Vorwort
Vier Monate können schnell vergehen. Das wurde mir beim Schreiben dieser Arbeit immer wieder bewußt, wenn ich den Blick auf den Stapel von Büchern richtete, die noch meiner Durchsicht harrten, obwohl ich bereits unter enormen Zeitdruck stand, die Arbeit überhaupt rechtzeitig abzuschließen. Entsprechend war die Beschränkung auf den Deutschen Dienst der BBC als Vergleich zum deutschen Inlandsrundfunk eine sinnvolle Entscheidung. Im Rahmen einer Examensarbeit war nicht mehr zu leisten. Trotzdem ist das Thema mit diesem Beitrag noch lange nicht zufriedenstellend bearbeitet. Denn es gibt zwar mit Ansgar Dillers „Rundfunkpolitik im Dritten Reich“ und Asa Briggs „The War of Words“ umfangreiche und ausgesprochen gehaltvolle Untersuchungen zum deutschen und britischen Rundfunk während des Zweiten Weltkrieges. Aber ein zufriedenstellender Vergleich der sehr unterschiedlichen Umgangsweisen mit dem damals noch jungen Massenmedium, ist mir nicht bekannt. Diese Arbeit beleuchtet exemplarisch einen Teilausschnitt des Gesamtkontextes. Ein breit angelegter Vergleich, der auch die sogenannte schwarze Propaganda und natürlich den BBC Home Service und das Forces Programme mit berücksichtigt, wäre nicht nur ein ausgesprochen lohnenswertes Forschungs- (vielleicht ja auch bald Dissertations-) Projekt, er könnte auch die in der Einleitung dieser Arbeit formulierten Erkenntnisthesen übernehmen und auf ihre Anwendbarkeit in dem größeren Gesamtzusammenhang prüfen. Insofern sehe ich diese Arbeit als einen ersten Schritt der Erfassung eines Themas, dessen Tiefen noch auszuloten sind.
Eine kurze Anmerkung: Es gehört zu meinem persönlichen Schreibstil, wissenschaftliche Texte ab und zu mit etwas Ironie aufzulockern. Ich bin davon überzeugt, daß gelegentliches Schmunzeln nicht nur beim Schreiben einer immerhin 85-seitigen Arbeit hilft, sondern auch beim Lesen und Korrigieren. Das Einstreuen einiger humorvoller Kommentare tut meines Erachtens der Wissenschaftlichkeit eines Textes keinen Abbruch. Sollten Sie dies anders sehen, möchte ich Sie bitten, nachsichtig mit mir zu sein und die entsprechenden Bemerkungen geflissentlich zu überlesen.
Johannes Kaufmann, Braunschweig, den 4. Januar 2007
Abkürzungsverzeichnis
AA Auswärtiges Amt BBC British Broadcasting Corporation BDM Bund Deutscher Mädel DDD Der Drahtlose Dienst DKE 38 Deutscher Kleinempfänger DNVP Deutschnationale Volkspartei EH Elektra House HJ Hitlerjugend KWS Kurzwellensender MoI Ministry of Information NS Nationalsozialismus, nationalsozialistisch NSDAP Nationalsozialistische Arbeiterpartei Deutschlands OKW Oberkommando der Wehrmacht PID Political Intelligence Department PK Propagandakompanie PWE Political Warfare Executive RAF Royal Air Force RKK Reichskulturkammer RMVP Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda RRG Reichs-Rundfunk-Gesellschaft RRK Reichsrundfunkkammer SA Sturmabteilung SD Sicherheitsdienst der SS SS Schutzstaffel VE 301 Volksempfänger
Inhaltsverzeichnis
1 E i n l e i t u n g S 1
2. Die Organisation der Rundfunkpropaganda in Deutschland und Großbritannien 8
2.1. Deutschland - Rundfunk als staatlicher Propaganda-Apparat 10
2.1.1. Die Organisationsstruktur des Deutschen Rundfunks 12
2.1.2. Das Führerprinzip im Reichsfunk 20
2.1.3. Ein Radio für jeden Haushalt: Die politischen Empfangsgeräte 23
2.1.4. Deutsches Wesen für die Welt - Der Deutsche Kurzwellensender 26
2.1.5. Wer darf den Feind hören? - Streitigkeiten um den
Sonderdienst Seehaus 28
2.2. Unabhängiger Rundfunk? Die British Broadcasting Corporation 30
2.2.1. Strukturen eines halbstaatlichen Unternehmens - Der Aufbau der BBC
zwischen Regierungsmeinung und politischer Unabhängigkeit 30
2.2.2. Die verschiedenen Inlands-Sendedienste der BBC 35
2.2.3. Senden auf allen Wellenlängen - Der Deutsche Dienst 38
2.2.4. Dem Feind aufs Maul geschaut - Der BBC Monitoring Service 41
3. Propagandastrategien im Kampf um Deutsche Hörer 43
3.1. Volksgemeinschaft und Integration - Maxime für den NS-Rundfunk in der
Friedenszeit S. 43
3.2. NS-Rundfunk im Krieg 46
3.2.1. Siege an allen Fronten - Propaganda des unaufhaltsamen Vormarsches 46
3.2.2. Frontbegradigungen - Unterhaltung zwischen Durchhalteparolen und
Eskapismus S. 55
3.3. Glaubwürdigkeit als wichtigster Wirkungsfaktor - Die Maximen des Deutschen
Dienstes der BBC 59
3.3.1. Aufklären, Relativieren, Umdeuten - Die Erzeugung einer alternativen
Wirklichkeit in den Sendungen bis zur Kriegswende 1942 58
3.3.2. Einfach die Fakten sprechen lassen? - Chancen und Probleme für die
britische Propaganda in einem erfolgreichen Krieg 70
4. Hypnotische Verführung oder Anpassung an den Volkswillen?- Die Rolle des
H örers zwischen Reflexamöbe und aktivem Mitgestalter des Rundfunks im
Z w e i t e n W e l t k r i e g S 7 5
5. Vergleichende Zusammenfassung und Schlußbemerkung 81
L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s S 8 4
1. Einleitung
