II
Erklärung
„Ich versichere, dass ich sowohl den theoretischen wie auch den praktischen Teil dieser Arbeit selbstständig angefertigt, nicht anderweitig für Prüfungszwecke vorgelegt, alle benutzten Quellen und Hilfsmittel angegeben sowie wörtliche und sinngemäße Zitate gekennzeichnet habe.“
Ort, Datum________________________ Unterschrift____________________________
III
Inhaltsverzeichnis
1. Hinweise zu dieser Arbeit 1
1.1 Abgrenzung zur Filmanalyse 1
1.2 Stil der Arbeit 1
1.3 Kreative Beteiligung Dritter 1
1.4 Aufbau und Gewichtung der einzelnen Bereiche 1
1.5 Navigation innerhalb des Films 2
1.6 Vorbereitung zur Lektüre 3
1.7 Warnung 3
2. Einführung 4
2.1 Die Handlung von Torn 4
2.2 Die Idee hinter Torn 5
2.3 Der Symbolismus in Torn 7
3. Symbolismus durch Montage: Assoziations- und Kontrastmontage 10
3.1 Assoziative Montage 12
3.1.1 Darstellung der beiden Protagonisten innerhalb der Traumwelt 12
3.1.2 Darstellung der Umgebung innerhalb der Traumwelt 19
3.1.3 Der Übergang - Intention der Montagesequenz 23
3.2 Kontrastmontage - Unsichtbarer Schnitt vs. Sichtbarer Schnitt 26
3.2.1 Schuss-Gegenschuss-Verfahren 28
3.2.2 Schnitt in der Bewegung 30
3.2.3 Keine leeren Bilder 31
3.2.4 Keine Achsensprünge 32
3.2.4.1 Falsche Bewegungsrichtung 33
3.2.4.2 Die 180 Grad Regel 33
3.2.5 Keine Bildsprünge 35
3.2.5.1 Verstoß gegen die 30 Grad Regel 36
3.2.5.2 Das Prinzip von Schnittbildern 37
3.2.5.2.1 Der richtige Gebrauch 37
3.2.5.2.2 Der Verzicht auf Schnittbilder 40
3.3 Wiederholungen in Torn 42
4. Symbolismus durch Licht, Farbe und Ton 44
4.1 Die Beleuchtung 44
4.2 Die Farbgestaltung 47
4.3 Der Ton 49
4.3.1 O-Töne 50
4.3.2 Ton Effekte 51
4.3.3 Musik 52
5. Kalkulierter Symbolismus - Einschränkung und Fazit 55
5.1 Einschränkung 55
5.2 Fazit 57
Quellenverzeichnis 59
1
1. Hinweise zu dieser Arbeit
1.1 Abgrenzung zur Filmanalyse
Ziel dieser Arbeit ist es, verschiedene symbolische Gestaltungsmöglichkeiten der Filmproduktion anhand des Kurzfilms Torn zu untersuchen. Da ich als Verfasser dieser Arbeit auch gleichzeitig Hauptschöpfer des Films bin, ist diese Arbeit keine Filmanalyse. Vielmehr versuche ich meine Absichten, Ideen und Deutungen hinter den einzelnen Einstellungen zu erläutern.
1.2 Stil der Arbeit
Wissenschaftliches Arbeiten verlangt einen möglichst neutralen Blickwinkel. Diese Arbeit behandelt jedoch explizit mein eigenes Werk und damit auch meine eigenen Gedankengänge. Trotz meines Bemühens um eine sachliche Schilderung der angewandten Methoden, besteht ein Großteil dieser Arbeit aus meiner eigenen Sichtweise. Aus diesem Grund ist die Arbeit in der „Ich-Form“ verfasst, wohl wissend, dass diese Schreibweise in wissenschaftlichen Arbeiten nicht gerne gesehen ist.
1.3 Kreative Beteiligung Dritter
Obwohl ich selbst den Hauptanteil am kreativen Schöpfungsprozess des Films hatte, gibt es natürlich auch andere Personen, die einen Anteil am letztendlichen Erscheinungsbild des Films haben. Zum einen ist dies Melanie Bochnia im Bereich Kamera/Licht, zum anderen Joachim Zons im Bereich Ton/Musik.
