2003
Inhalt
Inhalt........................................................................................................................................... 2
Vorbemerkung............................................................................................................................ 3
Einleitung 5
I Die Kurden. 7
I.1 Die Geschichte der Kurden. 7
I.1.1 Das Volk der Kurden. 7
I.1.2 Die historische Entwicklung in den kurdischen Gebieten von Alexander dem
Gro ßen bis ins 15. Jahrhundert. 11
I.1.3 Die osmanische Herrschaft und die kurdischen Fürstentümer (1514-1638) 12
I.1.4 Die Chance für ein unabhängiges Kurdistan? 14
I.2 Entstehung des Status quo im 20. Jahrhundert 15
I.3 Die Entwicklung des kurdischen Widerstands 20
I.3.1 Die Situation der Kurden in der Türkei bis zum ersten Aufstand 20
I.3.2 Die Volksbewegung von Koçgiri (1919-1921) 21
I.3.3 Der Aufstand unter Scheich Said (1925) 24
I.3.5 Das Tunceli- Gesetz und der Genozid von Dersim (1935-1938) 25
I.3.6 Die Situation der Kurden in Nordkurdistan nach dem zweiten Weltkrieg. 27
I.3.7 Der Militärputsch 1960 und die Entwicklung der kurdischen Bewegung. 29
I.3.9 Die kurdischen Organisationen. 29
I.3.9.1 Ala Rizgari (Befreiungsfahne) 31
I.3.9.2 Kawa (Union des Proletariats Kurdistans) 31
I.3.9.3 KUK (Nationale Be freier Kurdistans) 32
I.3.9.4 TKSP (Sozialistische Partei des türkischen Kurdistans) 33
I.3.9.5 Rizgari (Befreiung) 33
I.3.9.6 PKK (KADEK) (Arbeiterpartei Kurdistans) 34
I.3.10 Verstärkte Aktivitäten der kurdischen Bewegung in Nordkurdistan von den 70er
Jahren bis heute 35
I.4 Der Kemalismus 39
I.4.1 Der Kemalismus und seine historische Entwicklung. 39
I.4.1.1 Der Kemalismus im Allgemeinen. 39
I.4.1.2 Die universalen Entstehungsbedingungen des Kemalismus. 40
I.4.1.4 Der Klassengesellschafts-Charakter des Kemalismus 40
I.4.1.5 Die ideologisch- historischen Wurzeln des Kemalismus 42
I.4.1.6 Die kemalistische Herrschaft und ihr bourgeoises Fundament 44
I.4.1.7 Das kolonialistische Vorgehen des Kemalismus in Kurdistan 44
I.4.1.8 Die antikommunistische Haltung des Kemalismus 45
I.4.1.9 Die antikurdische Haltung des Kemalismus 46
I.5 Die Instrumente des Staates gegen die Kurden. 47
I.5.1 Sondereinheiten. 48
I.5.2 Özel Tim (Sonderteam) 49
I.5.3 Jitem. 49
I.5.4 Hizbullah (Gottes Partei) 50
I.5.5 Dorfschützer. 50
II Die Entwicklung des Selbstbestimmungsrechts 52
II.1.1 Überblick über die bisherige Entwicklung des Selbstbestimmungsrechts der Völker
.......................................................................................................................................... 52 II.1.2 Die UN-Charta und das Selbstbestimmungsrecht .................................................. 54
II.1.3 Die UNO und ihr Anti-Kolonialismus .................................................................... 55 II.2 Das heutige Verständnis des Selbstbestimmungs-rechts............................................... 56 II.2.1 Das Völkervertragsrecht ......................................................................................... 56
II.2.2 Das Völkergewohnheitsrecht.................................................................................. 57 II.2.3 Der Begriff der Nation und die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts .... 57
II.2.4 Das Selbstbestimmungsrecht und die Kurden in der Türkei.................................. 59
III Die Europäische Union ....................................................................................................... 61 III.1 Die Geschichte der EU................................................................................................. 61
III.1.1.Die Entstehung der EU.......................................................................................... 61 III.1.2 Eine stetig wachsende Institution.......................................................................... 62
III.1.3 Die Europäische Grundrechtecharta...................................................................... 63 III.1.4 Kopenhagener Kriterien........................................................................................ 64 IV Die Türkei als Beitrittskandidat und die EU ....................................................................... 66
IV.1 Chronologie der Beziehungen zwischen der Türkei und der EU................................. 66 IV.2 Die politischen Kopenhagener Kriterien und deren Umsetzung in der Türkei............ 67
IV.2.1 Die türkische Regierung........................................................................................ 69 IV.2.2 Parlament, Wahlen und Parteien........................................................................... 70 IV.2.3 Organisierte Interessen und Zivilgesellschaft ....................................................... 70
IV.2.4 Das Militär als politische Institution..................................................................... 71 IV.2.6 Das Recht auf Bildung und Medienübertragung in der kurdischen Sprache ........ 72
IV.2.7 Die Todesstrafe ..................................................................................................... 74 IV.2.8 Folter und Polizeihaft............................................................................................ 74 IV.2.9 Meinungsfreiheit ................................................................................................... 75
IV.2.10 Parteiverbote ....................................................................................................... 77 Schlusswort .............................................................................................................................. 81
Literaturverzeichnis.................................................................................................................. 83 Anhang ..................................................................................................................................... 89 I. Kurdische Deklaration...................................................................................................... 89
II. Karte des kurdischen Gebietes ........................................................................................ 94
Vorbemerkung
Wenn in der vorliegenden Arbeit von den Kurden die Rede ist, sind hiermit - soweit nicht anders angegeben - sowohl die männlichen, als auch die weiblichen Mitglieder des kurdischen Volkes gemeint. Die maskuline Form wird lediglich der Kürze halber gewählt und soll als neutraler Terminus dienen. Gleiches gilt auch für alle anderen Personenbezeichnungen.
Mit dem Begriff Kurdistan bezeichnet der Verfasser dieser Arbeit das Gebiet, in dem die Kurden leben. Demzufolge beschreibt der Terminus Nordkurdistan den Teil des Gebietes, der innerhalb der türkischen Grenzen liegt, Südkurdistan das
Gebiet innerhalb der irakischen Grenzen, Ostkurdistan das Gebiet im Iran und SüdWestkurdistan die Region innerhalb der syrischen Grenzen (vgl. Anhang II). Fremdsprachige Zitate werden jeweils in der Originalfassung zitiert und anschließend vom Verfasser übersetzt.
Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob die Kurdenpolitik der Türkei ein Hindernis für den türkischen Staat auf seinem Weg in die Europäische Union darstellt. Hierbei geht es vordergründig darum, Erwägungen anzustellen, ob und in wie weit sich ein EU-Beitritt der Türkei vor dem Hintergrund ihrer Kurdenpolitik rechtfertigen lassen würde, und nicht so sehr darum, wie diese Frage letztendlich in der Praxis beantwortet werden wird, da dies sicherlich durch verschiedenste Faktoren, wie zum Beispiel wirtschaftliche oder politische Interessen, beeinflusst wird.
