Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Der Autor: Biografisches zu Peter Weiss 4
III. Die Form: Das Dokumentarstück 12
IV. Das Werk: „Die Ermittlung“
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1. Die Thematik 18
2. Die Entstehung 23
3. Analyse des Stücks 28
4. Die Rezeption 46
V. Überlegungen zum Einsatz im Deutschunterricht 56
VI. Zusammenfassung 58
VII. Anhang 59
1. Bibliografie 59
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I. Einleitung
Im Mittelpunkt der folgenden Arbeit steht das Werk „Die Ermittlung“ von Peter Weiss. Für die Auseinandersetzung damit ist es notwendig, zunächst den Autor kurz vorzustellen und das für die Beschäftigung mit dem Werk Wichtige aus seiner Biografie hervorzuheben, außerdem Grundsätzliches zur Form des Werks zu erläutern, das Genre Dokumentartheater also ebenfalls kurz vorzustellen. Erst danach soll die Beschäftigung mit dem Werk selbst beginnen. Dabei soll zunächst die Thematik dargestellt und historisch eingeordnet werden. Im Anschluss daran soll dann auf die Entstehungsgeschichte des Werks eingegangen werden, indem die Suche des Autors nach Inhalt und Form betrachtet wird. Als nächstes soll das Essay des Autors, „Meine Ortschaft“ im Zusammenhang mit der „Ermittlung“ und danach „Die Ermittlung“ selbst formal und inhaltlich möglichst umfassend analysiert werden. Anschließend sollen sowohl positive als auch negative zeitgenössische Reaktionen auf das Werk gezeigt werden. Außerdem soll die Möglichkeit des Einsatzes des Werks im Deutschunterricht untersucht werden, wobei es das Für und Wider abzuwägen gilt. Schließlich soll eine zusammenfassende Einschätzung über den Wert des Werks zum Erscheinungszeitpunkt sowie in der heutigen Gegenwart gegeben werden.
Die hauptsächlich zugrundeliegenden Primärtexte sind neben den beiden zentral besprochenen Werken „Die Ermittlung“ und „Meine Ortschaft“ verschiedene andere im Zusammenhang mit Thematik, Entstehung und Aussage der „Ermittlung“ stehende Texte von Peter Weiss. Außerdem gibt es eine Vielzahl von Sekundärtexten, die Informationen zur behandelten Thematik liefern. Umfangreiche Auskunft über die Biografie des Autors gibt beispielsweise Robert Cohens „Peter Weiss in seiner Zeit“ aus dem Jahr 1992. Brian Bartons „Das Dokumentar- theater“ von1987 bietet grundlegende und aufschlussreiche Erläuterungen zum Genre des Dokumentarischen Theaters. Zur Rezeption der „Ermittlung“ schließlich findet sich in dem im Jahr 2000 erschienenen zweibändigen Werk „Auschwitz in der geteilten Welt“ von Christoph Weiß eine Fülle von Informationen.
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II. Der Autor: Biografisches zu Peter Weiss
Peter Weiss wurde am 8. November 1916 in Nowawes bei Berlin geboren. 1 Seine Mutter, Frieda Thierbach, eine deutsche Christin, hatte bereits zwei Söhne aus ihrer geschiedenen ersten Ehe, als sie seinen Vater, Eugen Weiss, einen ungarischen, jüdischen Textilfabrikanten, heiratete. 2 Schon kurz nach der Eheschließung konvertierte Eugen Weiss zur christlichen Religion und alle Kinder, also auch Peter, wurden evangelisch getauft. 3 Wie sein Vater war er zunächst offiziell Staatsbürger von Österreich-Ungarn, als dieser Staat dann Ende 1918 aufhörte zu existieren und der Geburtsort des Vaters der Tschechoslowakei zugesprochen wurde, tschechischer Staatsbürger. 4 Die Familie lebte jedoch weiterhin in Deutschland, von da an bis 1929 in Bremen, wo Peter 1920, 1922 und 1924 zunächst zwei Schwestern und dann einen Bruder bekam. 5 1929 zogen sie dann das erste Mal um, da die Textilfirma, in der der Vater arbeitete, ihren Standort nach Berlin verlegte. 6 Das Familienleben war geprägt von strenger Bürgerlichkeit und auch in der Schule fühlte sich der junge Peter Weiss in der Entfaltung seiner individuellen Persönlichkeit eingeengt, weshalb er sich mehr und mehr isolierte und in seine eigene Welt verkroch: Lesen und Malen wurden zu seinen Vorlieben. 7 So erhielt er 1932 neben dem Besuch des Gymnasiums auch Zeichen- und Malunterricht. 8 Die politischen Entwicklungen in seiner Umwelt beachtete der Jugendliche in seiner Zurückgezogenheit kaum. 9 Er nutzte seine künstlerische Tätigkeit ausschließlich zur Auseinandersetzung mit sich selbst und seinen individuellen, persönlichen Problemen mit der Einengung durch seine Umgebung. 10 Als dann am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, manifestierte sich Peters bis dahin freiwillige Isolation, nun sichtbar und von außen erzwungen: Er durfte in der Schule den Hitlergruß nicht
1 Vgl. Rischbieter, Henning: Peter Weiss. 2. Aufl. Velber 1974, S. 7. [Im Folgenden abgekürzt mit Rischbieter: Peter Weiss]
2 Vgl. Cohen, Robert: Peter Weiss in seiner Zeit. Leben und Werk. Stuttgart / Weimar 1992, S. 6. [Im Folgenden abgekürzt mit Cohen: Peter Weiss]
3 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 286.