Der Einfluss der beiden Darsteller, Joachim Zons und Levent Özdil, auf Erscheinung und Spiel der beiden Figuren war enorm, wird in dieser Arbeit aber nur am Rande thematisiert.
1.4 Aufbau und Gewichtung der einzelnen Bereiche
Das Hauptaugenmerk dieser Abhandlung liegt auf der Montage 1 des Films. Ursprünglich
1 In dieser Arbeit wird weitgehend der Begriff „Filmschnitt“ vermieden. Schnitt bezeichnet mehr den
technischen Vorgang, während Montage auch kreative Überlegungen enthält, bsp. wie ein Film strukturiert
werden sollte. Siehe hierzu auch: Beller, Hans (Hg.) - Handbuch der Filmmontage, 2005, S. 9
2
war geplant die Arbeit ausschließlich darüber zu schreiben. Während der Arbeit am Projekt wurde mir jedoch klar, dass ein Film immer das Gesamtwerk aus allen kreativen Gestaltungsmitteln der Filmsprache ist und man keinen Aspekt davon getrennt für sich behandeln kann. Ist die Rede von Montage, beinhaltet dies früher oder später auch die Kameraarbeit, die beispielsweise die Einstellungsgrößen festlegte. Spricht man über Kameraarbeit, führt dies irgendwann zu Beleuchtung oder Ausstattung. Nach diesen allgemeinen Hinweisen folgt in Kapitel 2 zunächst eine detaillierte Wiedergabe der Handlung, gefolgt von Hintergrundinformation zur Entstehung der Filmidee. Danach gibt es eine Einführung in das Prinzip der symbolischen Filmgestaltung. In Kapitel 3 werde ich mich ausführlich mit Montage befassen, wobei andere Gestaltungsmittel wie Ausstattung und Kameraarbeit immer wieder Erwähnung finden. In Kapitel 4 werden dann die Gestaltungsmittel erläutert, die sich weitgehend unabhängig von der Montage behandeln lassen. Dies sind Licht, Farbgestaltung und Ton. Auf eine detaillierte Aufschlüsselung und Erklärung der Dialoge wird aus Platzgründen verzichtet. Gleiches gilt für die schauspielerische Darbietung der beiden Figuren. Beides wird von mir, wo es mir sinnvoll für das Gesamtverständnis erscheint, kurz angerissen. In Kapitel 5 ziehe ich schließlich ein Fazit aus den Erkenntnissen, die während der Produktion des Kurzfilms und dieser Arbeit entstanden.
1.5 Navigation innerhalb des Films
Im Laufe dieser Abhandlung werde ich immer wieder Begriffe verwenden um innerhalb des Kurzfilms zu navigieren. Diese Begriffe beschreiben verschiedene Orte im Film und stehen für ein genau definiertes Zeitfenster: 1. Raum: 00:00 bis 05:25 Dachboden: 11:01 bis 11:10 2. Raum: 05:25 bis 09:44 Keller: 11:10 bis 11:26 Roter Raum: 09:44 bis 10:38 Übergang: 11:26 bis 11:52 Flur: 10:38 bis 10:44 Reale Praxis: 11:52 bis 12:56 Badezimmer: 10:44 bis 10:51 Spiegelraum: 12:56 bis 13:15 Kaminzimmer: 10:51 bis 11:01
3
Die beiden Zahlenpaare stehen jeweils für Minuten und Sekunden. Der rote Raum beginnt beispielsweise bei 9 Minuten und 44 Sekunden und endet bei 10 Minuten und 38 Sekunden. Innerhalb dieser Bereiche werden einzelne Einstellungen oder Sequenzen ebenfalls mit diesen sogenannten Timecodes angegeben. Der Übersichtlichkeit halber habe ich auf das erste und das vierte Zahlenpaar verzichtet, die bei normalen Timecodes für die Stunden und die „frames“ 2 stehen. Diese sind für die Arbeit nicht von Belang und stören daher nur unnötig den Lesefluss.
1.6 Vorbereitung zur Lektüre
Es ist zwingend erforderlich den Kurzfilm Torn, der dieser Arbeit beiliegt, mindestens einmal aufmerksam durchgesehen zu haben. Die Ausführungen dieser Arbeit beziehen sich größtenteils auf die Gestaltung dieses Kurzfilms. Sie erklären und interpretieren meine Arbeitsweise und geben die Absicht hinter den einzelnen Einstellungen wieder. Damit will ich aufzeigen, dass die oft verwirrenden Bilderfolgen einem geplanten System folgen und nicht aus reiner Willkür entstanden.