Die Kurdenpolitik der Türkei beschränkt sich nicht auf die Grenzen des türkischen Staates, sondern reicht in ihrer Wirkungsbreite weit über diese Grenzen hinaus.
Angesichts der Tatsache, dass es sich bei der Kurdenpolitik hauptsächlich um die Kurdistan-Problematik handelt, ist das Verhalten der türkischen Regierung gegenüber dem kurdischen Volk einerseits damit zu erklären, dass die Türkei befürchtet, ihre Kolonie Kurdistan zu verlieren. Aus diesem Grunde greift sie immer wieder zu militärischen Druckmitteln - die Kurdenpolitik könnte sicherlich in dieser Form gar nicht existieren, wenn die Militärpräsenz in der Türkei nicht so groß wäre. Der Expansionswille der Türkei verweist auf ähnliche Vorgehensweisen in der Vergangenheit, insbesondere in der Zeit des Osmanischen Reiches. Andererseits möchte die türkische Regierung darüber hinaus mit alle n Mitteln verhindern, dass die Kurden, ganz gleich ob innerhalb oder außerhalb der türkischen Staatsgrenzen, einen politischen Status erlangen, da sich hieraus schwerwiegende Folgen für den türkischen Staat ergeben würden. Aus diesem Grund droht die Türkei wiederholt in der Öffentlichkeit - wie nach dem ersten Golfkrieg geschehen - damit, dass sie die Tatsache, dass die Kurden einen politischen Status erlangen (in diesem Fall die Bewohner Süd-Kurdistans), als Kriegserklärung verstehe, dies auf gar keinen Fall dulden und militärisch dagegen vorgehen werde.
Ein weiterer Grund für das Vorgehen der Türkei liegt auch darin, dass die türkische Regierung, koste es, was es wolle, die politische Aufklärung des kurdischen Volkes verhindern möchte, um ihre Kolonie Kurdistan aufgrund des wachsenden Nationalbewusstseins seitens der Kurden nicht zu verlieren. Man kann ohne Zweifel behaupten, dass die Kurdenpolitik der Türkei
nicht nur innerhalb seiner Grenzen Wirkung zeigt, sondern auch weitreichende Konsequenzen außerhalb des Staates, insbesondere auch für die europäischen Länder, hat. Dies bezieht sich sowohl auf Verhandlungen der Kolonialherren Kurdistans (Türkei, Syrien, Irak, Iran), als auch auf internationale Abkommen wie etwa den Lausanner Vertrag.
In der vorliegenden Arbeit wird hauptsächlich die Situation der Kurden in Nordkurdistan behandelt, da dies sich aus der Thematik ergibt. Eine eingehende Untersuchung der Problematik hinsichtlich des gesamten Gebiets Kurdistans würde hier sicherlich den Rahmen sprengen.
Die Arbeit soll Hintergründe sowohl auf kurdischer als auch auf türkischer Seite aufzeigen, die zum Verständnis der Kurdenpolitik der Türkei beitragen sollen. Anschließend wird das Selbstbestimmungsrecht der Völker hinsichtlich seiner Bedeutung für das kurdische Volk und damit auch für die Türkei beleuchtet. Darüber hinaus sollen die Beziehungen der Türkei zur Europäischen Union in ihrer Entwicklung untersucht werden. Dies alles soll letztendlich dazu beitragen, eine Antwort auf die Fragestellung zu finden, mit der sich diese Arbeit auseinandersetzt.
I Die Kurden
I.1 Die Geschichte der Kurden
I.1.1 Das Volk der Kurden
Der Versuch, den Ursprung eines Volkes wissenschaftlich zu fixieren, ist ein scheinbar hoffnungsloses Unterfangen. Kein Stamm, kein Staat u nd keine Menschengruppe entsteht einfach aus dem Nichts oder ist auf einen einzigen Stammesvater zurückzuführen: „Völker wandern, treffen auf andere Völker, verändern und entwickeln sich, assimilieren oder werden assimiliert.“ [ AZIZ, Namo: Kurdistan. Menschen, Geschichte, Kultur. Nürnberg 1992. S. 90 (Künftig zitiert: AZIZ: Kurdistan)]. Je weiter man in die Geschichte zurückblickt, desto schwerer erscheint es, derartige Völkerwanderungen zu belegen und desto mehr ist man auf die Quellen der volkseigenen Myt hen und Legenden verwiesen. Die Frage „Wo kommen wir her?“ ist eine der ältesten der Menschheit, und jedes Volk hat seine eigene Schöpfungsgeschichte. Für die Kurden ist es die von den geretteten Kindern und dem Schmied Kawa 1 ; oder auch jene, die besagt, dass Noah der Urvater der Kurden sei. Wie auch immer die Antwort der Legenden ausfällt: Sie ist einfach, anschaulich und ein Spiegelbild der kollektiven Psyche. Die erste kurdische Chronik ist das um 1600 entstandene Sheref-Name oder Serefname, das neben za hlreichen Legenden vor allem die Genealogie wichtiger Fürstenfamilien enthält. Nach dem Serefname lebten die vor dem Tyrannen geretteten Kinder in den Gebirgen, vermehrten sich und wurden somit zum Volk der Kurden. Die Grenzen ihrer Heimat verlaufen folgendermaßen:
Die Heimat der Kurden verläuft vom persischen Golf über eine gerade Linie bis Malatya und Maras. Nördlich von dieser Linie befinden sich die Perser, Aserbeidschan, das kleine und das große Armenien. Südlich von der Linie sind der arabische Irak, Mosul und Diyarbekir.
