Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Das Böse - Philosophische Betrachtungen zum Versuch einer Begriffsfindung 6
2.1. Das Böse in vorneuzeitlicher Deutung 8
2.2. Das Böse in neuzeitlicher Deutung 15
2.3. Zwischenfazit 29
3. Das Böse in One Flew Over the Cuckoo’s Nest 31
3.1. Präliminare Gedanken zur Erzählperspektive 31
3.2. Die Wärter - Handlanger des Bösen 37
3.2.1. Darstellung im Roman und Drama - Sadismus und Vergeltung 37
3.2.2. Darstellung im Film - Eine hölzerne Dichotomie 42
3.2.3. Deutung auf philosophischer Basis 45
3.2.4. Täter oder Opfer? 48
3.3. The Big Nurse - Das personifizierte Böse? 50
3.3.1. Darstellung im Roman und Drama - Mensch, Maschine, Kontrolle 50
3.3.2. Darstellung im Film - Ein menschlicher Antlitz des Bösen? 57
3.3.3. Emaskulation als Prinzip - Frauen als „ball cutter“? 62
3.3.4. Deutung auf philosophischer Basis 64
3.4. Die Klinik und The Combine - Apparatur und Kollektivismus 68
3.4.1. Darstellung im Roman - Ein gesellschaftlicher Mikrokosmos 68
3.4.2. Darstellung im Drama und Film - reductio ad concretum 74
3.4.3. Der Leviathan gegen den noble savage - Der Konflikt zwischen
Technik und Natur 80
3.4.4. Deutung auf philosophischer Basis 85
4. Zusammenfassung 89
5. Literaturverzeichnis 93
1. Einleitung
„To produce a mighty book, you must choose a mighty theme“ 1 , schrieb Herman Melville in seinem Roman Moby Dick. Es sind Geschichten, die den Menschen eine Welt - seiend, kommend oder zu erhoffend - erklären, die jenen Büchern den Status der Unvergänglichkeit verleihen. Eines der wirkungsmächtigsten Themen, um die sich jene Geschichten winden, ist das Phänomen des Bösen. Wenige Dinge bewegen den Menschen mehr, als das Ringen um Verständnis für das in der Welt existierende, willkürlich hervorgebrachte Leid. Ken Keseys One Flew Over the Cuckoo’s Nest ist einer der Romane, der von menschlichen Schicksalen als Täter und Opfer berichtet und im Wiedererkennungswert seiner fiktiven Figuren eine Bedeutsamkeit für die Realität des Lesers entfaltet, die ihn zu einem der wichtigsten Werke des zwanzigsten Jahrhunderts hat werden lassen. Die folgende Arbeit soll den Versuch unternehmen, die Elemente des Bösen im Roman in ihrem Erscheinungsbild und ihrem Ursprung zu erklären. Von diesen Ergebnissen ausgehend, sollen diese Erkenntnisse mit der Darstellung jener Aspekte des Bösen in der gleichnamigen Theateradaptation von Dale Wasserman sowie im Film von Milos Forman verglichen werden.
Um die Essenzen der verschiedenen Materialisierungen des Bösen adäquat interpretieren zu können, ist es notwendig, den Terminus des Bösen zu präzisieren. Dies erfordert einen theoretischen Teil, der die Grundlage für die nachstehenden Untersuchungen bilden soll. Um ein möglichst breit gefächertes Bild vom Phänomen des Bösen zeichnen zu können, werden hierzu verschiedene philosophische Betrachtungen herangezogen. Da diese Standpunkte eklektisch nach ihrem Potential für die Arbeit ausgesucht und chronologisch kompiliert werden, kann jedoch keine absolute Vollständigkeit aller je verfassten Abhandlungen zu dieser Thematik gewährleistet werden.
Bei der Analyse des Böse und dem Vergleich der Darstellung desselbigen im Roman, dem Drama und dem Film, lassen sich, zunächst ausgehend von Keseys Werk, vier Kategorien als Quelle des Leids eruieren: die Wärter der Station, die Oberschwester Ratched sowie die Heilanstalt und The Combine. Im Sinne einer strukturellen Auswertung soll zunächst vom
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konkreten Subjekt (Wärter, Schwester) ausgegangen werden, bevor hiernach die eher abstrakten Entitäten Heilanstalt und The Combine Eingang in die Untersuchung finden.
Die Erläuterung der Figuren der Wärter und der Oberschwester auf der einen und die Ergründung des Wesens der Heilanstalt und der Combine auf der anderen Seite erfolgt hierbei zunächst durch enge Analysearbeit am Text/Film selbst. Bezüglich des Dramas kann nur die Verschriftlichung desselbigen, nicht eine Aufführung selbst als Grundlage herangezogen werden. Dies bringt den Nachteil mit sich, dass die Spezifika des Dramas (Bühne, Schauspiel, Effekte etc.) nicht berücksichtigt werden können. Auf der anderen Seite kann jedoch auch der Text als Grundlage verschiedener Regieinterpretationen einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit beanspruchen und eignet sich daher besser als Gegenstand einer eingehenden Kritik. Die im theoretisch-philosophischen Abschnitt gewonnen Erkenntnisse sollen dann im jeweiligen Kapitel Einzug in den praktischen Teil der Arbeit, der Herausarbeitung der Charakteristika der Elemente des Bösen, finden.