4 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 6f.
5 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 7.
6 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 8.
7 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 19ff.
8 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 9.
9 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 21.
10 Vgl. Schmitz, Ingeborg: Dokumentartheater bei Peter Weiss. Von der „Ermittlung“ zu „Hölderlin“ (= Europäische Hochschulschriften. Reihe I: Deutsche Sprache und Literatur. Bd. 377). Frankfurt a. M. / Bern / Cirencester (U. K.) 1981, S. 42. [Im Folgenden abgekürzt mit Schmitz: Dokumentartheater]
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mitmachen, denn als tschechischer Staatsbürger war er nach faschistischer Ideologie, auch wenn er in Deutschland geboren und aufgewachsen und die deutsche Sprache seine Muttersprache war, kein Deutscher, während die Tatsache, dass sein Vater jüdischer Herkunft war, wohl niemandem bekannt war, weder Peter, noch der Öffentlichkeit. 11 Als er dies dann herausfand, fühlte er sich endgültig entwurzelt und isoliert, zumal seine Halbbrüder im neuen Staat vollwertige Mitglieder wurden, im Gegensatz zu ihm dazugehören durften. 12 Er hingegen wurde immer mehr ausgeschlossen und entwurzelt, so muss der junge Peter Weiss em-pfunden haben: Noch 1933 veranlassten die Eltern, dass er das Gymnasium verließ und stattdessen eine Handelsschule besuchte, bevor die Familie dann schließlich Anfang 1935 Deutschland verließ und nach England ging, wo der Vater weiterhin in seinem Beruf tätig sein konnte. 13 Sie wohnten in Chislehurst bei London und Peter arbeitete im Büro des Vaters und besuchte gleichzeitig eine Schule für Fotografie. 14 Die Malerei hatte er nicht aufgegeben, im Gegenteil: 1935 stellte er eigene Bilder das erste Mal öffentlich aus. 15 Politisches Interesse erwachte bei Peter aber immer noch nicht, auch dann nicht, als er eine Zeit lang mit Jacques Ayschmann befreundet war, der überzeugter und engagierter Antifaschist war. 16 Schon 1936 folgte ein erneuter Umzug der Familie Weiss: Der Vater nahm die Chance wahr, in der Tschechoslowakei eine leitende Position in einer Fabrik zu erhalten, und so zog man nach Warnsdorf in Böhmen. 17 Auch hier zog Peter sich zunächst wieder in die Isolation seiner eigenen Welt zurück, malte und schrieb und beschäftigte sich noch immer nicht weiter mit der faschistischen politischen Umwelt, die sich deutlich auch am neuen Wohnort zeigte, der zwar zur Tschechoslowakei gehörte, aber sehr nahe der deutschen Grenze war. 18
Doch bald begann der inzwischen Zwanzigjährige zumindest, sich zunehmend von seinen Eltern zu lösen, um endlich ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. 19 1937 wandte er sich brieflich an den von ihm verehrten Schriftsteller Hermann Hesse. 20 Er schickte ihm mit diesem Brief auch einige seiner eigenen litera-
11 Vgl.Cohen: Peter Weiss, S. 9f.
12 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 21.
13 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 11.
14 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 286f.
15 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 7.
16 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 12.
17 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 287.
18 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 12f.
19 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 21.
20 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 287.