1 Eine alte kurdische Legende erzählt von dem grausamen Tyrannen Zohak (in manchen Quellen ‚Dehak’), der in grauer Vorzeit das Land Sharazur beherrschte. Aus seinen beiden Schultern wuchsen böse Drachen, denen täglich die Gehirne zweier Kinder geopfert werden mussten. Lange litt das Volk unter den gierigen Geschöpfen, ständig um das Blut seiner Nachkommen bangend, bis eines Tages jemand auf die Idee kam, die Ungeheuer zu täuschen. Statt mit Kinderhirnen wurden die Dämonen von nun an mit Lämmerhirnen b esänftigt. Die geretteten Babys brachte man in den Bergen in Sicherheit; und aus ihren Nachkommen erwuchs der Stamm der Kurden. Nicht immer aber gelang die Täuschung. Der Schmied Kawa hatte schon acht Kinder verloren. Als nun gar das neunte und letzte von ihm verlangt wurde, geriet er in solch große Verzweiflung, dass er den Tyrannen Zohak mit dem Schmiedehammer erschlug. Dies geschah am 21. März des Jahres 1234 vor der Hhedschra, dem Fluch Mohammeds aus Mekka, also im Jahre 612 v. Chr. (AZIZ: Kurdistan. S. 89)
Übersetzt aus:
Kürtlerin memleketlerinin sinirlari, Okyanustan ayrilan hürmüz denizikiyisindan baslar; bie dogru cizgi üzerinde oradan Malatya ve Maras illerinin nihayetinekadar uzanir. Böylece bu cizginin kuzey tarafini Fars acem I raki, Aserbaycan, kücük ermenistan ve
büyük Ermenistan teskileder. Güneyine ise arap Iraki, Musul ve Diyarbekir illeri düser. [HAN, Seref: Serefname. Kürd Tarihi. Hrsg. von Deng. 2. Auflage. Istanbul 1998. S. 20 (Künftig zitiert: HAN: Serefname)]
Der griechische Geschichtsschreiber Xenophon (430-335 v. Chr.) behauptet, dass die Sumerer, Meder und Assyrer die Urväter der Kurden gewesen seien: Manche Forscher glauben, dass die Erwähnung eines Landes Kar-da-ka auf zwei sumerischen Steintafeln aus dem Jahre 2000 v. Chr. einen ersten Hinweis auf Kurdistan darstellt. (AZIZ: Kurdistan. S. 93)
Minoskiy verweist darauf, dass wir zur Beurteilung ihrer Herkunft und Zugehörigkeit nur das Zeugnis ihres Namens haben, der einerseits aus dem Semitischen stammen könnte, andererseits dem Namen des Volkes Khaldi (Chaldäer) ähnelt. In der Orientalistik hat man die Karduchen lange mit den Kurden identifiziert; unbestritten ist, dass das Gebiet der ehemaligen Karduchen ins Zentrum des heutigen Kurdistan fällt. (vgl. AZIZ: Kurdistan. S. 96)
Karda, Karduchen, Noahs Nachfolger oder Kawas Kinder: noch ist die Wissenschaft weit davon entfernt, Gesichertes über die Ahnen der Kurden vorlegen zu können. Woher auch immer sie kommen mögen: Die Kurden sind weder mit den Türken, noch mit den Iranern oder Arabern verwandt und möchten nicht dazu gezwungen werden, sich einem dieser Völker zuzuordnen. Das Gebiet Kurdistan, in dem die Mehrheit des kurdischen Volkes lebt, ist heute zwischen vier Ländern - Türkei, Iran, Irak und Syrien - aufgeteilt. Der Name Kurdistan wurde erst seit der Seldschukenzeit im 12. Jahrhundert als Begriff für das Land der Kurden geführt:
Das Wort Kurdistan wurde zum ersten Mal in der Seldschukenzeit benutzt (1071-1110 n. Chr.) Übersetzt aus:
Kürdistan kelimesine gelince bu terim ilk defa Selçuk idaresi döneminde kullanilmistir.(M. S 1071-1110) [SASUNI, Garo: Kurt ulusal Hareketleri ve, 15.yy´dan Günümüze Ermeni Kürt iliskileri. 3. Auflage. Istanbul 1992. S. 12. (Künftig zitiert: SASUNI: Kürt Ulusal Hareketleri.)]
Der Begriff wurde auch im osmanischen Reich für dieses Territorium verwendet. Kurdistan hat seit jeher wegen seiner Bodenschätze (Erdöl, Chrom, Kupfer, Eisen, Kohle und Gold), seiner Flüsse (Euphrat und Tigris) und seiner geostrategischen Bedeutung eine Schlüsselposition im Mittleren Osten. Die berühmte Seidenstraße führte von China nach Europa durch Kurdistan. Das Land ist von Gebirgszügen beherrscht, vor allem vom Berg Ararat, vom Zagros-Gebirge und vom östlichen
Taurus. [Vgl. VAN BRUINESSEN, Martin: Agha, Scheich und Staat. Politik und Gesellschaft Kurdistans. Berlin 1989. S. 25-28 (Künftig zitiert: VAN BRUINESSEN: Agha, Scheich und Staat)].
Über die Bevölkerungszahl der Kurden existieren keine statistischen Angaben. Sie beträgt schätzungsweise über 30 Mio., darunter ca. 14 Mio. in der Türkei, ca. 6 Mio. im Iran, ca. 3 Mio. im Irak, ca. 2 Mio. in Syrien und ca. 5 Mio. im Ausland. [Vgl. FRAT, Gülsün: Sozioökonomische und ethnische Identität in der kurdisch-alevitischen Region Dersim. Saarbrücken 1997. S. 17-18 (Künftig zitiert: FRAT: Identität / Vgl. LEUKEFELD, Karin: „Solange noch ein Weg ist...“ Die Kurden zwischen Verfolgung und Widerstand. Göttingen 1997. S. 15-16 (Künftig zitiert: LEUKEFELD: Weg)].
Die kurdische Bevölkerung besteht überwiegend aus Ackerbauern, die Weizen, Mais, Reis, Tabak, Obst und Gemüse usw. anbauen, sowie Viehzüchtern. Andere bedeutende wirtschaftliche Aktivitäten sind der Handel, das Kleinhandwerk und die Textilproduktion.
