Inhaltsverzeichnis
1. Hinführung 1
2. Historische Analyse 3
2.1 Quellen- und Redaktionskritik 3
2.2 Der Historische Kontext
und Religionsgeschichtliche Vergleich 6
3. Sprachliche Analyse 10
3.1 Gliederung und Struktur 10
3.2 Syntaktisch - Stilistische Analyse 11
3.3 Semantische Analyse zentraler Begriffe 14
3.4 Formkritik (Gattungsanalyse) 19
3.5 Pragmatik/Funktion und Intention des Textes 22
4. Rezeptionsästhetische Analyse: Unterrichtliche Impulse zum Text 25
5. Zusammenfassende Exegese 28
6. Anhang 29
Der verwendete Bibeltext Mt 5,21-26 29
Synoptischer Vergleich 30
Mt 5,21-26 als Erklärungstext 31
Mt 5,21-26 als Teil von Jesu „Schulhofpredigt“ 32
1. Exkurs: Die Textzeugen und die abweichende
Lesart „ohne Ursache“ 33
2. Exkurs: Die Diskussion über Vers 22 34
3. Exkurs: Die Antithese 37
7. Literaturverzeichnis 38
1. Hinführung
Der Textabschnitt Mt 5,21-26 1 erscheint relativ am Anfang der Jesusgeschichte des Matthäusevangeliums. In Mt 1-2 berichtet der Autor von Jesu Abstammung und Kindheit. In Mt 3,1-12 erscheint Johannes der Täufer und in 3,13-17 tauft er den erwachsenen Jesus, woraufhin dieser von Gott hörbar als Sein „geliebter Sohn“ identifiziert wird. Etwas später widersteht Jesus erfolgreich den Versuchungen des Teufels (4,1-11), und ab 4,17 beginnt Jesus, öffentlich in Galiläa zu wirken, indem er, wie vor ihm Johannes der Täufer, predigt: „Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen“ (Mt 4,17). Vier Fischer schließen sich ihm als seine ersten Jünger an (4,18-22) und er predigt und heilt in Galiläa (4,23-25), woraufhin ihm „große Volksmengen“ aus Galiläa und der weiteren Umgebung folgen.
In Anbetracht der vielen Menschen steigt Jesus nun auf einen Berg in Galiläa und hält seine erste Rede (Mt 5,1f), die so genannte Bergpredigt (Mt 5-7). Sie beginnt mit den Seligpreisungen (5,1-12), auf die eine Ansprache folgt, in der die Jünger als „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ bezeichnet werden (5,13-16). Darauf hin erklärt Jesus sein Verhältnis zum Gesetz und zu den Propheten (5,17-20) indem er sagt, er sei nicht gekommen, sie aufzulösen, sondern sie zu erfüllen; eindringlich warnt er davor, sie aufzulösen und fordert in Vers 20 von seinen Zuhörern eine bessere Gerechtigkeit 2 als die der Schriftgelehrten und Pharisäer. Diese Verse (17-20) sind die programmatische Einleitung 3 und Vers 20 insbesondere ist die zusammenfassende Überschrift 4 für das nun folgende in Mt 5,21ff: Hier entfaltet Jesus nun in sechs so genannten Antithesen 5 das, was er unter der besseren Gerechtigkeit versteht. 6 Der Inhalt des Abschnitts, der das Thema dieser Hausarbeit ist, besteht aus dreimal zwei Versen: In der ersten Antithese spricht Jesus in Mt 5,21f über sein Verständnis des Gebotes „Du sollst nicht töten“ und sagt in 23f, man solle sich zuerst mit dem Bruder versöhnen, bevor man eine Opfergabe darbringt. In 25f mahnt er zur Einigung mit dem Prozessgegner. Fünf weitere Antithesen folgen, in denen Jesus sein Verständnis des Gesetzes erläutert und über Ehebruch (5,27-30) und Ehescheidung (31f), das Schwören eines Eides (33-37), die Vergeltung (38-42) und die Feindesliebe (43-47) spricht. Schließlich fordert er seine Zuhörer auf, „vollkommen“ [zu] sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Vers 48).