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rischen Versuche sowie Zeichnungen und Hesse erkannte in seiner Antwort Peters künstlerisches Talent an. 21 Im Sommer des gleichen Jahres reiste Peter dann nach Motagnola im Tessin und besuchte Hesse dort. 22 Dieser riet ihm, Kontakt zu dem sozialistischen deutschen Publizisten Max Barth aufzunehmen, der ebenfalls Deutschland verlassen hatte, und auf dessen Vermittlung hin Peter schließlich von dem antifaschistische Maler und Lehrer Willi Novak an der Kunstakademie in Prag aufgenommen wurde. 23 Doch auch hier gehörte er nicht dazu, blieb ein Ausgeschlossener, denn in der Tschechoslowakei war er, trotz seiner offiziellen tschechischen Staatsbürgerschaft von Kindheit an, ein Fremder, der weder die Sprache beherrschte, noch irgendetwas über das Land wusste: Der einzige soziale Kontakt dieser Zeit bestand in der Freundschaft mit einem Studienkommilitonen namens Peter Kien und in einer flüchtigen Bekanntschaft mit Lucie Weisberger, die später für Peters literarisches Schaffen noch von Bedeutung sein sollte. 24 Im Juni 1938 reiste er erneut nach Montagnola, besuchte Hesse und blieb dann bis Ende des Jahres im Tessin. 25 Während er also in der Schweiz war, flohen seine Eltern, als am 1. Oktober 1938 die deutschen Truppen im Sudetenland einmarschierten, nach Schweden, wo der Vater wieder eine Textilfabrik leiten konnte. 26
Anfang 1939 reiste Peter dann zunächst nach Deutschland, um von dort aus schließlich seinen Eltern nach Alingsås in Südwestschweden zu folgen. 27 Dort verdiente er seinen Lebensunterhalt im Büro der Fabrik seines Vaters, indem er Druckmuster zeichnete, bevorzugte jedoch weiterhin die Beschäftigung mit dem beziehungsweise Betätigung im künstlerischen Bereich. 28 Auch in Schweden blieb er zunächst ein Unzugehöriger, in seine eigene Welt zurückgezogen, wie schon in Prag, beherrschte er auch hier zu Anfang die Landessprache nicht, hatte kaum soziale Kontakte und war mit seinen künstlerischen Arbeiten wenig erfolgreich. 29 Diese blieben auch noch immer auf die eigene Person konzentriert, ohne Auseinandersetzung mit der Umwelt. 30 1940 zog Peter dann von Alingsås nach Stockholm, hatte jedoch nun, ohne die Arbeit in der Fabrik des Vaters, Probleme,
21 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 13f.
22 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 7.
23 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 14f.
24 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 15.
25 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 7.
26 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 287.
27 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 18f.
28 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 21f.
29 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 19f.
30 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 23.
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seinen Lebensunterhalt zu beschaffen. 31 Bald schon stellte er in Stockholm zum ersten Mal in Schweden öffentlich seine Bilder aus. 32 Von seiner Kunst leben konnte er aber nicht und musste deshalb anderweitig Geld verdienen, zumal er inzwischen eine Lebensgefährtin, Helga Henschen, hatte, und so arbeitete er im Sommer 1942 auf einem Bauernhof, im Winter im Norden des Landes als Holzfäller und schließlich im Frühling 1943 erneut eine Zeit lang in der Fabrik des Vaters. 33 Ende 1943 heiratete er Helga und im Juni 1944 kam seine erste Tochter zur Welt. 34 Bereits Anfang 1945 wurde die Ehe geschieden und der Erfolg mit seinen Gemälden blieb trotz mehrerer öffentlicher Ausstellungen auch nach seiner Hinwendung zum Surrealismus weiterhin aus, doch er entwickelte nun ein starkes Interesse für surrealistische Literatur und Filme. 35 Nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 kehrte Peter Weiss nicht nach Deutschland zurück, obwohl die Notwendigkeit seines Exils, das nationalsozialistische Regime nicht mehr existierte. 36 Stattdessen wurde er 1946 offiziell schwedischer Staatsbürger. 37 Inzwischen der schwedischen Sprache mächtig, konnte er Mitte der 1940er ein erstes literarisches Werk auf Schwedisch herausbringen, das Prosagedichte enthielt. 38 Außerdem interessierte er sich zunehmend für die Literatur der 1920er und 1930er Jahre. 39
Als 1945, nach Kriegsende, die grausame Wahrheit über die deutschen Konzentrationslager, durch Filmaufnahmen der Siegermächte dokumentiert, der Öffentlichkeit präsentiert wurden, setzte das Schuldgefühl des Peter Weiss ein, das ihn lange Zeit nicht mehr verlassen und seine weitere künstlerische Entwicklung nachhaltig beeinflussen sollte. 40 Er erkannte, warum er eigentlich im Exil lebte, nämlich weil die Nationalsozialisten in Deutschland ihn wegen seiner jüdischen Abstammung zur Vernichtung bestimmt hatten, fühlte sich schuldig, weil er im Gegensatz zu so vielen anderen Menschen durch seine Flucht überlebt hatte, und nahm so zum ersten Mal bewusst die politische Umwelt, in der er gelebt hatte und
31 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 20.