Die kurdische Gesellschaft ist in ökonomisch und politisch voneinander unabhängige Stammesverbände (Asiret) aufgeteilt. Die Sozialstruktur der kurdischen Stämme kann wie folgt beschrieben werden:
1. Familie ( mal): Im Allgemeinen besteht die Familie aus Ehemann, Ehefrau, unverheirateten Kindern, Großeltern, Tante und / oder Onkel. Die Kurden verfügen in der Regel über eine große Verwandtschaft, da die Ehen meistens unter Verwandten geschlossen werden. (Vgl. VAN BRUINESSEN: Agha, Scheich und Staat. S. 71-89) 2. Tire und Diese beiden Gruppen bilden einen patrialinearen hoz:
Abstammungsverband und zugleich einen Wohnverband, der meistens nicht als ökonomische, sondern als soziale Einheit erscheint. Nachbarn, die getrennte Haushalte führen, gehören als Mitglieder zu dieser Einheit. [Vgl. KANJORI, Jalal: Die soziale Umwälzung im iranischen Kurdistan. Münster. 1992. S.57-64 (Künftig zitiert: KANJORI: Die soziale Umwälzung)]
3. Taife oder qabile: Diese beiden Begriffe können wohl am besten mit dem deutschen „Klan“ oder „Ordnerbrüderschaft“ übersetzt werden und bezeichnen eine Großfamilie oder eine Verwandtschaftsgruppe. (Vgl. KANJORI: Die soziale Umwälzung. S.57-64) 4. Asiret (Stamm): Dies ist ein Zusammenschluss von mehreren Großfamilien. Das Oberhaupt des Stammes (Asiret) wird Agha genannt und besitzt Autorität gegenüber den anderen, die jedoch nicht auf der Nutzung von Macht, sondern auf Respekt
beruht. Die Kurden legen großen Wert sowohl auf ihre Eltern, als auch auf den Agha. Der Asiret bietet den Kurden Schutz gegen Angriffe von außen. (Vgl. KANJORI: Die soziale Umwälzung. S. 57-64 / VAN BRUINESSEN: Agha, Scheich und Staat. S. 71-74) Die Kurden waren ursprünglich Zoroastrier, Anhänger der Religion Zarathustras. Heute sind die meisten Kurden Muslime. [Vgl. KIZILHAN, Ilhan: Der Sturz nach Oben. Frankfurt. 1995. S. 19. (Künftig zitiert: KIZILHAN: Der Sturz) Viele kurdische Stämme huldigten jahrhundertelang der Lichtreligion, bis der Siegeszug des Islams schließlich eine der entscheidendsten Wenden in der kurdischen Geschichte herbeiführte. (AZIZ: Kurdistan. S. 102)
Die Mehrheit der Kurden, die in der Türkei leben, zählt zur Schafiitischen Rechtsschule, einer von vier islamischen Rechtsschulen. Die im Iran lebenden Kurden gehören der Zwölfer-Schia an, einer schiitischen Rechtsschule. Daneben gibt es viele alevititsche Kurden. Sie leben in den türkischen Teilen Kurdistans vor allem in den Städten Dersim, Elazig, Erzincan, Varto, Malatya und Sivas. (Vgl. VAN BRUINESSEN: Agha, Scheich und Staat. S. 39-43 / LEUKEFELD: Weg. S. 18-20) Ganz entgegen den Behauptungen der staatlichen Propaganda, dass die Kurden nichts anderes als sogenannte „Bergtürken“ seien und keine eigenständige kurdische Sprache existiere, gehört die kurdische Sprache zum iranischen Sprachzweig der indo-europäischen Sprachfamilie:
Die offizielle Ideologie der Türkei vertritt die Ansicht, dass im mittleren Osten, so auch in Anatolien, keine Nation existiert, die den Namen „kurdisch“ trägt, und die als „Kurden“ bekannten Personen und Gruppen in Wirklichkeit „Türken“ sind. [BESIKÇI, Ismail: Die türkische Geschichtsthese und die Kurdenfrage. Osnabrück 1990. S. 9 (Künftig zitiert: BESIKÇI: Geschichtsthese)]
den nördlichen Gebieten des Iraks und zum Teil im Libanon gesprochen.
und Iran gesprochen.
4. Zazaki (Kirdki und Dimili): Zazaki ist in den Städten Erzincan, Dersim, Bingöl, Elazig, Sivas, Diyarbekir und Erzurum gebräuchlich.
5. Gorani (Gurani): Dieser Dialekt ist auch mit dem Zazaki verwandt und wird im Iran und Irak gesprochen.
(Vgl. VAN BRUINESSEN: Agha, Scheich und Staat. S.37-38 / HAN: Serefname, S. 20- 21)
I.1.2 Die historische Entwicklung in den kurdischen Gebieten von Alexander dem Großen bis ins 15. Jahrhundert
Zur Zeit Alexanders des Großen befanden sich die verschiedene n kurdischen Stämme und Gruppierungen keineswegs auf einem einheitlichen Entwicklungsstand und unterschieden sich deutlich hinsichtlich ihrer Lebensweise. In vielen Gegenden herrschte aufgrund der schwierigen äußeren Umstände große wirtschaftliche Not, was einige Kurden veranlasste, als Söldner in den Armeen zu dienen, die sich in den Ebenen Kurdistans Schlachten lieferten. So waren z.B. auch Kurden am legendären Feldzug Alexanders des Großen beteiligt, durch den er sich ein riesiges Reich erkämpfte, und der unter anderem auch im Karduchengebiet stattfand:
Die Schlacht bei Gaugamela zwischen Alexanders Männern und dem Heer des Perserkönigs Dareios III. fand im Jahr 331 v. Chr. gleich am Fuß der kurdischen Berge statt. (AZIZ: Kurdistan. S. 98)
Alexander gewann die Schlacht und unterwarf die Perser. Nach Alexanders Tod besetzte König Tigran von Armenien die kurdischen Gebiete im Jahr 83. v. Chr. Bis 363 n. Chr. blieben die kurdischen Gebiete eine Provinz des römischen Reichs unter der Besatzung der Armenier. Danach drangen die Perser (Sassaniden) wieder in die kurdischen Gebiete ein. Sie hatten ein sehr komplexes Staatssystem und verlangten von den Kurden nicht nur Steuern und Abgaben, sondern zusätzlich auch ihren Einsatz als Soldaten. Die kurdischen Fürsten erkannten die sassanidischen Oberhäupter an, aber sie behielten eine gewisse Autonomie. Nach der Geburt Mohammeds um 570 erfuhr die Geschichte einen Wendepunkt. Mohammed floh im Jahr 622 n. Chr. von Mekka nach Medina und nahm alle seine Anhänger mit. In Kürze schuf er sich eine sehr große Anhängerschaft, und dies war der Beginn der Islamisierung der Welt durch den heiligen Krieg „Djihad“. Der Einbruch der Muslime in den kurdischen Gebieten erfolgte in der Regierungszeit des zweiten Kalifs Omar. Trotz allen Widerstands konnten die Araber sich durchsetzen:
Mossul wurde 641 eingenommen, und von nun an liest sich die kurdische Geschichte als eine Serie von Aufständen gegen die sich weiter und weiter ausbreitende arabische Vorherrschaft. (AZIZ: Kurdistan. S. 105)
Der Versuch, die Kurden zu einem neuen Glauben zu bekehren, scheiterte zunächst, aber mit der Zeit traten die Kurden doch zum Islam über, in der Hoffnung, sich damit eine Selbstständigkeit zu schaffen. Bis zum 10. Jahrhundert entstanden sogar einige bedeutende Dynastien.
Anfang der Jahrtausendwende drangen die Türken von Osten her in Anatolien ein. Um 1071 besiegten die Seldjuken unter der Führung Alp Arslans die Byzantiner in Mantzikert und drangen bis nach Jerusalem vor. Nach diesem Ereignis wollte die christliche Welt die heiligen Städte, die von den Nicht-Christen besetzt waren, befreien und den orientalischen Christen helfen. So begannen die legendären Kreuzzüge und die heiligen Kriege:
Im Dezember 1074 hatte Gregor VII., den man den kriegerischen Papst nannte, die ernste Absicht bekundet, ein Heer in den Orient zu führen, um den orientalischen Christen zu helfen. (AZIZ: Kurdistan S. 108)
Die Kurden unterstützten die Muslime, um Allah zu verteidigen, weil sie sich bis zu diesem Zeitpunkt sehr mit dem Islam identifizierten. Der berühmte Salah ad-Din Yusuf ibn Ayyub, bekannt unter dem Namen Saladdin, der der Sohn eines kurdischen Söldnerführers war (1137-1193), besiegte die Christenarmee im Jahr 1187 und befreite Jerusalem.