Auf Thematiken, die das hier zu untersuchende lediglich tangieren (Schicksal der native Americans, McMurphy als christliche Erlöserfigur etc.), kann nur verwiesen, selbige daher nicht in aller Ausführlichkeit untersucht werden. Wegen der Fokussierung auf die Darstellungen des Bösen soll diese Arbeit ebenso wenig primär zur Theorienentwicklung der Intermedialität beitragen. Aufgrund der Alterität in der Umsetzung des Stoffes muss jedoch trotzdem in einem Kapitel kurz auf die Besonderheiten der verschiedene Parameter eines Romans, Dramas oder Films Bezug genommen werden.
Neben den Primärtexten wird auch eine Fülle von Sekundärliteratur - aus Essays, Aufsätzen und Monographien bestehend - in die Analyse mit eingebracht werden. Die zu konsultierende Lektüre besteht zum einen aus Schriften, die sich mit dem Thema One Flew Over the Cuckoo’s Nest in einer für die Arbeit relevanten Weise auseinandersetzen, und zum anderen aus Primär- und Sekundärtexten philosophischer Abhandlungen. Bereits gegebene Argumentationen und Interpretationen sollen dabei mit dem Gegenstand abgeglichen und gegebenenfalls auch dekonstruiert werden.
Sowohl das Buch als auch der Film sowie, mit gewissen Abstand, das Drama waren bisher Gegenstand vielfältiger Artikel, Essays und Anthologie. Die Behandlung der
Antagonistin nurse Ratched wird hierbei von einem nicht geringen Teil dieser Texte in Angriff genommen. Auch die Wärter und die Institution der Heilanstalt sowie das Abstraktum der Combine haben bereits Berücksichtigung gefunden. Der Vergleich zwischen Film und Roman ist ebenfalls kein nie zuvor unternommenes Unterfangen. Neu in dieser Arbeit ist jedoch der Versuch, die gewonnen Ergebnisse mit den Philosophien verschiedener Geistesdenker in Verbindung zu setzen. Darüber hinaus dürfte die gemeinsame Behandlung der Antagonisten unter der Rubrik der Elemente des Bösen, sowie der auf diese Thematik bezogene Vergleich zwischen Roman, Drama und Film ein Novum darstellen.
Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen äußerst unterschiedliche Ausprägungen des Bösen. Sowohl der Ursprung als auch das Gebaren und die Methoden des Bösen präsentieren sich bei den Wärtern, der Oberschwester und der Heilanstalt/der Combine in äußerst unterschiedlichen Varianten. Vom offenen Sadismus bis zur perfide kalkulierten Manipulation der Opfer zeigt sich ein weites Bild jenes Phänomens. Die im Roman/Drama/Film dargestellten Figuren zeigen dabei oftmals auch ein im Vergleich ihrer Motive und Verhaltensweisen eher inkongruentes Bild. Der Abgleich mit den philosophischen Theoremen des Theorieteils ergab, neben der Unanwendbarkeit einiger Lehrmeinungen, eine erstaunliche Deckungsgleichheit vieler Argumentationspunkte mit denen aus den Text/Film gewonnenen Deutungen. Besonders auf gesellschaftlicher Ebene kann hierbei zwischen beiden Teilen ein enger Bezug geknüpft werden.
2. Das Böse - Philosophische Betrachtungen zum Versuch einer Begriffsfindung
„Das Rätsel Mensch entzieht sich wissenschaftlichen Lösungen …, Gut und Böse bleiben letztlich ein Rätsel“ 2 , resümiert Annemarie Pieper lapidar am Ende ihres Buches Gut und Böse. Ein ernüchterndes, wenn nicht gar vernichtendes Resultat. Pieper ist jedoch nicht allein in ihrer scheinbaren Kapitulation vor dem Problem, diesen Phänomenen eine allgemeingültige Definition und einen Ursprung zuordnen zu können. Seit Anbeginn menschlicher Selbstrezeption steht das Bemühen um das Begreifen der beiden Abstrakta Gut und Böse im Mittelpunkt philosophischer Kontemplation. 3 Hierbei handelt es sich nämlich nicht um Bezeichnungen, die losgelöst (eben „abstrahiert“) von der Realität anthropologischen Daseins betrachtet werden können, sondern es sind vielmehr die beiden grundlegenden Wesensbestimmungen menschlichen Handelns und Leidens. Dies ist auch der Grund, warum trotz oder eben gerade wegen der Schwierigkeiten in der Behandlung dieser Problematik die Frage nach Ursprung und Wesen von Gut und Böse durch die Jahrhunderte (und Jahrtausende) immer wieder neu gestellt wird.