1.7 Warnung
Die Lektüre birgt eine Gefahr. Die nachfolgenden Erklärungen verraten nicht nur Handlung und Ausgang des Films, sie offenbaren auch eine Vielzahl versteckter Rätsel und symbolischer Anspielungen. Des Weiteren zwingen diese Interpretationen dem Zuschauer und Leser zu einem gewissen Grad meine Sichtweise des Films auf. Wer also lieber die Rätsel und Hinweise des Films für sich selbst erforschen will, dem rate ich von der Lektüre dieser Arbeit ab. Ebenso jedem, dessen Filmgenuss darunter leidet, wenn zu viele Hintergründe erklärt werden. Die Magie eines Zaubertricks geht oft verloren, wenn man sein Geheimnis preisgibt. Oder um David Lynch zu zitieren, als er über die Bedeutung seines Films „Lost Highway“ 3 befragt wurde: „I don't like talking about things too much because, unless you're a poet, when you talk about it, a big thing becomes smaller.” 4
2 frames (eng. Bilder) - im europäischen Raum besteht eine Sekunde Film aus 25 frames (PAL Norm)
3 “Lost Highway”: Mystery, Regie: David Lynch, USA 1997 (vgl. http://www.imdb.com/title/tt0116922)
4 Robert Blanchet: Circulus Vitiosus - Spurensuche auf David Lynchs Lost Highway mit Slavoj Zizek,
Vgl. http://cinetext.philo.at/magazine/circvit.html
4
2. Einführung
2.1 Die Handlung von Torn
Die zentrale Figur in Torn ist Robert Paulson, gespielt von Joachim Zons. Robert ist Ende 30, arbeitet als Sachbearbeiter bei einer großen Versicherungsgesellschaft und ist seit einigen Jahren verheiratet. Er ist der Stereotyp der klassischen, bürgerlichen Mitte. Robert hasst sein Leben, seine Arbeit und seine Ehe. Er hasst die Angepasstheit und beginnt ein Doppelleben. Seine nächtlichen Ausflüge werden schon bald zu handfesten kriminellen Handlungen. Er wird verhaftet und eine schwere psychische Störung wird an ihm diagnostiziert. Seine einzige Rettung vor dem Gefängnis ist die Therapie bei einem Psychiater, gespielt von Levent Özdil. Der Film zeigt die vermeintlich letzte Therapiestunde der beiden in der Praxis des Arztes. In einem langen Gespräch rekapituliert Robert noch einmal sein bisheriges Leben. Seine Kindheit, seine Arbeit, seine Ehe und die Unzufriedenheit mit diesem Leben. Er erzählt vom Ausbruch aus diesem Dasein und von der Flucht in ein nächtliches Parallelleben, indem er all seine geheimsten Wünsche und Fantasien ausleben konnte. Und von einer radikalen Gruppierung, der er sich anschloss und mit denen er die Welt verändern wollte.
Der Psychiater, von dem man im gesamten Film keinen Namen erfährt, bleibt lange Zeit passiv und lässt Robert erzählen. Ab einem gewissen Punkt jedoch ergreift er immer stärker Partei für die Dinge, die Robert in seinen Erzählungen in Frage stellt. Dabei ändert er auch radikal seine Meinung. So verteidigt er zunächst Roberts klassisches Leben mit Frau und angesehenem Beruf und versucht Robert von der Richtigkeit dieses Lebensweges zu überzeugen. Als Robert von seinem Doppelleben berichtet, versucht der Arzt ihn nun von der Richtigkeit dieser neuen Lebensweise zu überzeugen und widerspricht damit seinen vorherigen Aussagen. Seine Passivität rückt immer stärker in den Hintergrund, bis er Robert schließlich mit direkten Beleidigungen herausfordert.