Anfang des 13. Jahrhunderts stürmten die Mongolenheere bis nach Anatolien, und „auch die Provinz Kurdistan mit ihrem Zentrum Bahar konnte sich einer Eroberung nicht widersetzen.“ (AZIZ: Kurdistan. S.114) Die Seldjuken hatten nach der Eroberung kleinere Emirate gebildet, eines von ihnen war das osmanische Reich. Die Osmanen hatten sich ein riesiges Reich erkämpft (1299-1920). Sie kämpften zuerst gegen die Christen, aber nach dem Verlust Konstantinopels am 29. Mai 1453 richteten sie sich gen Osten. Bis zu der Schlacht von Tschaldiran im Jahre 1514 konnten die Osmanen den größten Teil Kurdistans erobern. Die Kurden wurden in diesen Krieg zwischen Scheich Ismail und Sultan Selim hineingezogen. Weil sie auch Anhänger der sunnitischen Glaubensrichtung des Islams waren, unterstützten sie bei der Schlacht den osmanischen Sultan und erlangten dadurch aufgrund eines Abkommens ihre Autonomie:
Im Jahre 1515 wurde zwischen dem osmanischen Reich und den kurdischen Fürstentümern ein Abkommen geschlossen. Letztere - es waren anfangs 15 an der Zahl - behielten formal ihre Autonomie unter der Herrschaft ihrer eigenen Emire und Beys (Stammführer), die indes zu Lehnsherren des Reiches wurden, die gezwungen waren, in Notfällen militärische Kontingente zur Verfügung zu stellen. [ BESIKÇI, Ismail: Wir wollen frei und Kurden sein, Brief an die UNESCO. 2. Auflage. Frankfurt am Main 1987. S. 5 (Künftig zitiert: BESIKÇI: Wir wollen)]
I.1.3 Die osmanische Herrschaft und die kurdischen Fürstentümer (1514-1638)
Bevor die Osmanen ihr Interesse nach Osten richteten, befanden sich die
Safaviden bereits in den kurdischen Gebieten. Die Kurden kämpften sogar an der Seite des safavidischen Königs Ismail (Scheich Ismail), als er im Jahre 1502 den König von Akkoyunlu besiegte:
Die Kurden, die seit langer Zeit gegen die Akkoyunlus gekämpft hatten und mit der Herrschaft des Königs keineswegs zufrieden waren, waren zunächst Anhänger des Scheichs Ismail, der die Herrschaft des Königs von Akkoyunlu beendete. Übersetzt aus:
Akkoyunlilar´a karsi uzunzaman carpismis olan ve onlarin idaresinden memnun olmamis olan Kürtler, ilk anda bu idareyi kaldiran Sah Ismail´le taraftar kesildiler. (SASUNI: Kürt Ulusal Hareketleri. S. 23)
Damit blieben nur die Osmanen und die Safaviden als mögliche Kandidaten für die politische Hauptrolle im Nahen Osten. Die Beziehung zwischen den kurdischen Fürstentümern und den Safaviden war aber nicht für ewig von Bestand. Scheich Ismail ließ die 11 kurdischen Asiretsführer verhaften, als sie dem Safaviden-König zu seinem Sieg gratulieren wollten. Scheich Ismail ließ den sunnitisch-kurdischen Führer durch einen schiitischen Führer ersetzen. Nach diesem Ereignis waren die kurdischen Asiretsschefs nicht mehr auf der Seite des Scheichs, und die Kurden unterstützten die Osmanen bei den Kämpfen zwischen 1515-1638 n. Chr.: Bekanntermaßen dauerten die Kämpfe zwischen den Osmanen und den Iranern, abgesehen von kleinen Unterbrechungen, von 1514 bis 1638 an. Übersetzt aus:
Bilindigi gibi Osmanli Iran savaslari bazi kücük araliklarla kesintisiz olarak 1514 den 1638´e kadar devametti. (SASUNI: Kürt Ulusal Hareketleri. S. 26) Dadurch erlangten die kurdischen Fürstentümer ihre Autonomie, unter der Bedingung, dass sie in einem eventuellen Gefecht der Osmanen mit einem der Nachbarn zu den Osmanen hal ten würden:
Sultan Selim unterschrieb mit den kurdischen Fürstentümern einen Pakt, demzufolge die Kurden als Verbündete der Osmanen dazu verpflichtet sind, die Osmanen in jeglichem Kampf gegen eventuelle Feinde zu unterstützen. Übersetzt aus:
Sultan Selim Kürt Beylikleri ile bir anlasma imzaladi. Bu anlasmaya göre Kürtler Osmanli devletinin müttefiki olarak onlarin komsu ülkelerinden herhangi birine karsi yapacaklari savasa katilmaya mecburdurlar. (SASUNI: Kürt Ulusal Hareketleri. S. 25) In den Kämpfen brauchten die Osmanen die Unterstützung der Kurden, und vor allem aus diesem Grunde waren die Beziehungen zwischen den Kurden und den Osmanen eher freundschaftlicher Natur. Ab 1639 wurden die Beziehungen jedoch geschwächt, und es kam sogar zu einem Aufbau von feindlichen Gefühlen. Im Jahre 1639 wurde der Pakt Kasr-i Schirin zwischen den Osmanen und den Safaviden unterschrieben, und damit waren alle Grenzprobleme gelöst. Dieses Datum war auch
für die Kurden von großer Bedeutung, da sie von diesem Zeitpunkt an bis zur heutigen Zeit offiziell voneinander getrennt leben mussten. Ab diesem Moment, den man als die erste Teilung Kurdistans bezeichnet, gab es nie wieder freundschaftliche Beziehungen zwischen den Kurden und den Osmanen:
Kurz gesagt, die gute Beziehung zwischen den Osmanen und den Kurden wich ab dem Jahr 1639 der Feindlichkeit. Übersetzt aus:
Kisaca 1639 yilindan itibaren Osmanli-Kürt iyi iliskilerinin bozuldugunu ve yerini düsmanliga terkettigini görmekteyiz. (SASUNI: Kürt Ulusal Hareketleri. S. 36)
I.1.4 Die Chance für ein unabhängiges Kurdistan?