Da es sich bei Gut und Böse um dialektische Antipoden handelt, scheint es hilfreich, den Fokus auf eines der beiden Erscheinungen zu begrenzen. Wenngleich auch angenommen werden muss, dass beide Phänomene sehr wohl ihre Manifestation in einer einzigen Entitätin einem Menschen zum Beispiel - finden können, so muss doch trotzdem a priori von einer logischen Gegensätzlichkeit dieser beiden Abstrakta ausgegangen werden: „Wenn wir das Gute beurteilen wollen, müssen wir … das Böse und seine Derivate thematisieren.“ 4 Infolge dieser Annahme könnte einer der beiden Begriffe dann ex negativo aus dem anderen heraus einer Definition - und wenn dies nicht möglich ist, so doch einem gewissen Begriffsverständnis - zugeführt werden. Von daher ist es durchaus sinnvoll, sich ausschließlich der Untersuchung des Bösen im Kontext der menschlichen Existenz zu widmen. W''DD, d' Ed,^^ 'DDDD^ tttt''' ''''^D^^
Wenn sich schon die Lösung dieses Problems unserer Vorstellung noch entzieht, so ist doch trotz des oben zitierten Verdiktes Piepers die Fortführung der Reflexion über den Gegenstand unbedingte Voraussetzung für die Arbeit an zukunftstragenden Modellen menschlicher Koexistenz. Demgemäß begreifen gegenwärtige Philosophen wie Herlinde Pauer-Studer Ethik eben auch nicht als geisteswissenschaftliches Auslaufmodell, sondern weisen ihr im Gegenteil eine nie dagewesene Signifikanz in der Lösung kommender, gesamtmenschheitlicher Aufgaben zu: „Die Frage, wie man gut und richtig zu leben hat in einer Welt … der biotechnologischen Entwicklungen und der globalen politischen und ökonomischen Verschiebungen ist höchst komplex. Die Philosophie kennt darauf keine einfache Antwort. Sie vermag aber sehr wohl die Richtung zu weisen, die ein ernsthaftes Nachdenken über dieses Problem zu nehmen hat.“ 5
Die Suche nach dem Ursprung und dem Wesen des Bösen (und darüber eben auch des Guten) erschöpft sich nicht in der Feststellung, dass dieses Unternehmen unweigerlich in eine epistemologische Sackgasse führen muss, sie legitimiert sich vielmehr durch das immer wiederkehrende Anstoß geben zum Nachdenken über menschliches Zusammenleben im Kontext sich immer schneller verändernder Lebensbedingungen. Die Erkenntnis, das also, was wir über das Böse in unserer (jeweils jetztzeitigen) Welt in Erfahrung bringen könnenwenngleich auch eine endgültige Definition in weiter Ferne scheint - ist daher Eckpfeiler der Orientierung des einzelnen Menschen in den Dimensionen Zeit und Raum sowie Richtungsgeber für unsere zukünftige Entwicklung. Der Versuch das Böse zumindest in Ansätzen zu begreifen ist gleichbedeutend mit dem Glauben an eine gestaltbare Zukunft. Konrad Lorenz, einer der einflussreichsten Biologen und Verhaltensforscher des 20. Jahrhunderts, befindet am Ende eines seiner bedeutendsten Bücher in auffällig philosophischer Klangart (und wohl viele an den nietzscheanischen Übermenschen erinnernd): „Es ist kein allzu großer Optimismus nötig, um anzunehmen, dass aus uns Menschen noch etwas Besseres und Höheres entstehen kann. … Das langgesuchte Zwischenglied zwischen dem Tier und dem wahrhaft humanen Menschen - sind wir!“ 6
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„This great evil. Where does it come from? How'd it steal into the world? What seed, what root did it grow from? … Does our ruin benefit the earth? Does it help the grass to grow, the sun to shine? Is this darkness in you, too?” 7 Es sind Fragen wie diese, welche im Verlaufe der Menschheitsgeschichte immer wieder aufgeworfen worden und deren Beantwortung sich Philosophen verschiedenster Denkrichtungen zur Aufgabe gemacht haben. Dieses Kapitel soll nun versuchen, einige der wichtigsten Vertreter ethischer Moralphilosophie und deren Verständnis vom Bösen in der Welt und im Menschen vorzustellen, um deren Erkenntnisse für die Untersuchungen an Cuckoo’s Nest heranziehen zu können.
2.1. Das Böse in vorneuzeitlicher Deutung
Sokrates (469 - 399), Platon (428 - 347), Aristoteles (384 - 322) - Die „Erfindung“ der Ethik
Da er selbst keine Schriften verfasste, ist das Bild des Sokrates, des ersten der klassischen griechischen Philosophen, der Nachwelt vornehmlich durch zwei seiner Schüler - Platon und Xenophon - überliefert. 8 Auch wenn es sich hierbei um Perspektiven anderer handelt, kann, quellenkritischen Bedenken zum Trotz, der Geist des Sokrates mithilfe der Texte jener Autoren, zumindest bis zu einem gewissen Punkt, rekonstruiert werden. Die sokratische Methode ist wohl am eindrucksvollsten durch dessen Satz, „ich bin mir ja doch bewusst, dass ich absolut nichts weiß“ 9 , dokumentiert. Dieses Paradoxon reflektiert den dialektischen Prozess, den Sokrates entwickelte, um seinen Gesprächspartnern ihre Widersprüchlichkeit vor Augen zu führen (Elenktik). 10 Für die Untersuchung des Bösen markiert Sokrates dahingehend eine entscheidende Etappe, da dieser die kritische Selbstreflexion und die sorgfältige Prüfung des Standpunktes begründete. Das Hinterfragen der menschlichen Existenz und des irdischen Schaffens - „Tue ich Gutes?“ - findet seinen Ursprung im sokratischen Ringen nach Wahrheit. ddddZ>>ddDD:^WEEE&W
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Sokrates behauptete, dass niemand willentlich und bewusst etwas Böses beabsichtige. Nach seiner Vorstellung entsteht das Übel durch die Verfehlung den eigentlich guten Gedanken in die Tat umzusetzen. Unwissenheit um das erzeugte Leiden, das Heranführen an falsche Tugenden oder der Drang körperlichen Verlangens können dem Menschen die Sicht auf das eigentlich Sittenhafte versperren. 11 Dieses im Grunde positive Menschenbild verwundert, eingedenk der Tatsache, dass Sokrates wohl mehr als viele andere Philosophen, die ein weit weniger bejahendes Menschenbild entwickelten, in seinem Leben mehrmals Zeuge menschlicher Gräuel geworden sein muss: So nahm er als attischer Infanterist nicht nur an mehreren opferreichen Schlachten im Peloponnesischen Kriege teil, sondern er erlebte auch aus erster Hand die Morde der dreißig Tyrannen, welche nach der Niederlage Athens im Jahre 404 v. Chr. eine Terrorherrschaft etablierten. 12 Sein Leben und nicht zuletzt sein forcierter Selbstmord stehen dabei im augenscheinlichen Widerspruch zu seinem Glauben an das Gute im Menschen. Diese beiden Aspekte stehen sich als quasi antithetisch gegenüber und enden, wie die meisten seiner Dialoge, in Aporie. Aber genau diese Unauflösbarkeit, das fortwährende Abwegen der Gedanken, ist das Erbe seines Schaffens und der Ursprung des Nachdenkens über Gut und Böse.
