Inhaltsverzeichnis
Einleitung 4
1 Überblick über Rassows akademische Karriere 7
2 Rassows Veröffentlichungen während des Ersten Weltkrieges 8
3 Rassow als Berater des ehemaligen Reichskanzlers Bethmann Hollweg 10
4 Hans Delbrück und Peter Rassow 13
4.1 Hans Delbrücks Einfluss auf Peter Rassow 13
4.2 Kurzbiographie Hans Delbrücks 13
4.3 Peter Rassow über Hans Delbrück 14
5 Schwierigkeiten in Rassows akademischer Laufbahn in der NS-Zeit 16
5.1 Rassows Ernennung zum außerordentlichen Professor in Breslau 16
5.2 Berufung Rassows an die Universität Köln und seine Tätigkeit dort bis 1945 18
5.2.1 Erste Erkundigungen über Rassow seitens des Dekanats 19
5.2.2 Stellungnahme des Dozentenbundes zu den Vorschlägen des Dekans 20
5.2.3 Übertragung der Kölner Professur an Rassow 21
5.2.4 Einspruch des Dozentenbundes gegen Rassows Berufung 22
5.2.5 Rücknahme der Beschwerde 23
5.2.6 Bewertung der Ereignisse um Rassows Berufung 24
5.2.7 Rassows Historikerkollegen an der Universität Köln 25
5.2.8 Rassows Zeit an der Universität Köln bis 1945 26
6 Veröffentlichungen Rassows in nationalsozialistischer Zeit 28
6.1 Rassow über die Kriegsschuldfrage des Ersten Weltkrieges 29
6.2 Rassow über Moltkes Plan für einen Zweifrontenkrieg 31
6.3 Rezensionen Rassows 34
6.4 Rassow über die Politik Friedrich Barbarossas 34
6.5 Die Wirkung der Erhebung Spaniens auf die deutsche Erhebung gegen
Napoleon I. 35
6.6 Bach-Aufsatz 36
6.7 Rassows Vorlesungen 38
6.7.1 „Bismarck und sein Werk“ 38
6.7.2 „Die Reichsgründung - Krieg und Politik 1862-1871“ 39
6.7.3 „Zeitalter der Erhebung 1812-1815“ 39
6.7.4 Weitere Vorlesungen Rassows 40
2
6.8 Rassows Reden an der Universität Köln 40
6.8.1 Rassows Rede über „Epochen neuzeitlicher Kriegführung“ 41
6.8.1.1 Die Rede 41
6.8.1.2 Persönliches Schreiben Rassows an Gerhard Ritter 42
6.8.1.3 Ansprache des Rektors Otto Kuhn 43
6.9.2 Lutherrede 44
6.9.2.1 Der Vortrag 44
6.9.2.2 Gerhard Kallens Ausführungen über Luther 46
6.9.2.3 Rassows Aussagen über Luther 1918 47
6.9.2.4 Die Bewertung Luthers aus nationalsozialistischer Sicht 48
7 Rassows Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nach dem Krieg 50
7.1 Rassows Tätigkeit als Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Köln
nach Kriegsende 50
7.2 Rassows Urteile über den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit 52
7.3 Rassows Stellungnahmen zur Epoche des Nationalsozialismus 53
7.4 Demokratisches Bekenntnis 56
8 Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus 57
8.1 Nationalsozialistische Forderungen an die Geschichtswissenschaft 58
8.2 Urteile über Historiker im Nationalsozialismus 58
8.2.1 Peter Schöttler 59
8.2.2 Karen Schönwälder 60
8.2.3 Eike Wolgast 60
8.2.4 Ursula Wolf 61
8.2.5 Karl Ferdinand Werner 61
8.2.6 Thomas E. Fischer 62
8.2.7 Hans-Ulrich Wehler 62
8.2.8 Winfried Schulze 63
8.2.9 Die Historischen Seminare in Göttingen und Bonn in der NS-Zeit 63
8.2.10 Wolfgang Kunkel 64
8.2.11 Fritz Leist 65
8.2.12 Rassow im Vergleich zu den geschilderten Ergebnissen 66
9 Zusammenfassung 67
10 Quellen- und Literaturverzeichnis 69
3
Einleitung