„Wollt ihr den totalen Krieg?“. 1 Spätestens seit Joseph Goebbels Millionen Fernsehzuschauern diese Worte alle zehn Minuten in Guido Knopps ca. 600 minütiger ZDF-History-Sendung „100 Jahre“ entgegenbrüllte, ist die berüchtigte Sportpalastrede vom 18. Februar 1943 zumindest in Auszügen jedem Deutschen bekannt. Live übertragene politische Reden bei Massenversammlungen, Volksempfänger und ideologische Indoktrination über den Äther direkt ins Ohr des Hörers sind die Stereotypen, die oft das Bild des nationalsozialistischen Rundfunks bestimmen; ein Bild von der Allmacht der Propaganda, der der Rezipient schutzlos ausgeliefert ist. Schon die Fassade dieses Paradebeispiels der erfolgreichen Massensuggestion beginnt unter dem prüfenden Blick zu bröckeln: Nicht nur, daß die ins ganze Reich gesendete Begeisterung des Publikums bei Goebbels‘ Rede keinesfalls spontan war - die Zuschauer waren sorgfältig ausgewählt und bezüglich der Passagen, die sie begeistern sollten, vorher instruiert worden 2 -, auch die Hörer an den Radios hegten ihre Zweifel. So machte bald nach der Rede die Frage nach dem größten deutschen Bauwerk die Runde sowie die dazu passende Antwort: ‚Der Sportpalast, denn in ihn geht angeblich das ganze deutsche Volk hinein‘. 3
Ist die These von der Verführung des Volkes durch die Propaganda also haltbar? Handelt es sich dabei nicht vielmehr um eine Rechtfertigungsstrategie, die dem Vorwurf des Mitläufertums und der Mitschuld an den Verbrechen des NS-Regimes die Unmündigkeit und Manipulierbarkeit des Volkes entgegenstellt? Diese Fragen lenken den Blick nicht nur auf das Programm des NS-Rundfunks, seine Organisationsstruktur und seine Verwurzelung in der Bevölkerung, sondern auch auf den Umgang der Rezipienten mit dem staatlich gelenkten Medienangebot. Sie werfen wiederum neue Fragen auf: nach der Rolle der Konsumenten innerhalb des Mediengefüges; nach ihren Möglichkeiten der Einflußnahme und natürlich auch nach der Konkurrenz um die Macht der Wirklichkeitsauslegung für die deutsche Bevölkerung. Denn neben dem gleichgeschalteten deutschen Kriegsrundfunk machten viele Hörer von der nicht ungefährlichen Möglichkeit Gebrauch, alternative Informationsquellen als Gegengewicht zur NS-Propaganda zu konsultieren. Der Deutsche Dienst der BBC erhielt dabei eine herausragende Bedeutung. Die Gestapo schätzte 1941 die Zahl der Hö-
1
EinAusschnitt aus der Rede findet sich in der Dokumentation „75 Jahre Radio in Deutschland“ auf der
Homepage des Deutschen Rundfunkarchivs. Internetadresse im Literaturverzeichnis.
2 BUSSEMER: Propaganda und Populärkultur. Konstruierte Erlebniswelten im Nationalsozialismus. Wies-
baden 2000, S. 10.
3 Flüsterwitz zitiert nach: SCHEEL: Krieg über Ätherwellen. NS-Rundfunk und Monopole, 1933-1945.
(Ost-)Berlin 1970, S. 208.
1
rer des Londoner Senders auf eine Million. Drei Jahre später rechnete die BBC bereits sehr viel großzügiger mit 10 bis 15 Millionen deutschen Hörern. 4 Zwar sind solche Schätzungen nicht sehr verläßlich, doch lassen sie den Erfolg des deutschen Programmes der BBC zumindest erahnen. Daß die NS-Führung dieses Problem ernst nahm, beweisen ihre juristischen Maßnahmen. Noch am 1. September 1939 trat die ‚Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen‘ in Kraft, die langjährige Freiheitsstrafen, im schlimmsten Fall sogar die Todesstrafe für das Hören von Feindsendern androhte. 5 Eine Analyse der Rundfunkpropaganda des 2. Weltkrieges kann folglich den wichtigsten Konkurrenten des NS-Rundfunks nicht unberücksichtigt lassen. Es gilt zu klären, mit welchen Strategien der Londoner Sender versuchte, das Informationsmonopol des deutschen Rundfunks zu brechen und die Hörer zum riskanten Abhören des ‚Feindsenders‘ zu bewegen.
Der Begriff der Propaganda
„Propaganda... ein unentbehrliches Fremdwort, also zu übersetzen mit ,Dingsda..., Sie verstehen
schon, was ich meine!‘ Nein, wir verstehen uns ganz und gar nicht! Jeder versteht unter dem
6 Dingsda etwas anderes.“
Die Begriff Propaganda hat eine lange Geschichte und unterlag dabei immer wieder vielfältigen Definitionsversuchen. 7 Sein scheinbar unkontrollierbares Schillern hat sogar zu der Forderung geführt, „Propaganda als einen vorwissenschaftlichen und somit im strengen Sinne unbrauchbaren Begriff auf sich beruhen zu lassen“. 8 Die Versuche, dem Begriff seine Unschärfen zu nehmen, reichen von der sehr weitgefaßten Beschreibung als „Handeln in beeinflussender Absicht“ 9 , die weder das Thema noch die Akteure in irgend einer Form eingrenzt, bis zu Propagandabegriffen, „die ihren
4 BALFOUR: Propaganda in War, 1939-1945. Organisations, Policies and Publics in Britain and Germany.
London 1979, S. 96.
5 Zu den Maßnahmen und ihrer keinesfalls durchgehend positiven Beurteilung innerhalb des Kabinetts
vgl. LATOUR: Goebbels‘ „Außerordentliche Rundfunkmaßnahmen“ 1939-1942. In: VfZG, 11. Jahrgang
(1963), S. 418-435. Bis zum Sommer 1940 wurden bereits 2.400 Verhaftungen auf Basis des Erlasses
durchgeführt, dazu: DUSSEL: Deutsche Rundfunkgeschichte. Konstanz 2004, S. 109.
6 BASCHWITZ: Der Massenwahn, seine Wirkung und seine Beherrschung. München 1923, S. 246.
7 Vgl. DIPPER, SCHIEDER: Artikel „Propaganda“, in: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 5, Stuttgart 1984,
S. 69-112.
8 RONNEBERGER Besprechung des Buches „Propaganda. Grundlagen, Prinzipien, Materialien, Quellen“
von Carl Hundhausen. In: Publizistik, 22. Jahrgang (1977), Heft 1, S. 100, zitiert nach: BUSSEMER Propa-
ganda. Konzepte und Theorien. Wiesbaden 2005, S. 24.
9 DANIEL: Die Politik der Propaganda. Zur Praxis gouvernementaler Selbstrepräsentation vom Kaiserreich
bis zur Bundesrepublik, in: DANIEL/SIEMANN (Hrsg.): Propaganda. Meinungskampf, Verführung und
politische Sinnstiftung 1789-1989. Frankfurt a.M. 1994, S.44-82, hier S. 49. CARL: Krieg der Köpfe.
Medien als Waffe im Kampf um Meinungen, Haltungen und Ideologien, Dissertation, München 2004, S.
52-93 geht sogar so weit, Kommunikation grundsätzlich als Propaganda zu bezeichnen.
