Kracauers Analyse in den Augen seiner Zeitgenossen eine solche aktuelle Brisanz? Zur Beantwortung dieser Fragen bedarf es der Einordnung des Textes in seine kulturgeschichtlichen Zusammenhänge. Dies soll in der vorliegenden Arbeit versucht werden, wobei ich zunächst den diskursiven Hintergrund skizzieren möchte, vor dem „Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland“ erscheint. Die divergierenden Standpunkte in der öffentlichen Diskussion um die Angestellten in der Weimarer Republik gründeten sich auf jeweils unterschiedliche Interpretationen der historisch gewachsenen kulturellen und materiellen Eigenarten der Betroffenen. Daher soll im folgenden (2.) Abschnitt, der einen ersten groben Überblick über diese Diskussion gibt, in einem Exkurs näher auf die sozialgeschichtliche Entwicklung der Angestelltenschicht eingegangen werden. Dieser Exkurs bietet auch Anhaltspunkte für ein Verständnis des anschließend (unter Punkt 3) beschriebenen bürgerlichen Standesbewußtseins, welches für viele Angestellte damals charakteristisch war und von Zeitgenossen vielfach thematisiert wurde. Ob dieses elitäre Selbstverständnis berechtigt sei oder nicht, an der Beantwortung dieser Frage schieden sich die konkurrierenden Gewerkschaftsverbände wie auch die großen politischen Fraktionen. Eine Gegenüberstellung der verschiedenen Ansichten und ihrer Argumentationen (in Kapitel 4) soll ein Bild von jener Auseinandersetzung vermitteln, die Kracauer mit der Veröffentlichung von „Die Angestellten“ zum Brennpunkt seiner diskursiven Intervention machte. So wie es in dieser politischen Auseinandersetzung eigentlich um die Zukunft der Weimarer Republik insgesamt ging, weitete auch Kracauer seine Analyse der Angestelltenschicht zu einer umfassenden Gesellschaftskritik aus. Eine zusammenfassende Darstellung seiner Beobachtungen und Schlußfolgerungen sowie der Implikationen, die sich nach meiner Lesart daraus ergeben, bildet den Hauptteil der vorliegenden Arbeit (Kapitel 5). Dabei mögen die Ausführungen der vorhergehenden Kapitel als eine Folie dienen, vor der die zeitgenössische Brisanz der Kritik Kracauers selbstredend deutlich wird. Abschließend soll in einem kurzen Ausblick (6) der Frage nachgegangen werden, inwieweit einige der von Kracauer aufgezeigten Aspekte für unser Verständnis der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung der Weimarer Republik und auch noch der aktuellen Situation relevant sind. Eine umfassende Antwort auf diese Frage kann im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht geleistet werden; denn diese versteht sich als eine einführende Untersuchung der Angestellten als eines soziokulturellen Phänomens und Politikums der Weimarer Republik. Somit bietet sie lediglich einen provisorischen Ausgangspunkt für ein weiteres Nachdenken über die
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Angestelltenproblematik als ein Paradigma der westlichen Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts.
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EI N Z A N K A P F E L R E I F T
Kracauers Beobachtungsgegenstand war seinerzeit keinesfalls so neu und unbeachtet wie der Titel seiner Publikation und die erste Zwischenüberschrift „Unbekanntes Gebiet“ vermuten lassen: Das etwa seit der Jahrhundertwende stark beschleunigte Anwachsen der Angestelltenzahlen in Deutschland war nicht unbemerkt geblieben und erregte dementsprechend bereits vor Beginn des ersten Weltkriegs die Aufmerksamkeit von Sozialwissenschaftlern und Politikern gleichermaßen. 3 Als prominentestes Beispiel sei an dieser Stelle nur der Soziologe Emil Lederer genannt, dessen Schriften heute zu den Klassikern der Angestelltenforschung gehören. In den zwanziger Jahren fand diese Entwicklung ihren vorläufigen Höhepunkt - sowohl quantitativ (3,5 Millionen Angestellte 1925 mit steigender Tendenz) als auch hinsichtlich der Auseinandersetzung um die soziale Verortung der Angestellten. So war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Kracauers Beitrag die Debatte um die Angestelltenfrage bereits in vollem Gange.
In dieser Diskussion lassen sich im Wesentlichen zwei politische Lager ausmachen, welche im Sinne ihrer jeweiligen Agenda die Angestelltenschicht diskursiv zu vereinnahmen suchten: Den Vertretern der marxistischen Auffassung vom sogenannten Stehkragenproletariat, welches sich letzlich mit dem Industrieproletariat im Klassenkampf verbünden würde, standen die Verfechter der konservativen Theorie vom Neuen Mittelstand gegenüber. Letztere konstatiert eine fundamentale Verschiedenheit von Proletariat und Angestelltenschaft. In der durch den Klassenkampf destabilisierten spätkapitalistischen Gesellschaft schreibt sie den Angestellten eine sozialharmonisierende Rolle zu, welche sie von den historischen Ursprüngen der Angestelltenberufe herleitet.
3 Vgl. Heinz-Jürgen Priamus: Angestellte und Demokratie. Die nationalliberale Angestelltenbewegung in der Weimarer Republik. Stuttgart 1979, S. 3f, 11f.
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4 E X K U R S : S O Z I A L G E S C H I C H T L I C H E R A B R I S S Aus dem Mittelstand rekrutiert, hatte die Mehrheit der Angestellten im 19. Jahrhundert noch Anteil am sozialen Prestige und Lebensstil des gehobenen Bürgertums. Die in den Banken, Kanzleien, Handelskontoren und großen Geschäften beschäftigten Privatbeamten, Schreiber, Buchhalter, Handlungs- und Kaufmannsgehilfen waren zwar existentiell abhängig von ihren Arbeitgebern ebenso wie die Lohnarbeiter. Aber im Gegensatz zu diesen standen die meisten Privatangestellten in direktem Kontakt zum Firmeninhaber und agierten nicht selten als seine Stellverteter. Mit verantwortungsvollen Aufgaben betraut und zur Diskretion verpflichtet, war ein Angestellter in der Regel weit weniger leicht abkömmlich und ersetzbar für das Unternehmen als ein Arbeiter. Seine absolute Loyalität war für ein profitables Wirtschaften und das Ansehen der Firma unabdingbar und wurde dementsprechend honoriert mit einem Gehalt, welches - „als Ausdruck innerbetrieblicher und gesellschaftlicher Wertschätzung“ 5 - monatlich ausgezahlt wurde und ihm wenigstens eine bescheidene bürgerliche Lebensführung ermöglichen sollte.
Einkommen, bürgerliche Herkunft und die damit einhergehende höhere Bildung waren wichtige Faktoren für den höheren sozialen Status der Angestellten über dem des Proletariats, dessen Arbeitsleistungen mit vergleichsweise niedrigen Wochenlöhnen vergütet wurden. Auschlaggebend für das Selbstverständnis der Angestellten war jedoch die gesellschaftliche Bestimmung, die sich aus ihrer mittelständischen Herkunft ergab: Das Angestelltendasein galt im 19. Jahrhundert als ein vorübergehendes, als ein mehr oder weniger lang andauernder Übergang zur wirtschaftlichen Selbständigkeit. Durch Sparsamkeit und harte Arbeit, Erbschaft oder Einheirat in das Unternehmen gelang es tatsächlich einem relativ großen Teil der Angestelltenschicht, dieses Karriereziel zu erreichen. Innerhalb einer familiären Firmenstruktur, über die der Arbeitgeber als Patriarch waltete, galten die Angestellten quasi als Familienmitglieder, nicht selten sogar als adoptierte Zöglinge, die mit Fleiß, Geschick und ein wenig Glück selbst zu Patriarchen heranwachsen würden.
Mit der Konzentration des Kapitals in der Massenproduktion um die Jahrhundertwende und dem damit verbundenen Anstieg der Angestelltenzahlen wurden solche idealtypischen Karrieren zu einer Seltenheit. Im Zuge der zunehmenden
4 Zu den folgenden Bemerkungen über die sozio-ökonomischen Entwicklung der Angestellten vor und während der Weimarer Republik vgl. Priamus 1979, S. 11-60; Walter Peissl: Das „bessere“ Proletariat. Angestellte im 20. Jahrhundert. Wien 1994, S. 143-169; und Christa Jordan: Zwischen Zerstreuung und Berauschung. Die Angestellten in der Erzählprosa am Ende der Weimarer Republik. Frankfurt am Main 1988, S. 22-28.
5 Peissl 1994, S. 143.
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Bürokratisierung der Arbeitsorganisation differenzierten und spezialisierten sich die Angestelltenberufe derart, daß der Einzelne den Überblick über die Gesamtheit der Verwaltungsprozesse verlor. Die Mitarbeiter der großen Betriebe wurden in komplexe Hierarchien eingebunden, wobei der überwiegenden Mehrheit der direkte Kontakt zur Unternehmensleitung versagt war. Die strikte Hierarchisierung der Angestellten drückte sich oftmals auch in erheblichen Gehaltsdifferenzen aus - manchmal betrug das Gehalt eines leitenden Angestellten das Dreißigfache des Verdienstes eines in den unteren Rängen Beschäftigten mit dem gleichen Bildungsstand. 6 Neben Fleiß und Geschick bedurfte es für die große Karriere nun auch des ganz großen Glücks - und das hatten nur wenige; für die meisten blieb der soziale Aufstieg ein Wunschtraum. In der Realität bedeutete der Erste Weltkrieg einen weiteren sozialen Abstieg vor allem für männliche Angestellte. Viele Arbeitgeber nutzten den Kriegsausbruch als willkommenen Anlaß, Tarifverträge zu brechen und gegen geltendes Recht insbesondere älteren und leistungsschwachen Beschäftigten zu kündigen. Zudem eröffnete die während der Kriegsjahre zunehmende Knappheit qualifizierter Arbeitskräfte den Frauen einen breiten Zugang zu Bereichen des Arbeitsmarktes, die bisher ausschließlich Männern vorbehalten waren. Diese Entwicklung ging einher mit betrieblichen Umstrukturierungen, die sich ihrerseits auf die Arbeitsmarktlage in den Zwanziger Jahren auswirken sollten. So wurden beim Aufbau eines Kriegsversorgungsamtes unter Leitung Walter Rathenaus erstmals in Deutschland die tayloristischen Rationalisierungsprinzipien systematisch angewendet: 7 Durch die schematische Zerlegung der komplexen Verwaltungs- und Verteilungsvorgänge in minimale standardisierte Arbeitsschritte konnte eine Vielzahl schnell angelernter Frauen nun jene Aufgaben erledigen, mit denen normalerweise nur qualifizierten Handlungsgehilfen betraut wurden. Dieses Beispiel sollte in der deutschen Industrie Schule machen. Zwar verdrängten die Kriegsheimkehrer während der Nachkriegsdepression einen Großteil der Frauen vorübergehend wieder aus dem Arbeitsleben, doch war der Strukturwechsel für die kommende Konjunkturperiode vorgezeichnet.
Die organisatorische Rationalisierung der Arbeitsprozesse im Rechnungs- und Verwaltungswesen bildete auch die Grundlage für die Einführung technischer Neuerungen: Besonders seit 1924 kamen in den großen Büros verstärkt Lochkarten- und Stenographiermaschinen zum Einsatz. Die Schematisierung und Mechanisierung von
6 Peissl 1994, 148f.
7 Vgl. Ellen Lorentz: Aufbruch oder Rückschritt? Arbeit, Alltag, und Organisation weiblicher Angestellter in der Kaiserzeit und Weimarer Republik. Bielefeld 1988, S. 80-83.
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ursprünglich mental anspruchsvollen Arbeitsvorgängen machte für viele Angestelltentätigkeiten fachliche Qualifikationen ganz überflüssig. Vor allem die höher qualifizierten älteren Angestellten hatten schlechte Aussichten auf Beschäftigung, weil ihnen gesetzlich ein höheres Gehalt zustand als den Jungen und Ungelernten, die sich zudem im Umgang mit der neuen Technik als anpassungs- und leistungsfähiger erwiesen. Gleichzeitig strömten immer mehr Frauen auf den Stellenmarkt, der ihnen seit den Rationalisierungsmaßnahmen in der Kriegswirtschaft neben den inzwischen schon tradionellen Frauenberufen in der Textverarbeitung (Stenographie und Maschineschreiben) nun auch andere - wenngleich in der Regel stupide und schlecht bezahlte - Erwerbsmöglichkeiten bot. In den Großraumbüros arbeiteten „Höhere Töchter“, deren Familien durch Krieg und Inflation finanziell ruiniert waren, neben aufstiegsorientierten Arbeitertöchtern. So begann sich zuerst innerhalb der weiblichen Angestelltenschaft die Segregation der Arbeitswelten von Proletariat und Kleinbürgertum aufzulösen.
Der Konjunkturabfall 1928 führte zu einer neuen Rationalisierungswelle, die diesmal einen massiven Stellenabbau zur Folge hatte. So stieg die Zahl der arbeitslosen Angestellten von 2,4% im Jahr 1927 bis 1932 auf 13,2% an. Es ist bemerkenswert, daß während der zwanziger Jahre die Arbeitslosenraten bei den Angestellten ausnahmslos unter denen der Lohnarbeiter lagen. Aufgrund der monatlichen Vergütung war die Angestelltenschicht weniger konjunkturanfällig; allerdings profitierte sie im Gegensatz zum Proletariat auch nur wenig vom wirtschaftlichen Aufschwung, der in der zweiten Dekadenhälfte einsetzte. Dies wird in Anbetracht der Einkommensentwicklung besonders deutlich: Während die Arbeiterlöhne in den Jahren 1926-29 um 25% stiegen und damit wieder den Stand von 1913 erreichten, blieben die Gehälter der Angestellten, die während des Krieges und der darauf folgenden Depression große Verluste zu verbuchen hatten, weiterhin merklich unter dem Vorkriegsniveau. Tatsächlich lag nun das Einkommen der meisten Angestellten unter dem der Arbeiter.
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SE I N , B E W U ß T S E I N , S C H Ö N E R S C H E I N Aus ökonomischer Sicht waren die Angestelltenmassen der Weimarer Republik also vollkommen proletarisiert. Nicht nur war das besitzlose Bürgertum dazu verurteilt, besitzlos zu bleiben. Nach dem Verlust reeller Aufstiegschancen um die Jahrhundertwende hatte es nun auch seine bescheidenen materiellen Privilegien verloren.
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Zudem erwies sich das Monatsgehalt - nach wie vor herausragendes Statusmerkmal der Angestellten - in Krisenzeiten als nachteilig. 8 Denn nach einer Kündigung blieben Angestellte normalerweise viel länger erwerbslos als Arbeiter, die ja auch kurzfristig eingstellt werden konnten und denen es in Zeiten dauernder Arbeitslosigkeit immerhin noch möglich war, durch Gelegenheitsjobs hin und wieder zu etwas Geld oder Naturalien zu kommen.
Dieser ökonomischen Situation zum Trotz war das Selbstbewußtsein der Angestellten typischerweise von einem Glauben an ihre standesmäßige Erhabenheit über dem Proletariat geprägt. Dieses Bewußtsein, das auf einer ideologischen Privilegierung der „sauberen“ geistigen Tätigkeiten gegenüber „schmutziger“ körperlicher Arbeit gründete, fand seine Bestätigung in den Söhnen und Töchtern aus Arbeiterfamilien, die ihren Eintritt in einen Angestelltenberuf nicht selten als gesellschaftlichen Aufstieg betrachteten. Hingegen bedeutete das Angestelltendasein für die Angehörigen des ehemals besitzenden Mittelstandes, der während der Kriegs- und Inflationsjahre seine wirtschaftliche Selbständigkeit eingebüßt hatte, offenkundig einen Abstieg. Für sie war die Abgrenzung von der Arbeiterklasse eine Frage der Selbstachtung, und sie stützten sich dabei vor allem auf den Bildungsstand. Die höhere Bildung - so bemerkt Christa Jordan - „diente der Illusion, die ökonomische Proletarisierung sei für den Angestellten nicht verbindlich.“ 9 Seine ideologische Identifikation mit dem Bürgertum war für ihn auch deshalb so naheliegend, weil er sich mit diesem auf demselben geistig-kulturellen Niveau sah.
Auch Kracauer sieht zwischen Schulbildung und Standesbewußtsein einen engen Zusammenhang und beobachtet, wie dieser in der Wirtschaft instrumentalisiert wird: 10 Das in den Personalverwaltungen gängige Auswahlverfahren, indem es Bewerber mit höheren Schulabschlüssen bevorzugt, verschafft den Betrieben eine Angestelltenschaft mit bürgerlicher Gesinnung. Letztere fördert bei den Arbeitnehmern die Neigung, sich mit dem Arbeitgeber zu identifizieren, und wirkt gleichzeitig vorbeugend gegen ihre Solidarisierung untereinander, welche ja eigentlich im gemeinsamen ökonomischen Interesse sinnvoll wäre. Dabei fällt auf, daß in der Regel der Bildungsgrad der Beschäftigten in keinem sinnvollen Verhältnis zu den geringen geistigen Anforderungen der von ihnen ausgeübten Tätigkeiten steht. So verkommt das Bildungswesen unter dem
8 Vgl. Peissl 1994, S. 167-169.
9 Jordan 1988, S. 34.
10 Kracauer 1959, S. 10-12.
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Arbeit zitieren:
Gundula E. Rommel, 2001, Die Angestellten, München, GRIN Verlag GmbH
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