Sucht man erste Anhaltspunkte zur Annäherung an den Historiker Peter Rassow, wird einem zunächst auffallen, dass es nicht viel Literatur zu diesem Historiker gibt im Gegensatz zu anderen Vertretern seiner Zunft, die in derselben Zeit gewirkt haben. 1 Meist sind es kurze Abschnitte in biographischen Lexika, die im Hinblick auf Rassows Verhalten in der nationalsozialistischen Ära etwa zu folgenden Ergebnissen kommen: „Rassows offenes Bekenntnis zum Liberalismus und seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus behinderten eine schnelle akademische Karriere“ und die ihn deshalb als „politisch unbelastet“ 2 einstufen. Diese Arbeit versucht einen näheren Blick auf den Historiker Peter Rassow zu werfen. Dabei soll seine Tätigkeit bis 1945 mit dem Schwerpunkt seines Wirkens während der nationalsozialistischen Ära untersucht werden. Aber auch die Zeit vor dem Dritten Reich soll nicht vernachlässigt werden. Denn es ist interessant zu beobachten, unter welchen Voraussetzungen und mit welchem Hintergrund Rassow in die Hitler-Diktatur hineingegangen ist. Nach einem kurzen Überblick über seine akademische Karriere soll diese einer intensiveren Betrachtung unterzogen werden.
Generell lässt sich fragen: Wie kann das Profil eines Historikers erkannt werden? Als erstes sind es natürlich die Veröffentlichungen, die einen Einblick geben in die Gedankenwelt eines Historikers. Womit beschäftigen sich seine Arbeiten und Studien? Wie argumentiert der Historiker Rassow? Zu welchen Ergebnissen kommt er? Äußerst wichtig dabei ist auch, sich die Zeit klar zu machen in der ein Text verfasst wurde. Diese Berücksichtigung ist notwendig, um eine Einordnung Rassows vorzunehmen. Haben die politischen Verhältnisse Einfluss auf seine Tätigkeit und bleibt seine Arbeit davon ganz unbenommen oder schimmert der Zeitgeist zwischen den Zeilen hindurch? Zudem scheint mir die Frage äußerst relevant, ob sich im Verlauf seines Lebens und der Geschichte eine Veränderung bei dem Historiker Rassow zeigt.
Ein anderer Teilaspekt, der in dieser Arbeit angesprochen wird, ist die Untersuchung der Frage, wer Rassow in seiner historischen und politischen Ausrichtung, geprägt hat: Wer waren Rassows historische Lehrer und wer seine politischen Vorbilder und wie haben sie ihn geprägt?
Neben seinen historischen Veröffentlichungen ist ein Abschnitt dieser Arbeit auch dem Blick auf den Verlauf der akademischen Karriere Rassows bis 1945 gewidmet. Die
1 Ich denke hier vor allem an Historiker wie Theodor Schieder, Werner Conze oder Gerhard Ritter.
2 Neue deutsche Biographie. Historische Kommission bei der bayerischen Akademie der
Wissenschaften (Hrsg.). Bd. 21. Pütter-Rohlfs. Berlin 2003. S. 167.
4
Umstände, die zu seiner Ernennung zum außerordentlichen Professor in Breslau und später zum ordentlichen Professor in Köln führten, sollen betrachtet werden. Beide Karrieresprünge fallen in die Zeit des Nationalsozialismus und das bei einem Mann, dem nach 1945 nie nachgesagt worden ist, gemeinsame Sachen mit den Nationalsozialisten gemacht zu haben. Wie gelang es Rassow in einer Zeit, in der das Parteibuch stärker als in anderen Zeiten über Erfolg oder nicht entschied, berufen zu werden? Welches Ergebnis lassen die Akten zu Tage treten, die den Berufungsvorgang Rassows dokumentieren?
Ein weiterer Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist der Umgang, den Rassow nach 1945 mit dem Nationalsozialismus zeigte. In welcher Weise setzte er sich mit dem Nationalsozialismus auseinander - wenn es eine Auseinandersetzung damit seinerseits überhaupt gegeben hat?