Robert kann nicht länger an sich halten. Er schlägt den Psychiater nieder und beginnt ihn zu würgen. Der Arzt zeigt sich wenig beeindruckt und offenbart Robert schließlich die Wahrheit: Weder er, noch die Praxis, in der sie sich die ganze Zeit befanden, existieren. Alles spielt sich nur in Roberts Verstand ab. Der Arzt ist lediglich eine Abbildung für
5
Roberts geistige Zustände, die seit Jahren in seinem Kopf um die Vorherrschaft kämpfen und dabei Roberts Psyche immer stärker entzwei reißen - daher der Filmtitel „Torn“ 5 .
Robert, nun erstmals mit beiden Seiten seines Ichs direkt konfrontiert, muss sich entscheiden welchem Weg er folgen will. Er lehnt beide Extreme ab und entscheidet sich für einen dritten Weg, frei von allen Zwängen. Mit dieser Selbsterkenntnis hat er allem Anschein nach Erfolg. Die beiden Stimmen verschwinden und Robert erwacht verwirrt in einer echten Arztpraxis. Vor sich sieht er nun den echten Psychiater, ebenfalls von Levent Özdil verkörpert. Dieser erklärt ihm, dass er sich in einer Hypnose befand. Er sollte in seinem Unterbewusstsein den Grund für seine innere Zerrissenheit finden und bereinigen. Indem er seine beiden Geisteshaltungen miteinander zu einer neuen verschmolz, ist ihm dies auch gelungen, so die Diagnose des Psychiaters. Robert verlässt geheilt die Praxis. Auf dem Weg nach draußen passiert er einen großen Wandspiegel. Beim Blick hinein wird dem Zuschauer klar (Robert selbst jedoch nicht), das die Hypnose mitnichten erfolgreich war. Roberts Stimmen sind nach wie vor in seinem Kopf und das Ganze beginnt wieder von vorne.
2.2 Die Idee hinter Torn
Der Grundgedanke für meine Abschlussarbeit war, etwas über Filmmontage zu schreiben und dazu passend einen Kurzfilm zu drehen. Ich entschied mich für einen düsteren, surrealen Stil, der voll versteckter Metaphorik steckt. Inspiriert wurde ich dabei durch Werke wie „Fight Club“ 6 , „Stay“ 7 oder die Filme von David Lynch, insbesondere Lost Highway. Stilistisch sollte es eine Weiterentwicklung meines ersten Kurzfilms Konfrontation aus dem Jahr 2009 werden. Die eigentliche Geschichte des Films entstand als Folge eines Montageexperiments, welches ich mit Torn versuchen wollte. Ich befasste mich näher mit dem sogenannten continuity editing (Erklärung siehe Punkt 3.2 auf Seite 26) und seinen Regeln. Auf diese Idee kam ich durch ein Essay von Hans Beller in der Zeitschrift Schnitt, dass den Titel „Dos and Don´ts - frühe Montageregeln“ 8 trug und dieses Thema behandelte. Mein angestrebtes Ziel sollte ein Film werden, der diese Regeln sowohl befolgt als auch gezielt dagegen verstößt. Der erste Teil des Films würde dabei
5 Torn (eng. zerrissen): Online-Wörterbuch Deutsch-Englisch (vgl. http://www.dict.cc/?s=torn)
6 “Fight Club”: Thriller, Regie David Fincher, USA 1999 (vgl. http://www.imdb.com/title/tt0137523)
7 “Stay”: Thriller, Regie: Marc Forster, USA 2005 (vgl. http://www.imdb.com/title/tt0371257)
8 Beller, Hans: „Schnitt“ Ausgabe 50 (vgl. http://www.schnitt.de/212,5700,01)
6
streng nach dem Prinzip des unsichtbaren Schnitts montiert sein, die zweite Hälfte diese Regeln möglichst oft brechen. Entscheidend dabei sollte die Bedingung sein, dass dieser Wechsel nicht aus reinem Selbstzweck stattfindet, sondern aus einem inhaltlichen Grund heraus eintritt. Die jeweilige Montageform muss durch die Handlung motiviert sein. Die Gestaltung des Films sollte den Verlauf der Geschichte und die Entwicklung des Protagonisten wieder spiegeln.
