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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 5
1.1 Begründung und Eingrenzung des Themas 5
1.2 Aufbau der Arbeit 7
Teil I: Theoretischer Teil
2. Literaturdidaktik 11
2.1. Was ist Literatur? 11
2.2 Wozu Literatur im Schulunterricht? 15
2.2.1 Fiktionale Literatur im Geschichtsunterricht 23
3. Bilingualer Unterricht 29
3.1Versuch einer Begriffsdefinition: bilingualer Unterricht 31
3.2 Zur Entwicklung des bilingualen Sachfachunterrichts in Deutschland 38
3.2.1 Probleme des bilingualen Unterrichts 40
3.3 Der bilinguale Sachfachunterricht Geschichte 44
4. Zwischenfazit 49
Teil II: Unterrichtspraktischer Teil
5. Das unterrichtspraktische Vorhaben 52
5.1 Vorstellung der Schule 52
5.1.1 Besonderheiten des Faches Geschichte an der Schule 54
5.1.2 Geschichte als IB Kurs 55
6. Der Unterrichtsversuch 56
6.1 Planung 57
6.2 Durchführung 61
6.3 Auswertung 64
6.4 Reflexion 65
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Fazit
7. Zusammenfassende Betrachtung und Ausblick 68
8. Anhang 73
8.1 Unterrichtsskizzen zum Unterrichtsversuch 74
8.2 Text: Confession of Faith 76
8.3 Text: A Hanging 77
9. Literaturverzeichnis 80
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1. Einleitung
1.1 Begründung und Eingrenzung des Themas
Die vorliegende Arbeit entstand ursprünglich aus einer Mischung von Zufall und Interesse: Interesse bestand an einem Seminar zum Thema Teaching Short Stories an der Ruhr-Universität Bochum. Zufall war es, dass ein Praktikum an einer Schule durchgeführt wurde, die Geschichte bilingual unterrichtet. Beides zusammen führte dann schließlich zu der Idee, den Versuch zu unternehmen, die Theorie und die Praxis zusammenzuführen - in Form der Abschlussarbeit meines Studiums. Dass hierbei meine beiden Studienfächer; Anglistik und Geschichte, sowie die Erziehungswissenschaften in Form eines Unterrichtsversuches aufeinandertreffen, freut mich sehr. So habe ich die Möglichkeit, mein Studium als eine „runde Sache“ abzuschließen. Davon abgesehen gefällt mir das Thema besonders gut, da es etwas Praktisches hat und nicht nur „spröde“ Theorie ist. Angestrebter Abschluss und späterer Berufswunsch verlangen geradezu nach Praxis und ich bin sehr froh darüber, diese Chance nutzen zu können.
Diese Arbeit kann nicht den Anspruch erheben, den Grad an Komplexität und Umfang zu erreichen, dem dieses Thema durchaus zukommen müsste. Es gibt bereits eine Menge an Lektüre und Forschung sowohl zur Thematik der Literatur im Schulunterricht, als auch zum bilingualen Sachfachunterricht. Dies wird sich besonders in dem ersten, theoretischem Teil zeigen.
Was diese Arbeit aber versucht zu sein und sein soll, ist ein Brückenschlag: literarische Texte sind auf den ersten Blick nicht unbedingt das typische Material für den bilingualen Sachfachunterricht und schon gar nicht für den Sachfachunterricht Geschichte, da die Methoden und Materialien des jeweiligen Faches den Unterricht bestimmen. Diese Arbeit will untersuchen, inwiefern Literatur in Sachfächern eine Rolle spielt und tut dies beispielhaft anhand des Faches Geschichte.