Schließlich soll anhand von Forschungsergebnissen zur Gesamtsituation der Geschichtswissenschaft in den Jahren zwischen 1933 und 1945 und der Frage ihrer Rolle während der NS-Zeit, eine Einordnung des Historikers Peter Rassow versucht werden. Denn die Forschungsergebnisse bezüglich der Geschichtswissenschaft im Dritten Reich lassen die Vorstellung von einer vom Nationalsozialismus nicht beeinflussten Historikerzunft nicht weiter zu. Muss in gleicher Weise das zu Anfang gezeigte Bild des politisch unbelasteten Historikers Rassows revidiert werden, wie es bei anderen Historikern - ich denke an Schieder oder Erdmann - vorgenommen werden musste oder entspricht diese Vorstellung der Wahrheit?
Neben Rassows öffentlichen Äußerungen kann auch gerade der Blick auf seine private Korrespondenz interessante Erkenntnisse zu Tage treten lassen, die zudem auch ein persönlicheres Bild Rassows liefern und Aufschluss über seine wahre Haltung zu gewissen Dingen geben können, da in solchen privaten Dokumenten die Fesseln des offiziellen Amtes wegfallen.
Schließlich soll am Ende eine Zusammenfassung der erbrachten Ergebnisse erfolgen, um zu einem möglichst kompakten Bild des Historikers Peter Rassow bis 1945 zu gelangen. So ergeben sich also in dieser Arbeit die folgenden Untersuchungsgegenstände: der Historiker Rassow bis zum Beginn des Dritten Reichs, seine Berufung zum außerordentlichen bzw. ordentlichen Professor in Breslau und Köln, seine historische Tätigkeit in nationalsozialistischer Zeit, seine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nach 1945, die Rolle der Geschichtswissenschaft im Dritten Reich und eine abschließende Zusammenfassung der Ergebnisse.
5
Bei all diesen Untersuchungen ist dabei jedoch immer auch Vorsicht angebracht, den moralischen Zeigefinger nicht allzu hoch zu heben und vor allem nicht Wertmaßstäbe und Umstände der heutigen Zeit auf eine vergangene Epoche anzuwenden. Vor einer solchen historischen Vorgehensweise hat auch schon Rassow selbst gewarnt:
„Wir dürfen nicht mehr, wie es früher wohl geschah, eine vergangene Epoche auf die Kraftströme, die sie ausgesandt hat, mit den Maßstäben unserer Zeit messen. Sie tragen ihre Maßstäbe in sich. Diese Erkenntnis nennen wir Objektivität.“ 3
3 Vorwort des Herausgebers Peter Rassow. In: Peter Rassow (Hrsg.). Deutsche Geschichte im
Überblick. Ein Handbuch. 2. Aufl. Stuttgart 1962. S. V.
6
1 Überblick über Rassows akademische Karriere
Peter Rassow wurde am 23. November 1889 in Elberfeld, das zum heutigen Wuppertal gehört, geboren. Sein Vater war Gymnasiallehrer und nahm zunächst eine Stellung in Potsdam, dann in Berlin an. Nach dem Abitur fing Rassow 1908 das Studium der Fächer Geschichte und Evangelische Theologie in den Städten Bonn, Heidelberg und Berlin an. 1912 promovierte er mit einer Dissertation über die Kanzlei Bernhards von Clairvaux bei Michael Tangl.
Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er verwundet wurde, war er in der Reichskanzlei angestellt und war dem ehemaligen Reichskanzler Bethmann Hollweg bei seinen Memoiren behilflich. Außerdem war er noch als Dozent an der Hochschule für Politik in Berlin tätig. Mitte der 1920er Jahre wurde Rassow Mitarbeiter bei Paul Kehr und unterstützte diesen in Madrid bei der Sammlung von Papsturkunden des frühen Mittelalters. 1927 habilitierte Rassow sich mit der Edition der Urkunden Alfons VII. von Spanien und wurde im selben Jahr Privatdozent an der Universität Breslau. In Breslau wurde er dann auch 1936 zum außerordentlichen Professor ernannt. Bis zu seiner Berufung nach Köln 1941 blieb Rassow, abgesehen von einem Leipziger Vertretungsjahr 1939, in Breslau. Bis zur Schließung der Universität 1944 blieb er in Köln und nahm auch nach der Wiedereröffnung der Universität seinen Lehrstuhl bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1958 wieder ein. Drei Jahre später, im Mai 1961, starb Rassow im Alter von 71 Jahren.