So entstand die Geschichte über einen Menschen, der zwischen zwei Geisteshaltungen hin und her gerissen wird. Während in den ersten fünfeinhalb Minuten sein angepasstes und konservatives Ich das Geschehen diktiert, so lange folgt auch die Montage überwiegend klassischen Regeln (es gibt dramaturgisch notwendige Ausnahmen). Wenn dann später der Rebell in Robert erwacht, lehnt sich auch die Filmgestaltung immer stärker gegen gewohnte Sehgewohnheiten auf. Insbesondere die Montage bricht mit Fortschreiten des Films immer stärker mit alten Dogmen der Filmgestaltung.
Während der Ausarbeitung wurde mir klar, dass eine konsequente Umsetzung dieser Idee viel mehr beinhaltet als nur die Regeln des continuity editing. Im Laufe des Schaffensprozesses kamen mir viele neue Ideen, wie beispielsweise die zusätzliche Einbeziehung von Assoziativer Montage (Siehe Punkt 3.1 auf Seite 12). Und da, wie weiter oben bereits erwähnt, ein Film seine volle Wirkung nur durch das Zusammenspiel aller seiner Stilmittel entfalten kann, mussten auch Aspekte jenseits der Montage wie Ausstattung, Beleuchtung, Ton usw. miteinbezogen werden. Am Ende bildet nun die ursprüngliche Ausgangsidee, die in Kapitel 3.2 beschrieben wird, nur noch einen Teil der gesamten Arbeit. Vielmehr wird nun die gesamte technische Gestaltung von Torn dargelegt. Allerdings weiterhin mit Schwerpunkt auf die Montage. Dadurch, dass ich Drehbuchautor, Regisseur und Film Editor in einer Person war, konnte ich viele der verwendeten Montagetechniken bereits im Drehbuch festlegen und bei den Dreharbeiten entsprechend einfangen. Dies ist sicherlich nicht die übliche Methode beim Film, wo sehr oft Drehbuch, Regie und Schnitt voneinander getrennt behandelt werden. Filmklassiker wie beispielsweise „Citizen Kane“ 9 und ihr Erfolg zeigen auch beim professionellen Film einen anderen Weg. Der Regisseur muss seine Filme zwar nicht
9 „Citizen Kane“: Drama, Regie: Orson Welles, USA 1941 (Vgl. http://www.imdb.com/title/tt0033467/)
7
unbedingt selbst schneiden, die Montage sollte er aber sehr wohl bestimmen oder zumindest überwachen. 10
2.3 Der Symbolismus in Torn Was ist eigentlich Symbolismus?
„Der Symbolismus bezeichnet eine Richtung der Kunst, die am Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts im Widerspruch mit den vorherrschenden Kunstauffassungen wie dem Rationalismus, Realismus oder Naturalismus lebte.“ 11
In der Filmkunst wurde vor allem in den 20iger Jahren viel mit Symbolismus, assoziativer Montage (siehe Seite 10) oder Metaphern gearbeitet. Vor allem das russische Kino hatte mit Visionären wie Lew Wladimirowitsch Kuleschow, Wesewolod Illarionowitsch Pudowkin und Sergei Michailowitsch Eisenstein gleich drei Vertreter dieser Gattung, die mit Ihren Filmen und Experimenten für Aufsehen sorgten. Aus Platzgründen verzichte ich auf eine Wiedergabe ihrer Arbeiten. Wer sich näher mit dem russischen Kino beschäftigen möchte, dem empfehle ich die Lektüre von „Hans Beller: Handbuch der Filmmontage -Praxis und Prinzipien des Filmschnitts“ 12 sowie „Geschichte und Technik der
Filmmontage von Karel Reisz und Gavin Millar“. 13 Besonders Eisensteins Filme „Oktober“ (eine Analyse ist im o.g. Buch von Reisz/Millar enthalten) und „Panzerkreuzer Potemkin“ 14 bieten ein gutes Beispiel für diese Art der Filmgestaltung. „Beim Symbolismus sollen Gegenstände aus der realen Welt mit Worten und Gefühlen verbunden
werden[…]Die Aussage des Autors kann so indirekt durch den Einsatz von Symbolen ausgedrückt
werden[…]Im Symbolismus werden demnach Teile der echten Welt hergenommen, mit neuen
Bedeutungen versehen, um zusammengesetzt ein neues Gesamtbild zu schaffen.“ 15 Der Kurzfilm Torn ist nach diesem Prinzip aufgebaut. Auf den ersten Blick handelt es sich um ein klassisches Kammerspiel. 16 Zwei Figuren in einem Raum führen einen langen Dialog. Die Einheit von Zeit, Raum und Handlung bleibt (scheinbar) erhalten. Diese