Sein Schüler Platon knüpft an die Idee des immanent zum Guten tendierenden Menschen an. Er erkennt das Böse jedoch als aus der Welt der Dunkelheit geboren. All das, was unsere Sinne wahrnehmen, sind nur Erscheinungen der wahren Urbilder jener perzipierten Objekte. Was wir als seiend begreifen ist daher nur der Abglanz unveränderlicher Ideen (gr. idea, „das Urbild“) und daher unfertig, schlecht. 13 Diese Konzeption der zwei Welten (Licht und Dunkelheit, Gut und Böse) sollte zum Grundstein der platonischen Philosophie werden. 14 Mithilfe des in seinem Werke politeia zu findenden Höhlengleichnisses - der wohl einprägsamsten Parabel eines philosophischen Entwurfes - verdeutlicht Platon seine Vorstellung von Gut und Böse: Vom Anbeginn des Lebens in einer Höhle gefesselt, sehen die
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Menschen nur Schatten jener wahren Dinge (Ideen), deren Abbilder an die Felswand geworfen werden. Nach der Befreiung eines Einzelnen und seinen durch Zwang herbeigeführten Aufstieg vernimmt er die schmerzhafte (weil noch blendende) Erkenntnis jener Urbilder. Wieder hinabsteigend wird der erleuchtete Philosoph jedoch von den Unwissenden verspottet und zuletzt umgebracht. 15 Platon verweist hierbei auf das Licht als die Idee des Guten. Die Sonne ermöglicht den Menschen, die Dinge in ihrer ontologischen Reinheit zu begreifen. Die Tugend des zur Erkenntnis fähigen Individuums drückt sich in dessen Versuch aus, jene noch in der Welt des Scheins und der Dunkelheit (des Bösen) verharrenden ins Licht (einer höheren Seinsstufe) führen zu wollen. Das Böse, die Unwissenheit selbst, strebt diesem Erkenntnisgewinn entgegen und missinterpretiert den Versuch des Erkennenden als verwerflichen Akt.
Auch im Höhlengleichnis erkennt man also die Konzeption des Menschen, welcher lediglich aufgrund wider besseren Wissens Böses begeht. Das Gute ist gleichbedeutend mit dem Gewinn der Erkenntnis, dem Heranrücken (auch gewaltsam, wie dies mit dem Erkennenden im Gleichnis geschieht) der wahren Ideen jener Dinge der Welt des Lichts. Diese Konstellation wirft für den modernen Leser nicht wenige Fragen auf: Agiert der Mensch im Sinne des Guten und produziert das Übel der Welt quasi nur koinzident - also lediglich durch eine falsche Auslegung des Guten - so lassen sich doch schwerlich menschliche Taten wie Mord, Vergewaltigung oder Ähnliches erklären beziehungsweise in die Interpretation Platons und Sokrates integrieren.
Eine weitere Problematik scheint die oftmals überlesene, jedoch für die Auslegung essentielle Passage des „gewaltsamen“
16
aus der Höhle Hinausführens zu sein. Slezak weist darauf hin, dass Platon eben nicht mit einer Selbstbefreiung und auch nicht mit einem „Bedürfnis, die neue Freiheit mutig zu nutzen, rechnet“
17
. Die „Befreiung“ des Gefesselten durch eine nicht näher bestimmte Person wirft zwangsläufig die Frage nach der Willensfreiheit des Menschen auf. Wenn es gestattet ist, das Individuum durch Gewalt, durch eine in sich also böse Tat zum Guten zu führen, dann bejaht Platon hier die Anwendung schlechter Mittel für
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das Erreichen guter Zwecke. Ob diese dem Lichte gleichgesetzte Erkenntnis wirklich das Gute ist, oder eben nur von demjenigen, welcher die durch Zwang durchgeführte „Befreiung“ verursacht hat, als jene deklariert und eben nur als gut bezeichnet wird, um seinen eigenen Zwecken dienlich zu sein, bleibt ebenfalls unbeantwortet und somit zumindest im Bereich des Möglichen. „Does God want goodness or the choice of goodness? Is a man who chooses the bad perhaps in some way better than a man who has the good imposed upon him?” 18 , lässt Anthony Burgess den Gefängsniskaplan in seinem Werk A Clockwork Orange fragen. Für Platon würde der Zweck die Mittel heiligen, für den modernen Betrachter dürfte diese Option jedoch höchst unzufriedenstellend sein.
Während für Platon also die erlangte Weisheit Äquivalent für die Erzeugung des Guten ist, konzentriert sich die Ethik des Aristoteles ganz auf den Begriff der Tugend und auf die Frage, wie selbige vom Einzelnen erlangt beziehungsweise diesem anerzogen werden könne. Nur auf diesem Wege könne der Mensch Glückseligkeit (gr. eudaimonia), das höchste Gut, erlangen: 19 „Das menschliche Gut ist der Tugend gemäße Tätigkeit der Seele….“ 20 Ganz im Sinne des zoon politikon, des in der Gemeinschaft lebenden und handelnden Menschen, gilt für Aristoteles daher auch der Staat als Garant dafür, „die Bürger … tugendhaft zu machen und fähig und willig, das Gute zu tun“ 21 . Es bedarf also der Herrschaft, einer ordnenden Institution, einen „Gesetzgeber, der die Bürger durch Gewöhnung tugendhaft macht“ 22 .
Wenn Aristoteles also die Erziehung zur Tugend als Prämisse eines gerechten Lebens postuliert, bedeutet dies auch, dass im Umkehrschluss der Mensch ohne Anleitung ins Böse hinübergleiten müsste. Diese Ansicht lässt sich einordnen in die Thesen seiner Vorgänger. Ebenso lässt sich die Vorstellung der Konditionierung zum Guten mithilfe des Staates kritisieren. Denn was nun Tugend jenseits der Erlangung der Glückseligkeit in realiter zu bedeuten hat, darüber schweigt sich letztlich auch Aristoteles aus. „Wir werden durch gerechtes Handeln gerecht, durch Beobachtung der Mäßigkeit mäßig“ 23 , sind Behauptungen, KKKKKK^^Z W^ E'Z, DDD / / /
die nicht auf eine konkrete Vorstellung oder Definition jener Tugenden schließen lassen. Die Unmöglichkeit dieses Unterfangens räumt Aristoteles wenig später auch ein: „… dass jede Theorie der Sittlichkeit nur allgemeine Umrisse liefern und nichts mit unbedingter Bestimmtheit vortragen darf.“ 24 Neben der Kritik der Allmacht des Staates in den Belangen der Tugend darf auch nicht vergessen werden, dass Aristoteles, konträr zum modernen Gerechtigkeitsverständnis, die Demokratie als Herrschaft des Pöbels und damit als verachtenswert betrachtete. 25 Nicht zuletzt dieser Umstand sowie zum Beispiel auch seine Rechtfertigung der Sklaverei 26 bedingen den Gebrauch der aristotelischen Lehre bei der Suche nach dem Bösen nachhaltig.
Epikur (um 341 - 271) und die Philosophen der Stoa - Vom Nutzen der Unerschütterlichkeit
Epikur simplifiziert das Gute als all jenes, das Lust und Freude bereitet. Hierbei geht es ihm aber nicht um das zügellose Ausleben aller im Individuum drängenden Triebe, als vielmehr um einen kontrollierten Lebensgenuss. Dieser könne durch die Unerschütterlichkeit (gr. ataraxia) der menschlichen Seele erreicht werden. Das den Menschen widerfahrende Böse (Unglück, Krankheit, Alter, Schmerz) könne somit wenn nicht verhindert, so doch zumindest ertragbar gemacht werden. 27 In einem seiner Briefe konkretisiert Epikur dieses Lustprinzip und assoziiert es eng mit den von den klassischen griechischen Philosophen emphasierten Tugenden: „… es [ist] nicht möglich, lustvoll zu leben, ohne einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben…. Denn die Tugenden sind ursprünglich verwachsen mit dem lustvollen Leben, und das lustvolle Leben ist von ihnen untrennbar.“ 28 Eine Unausgeglichenheit zwischen dem Empfinden der Lust - bei Epikur gleichbedeutend mit dem Vermögen, Unlust ertragen zu können - entweder hinsichtlich dem völligen Fehlen dieser Fähigkeit oder eines übersteigernden Hedonismus, welcher den Trieben Vorrang vor Verstand und Vernunft einräumen würde, führe somit zu Leid und Übel. Epikurs Schluss wirft allerdings wiederum / KKKKKKK,&&&&&'''ZZZ s ' K,,>>>>>>>>>Wd' D,,
Fragen auf. So steht sein Theorem (gerechtes Handeln gleich Lustempfinden) im krassen Widerspruch zum oftmals beobachteten Phänomen des Lustempfindens durch Verursachen von Leiden - dem klassischen Sadismus.
An die Idee der ataraxia anknüpfend entstand die Schule der Stoa. Vertreter wie Seneca oder Marc Aurel priesen den Zustand der Freiheit von den Affekten, die Apathie. Hierbei gilt es, sich des verderblichen Einflusses sinnlicher Gelüste und weltlicher Zwänge zu entziehen, Schicksalsschläge als unabänderlich anzuerkennen. 29 In einem Ratschlag an seinen Freund Lucilius bringt Seneca die Maxime der Stoa in destillierter Form zum Ausdruck: Er fordert ihn auf, „nichts als einen Wert anzusehen, was entrissen werden kann“ 30 . Diese Art radikaler Selbstgenügsamkeit wirkt auf den Leser wie ein mühsam zu erreichendes Ideal. Die Glückseligkeit gleichzusetzen mit der Vermeidung des Bösen durch die Abkehr von der selbstauferlegten Bindung an weltlichen Besitz, scheint schwer zu realisieren.