2
Gegenstand im Sinne totalitärer Informationskontrolle definieren“ 10 , ihn also auf repressive Staatsformen und auf die direkte, womöglich plumpe politische Suggestion beschränken und mit der Ausübung staatlicher Gewalt verbinden. Einer Analyse des NS-Rundfunks ließe sich eine derartige Propagandadefinition durchaus zugrunde legen, stimmt sie im Großen und Ganzen doch mit zeitgenössischen Pro-pagandavorstellungen überein. Hitler betrachtete Propaganda als Mittel zum Zweck, als Instrument zur Massenbeeinflussung, das keinem moralischen Urteil unterliege und allein der Intention des Anwenders diene. Dies sei „die allererste Voraussetzung jeder propagandistischen Tätigkeit überhaupt: nämlich die grundsätzlich subjektiv einseitige Stellungnahme derselben zu jeder von ihr bearbeiteten Frage“. 11 Da für Hitler die Pro-paganda per se wertfrei war, waren demnach auch moralische Kategorien wie Wahrheit oder Lüge nicht darauf anwendbar. Das führte in letzter Konsequenz sogar dazu, daß er der psychologischen Kriegführung der Alliierten während des Ersten Weltkriegs auf-grund ihrer Effektivität Respekt zollte, indem er sie als „Greuelpropaganda, die in ebenso rücksichtsloser wie genialer Art die Vorbedingungen für das moralische Standhalten an der Front sicherte“ 12 , bezeichnete.
Mit einer solchen Definition ließe sich jedoch kein zufriedenstellender Vergleich mit dem Deutschlandfunk der BBC bewerkstelligen, da dieser außerhalb des Propagandabegriffs beschrieben werden müßte. Die pejorative Färbung, die diesem Ausdruck innewohnt und trotz Hitlers Umdeutungsbestrebungen sogar von ‚Propagandaminister‘ Goebbels gefürchtet worden sein muß, als er versuchte, den Begriff Propaganda aus der Bezeichnung seines neu eingerichteten Ministeriums zu streichen und durch ,Kultur‘ zu ersetzen 13 , würde einer unvoreingenommenen Herangehensweise im Wege stehen. Hitlers Vorstellung von Propaganda wurde geprägt durch die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs. In der Überzeugung, daß der Krieg nicht auf dem Schlachtfeld, sondern an der Heimatfront verloren worden sei, griff er die Furcht vor der unheilvollen Macht der Propaganda auf, um in dieser einen Beweis für ihre Effektivität und damit einen Grund zur Nachahmung zu sehen oder sogar zum Versuch, diese zu übertreffen. Auch in Großbritannien bestimmten die Erfahrungen und Deutungen des Ersten Weltkriegs das Bild von der Propaganda. Doch gereichte der Mythos ihrer Macht ihr hier zu keinem guten Ruf. Im Gegenteil: Die britische Bevölkerung zeigte sich schockiert vom Ausmaß der Manipulation. In der eigenen Greuelpropaganda sah man die Ursache für
10 BUSSEMER, 2005, S. 29.
11 HITLER: Mein Kampf. 886.-890. Ausgabe, München 1943, S. 200.
12 Ebd., S. 201.
13 DILLER: Rundfunkpolitik im Dritten Reich. München 1980, S. 80. Eine partielle Entschärfung wurde
bereits durch die Aufnahme des wesentlich positiveren und ‚leiseren‘ Begriffs der Volksaufklärung in den
Titel des Ministeriums angestrebt, dazu: DIPPER, SCHIEDER 1984, S. 110.
3
die Kriegswilligkeit, und die Presse beschwor das Schreckensbild einer unheilvollen Massensuggestion, die jederzeit zu einem neuen Krieg führen könnte. 14 Entsprechend war das Wort Propaganda für einen Großteil der Engländer ein ausgesprochen negativer, ja verabscheuenswürdiger Begriff. „The word ‘propaganda‘, in fact, had a distasteful sound to English ears, and was generally associated with the lies, bluster and namecalling favoured by the totalitarian powers“ 15 , stellte der Amerikaner Charles J. Rolo 1943 fest. Nicht nur, daß der Ausdruck an sich gemieden wurde - das zu Beginn des Kriegs neu eingerichtete Pendant zu Goebbels Ministerium bekam die wesentlich weniger belastete Bezeichnung Ministry of Information -, innerhalb der BBC wurde sogar diskutiert, ob jegliche Form der Ausweitung des Programms des Deutschen Dienstes nicht bereits Propaganda darstelle und somit grundsätzlich abzulehnen sei. 16 Ende September 1939 verzichtete die BBC auf die Ausstrahlung einer Sendereihe über die Men of the hour (Stalin, Hitler, Deladier), weil man der eigenen Objektivität mißtraute und Propaganda vermeiden wollte. 17 Und am 3. November versicherte das Home Service Board, das neu gegründete Führungsgremium der BBC, daß „propaganda, in the sense of perversion of the truth [...] not in accordance with BBC policy“ 18 sein könne. Auch in der britischen Presse wurde an einen Unterschied zwischen ‚Information‘ und ‚Propaganda‘ und an die Verpflichtung Großbritanniens objektiv, ja sogar wahrheitsgetreu zu informieren, geglaubt. So verkündete der New Statesman sofort nach dem deutschen Einmarsch in Polen: „It is strictly true that Britain to-day has no need of propa-ganda. The Ministry of Information can be a Ministry of Information and not a Ministry of Lies, Dr Goebbels has made truth Britain’s greatest asset”. 19
Diese Überlegungen machen die Notwendigkeit deutlich, einen Propagandabegriff zu finden, der sich von den zeitgenössischen Vorstellungen unterscheidet und der sowohl das Programm des NS-Rundfunks als auch das der BBC umfaßt. Gleichzeitig sollte er
14
Vgl. WITTEK: Der britische Ätherkrieg gegen das Dritte Reich. Die deutschsprachigen Kriegssendun-
gen der British Broadcasting Corporation. Münster 1962, S. 18.
15 ROLO: Radio Goes to War. London 1943, S. 124. Rolo selbst versuchte, die moralische Wertung von
Propaganda von der Intention des Propagandisten abhängig zu machen, indem er der negativen Propa-
ganda totalitärer Regime ein Konzept von demokratischer Propaganda entgegenstellte. Vgl. S. 228.
16 BRIGGS: The War of Words. London 1970, S. 75.
17 Ebd., S. 94.
18 Home Service Board, Minutes, 3. November 1939, zitiert nach: BRIGGS 1970, S. 97.
19 New Statesman, 2.9.1939, S. 322. Zitiert nach: NICHOLAS: The Echo of War. Home Front Propaganda
and the Wartime BBC, 1939-1945. Manchester 1996, S. 2. Rolo kritisiert diese Trennung von Propaganda
und Information als unsinnig. Statt dem Propagandabegriff seine negative Färbung zu nehmen, versuche
Großbritannien das gleiche Konzept einfach umzuetikettieren. Seiner Ansicht nach ein verhängnisvoller
Fehler, der einen Bedeutungsverlust der eigenen Informationspolitik bewirke: „because of the stigma
attached to the whole idea of propaganda, it was labelled information, and because information appeared
a luxury, it was relegated to a backstage role in the war or defence effort.” ROLO 1943, S. 228.
4
darüber hinaus die notwendige Begrenzung des Themas für den Rahmen dieser Arbeit ermöglichen und beispielsweise den Bereich der Reklame ausklammern. Daher soll auf eine pragmatische Definition zurückgegriffen werden, die Propaganda als geplante Versuche deutet, „durch Kommunikation die Meinung, Attitüden, Verhaltensweisen von Zielgruppen unter politischer Zielsetzung zu beeinflussen“. 20 Da dieser Definition zufolge nicht die Sendung an sich, sondern die dahinterstehende Zielsetzung politisch sein muß, ermöglicht sie, auch den Musik- und Unterhaltungsbereich zu berücksichtigen, der insbesondere im Programm des deutschen Rundfunks das Gros der Sendezeit beanspruchte und eine entsprechende Bedeutung besaß.
Krieg im Äther
Ausgangs- und Schwerpunkt dieser Arbeit bildet der Begriff des Rundfunkkrieges. 21 Als direkte Auseinandersetzung zweier Gegner verstanden, legt der Begriff des Krieges den Vergleich von Rundfunkprogrammen nahe, die in der Zeit von 1939 bis 1945 direkt miteinander konkurrierten. Daher wird dem deutschen Inlandsrundfunk nicht der Home Service der BBC gegenübergestellt, sondern die Sendungen des Deutschen Dienstes. Da sich beide Programme an das gleiche Publikum richteten, nämlich das deutsche Volk, ermöglicht diese Herangehensweise eine stärkere Konzentration auf die Senderseite und somit auf die Strategien der Programmgestaltung beider Dienste. Natürlich wäre auch umgekehrt der Vergleich der deutschen Auslandspropaganda nach England mit den In-landsprogrammen der BBC und somit eine Konzentration auf das britische Publikum denkbar gewesen. Allerdings begünstigt nicht nur die in Anbetracht des gegebenen Bearbeitungszeitraums leichtere Verfügbarkeit von Quellen und Literatur zum deutschen Rundfunk den hier verfolgten Ansatz, sondern auch die Tatsache, daß der Einfluß des britischen Rundfunks auf Deutschland ungleich größer gewesen ist als umgekehrt. Zwar konnten die Sendungen des berüchtigten Lord Haw Haw zu Beginn des Krieges ein großes Publikum in Großbritannien erreichen 22 und durchaus beunruhigtes Interesse in der britischen Presse hervorrufen. Doch blieb diese Wirkung eine kurze Episode innerhalb des Krieges und eher auf das Amüsement der Zuhörer denn auf wirkliche Über-
20 MALETZKE:Propaganda. Eine begriffskritische Analyse. In: Publizistik - Vierteljahreshefte für Kom-
munikationsforschung, 17. Jahrgang /1972), Heft 2, S. 153-164, hier: S. 157.
21 Unter Rundfunk sollen hier allein Radioprogramme verstanden werden. Die Fernsehdienste Großbri-
tanniens und Deutschlands wurden während des Krieges eingestellt, vgl. Homepage der BBC:
http://www.bbc.co.uk/heritage/story/ww2/ [7.12.06] sowie PIPKE: Rundfunk und Politik. Kleine Ge-
schichte des Rundfunks in Deutschland. Hannover 1961, S. 9.
22 DAHL Arbeitersender und Volksempfänger. Proletarische Radio-Bewegung und bürgerlicher Rundfunk
bis 1945. Frankfurt a.M. 1978, S. 121 spricht von sechs Millionen täglichen und 18 Millionen gelegentli-
chen Hörern.
5
zeugungskraft beschränkt. 23 Lord Haw Haw verlor schon bald nicht nur jegliche Glaubwürdigkeit, sondern auch sein Publikum, wie das Ministry of Information im Sommer 1940 zufrieden feststellte. 24
Außerdem ergibt sich für die deutsche Seite das Problem, daß die Zuständigkeiten für den Auslandsrundfunk, beispielsweise für den Deutschen Kurzwellensender, alles andere als eindeutig waren und ständigen Konkurrenzkämpfen unterlagen. Keinesfalls kann eine so eindeutige strategische Einwirkung durch Goebbels und sein Ministerium konstatiert werden, wie es beim Inlandsrundfunk der Fall war. Eine Analyse der Propagandastrategien des Deutschem Kurzwellensenders und der diversen deutschen Geheimsender hätte sich immer mit dem Problem der sich bekämpfenden Interessen des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda mit denen des Auswärtigen Amts auseinanderzusetzen. 25
Weiterhin ist zu erwähnen, daß Goebbels eindeutig zwischen den strategischen Leitlinien für den Inlands- und für den Auslandsrundfunk unterschied. Widersprüche waren dabei einkalkuliert. Die BBC hingegen bemühte sich um Widerspruchsfreiheit in ihren verschiedenen Diensten 26 , allein schon, weil aufgrund der größeren Verbreitung der englischen Sprache einem ungleich größeren Teil der potentiellen Hörerschaft ein Vergleich der verschiedenen Dienste der BBC möglich war als bei den Programmen des deutschen Rundfunks. Zu große Unterschiede in den Aussagen hätten folglich der angestrebten Glaubwürdigkeit der BBC entgegengewirkt.
Erwartete Ergebnisse
Den ersten Schwerpunkt dieser Arbeit bildet die Untersuchung der Organisationsstruktur der Rundfunkorganisationen in Deutschland und Großbritannien. Ein Vergleich der deutschen mit den britischen Einrichtungen des Rundfunks in den ersten Jahren des Krieges belegt die These, daß
die zentralistische Struktur des deutschen Rundfunkwesens eine schnellere Anpassung an den Kriegszustand ermöglichte als der etwas ‚diffuse‘ Aufbau der BBC. Die staatliche Kontrolle des Rundfunks gestatte eine umfassende propa-gandistische Vorbereitung des Krieges allein auf deutscher Seite.
23 Die vom Daily Mirror gegründete Anti-Haw-Haw League wurde am 26.7.1940 aufgelöst, vgl. BRIGGS
1970, S. 215f.
24 ROLO 1943, S. 61.
25 Die Kompetenzen für den Auslandsrundfunk wurden während Krieges immer wieder zwischen den
beiden Ministerien ausgehandelt, wobei sich das AA unter von Ribbentrop schließlich einen dauerhaften
Einfluß sichern konnte. Vgl. dazu: DILLER 1980, S. 323f und S. 326f.
26 BRIGGS 1970, S. 6.
6
Gleichzeitig führt der Vergleich der Organisation des nationalsozialistischen Rundfunks nach dem Führerprinzip mit den demokratischen Strukturen der britischen Propagandabehörden zu der Erkenntnis, daß
die ständigen Konkurrenzstreitigkeiten der staatlichen Einrichtungen um die Weisungsmacht für den deutschen Rundfunk eine erhebliche Beeinträchtigung des Rundfunkbetriebes bewirkten. Die dezentrale Organisation der britischen Propaganda hingegen erforderte zwar Improvisationstalent, ermöglichte den Mitarbeitern der BBC aber auch größere individuelle Freiheiten und ließ mehr Raum für Kreativität.
Den zweiten Schwerpunkt bilden die Propagandastrategien hinter der Gestaltung der untersuchten Rundfunkprogramme. Die Betonung liegt hier folglich auf der Produzentenseite, was eine Konzentration auf die Grundkonzepte und die ideologische Prägung der Programme ermöglicht. Dabei ergibt sich die These, daß der deutsche Rundfunk nach außen hin zwar deutlicher ideologisch gefärbt war als das Programm der BBC, er sich aber trotzdem in seinen Strategien wankelmütiger und stärker von den jeweiligen politischen Umständen abhängig zeigte. Die BBC verfolgte auch in Zeiten militärischer Niederlagen als ideologisches Hauptelement kontinuierlich das Konzept der Glaubwürdigkeit durch größtmögliche Objektivität, während beim deutschen Rundfunk mehrfach das Grundkonzept des Programms der militärischen und politischen Situation angepaßt wurde.
Als Gegengewicht zu dieser Betonung der Seite der Programmgestalter wendet das abschließende Kapitel den Blick der Rezipientenseite zu und geht den bereits angesprochenen Fragen nach dem Einfluß der Hörerschaft und dem Verhältnis zwischen Konsument und Produzent nach. Angelehnt an Michel de Certeaus Theorie vom Konsum als versteckter Form der Produktion, ergibt sich die These, daß die Rezeption des Radioprogramms als aktiver Prozeß verstanden werden muß. Der Einfluß des Hörers wirkt sich bereits während der Produktion von Sendungen aus, indem sich der Produzent, um erfolgreich zu sein, an den Wünschen und Bedürfnissen orientiert, die er beim Rezipienten erwartet. Insbesondere für den deutschen Rundfunk bedeutete dies, daß die Radiopropagandisten das Programm keinesfalls frei nach ideologischen Gesichtspunkten gestalten konnten, sondern indirekt dem Zwang der Akzeptanz durch das Publikum unterlagen. Die Entfernung von den Bedürfnissen und der Alltagswirklichkeit der Hörer im Laufe des Kriegs führte einen Wirkungsverlust des deutschen Rundfunks herbei.
7
2. Die Organisation der Rundfunkpropaganda in Deutschland und Großbritannien
Als Hitler nach der Wahl 1932 Franz von Papen anbot, dessen Regierung durch die Tolerierung durch die NSDAP zu sichern, knüpfte er dieses Angebot an den ungehinderten Zugriff der Partei auf den Rundfunk 27 ; und auch im Bündnis mit der DNVP ein Jahr später war die paritätische Nutzung der Sendeeinrichtungen eine unverzichtbare Bedingung für das Zustandekommen der Koalition. 28 Der Rundfunk spielte in den Plänen der Nationalsozialisten von Anfang an eine zentrale Rolle. Für Goebbels war er bereits am 18. März 1933 „einflußreichster Mittler zwischen geistiger Bewegung und Volk, zwischen Idee und Menschen“. 29 In Übereinstimmung mit Hitlers Aufgabe und Vorstellung von Propaganda begriff er den Rundfunk als das Instrument, das dem Nationalsozialismus im ganzen Volk zum Sieg verhelfen würde: „Damit ist der Rundfunk wirklicher Diener am Volk, ein Mittel zum Zweck, ein Mittel zur Vereinheitlichung des deutschen Volkes“. 30 Ein Mittel, das in Goebbels Augen in seiner Bedeutung sogar die Presse übertraf: „Was die Presse für das 19. Jahrhundert war, das wird der Rundfunk für das 20. Jahrhundert sein“. 31
Die Möglichkeit, mit relativ geringem technischen und finanziellen Aufwand eine riesige Hörerschaft zu erreichen, machten den Rundfunk in den Augen von Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky zum „wunderbarsten Instrument der Propaganda“ mit der Mission, „das gesamte deutsche Volk aus innerem Muß heraus an den Lautsprecher zu bringen“. 32 Mehr noch: Hadamovsky zufolge war der Rundfunk gleichsam artverwandt mit der Ideologie des Nationalsozialismus‘, sein natürliches Medium, sich auszudrücken:
„Der nationalsozialistische Mensch und seine lebendige Weltanschauung suchte [sic!] sich
ein Ausdrucksmittel, das ihm arteigen, d.h. politisch wäre. Ein Instrument, das die neuen
Werte seiner Weltanschauung von Blut und Boden, Rasse, Heimat und Nation darstellen
könnte. Dieses Instrument fand der Nationalsozialismus im Rundfunk, der alle innerlichen und
33 äußerlichen Voraussetzungen dazu besitzt.“
Und noch 1942 wies der Arbeits- und Finanzplan für die deutsche Auslands-Rundfunk-Gesellschaft ‚Interradio AG‘ auf die kriegswichtige Bedeutung des Massenmediums hin, indem er ihm die Macht zur Einflußnahme auf ganze Völker zugestand:
27 DAHL 1978, S. 103f. Vgl. LATOUR 1963, S. 418.
28 Tatsächlich griff die NSDAP aber wesentlich häufiger auf den Rundfunk zu als die DNVP. Vgl. DIL-
LER 1980,S. 67ff.
29 Goebbels in: Das Archiv, 18.3.1933, S. 766f, zitiert nach: DILLER 1980, S. 9.
30 Goebbels am 25.3.1933, in: Mitteilungen d. RRG (Sonderbeilage), 30.3.1933, nach: DILLER 1980, S. 9.
31 Goebbels zur Eröffnung der Funkausstellung im August 1933, zitiert nach: LATOUR 1963, S. 418.
32 Mitteilungen der RRG, 14.9.1933, zitiert nach: DILLER 1980, S. 150.
33 HADAMOVSKY: Der Rundfunk im Dienste der Volksführung. Leipzig 1934, S. 12.
8
„In diesem Kriege spielt wie in keinem anderen Kriege zuvor der Kampf um die öffentliche
Meinung in den Ländern aller Kontinente eine entscheidende Rolle. Hierbei haben die Erfahrun-gen des Krieges gezeigt, daß der Rundfunk als das modernste, weltumspannende Instrument der
34 Propaganda die Möglichkeit der Beeinflussung der Völker nahezu unbegrenzt gestaltet hat“.
Chancen und Nutzen des Rundfunks für die Bewegung und später für die Kriegsbemühungen wurden von den Nationalsozialisten in höchsten Tönen gelobt, das Einschalten des Radios von Goebbels 1936 gar zu Bürgerpflicht erhoben: „Der deutsche Rundfunk ist in den letzten Jahren zu einem unentbehrlichen Lebensbegleiter des deutschen Volkes geworden. Wer sich von der Teilnahme am Rundfunk ausschließt, läuft daher schon heute Gefahr, auch am Leben der Nation vorbeizugehen“. 35
Auch in England wurden ähnliche Meinungen geäußert. So verkündete der Abgeordnete Andrew McLaren am 11. Oktober 1939 im House of Commons: „There is no more powerful weapon than the unseen echo that encircles the earth and passes from one point into the heart of millions“. 36
Doch schien man grundsätzlich in Großbritannien nicht annähernd so enthusiastisch gegenüber dem Rundfunk eingestellt zu sein, wie dies im Dritten Reich der Fall war. Gegenüber der Presse mit ihrer stolzen Tradition hatte das neue Medium von Anfang an einen schweren Stand. Bis zum Ausbruch des Krieges durfte die BBC keine Nachrichten vor 18 Uhr senden, wollte sie nicht gegen das Monopol der mächtigen Presseagenturen verstoßen. 37
Anders als Hitler, der in „Mein Kampf“ die Bedeutung der Propaganda ausdrücklich betont, ihr sogar einen entscheidenden Faktor in einem kommenden Krieg zuschreibt, gestand Churchill dem Wort keine große Macht zu. „If words could kill, we would be dead already“ 38 , kommentierte er am 12. November 1939 in der BBC-Sendung Ten Weeks of War lakonisch den Einfluß von Propaganda auf das Kriegsgeschehen. Folgerichtig maß er auch Jahre später in seinem Geschichtswerk über den Zweiten Weltkrieg, für das er den Literaturnobelpreis erhielt, dem Rundfunk keine besondere Bedeutung bei: In den sechs Bänden des Buches wird er gerade zehn Mal erwähnt. 39
34 SCHNABEL (Hrsg.): Mißbrauchte Mikrophone. Deutsche Rundfunkpropaganda im Zweiten Weltkrieg.
Eine Dokumentation. Wien 1967, Dokument 67: Arbeits- und Finanzplan für die deutsche Auslands-
Rundfunk-Gesellschaft Interradio AG, S. 150.
35 Goebbels bei der Eröffnung der Rundfunkausstellung 1936, nach: SCHMIDT: Radioaneignung, in:
MARßOLEK, von SALDERN (Hrsg.): Radio und Nationalsozialismus. Zwischen Lenkung und Ablenkung.
Tübingen 1998, S. 249-360, hier: S. 259.
36 Zitiert nach: NICHOLAS 1996, S. 1.
37 Ebd., S. 12.
38 Zitiert nach: BRIGGS 1970, S. 4.
39 Ebd., S. 4.
9
2.1. Deutschland - Rundfunk als staatlicher Propaganda-Apparat
„Der Führer der Nationalsozialisten, Adolf Hitler, ist soeben von dem Herrn Reichspräsidenten zum Reichskanzler ernannt worden, aufgrund einer längeren Besprechung, die der Reichspräsident heute vormittag mit Herrn Hitler sowie Herrn von Papen hatte“ 40 , lautete die emotionslose Meldung des Drahtlosen Dienstes, die am 30. Januar 1933 Hitlers Machtergreifung verkündete. So klang die Stimme des verhaßten ‚Systemrundfunks‘, und führende Propagandisten der NSDAP, unter ihnen der spätere Reichssendeleiter Hadamovsky, waren überzeugt: So sollte der neue Rundfunk nicht klingen. Um den angestrebten, tatsächlich aber niemals konsequent herbeigeführten Bruch mit den alten Strukturen zu verdeutlichen, schilderte Hadamovsky ein Jahr später in seinem Buch „Dein Rundfunk. Das Rundfunkbuch für alle Volksgenossen“ die sogenannte Rundfunkrevolution, die sich am Tag der Machtergreifung spontan und unter bescheidenem Anteil des Autors Bahn gebrochen habe:
„In einem Augenblick, als der Führer zusammen mit Dr. Goebbels abermals an das offene Fens-ter der Reichskanzlei trat und mit erhobener Hand zu uns heruntergrüßte, sah ich plötzlich wie in
einer Vision die Millionen Männer und Frauen unseres Volkes vor mir, die von dieser Stunde
und diesem Erlebnis ausgeschlossen waren, die von dieser wunderbaren Stunde der Revolution
nichts wußten als die trostlose bürokratische Nachricht, die der Rundfunk des alten Systems am
Nachmittag durchgegeben hatte. [...]
Jetzt, noch in dieser Stunde der Machtergreifung, mußte dieser Rundfunk nationalsozialistisch
werden und das Fanal der Revolution für das ganze deutsche Volk sein. [...]
Wir waren nicht gekommen, um mangels Kompetenzen umzukehren. Ich stürzte im Flur nach
rechts [wohin auch sonst? - Anm. des Verf.], riß die Tür auf, die das Schild ‚Chef vom Dienst‘
trug, und trat sofort mit meinem Begleiter ein, nannte meinen Namen, der aus den Jahren der
Opposition in den Funkhäusern peinlichst bekannt geworden war, und verlangte die sofortige
Abordnung von Mikrophonen, Gerät und Personal nach der Reichskanzlei zur Vornahme einer
Rundfunkübertragung und die Herausgabe des Befehls an alle deutschen Rundfunksender, sich
der Übertragung anzuschließen.“ 41
In der Tat ist das Wort ‚Vision‘ eine passende Beschreibung dieser Vorgänge, denn sie entsprangen allein Hadamovskys Phantasie. Schon 1938 beschwerte sich daher der eifersüchtige Richard Kolb, 1933 Sendeleiter der Berliner Funkstunde, er habe bereits früh am 30. Januar eine Sendung für den am Abend geplanten Fackelzug genehmigt und alles vorbereitet sowie den anderen Intendanten die Übertragung der Reportage befohlen. 42 Auch das entspricht mit Sicherheit nicht den Tatsachen, denn ein solcher Befehl überstieg eindeutig Kolbs Kompetenzen, doch bleibt festzuhalten, daß es sich um eine legale und offiziell abgesegnete Übertragung handelte. 43
40 Zitiert nach: HADAMOVSKY: Dein Rundfunk. Das Rundfunkbuch für alle Volksgenossen. München
1934, S. 12.
41 Ebd., S.14ff.
42 Kolb in einem Brief vom 15. Februar 1938 an Staatssektretär im RMVP Karl Hanke, nach: DILLER
1980, S. 58.
43 POHLE: Der Rundfunk als Instrument der Politik. Zur Geschichte des Deutschen Rundfunks von
1923/1938. Hamburg 1955, S. 158.
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Eine Rundfunkrevolution hat es also nicht gegeben. Trotzdem blieb auch der Rundfunk, ebenso wie die anderen Medieneinrichtungen, die Goebbels‘ neuem Ministerium unterstellt wurden, von einschneidenden Umstrukturierungen nicht verschont. Im Folgenden sollen diese Maßnahmen geschildert werden.
Personelle Säuberungen 1933
Die erste große Personalveränderung ereignete sich ohne direktes Zutun der Nationalsozialisten. Noch am Tag der Machtergreifung Hitlers trat der Rundfunkkommissar des Postministeriums und Vorsitzende der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG) Hans Bredow, der ‚Vater des deutschen Rundfunks‘, zurück. 44 Dies war der Anstoß zu einer Reihe von Entlassungen, insbesondere in der Führungsetage des deutschen Rundfunkwesens. So mußte einen Monat später auch der zuständige Kommissar des Innenministeriums seinen Hut nehmen.
Trotz dieser frühen Maßnahmen blieben die grundsätzlichen Strukturen des Rundfunks erhalten. Lediglich das Personal, insbesondere das der Führungsebene, wurde ausgetauscht. Dazu gehörten die drei Direktoren der RRG. Der technische Direktor Walter Schäffer mußte jedoch nicht versetzt oder aus dem Amt gedrängt werden. Er nahm sich am 24 März 1933 das Leben. 45
Knapp vier Monate nach Goebbels‘ Amtsantritt waren zehn der elf Intendanten der regionalen Rundfunkgesellschaften ausgetauscht. 46 Die neuen Intendanten erhielten umfassende personalpolitische Vollmachten, um nun auch die unteren Ebenen von allen jüdischen, sozialdemokratischen und kommunistischen Angestellten zu säubern. Um diese ausfindig zu machen, griff man auf „Verhöre, Denunziationen, Fragebogenaktionen, die Durchforschung und Beschlagnahme von Personal- und anderen Akten, Kündigungen, Versetzungen, fristlose Entlassungen oder auch die Wiedereinstellung mit vermindertem Einkommen“ 47 zurück. Diese Säuberungen wurden am 7. April 1933 teilweise rückwirkend durch das ‚Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums‘ legitimiert.
44 DILLER 1980 S. 72.
45 Ebd., S. 110. Schäffer war nicht der einzige, den die Nationalsozialisten in den Selbstmord trieben. Die
neuen Machthaber gingen mit aller Gewalt gegen ihre Konkurrenten vor. Ehemalige Intendanten und
leitende Angestellte des Weimarer Rundfunks wurden von Kommandos der SA mißhandelt, im KZ Ora-
nienburg inhaftiert und schließlich in einem Schauprozeß angeklagt. Die Anklage wegen Veruntreuung
öffentlicher Gelder erwies sich allerdings selbst für ein Gericht der Nationalsozialisten als haltlos, vgl.
DAHL 1978, S. 106.
46 DUSSEL: Deutsche Rundfunkgeschichte. Konstanz 2004, S. 87. Lediglich der Stuttgarter Intendant
behielt seinen Posten. Zur personellen Umverteilung auf den Intendantenposten vgl. DILLER 1980, S. 114.
47 DILLER 1980, S. 108.
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Wie viele Angestellte letztendlich entlassen wurden, ist heute kaum festzustellen. Aus gesicherten Daten einzelner regionaler Rundfunkanstalten lassen sich Schätzungen ableiten, die bei etwa 270 von 2115 Beschäftigten liegen. Daß die Quote mit ca. 13 Prozent der Belegschaft den Durchschnitt der Personalveränderungen bei den Reichs- und Länderbehörden deutlich überstieg, ist auf den unmittelbaren Zugriff des RMVP, das ausschließlich mit Nationalsozialisten besetzt war, zurückzuführen. 48
2.1.1. Die Organisationsstruktur des Deutschen Rundfunks
Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP)
Nachdem Hitler und Goebbels bereits am Tag nach der Wahl im März 1933 über die Einrichtung eines neuen Ministeriums gesprochen hatten, das die Verantwortung für Pressewesen, Rundfunk, Film, Theater und Propaganda übernehmen und dafür Kompetenzen aus den Metiers des Innen-, des Kultus- und des Postministeriums übertragen bekommen sollte, wurde das Kabinett am 11. März über diese Pläne informiert. Drei Tage später wurde die Einrichtung des RMVP vom Kabinett beschlossen und Goebbels zum Minister berufen. 49
Während der Innenminister die politische Überwachung des Rundfunks bereits innerhalb der folgenden Woche abgab und der Postminister kurz darauf die finanzielle Überwachung an Goebbels übertrug - die entsprechenden Kommissariate wurden aufgelöst 50 -, kam es mit dem Außenministerium, das sich seinen Einfluß auf die Aus-landspropaganda nicht nehmen lassen wollte, sogleich zu Konkurrenzkämpfen. 51 Zwar konnten erste Streitigkeiten bald geschlichtet werden, doch sollte der Kampf zwischen Auswärtigem Amt und RMVP bis zum Ende der Diktatur Bestand haben und immer wieder aufkochen. 52
Um weiteren Konflikten entgegenzuwirken, wurden die Aufgaben des RMVP am 30. Juni 1933 in einer Verordnung Hitlers eindeutig festgelegt: „Der Reichsminister für
48 Vgl. DILLER 1980, S. 127.
49 Ebd., S. 78f.
50 POHLE 1955, S. 189.
51 DILLER 1980, S. 83f.
52 Im September 1939 sicherte Hitler seinem Außenminister Ribbentrop entscheidende Befugnisse zu.
Das AA richtete eine eigene Verbindungsstelle zum RRG ein, über die es unter anderem Einfluß auf die
Sendungen des Deutschen Kurzwellensenders nahm. Seinen Höhepunkt nahmen die Auseinandersetzun-
gen zwischen den konkurrierenden Ministerien, als Mitarbeiter des RMVP eine Gruppe von Angehörigen
des AA gewaltsam aus den Räumen der RRG beförderten, woraufhin kurz darauf die Hinausgeworfenen
versuchten, das Gebäude zurückzuerobern. Vgl. dazu: DILLER 1980, S. 317-321. Da diese Arbeit sich
aber auf den deutschen Inlandsrundfunk konzentriert, kann auf den Streit mit dem AA nicht weiter einge-
gangen werden.
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Volksaufklärung und Propaganda ist zuständig für alle Aufgaben der geistigen Einwirkung auf die Nation, der Werbung für den Staat, Kultur und Wirtschaft, der Unterricht der in- und ausländischen Öffentlichkeit über sie und der Verwaltung aller diesen Zwecken dienenden Einrichtungen“. 53
Trotz allem hatte Goebbels während seiner gesamten tausendjährigen Amtszeit mit dem Versuch der Einflußnahme in seinem Ressort zu kämpfen. Deshalb wurde zur Absicherung seiner Interessen gegenüber der Wehrmacht ein Reichsverteidigungsreferat eingerichtet, das die Verbindung zum Kriegsministerium halten sollte. Doch als innerhalb des Wehrmachtsführungsamts des OKW im März 1939 eine eigene Abteilung Wehrmachtpropaganda gegründet wurde, die ihrerseits Kontakt zum RMVP halten sollte und außerdem die militärische Zensur des Rundfunks übernahm, bedeutete dies eine weitere ‚Einmischung‘ in Goebbels Aufgabenbereich. Bereits 1936 hatte der Propagandaminister hinnehmen müssen, daß Rundfunkreporter, die zu Militärmanövern eingeladen worden waren, dem Kommando der Wehrmacht unterstellt wurden. Diese frühe Form des embedded journalism blieb auch im Krieg erhalten bzw. wurde sogar größtenteils durch die Einsetzung eigener Propagandakompanien (PK) in der Wehrmacht ersetzt. Letztendlich mußte sich das RMVP mit den Zuständigkeiten arrangieren und während des Krieges fertige Sendungen von den PK entgegennehmen, die dann über den Rundfunk ausgestrahlt wurden. 54
Als Hitler schließlich am 10. Februar 1941 die Kompetenzen der Wehrmacht auch auf die Kontrolle sämtlicher Veröffentlichungen, die sich mit der Wehrmacht befaßten, sowie die Abwehr feindlicher Propaganda dem OKW übertrug, fühlte Goebbels sich übergangen. Im September 1943 versuchte der Propagandaminister, Hitler dazu zu bewegen, ihm die Abteilung Wehrmachtpropaganda zu unterstellen. 55 Hitler jedoch lehnte ab und besiegelte damit endgültig einen beträchtlichen Einflußverlust für das RMVP. Die Wehrmacht hingegen sicherte sich nicht nur die militärische Zensur des Rundfunks, indem sie eigene Propagandaoffiziere in den Reichssendern stationierte, sondern blieb auch allein verantwortlich für die politische Betreuung ihrer Soldaten im Feld. 56 Trotz dieser Rückschläge gelang es dem Ministerium zumindest im Inland, seinen Einfluß auf den Rundfunk stärker auszubauen. Dies wurde vor allem durch die konsequente
53 „Verordnung über die Aufgaben des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda“, voll-
ständig abgedruckt in: DILLER 1980, S. 89f.
54 Ebd., S. 210f.
55 Ebd., S. 334f.
56 Ebd., S. 335f.
13
Umsetzung des Führerprinzips, die Einrichtung eines Einheitsprogrammes im Juni 1940 und durch den sukzessiven Abbau der Eigenverantwortung der RRG erreicht. 57 Zur Regelung der Rundfunkangelegenheiten in Deutschland wurde im RMVP eine Abteilung unter der Leitung von Horst Dreßler-Andreß eingerichtet. Neben ihrer Funktion als Kontrollstelle der Zensur übernahm die Abteilung „Anordnungen zum Einsatz des Rundfunks bei politischen Kundgebungen, Anweisungen für die Nutzung des Rundfunks als außenpolitisches Instrument, Geschäftsverkehr mit dem Weltrundfunkverein und Verhandlungen über den internationalen Programmaustausch, Lenkung des Schulfunks, Regelung der Beziehungen zwischen Rundfunk und Presse, Rundfunkstatistik, Vertretung der RRG bzw. der einzelnen Reichssender im Geschäftsverkehr mit Reichsministerien und hohen Parteidienststellen und dgl. mehr“. 58 Mit fünf Mitarbeitern in drei Referaten war die Rundfunkabteilung jedoch trotz der besonderen Bedeutung, die Goebbels dem Rundfunk beimaß, deutlich kleiner als beispielsweise die Presseabteilung. Bis 1939 stieg die Anzahl auf gerade einmal neun Beschäftigte bei einer Belegschaft von 956 Mitarbeitern im gesamten Ministerium. 59 Während des Krieges wurde die Abteilung schließlich auf acht Referate mit 27 Mitarbeitern erweitert. 60 Ihre Kompetenzen wurden während des Krieges laufend erweitert und umfaßten unter Hans Fritzsche 1943 auch die Kontrolle des Rundfunknachrichtendienstes ‚Der Drahtlose Dienst‘ (DDD), der zuvor der Presseabteilung unterstellt gewesen war, sowie die Verbindung zur Wehrmacht. Außerdem dienten die neuen Referate als Verbindungsstellen zum Auswärtigen Amt, zur Gestapo und zum ‚Seehaus-Dienst‘, die das Ministerium mit ihren Berichten über die Tendenzen der ausländischen Propaganda und die Inhalte ausländischer Rundfunknachrichten versorgten. 61
Erklären läßt sich die trotz allem geringe Größe der Abteilung unter anderem damit, daß Goebbels Wert darauf legte, über einen großen Teil des aktuellen Programmes in persönlicher Absprache mit der Reichssendeleitung bzw. den wechselnden zuständigen Personen selbst zu bestimmen bzw. die engen Mitarbeiter seines Ministerialbüros in den Bereichen Personal-, Finanz und Programmpolitik Einfluß nehmen zu lassen. 62
Trotz der geringen Größe der Rundfunkabteilung war der Rundfunk doch die größte Geldquelle des RMVP. Denn das Ministerium finanzierte sich vor allem über die Rund-
57 vgl.MÜNKEL: Produktionssphäre, in: MARßOLEK, von SALDERN 1998, S. 45-128, hier: S. 97.
58 POHLE 1955, S. 215.
59 DILLER 1980, S. 98-102.
60 So die Statistik unter Hans Fritzsche 1943, vgl. DILLER 1980, S. 362f.
61 Ebd., S. 363ff. In dieser Funktion kontrollierte die Abteilung auch die Verteilung von Abhörgenehmi-
gungen für ausländische Sender, die Goebbels ausgesprochen streng handhabte, vgl. dazu: LATOUR 1963,
S. 430-435.
62 DILLER 1980, S. 102.
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Johannes Kaufmann, 2007, Der Zweite Weltkrieg als Rundfunkkrieg, München, GRIN Verlag GmbH
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