1 Text siehe Anhang.
2 Vgl. Betz, 2003, S. 173.
3 Vgl. Luz, 1998, S. 1310.
4 Vgl. Barth, 1980, S. 606.
5 Vgl. Luz, 1998, S. 1310.
6 Vgl. Dietzfelbinger, 1975, S. 9.
1
In den nächsten beiden Kapiteln (6+7) setzt Jesus seine Bergpredigt fort; danach berichtet der Autor weiter von Heilungen, Wundern und anderen Taten Jesu, der ab Kapitel 19 auch in Judäa wirkt; auf die Bergpredigt folgen noch vier weitere Reden an verschiedenen Stellen des Evangeliums, 7 das schließlich mit Jesu Passion und Auferstehung endet (Mt 26-28).
Ich habe den Textabschnitt Mt 5,21-26 als Thema dieser Hausarbeit gewählt, weil sich für mich beim ersten Lesen im Vergleich zu den anderen möglichen Texten die meisten Fragen ergaben, vor allem in Vers 21f. Beispielsweise fragte ich mich: Was ist unter den Strafen genau zu verstehen und welche Unterschiede liegen in der Bedeutung der Schimpfwörter? Bestehen hier Widersprüche zum Alten Testament? Ist Vers 23f nach der Zerstörung des Tempels und für Christen noch relevant? So erschien mir der Textabschnitt Mt 5,21-26 am interessantesten, um ihn in einer Exegese einmal gründlich zu untersuchen.
Im Aufbau folgt die Arbeit im Wesentlichen den Vorgaben zur inhaltlichen Konzeption. Bedauerlicherweise überschreitet sie jedoch das vorgeschriebene Seitenlimit. Um den Umfang des Hauptteils nicht noch mehr zu vergrößern, argumentiere ich an einigen Stellen im Hauptteil mit zusammenfassenden Ergebnissen. Die für diese Ergebnisse zu Grunde liegende und umfangreichere „Beweisführung’ findet zum Nachvollziehen derselben im Anhang statt. Ich habe versucht, Doppelungen zu vermeiden, aber an einigen Stellen ergeben sie sich trotzdem, etwa wenn ein Begriff zum einen in seinem historisch-religionsgeschichtlichen Kontext und zum anderen in seiner Semantik erläutert wird. Im Teil „Rezeptionsästhetische Analyse“ habe ich statt eines möglichen Zugangs unterrichtliche Impulse zum Text herausgearbeitet. Dies sind Ideen und Ziele zu einer möglichen Beschäftigung mit Mt 5,21-26 im Unterricht; es handelt sich dabei keineswegs um einen perfekten pädagogisch-didaktischer Unterrichtsentwurf. Als Bibelübersetzung habe ich die revidierte Elberfelder Bibel verwendet, da ich sie auch sonst gebrauche und sie als besonders texttreu gilt.
7 Vgl. Theißen, 2004, S. 70.
2
2. Historische Analyse
2.1 Quellen- und Redaktionskritik
Für die Verse 21-24 finden sich weder in den anderen synoptischen Evangelien noch im Johannesevangelium Parallelen. 8 Die Verse 25+26 hingegen stehen in sehr ähnlicher Weise auch im Lukasevangelium (Lk 12,58-59). Nach der Zwei-Quellen-Theorie käme also zumindest für die beiden Verse 25f ein Ursprung in der hypothetischen Logienquelle Q in Betracht. Diese Vermutung ist auch die Ansicht der modernen Forschung, die für die entsprechenden Verse den Ursprung in der Logienquelle in Q 12,58-59 9 bzw. dem „Saying 60“ 10 sieht.