Einen wichtigen Grundstein legte die Stoa allerdings hinsichtlich jenes Aspektes, der die Menschen als gleichberechtigte Wesen betrachtet, welche in einem gemeinsamen Kosmos leben. So vertraten die Philosophen der Stoa den Gedanken des logos, eines allgemeingültigen Weltgesetzes, einer in sich stabilen Ordnung der Dinge, welche alle Menschen beseelt. Das Böse entstünde hierbei, analog zu Sokrates u.a., durch die Verfehlung des Menschen diese Ordnung der Welt zu begreifen und nach ihren Gesetzen zu leben. 31
Augustinus (354-430) - Das Böse im Menschen
Augustinus gilt als einer der bedeutendsten Gelehrten des frühen Christentums. Seine Schriften und seine Philosophie beeinflussten nicht nur die Denker des Mittelalters, sondern sollten auch die Geisteswelt Europas nachhaltig prägen. Der in Nordafrika geborene und aufgewachsene Augustinus fand zunächst Erfüllung in der Philosophie Manis (siehe oben). Die Lehre der zwei Welten, so eben auch bei Platon, ermöglichte es den Menschen, den D,WWW^^^^^^D,
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Ursprung für das Böse außerhalb ihrer selbst zu verorten. Augustinus betrachtete diese Philosophie nun aber zusehends als Rechtfertigung eigener Frevel, welche eben nicht mehr dem eigenen Willen, sondern einer fremden Macht zugeschrieben werden konnten. Die Behauptung der Unmöglichkeit der eigens verursachten Sünde erkannte er als eigentliches Übel dieser Welt. 32
Augustinus erklärte sich und seinem Leser das Böse mithilfe einer seiner Jugendsünden: Ohne Hunger zu haben und somit rein aus Freude an der Tat stahl der spätere Bischof eine Hand voll Birnen. Diese Anekdote lässt sich plausibel mit der Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies in Verbindung bringen. 33 Sowohl Augustin als auch Adam und Eva stahlen die Frucht wider besseres Wissen. Die Ur- und eben auch Erbsünde der ersten Menschen findet somit Widerhall in den Taten der nach ihnen geborenen. Das Böse ist somit im Menschen selber zu verorten. Erlösung von diesem Zustand könne der Mensch nur in völliger Hingabe zu Gott, der Quelle des Guten, erfahren: „Das Gute an mir ist dein Werk und dein Geschenk. Das Böse an mir ist meine Schuld und dein Gerichtsspruch.“ 34 Aber auch dann sei weder Erlösung noch die vollständige Befreiung vom Bösen gewährleistet, wie manch von innerer Qual berichtende Passage dem Leser der Confessiones eröffnet.
Das sich in der Welt befindliche Gute ist also gut von Gott geschaffen worden. Es unterläuft aber hierin einem Prozess der Abkehr jener göttlichen Reinheit ohne jedoch vollends vom Bösen durchdrungen sein zu können, denn dies würde die Existenz jenes Objektes verunmöglichen: „Alles, was Verderb erleidet, wird an Gut beraubt. Entfiele aber jeglich Gut bei einem Ding, so würde es überhaupt nicht mehr sein. … Also … jenes Böse, dessen Ursprung ich suchte, ist nicht Wesenheit; denn wäre es Wesenheit, so wäre es gut.“ 35
Augustinus unternimmt also eine radikale Kehrtwende in puncto Menschenbild. Das Individuum sei weder befähigt von sich aus zum Guten zu gelangen - durch Erkenntnis oder Kontrolle der Affekte - noch könne es das unleugbare Wirken des Bösen einer dunklen Macht
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zuschreiben. Das Übel wird im Menschen selbst geboren und findet so seinen Zugang zur Welt. 36 Der Drang frevelvolle Taten zu begehen liegt daher in der Natur des Menschen, Erlösung kann nur erhofft werden durch die Gnade Gottes. Auch wenn dem Leser bei Augustinus eine vorbehaltlos christliche Ethik begegnet, so fand doch die Thematik des menschlichen Ursprungs des Bösen bei ihm seinen Anfang. Ein Gedanke, der später auch bei vielen der Religion kritischer gegenüberstehenden Denkern, wie Hobbes 37 oder Machiavelli, aufgegriffen und weiterentwickelt werden sollte.
2.2. Das Böse in neuzeitlicher Deutung
Immanuel Kant (1724 - 1804) - Das radikale Böse und das Primat der Freiheit
Nach dem Gedanken des Humanismus - vor allem vertreten durch Philosophen wie Erasmus von Rotterdam - und der Wende hin zur säkularen Schicksalsbestimmung des Menschen durch die von Rene Descartes oder John Locke geprägten Strömungen des Rationalismus und Empirismus, fand die Thematik der menschlichen Freiheit ihren Höhe- und Kristallisationspunkt in den aufklärerischen Philosophien des Immanuel Kant. Im Gegensatz zur christlich geprägten Philosophie eines Augustin zum Beispiel geht die moderne
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Philosophie wieder, analog zu den Lehrsätzen der Antike, von der Befähigung des Menschen aus, sich aus reiner Verstandeskraft von der Tendenz Böses zu tun befreien zu können. Kant sprach diesbezüglich von der Anlage (angeborene Dispositionen) und dem Hang der durch unsere Verantwortung in Erscheinung tretenden Verhaltensweisen. 38 Im Hang läge die eigentliche Wurzel allen Übels, da er „der subjektive Grund der Möglichkeit der Abweichung der Maximen vom moralischen Gesetze“ 39 sei. Dieses moralische Gesetz, das den Grundstein der kantschen Ethik bildet, ist nun wiederum Folgendes: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ 40 Heißt also: Tue niemandem etwas an, von dem du auch nicht möchtest, dass jemand Anderes es dir zufügte.