Im Jahre 1638 besetzte der osmanische König, Sultan Murat IV., die Stadt Bagdad und machte das Sagros-Gebirge zur Grenze zwischen Safaviden und Osmanen. Bis dahin waren die Kurden in ihrem Land unabhängig gewesen. 2 Die Osmanen drangen indes weiter und weiter in die kurdischen Gebiete vor. Die Zeitspanne zwischen 1639 und 1800, also etwa eineinhalb Jahrhunderte, ist das Zeitalter, in dem die Osmanen in die kurdischen und armenischen Gebiete eindrangen. Übersetzt aus:
1639 dan 1800yillarina kadar olan devre, yani birbucuk asirlik zaman, Osmanlilarin yavas yavas Kürdistanin ve Ermenistanin iclerine nüfuz etme dönemidir. (SASUNI: Kürt Ulusal Hareketleri. S. 49)
Die Wut, die die Kurden aufgrund des Eindringens der Osmanen hatten, wuchs stetig weiter. Dennoch war das Einzige, was sie taten, in der Zeit zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert weder die Osmanen, noch die Safaviden zu unterstützen, weil eine mächtige osmanische oder safavidische Herrschaft den Kurden gefährlich geworden wäre. Bei Kämpfen gegen die Osmanen griffen sie nicht an, sondern verteidigten sich nur gegen sie. Obwohl sie organisierter als viele andere von den Osmanen bedrohte Völker waren, kamen sie nicht auf die Idee, ein unabhängiges Kurdistan anzustreben. Die Kurden waren zu der Zeit sozusagen nur an einer Art „Quasi-Unabhängigkeit“ interessiert, also daran, die bisher erlangten Privilegien zu wahren, nicht aber an einer absoluten gemeinsamen Freiheit. [Vgl. BASKAYA, Fikret: Batililasma, Cagdaslasma, Kalkinma, Paradigmanin Iflasi. (Resmi ideolojinin Elestirisine giris). Istanbul 1991. S.59-61 (Künftig zitiert: BASKAYA: Paradigma) / AZIZ: Kurdistan. S. 126-127] Doch trotz der damaligen gegenläufigen politischen u nd
2Ihre „Unabhängigkeit“ wird hier nur an der Unabhängigkeit der Fürstentümer bemessen, denn die Unabhängigkeit, wie wir sie heute verstehen, hat sich als Idee erst nach dem Kapitalismus entwickelt.
gesellschaftlichen Geschehnisse gab es unter den Kurden immer auch den Wunsch nach Unabhängigkeit, wie z.B. aus den Versen des berühmten kurdischen Dichters Ahmedé Xani (Ahmedi Khani) hervorgeht, der zur damaligen Zeit (vor ungefähr 500 Jahren) in seinem Werk den Ruf nach Unabhängigkeit laut werden ließ: Wenn es nur Eintracht gäbe unter uns, wenn wir nur einem zu gehorchen hätten, er würde zu Vasallen machen die Türken, Araber und Perser allesamt. Wir würden unsere Religion und unseren Staat vollenden und uns in Weisheit und Gelehrsamkeit erziehen. (AZIZ: Kurdistan. S. 126 / SASUNI: Kürt Ulusal Hareketleri. S. 53)
I.2 Entstehung des Status quo im 20. Jahrhundert
Zwei Jahrhunderte lang erlitt das osmanische Reich durch die Unabhängigkeitsbestrebungen der von ihm besetzten Länder erhebliche Verluste. Die westlichen Mächte unterstützten den Unabhängigkeitswillen der Völker. Sultan Mehmet II. (1808-1839) versuchte, durch Verwaltungsreformen seine Zentralgewalt wieder zu erlangen und opferte als Beweis seiner Macht in blutigen Schlachten die Kurden. Nur zwei Fürstentümer konnten sich dagegen zur Wehr setzen: Eines von den beiden war Botan unter seinem Herrscher (Mir) Bedir Khan Bey, dessen Auflehnung gegen die Zentralgewalt von kurdischer Seite oft als erster Ausdruck eines modernen kurdischen Nationalismus gesehen wird. (AZIZ: Kurdistan: S. 127) Bedir Khan Bey ist der Thronfolger derjenigen, die seit dem VII. und VIII. Jahrhundert Machtinhaber der großen lokalen Fürstentümer des Gebietes Cezir und Botan waren. Übersetzt aus:
Bedir Han Bey VII. ve VIII. yüzyillardan itibaren yöresel idareye sahipolagelmis Cezir ve Botan büyük emirliklerinin varisidir. (SASUNI: Kürt Ulusal Hareketleri. S. 53) Die Osmanen wollten ihre militärische Macht in den kurdischen Gebieten durchsetzen und aufrechterhalten, und der Aufstand des Bedir Khan Bey war deshalb von Bedeutung, weil er den bisherigen feudalen Widerstand um das Bewusstsein einer nationalen Identität erweiterte. Er stellte dem osmanischen Reich keine Soldaten mehr zur Verfügung und versuchte, die anderen kurdischen Fürsten, wie Mahmut Khan (der in Van herrschte) und Nurullah Bey (der in Hakkari herrschte), gegen die Osmanen aufzuhetzen und so ein unabhängiges Kurdistan zu schaffen. Zusätzlich unterstützten auch die Armenier den Widerstand. Dadurch entwickelte sich die ganze Bewegung zu einem Bündnis zwischen den Kurden und den Armeniern. (Vgl. BASKAYA, Paradigma: S. 62 / SASUNI: Kürt Ulusal Hareketleri. S. 70-73)
Nach dem gescheiterten Versuch, die Kurden vollständig auszulöschen,
versuchten die Osmanen mit einer anderen Taktik, sie zu besiegen. Die Osmanen ernannten kleinere Fürsten zum Bey und hetzten diese gegen die größeren Beys auf. Dadurch erreichten die Osmanen jedoch lediglich, dass die kurdischen Fürstentümer sich gegen das osmanische Reich auflehnten. Nun war die Gefahr für die Osmanen offensichtlich sehr groß, denn Bedir Khan Bey war sehr mächtig geworden und zeigte offenkundiges Interesse an der Unabhängigkeit. Deshalb stürmten sie Bedir Khan Beys Fürstentum mit hunderttausend Männern und besiegten ihn. (Vgl. SASUNI: Kürt Ulusal hareketleri. S 70-73)
In der Tat entwickelte sich die Bündnisarmee, die von Bedir Khan Bey geschaffen worden war, allmählich zum wahren Herrscher Kurdistans und Süd-Armeniens. Um diese große politische Gefahr zu beseitigen, mobilisierten die Osmanen ihre gesamten Kräfte. Übersetzt aus:
Gercekte Bedir Hanin teskilettigi ittifak ordusunun gittikce öz Kürdistan ve güney Ermenistanin sahibi haline gelmesiydi. Iste osmanli idaresi bu büyük siyasi tehlikeyi durdurmak icindirki bütün gücünü harekete gecirdi. (SASUNI: Kürt Ulusal Hareketleri S. 75)
Mit der Niederlage Bedir Khan Beys endete die erste Phase des kurdischen Nationalismus, und das Zeitalter der religiösen Scheichs begann. Die Ereignisse bis 1880 brachten für die Kurden sehr negative Folgen mit sich. Die politische Macht der Kurden löste sich nach und nach auf, aufgrund innerer Streitigkeiten waren die Kurden nur in Form kleinerer Asirets in der Lage, ihre Existenz aufrecht zu erhalten. Die osmanische Präsenz in Kurdistan war zu stark, so dass die Kurden sie akzeptieren mussten. Die Osmanen bemühten sich, mit der Doktrin des Pan-Islamismus 3 eine neue Strategie zu schaffen, mit der sie die Kurden kontrollieren könnten. Die Kurden hofften auf Veränderungen und kämpften um neue Privilegien in ihren Gebieten. Der Sultan Abdul Hamit stattete die Kurden mit erweiterten Befugnissen aus und versuchte, den Krieg um die Unabhängigkeit Armeniens nieder zu schlagen.