10 Vgl. Reisz/Millar - Die Geschichte und Technik der Filmmontage, 1988, Seite 44
11 http://www.kulturserver-nds.de/home/malerei1/kunst/s.html
12 Vgl. Beller, 2005, S. 20 - 22 und S. 155 ff.
13 Vgl. Reisz/Millar, 1988, Seite 22 - 34
14 http://www.mediaculture-online.de/Panzerkreuzer_Potemkin.58.0.html
15 http://www.deutsch-stoffsammlung.de/index.php?page=symbolismus-1860---1925
16 Vgl. http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/40120.html (unter Punkt 2.3 - Merkmale)
8
Einschätzung trifft jedoch nur zum Teil zu. Denn obwohl der Film auf den ersten Blick sehr viel Dialog für die kurze Laufzeit enthält, ist dies alles nur schmückendes Beiwerk. Tatsächlich findet der eigentliche Film, zumindest war dies meine Absicht, auf einer ganz anderen Ebene statt. Während der Dialog dem Zuschauer eine Geschichte über Robert und seine Probleme im Leben erzählt, zeigt die Gestaltung des Films dem Zuschauer eine zwar ähnliche, aber dennoch abweichende Variante davon. Viele versteckte Hinweise offenbaren die eigentliche Auflösung des Films, die im Dialog erst bei etwa zehn Minuten enthüllt wird, schon weitaus früher. Darüber hinaus verraten sie dem aufmerksamen Rezipienten auch Dinge, die nie direkt ausgesprochen werden.
Um es auf den Punkt zu bringen: Meine Intention war es die folgenden sechs Erkenntnisse in Torn zu vermitteln:
1. Roberts Psyche ist in zwei gegensätzliche Weltanschauungen gespalten, die verantwortlich sind für seine geistige Zerrissenheit.
2. Nichts im Film existiert tatsächlich, außer Robert selbst. Die komplette Umgebung, Kleidung, Geräusche und sämtliche physikalischen Gesetzmäßigkeiten sind ein Abbild von Roberts gestörter Psyche.
3. Roberts Geisteszustand verschlechtert sich im Laufe des Films durch das Verhalten des Arztes zusehends.
4. Der Psychiater ist ebenfalls nur ein Abbild von Roberts Psyche. 5. Noch genauer: Der Arzt ist die Personifizierung der beiden Geisteshaltungen von Robert. Er nimmt mal die eine, mal die andere Haltung ein, um Robert zu einer Entscheidung zu zwingen. Dadurch versucht sich die Psyche selbst zu heilen. 6. Das lebende Spiegelbild am Ende zeigt, dass Robert weiterhin von seinen beiden Stimmen beseelt ist und die Behandlung mitnichten erfolgreich war. Darüber hinaus wirft es die Frage auf, ob der bis zu diesem Punkt realistisch gehaltene Schluss tatsächlich real ist, oder nur ein weiterer Teil von Roberts Unterbewusstsein.
9
Punkt 1 und 4 werden direkt im Dialog angesprochen, Punkt 2 und 3 zumindest angedeutet. Punkt 3 wird aber nicht nur durch die Darstellung von Robert, also rein durch Schauspiel und Dialog angedeutet. Auch die Ausstattung des Films, wie z.B. die wechselnden Räume, symbolisiert dies, was später in dieser Arbeit näher erklärt wird. Bei Punkt 5 verhält es sich ähnlich. Durch das Verhalten des Arztes lässt er sich erahnen, genauso aber auch durch andere Gestaltungsmittel. Punkt 6 schließlich findet auf einer rein assoziativen Ebene statt. In dieser Arbeit will ich aufzeigen, mit welchen Methoden ich diese sechs Erkenntnisse dem Zuschauer vermitteln wollte. Methoden die über die rein offensichtliche Handlung des Films, den Dialog und das Schauspiel hinausgehen. Eine große Gefahr bei solch einer Art der Filmgestaltung besteht darin, dass einem Großteil der Zuschauer diese Hinweise gar nicht auffallen. Schon Eisenstein hatte einst mit dem Problem zu kämpfen, dass viele Zuschauer verständnislos auf seine Filme reagierten. Karel Reisz schrieb dazu: „Eisensteins Montagemethode verlangte ein Maß an Aufmerksamkeit und Analyse, das die meisten Filmzuschauer überfordert.“ 17
Gleiches trifft sicherlich auch heute noch auf die Werke von z.B. David Lynch zu. Torn wird meiner Einschätzung nach hier keine Ausnahme bilden. Ich habe mich bemüht den Film so zu gestalten, dass die Grundthematik auch ohne die meisten Symbolismen nachvollziehbar bleibt und ein in sich schlüssiges Bild ergibt. Erste Testvorführungen bestätigten diese Einschätzung. Es kann jedoch gut sein, dass der Zuschauer nach dieser Lektüre und mit Kenntnis und Verständnis als dieser versteckten Hinweise einen gänzlich anderen Film sieht. Ob dieser Film nun besser, schlechter oder einfach nur anders ist, wird jeder für sich selbst entscheiden müssen.
