Jugendgewalt als Resultat eines kulturspezifischen Leitbildes von
M ännlichkeit?
Jugendgewalt in Deutschland und Japan im Vergleich
Gliederung :
Einleitung S. 3
I. Jugendgewalt ist Jungengewalt
S. 5
II. Männlichkeit und Geschlechterverhältnis in Japan
S. 7
III. Kriminalität und sexuelle Gewalt als Charakteristikum kulturspezifischer
Leitbilder von Männlichkeit
S. 12
IV. Jugendgangs in Deutschland und Japan
S. 15
Zusammenfassung S. 19
Literatur - und Quellenverzeichnis 21
2
Einleitung
Berichte über gewalttätige Übergriffe rechtsextremer deutscher Jugendliche auf Ausländer oder Deutsche mit Migrationshintergrund, aber auch gewalttätige Zusammenstöße linker und rechter Jugendlicher reißen keineswegs ab. Das Thema „Jugendgewalt und Rechtsextremismus“ besitzt noch immer höchste Aktualität und Brisanz, wie aus einer Analyse des Volltextarchivs der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) seit 1993 deutlich hervorgeht. 1 Laut dem Tagesspiegel 2 suchen „die Rechten“ ihre „Opfer“ mittlerweile sogar bevorzugt in Szenegegenden auf und beanspruchen vormals linkes „Territorium“ für sich. Das jugendliche Gewalt allerdings kein Phänomen des 20. Jahrhunderts ist, verdeutlicht ein etwa 2400 Jahre altes Zitat des großen Philosophen Sokrates, der schon zu seiner Zeit das respektlose und gewalttätige Verhalten der Jugend anprangerte, wenn er schrieb: „Sie scheinen jetzt das Wohlleben zu lieben, haben schlechte Manieren und verachten die Autorität, sind Erwachsenen gegenüber respektlos […] und tyrannisieren ihre Lehrer.“ 3
Die Frage nach den Ursachen für gewalttätiges Verhalten drängt sich vor dem Hintergrund jugendlicher Gewalt geradezu auf: Weshalb werden Jugendliche gewalttätig? Gibt es näher bestimmbare Einflussfaktoren die im Zuge der Sozialisation auf die Jugend einwirken und so zu gewalttätigem Handeln mit rechtsextremem Hintergrund verleiten? Sind Rechtsextremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit Auslöser von Gewalt oder lediglich
Legitimierungsgrundlage für die Anwendung derselben? Da es laut einer 1993 angestellten repräsentativen Befragung der deutschen Wohnbevölkerung keinen Zusammenhang von Fremdenfeindlichkeit und Geschlecht gibt, unterscheiden sich Männer und Frauen also in Bezug auf ihre Anfälligkeit für rechte Orientierungsmuster nicht wesentlich voneinander, beide Parteien gehen allerdings mit dem Thema Fremdenfeindlichkeit anders um: Jugendgewalt ist demzufolge fast ausschließlich männliche Gewalt. 4
Wen kann diese Tatsache aber unter Heranziehung vorliegender Kriminalitäts- und Viktimisierungsdaten wundern, so sind es doch gesamtgesellschaftlich gesehen seit jeher Vertreter des männlichen Geschlechts, welche das Gewaltmonopol auf ihrer Seite haben. Gewalt
1 Vgl. Klaus Boehnke/Daniel Fuß/John Hagan (Hrsg.), Jugendgewalt und Rechtsextremismus, Soziologische
und psychologische Analysen in internationaler Perspektive, Weinheim/München 2002, S. 7.
2 Ausgabe 19827 / Montag, 25. Februar 2008, Artikel: Neonazis im Partykiez. Erneut gehen Rechtsextreme und
Linke aufeinander los. Die Rechten suchen sich ihre Opfer immer öfter in Szenegegenden, S. 12.
3 Sokrates, zitiert nach: Andreas Böttger, Gewalt und Biografie, Eine qualitative Analyse rekonstruierter
Lebensgeschichten von 100 Jugendlichen, Baden-Baden 1998, S. 43.
4 Vgl. Christoph Butterwegge, Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt, Erklärungsmodelle in der
Diskussion, Darmstadt 1996, S. 107.