32 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 7.
33 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 288.
34 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 288.
35 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 23.
36 Vgl. Söllner, Alfons: Peter Weiss‘ Die Ermittlung in zeitgeschichtlicher Perspektive. In: Deutsche Nachkriegsliteratur und der Holocaust. Hg. v. Stephan Braese, Holger Gehle, Doron Kiesel u. Hanno Loewy. Frankfurt / New York 1998, S. 104. [Im Folgenden abgekürzt mit Söllner: Die Ermittlung]
37 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 18.
38 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 7.
39 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 24.
40 Vgl. Söllner: Die Ermittlung, S. 108.
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die er bis dahin wenig beachtet hatte, wahr. 41 Er erkannte nun auch, dass das Desinteresse und Nicht-Beachten aktueller politischer Entwicklungen ein Fehler gewesen war, und erfuhr mit Entsetzen, dass seine beiden Bekannten aus der Zeit in Prag, Peter Kien und Lucie Weisberger, in nationalsozialistischen Konzentrationslagern getötet worden waren. 42 Außerdem erinnerte er sich aber auch, wie sehr er sich zu Beginn der NS-Zeit gewünscht hatte, selbst auch, wie seine Halbbrüder, dazugehören zu dürfen, und erkannte so, wie leicht er selbst zum aktiv Beteiligten an den nationalsozialistischen Verbrechen geworden wäre. 43 1947 reiste Peter nach Berlin und schrieb über seine Eindrücke vom Nachkriegs-deutschland, wobei ihm die Tendenz zu gefährlichen Verdrängungsmechanismen der Deutschen bezüglich der eigenen schrecklichen Vergangenheit wohl zum ersten Mal auffiel. 44 Auf seiner Deutschlandreise begegnete er auch erstmals dem Verleger Peter Suhrkamp, dem er kurze Zeit später das Manuskript eines Prosatextes sandte, das dieser jedoch zunächst ablehnte. 45 In Schweden hingegen war Peter Weiss‘ literarische Tätigkeit inzwischen etwas erfolgreicher: Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre erschienen einige Prosatexte und ein auch bald aufgeführtes Hörspiel. 46 1949 hatte er ein zweites Mal geheiratet und bekam sein zweites Kind, die Ehe sollte jedoch auch bald schon wieder geschieden werden und er lernte schon bald seine zukünftige dritte Frau, Gunilla Palmstierna, kennen, die er jedoch erst Anfang 1964 heiraten sollte. 47 1952 schrieb er einen Mikro-Roman und ein Theaterstück. 48 Insgesamt betätigte sich Peter Weiss in den 1950er Jahren jedoch weniger literarisch und widmete sich stattdessen hauptsächlich dem Schaffen von Experimental- und Dokumentarfilmen, malte weiterhin und war außerdem als Lehrer für Malerei und Film an der Volkshochschule in Stockholm tätig. 49 Er vertrat nun in zunehmendem Maße den Standpunkt, jeder Mensch in der Gesellschaft habe ein Recht auf vollkommene, uneingeschränkte individuelle Freiheit. 50 1959 wurden Auszüge des schon 1952 geschriebenen Mikro-Romans „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ in Deutschland ver-
41 Vgl.Rischbieter: Peter Weiss, S. 25f.
42 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 24.
43 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 16.
44 Vgl. Söllner: Die Ermittlung, S. 105.
45 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 7f.
46 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 288f.
47 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 289f.
48 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 8.
49 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 26.
50 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 47.