17 Reisz/Millar, 1988, Seite 34
10
3. Symbolismus durch Montage: Assoziations- & Kontrastmontage
Innerhalb der bekannten Montageprinzipien gibt es eine Vielzahl verschiedenster Techniken, von denen insbesondere zwei für symbolische Gestaltung stehen: Die assoziative und die kontrastierende Montage. Bei beiden Methoden wird der eigentlichen Bedeutung eines oder mehrerer aufeinander folgender Bilder, der sogenannten „Denotation“ 18 , eine weitere, übertragene Bedeutung zuteil, die „Konnotation“ 18 .
Zur Verdeutlichung ein von mir erdachtes Beispiel:
Zu sehen ist ein christliches Holzkreuz. Die Denotation dieses Bildes wäre in etwa: Zwei zusammengefügte Holzstücke. Darüber hinaus kann es ein Zeichen des Glaubens sein. Das Kreuz symbolisiert etwas, das über den rein sachlichen Inhalt des Bildes hinausgeht. Natürlich sind diese Metaphern immer vom jeweiligen Betrachter, seiner Bildung, seiner Kultur usw. abhängig. Für den einen ist es ein Zeichen des Glaubens, für den anderen ein Zeichen der Unterdrückung und für einen Dritten ist es einfach nur ein Stück Holz. Für das Prinzip der Filmmontage reicht diese Beobachtung alleine noch nicht aus, da Montage immer die Aneinanderreihung mehrerer Bilder oder Einstellungen meint. Entscheidend wäre in diesem Beispiel, welche Bilder vor und nach dem des Kreuzes zu sehen sind. Ein weiteres Beispiel: Vor dem Bild mit dem Kreuz ist ein schwarz gekleideter Mann mit verschränkten Händen zu sehen, der stumm nach unten schaut. Nach der Einstellung mit dem Kreuz ist ein Blumenstrauß zu sehen, der auf dem Erdboden liegt. Die Vermutung liegt nahe, dass der Mann vor dem Grab eines geliebten Menschen steht, obwohl in keinem der drei Bilder ein Grab zu sehen ist. Alleine durch die Folge der Bilder entsteht ein neuer Inhalt, den keines der drei Bilder für sich alleine genommen, hätte schaffen können. Erhalten mehrere Einstellungen einen neuen, verbindenden Bezug, spricht man von Assoziationsmontage, die von Eisenstein auch „sinnbildende [sic!] Montage“ 19 genannt wurde. Grundlage dieser Methode bildeten die Experimente der eingangs schon erwähnten russischen Regisseure Pudowkin und Kuleschow. 20
18 Vgl. Gabler Wirtschaftslexikon (vgl.http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/denotation.html)
19 Vgl. Eisenstein zit. nach Reisz/Millar, 1988, S. 22
20 Vgl. Reisz/Millar, 1988, S. 25
Arbeit zitieren:
Martin Moser, 2010, Symbolische Gestaltung der Kurzfilmproduktion „Torn“ mit Schwerpunkt auf dessen Montagetechniken, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen: neuer Titel erschienen: Symbolische Gestaltung der Kurzfilmproduktion „Torn“ mit Schwerpunkt auf dessen Montagetechniken
Martin Moser hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare