2
Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitung 3
2. Terminologische Festlegungen 4
2.1. Grundprinzipien der Fregeschen Terminologie
und das, was er „Gedanke“ nennt 4
2.2. Zur Klassifikation indexikalischer Ausdrücke 7
2.2.1. Die Ergänzungsbedürftigkeit indexikalischer
Gedankenausdr ücke bei Frege 8
3. Sätze mit „ich“ und deren Besonderheiten im Kontext
von Frege 10
3.1. Probleme mit dem Indikator „ich“ 13
3.2. Sinn-Beitrag der sprechenden Person 15
3.2.1. Kemmerlings Interpretation zum Sinn-Beitrag
der ersten Person Singular 16
3.2.2. Künnes Ausdeutung zum Sinn-Beitrag der
ersten Person Singular 20
4. Indikatoren und Fregescher Sinn in der Semantik von
John Perry und Gareth Evans 26
4.1. Perrys Logik der reinen Indexwörter 26
4.1.1. Auseinandersetzung mit Freges Prinzipien 26
4.1.2. Das Dilemma der wesentlichen Indexwörter 29
4.1.3. Perrys Lösung zur Ich-Bestimmung 32
4.2. Evans zu indexikalischer Referenz 34
4.2.1. Skizze der Sprachphilosophie und Erkenntnistheorie Evans´ 34
4.2.2. Selbstbewusstsein und die erste Person Singular 37
4.2.3. Evans´ Lösung zur Ich-Bestimmung 38
4.2.3.1. Immunität gegen Irrtum durch Fehlidentifikation
k örperlicher Selbstzuschreibungen 41
5. Schlussbetrachtung 43
Literaturverzeichnis 48
3
1 Einleitung
Gottlob Frege, deutscher Mathematiker, Logiker und Philosoph (1848-1925) gilt, neben Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein, als einer der großen Vordenker der analytischen Philosophie. Freges größte Leistung liegt sicherlich in der Erfindung der modernen Logik, die er unvermittelt und weitestgehend ohne historische Vorbilder 1879 in einem Buch mit dem Titel „Begriffsschrift“ dargeboten hat. 1 Die von ihm in diesem Kontext hervorgebrachte „formale Sprache“ folgt der Idee, aus der sog. Normalsprache oder Alltagssprache, mittels logischer Analyse, eine „Idealsprache“ zu entwickeln, die all das ausdrücken kann, was die Normal-oder Alltagssprache ausdrückt, aber präzise und logisch eindeutig. Neben der Entwicklung der formalen Logik geht auch deren erste Anwendung für einen philosophischen Zweck, die Grundlegung der Mathematik, auf Frege zurück. 2 In seinen Schriften Begriffsschrift und Grundgesetze der Arithmetik (1893-1903) erarbeitete Frege somit die formalen Darstellungsmittel, die in ihrer strikten Trennung von Syntax und Semantik die Grundlagen der modernen Logik bilden. In seinen sprachphilosophischen Aufsätzen legte er mit seiner Unterscheidung von Sinn und Bedeutung (1892) sowie Begriff und Gegenstand (1892) die Grundsteine der modernen analytischen Philosophie.
In dem 1918 erschienen Aufsatz Der Gedanke - eine logische Untersuchung, der gleichzeitig den Ausgangs- und Bezugspunkt meiner Arbeit bildet, widmet sich Gottlob Frege einem weiteren Kernbestandteil seiner Philosophie, nämlich, wie der Titel bereits offenbart, dem „Gedanken“. Während über die Struktur von Freges formaler Logik bei den unterschiedlichen Interpreten weitgehend Einigkeit herrscht, ist dagegen die historische und semantische Eingliederung von Freges philosophischen Schriften eher umstritten. „Es ist kaum möglich, etwa Freges Begriff des Gedanken zu erläutern, ohne in diesen Kontroversen Stellung zu beziehen“ 3 , so Verena Mayer in der Vorbemerkung ihres Buches über Gottlob Frege. Speziell in der Auseinandersetzung mit indexikalischen Ausdrücken nimmt das Werk Freges einen besonderen Stellenwert ein. Vor allem Der Gedanke, aber auch Über Sinn und Bedeutung entfalten lange nach seinem Tod eine Wir-
1 Vgl.Mayer: Gottlob Frege, S. 9
2 Ebenda, S. 9
3 Ebenda, S. 11
4
kung, die sich in allgemeinen Rekonstruktionen wie aber auch in konträren Positionen, von beispielsweise John Perry 4 , niederschlägt.
