Inhaltsverzeichnis 2
Einf ührung 3
Der Stimmungsbegriff im Diskurs der ästhetischen Theorie 4
Die Stimmung in Hölderlins „Wie wenn am Feiertage. “ 7
Die Stimmung in Benns „Melancholie“ 14
Das Spiel mit dem Mythos 19
Bibliographie 21
2
Einführung
Die Theorien, welche auf dem Bestehen verschiedener Epochen in der deutschen Dichtung und in der Dichtkunst überhaupt, sowie auf Klassifizierungen derselben wie „Stimmungslyrik“ oder „Gedankenlyrik“ beharren, basieren auf einem bestimmten analytischen Schema. Falls ein Gedicht aus dem 18. Jahrhundert über das alte Griechenland in Hexametern verfasst wurde, ist das entsprechende Werk selbstverständlich als klassisch einzuordnen. Wenn in einem nur wenig später geschriebenen Gedicht Worte wie „ein rosenroter Schimmer fliegt“ oder „Sehnsucht“ vorkommen, muss man nicht lange nachforschen - das Werk ist sicherlich in der Romantik entstanden. 1 Ein derartiges wissenschaftliches Vorgehen funktioniert oft nach dem Prinzip einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Ein Beispiel dafür ist Walther Killys Feststellung, die Stimmungslyrik sei in ihren letzten Tagen trivial gewesen. Um diese These bestätigt zu sehen, braucht Killy lediglich die unbedeutendsten Verse einiger Autoren zu zitieren. 2 Eine solchermaßen durchgeführte Analyse greift jedoch zu kurz.
Die Neigung, über die Stimmungslyrik als einer abgeschlossenen Periode der deutschen Poesie zu sprechen, kann fast naiv genannt werden, da schon die philosophische Diskussion über den Stimmungsbegriff in den Geisteswissenschaften bis heute nicht abgeschlossen ist. 3 Aufgrund der fehlenden Definition von „Stimmung“ als Ausgangspunkt für eine wissenschaftliche Analyse, haben sich unterschiedlichste Ansätze herausgebildet. Die theoretische Einteilung in Kunstepochen und Kunstgattungen verdrängt dabei oft die vielleicht wichtigste Eigenschaft jeder Kunst, nämlich die fundamentale und kontinuierliche Wandelbarkeit ihrer Grundmotive. Dementsprechend kann man gleichermaßen behaupten, dass Stimmung schon immer ein integraler Bestandteil von Lyrik war. Die These über eine unendliche Metamorphose von Stimmungslyrik in verschiedenen Epochen der deutschen Dichtung wird in dieser Arbeit anhand zweier Gedichten untermauert, zwischen deren Entstehung etwa 150 Jahre liegen und in denen sich nichtsdestotrotz überraschende thematische Ähnlichkeiten finden lassen: Hölderlins „Wie wenn am Feiertage...“ (1800) und Gottfried Benns „Melancholie“ (1954).
1
Theodor Storm, Abseits, in:
Sämtliche Werke: neue Ausgabe in sechs Bänden.
Berlin: Globus-Verlag 1919 (Bd. 1, S.
2 Killy, W. (1972). Stimmung. In: Ders., Elemente der Lyrik (S. 114-128). München,. Kommerell, M. (1943). Gedanken
3 Wellberry, D. (2003). Stimmung: In: K. Barck u.a. (Hg.): Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in
Der Stimmungsbegriff im Diskurs der ästhetischen Theorie
Stimmungen gehören zu Empfindungen. Im Gegensatz zu Gefühlen sind sie jedoch nicht konkret auf einen Gegenstand gerichtet. Anders gesagt stehen Stimmungen in Verbindung zu Kognitionen, während Gefühle zu Handlungen führen. Ein in diesem Zusammenhang immer wieder aufgegriffenes Beispiel für den Unterschied zwischen Gefühl und Stimmung ist der Unterschied zwischen Furcht und Angst. Obwohl wir sprachlich mit beiden Begriffen das Gleiche ausdrücken können, ist die Angst per definitionem objektunbestimmt. 