7
Rassows Veröffentlichungen während des Ersten Weltkrieges 4 2
Obwohl Rassow selbst als Soldat in den Ersten Weltkrieg ziehen musste, konnte er in dieser Zeit einige Aufsätze veröffentlichen, wobei es sich hauptsächlich um Buchbesprechungen handelte, die in der von seinem Onkel Hans Delbrück herausgegebenen Zeitschrift „Preußisches Jahrbuch“ erschienen.
In diesen Buchbesprechungen ließ er klar seine Einstellung zu aktuellen Geschehnissen erkennen, vor allem zum Krieg:
Er [der Krieg] fordert alle Nationen der Erde auf, ihr Wesen zu enthüllen, ihre Existenzberechtigung nachzuweisen. Jedes der beteiligten Völker bringt nicht nur auf dem Schlachtfeld den Beweis seiner Kraft, sondern sucht aus seiner Geschichte sich ein Bild seines eigenen Wesens zu formen, an dem es sich auferbauen, aus dessen Anblick es sich mit Trotz und Kraftbewusstsein füllen kann. 5
Rassow sah den Weltkrieg also keineswegs als eine Katastrophe an, sondern als eine Notwendigkeit zur völkischen Identitätsfindung. Dabei schrieb er diese Zeilen gar nicht zu Beginn des Krieges, in der allgemein noch eine kriegsbegeisterte Stimmung herrschte, sondern am Ende, als sich bereits abzeichnete, dass die Lage für das Deutsche Reich immer kritischer wurde.
Rassow verwies dabei auch stets auf die deutsche Rechtmäßigkeit diesen Krieg zu führen. Eine Position, die er, wie noch gezeigt werden wird, auch später noch einnahm. So äußerte er sich z.B. in einer Besprechung über das Buch des schwedischen Parlamentsabgeordneten Rudolf Kjellén „Die politischen Probleme des Weltkrieges“ folgendermaßen:
Es ist uns [den Deutschen] keineswegs genug, mit subjektiven Behauptungen unser Recht in diesem Kriege zu verkünden, unser Recht hat tiefere Wurzeln, wir wollen niemals darauf verzichten, es an objektiven Maßstäben zu erweisen. Daß wir es können, weiß jeder, dem nicht Wille und Wut die Einsicht verdunkelt haben. 6
4 Eigentlich gehört in diesen Abschnitt auch eine Studie Rassows zu Martin Luther. Da sich diese
allerdings für einen Vergleich mit einem Luther-Vortrag anbot, den Rassow 1943 hielt, wird er erst an
entsprechender Stelle verwendet.
5 Peter Rassow. Luther-Schriften 1917. S. 198-211. In: Preußische Jahrbücher. Bd. 172. Berlin
1918. S. 207.
6 Peter Rassow. Besprechung des Buches „Die politischen Probleme des Weltkrieges“ von Rudolf
Kjellén. S. 293-303. In: Preußische Jahrbücher. Bd. 165. Berlin 1916. S. 294.
8
Zudem sagt er, dass nicht der Anlass des Krieges letztlich entscheidend sei, sondern entscheidend seien „Wesen und Sinn des Krieges“ und die damit verbundenen Kriegsziele. 7 Abschließend in dieser Rezension meint Rassow, dass ein Kulturvolk das Recht und die Pflicht habe gegen eine zu starke Eingrenzung von außen vorzugehen. 8 Außerdem findet sich bei Rassow in dieser Zeit eine Verherrlichung des kämpfenden Soldaten und des Vaterlandes:
„Der urmenschliche Kampf zwischen Pflicht und Trieb ist im heutigen Krieger schneller und restloser zugunsten der Pflicht entschieden, weil ihm einmal das Bewusstsein, daß organisiertes Zusammenwirken die Kraft ins Ungeheure steigert, durch die Erfahrung in der Arbeit der Industrie und im sozialen Kampf zum festen Besitz geworden ist, sodann aber, weil das Erfülltsein von dem Gedanken der Verteidigung des Vaterlandes ein unvergleichlich stärkeres Hilfsmittel zur Überwindung von Widerständen in der eigenen Brust bedeutet, als jeder offensive politische Zweck.“ 9
Es muss allerdings erwähnt werden, dass Rassow mit seiner Einstellung zum Krieg bei den Historikern wohl keine Ausnahme darstellte. 10