In direkter Anlehnung daran werde ich mich mit dem semantischen Verständnis der Fregeschen Theorie des Gedankens, und dabei im Besonderen mit der Verwendung des Indexwortes „ich“ auseinandersetzen. Dabei gilt es zuvorderst zu klären, was Freges Lehre zum Thema des Sinns und des Bezugs eines solchen Indikators anbietet, aber auch, was in diesem Zusammenhang eventuell zu Problemen führt und welche Fragen seine Lehre nicht beantworten kann. Im zweiten Teil meiner Arbeit werde ich die Konzeptionen zweier Sprachphilosophen des späteren 20. Jahrhunderts, die sich ebenfalls intensiv mit den Theorien der Indexikalität beschäftigten, John Perry und Gareth Evans, dem Fregeschen Ansatz gegenüberstellen und deren Positionen, immer in Rückgriff auf Frege, herausarbeiten.
Einleiten möchte ich meine Arbeit jedoch mit einem kurzen Abriss über die Grundsätze der Fregeschen Lehre. Dies erscheint mir deshalb wesentlich, um sinnvoll nachvollziehen zu können, auf welcher Grundlage Frege seine Theorie zu oben genannter Problemstellung entwickelt.
2 Terminologische Festlegungen
2.1 Grundprinzipien der Fregeschen Theorie und das, was er
„Gedanke“ nennt
Um zu verstehen, was Frege meint, wenn er von einem „Gedanken“ spricht, muss man sich zunächst vergegenwärtigen, dass es sich hier nicht um einen Gedanken im Sinne eines psychologischen Teilvorgangs des Denken handelt. Das Grundprinzip von Freges Sprachphilosophie besagt, dass Sätze, in erster Linie Behauptungssätze, Gedanken ausdrücken. 5 Gedanken sind weder subjektiver Natur, im Gegensatz zu Vorstellungen und Sinneseindrücken, und sie sind
4 Vgl. Perry, 1977
5 Vgl. Frege: Der Gedanke, S. 90
5
auch keine sinnlich wahrnehmbare Dinge oder Gegenstände der Außenwelt. 6 Gedanken zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, dass sie dasjenige sind, bei dem überhaupt Wahrheit oder Falschheit in Frage kommt. Demnach besitzen, nach Frege, Gedanken Wahrheitswertfähigkeit. 7 Damit wird aber nicht lediglich die Bedingungsform ausgedrückt, dass wenn etwas wahr oder falsch ist, dies ein Gedanke sein muss, sondern es wird hernach eine hinreichende Bedingung für die Verschiedenheit von Gedanken angedeutet. So gilt für zwei Sätze p und q, wenn p etwas Wahres und q etwas Falsches ausdrückt, so sind die von p und q ausgedrückten Gedanken verschieden. 8
Für das Haben von Gedanken wählt Frege den Ausdruck „fassen“ 9 . Um einen Gedanken fassen zu können, bedarf es eines besonderen geistigen Vermögens, der Denkkraft. Dies setzt wiederum einen Fassenden (Denkenden) voraus, d.h. das Bewusstsein des Denkenden, das aber nicht Träger der Gedanken ist. Der Gedanke selbst gehört nicht zum Bewusstseinsinhalt des Denkenden, allerdings muss etwas im Bewusstsein des Denkenden auf den Gedanken hinzielen. Der Gedanke ist kein subjektives Tun des Denkens, sondern dessen objektiver Inhalt, der fähig ist, gemeinsames Eigentum von vielen zu sein. 10
Um diese Auffassung des Gedankens und dessen Wahrheitswertfähigkeit erschöpfend erfassen und in der Analyse anwenden zu können, erscheint es mir hier sinnvoll, einen Rückgriff auf die Fregeschen Termini „Sinn“ und „Bedeutung“ eines Ausdrucks bzw. eines Gedankens, zu machen.