4 Angst kann man haben, während man sich vor etwas fürchten muss. Diesen Gedankengang weiterführend, kann man sagen, dass Gefühle Stimmungen präzisieren. Eine Stimmung der Feierlichkeit schließt womöglich mehrere Gefühle ein, wie Stolz, Glück, Hoffnung, sogar Müdigkeit. Gleichzeitig sind Stimmungen mit Atmosphären verbunden. Man kann über die Atmosphäre vor einem Sturm berichten oder die Stimmung auf einer Versammlung als verlogen oder skeptisch verstehen. Auf eine gewisse Weise „gestimmt“ oder gelaunt kann man sowohl alleine sein und dadurch die Umgebung entsprechend wahrnehmen, als auch in Gesellschaft, wobei die Stimmung da eine kommunikative, sozial vereinigende Rolle spielen kann. Abgesehen von pathologischen Ausnahmen wie zum Beispiel Schizophrenie kann man feststellen, dass Stimmungen vereinheitlichend wirken. Sie sind wie emotionale Glocken, die eine Landschaft, eine Gruppe von Subjekten oder eine Einzelperson umschließen. Wenn man wissen will, auf welche Weise Stimmungen entstehen, muss man vor allem deren Eigenschaften festlegen. Mit dem Erkennen dieser Charakteristika sind wir als Künstler oder als Wissenschaftler in der Lage, eine Stimmung zu produzieren oder genau zu definieren. Was sind also die Regeln, nach denen eine bestimmte Stimmung entsteht? Um diese Frage zu beantworten, empfiehlt es sich, zunächst die unterschiedlichen theoretischen Ansätze zum Stimmungsbegriff kurz darzustellen. Das Wort „Stimmen“ stammt ursprünglich aus der Musiktheorie, wo es ein „In-Verhältnis-Setzen von Teilen“ mit dem Ziel der Harmonisierung von Instrumenten bezeichnet. 5 Diese Tatsache versetzte den Begriff der Stimmung in der deutschen Lyrik für immer in den unendlichen Raum der Metapher.
Es ist Kants Verdienst, den Begriff der Stimmung in die Philosophie eingeführt und dort verankert zu haben. In seiner Abhandlung über die Mitteilbarkeit des ästhetischen Urteils beschrieb er die Stimmung als Mittler zwischen dem Verstand und einer nicht kommunizierbaren Vorstellung von der Schönheit eines Gegenstandes. Aus der Betrachtung
4 Ebenda, S. 704.
5 Ebenda, S. 706.
4
eines Objektes entstehe eine gewisse Stimmung, die sich auf den Verstand auswirke und das ästhetische Urteil mitteilbar, allgemein und gültig mache. 6
Goethe definierte die Stimmung ähnlich. Er erfasste sie als „Einen verstandensten Ausdruck, […] ohne durch die Erkenntniskraft durchgegangen zu sein.“ 7 Hier kann man das Potential der Stimmung als ästhetisches Ereignis erahnen, ebenso wie ihre Verwandtschaft zum Magischen. Anders ausgedrückt, wird Stimmung als ein Etwas definiert, das jeder klar empfinden, aber keiner genau erklären kann.
Die Wandelbarkeit des Begriffs ausnutzend, gab Schiller der Stimmung eine politische Bedeutung im Sinne einer ästhetischen Stimmung, welche das Ideal der menschlichen Freiheit ermöglichen sollte. 8 Humboldt gebrauchte den Terminus weder als Eintracht zwischen Erkenntnisvermögen noch als reine Möglichkeit zur Freiheit, sondern als „Einstellung gegenüber der Welt“, gepaart mit einer „Außensicht auf das Subjekt“. 9 Obwohl dieser Diskurs im Laufe des 18. Jahrhunderts zu keiner feststehenden Definition des Stimmungsbegriffs führte, legte er wichtige Grundlagen für dessen weitere Analyse. Im 19. Jahrhundert kam es zur einen scharfen Wende in Bezug auf das Verhältnis von Subjekt und Stimmung, die sowohl als „Wechsel verschiedener Stimmungen des Gemütes“ als auch als „die Resonanz des Alls in uns“ verstanden wurde. 10 Die Romantik gab dem Begriff eine neue Rolle. Hegel erklärte Stimmung zum „Innersten und Eigensten der Subjektivität“. 11 Die Stimmung wurde intim und es entstand ein erstes Konzept der Stimmungslyrik. Aus dieser theoretischen Wende kam die Frage nach der möglichen Mitteilbarkeit von Stimmungen, allerdings in Bezug auf die Äußerung (subjektiver) Einbildungskraft. Die neuen Eigenschaften des Begriffs, sein Bezug zum Unbewussten und seine Hermeneutisierung, betonten den Unterschied zwischen der Stimmung und ihrem Ausdruck. 12 In ihrem Streben nach der idealen poetischen Form, welche die reine, perfekte Stimmung gleichzeitig beschreiben und mittels Sprache, Farbe oder Ton auf das Publikum übertragen sollte, gelangten Künstler und Philosophen zu der schmerzhaften Einsicht, dass die Idee und ihre formale Verwirklichung nicht deckungsgleich sind, sondern sogar entgegengesetzte Sachverhalte darstellen können. Die Lösung dieses Problems ergab sich aus der überraschend einfachen Erkenntnis, dass zwischen Stimmung und Medium eigentlich kein Unterschied