7 Rassow 1916. S. 294.
8 Rassow 1916. S. 303.
9 Peter Rassow. Buchbesprechung „Der deutsche Soldat“ von Tim Klein. S. 300 f. In: Preußische
Jahrbücher. Bd. 168. Berlin 1917. S. 301.
10 Thomas E. Fischer schreibt über Historiker während des Ersten Weltkrieg: „Als der Krieg 1914
begann, ließen es auch die Historiker nicht an patriotischer und personeller Unterstützung mangeln.
Werner Sombart stellte dem Bild des englischen Krämers den deutschen Heldencharakter entgegen,
und Eduard Meyer, der international anerkannte Althistoriker, zerriss öffentlich seine englischen und
amerikanischen Doktordiplome.“ (Thomas E. Fischer. Geschichte der Geschichtskultur. Über den
öffentlichen Gebrauch von Vergangenheit von den antiken Hochkulturen bis zur Gegenwart. Köln
2000. S. 138.)
9
3 Rassow als Berater des ehemaligen Reichskanzlers Bethmann Hollweg
Nach dem Ersten Weltkrieg kam Rassow in Kontakt mit dem ehemaligen deutschen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg (1856-1921), der beabsichtigte, seine Sicht der Dinge über die Ursachen und die Entwicklungen während des Krieges niederzuschreiben. Der Anlass für seine Memoiren war seine Empörung über die Kriegsgegner und die losbrechende Kritik an seiner Person in Deutschland nach dem Krieg 11 , sodass es sich letztlich um eine Verteidigungsschrift handelt.
1920 übernahm Rassow die Nachfolge von Heilbron und half Bethmann Hollweg bei der Arbeit seines Buches. Jost Dülffer beschreibt die Tätigkeit Rassows wie folgt: „Rassow arbeitete auf Honorarbasis im Sinne der von Bethmann erstrebten Clearing-Stelle. Er kaufte nach Absprache mit ihm zeitgeschichtliche Neuerscheinungen, führte Gespräche mit Zeitzeugen, sammelte Zitate und stellte Zusammenfassungen her [...]. Rassow exzerpierte Dokumente [...] für seinen Arbeitgeber.“ 12 Dülffer betont aber, dass Rassow kein Ghostwriter war, sondern Bethmann bei formellen und inhaltlichen Fragen unterstützte. 13 Das Verhältnis zwischen Bethmann und Rassow scheint einen ziemlich persönlichen Charakter gehabt zu haben.
Es könnte durchaus sein, dass der Kontakt zwischen den beiden durch den Historiker und Politiker Hans Delbrück zustande kam, der zu Bethmann ein bekanntschaftliches Verhältnis hatte und zudem der Onkel Rassows war. Delbrück war auch einer derjenigen, der die Politik Bethmanns zumindest teilweise würdigte. 14 Neben dem verwandtschaftlichen Verhältnis war Delbrück aber auch ein menschliches und berufliches Vorbild Rassows, wie aus einer späteren Gedenkschrift Rassows für Delbrück deutlich wird. 15
11 Theobald von Bethmann Hollweg. Betrachtungen zum Weltkriege. Erster Teil: Vor dem Kriege.
Zweiter Teil: Während des Krieges. Jost Dülffer (Hrsg.). Essen 1989. S. 17.