Die Vollmacht der Kurden zur Plünderung war nun behördlich bestätigt. Übersetzt aus:
Kürtlerin talan yetkisi artik resmi makamlarla resmen onaylanmis bulunuyordu. (SASUNI: Kürt Ulusal Hareketleri. S. 116)
Auf diese Weise wurden die gefürchteten „Hamidiye -Reiter“ geboren. 4 Diese gingen
3 Der Pan-Islamismus war zu der Zeit die einzige Strategie des osmanischen Reichs, mit der es die Kurden unter Kontrolle halten konnte, um mit kurdischer Hilfe seine Grenzen zu verteidigen. [Vgl. TAGHIZADE, S.: „Panislamisme et Panturquisme“, Revue du Monde Musulman. Paris 1913. S. 185 / MARDIN, Serif: Jöntürklerin siyasi fikirleri 1895-1908. 4. Auflage. Istanbul 1992. S. 72-73. (Künftig zitiert : MARDIN : Jöntürkler.)]
4 Kurdische Reitertruppen wurden von Sultan Abdul Hamit II. um 1890 geschaffen, um den
brutal gegen die Armenier vor. Ihre Vorgehensweise gegenüber den Armeniern war ihnen überlassen. Sie erhielten durch die Verfolgung der Armenier ihre finanzielle und politische Unabhängigkeit und wurden z.B. von der Steuer befreit. Einige Hamidiye-Kommandeure waren so selbstständig und mächtig, dass die osmanischen Behörden sie als Bedrohung verstanden, wie z.B. Mustafa Pascha und Ibrahim Pascha. Um dieser Bedrohung vorzubeugen und um gleichzeitig mit der Zwangsdeportation der Armenier zu beginnen, sandte Sultan Abdul Hamit II. seine Armee nach Kurdistan.
Die Deportation der Armenier ist vielleicht das traurigste Kapitel der kurdischen Geschichte. Die Kurden massakrierten gemeinsam mit den Türken die Assyrer und die Armenier. (Vgl. SASUNI: Kürt Ulusal Hareketleri. S. 113-126) Das vielleicht traurigste Kapitel in der Geschichte der Kurden nimmt seinen Ausgang bei den nationalen Strömungen im 19. Jahrhundert. Es sind die grausamen, vielfach von Kurden begangenen Massaker an Christen, an Assyrern und Armeniern. ( AZIZ: Kurdistan. S. 136)
Im September 1911 wurden die letzten Kolonien der Osmanen in Nordafrika namens Tripolis und Kirena von den Italienern besetzt, und die Osmanen wollten sie verteidigen. Ein Jahr später mussten die Osmanen wegen der
Unabhängigkeitsbestrebungen von Griechenland, Bulgarien, Mazedonien und Serbien erneut in den Kampf eintreten. Durch diese Kämpfe verlor das osmanische Reich sein letztes Territorium in Afrika und fast alle Gebiete in Europa. Die Kurden unterstützten nicht die Osmanen, sondern die oppositionellen Kräfte oder Parteien. Viele Fürsten der Kurden, wie der Asiret Bedir-Khan, beteiligten sich an der Partei Freiheit und Einigkeit5 Übersetzt aus:
Kürt reislerinin bircogu, bu arada Bedirhan asireti de Hürriyet ve Itilaf Partisine katildi. [CELIL, Celile u.a.: Yeni ve Yakin Cagda Kürt Siyaset Tarihi. Sovyetler Birligi Bilimer Akademisi Dogu Bilimleri E nstitütsü ve Ermenistan Sovyet Sosyalist Cumhuriyeti Bilimler Akademisi Dogu bilimleri Enstitüsü Kürt Komisyonu. 3. Auflage. Istanbul 1998. S. 79 (Künftig zitiert: CELIL: Kürt Siyaset Tarihi)]
Im Jahre 1912 wurde sogar von den kurdischen Fürsten in der Stadt Erzurum eine Aufstandskommission eingerichtet, die in Kurdistan mit Hilfe der Russen ein unabhängiges Kurdistan gründen sollte. Aber die Russen unterstützten den Versuch nicht.
armenischen Aufstand niederzuschlagen. Sie sollten als Stammesmiliz unter der Anweisung der Stammesführer die polizeiliche Kontrolle in den kurdischen und armenischen Gebieten übernehmen. 5 Diese Partei wurde von den Oppositionellen am 21. 11. 1911 gegründet, und ihr Ziel war es, die Macht im osmanischen Reich zu ergreifen. (Vgl.