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öffentlicht: seine erste literarische Veröffentlichung in Deutschland überhaupt. 51 Im gleichen Jahr starb der Vater, die Mutter war schon 1958 verstorben. 52 Peter schrieb daraufhin die Erzählung „Abschied von den Eltern“. 53 Darin setzt er sich rückblickend autobiografisch mit der eigenen Kindheit und Jugend auseinander: Klar zum Ausdruck kommen hier vor allem der Kampf gegen die Einschränkungen durch die streng bürgerliche Familie, das bereits oben beschriebene Schuldgefühl des Verschonten und, wenn auch hier noch keine Erforschung der gesellschaftlichen Ursachen der politischer Entwicklungen stattfindet, immerhin die Einsicht, dass er die eigene Person künftig in Beziehung zur Umwelt setzen muss, um mit seiner Literatur eine Wirkung erzielen zu können. 54 Peter Weiss gab nun das Malen und Filmemachen ganz auf und widmete sich von da an ausschließlich der Schriftstellerei. 55 Nach Erscheinen der Erzählung begann er 1961 sogleich mit der Arbeit an dem Roman „Fluchtpunkt“, der dann 1962 erschien. 56 Darin schildert er, wiederum autobiografisch, die Jahre 1939-1947: Auch hier zeigt sich wieder das starke Schuldgefühl im Zusammenhang mit der NS-Zeit, diesmal nicht mehr nur, weil er selbst verschont wurde, sondern auch aufgrund seines politischen Desinteresses, er setzt also erfolgreich die eigene Person in Beziehung zur gesellschaftlichen und politischen Entwicklung, kann aber deren Ursachen noch immer nicht ergründen. 57 In seiner Umwelt herrschte seit Ende des Zweiten Weltkriegs der Kalte Krieg zwischen der sozialistischen östlichen und der kapitalistischen westlichen Welt, auch Deutschland war geteilt in die westliche Bundesrepublik Deutschland und die östliche Deutsche Demokratische Republik. 58 Und Peter Weiss hatte erkannt, dass er mit seinen schriftstellerischen Arbeiten die Möglichkeit hatte, gesellschaftlich Einfluss zu nehmen, und sah auch die Dringlichkeit gesellschaftlicher Umbrüche in dieser Umwelt. 59
So begann er im Herbst 1962 mit der Arbeit an dem Theaterstück „Die Verfol- gungund Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Clarenton unter Anleitung des Herrn de Sade“. 60 Vertrat Peter
51 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 8.
52 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 289f.
53 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 9.
54 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 43ff.
55 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 27.
56 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 290.
57 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 45f.
58 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 25.
59 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 47.
60 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 9.
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Weiss zu Anfang noch keinen festgelegten politischen Standpunkt, sondern sah sich als Außenstehender, Analysierender der vorhandenen Standpunkte, so entfernte er sich im Laufe der Entstehung des Stücks immer mehr von dieser neutralen Haltung. 61 Als 1964 in der BRD und ein Jahr später in der DDR das Stück - erfolgreich - uraufgeführtwurde, hatte er seine Entscheidung getroffen. 62 Sie fiel zwischen zwei politischen Extremen, erkennbar in den beiden Hauptfiguren des Stücks, dem politisch aktiven Revolutionär Marat, der Einfluss auf die Verhältnisse in seiner Umwelt nehmen möchte, und dem mit sich selbst und seinen persönlichen Problemen beschäftigten Individualisten de Sade, der sich in politischen Dingen zurückhält, und sie hatte sich wohl schon vorher angedeutet: Peter Weiss wählte die Haltung Marats und damit die politische Aktivität, den krassen Gegensatz also zu seiner früheren, politisch völlig desinteressierten Haltung. 63 Er hatte schon in einem früheren Theaterstück seine Ablehnung des Kapitalismus gezeigt, indem er das Geld als gefährliche feindliche Macht darstellte. 64 Jetzt sah er im Sozialismus die seiner Meinung nach beste Alternative zum Kapitalismus. 65 Er beschäftigte sich in den 1960er Jahren dann gezielt mit dem Marxismus. 66 Künftig wollte er nun die erkannte Möglichkeit der Einflussnahme nutzen und mit seiner Kunst versuchen, zu gesellschaftlichen Veränderungen beizutragen. 67
An diesem Punkt der Entwicklung begann der Entstehungsprozess der „Ermittlung“, das Theaterstück, das im Mittelpunkt dieser Arbeit steht, auf das aber an dieser Stelle noch nicht vertieft eingegangen werden soll. Alles Wichtige über Thematik, Entstehung, Analyse und Rezeption des Stücks, wird in den entsprechenden Kapiteln erörtert werden, an dieser Stelle dagegen wurden und werden lediglich die biografischen Grundlagen und Rahmenbedingungen zur Beschäftigung mit dem Stück dargestellt. Dazu gehört weiterhin, aufgrund der eben- fallsspäter darzustellenden Form der „Ermittlung“, die schon Anfang der 1960er Jahre einsetzende Auseinandersetzung Peter Weiss‘ mit der Möglichkeit, die reale Welt auf dem Theater zu zeigen. 68 Er vertiefte außerdem seine Aus-einandersetzung mit der NS-Zeit und den nationalsozialistischen Konzentrations-
61 Vgl.Schmitz: Dokumentartheater, S. 42.
62 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 11 u. 19.
63 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 49f.
64 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 48.
65 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 43.
66 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 141.
67 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 42.
68 Vgl. Rischbieter: Peter Weiss, S. 10.
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lagern, auf welchem Wege, wird weiter unten noch deutlich werden. 69 Er nahm aber auch die politische Entwicklung seiner gegenwärtigen Umwelt bewusst wahr und setzte sich deshalb immer mehr mit dem Gegensatz zwischen Kapitalismus im Westen und Sozialismus im Osten auseinander. 70 So plädierte er im Mai 1965 öffentlich für eine gegenseitige Verständigung zwischen den beiden verfeindeten Lagern im Osten und Westen der Welt. 71 Kurz darauf sprach er in einem Interview in Schweden über die faschistische Kontinuität in Westdeutschland, die ihren Hass nun nicht mehr gegen Juden, sondern gegen Kommunisten richte. 72 Wie er sich den Sozialismus vorstellte, für den er sich entschieden hatte, macht dieses Interview ebenfalls deutlich: „Meine Solidarität mit den sozialistischen Ländern gilt diesen Systemen als Möglichkeit. Ich erklärte in Berlin, daß der Sozialismus Selbstkritik und volle Redefreiheit voraussetzt. […] Ich stelle mich ganz hinter den Marxismus-Leninismus als Grundidee, weil er Kritik, Veränderung voraussetzt“ [PWUN, S. 173]. Ein anderer Text aus der gleichen Zeit zeigt noch einmal eindeutig, dass er in der westdeutschen Gesellschaft nun ganz klar den gefährlichen Verdrängungsmechanismus bezüglich der nationalsozialistischen Vergangenheit sowie die faschistische Kontinuität sieht. 73 Hintergrund dieser Zustände ist seiner Meinung nach das kapitalistische System: „[D]ie Chance zum Neubeginnen […] wurde […]verpaßt, man merkte es nur nicht unter dem äußeren Betrieb, der sich entfaltete. Die [geplante] sozialistische Demokratie […] wurde unter dem Berg aus Hirsebrei begraben. Und wenn jetzt dort, wo die gebratenen Tauben fliegen, alles […] vor Effektivität und Aufschwung strotzt, so kann ich doch nur Schlafende sehn im Brei […]“ [PWUH, S. 8]. All dies erzeugt den Eindruck, Peter Weiss habe sich ganz klar für den Osten und gegen den Westen, auf Deutschland bezogen für die DDR und gegen die BRD entschieden. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die im September 1965 erschienenen „10 Arbeitspunkte eines
69 Vgl. Cohen: Peter Weiss, S. 290f.
70 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 54.
71 Vgl. Weiss, Peter: Partisanen der Wahrheit. In: Weiß, Christoph: Auschwitz in der geteilten Welt. Peter Weiss und die „Ermittlung“ im Kalten Krieg. Teil 2 (= Literatur im historischen Kontext. Studien und Quellen zur deutschen Literatur- und Kulturgeschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hg. v. Christoph Weiß u. Reiner Wild. Bd. 3.2). Sankt Ingbert 2000, S. 100. [Im Folgenden abgekürzt mit Weiss: Partisanen]
72 Vgl. Weiss, Peter: Die Unmöglichkeit der Neutralität. Interview Thomas von Vegesacks mit Peter Weiss in Stockholms Tidningen, 4. Juni 1965. In: Weiß, Christoph: Auschwitz in der geteilten Welt. Peter Weiss und die „Ermittlung“ im Kalten Krieg. Teil 2 (= Literatur im historischen Kontext. Studien und Quellen zur deutschen Literatur- und Kulturgeschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hg. v. Christoph Weiß u. Reiner Wild. Bd. 3.2). Sankt Ingbert 2000, S. 173f. [Im Folgenden abgekürzt mit PWUN]
73 Vgl. Weiss, Peter: Unter dem Hirseberg. In: Weiss, Peter: Rapporte 2. Frankfurt a. M. 1971, S. 8ff. [Im Folgenden abgekürzt mit PWUH]
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Autors in der geteilten Welt“, in deren letztem Punkt er sich noch einmal klar zum Sozialismus bekannte. 74 Doch schon hier kann der aufmerksame Leser erkennen, dass der Autor zwar den Kapitalismus des Westens und der BRD klar ablehnte, deshalb aber keineswegs mit der Form des Sozialismus im Osten oder speziell in der DDR vollkommen übereinstimmte, sondern im Gegenteil einen undogmatischen Sozialismus forderte: „Die Selbstkritik, die dialektische Auseinandersetzung, die ständige Offenheit zur Veränderung und Weiterentwicklung sind Be-standteile des Sozialismus“ [PW10, S. 22]. Endgültig klar wird der Gegensatz zwischen Peter Weiss‘ Vorstellung vom Sozialismus und der praktischen Umsetzung desselben in der DDR dann, wenn man sein schriftliches Parteiergreifen für Wolf Biermann, der in der DDR nicht nur für seine vertretene Meinung kritisiert, sondern vollkommen unterdrückt wurde, indem man ihn an der Publikation hinderte und öffentlich diffamierte, im Dezember 1965 betrachtet. 75 Er schrieb: „Wenn ich für den Sozialismus eintrete, dann tue ich dies, weil zu meiner Vorstellung des Sozialismus die freie Meinungsäußerung gehört. Es ist völlig unvereinbar mit den Grundlagen derjenigen sozialistischen Gesellschaftsordnung, die ich anstrebe, daß einzelne Vertreter der Literatur und Kunst unterdrückt werden“ [PWWB, S. 906]. Von nun an blieb Peter Weiss politisch wachsam und aktiv: Seine literarische Tätigkeit konzentrierte sich weiterhin darauf, mit der Be-handlung zeitgeschichtlich aktueller Themen gegenwärtige gesellschaftliche und politische Verhältnisse zu beeinflussen. 76
III. Die Form: Das Dokumentarstück
Setzt man Dokumente, die als schriftliche oder bildliche Zeugnisse reale Ereignisse festhalten und belegen, in der Kunst ein, dienen sie auch hier der Bestätigung der Authentizität, und man tut dies immer dann, wenn man der Meinung ist, fiktionale Literatur sei nicht imstande, bestimmte Bereiche der Realität angemes-
74 Vgl.Weiss, Peter: 10 Arbeitspunkte eines Autors in der geteilten Welt. In: Weiss, Peter: Rapporte 2. Frankfurt a. M. 1971, S. 22. [Im Folgenden abgekürzt mit PW10]
75 Vgl. Weiss, Peter / Böll, Heinrich: [Erklärung zu Wolf Biermann]. In: Weiß, Christoph: Auschwitz in der geteilten Welt. Peter Weiss und die „Ermittlung“ im Kalten Krieg. Teil 2 (= Literatur im historischen Kontext. Studien und Quellen zur deutschen Literatur- und Kulturgeschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hg. v. Christoph Weiß u. Reiner Wild. Bd. 3.2). Sankt Ingbert 2000, S. 906. [Im Folgenden abgekürzt mit PWWB]
76 Vgl. Vormweg, Heinrich: Peter Weiss (= Autorenbücher 21. Hg. v. Heinz Ludwig Arnold u. Ernst-Peter Wieckenberg). München 1981, S. 99. [Im Folgenden abgekürzt mit Vormweg: Peter Weiss]
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sen darzustellen. 77 Dadurch soll der Zusammenhang zwischen Kunst und Realität hergestellt werden, um wichtige Themen der Gegenwart literarisch behandeln zu können. 78 Das literarische Werk wird durch die Authentizität beziehungsweise den Bezug zur Realität gesellschaftlich wirkungsvoller. 79 Problematisch dabei ist, dass ein einzelnes Dokument ohne seinen gesellschaftlichen und historischen Zusammenhang meist recht wenig aussagt, diese Zusammenhänge jedoch im Dokument nicht belegt sind. 80 Der Schriftsteller muss deshalb zwar im dokumentarischen Material das Thema für sein Werk suchen, aber dies dann über das Dokument hinausgehend in seinen Gesamtzusammenhang einordnen. 81 Thematisch befasst sich das dokumentarische Drama mit der Geschichte oder Zeitgeschichte. 82 Vielfach werden Prozessprotokolle als dokumentarische Grundlage gewählt, da hier schon das Spannungselement, formal der dramatische Aufbau und inhaltlich die Kritik und Analyse im Rückblick auf Geschehen der Vergangenheit vorgegeben sind. 83 Das Dokumentarstück befasst sich nicht mit der Geschichte eines einzelnen Individuums oder Konflikts, sondern mit dem Menschen als typischen Vertreter seiner Klasse. 84
Das dokumentarische Material wird von verschiedenen Künstlern auf unterschiedliche Weise bearbeitet und verwendet. 85 Grob lassen sich zwei verschiedene Arten des Dokumentardramas unterscheiden: Die reine Form, in der das Dokument konstitutiver Teil der Handlung ist, und die Mischform, in der das Dokument nur einer von vielen Teilen einer fiktiven Handlung ist. 86 Für alle Dokumentarstücke gilt: Das verwendete Dokument darf durch die Bearbeitung nicht seine Authentizität verlieren, die Autonomie des Schriftstellers wiederum ist eingeschränkt auf diesen Bearbeitungsprozess, durch den er die Bedeutung des Dokuments zeigt. 87 Peter Weiss hat diesen Punkt in seinen 1968 erschienenen „Notizen zum doku-
77 Vgl.Geiger, Heinz: Dokumentartheater: Hochhuth und Weiss. In: Einführung in die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts. Band 3: Bundesrepublik und DDR. Hg. v. Erhard Schütz u. Jochen Vogt. Opladen 1980, S. 153. [Im Folgenden abgekürzt mit Geiger: Dokumentartheater]
78 Barton, Brian: Das Dokumentartheater. Stuttgart 1987, S. 2. [Im Folgenden abgekürzt mit Barton: Dokumentartheater]
79 Vgl. Geiger: Dokumentartheater, S. 153.
80 Vgl. Barton: Dokumentartheater, S. 10f.
81 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 31f.
82 Vgl. Geiger: Dokumentartheater, S. 154.
83 Vgl. Barton: Dokumentartheater, S. 8.
84 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 38.
85 Vgl. Geiger: Dokumentartheater, S. 154.
86 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 30.
87 Vgl. Barton: Dokumentartheater, S. 3.
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mentarischen Theater“ direkt zu Anfang besonders betont. 88 Bei der Bearbeitung ist dennoch die Subjektivität des Künstlers ein nicht zu unterschätzender Einfluss-faktor: Indem er eine Auswahl trifft und die dokumentierten Fakten interpretiert, sorgt er dafür, dass das Endprodukt seines Schaffens nicht eine bloße Aufzählung von Fakten ist, sondern ein zusammenhängendes Stück. 89 Das durch das dokumentarische Material gewonnene Thema wird also nicht einfach im Theaterstück wiedergegeben, sondern rückblickend durch den Künstler einer kritischen Interpretation unterzogen. 90 Für den Zuschauer muss aber die Möglichkeit bestehen, die Faktizität des Dokumentarstücks zu überprüfen, es muss also in seinen einzelnen Fakten authentisch bleiben, das bedeutet jedoch nicht, dass die Dokumente und das Theaterstück gleichzusetzen seien. 91 Das Stück muss deshalb auch nicht politisch neutral sein, im Gegenteil: Meist vertritt der Autor darin einen kritischen Standpunkt gegenüber gegenwärtigen politischen Verhältnissen. 92 Durch die äußere ästhetische Form des Stücks verdeutlicht er also seine Haltung bezüglich des behandelten Themas. 93 Auch Peter Weiss war sich dessen bewusst: „Das dokumentarische Theater ist parteilich“ [PWDT, S. 99]. Dokumentarschriftsteller wenden die Techniken des Schnitts und der Montage an: Sie wählen aus verschiedenen Dokumenten zu verwendende Fakten aus und verknüpfen die unterschiedlichen Fakten thematisch so miteinander, dass sie auf einen größeren Zusammenhang übertragbar werden. 94 So zeigt sich ihr exemplarischer Wert durch den sie auf allgemeine gegenwärtige Zustände verweisen können. 95 Deshalb wird bei der Darstellung von realen Personen aus den Dokumenten häufig Typisierendes durch den Künstler ergänzt, um die Allgemeingültigkeit zu verdeutlichen. 96 Durch die unterschiedliche Bearbeitung des dokumentarischen Materials, aufgrund der Schwierigkeit, das authentische Dokument in eine ästhetische Form zu bringen, ergibt sich auch ein breites Spektrum im Bereich der äußeren Form von Dokumentarstücken. 97 Die Einschränkung der künstlerischen Autonomie durch die Orientierung am Dokument führt zur Notwendigkeit einer offenen Form des Dra-
88 Vgl.Weiss, Peter: Notizen zum dokumentarischen Theater. In: Weiss, Peter: Rapporte 2. Frankfurt a. M. 1971, S. 91f. [Im Folgenden abgekürzt mit PWDT]
89 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 32.
90 Vgl. Barton: Dokumentartheater, S. 4.
91 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 33f.
92 Vgl. Barton: Dokumentartheater, S. 4.
93 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 34.
94 Vgl. Barton: Dokumentartheater, S. 4f.
95 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 35.
96 Vgl. Barton: Dokumentartheater, S. 17.
97 Vgl. Schmitz: Dokumentartheater, S. 30.
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Arbeit zitieren:
Hanna Rasch, 2011, Studien zum Oratorium "Die Ermittlung" von Peter Weiss unter Einbezug seines Essays "Meine Ortschaft", München, GRIN Verlag GmbH
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