3
ist dabei nicht nur gegenüber Frauen, welche somit zu Opfern hegemonialer Männlichkeit werden, auffällig, sie dient Männern auch zur Kontrolle anderer Männer, zur Ausübung von Macht und Erlangung von Anerkennung innerhalb einer männlich dominierten Gemeinschaft. 5 Männliche Gewalt lässt sich nicht selten auf das Geschlechterverhältnis und damit die Rolle des Mannes in der Gesellschaft zurückführen. Gründe hierfür sind dabei vor allem Eifersucht, Besitz- und Territorialansprüche, gekränkte Eitelkeit und verletzter Stolz, welche einigermaßen häufig Mord, Totschlag oder schwere Körperverletzung zur Folge haben. Dabei lassen sich zahlenmäßig bei vielen Tötungs- und Gewaltdelikten, beidgeschlechtlich, geschlechtsbezogene Erklärungsmuster finden. Die Darstellung von Männlichkeit gegenüber anderen Personen nimmt hierbei stets eine herausragende Rolle ein. Einer Untersuchung über die Bedeutung von Machismo in verschiedenen Kulturen zufolge, ist Männlichkeit dabei immer in ihrem kulturellen Kontext zu betrachten. 6
Meine These lautet nun, dass männliche Jugendliche eher zu Gewalt neigen, da sie einem kulturellen Leitbild von Männlichkeit folgen, welches Gewalt als Lösung von Konflikten allgemeinhin anerkennt. In der vorliegenden Hausarbeit habe Ich mir daher das Ziel gesetzt, existierende Männlichkeitsdarstellungen und Leitbilder von Männlichkeit verschiedener Kulturen im Hinblick auf deren Beeinflussung von Gewalt zu untersuchen. Dabei wird, von Deutschland ausgehend, Japan als Vergleichsnation dienen, um der grundlegenden Frage, ob und inwiefern Gewalt in Jugendgruppen bzw. -gangs in verschiedenen Gesellschaften durch die kulturspezifischen Darstellungen von Männlichkeit beeinflusst bzw. hervorgerufen werden, nachzugehen.
Ferner bleibt zu erwähnen, dass Ich in meiner Hausarbeit die neue deutsche Rechtschreibung und die hepburnsche Schreibweise (Romajikai) der japanischen Begriffe verwende, d. h. alle Eigennamen wie zum Beispiel Shimpôtô (“Fortschrittspartei”) werden großgeschrieben, alle anderen wie zum Beispiel tennô (“Kaiser”) oder meiji (“erleuchtete Regierung”) kleingeschrieben, da in Japan nicht zwischen Groß- und Kleinschreibung unterschieden wird. Die Großschreibung der Eigennamen ist lediglich ein Kompromiss an die deutsche Rechtschreibung. Um die japanischen wie englischen Begriffe besser herauszuheben sind sie zudem kursiv dargestellt.
5 Vgl. Joachim Kersten, Gut und (Ge)schlecht, Männlichkeit, Kultur und Kriminalität. Berlin/New York 1997,
S. 3f.
6 Vgl. Joachim Kersten, Männlichkeitsdarstellungen in Jugendgangs. Kulturvergleichende Betrachtungen zum
Thema »Jugend und Gewalt«, in Otto/Merten (Hrsg.): Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutschland, Bonn
1993, S. 227ff.
4
I. Jugendgewalt ist Jungengewalt
Einer Auswertung von fast 1.400 polizeilichen Ermittlungsakten zufolge, liegt der Anteil fremdenfeindlicher Gewalttaten durch männliche Jugendliche in Deutschland bei ganzen 96 Prozent. Demnach handelt es sich beim „modernen Rechtsextremismus“ tatsächlich um eine nahezu reine Männerangelegenheit. Dieser These kann allerdings nur insofern zugestimmt werden, dass die Aktivisten- und Täterebene fast ausschließlich männlich dominiert sind, ansonsten dürfen Frauen gut und gerne als im gleichen Maße fremdenfeindlich und rechtsextrem eingestuft werden. 7 Es stellt sich also die Frage, weshalb Männer prinzipiell stärker zur Gewalt als Mittel zur Durchsetzung ihrer Ansichten greifen als Frauen. Folgt man der feministischen These, Gewalt sei eine geschlechtsspezifische Form der Konfliktbewältigung, wobei Frauen in der deutschen Gesellschaft eine passive Rolle einnehmen, Männer hingegen einen aktiven Part spielen, so schreibt man Frauen automatisch eine Opfer- bzw. Zuschauerinnenrolle zu, während Männer demnach die Täterrolle übernehmen. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass Männer dennoch nicht als Gewalttäter zur Welt kommen, sondern vielmehr durch ihre Sozialisation zu Tätern heranwachsen, die sich zur Konfliktbewältigung dem Mittel Gewalt bedienen. So ist schon die Kindheit ein „Kampfplatz“, auf dem männliches Konkurrenzverhalten, körperliche Drohgebärden und der Zwang sich „Durchzusetzen“, eingeübt werden. 8
Jungen greifen sicherlich einerseits aufgrund ihrer vermeintlichen körperlichen Überlegenheit eher als Mädchen auf Gewalt zurück, jedoch wird ihr Beweggrund gewalttätig zu agieren noch durch die Orientierung an einem Leitbild einer Kraft, Stärke, Gesundheit, Potenz und Vitalität verkörpernden Männlichkeit übertroffen. So dient Gewalt in der patriarchalischen Gesellschaft also als Mittel der männlichen Identitätsstiftung sowie Form der Lebensbewältigung. Doch kann diese oft als normal hingenommene körperliche Gewalttätigkeit beim männlichen Geschlecht wirklich als „natürlich“ betrachtet werden? Schließlich ist Gewalt, besonders gegenüber Frauen und im Kontext von Rechtsextremismus und Rassismus, nicht zu verstehen, wenn man die männliche Sozialisation ausblendet. Solange Gewalt in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen als legitime oder sogar normale Form der Konfliktbewältigung verstanden wird, werden Männer aufgrund ihrer Sozialisation unter diesen Umständen Gewalt anwenden. 9
7 Vgl. Hans-Gerd Jaschke, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, Begriffe, Positionen, Praxisfelder,
Opladen 1994, S. 121f.
