmustern; 67 Brüche in den Kausalketten seien hierbei für den Dichter ein nachrangiges Problem gewesen, das von modernen Lesern jedoch zu oft historisch-psychologisierend gekittet worden sei, woraus dann zumeist mehr Verwirrung resultiere als Klarheit. 68
Für diese zweite Teilgruppe (2b) finden sich wiederrum zahlreiche Vertreter, um nur einige wenige zu nennen: Jan-Dirk Müller geht davon aus, dass im ersten Teil des NL der höfische Diskurs weitestgehend, mit wenigen Ausnahmen, vorherrsche, dieser aber während des Verlaufes der Handlung systematisch destruiert werde. 69 Und "gerade an Hagen wird die Diffe-
63 Hoffmann:Nibelungenlied-Grundlagen. S. 74.
64 Backenköhler: Untersuchungen. S. 211.
65 Ebd. S. 213.
66 Ebd. S. 211 ff.
67 Haug: Szenarien. S. 402.
68 Ebd.
69 Jan-Dirk Müller: Spielregeln. S. 445.
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renz zwischen der höfischen Welt zu Beginn und der heroischen am Schluss ablesbar." 70 Gewissermaßen eine Mittelstellung zwischen Kohärenz und Ambivalenz nimmt Frey ein, der in Hagen zwar einen sich nicht verändernden Heldentypus erblickt, 71 aber einen Diskurswechsel bei der Bewertung des Protagonisten beim Autor wahrnimmt, der diesen heroischen Typus zunächst negativ konnotiere, um ihn dann im Untergangsgeschehen nichtsdestotrotz als Helden zu feiern. 72 Erneut Ehrismann, dieses Mal jedoch anders argumentierend: Er trennt, nicht unbedingt auf Hagen bezogen sondern auf die Gesamtdarstellung des NL, zwischen Archaisch-heroischem und Christlich-höfischem: 73 Er sieht darin einen Hinweis auf die stoffgeschichtliche Tradition des NL, in dem archaisches Material mit zeitgenössisch höfischen Ideen verschmolzen wurde, ohne es letztlich miteinander in Einklang bringen zu können. 74 Er unterstellt dem Autor sogar eine gesellschaftspolitische Aussageabsicht: Diese Ambivalenz verschiedener Herrschaftsdiskurse zeige letztlich eine brüchige Struktur des, wie er es nennt, historischen archaischen Feudalismus auf. 75 Interpreten, die die Begründung des Diskursschismas im heterogenen Quellenmaterial des Dichters zu finden versuchen, finden sich zu Hauf; als überzeugendes Beispiel kann hier ebenfalls Schulze gelten, die nachzuweisen versucht, dass archaische Elemente vom Dichter auf Grund der Erwartungshaltung der Rezipienten, die Gestalten wie Siegfried aus archaischen Erzählungen ja bereits kannten, nicht gänzlich ausgespart werden konnten, deren archaische Züge aber versucht wurden zurückzudrängen und auf die für den Handlungsablauf unbedingt notwendigen Momente zu beschränken. 76 In die gleiche Richtung zielt Haug, der in der Verbindung von archaischheroischem und christlich-höfischem Gedankenmaterial eine um 1200 historisch nachweisbare gedankliche Freiheit abgebildet sieht, eine Freiheit zu irrationalem, heroischen Handeln, die aber, so die Aussage des NL nach Haug, von Kriemhild und Hagen, die sich dieser Freiheit bedienen, zu ihrem Verderben ausschlaggebend ist - somit sei das NL eine Verhandlung beider Diskurse, in der letztlich der christlich-höfische überlebt, der archaisch-heroische blutig untergeht; 77 wobei schon an dieser Stelle eingeschoben sein soll, dass besonders der
70 Ebd. S. 441.
71 Frey: Gegner. S. 77 ff.
72 Ebd. S. 79.
73 Ehrismann: Archaisches. S. 164.
74 Ebd. S. 164
75 Ebd. S. 169.
76 Schulze: Nibelungenlied. S. 138 f.
77 Haug: Idealität. S. 306 f.
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Nachsatz von der Moral des NL in der Forschung teils heftig bestritten wird, so beispielsweise kurz und bündig bei Schulze: "Eine fabula docet gibt es nicht." 78
4. Eine Makroanalyse des Nibelungenliedes
Mögliche Hinweise zur Erschließung der Aussageabsichten des Nibelungendichters könnte eine Makroanalyse der äußeren gesellschaftshistorischen Bedingungen zur Zeit der Abfassung des NLs geben.
Das NL gilt als eines der zentralen Werke des Hochmittelalters. Die Verbreitung, die das NL erfuhr, lässt einen groben Rückschluss auf seine Beliebtheit zu: Es sind 35 handschriftliche Zeugnisse überliefert, 11 Handschriften sind nahezu vollständig. 79 Lediglich die Werke Wolfram von Eschenbachs haben sich offensichtlich noch größerer Beliebtheit und damit auch Verbreitung erfreut. 80 Die Handschrift mit der hier gearbeitet werden soll, entspricht der Fassung B, der Klassifikation von Kar Lachmann 1826 folgend, der die Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts mit großen Sigeln A, B, C abkürzte, und, auf der Suche nach einem vermeintlichen Original, der subjektiv beigemessenen Wertschätzung nach anordnete. 81
Die Entstehungszeit lässt sich ziemlich genau eingrenzen: Im Parzival findet sich eine direkte Anspielung auf die nibelungische Figur Rumolds, ergo muss das NL vor dem Parzival entstanden sein. Vom Parzival weiß man wiederrum sehr genau, dass er kurz nach 1203, also 1204 oder 1205 entstanden sein muss, da er die noch sichtbaren Zerstörungen im Erfurter Weingarten erwähnt, welcher, historisch belegt, 1203 verwüstet wurde. 82 Zudem finden sich in beiden Werken die Namen Zazamanc und Azagour, was darauf schließen lässt, dass sie sehr zeitnah entstanden, als jene Namen gerade in Mode waren. 83 Zu der Datierung passend nimmt man an, dass der Auftraggeber der Dichters der Passauer Bischof Wolfger von Erla
78 Schulze: Nibelungenlied. S. 32.
79 Schulze: Nibelungenlied. S. 33.
80 Dazu Schulze: Nibelungenlied. S. 33: Vom Parzival gibt es 80 Zeugnisse und 16 vollständige Ausgaben, vom Willehalm sind 76 Werke überliefert wovon 12 vollständig sind.
81 Schulze: Nibelungenlied. S. 34.
82 Schulze: Nibelungenlied. S. 57.
83 Hoffmann: Nibelungenlied-Interpretation. S. 11.
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war, der von 1191 bis 1204 das Bischofsamt bekleidete. 84 Diese Annahme wird durch die häufige, wenn auch nicht handlungstragende, aber dadurch um so auffälligere Erwähnung Passaus gestützt. 85 Ebenso durch die Tatsache, dass im NL ein Vorgänger Wolfgers auftaucht, namens Bischof Pilgrim; 86 dieser wird als Onkel der Burgunden erwähnt, 87 wohingegen sich Wolfger ebenfalls auf Pilgrim berief, sich somit also selbst in ein entferntes verwandtschaftliches Verhältnis zu den Nibelungen rücken ließ. 88
Somit lassen sich Auftraggeber und Entstehungszeit anhand einiger Indizien eingrenzen, wenn auch nicht mit letzter Gewissheit beweisen. Wesentlich schwieriger ist die Identität des Autors zu bestimmen, der sich, im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen, nicht im Werk verewigt hat. Die Tatsache, dass auch im Mittelalter niemand nach einem Autor oder Dichter fragte, lässt darauf schließen, dass der im NL behandelte Stoff möglicherweise als Allgemeingut gesehen wurde, das den meisten durch mündlich vorgetragene Gedichte und Sagen bekannt war. 89 Denn die groben Inhalte des NL waren alles andere als neu, man kann vielmehr davon ausgehen, dass der erste Teil des NL (=Av. 1-19) die Verbindung verschiedener schon vorhandener, miteinander nur lose verwandter Geschichten darstellt, die vom Dichter nur noch inhaltlich verknüpft und arrangiert werden mussten. 90 Der zweite Teil des NL war schon in einer Vorform relativ geschlossen vorhanden, das Burgundenuntergangsgeschehen der Av. 20-39. 91 Dabei versuchte der Dichter, die einzelnen Segmente kausal mitei-nander zu verbinden, was er in erster Linie durch den Handlungsstrang Kriemhilds erreichte, dabei besonders Kriemhild, aber auch viele andere Strukturen und Handlungsmotivationen der Charaktere abändern musste, oder aber wenigstens archaisch Anmutendes dem vorherrschenden Zeitgeist gemäß renovieren musste. 92
Als historischer Referenzrahmen beziehungsweise als Vorlage dienten im ersten Teil vermutlich Namen und Ereignisse aus dem sechsten Jahrhundert, die sich hier um die austrasische
84 Schulze: Nibelungenlied. S. 27 f.
85 NL. 1295, 1427, 1495, 1629.
86 Der historische Pilgrim bekleidete das Amt des Passauer Bischofs von 971 bis 991. Vgl. Brandt: Gesellschafts thematik. S. 30 f.
87 NL. 1295,3.
88 Brandt: Gesellschaftsthematik. S. 31. Jan-Dirk Müller spricht hier von einem im Mittelalter weit verbreiteten System der Ansippung: Die "Herstellung dynastischer Verbindung eines gegenwärtigen Adelsgeschlechtes mit einem heroischen 'Spitzenahn'." Jan-Dirk Müller: Nibelungenlied. S. 21.
89 Schulze: Nibelungenlied. S. 21 f.
90 Martin: Metamorphosen. S. 74 f.
91 Ebd.
92 Ebd. S. 75 ff.
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Arbeit zitieren:
Ed Hahne, 2011, Hagen von Tronje im Spannungsfeld verschiedener Herrschaftsdiskurse, München, GRIN Verlag GmbH
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