Mit der Bedeutung eines Ausdrucks meint Frege den vom Ausdruck bezeichneten Referenzgegenstand. Zur Erklärung desselben greift er auf das Phänomen der informativen Identitätsaussagen zurück. Hierbei unterscheidet er zwei Arten von Identitätssätzen, nämlich Sätze der Form „a=a“ 11 und Sätze der Form „a=b“ 12 . Nach Frege haben beide Sätze einen unterschiedlichen Erkenntnis- und Informationswert. Sätze der Form a=a kann jeder als wahr erkennen, denn beide Ausdrücke sind identisch. Allerdings besitzen sie keinerlei Erkenntnis- und Informationswert, wohingegen Sätze der Form a=b wichtige Erweiterungen unserer
6 Vgl. Ebenda, S. 101f
7 Ebenda, S. 101
8 Vgl. Newen: Indexikalische Ausdrücke und Fregescher Sinn: Die Unverträglichkeit in Freges Sprachphilosophie, S. 46
9 Frege: Der Gedanke, S. 92, S. 108
10 Vgl. Ebenda, S. 108
11 Frege: Über Sinn und Bedeutung, S. 23
12 Ebenda, S. 23
6
Erkenntnis beinhalten. Diese Art von Identitätssätzen können wahr oder falsch sein und müssen durch Erfahrung überprüft werden. An dieser Stelle können wir also zusammenfassen, dass zwei Aussagen der Form a=a und a=b sich nicht unterscheiden, wenn sich die Bedeutung der Ausdrücke in der Bedeutung, d.h. in den bezeichneten Entitäten, erschöpft. 13
Im Kontext der informativen Identitätsaussagen besteht für Frege der Anlass, die Tragweite singulärer Terme nicht nur mittels einer Bedeutung (Referenzgegen-stand), sondern auch durch einen Sinn zu charakterisieren. Mit dem Sinn bezeichnet Frege die „Art des Gegebenseins“ 14 eines sprachlichen Ausdrucks. So haben beispielsweise die Ausdrücke „Morgenstern“ und „Abendstern“ dieselbe Bedeutung, nämlich im Sinne des Referenzgegenstandes Planet Venus, aber sie haben nicht denselben Sinn, da zum einen die Sichtbarkeit des Sterns am Morgen und zum anderen seine Sichtbarkeit am Abend manifestiert wird. Folglich wird mit dem Sinn also die Art oder Weise des Gegebenseins eines sprachlichen Ausdrucks bezeichnet. 15
Gehen wir hier einen Schritt weiter und fragen nach dem Sinn von Behauptungssätzen bzw. von Gedanken. Wir kennen bis dato den Sinn eines einzelnen sprachlichen Wortes als seine Art des Gegebenseins. Übertragen wir das nun auf ganze Sätze / Gedanken, so lässt sich eben dieses Gegebensein auch darauf anwenden. So ist z.B. die Weise des Gegebenseins und somit der Sinn des Satzes „der Morgenstern ist ein von der Sonne beleuchteter Körper“ verschieden von dem Satz „der Abendstern ist ein von der Sonne beleuchteter Körper“ 16 . Beide Behauptungssätze drücken nach Frege Gedanken aus, jedoch verschiedene, da man den einen Satz für wahr und den anderen für falsch halten kann, wenn man nicht weiß, dass es sich in beiden Fällen um die Entität Planet Venus handelt. 17 Somit sind die geäußerten Gedanken unterschiedlich, bedingt durch die Weise ihres Gegebenseins und damit auch in ihrem Sinn. Jedoch haben die Unterschiede im Sinn, bewirkt durch die Substitution der beiden Ausdrücke „Morgenstern“ und „Abendstern“ keinerlei Einfluss auf den tatsächlichen Wahrheitswert der Gedanken, da ein Wort durch ein anderes mit derselben Bedeutung ersetzt wurde. Folglich müssen beide Gedanken als wahr anerkannt werden.