Kurz nach dem Krieg erschienen einige Publikationen, die sich mit den vorhergegangen
Ereignissen auseinander setzten. U.a. veröffentlichte Ernst von Ludendorff ein Werk, in dem
Bethmann negativ beurteilt wurde. So warf er ihm vor am Ende seiner Amtstätigkeit, er hätte seine
Aufgaben nicht wahr genommen: „Ihre Politik [u.a. diejenige Bethmanns] gipfelte in stetem
Nachgeben nach innen, [Bethmann] verzichtete darauf, das Volk zu führen.“ Erich Ludendorff. Meine
Kriegserinnerungen 1914-1918. Mit zahlreichen Skizzen und Plänen. Berlin 1919. S. 349.
12 Bethmann Hollweg 1989. S. 17 f.
13 Bethmann Hollweg 1989. S. 17.
14 Bethmann Hollweg 1989. S. 13. Delbrück unterstützte Bethmann Hollweg z.B. durch eine Petition
für moderatere Kriegsziele. Siehe dazu: Rudolf Vierhaus. Art. Hans Delbrück. In: DBE. Walther Killy
(Hrsg.). Bd. 2. Bohacz-Ebhardt. Darmstadt 1995. S. 478.
15 Peter Rassow. Hans Delbrück als Historiker und Politiker. Vortrag bei einer Gedenkstunde aus
Anlass des 100. Geburtstages von Hans Delbrück im Historischen Seminar der Universität Köln am
10
Zusätzlich zu seiner Tätigkeit bei Bethmann war Rassow auch noch als Redakteur bei der Deutschen Allgemeinen Zeitung beschäftigt. Allerdings gab er 1921 diese Stellung auf und zwar, wie Rassow später selbst ausführte, weil der Schwerindustrielle Hugo Stinnes die Zeitung übernahm. 16 Die Frage, die sich daraus ergibt ist, warum Rassow nicht weiter bei der Deutschen Allgemeinen Zeitung bleiben wollte, nachdem Stinnes sie übernommen hatte. Stinnes war während des Ersten Weltkriegs in eine politische Kooperation mit Ludendorff getreten. Unter anderem forderte er die totale Militarisierung Deutschlands. Harm Schröter schreibt über Stinnes: „Von Zeitgenossen wurde er als rein ökonomischer ´Zweckmensch´ [...] ohne moralische Dimension dargestellt.“ 17 Seine Bekanntschaft mit Ludendorff dürfte ihn in Rassows Bewertung nicht haben steigen lassen. Denn über Ludendorff äußerte sich Rassow nach dem Zweiten Weltkrieg öffentlich und sprach von einem „politischen Charlatan“, einem „strategischen Kleinmeister“ und einem „Götzenbild des Nationalsozialismus“ 18 . Außerdem berichtete er von einer Auseinandersetzung Delbrücks, also Rassows erklärtem Vorbild, mit Ludendorff.
Rassows Abneigung gegen Ludendorff könnte auch mit seiner Zusammenarbeit mit Bethmann erklärt werden, die auf sein politisches Weltbild eine starke Wirkung hatte, wie es scheint. Rassow selbst bestätigte in einem Schreiben aus dem Jahr 1957, dass er sich politisch gesehen auf einer Ebene mit Bethmann befand: „Schon zu Lebzeiten Bethmanns hatte sich nach seiner Entlassung ein kleiner Kreis seiner ehemaligen Mitarbeiter und Freunde gebildet, der regelmäßig zusammenkam, um den Geist und die politische Richtung ihres einstigen Chefs festzuhalten. [...]. Auch ich habe an diesen Zusammenkünften teilgenommen.“ 19 Jedenfalls erklärte Rassow, dass Bethmann fast einen Verständigungsfrieden mit den Entente-Mächten erreicht hätte, aber dass dies dann durch seinen Sturz, der auf die Initiative Ludendorffs und Hindenburgs zurückgehe, zunichte gemacht worden sei. Deshalb machte Rassow auch Ludendorff und Hindenburg für die „militärische Katastrophe“ verantwortlich. 20
11. November 1948. S. 428-441. In: Peter Rassow. Die geschichtliche Einheit des Abendlandes.
Reden und Aufsätze (= Kölner Historische Abhandlungen. Hrsg. von Theodor Schieffer. Bd. 2).
Köln/Graz 1960.
16 Siehe Lebenslauf Rassows. Universitätsarchiv der Universität zu Köln (im Folgenden UAK
genannt) Zugang 317-III/Nr. 1627.