8 Vgl. Butterwegge, a. a. O., S. 107f.
9 Vgl. Ebd., S. 109f.
5
Durch das Kennenlernen und möglicherweise hautnahe Miterleben von legaler Gewalt, also Gewalt im Dienste des staatlichen Gewaltmonopols zum Schutze der Gesellschaftsmitglieder, können illegale Gewaltformen erlernt werden, da sich die Handlungsabläufe legaler und illegaler Gewalt ja oftmals nur in ihren Motiven und Funktionen voneinander unterscheiden. Hans Joachim Schneider (1994) schreibt sogar, legitime Gewalt würde dazu neigen, „sich fließend in kriminelle Gewalt zu verwandeln. Im Prozess des fließenden Übergangs werden Grenzen zwischen legitimer und krimineller Gewaltanwendung überschritten. Je häufiger eine Gesellschaft Gewalt legal anwendet, um gesellschaftlich erstrebenswerte Ziele zu erreichen, […] desto größer wird die Neigung potentieller Rechtsbrecher, Gewalt zur Erreichung ihrer illegitimen Ziele zu gebrauchen.“ 10 Dabei ist einem jeden Jugendlichen die Funktionalität von Gewalt zur Ausübung von Macht geläufig. Wenn also keine Chance mehr gesehen wird, auf legale Weise zu gesellschaftlicher Anerkennung und Akzeptanz zu gelangen, so kann immerhin auf illegale Gewalthandlungen zurückgegriffen werden. Die Jugendlichen haben Gewalt demnach als Methode kennengelernt, mit welcher die eigene Gesellschaft für die Aufrechterhaltung der Ordnung eintritt, aber unter Umständen auch soziale Ungleichheit durchsetzt, die sie selbst an den Rand der Gesellschaft drängt. Meist haben gewalttätige Jugendliche im Laufe ihrer Sozialisation Gewalt innerhalb der Familie oder Erziehung erlebt bzw. selbst erfahren 11 , ohne dass diese illegale Gewalt sanktioniert wurde. Zudem kennen sie Gewalt aus Sport und Medien, in denen dieselbe oft als Erfolgsgarant erscheint. 12 Ob Jugendliche also Gewalt anwenden, hängt zentral von den Zielen, die sie in der jeweiligen Gesellschaft verfolgen, ab und davon, welche Handlungsmöglichkeiten ihnen bekannt sind, um dieselben Ziele zu erreichen. Dabei sind allerdings die verschiedenen Handlungsspielräume in der jeweiligen Gesellschaft zu berücksichtigen, die die Jugendlichen neben ihren eigenen Kompetenzen objektiv zur Verfügung haben. Daher müssen zur Erklärung der Gründe und Motive von Gewalttaten Jugendlicher stets die vorherrschenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den Blick genommen werden. 13 Neben der deutschen werden daher folgend auch die japanische Gesellschaft und deren Verständnis von Männlichkeit zu Vergleichszwecken herangezogen, bevor deutsche und japanische Jugendgangs miteinander verglichen werden sollen, um den Einfluss des jeweiligen Leitbildes von Männlichkeit auf diese
10 Hans Joachim Schneider, Kriminologie der Gewalt, Stuttgart/Leipzig 1994, S. 51.
11 Empirischen Untersuchungen zufolge haben mehr als 70% der in Deutschland lebenden Kinder zumindest
unter „leichteren“ Gewalthandlungen zu leiden, während die Gewalt, die dabei meist von Vätern bzw. Stiefvätern
ausgeht, bis zur Misshandlung oder gar Vergewaltigung reichen kann. Zudem erleben Kinder oftmals Gewalt
zwischen den erziehenden im Elternhaus, wobei es wiederum meist der Vater ist, der gegenüber der Mutter
gewalttätig wird. Vgl. hierzu Böttger, a. a. O., S. 65.
12 Vgl. Böttger, a. a. O., S. 55ff.
13 Vgl. Ebd., S. 48.
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Arbeit zitieren:
Magister Artium Steve R. Entrich, 2008, Jugendgewalt als Resultat eines kulturspezifischen Leitbildes von Männlichkeit?, München, GRIN Verlag GmbH
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