Ein synoptischer Vergleich zwischen Lk 12,58-59 und Mt 5,25-26 zeigt, dass zwischen den beiden Texten einige Unterschiede bestehen. 11 So verbindet Lukas den Abschnitt Lk 12,54-56 (entsprechend der Vorlage in Q 12,54-56) durch den folgenden Vers 57 mit dem Abschnitt 12,58-59 zu einem Gesamtkomplex 12 und behält so die Reihenfolge und den Sinn aus der Logienqelle bei, während sich Q 12,54-56 im MtEv. an anderer Stelle, nämlich in Mt 16,2-3, wieder findet. 13 Der einleitende Vers Lk 12,57 „Warum richtet ihr aber auch von euch selbst aus nicht, was recht ist?“ fehlt im MtEv. Hier beginnt Jesus in 5,25 sogleich mit der Aufforderung, dem Gegner schnell entgegen zu kommen bzw. ihm schnell wohlgesinnt zu sein, während man sich auf dem Weg befindet. Lk 12,58 dagegen schließt sinngemäß an Vers 57 an: „Denn wenn du mit deinem Gegner vor die Obrigkeit gehst…“. Dann erst folgt die Aufforderung zur Einigung mit dem Gegner auf dem Weg, die bei Lukas und in Q jedoch anders, dem Gegner gegenüber eher juristisch und distanzierter, formuliert ist: Man soll sich Mühe geben, vom Gegner los zu kommen! „Schnell“ fehlt hier bei Lk und in Q und ist demnach eine Einfügung von Matthäus. Der Sinn der Einigung ist laut Mt 5,25 der, dass der Gegner den von Jesus mit „Du“ Adressierten nicht dem Richter überliefert; Lukas formuliert den Sinn der Einigung präziser 14 und anders als Mt und Q: „[…] damit er [sc. der Gegner] dich nicht etwa zu dem Richter hinschleppe [Hervorhebung. v. Verf.]“ und verwendet dann im Verlauf des Prozesses wie Mt und Q das Verb „überliefern“. Des Weiteren ist der „Diener“ des „Richters“ in Mt 5,25 und Q 12,58 bei Lukas (12,58) mit „Gerichtsdiener“
8 Manche sehen in Mk 11,25 eine Markusparallele zu Mt 5,23f (Vgl. Eichholz, 1965, S. 75), doch liegt hier m.E. eher eine thematische Verwandtschaft vor, kein gemeinsamer Ursprung (so auch Luz, 1985, S. 252).
9 Vgl. Robinson, 2000, S. 394-399.
10 Vgl. Valantasis, 2005, S. 33.
11 Siehe Anhang
12 Vgl. Labahn, 2007, S. 184.
13 Vgl. Valantasis, 2005, S. 33.
14 Vgl. Labahn, 2007, S. 184.
3
genauer bezeichnet. Ansonsten wird der zu vermeidende Prozess im LkEv und im MtEv fast gleich beschrieben.
Jesu „Ich sage dir…“-Drohung beginnt in Mt 5,26 mit „Wahrlich“ [Hervorhebung vom Verf.], was in Lk 12,59 und Q 12,59 nicht der Fall ist. Der „letzte Pfennig“, der zurück zu zahlen ist, ist in Mt 5,26 und in Q 12,59 ein Quadrans, in Lk 12,59 hingegen ein Lepton. 15 Für die bei Mt 5,25-26 und Lk 12,58-59 parallelen Texte gibt es also eine gemeinsame Vorlage in Q 12,58-59, die jedoch in beiden Evangelien redaktionell bearbeitet wurde; daher weisen die Evangelien jeweils Eigenarten auf. Über den Ursprung der Verse Mt 5,21-24 ist man sich nicht einig. Einige zählen sie zum Sondergut des Matthäus 16 , andere sagen, dass sie auch aus der Logienquelle Q stammen, die jedoch schon in verschiedenen Fassungen vorlag 17 , als die Evangelisten sie verwendeten. Udo Schnelle bezeichnet die von Matthäus in diesem Fall und für sein Evangelium verwendete Quelle mit Q Mt 18 .
Die Antithesenformulierung in Vers 21f mit „Ihr habt gehört (…) Ich aber sage euch…“ geht nach Ansicht von G. Barth 19 und anderen 20 direkt auf Jesus zurück. Formulierungen wie „Ich aber sage euch“ haben zwar formale Parallelen im zeitgenössischen Judentum Jesu, etwa wenn ein Rabbi seine Meinung der eines Anderen entgegensetzt, aber es findet sich keine sachliche Parallele; denn Jesus stelle sich, so G. Barth, neben und über Moses Gesetz 21 . Unerhört für die Pharisäer und Sadduzäer sei dieser Umgang Jesu mit dem Gesetz, 22 und so kommt auch Wrege zu dem Schluss, dass die „ungeschützte Radikalität der ersten Antithese und vor allem ihrer Bezugsworte (V. 21f.) […] die Vermutung nahe [legt], daß [sic] wir hier die Stimme Jesu hören.“ 23 Der Evangelist fand also die antithetische Formulierung in V. 21f. schon vor 24 . Die Zusammenstellung mit den folgenden Versen 23f. und 25f. geht aber wahrscheinlich auf ihn zurück. Für Wrege etwa bleibt fraglich, „ob V.23f. zuerst mit der Antithese V. 21ff. oder aber mit […] Mt. 5,25f. […] zusammengewachsen ist.“ 25 Und auch Dietzfelbinger ist der Ansicht, dass Mt 5,23f. und Mt 5,25f. von Jesus nicht im selben Moment wie Mt 5,21f. gesprochen wurden 26 und sie auch nicht ursprünglich in derselben Quelle
15 Näheres zu den Münzen siehe 2.2.
16 Vgl. Barth, 1980, S. 606; Eichholz, 1965, S. 69f.; Weder, 1985, S. 99 & Wrege, 1991, S. 37ff.
17 Vgl. Dietzfelbinger, 1975, S. 12f.; Barth, 1980, S.604 & Schnelle, 2005, S. 201. 18 Vgl. Schnelle, 2005, S. 201.
19 Vgl. Barth, 1980, S. 606f.
20 Vgl. Dietzfelbinger, 1975, S. 54f. & Wrege, 1991, S. 38f.
21 Vgl. Barth, 1980, S. 606 & Dietzfelbinger, 1975, S. 10f.
22 Vgl. Wrege, 1991, S. 38f.
23 Wrege, 1991, S. 39.
24 Vgl. Barth, 1980, S. 606.
25 Wrege, 1991, S. 40.
26 Vgl. Dietzfelbinger, 1975, S. 14.
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mit 5,21f. überliefert wurden. 27 G. Barth hält die Verse 23f. und 25f. für redaktionell angefügte Interpretationen der Antithese in 21f. 28 Die Verse 23f. müssen auf jeden Fall aus der Zeit vor der Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. stammen, „da sie das Bestehen des Kultus (sc. des Opferkultus) voraussetzen.“ 29
Über die Überlieferungen, die der Evangelist verwendet hat, lässt sich nicht viel sagen. Man weiß nicht, wann und wo sie mündlich fixiert wurden. 30 Dass sie schriftlich fixiert wurden und in dieser Form dem Evangelisten vorlagen, ist wahrscheinlich, doch auch hier sind Zeitpunkt und Ort nicht bekannt. 31 Insofern es sich bei den Quellen um die Logienquelle Q handelt, lässt sich ihre Entstehungszeit und damit auch die der aus ihr im MtEv verwendeten Worte „auf die Jahre zwischen 40 bis 50 n. Chr. eingrenzen“ 32 . Wie ich aufgezeigt habe, hat jedoch eine redaktionelle Bearbeitung durch den Autoren des MtEv stattgefunden; die Echtheit der Worte als Worte Jesu hingegen scheint sicher 33 . Verfasst wurde das MtEv in Syrien 34 . In der alten Kirche sah man den Jünger Matthäus als Verfasser an, 35 was heute viele Theologen ablehnen; 36 die Identität des Verfassers ist demnach unbekannt, doch war er ein „in der LXX verwurzelter judenchristlicher Lehrer, der innerjüdisch dem nichtpharisäischen „Volk des Landes“ zuzurechnen ist“ 37 . Theißen hält es für denkbar, „dass eine seiner (sc. der Evangelist) Quellen, Q, auf Matthäus zurückgeführt wurde - und dass der Evangelist dessen Name auf das ganze Evangelium übertragen hat.“ 38 Die Entstehungszeit des MtEv liegt zwischen 80 und 100 n. Chr. 39 , wobei einige Theologen innerhalb dieses Zeitraums frühere, spätere oder präzisere Angaben machen 40 .
Der Textabschnitt Mt 5,21-25 ist durch gute und verlässliche Textzeugen aus der Zeit um 200 n. Chr. bzw. dem 4. Jh. vollständig bezeugt. In Bibelausgaben, die auf dem Textus Receptus beruhen, heißt es in Vers 22: „Jeder, der seinem Bruder ohne Ursache (Hervorhebung vom Verf.) zürnt, wird dem Gericht verfallen sein.“ 41 In Bibelausgaben,
27 Vgl. Dietzfelbinger, 1975, S. 13.
28 Vgl. Barth, 1980, S. 607.
29 Luz, 1985, S. 252.
30 Vgl. Dietzfelbinger, 1975, S. 54.
31 Vgl. Dietzfelbinger, 1975, S. 54.
32 Börst, 2003, S. 842.
33 Vgl. Dietzfelbinger, 1975, S. 54f.
34 Vgl. Theißen, 2004, S. 69 & Luz, 2002, S. 918.
35 Vgl. Genfer Studienbibel, S. 1509.
36 Vgl. Theißen, 2004, S. 69; Müller, 2003, S. 887; Luz, 2002, S. 918 & Schnelle, 2005, S. 263.
37 Luz, 2002, S. 918.
38 Theißen, 2004, S.69.;
39 Vgl. Theißen, 2004, S. 69;
40 Vgl. Müller, 2003, S. 889; Luz, 2002, S. 918 & Schnelle, 2005, S. 266. Ein früherer Zeitraum (nämlich vor 70 n. Chr.) und die hierfür vorgebrachten Gründe 40 sollen an dieser Stelle nicht diskutiert werden, Vgl. dazu: Genfer Studienbibel, S. 1509 & Maier, 1996, S. 9.
41 Schlachterübersetzung 2000, Ausgabe in: Genfer Studienbibel.
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die hingegen auf der textkritischen Edition Nestle-Aland beruhen, bei der ältere Handschriften als beim Textus Receptus in Betracht gezogen wurden, nämlich die o.g. Textzeugen, fehlt die Lesart „ohne Ursache“. 42
2.2 Der Historische Kontext und Religionsgeschichtliche Vergleich
Verse 21f. Der Text beginnt mit: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: […]“. Die „Alten“ sind die Sinaigeneration 43 , die unter der Führung Moses aus Ägypten ausgezogen ist. Gott hat am Sinai zu ihnen „gesagt“ 44 , was im Dekalog und weiteren Vorschriften des Pentateuchs überliefert ist. Diese Tradition 45 haben die jüdischen Zeitgenossen Jesu „gehört“, d. h. sie haben diese Tradition in der Synagoge empfangen 46 und die Gebote und Vorschriften sind ihnen vertraut. 47
Weiter geht es mit: „Du sollst nicht töten“. Hier zitiert Jesus wörtlich das Gebot aus dem Dekalog (Ex 21,12 bzw. Dtn 5,17). Nun folgt „wer aber töten wird, der wird dem Gericht verfallen sein“. Dies ist kein wörtliches Zitat, sondern „gewissermaßen ein Extrakt“ 48 oder eine „freie Wiedergabe“ 49 verschiedener Rechtsordnungen im Pentateuch, die sich mit Strafen für das Töten beschäftigen. 50 Für die vorsätzliche Tötung, also Totschlag und Mord (Num 35,16ff), ist hier entsprechend der Talionsformel (Ex 21,23-25) „Leben um Leben“ die Todesstrafe 51 vorgesehen. Das „Gericht“ ist demnach die Ausführung der Todesstrafe. 52 Für Menschen, die versehentlich einen anderen Menschen getötet haben, waren Zufluchtsstädte vorgesehen, in die sie vor der Blutrache der Ver-wandten des Getöteten fliehen konnten (Num 35,11ff.). Auf die Parallelen der so genannten Antithesenformulierungen Jesu 53 im Judentum seiner Zeit, aber auch den unterscheidenden Charakter wurde bereits in 2.1 hingewiesen. Der Text lautet weiter: „Jeder, der […] zürnt“. Schon das Alte Testament stellt den menschlichen Zorn als eine negative Eigenschaft dar 54 und beschreibt, wie zerstörerisch er sich auswirken kann. 55 Neben unzähligen Warnungen vor Zorn im Alten Testa-
42 Z.B.in der Rev. Elberfelder; Näheres zu den Textzeugen und der Lesart siehe Anhang.
43 Vgl. Luz, 1985, S. 249; Dietzfelbinger, 1975, S. 9. & Grundmann, 1968, S. 154.
44 Vgl. Grundmann, 1968, S. 154.
45 Vgl. Strack & Billerbeck, 1922, S. 253.
46 Vgl. Rienecker, 1994, S. 57.
47 Vgl. Dietzfelbinger, 1975, S. 10.
48 Maier, 1996, S. 152.
49 Luz, 1985, S. 252.
50 Ex 21,12ff, aber auch Gen 9,5f, Lev 24,17ff, Num 35,16ff und Dtn 17,8ff.
51 Vgl. Dietzfelbinger, 1975, S. 14f.
52 Ibid.
53 Formulierung mit „Ihr habt gehört […] Ich aber sage euch“.
54 z.B. Spr 27,4 und 29,8.22; Pred 7,9)
55 Beispielsweise in der Geschichte der Söhne Jakobs, die die Vergewaltigung ihrer Schwester Dina maßlos rächen, indem sie den Täter Sichem und seine Familie töten und die Stadt, in der Sichems Familie herrschte
6
ment warnt auch das rabbinische Judentum zur Zeit Jesu vor dem Zorn als etwas schädlichem und verwerflichem. 56 Die Aussage Eliezer ben Hyrkans „Wer seinen Nächsten haßt [sic], siehe, der gehört zu den Blutvergießern!“ 57 kommt sogar Jesu Aussage sehr nahe. 58 Die Qumrangemeinschaft schließlich kannte für „Zornausbrüche gegenüber […] [ihren Mitgliedern] genau definierte Strafen“ 59 .
Jesus fährt fort mit: „Wer aber […] sagt: Raka […] wer aber sagt: Du Narr!“. Das Alte Testament verbietet es unter Strafe, den Eltern oder einem Fürsten zu fluchen (Ex 21,17 und Ex 22,27), und ermahnt dazu, die „Zunge vor Bösem“ zu bewahren (Ps 34,14). In Talmud und Midrasch wird die Benutzung von Schimpfwörtern gerügt 60 und es sind sogar diesseitige und jenseitige Strafen für einige Beleidigungen vorgesehen, 61 was erneut eindrucksvoll die Parallelen zwischen Jesu Aussagen und dem Judentum seiner Zeit verdeutlicht.
Jesus nennt als Konsequenz von „Raka“ die Strafe, dass der Beleidiger „dem Hohen Rat verfallen sein wird“. Bei diesem „Hohen Rat“ handelt es sich um das Synhedrium bzw. den Sanhedrin (hebr.), der das oberste jüdische Entscheidungsorgan mit Sitz am Tempel in Jerusalem war. Er bestand aus 72 Mitgliedern mit dem Hohenpriester an seiner Spitze und fällte politische, zumeist aber religiöse Entscheidungen. 62 „Daneben gab es in kleineren Städten und in der Diaspora auch einen Sanhedrin mit 23 Mitgliedern“ 63 . Zur Zeit der römischen Vorherrschaft war der Sanhedrin in Jerusalem der oberste Gerichtshof, der aber keine Todesurteile fällen oder vollstrecken durfte. 64 Nach dem Neuen Testament wurden Jesus, Petrus und Johannes sowie Paulus vor dem Sanhedrin verhört 65 . Mit einem Schimpfwort hingegen würde sich ein Sanhedrin nie befassen. 66 Als Strafe für die Beleidigung „Du Narr“ sagt Jesus, dass der Beleidiger „der Hölle des Feuers verfallen sein wird“. Jerusalem ist im Süden und Westen vom so genannten Hinnomtal umgeben 67 , wo „sich in spätvorexilischer Zeit das Tofet […] [be-fand], eine Kultstätte, an der man Kinder für den Gott Moloch verbrannte, weshalb der
und lebte, plündern bzw. auslöschen und so ihren Vater Jakob bei den Kanaanitern in Verruf bringen (Vgl. Gen 34,1-31)
56 Vgl. Strack und Billerbeck, 1922, S. 276ff.
57 Zit. nach Luz, 1985, S. 254.
58 Vgl. Grundmann, 1968, S. 155f.
59 Luz, 1985, S. 254.
60 Vgl Strack und Billerbeck, 1922, S. 280ff.
61 Vgl Strack und Billerbeck, 1922, S. 280ff. & Grundmann, 1968, S. 153.
62 Vgl Majer, 2003, S. 1171.
63 Nägele, 2003, S. 586.
64 Vgl. Nägele, 2003, S. 586.
65 Vgl. Majer, 2003, S. 1171.
66 Vgl. Grundmann, 1968, S. 155.
67 Vgl. Nägele, 2003, S. 587.
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