17 Harm C. Schröter. Art. Hugo Stinnes. 534 f. In: DBE. Walther Killy (Hrsg.). Bd. 9. Schmidt-
Theyer. Hrsg. Walther Killy und Rudolf Vierhaus. Darmstadt 1998. S.535.
18 Rassow. Delbrück. 1960. S. 440 f.
19 Schreiben Rassows vom 30.10.1957. Nachlass Goetz. Bundesarchiv Koblenz (im Folgenden BA
Koblenz genannt) N 1215/39.
20 Rassow. Delbrück. 1960. S. 440.
11
Klar ist, dass sich eine klare Personenkonstellation in diesen Zusammenhängen abzeichnete: Rassow, von Delbrück geprägt, nahm Partei für Bethmann Hollweg und kam so automatisch in Frontstellung gegenüber Ludendorff und Stinnes. Deshalb scheint es, dass es hierbei nicht in erster Linie um die objektive Bewertung einer bestimmten Zeit ging, sondern schlicht um Sympathie und Antipathie.
12
4 Hans Delbrück und Peter Rassow
4.1 Hans Delbrücks Einfluss auf Peter Rassow
Wie bereits angedeutet scheint Rassows Onkel, der Historiker und Publizist Hans Delbrück, einen größeren Einfluss auf ihn ausgeübt zu haben. Vielleicht ist dieses Verhältnis mit dem Begriff des Mentors am besten zu beschreiben. Wolfgang Weber, der das Verhältnis der Historiker-Lehrer zu ihren Schülern in der Geschichtswissenschaft untersucht hat, beschreibt diese spezielle Beziehung als vergleichbar mit einer Vater-Sohn-Beziehung. 21 So sagt auch Erdmann, dass Rassow Delbrücks „wissenschaftlichen und politischen Grundanschauungen [...] weitergeführt“ habe. Erdmann erzählt auch, wie Rassow ihm begeistert von seinem Besuch bei Delbrück nach dem Abitur berichtet habe, bei dem Delbrück ihm Bücher aus seiner Bibliothek geschenkt habe. Außerdem habe es in Leipzig immer sonntägliche Familienabende bei Harnacks und Delbrücks gegeben, wo man sich über kulturell-politische Themen ausgetauscht habe. Zudem habe es einen politischen Club gegeben, der von Delbrücks gegründet worden sei, dem auch Rassow angehört haben soll 22 Diese Ausführungen Erdmanns zeigen schon eine starke Verbundenheit beider Persönlichkeiten. Und auch in beiden Lebensläufen gibt es interessante Parallelen:
Kurzbiographie Hans Delbrücks 23 4.2
Hans Delbrück wurde 1848 geboren. In Greifswald, Heidelberg und Bonn studierte er Geschichte, wobei er sich vor allem kriegswissenschaftlichen Studien widmete. Delbrück setzte sich auch immer wieder dafür ein, dass die Kriegsgeschichte ein anerkannter Teil der Geschichtswissenschaft werden sollte. 24 Interessanterweise wird seinem Neffen Rassow später in Köln eine Professur übertragen mit dem besonderen Schwerpunkt auf der Kriegsgeschichte.
Relativ spät erst wurde Delbrück, wie später auch sein Neffe, zum ordentlichen Professor ernannt. Er war aber nicht nur Wissenschaftler, sondern es zog ihn auch in die Politik. Dort galt er als „Gelehrtenpolitiker“ im Sinne des nationalpolitischen Liberalismus des 19.
21 Wolfgang Weber. Priester der Klio. Historisch-sozialwissenschaftliche Studien zur Herkunft und
Karriere deutscher Historiker und zur Geschichte der Geschichtswissenschaft 1900-1970. 2.,
durchgesehene und durch ein Vorwort ergänzte Auflage. Frankfurt a.M. u.a. 1987. S. 334.