13 Vgl. Frege: Über Sinn und Bedeutung, S. 23
14 Ebenda, S. 24
15 Vgl. Ebenda, S. 24
16 Ebenda, S. 29
17 Vgl. Frege: Der Gedanke, S. 90
7
Es scheint bei Frege so zu sein, als ob die wahrheitskonditionale Rolle eines Ausdrucks durch seine kognitive Bestimmung festgelegt wird, da der Sinn die Bezeichnung in Form einer extensionalen Bezugnahme festlegt. Das ist insofern richtig, als Sinne sowohl Einheiten der kognitiven Bedeutsamkeit, Gegenstände des Denkens und Entitäten der sprecherabhängigen Wahrheitswertbestimmung, als auch Träger der Wahrheitswerte sind und die Wahrheitsbedingungen festlegen. Allerdings betont Frege ausdrücklich, dass Gedanken keine psychischen Einheiten wie etwa Vorstellungen sind. Sie sind weder psychisch noch physisch, sondern gehören einem „dritten Reich“ an. 18
2.2 Zur Klassifikation indexikalischer Ausdrücke
In der Sprachphilosophie wird immer dann von Indexikalität gesprochen, wenn der semantische Wert, d.h. die Bedeutung oder der Referent eines Ausdrucks sich abhängig vom Kontext ändern kann. In Anlehnung an Pierce werden Sätze als indexikalisch charakterisiert, wenn sie Personal-, Possesiv- oder Demonstrativpronomina, wie „ich“, „mein“ und „dies“, Demonstrativ-Determinatoren wie „dieser, „Temporal- oder Lokaladverbien wie „heute“ und „hier“, Temporaladjektive wie „heutig“ und „hiesig“, um nur einige zu nennen, enthalten. 19 Auch David Kaplan hat in seiner Abhandlung Demonstratives, Demonstrativa von Indexwörtern unterschieden. Demonstrativa sind Ausdrücke, die mittels einer hinweisenden Geste referieren, wie z.B. „dies“, jenes“, usw., Indexwörter, wie „ich“, „hier“, „gestern“, „heute“ etc. bedürfen üblicherweise keiner derartigen Geste. Sie werden auch als „reine Indexwörter“ bezeichnet. 20
So stellt sich die Frage, ob Sätze, die sogenannte reine Indexwörter enthalten im Sinn als vollständig zu betrachten sind, oder gewisser Beifügungen bedürfen und wenn ja, welcher. Derartige Problemstellungen, eigens zur Indexikaltität der ersten Person Singular, gilt es in den folgenden Kapiteln, auf der Basis von Freges Lehre, zu diskutieren.
18 Vgl. Ebenda, S. 101, S. 108
19 Vgl. Künne: Die philosophische Logik Gottlob Freges, S. 455
20 Vgl. Sodati 1994: Sodati, Gianfranco, Einleitung zu Perry und Castañeda, in: M. Frank (Hg.): Analytische Theorien des Selbstbewußtseins, S. 396
8
2.2.1 Die Ergänzungsbedürftigkeit indexikalischer Gedanken-
ausdrücke bei Frege
Frege behauptet, dass mit einem indexikalischen Satz nicht immer derselbe Gedanke ausgedrückt wird, „weil die Worte einer Ergänzung bedürfen, um einen vollständigen Sinn zu ergeben, und […] diese Ergänzung nach den Umständen verschieden sein kann.“ 21 Damit sagt er, dass die in der Satz-Äußerung gebrauchten Wörter allein noch nicht den vollständigen Gedanken ausdrücken, der die Wahrheitsbedingungen dessen manifestiert, was der Sprecher mit seiner Äußerung sagt. Frege wird diesbezüglich noch deutlicher, indem er erklärt, dass der bloße Wortlaut nicht der vollständige Ausdruck des Gedanken sei, sondern dass gewisse Umstände der Äußerung noch hinzutreten müssen (bei Sätzen mit „ich“, mit „jetzt“, mit „hier“ etc.), um den Gedankenausdruck so zu komplettieren, dass letztlich ein Gedanke ausgedrückt werde, durch den festgelegt ist, ob das vom Redner bei jener Gelegenheit Gesagte wahr ist oder nicht. 22
„So überragt der Inhalt eines Satzes nicht selten den in ihm ausgedrückten Gedanken. Aber auch das Umgekehrte kommt oft vor, dass nämlich der bloße Wortlaut, welcher durch die Schrift oder den Phonographen festgehalten werden kann, zum Ausdruck des Gedanken nicht hinreicht.“ 23
Äußerst jemand beispielsweise den Satz:
„Es regnet in Weinheim“,
so drückt der Satz allein, sozusagen aus sich selbst heraus, keinen vollständigen Gedanken bzw. keinen vollständigen Sinn aus. Das, was einen vollständigen Sinn bzw. einen vollständigen Gedanken hervorbringt, ist nicht die Satzäußerung allein, sondern immer die Äußerung kombiniert mit bestimmten Elementen der Äußerungssituation, bestehend aus einem sprachlichen Zeichen und einem Be-standteil der nicht sprachlichen Realität. Wolfgang Künne nennt solche Gedan-
21 Künne:Die philosophische Logik Gottlob Freges, S. 455
22 Vgl. Frege: Der Gedanke, S. 95
23 Ebenda, S. 95
9
kenausdrücke „hybrid“ 24 . Im obigen Beispiel besteht ein solcher hybrider Gedankenausdruck aus der Satzäußerung und der „Zeit des Sprechens“ 25 . Dazu Frege:
„In allen solchen Fällen ist der bloße Wortlaut, wie er schriftlich festgehalten werden kann, nicht der vollständige Ausdruck des Gedankens, sondern man bedarf zu dessen richtiger Auffassung noch der Kenntnis gewisser des Sprechens begleitender Umstände, die dabei als Mittel des Gedankenausdrucks benutzt werden. Dazu können auch Fingerzeige, Handbewegungen, Blicke gehören.“ 26
Nun, für Frege gibt es also, was die semantischen Gegebenheiten indexikalischer Sätze angeht, nur eine einzige Form der Unvollständigkeit von Gedanken, nämlich die, dass dem sprachlichen Zeichen ein Ausschnitt der nicht sprachlichen Wirklichkeit zugefügt wird. Diese Unvollständigkeit konzipiert Frege, zumindest aus dem Kontext seines Aufsatzes Der Gedanke, ohne jegliches Argument. Was der geäußerte indexikalische Satz selbst, für sich allein genommen, sozusagen aus eigener semantischer Kraft, als Sinn liefert, beantwortet Frege nicht.