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Im Fach Geschichte wird eher selten mit fiktionalen Texten gearbeitet, egal ob im „normalen“, einsprachigen oder im bilingualen Geschichtsunterricht. Umso interessanter ist also die Idee literarische Texte und den bilingualen Sachfachunterricht Geschichte zusammenzubringen. Wieso nicht eine Kurzgeschichte oder ein Gedicht lesen? Daraus könnten sich durchaus neue Möglichkeiten ergeben, um an die Lebenswelt der Lernenden anzuknüpfen, zumal Geschichte leider noch oft als „Laberfach“ verschrien ist - gemeint ist damit, dass viele Lernende einfach keinen Bezug zu Geschichte haben und während des Unterrichts nicht zuhören. Oft herrscht die Vorstellung, dass der Geschichtsunterricht aus einer Aufzählung und einem Auswendiglernen von Daten und Fakten bestehen würde. Dies macht das Lehren von Geschichte nicht unbedingt einfach und oft sind die Materialien nicht passend auf die Lernenden zugeschnitten.
Das Ziel der ganzen Idee und damit dieser Arbeit ist es also, literarische Texte funktional zu nutzen, um den Lernenden einen anderen Zugang zu geschichtlichen Themen zu geben, die sie sonst eher als langweilig oder anstrengend empfinden würden. So will diese Arbeit neben den Funktionen auch die Möglichkeiten literarischer Texte im bilingualen Sachfachunterricht aufzeigen und tut dies exemplarisch für das Sachfach Geschichte.
Persönlich liegt mir viel daran, weil ich es als eine interessante neue Methode empfinde, die nicht nur meine Fächer näher miteinander in Kontakt bringt, sondern die mir selbst in der Schulzeit ganz gut gefallen hätte.
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1.2 Aufbau der Arbeit
Die vorliegende Arbeit unterteilt sich in einen theoretischen und in einen unterrrichtspraktischen Teil.
Zunächst werden im ersten Teil der Arbeit grundlegende Fragen gestellt und mit Hilfe eines Ausschnittes der bereits bestehenden Spannweite an Veröffentlichungen beantwortet, beginnend damit was Literatur eigentlich ist und wieso sie im Schulunterricht benutzt werden sollte. Die Arbeiten von Sartre, Thaler und Lazar sind dabei nur einige, die sich mit dieser Thematik beschäftigen. Dass hier nur umrissen wird, welche Definitionen und Meinungen über den Literaturbegriff in den letzten Jahren vorherrschten, ist auf den formalen Rahmen der Arbeit zurückzuführen. Eine Vertiefung würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen und zu sehr vom eigentlichen Thema abweichen, könnte man sicherlich mehr als eine Arbeit zu diesem interessanten Thema verfassen. 1 Inwiefern literarische Texte in den Schulunterricht gehören und welche Funktionen sie dabei einnehmen können, klärt das Kapitel 2.2. Dabei werden verschiedene Veröffentlichungen berücksichtigt und näher erläutert. Insbesondere liegt hier der Fokus auf den Ideen und Vorschlägen von Collie/ Slater, Thaler und Hall. Obwohl sie sich teilweise eher auf den Fremdsprachenunterricht beziehen, lassen sich nicht nur einige Überschneidungen zur Funktion von literarischen Texten im bilingualen Sachfachunterricht feststellen, sondern es werden auch allgemeingültige Aussagen getroffen, die der Beschäftigung mit Literatur ihr Begründung liefern.
Darauf folgt ein Überblick, inwiefern fiktionale Texte im Geschichtsunterricht eine Rolle beziehungsweise keine Rolle spielen. Die Einführung in die Didaktik und Methodik von Michael Sauer spricht dieses Thema ebenso an wie das Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, das von den Fachdidaktikern Jürgen Pandel und Gerhard Schneider herausgegeben wurde. Die literarischen Texte lassen sich hier am
1 Unter anderem Rosenbergs Verhandlungen des Literaturbegriffs (2003) ist hier für einen Überblick sehr zu empfehlen.
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ehesten als narrative Texte bezeichnen und haben ihren Platz, wenn überhaupt, eher in den Erzählungen im Geschichtsunterricht. Die Meinungen darüber, ob und wie sie in den Unterricht einfließen sollen, sind sehr unterschiedlich. Die Vor- und Nachteile sollen anhand verschiedener Veröffentlichungen heraus- gearbeitet werden. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit bilingualem Unterricht. Zunächst einmal soll geklärt werden, was „bilingual“ überhaupt ist und was es im Sinne des Schulunterrichts bedeutet. An erster Stelle wird hier knapp erläutert, wieso bilingualer Unterricht eine Daseinsberechtigung hat und welche Rolle er in einer Welt hat, die immer mehr miteinander verbunden ist. Eine Definition des Begriffes folgt erst im Anschluss, ist dafür aber eine Notwendigkeit, da der Begriff „bilingualer Unterricht“ nicht eindeutig und einheitlich verwendet wird. Es gibt mehrere verschiedene Modelle des bilingualen Lernens, die auf verschiedenen Vorstellungen und Konzeptionen beruhen (Fehling, 21). Einige davon sollen in diesem Teil näher erläutert werden. Außerdem möchte diese Arbeit auch auf die Situation in Nordrhein-Westfalen hinweisen, da es das Bundesland ist, welches die meisten Schulen mit bilingualen Angeboten hat 2 . In einem weiteren Schritt wird es um die Entwicklung des bilingualen Unterrichts in Deutschland gehen. Eine gründliche Bestandsaufnahme zur aktuellen Situation wird hier leider aufgrund des formalen Rahmens nicht möglich sein 3 , aber wichtige Fragen, wie etwa seit wann es diese Form des Unterrichts überhaupt gibt, ob eine eigene Fachdidaktik besteht, wie sie in den Lehrplänen verankert ist und ob es eine besondere Form der Lehrerausbildung gibt, sollen hier beantwortet werden. Schwierigkeiten und Probleme werden in Kapitel 3.2.1 dieser Arbeit diskutiert. Dass sich damit beschäftigt wird, ist aufgrund der starken Diskussion zwischen Sprache und Fach besonders wichtig.
Abschließend muss in diesem Teil natürlich noch das bilinguale Sachfach Geschichte in den Mittelpunkt gerückt werden, ist es doch das,
2 Natürlich wird NRW auch deshalb hervorgehoben, da diese Arbeit in besagtem Bundesland geschrieben wurde.
3 Hier möchte ich gerne auf die Bänder zur Mehrsprachigkeit in Schule und Unterricht aus dem Peter Lang Verlag hinweisen, die sich für eine Vertiefung sehr gut eignen.
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worauf sich diese Arbeit beziehen will und welches es näher untersuchen möchte. Aber auch die Problematik, dass es die Meinung gibt, „man habe es [beim bilingualen Geschichtsunterricht] gar nicht mehr mit Geschichtsunterricht, sondern eben mit einer neuen Form des Fremdsprachenlernens zu tun“ (Barricelli/ Schneider, 207) wird an dieser Stelle der Arbeit beachtet. Gerade wegen solch krasser Aussagen ist es von Bedeutung, sich die problematischen Punkte genauer anzusehen. Dazu gehören neben den Themen auch die Methoden des bilingualen Geschichtsunterrichtes.
Ein kurzes Zwischenfazit, in dem die wichtigsten Ergebnisse und Resultate zusammengefasst werden sollen beendet dann den Theorieteil der Arbeit. Vornehmlich wird es hier um die Punkte gehen, die für den praktischen Teil eine Rolle spielen. In diesem wird zuerst die Schule vorgestellt, an welcher der Unterrichtsversuch stattfand und es wird kurz erläutert, wie Geschichte dort unterrichtet wird - muttersprachlich und bilingual. Anschließend wird der Unterrichtsversuch in den Phasen der Planung, Durchführung, Auswertung und Reflexion dargestellt. Darauf folgt das Fazit der vorliegenden Arbeit. Es bringt den theoretischen und den praktischen Teil zusammen, beziehungsweise bewertet es den Unterrichtsversuch anhand des theoretischen Hintergrundes zu bilingualem Sachfachunterricht Geschichte und der Funktion literarischer Texte. Neben einer persönlichen Bewertung wird hier auch versucht, einen Ausblick zu geben. Dieser Ausblick wird sich hauptsächlich damit beschäftigen, ob und inwiefern der Einsatz von fiktionaler Literatur im Bereich des bilingualen Lehrens und Lernens gerechtfertigt ist und ob es nicht sogar Gründe gibt, die dafür sprechen genau das auszuprobieren.
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2. Literaturdidaktik
Da es in der vorliegenden Arbeit um die Funktion von literarischen Texten geht soll an dieser Stelle zunächst einmal geklärt werden was unter dem Begriff „Literatur“ eigentlich zu verstehen ist. Außerdem wird der Nutzen von Literatur für den Schulunterricht in den Mittelpunkt gerückt, denn wozu sollte man literarische Texte in einem bilingualen Sachfach benutzen wollen, wenn sie keinerlei Funktion haben? Einen Blick auf den Gebrauch von solchen Texten im Fach Geschichte bildet den Abschluss dieses Teiles, unter anderem um später feststellen zu können ob fiktionale Literatur ein völlig neues Feld für das Sachfach Geschichte ist, aber vor allem um zu zeigen, inwiefern Fiktion und Fachlichkeit zusammen eine Wirkung bei den SuS erzeugen können, die ein Unterricht ohne Fiktion eventuell nicht herstellen kann.
2.1 Was ist Literatur?
Literatur wird in drei verschiedene Gattungen unterteilt: die Epik, das Drama und die Lyrik. Die Epik umfasst dabei die erzählenden Formen der Literatur wie zum Beispiel Romane, Kurzgeschichten oder auch Sprichwörter. Die zweite Gattung von Literatur ist das Drama. Dramatische Texte sind Texte, die über ein nicht alltägliches Geschehen berichten und sie sind meist für die Bühne geschrieben. Als dritte Gattung gilt die Lyrik, welche im Prinzip Gedichte sind. Sie unterscheiden sich besonders durch ihre äußere Form von der Epik und dem Drama (Sarota, 6-22).
Aber was ist eigentlich Literatur? Zwei mögliche Antworten auf diese Frage wären:
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“Literature ist he question minus the answer.“ (Roland Barthes) “Great literature is simply language charged with meaning to the utmost possible degree. “ (Ezra Pound) 4
Während Barthes eine eher philosophische Antwort gibt, die genauso weit interpretierbar ist wie der Literaturbegriff breit gefächert ist, definiert Pound den Begriff als etwas immens Bedeutsames, das in jedem noch so einfachem Wort stecken kann.
Einen ganz anderen Standpunkt nimmt Jochen Kelter in einem Essay der literarischen Zeitschrift Univers aus dem Jahr 1977 ein:
„Wo Schreiben über die Ebene des rein Biographischen
hinaustritt, wo Biographie und persönliches Dilemma eingehen in die Erfahrung einer Generation, einer Epoche, einer sozialen Schicht, da entsteht, was wir uns angewöhnt haben, Literatur zu nennen.“ (28)
Laut Kelter ist Literatur also mehr als nur ein geschriebenes Wort; Literatur ist ein sozial-therapeutisches Instrumentarium, ein bewusstes Schaffen und die ganz bewusste Anerkennung dieses Schaffensaktes durch die Leserschaft. Die Qualität des literarischen Werkes wird dabei an herrschenden sozialen Normen gemessen. Das Hauptanliegen von fiktionaler Literatur sei dabei in keinster Weise die Nachbildung von Realität, sondern vielmehr bietet sie eine Möglichkeit, diese Realität mit anderen Augen zu betrachten und dabei eine Utopie der Welt zu erschaffen, die mit menschlichen Emotionen versetzt ist. Ganz davon abgesehen sei Literatur Diener des Schriftstellers, da sie ihn unsterblich macht und ihn durch seine Werke weiterleben lasse. Literatur ist also auch ein Mittel, um die Zeit anzuhalten, sie zurückzuholen oder durch sie in die Zukunft zu blicken (28-29).
Für John Morley, den ersten englischen Professur für Literatur in London, besteht Literatur aus all den Büchern, in denen moralische Wahrheit und menschliche Passion mit einer gewissen Weite, gesundem Verstand und dem Reiz der Form angetastet sind. Die Studenten würden
4 Beide Zitate sind auf den ersten Seiten in Gillian Lazars Literature and Language Teaching. A Guide for Teachers and Trainers. zu finden
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durch solche Bücher verschiedene Dinge kennenlernen: die sonderbaren Reisen des menschlichen Verstandes, den Drang des menschlichen Herzens, die Möglichkeiten und Veränderungen welche die menschlichen Ideale von Tugend und Glück eingeholt haben, das Benehmen und Manieren sowie die sich verschiebenden Geschicke allgemeiner Auffassung von Wahrheit und Tugenden. Literatur soll die Menschheit lehren und dazu dienen, die menschliche Natur zu studieren Palmer, 93-94).
Die bekannteste Veröffentlichung zu diesem Diskurs dürfte wohl der Essay „Was ist Literatur?“ von Jean Paul Satre sein (Satre, 1981 5 ). Darin stellt Satre die Fragen, was schreiben überhaupt heiße, warum man schreibe und für wen man schreibe. Er versucht die Forderung nach moralischem und politischem Engagement von Schriftstellern zu begründen, indem er erklärt, was Literatur ist. Satre zufolge hat ein Schriftsteller es immer mit Bedeutungen zu tun (13) und Sprache dient als Spiegel der Welt, mit denen die Wirklichkeit eingefangen wird (15). Durch die Bedeutung und die Verwendung von Sprache entsteht eine wechselseitige Beziehung zwischen dem geschriebenen Wort und der Welt. Ein Schriftsteller solle sich dabei aber die Frage stellen, was er der Welt zu sagen habe (22). Literatur wird so für Satre eine Offenbarung und eine Kundgebung einer Handlungsabsicht. Denn wenn man etwas benennt, indem es aufgeschrieben wird, so hat es „seine Unschuld verloren“ (22) und ist dann nicht mehr so wie zuvor. Es findet also eine Veränderung statt und genau danach sollen Schriftsteller auch fragen: Welche Ansichten einer Welt wollen sie kundtun und was wollen sie verändern (23)? Ebenso wichtig sei es, dass man sich als Schriftsteller im Klaren darüber ist, welche Wirkung man mit seinem Werk erzielen kann. So solle man sich vorstellen, dass jedermann das läse, was man geschrieben hat (23). Laut Satre entsteht Literatur also immer mit einer festen Absicht für jemanden. Dies ist wohl der einzige Punkt, bei dem er seinen Kritikern zustimmt, allerdings sagt Satre auch, dass der Stoff über
5 Die französische Erstausgabe erschien 1947 unter dem Titel: Qu'est ce que la littérature? Ich beziehe mich auf die Ausgabe des Rowohlt Verlages.
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den Stil geht. Die Ansicht der Kritiker geht aber eher dahin, dass ein Schriftsteller sich nicht mit Vergänglichem beschäftigen dürfe. Dies ist für Satre egal, da jeder Stoff zu einer dringenden Angelegenheit werden kann, wenn man ihn als ein Problem betrachtet (26-27). Außerdem ist Literatur eine ganz bestimmte Art und Weise zu schreiben (25), wobei jeder seine eigene Form erfindet und es dann auf den Erfolg ankommt; hier überschneidet sich Satres Erläuterung zur Literatur mit der von Kelter: Literatur wird von der Gesellschaft bestimmt und für Satre dient sie der Gesellschaft, indem diese durch Literatur zum Nachdenken und zur Reflexion gezwungen wird (253). Kurzum: auch für Satre ist nicht jedes geschriebene Wort als Literatur zu bezeichnen. Heute ist mit dem Begriff Literatur so etwas wie „Sprachkunst“ gemeint: der künstlerische Akt, das gesprochene Wort festzuhalten und zu verewigen. Das kann in sehr simpler Form geschehen, indem man es aufschreibt oder aber auch aufwändiger; beispielsweise bei Graffitis oder einem Satz auf einer Tasse. In der Gesellschaft hat Literatur zwar auch eine künstlerische Bedeutung zugeschrieben bekommen, gemeint ist das allerdings eher im kulturellen Sinne. Literatur soll als Träger einer Nachricht dienen, sie soll qualitativ wertvoll und lehrsam sein. Jene Lehrsamkeit erreicht sie durch die Reflexion, die sie bei den Lesern hervorruft. Diese Sichtweise hatte sich spätestens zur Mitte des 19. Jahrhunderts etabliert, zuvor galt der Literaturbegriff weithin als Bezeichnung für alle Arten von Texten (Rosenberg, 3). Doch Literatur besitzt auch einen Unterhaltungswert, der einen Beitrag zu den Massenveröffentlichungen in den Zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts geleistet hat. Gerade dieser Unterhaltungswert wurde später als Abgrenzung genutzt, um zu definieren, was anspruchsvolle Literatur ist (9-10). In den 1960er Jahren entbrannte die Diskussion über den Literaturbegriff besonders in Deutschland wieder stärker, welche von „einer Reihe der namhaftesten zeitgenössischen deutschen Literaturwissenschaftlern und Publizisten“ (11) geführt wurde. Es lässt sich abschließend sagen, dass der Literaturbegriff heute weit gefächert definiert ist. Eine Neu- oder Umorientierung könnte durchaus
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noch möglich sein, wobei eine Rückkehr zu alten Positionen höchst unwahrscheinlich, wenn nicht sogar ganz undenkbar, ist. Die neue kulturwissenschaftliche Orientierung in der Literaturwissenschaft setzt einen Literaturbegriff voraus, der nicht mehr nur auf bestimmten Wertekriterien stützt. Dieser Begriff könnte dann entweder alle Texte unter sich vereinen, die als literarisch gelten, oder generell alle Schrifttexte mit einbeziehen (Rosenberg, 40-41). Für die vorliegende Arbeit soll Literatur definiert werden als eine bildende Kunst, die sich sowohl auf fiktionale Texte als auch auf sachliche Schriften beziehen möchte.
2.2 Wozu Literatur im Schulunterricht?
Literatur ist nicht immer ein fester Bestandteil des schulischen Unterrichts gewesen - egal ob im Fremdsprachenunterricht oder im Sachfachunterricht. So zählte das Lesen lange Zeit als ein Privatvergnügen, auch wenn das Studieren von Büchern durchaus den Ruf hatte, bildend zu sein und man dann als klug angesehen wurde. Die Fragen danach, was im Unterricht gelesen werden sollte bereiten Lehrern und auch Politikern heute noch genauso Kopfschmerzen wie schon vor vielen Jahren. Meist liegt das an der zuvor dargestellten Diskussion, was Literatur überhaupt ist und zu welchem Zweck man sie verwenden solle. Denn sicherlich ist die Schule nicht der Ort, an dem Schüler und Schülerinnen 6 ihrem Privatvergnügen nachgehen sollen, sondern an dem sie zu mündigen Individuen erzogen werden wollen. Mit welcher Literatur man das unterstützen solle, ist und war immer wieder ein Streitpunkt (Hall, 41-42).
Doch es gibt viele gute Gründe, literarische Texte im Schulunterricht zu benutzen. Im Groben lässt sich eine Rechtfertigung für die Verwendung von Literatur im Klassenraum unter drei Gesichtspunkten
6 im folgenden als „SuS“ bezeichnet
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zusammenfassen: Kultur, Sprache und persönliche Weiterentwicklung (Carter/ Long, Ch. 1). 7
Engelbert Thaler fasst die Gründe für das Lehren von Literatur in sechs Unterpunkte (Thaler, 23), wobei diese nicht in einer hierarchischen Reihenfolge zu betrachten sind:
1. “language development“ - Sprachentwicklung
2. “intercultural learning” - interkulturelles Lernen
3. “personal enrichment“ - persönliche Weiterentwicklung
4. “motivational value“ - motivationale Werte
5. “interpretational openness“ - sinngebende Offenheit
6. “social prestige“ - soziales Ansehen Diese Argumente, die für Literatur im Schulunterricht sprechen, überschneiden sich nicht nur mit den Punkten von Carter und Long, sondern lassen sich in den meisten Veröffentlichungen zu dieser Thematik finden.
Auch Joanne Collie und Stephen Slater gehen direkt in der Einleitung von Literature in the Language Classroom auf den Sinn von Literatur im Schulunterricht ein und ihre Begründung überschneidet sich dabei durchaus mit den oben genannten Punkten.
Zum einen ist Literatur ein wertvolles authentisches Material, da sie einfach überall zu finden ist und den SuS somit in ihrem Alltag ständig begegnet. Sie ist besonders authentisch, da sie nicht mit der Absicht geschaffen wurde, Unterrichtsmaterial zu sein und bietet damit eine große Auswahl an Stoff, der etwas über Menschen und über das, womit sich diese Menschen beschäftigt haben, aussagt. Darüber hinaus können SuS etwas über die Besonderheiten einer Sprache lernen, da sie verschiedene linguistische Anwendungsmöglichkeiten sowie die Formen und Konventionen des Schriftgebrauchs kennenlernen. Außer diesem Eintauchen in die Sprache kann Literatur auch dazu beitragen, den eigenen Wortschatz zu erweitern, allerdings muss angemerkt werden, dass die SuS nicht unbedingt die Art von Vokabeln brauchen werden, die
7 Anthony D. Nuttall oder Alan Duff und Alan Maley haben zu dieser Frage ebenfalls Veröffentlichungen herausgegeben.
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sie durch literarische Texte lernen. Andererseits liefert Literatur reichhaltige Inhalte, um sich spezielle lexikalische oder syntaktische Besonderheiten zu merken, etwa die Anordnung und Funktion von Sätzen und Phrasen, die Breite an möglichen Variationen oder aber die verschiedenen Methoden, um Gedanken miteinander zu verknüpfen. Dadurch kann ein geschriebener Text als Nutzungshinweis für die gesprochene Sprache dienen und es ist sogar möglich, dass das Sprachlevel der SuS ansteigt, wenn sie mit Literatur arbeiten (3-5). Davon abgesehen sind Collie und Slater Fürsprecher der Verwendung von Literatur, da sie zur kulturellen Bereicherung (4) der SuS beiträgt. Denn viele werden möglicherweise niemals einen Fuß in ein Land setzen, in dem die Sprache gesprochen wird und genau für diese SuS sollte es eine andere Möglichkeit geben, die Lebensform im Land der Zielsprache kennenzulernen. Natürlich ist die Welt in den literarischen Texten sowie in Filmen etc. oft eine erfundene, aber gerade eine anschauliche erfundene Welt kann den SuS das Gefühl einer realen Gesellschaft verleihen. Schließlich ist es genau die Art und Weise, auf die wir uns selbst über unsere eigene Vergangenheit oder über Geschehnisse eines anderen Landes informieren: wir lesen die Literatur eines bestimmten historischen Zeitraumes (4).
In diesem Zusammenhang spricht Geoff Hall einen wichtigen Punkt an, wenn er sich auf die „cultural awareness“ (41), also auf die kulturelle Sensibilität, bezieht. Dass SuS kulturelle Sensibilität erlangen, nimmt in einer durch die Globalisierung immer mehr zusammenrückenden Welt eine wichtige Stellung ein. Durch Sprach- und Literaturpädagogik kann die kulturelle Sensibilität sehr effektiv gefördert werden. Das gilt vornehmlich für Texte im Lehrplan, welche die SuS dazu anregen sich über ihre eigene kulturelle Identität, ihren kulturellen Glauben und ihr kulturellen Werte nachzudenken und diese zu reflektieren. SuS können viel über eine Kultur derjenigen, die eine Sprache benutzen und sprechen lernen, indem sie deren zentrale literarischen Werke lesen und diskutieren (41). Hilfreich kann es sein, wenn das Gelesene die SuS in den Bann zieht und eine persönliche Beteiligung hervorgerufen wird. Das wirkt zum einen
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2011, Zur Funktion literarischer Texte im bilingualen Sachfachunterricht Geschichte, München, GRIN Verlag GmbH
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