22 Karl Dietrich Erdmann. Gedenkrede für Peter Rassow. S. 131-146. In: HZ. Bd. 195. 1962. S. 132.
23 Diese Kurzbiographie Delbrücks basiert auf einem Artikel von Vierhaus über Delbrück: Vierhaus
1995. S. 478.
24 Andreas Hillgruber. Art. Hans Delbrück. S. 416-428. In: Deutsche Historiker. Hans-Ulrich Wehler
(Hrsg.). Göttingen 1973. S. 416.
13
Jahrhunderts. Er wandte sich gegen die Politik der sogenannten „Alldeutschen“. Im Ersten Weltkrieg war er Verfechter einer maßvollen Kriegszielpolitik, die ihn, wie schon erwähnt, in die Nähe Bethmann Hollwegs brachte.
Nach dem Krieg war Delbrück auf der einen Seite jemand, der sich gegen die Dolchstoßlegende aussprach, auf der anderen Seite aber die alleinige Schuld Deutschlands am Krieg bestritt. Bis zu seinem Tod 1929 war Delbrück kein überzeugter Republikaner, aber er arrangierte sich mit der Republik, sodass er als Vernunftrepublikaner bezeichnet werden kann.
4.3 Peter Rassow über Hans Delbrück
Die Bewunderung, die Rassow für Delbrück empfand, wird besonders in einem Aufsatz deutlich, den Rassow in den späten 40er Jahren über Delbrück schrieb und den er später auch in sein Sammelwerk aufnahm. 25
In dieser Lobeshymne auf Delbrück bezeichnete er ihn als jemanden, der den „Kampf um die Erhaltung des humanen Nationalgedankens“ führte. 26 Über das Wesen Delbrücks schrieb er: „Echtes, historisch verwurzeltes Nationalbewusstsein, das die Idee vom Kultur-Staat erfüllt, in Verbindung mit dem Streben nach Wahrheit, der Aufgabe, die alle Menschen eint, in dieser Verbindung von Politik und Wissenschaft bestand das Wesen von Hans Delbrück.“ 27 Die Verehrung, die Rassow Delbrück entgegenbrachte, ging über eine bloße Sympathie hinaus, was zwei Briefe aus dem Jahr 1960 beweisen, wo sich Rassow in äußerst scharfer und sehr emotionaler Art und Weise gegen eine Verunglimpfung Delbrücks in der Historischen Zeitschrift wehrte und dies als „Flegelei“ bezeichnete. Weiterhin machte er in diesen Schreiben klar, dass er Delbrück für einen „großen Meister“ unter den Historikern zählte. 28 Mit Theobald von Bethmann Hollweg und Hans Delbrück zeigen sich also zwei Personen, die offensichtlich einen nicht geringen Einfluss auf Rassow ausübten. Es scheint kein Zufall zu sein, dass der Historiker Hans-Ulrich Wehler, ein Schüler Rassows, Jahrzehnte später in einem Interview beide Persönlichkeiten nennt, um Rassow politisch einzuordnen: „Er [Rassow] war ein ehemaliger - vernünftiger - Bethmann-Hollweg-Anhänger und
25 Rassow. Delbrück 1960.
26 Rassow. Delbrück 1960. S. 439.
27 Rassow. Delbrück 1960. S. 441
28 Schreiben Rassows vom 23.6.1960 und 8.7.1960 an den Herausgeber der HZ. Nachlass Schieder.
BA Koblenz. NL 1188/208.
14
Schwiegersohn von Hans Delbrück, den man als linkskonservativ bezeichnen könnte.“ 29 Auch Theodor Schieder schreibt in einem Nachruf Rassows, dass Rassow nach dem Ersten Weltkrieg „in den Kreis um den Reichskanzler Bethmann Hollweg [eintrat], in dem seine starken politischen Interessen nachhaltig geprägt wurden“ 30 .
29 Interview mit Hans-Ulrich Wehler. S. 240-266. In: Rüdiger Hohls/Konrad H. Jarausch (Hrsg.).
Versäumte Fragen. Deutsche Historiker im Schatten des Nationalsozialismus. Stuttgart/München
2000. S. 248.
30 Nachlass Theodor Schieder. BA Koblenz. NL 1188/362.
15
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Peter Lindhorst, 2005, Der Historiker Peter Rassow bis 1945, München, GRIN Verlag GmbH
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