http://bucatarih.sitemynet.com/cum/millimucadele/zararli.html, abgerufen am 21. 07. 03, 16.28 Uhr)
1913 kamen die „Jung-Türken“ 6 Enver, Talat und Cemal Pascha durch einen Militärputsch an die Macht, und damit begann das Zeitalter des „Pantürk-Islamismus“. Die neue Regierung verfolgte eine Kriegs- und Rüstungspolitik. Als Reaktion auf die Politik der Jung-Türken wurde das kurdische Nationalbewusstsein aktiver, es kamen die ersten kurdischen politischen Gemeinden auf, wie z.B. Hiva, und die ersten Zeitungen in kurdischer Sprache wurden herausgegeben, wie etwa Roji Kürd. (Vgl. CELIL: Kürt Siyaset Tarihi. S.78-91 / SASUNI: Kürt Ulusal Hareketleri. S. 143-159)
Das kurdische Volk war eines der Opfer des Ersten Weltkriegs. Kurdistan und die übrigen Nachbargebiete wurden in Kriegsschauplätze der türkischen, russischen und englischen Armeen verwandelt. Alle beteiligten Länder wollten die Kurden und die anderen Völker benutzen, um ihre Pläne zu verwirklichen. Dadurch brach Chaos im Gebiet aus, und die Völker erlitten schwere Verluste. Obwohl die Türken, die im Krieg mit den Deutschen zusammen agierten, zum Heiligen Krieg „Djihad“ gegen die Nicht-Muslimen aufgerufen hatten, war die kurdische Beteiligung am Krieg nicht so groß wie erwartet. Viele kurdische Truppen flohen vom Schlachtfeld, viele beteiligten sich auf der Seite der Russen, und in einigen Gebieten, wie Dersim und Südkurdistan, traten die Kurden in den dauerhaften Widerstand gegen die Türken ein. Die Idee des Pan-Türkismus, in dem Gebiet bis Turkmenistan alle türkischen Völker zu vereinen und einen gemeinsamen Staat zu bilden, wurde nicht verwirklicht, und die Russen kamen Anfang des Jahres 1915 in den Besitz der kurdischen Gebiete bis zu den Provinzen Van und Bitlis. Aber im Frühjahr 1915 konnten die Türken die Provinz Van und Bitlis zurückerobern und deportierten die Armenier massenweise nach Syrien, weil sich die Armenier angeblich in der Vorbereitungsphase für einen Aufstand befanden. In diesem Jahr fand das große Massaker gegen die Armenier statt. Einige Armenier konnten sich davor mit Hilfe der Kurden retten.
Zum Beispiel in Dersim versteckten sich 20.000 Armenier. Übersetzt aus:
Örnegin dersimde 20000 Ermeni saklandi. [CELIL: Kürt Siyaset Tarihi. S. 96) / Vgl. CELIL: Kürt Siaset Tarihi. S. 91-106 / Vgl. SASUNI: Kürt Ulusal Hareketleri. S. 161-169 / Vgl. DERSIMI, M. Nuri: Kürdistan Tarihinde Dersim. Istanbul 1994. S. 69-82 (Künftig zitiert: DERSIMI: Dersim)]
6Die Jung-Türken-Bewegung begann 1895 und verfolgte das Ziel, „das Land zu retten“. Da die europäischen Staaten keinerlei Interesse an der Bewegung zeigten und die Jung-Türken auf der anderen Seite einen laizistischen Staat anstrebten, konnten sie sich nicht vor dem Zusammenbruch und der Marginalisierung retten. Auch Mustafa Kemal entsprang dieser Bewegung der Jung-Türken. (Vgl. MARDIN: Jöntürkler. S. 7-19)
Am 30. Oktober 1918 unterschrieben die Türken den Waffenstillstand von Mudros, und damit wurde die Kapitulation des osmanischen Reiches besiegelt. Von Oktober 1918 bis 1919 flohen die sogenannten Unionisten, der Sultan wurde in seiner Position stark geschwächt. Diese Zeit war die günstigste Zeit für die Bildung eines unabhängigen Kurdistans. Als zusätzlichen Faktor kann man noch das sowjetisch gewordene Russland zählen, das all seine Ansprüche auf das Gebiet aufgab. Aber den Kurden fehlte es an politischem Scharfsinn, um diese Gelegenheit zu nutzen. Am 10. August 1920 wurde der Vertrag von Sèvres unterzeichnet, in dem man in drei Artikeln die kurdische Frage behandelte (Art. 62-64).7 Obwohl den Kurden mit dem Vertrag von Sèvres die Unabhängigkeit versprochen wurde, wurde später ersichtlich, dass sie ihnen in Wirklichkeit nicht gewährt wurde. Das osmanische Reich unterschrieb den Vertrag zwar, aber dann begannen Mustafa Kemal und seine Anhänger mit dem Widerstand und siegten schließlich. Mit dem Lausanner Vertrag vom 24.7.1923 wurde der Beschluss von Sèvres dann endgültig auch offiziell aufgehoben. Sein hervorstechendstes Merkmal ist, dass er ein imperialistischer Teilungsvertrag ist. Die auf das kurdische Volk und auf Kurdistan in der Praxis angewandte „Teile-und-Herrsche-Politik“ wurde mit
7 Artikel 64 des Vertrags von Sèvres besagt folgendes: „Wenn innerhalb eines Jahres nach dem Inkrafttreten des vorliegendes Vertrages die kurdische Bevölkerung sich in den Regionen, die in Artikel 62 aufgeführt sind, an den Rat der Ges ellschaft der Nationen wendet, indem sie beweist, dass ein Großteil der Bevölkerung in diesen Regionen Unabhängigkeit von der Türkei wünscht, und wenn der Rat der Meinung ist, dass diese Bevölkerung zur Unabhängigkeit fähig ist, und wenn er empfiehlt, sie ihm zu gewähren, verpflichtet sich die Türkei schon jetzt, sich dieser Empfehlung anzupassen und auf alle Rechte und Titel über diese Regionen zu verzichten. Die Einzelheiten dieses Verzichts werden Gegenstand eines speziellen Abkommens zwischen den verbundenen Hauptkräften und der Türkei sein.
Wenn besagter Verzicht stattfindet, wird kein Einwand durch die Hauptkräfte gegen den freiwilligen Beitritt zu diesem unabhängigen kurdischen Staat erhoben, für die Kurden, die den Teil von Kurdistans bewohnen, der bis heute in dem Vilayet von Mossoul besteht.“ Übersetzt aus: Article 64.
Si, dans le délai d'un an à dater de la mise en vigueur du présent traité, la population kurde, dans les régions visées à l'article 62, s'adresse au Conseil de la Société des Nations en démontrant qu'une majorité de la population dans ces régions désire étre indépendante de la Turquie et si le Conseil estime alors que cette population est capable de cette indépendance et s'il recommande de la lui accorder, la Turquie s'engage, dès à présent, à se conformer à cette recommandation et à renoncer à tous droits et titres sur ces régions.
Les détails de cette renonciation seront l'objet d'une convention spéciale entre les principales puissances alliées et la Turquie.
Si la dite renonciation a lieu et lorsqu'elle aura lieu, aucune objection ne sera élevée par les principales puissances alliées à l'encontre de l'adhésion volontaire à cet état kurde indépendant, des Kurdes habitant la partie du Kurdistan comprise jusqu'à présent dans le Vilayet de Mossoul. (Traité de paix entre l'Empire Britannique, la France, l'Italie (les Puissances alliées) et la Turquie, signé à Sèvres, le 10 août 1920, non ratifié par le Gouvernement d'Ankara. Art. 64. In : http://www.hist.net/kieser/MaK1/Sevres.html, Stand Mai 2000, abgerufen am 25.09.03, 22.20 Uhr.)
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Ali Haydar Özdemir, 2003, Kurdenpolitik der Türkei - Ein Hindernis auf dem Weg in die EU?, München, GRIN Verlag GmbH
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