So möchte ich folgendes festhalten: Ein indexikalischer Satz, zumindest soweit er bis hierher untersucht wurde, kann nach Frege, dank dem Sinn seiner Wörter, nur einen unvollständigen Gedanken ausdrücken.
Im Rahmen meiner nachfolgenden Überlegungen möchte ich mich exemplarisch mit Sätzen befassen, in denen „ich“ als einzige indexikalische Vokabel auftritt. Ausgehend von Frege werde ich alternative Konzeptionen seiner Lehre gegenüberstellen, und in allen Fällen untersuchen, welche Lösungen die jeweiligen Autoren anbieten können, ebenso aber, was dabei problematisch erscheint bzw. welche Fragen unbeantwortet bleiben.
24 Künne: Die philosophische Logik Gottlob Freges, S. 456
25 Frege: Der Gedanke, S. 95
26 Ebenda, S. 95
10
3 Sätze mit „ich“ und deren Besonderheit im Kontext von
Frege
„Der gleiche das Wort „ich“ enthaltene Wortlaut wird im Munde verschiedener Menschen verschiedene Gedanken ausdrücken, von denen einige wahr, andere falsch sein können. Das Vorkommen des Wortes „ich“ in einem Satze gibt noch zu einigen Fragen Veranlassung.“ 27 ,
so Freges Formulierung zur Problematik mit dem Indikator der ersten Person Singular. Der Satz
„Ich bin verwundet worden.“ 28
oder ganz allgemein ausgedrückt
„N.N sagt: „Ich bin P“.“ 29 , (1)
und in direkter Anlehnung an Freges Text
„Dr. Gustav Lauben sagt: „Ich bin verwundet worden“.“ 30 (1*)
sei das Beispiel für nachstehende Überlegungen und zwar, indem er von einer Person, N.N. oder Dr. Gustav Lauben, geäußert wurde. Nach Freges These bedarf die Äußerung eines indexikalischen Ausdrucks wie „ich“ einer Ergänzung, um einen vollständigen Sinn, bzw. einen vollständigen Gedanken, zu ergeben. 31 Den Fregeschen Sinn des Wortlautes in obigem Beispielsatzes bezeichnet Frege als etwas „Ungesättigtes“, da es zu einer gedanklichen Vervollständigung, einer durch eine aus dem Kontext von N.N. getätigten Äußerung, eine hinzukommenden Sinnkomponente, die „fertig“, d.h. „gesättigt“ 32 ist, bedarf.
Im Falle eines Satzes mit „ich“ als einzigem Indexwort, sieht Frege denjenigen, der den Satz geäußert hat, hier N.N. (1), als dasjenige vor, das den Sinnaus-
27 Ebenda,S. 95
28 Ebenda, S. 96.
29 Künne: Die philosophische Logik Gottlob Freges, S. 475
30 Frege: Der Gedanke, S. 96
31 Vgl. Künne: Die philosophische Logik Gottlob Freges, S. 465
32 Künne spricht, bezugnehmend auf Frege, von „sättigen“, S. 466 und vgl. Frege: Über Begriff und Gegenstand. Darauf zurückgreifend, übernehme ich, im Kontext meiner Arbeit, die Ausdrücke „un- gesättigt“ und „gesättigt“ im Fregeschen Sinne.
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Dipl.-Ing. Dipl.-Wirtschaftsing. Karin Ulrich, 2012, Indexikalität und Fregescher Sinn: Eine Untersuchung zu den referentiellen Eigenschaften des Personalpronomen "ich", München, GRIN Verlag GmbH
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