Die Verletzung jenes Urprinzips aller Sitten kann nach Kant durch dreierlei Dinge („Stufen“) hervorgerufen werden: Zum einen benennt er die „Schwäche“ der Menschen, welche sich dahingehend äußert, dass die Maxime wohl bekannt, aufgrund der „Gebrechlichkeit der menschlichen Natur“ aber nicht erfüllt werden kann. Die nächste Stufe bezeichnet er als „Unlauterbarkeit“, der Hang zur Kombination von moralischen und unmoralischen Absichten. Hier ist vor allem die „pflichtgemäße Handlung“ gemeint, die jedoch „nicht rein aus Pflicht getan“ wird. Zuletzt die reine „Bösartigkeit“, die völlige Hinwendung zur bösen Maxime um ihrer selbst willen. 41
Da die Anlage zum Verständnis des moralischen Gesetzes sowie das Böse im Menschen ihre Manifestation finden, müssen beide gleichzeitig im Individuum präsent sein. Der Unterschied in der Handlungsweise des Einzelnen bestünde aber nunmehr in der Unterordnung der einen Maxime unter die andere. Die Entscheidung, Böses zu tun, ist nach Kant kausale Folge der primären Entscheidung des Menschen, das moralische Gesetz der Selbstliebe unterzuordnen. 42 Der Entschluss, Böses zu tun, i.e. nicht im Sinne des
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kategorischen Imperativs 43 zu handeln, ist also jedem Menschen vorbehalten: „Was der Mensch im moralischen Sinne ist oder werden soll, gut oder böse, dazu muss er sich selbst machen oder gemacht haben.“ 44 Das Bewusstsein der absoluten Selbstverantwortlichkeit des Menschen ist dabei der bahnbrechende Gedanke Kants, welcher zum Geist des aufgeklärten Europas werden sollten. Das Individuum ist im Besitz eines voluntas, welcher, gegeben keine andere Kraft (Staat etc.) oktroyiert ihre Herrschaft auf unbillige Weise, dem Menschen ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Auf der anderen Seite konstatiert Jean-Paul Sartre aber auch, dass dieser Zustand den „Schrecken der Freiheit“ 45 , i.e. Verantwortung der eigenen Tat gegenüber, impliziert.
Arthur Schopenhauer (1788 - 1860) - Die Hölle des Willens
Während die Philosophen des alten Griechenland und Rom für das Negative im Menschen nur ein sprachliches Äquivalent, kakon beziehungsweise malum, besaßen, entwickelte Schopenhauer die für uns äußerst wichtige Unterscheidung vom Bösen und vom lediglich Schlechten. Während der Altruist gewillt ist, fremdes Glück auf Kosten des eigenen zu erzeugen, verfährt der Schlechte (Egoist) in umgekehrter Weise. Der Böse hingegen generiert fremdes Leid, ohne dadurch direkte Vorteile zu erlangen. Er ergötzt sich also an der Not als solcher. 46 Auch wenn letzteres Phänomen nicht erst seit den Schriften des Marquis de Sade eine nähere Beschreibung gefunden haben dürfte, so ist die Unterteilung dieser in ihren Qualitäten unterschiedlichen Erscheinungen für die menschliche Psychologie betreffenden Untersuchungen essentiell.
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Wesentlicher für die Philosophie Schopenhauers sind jedoch die von ihm entwickelten Gedanken zum Willen des Menschen. In seinem Hauptwerkt Die Welt als Wille und Vorstellung knüpft er an die von Platon und Kant entwickelte Idee von den zwei Welten, der Dinge an sich auf der einen und der bloßen Erscheinungen auf der anderen Seite, an. Im Gegensatz zu Kant aber rückt Schopenhauer den Willen als allen Dingen innewohnende und daher die Welt definierende Substanz in den Mittelpunkt: „Sobald das Erkennen, die Welt als Vorstellung, aufgehoben ist, bleibt überhaupt nichts übrig, als bloßer Wille, blinder Drang.“ 47 Dieser unersättliche Wille sei es, dessen Erfüllung eine kurzzeitige Suspension vom Leid des unerfüllten Zustandes verschafft. Gleich einer Hydra jedoch erwächst aus dem gestillten Verlangen eine Vielzahl neuer Begehren: „Alles Wollen entspringt aus Bedürfnis, also aus Mangel, also aus Leiden. Diesem macht die Erfüllung ein Ende; jedoch gegen einen Wunsch, der erfüllt wird, bleiben wenigstens zehn versagt…. … es [das Objekt des Willens] gleicht immer nur dem Almosen, das dem Bettler zugeworfen, sein Leben heute fristet, um seine Qual auf Morgen zu verlängern.“ 48
So treibt der Wille das Individuum durch ein Leben temporärer Pseudobefriedigung. Die menschliche Existenz ist daher nichts als ein Springen von einem Zustand des Leidens zum nächsten. In dieser Welt des absoluten Pessimismus kann dem Bösen also nie absolut entgegengetreten werden. Der Drang zu immer neuer Befriedigung ist die Quelle allen Leidens und allen Bösen dieser Welt. Eine Atempause aus jener Verfangenheit ergibt sich lediglich in der schon von der Stoa postulierten Askese. Nur dadurch könne die Allmacht des Willens unterbrochen werden. 49
In Schopenhauers Mitleidsethik ist ein weiterer Bezug zu Kant zu erkennen. Im Gegensatz zum kategorischen Imperativ als Ursprung des sittlichen Handelns stellt Schopenhauer jedoch das Mitleid ins Zentrum der moralischen Tat. „Den Grundsatz der Ethik“ beschreibt Schopenhauer ähnlich aphoristisch wie zuvor Kant: „Neminem laede, immo
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omnes, quantum potes, juva!“ 50 Wenn die Erscheinung des Menschen auf eine gemeinsame Idee des Menschen, sein Urbild, sein Ding an sich, zurückzuführen ist, dann muss notwendigerweise auch eine metaphysische Identität jener Phänomene angenommen werden. 51 Die gute Tat dem anderen, auch unbekanntem Menschen gegenüber begründet sich also dadurch, dass jener als Teil unserer selbst, wenn auch nur unterbewusst in der Welt der Ideen verortet, wahrgenommen wird. Dieser Schluss bedeutet eine Weiterentwicklung des kantschen Prinzips. Schopenhauer wendet sich ab vom Primat der Ratio und legt zugleich den Grundstein ethischen Handelns aufgrund menschlichen Empathieverständnisses.
Friedrich Nietzsche (1844 - 1900) - Der Umwerter aller Werte
Auch für die Philosophie des aus einer Pfarrersfamilie stammenden Nietzsche war Schopenhauer in vielerlei Hinsicht maßgebend. Im Gegensatz zu ihm Begriff er den Menschen jedoch nicht als Sklave des eigenen Willens, sondern postulierte vielmehr eine vom Kampfe geprägte „Welt, deren Essenz Wille zur Macht ist“. Demgemäß sei Schopenhauers Prinzip nicht nur „sentimental“, sondern sogar „abgeschmackt-falsch“ 52 . Doch Nietzsches Kritik endet nicht bei seinen Zeitgenossen. Vielmehr wächst sie sich aus zu einer fundamentalen Ablehnung aller bisher gelehrten Ethik. Seine Philosophie wird daher von vielen als Zeitenwende oder, wie Gottfried Benn es ausdrückte, als „Erdbeben der Epoche“ 53 betrachtet.
Nietzsche unternimmt nicht bloß den Versuch, eine eigene Interpretation der Morallehre zu entwickeln, er stellt die Idee der Moral als solche in Frage. Für ihn gibt es keine transzendentale Macht, die für das durch Menschen erkennbare Gute verantwortlich sein könnte. Auch ein Naturrecht des Menschen lehnt er ab, da dieses dem Sinne der Biologie selbst widerspräche. Natur sei Ordnung und in diesem Sinne Über- und Unterordnung der
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Individuen. Der Gedanke der Moral wurde daher auch von denen postuliert, die sich einen Schutzmechanismus gegen jene zu entwickeln genötigt sahen, deren natürliche Überlegenheit sie unter ein Joch der Sklaverei hätte zwingen müssen. Moral ist daher im innersten Sinne nichts anderes als Sklavenmoral. 54 Die von den Menschen als gültig angenommenen und daher seit Jahrhunderten nicht hinterfragten Konzeptionen von Gut und Böse seien vielmehr menschliche Kreationen, die ursprünglich als bloße Existenzgaranten der jeweils Unterdrückten aufgestellt und im Laufe der Zeit mit unumstößlicher, kanonischer Gültigkeit versehen wurden.
Eine für den Einzelnen am schwersten wiegende, weil der Natur am radikalsten entgegentretende Gesetzmäßigkeit, sei dabei die Kontrolle der Instinkte und des Willens. Nur dadurch glaubt der Mensch, das inhärente Böse im Zaum halten zu können. In Wahrheit degradiert sich jedoch der von der Natur aus zum Höheren bestimmte Mensch und ordnet sich ein in ein System widersinniger Gleichmacherei. 55 Nietzsche wendet sich daher auch vehement gegen alle Tugendlehrer und Moralprediger seiner Zeit: „Ach wie übel ihnen das Wort ,Tugend‘ aus dem Munde läuft! Und wenn sie sagen: ,ich bin gerecht‘, so klingt es immer gleich wie: ,ich bin gerächt!‘ Mit ihren Tugenden wollen sie ihren Feinden die Augen auskratzen; und sie erheben sich nur, um andere zu erniedrigen.“ 56
Friedrich Nietzsche wandte sich auf bis dato unbekannte Weise gegen alles die Welt verneinende. Seine Kritik wandte sich daher vor allem gegen jene, die die Existenz des Menschen auf die Vorbereitung für ein jenseitiges Reich reduzieren wollten. Nietzsche erhob im Gegensatz dazu den Drang des diesseitigen Schaffens zur obersten Maxime seiner Philosophie. In seinem Hauptwerk Also sprach Zarathustra entwickelte er eine Vorstellung vom Menschen, der ungeachtet alter Moralvorstellungen mithilfe seines Willens die Menschheit aus der Gegenwart heraus zu einer neuen Entwicklungsstufe führen sollte: „Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. … Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden
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Arbeit zitieren:
Toni Friedrich, 2012, Das Böse in "One Flew Over the Cuckoo's Nest" - Roman, Drama, Film, München, GRIN Verlag GmbH
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