7 Johann Wolfgang Goethe, Aus Goethes Brieftasche. Neuer Versuch über die Schauspielkunst (1776), in: Goethe (WA),
8 Friedrich Schiller, Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen (1795), in: Schiller, Bd.
9 Wellbery, Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden, S. 712.
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besteht, da das Medium immer eine Stimmung transportiert. 13
Nichtsdestotrotz scheint es, dass die Diskussion an einem Punkt angelangt war, an dem eine „Inkongruenz zwischen Vorstellung und Trieb“ und „ein gebrochenes Selbstverständnis“ des Künstlers, welcher vergeblich nach dem vollkommenen Ausdruck sucht, entstanden waren. 14 Dies stellte eine wesentliche Erkenntnis dar, weil wenn die Götter im christlichen und das Ideal im platonischen Sinne weder außerhalb noch im Menschen erfassbar und daher nur zu erahnen sind, wenn die göttliche Perfektion in der künstlerischen Form als intim zu verstehen und zu produzieren ist, dann ist jede Erklärung derselben unerreichbar. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich die Stimmung endlich zu einer philosophischen Größe, die sich zunehmend schwerer erklären ließ und kein explanans, sondern ein explanandum wurde. 15 Eine wesentliche und für die Jahrhundertwende charakteristische Definition der Stimmung als „zeitloser Ordnung und Harmonie“ 16 stammt von Alois Riegl. Stimmung sei vor allem Erfahrung von Landschaft, gepaart mit Elementen der Ruhe und der Fernsicht. Riegls Ausspruch „Das moderne Subjekt, dem kein göttlicher Garant der Weltordnung zur Verfügung steht, nimmt Zuflucht zu einer ästhetischen Kompensation“ folgte darin dem Weg, welchen Nietzsche mit seinem Gedanken, dass die Welt nur noch aus ästhetischen Gründen zu rechtfertigen sei, bereits eingeschlagen hatte. Simmel nannte Stimmung andererseits eine alles vereinheitlichende Gefühlsqualität und betonte, ähnlich wie Goethe: „Zwischen Stimmung und anschaulicher Einheit, besteht gar nicht das Verhältnis von Ursache und Wirkung und höchstens dürfte beides als Ursache und beides als Wirkung gelten.“ 17 Der letzte wichtige Abschnitt in der Stimmungsdiskussion wurde von Heidegger eingeläutet, der den Begriff philosophisch hoch auflud und ihm in seinem Gedankensystem eine zentrale Rolle zuwies, womit er über die Variation und Wiederholung von dem Stimmungsdiskurs inhärenten Themen, wie sie z.B. bei Riegl und Simmel zu finden sind, hinausging. Für Heidegger war Stimmung nichts weniger als ein Modus des Daseins. „In den Stimmungen manifestiert sich erschütternd die unergründliche Faktizität der eigenen Existenz: das Daß seines Da […], als welches es ihm in unerbittlicher Rätselhaftigkeit entgegenstarrt“. 18 Aus dieser Verbindung bzw. aus der Verschmelzung von Stimmung und Dasein ergaben sich zwei wichtige Schlussfolgerungen. Dasein wurde ästhetisch und Kunst ein „Modus der
13 Ebenda, S. 716-717.
15 Ebenda, S. 718.
16 Alois Riegl, Die Stimmung als Inhalt der modernen Kunst (1899), in: Riegl, Ges. Aufsätze, hg. v. K. M. Swoboda,
17 Georg Simmel, Philosophie der Landschaft (1913), in: Simmel, Gesamtausgabe, hg. v. O. R. Rammstedt, Bd. 12, Suhrkamp, Frankfurt a. Main 2001, S. 473.
18
Martin Heidegger, Sein und Zeit (1927), in:
Heidegger,
Abt. I, Bd. 2, Tübingen; Max Niemeyer, 1977, S. 179.
Arbeit zitieren:
Vukan Mihailovic de Deo, 2010, Die Stimmung in „Wie wenn am Feiertage...“ von Friedrich Hölderlin und in „Melancholie“ von Gottfried Benn, München, GRIN Verlag GmbH
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