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Inhalt
Einleitung 3
Die Versicherungswirtschaft 5
Entwicklung der Versicherung 13
Die Versicherbarkeit von Risiko 18
Ausblick 25
3 Einleitung
Risiko versichern - so der Titel des heutigen Vortrags. Wer von Ihnen alle oder doch einige der Vorlesungen in diesem Zyklus "Risiko. Vom Umgang mit dem Ungewissen" besucht hat, machte mit Risiko schon auf vielfältige Art und Weise Bekanntschaft: philosophisch, historisch, ökonomisch, technisch. Risiko hat seinen festen Platz in unserer heutigen Welt. Der Soziologe Ulrich Beck schrieb bereits 1986, also vor 25 Jahren, ein Buch mit dem programmatischen Titel "Risikogesellschaft". Sein Befund, dass wir in einer solchen Risikogesellschaft leben, hat bis heute Bestand. Dabei fehlt es, wie Sie vielleicht im Laufe des Vorlesungszyklus auch schon gehört haben, im Prinzip an einer verbindlichen und unbestrittenen Definition von Risiko. 1 Doch bei aller Unklarheit darüber, was denn Risiko eigentlich ist, sind wir eifrig dabei, als Gesellschaft, als Unternehmen und als einzelne Risiko und Risiken zu managen. Ein Autor hat denn auch geschrieben, wir seien im Zeitalter des "...risik management of everything" 2 angelangt - im Zeitalter, in dem wir alles als Risiko managen.
1 Sandra Gisin, Der Finanzmarkt und sein Risiko. Eine soziologische Studie. Dissertation der Universität Zürich. Wiesbaden
DUV, 2000, pp. 39f.
2 Michael Power, The Risk Management of Everything. Rethinking the politics of uncertainty. London, Demos, 2004, pp. 10-
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Risikomanagement ist ein mehrstufiger Prozess. Zuerst werden Risiken identifiziert, dann bewertet, schliesslich darüber entschieden, wie sie behandelt oder bewältigt werden sollen. Zur Bewältigung gibt es vier mögliche Strategien: man kann erstens Risiken vermeiden. Das ist allerdings nicht immer möglich, zudem werden dabei oft einfach gewisse Risiken gegen andere eingetauscht: Der Ausstieg aus der Kernkraft zum Beispiel vermeidet das Risiko des nuklearen Unfalls mit potentiell verheerenden Auswirkungen auf Mensch und Umwelt, schafft aber vermehrt Risiken bei der Energiesicherheit und gefährdet damit vielleicht Wohlstand. 3 Eine zweite Strategie ist, Risiko zu vermindern. Das können wir, indem wir zum Beispiel die Eintrittswahrscheinlichkeit von gewissen Ereignissen vermindern, etwa, indem wir technische Anlagen solider bauen und immer auf den neusten Stand bringen. Oder aber wir reduzieren das Schadenpotential, z.B. bei Naturkatastrophen, indem wir gegen Hochwasser Dämme errichten. Eine dritte Strategie ist, dass wir Risiken einbehalten. Diesen Weg wählen wir - müssen wir wählen -, weil es oft keine andere Möglichkeit gibt: Wir können z.B. nicht verhindern, dass ein grosser Meteorit die Erde trifft und dabei alles menschliche Leben beendet. Andererseits wählen wir auch diesen Weg, weil z.B. der erwartete Schaden eines bestimmten Risikos als sehr klein eingestuft wird und es zudem selten auftritt. Schutzmassnahmen dagegen kämen viel teurer als die Absorption der sehr gelegentlichen, geringen Verluste. Schliesslich die vierte Strategie: wir übertragen Risiken auf Dritte. Genauer gesagt übertragen wir gewisse Konsequenzen von Risiken auf Dritte. Wir können nicht verhindern, dass es zu heftigen Gewittern kommt und dass deswegen Flüsse plötzlich Hochwasser führen. Aber wir können die finanziellen Schäden und Verluste, die von allfälligen Hochwassern durch Überschwemmungen verursacht werden, gegen ein Entgelt auf Dritte übertragen. Genau das machen Versicherungen. Sie sind Risikoübertragungs-oder Risikotransfermechanismen. Sie übernehmen Risiken von anderen, die diese nicht tragen können oder wollen. Sie sind die Bewirtschafter von Risiken von anderen - und zwar auf kommerzieller Basis.
3 Konrad Hummler, "Das Risiko der Risikofähigkeit". Neue Zürcher Zeitung, 6. April 2011
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Ich möchte in einem ersten Teil meines Vortrags deshalb zuerst auf die Versicherungswirtschaft und ihre Bedeutung zu sprechen kommen, dann kurz auf die Entwicklung von Versicherung und Versicherungen eingehen, die Kriterien von Versicherbarkeit näher anschauen, und schliesslich mit einem Ausblick meine Ausführungen beenden.
Die Versicherungswirtschaft
Wenn ich im Folgenden von Versicherungen spreche, so meine ich damit grundsätzlich die private, kommerziell orientierte Versicherungswirtschaft oder, wie sie auch genannt wird, die Privatassekuranz. Versicherung bzw. Versicherungen sind aber natürlich nicht nur privat, sondern vielfach auch staatlich organisiert. Abgesehen davon, dass der Staat als Regulator der privaten Versicherungswirtschaft agiert, trifft er vielerorts als direkter Erbringer von eigenen Versicherungsleistungen auf - meist dort, wo die private Versicherungsindustrie keine oder nur als ungenügend taxierte Leistungen anbieten will oder kann. 4 Deshalb: Ich werde mich, wie gesagt, auf die privaten Versicherer konzentrieren, aber die staatlichen Versicherungen zum Vergleich oder zur Vervollständigung herbeiziehen.
4 Swiss Re. State involvement in insurance market. Sigma 3/2011, p. 2. Verfügbar unter
http://media.swissre.com/documents/sigma3_2011_en.pdf
Das weltweite Prämienvolumen der privaten Versicherer betrug 2010 etwa 4.3 Billionen US Dollar. Das ist etwa das Anderthalbfache des deutschen Bruttosozialproduktes. Die grössten privaten Märkte sind die USA mit einem Weltmarktanteil von 27 %, gefolgt von Japan mit 13 % und Grossbritannien mit 7 %. Nimmt man allerdings die EU als Ganzes (was angesichts der immer noch stark national fragmentierten Versicherungsmärkte in Europa etwas fragwürdig ist), dann deckt die EU 34 % des Weltmarktes ab. Anders sieht es aus, wenn man die Versicherungsdichte nimmt, d.h., wenn wir schauen, in welchem Land wie viel pro Kopf für private Versicherungen ausgegeben wird. Da haben die Schweizer die Nase vorn mit USD 6‘650. Es folgen die Niederländer mit USD 5'850 und die Luxemburger mit USD 5'650. Die Amerikaner befinden sich an 12. Stelle und die Deutschen an 18.; die Japaner bringen es immerhin auf den 6. Rang.
Man kann die Liste aber auch noch unter einem dritten Gesichtspunkt anschauen, nämlich nach der Versicherungsdurchdringung, d.h. nach dem Anteil der Prämienvolumina am Bruttosozialprodukt. Das gibt Aufschluss über die Bedeutung der Versicherungen für die jeweilige Volkswirtschaft. An erster Stelle in dieser Rangliste steht Taiwan, wo das Prämienvolumen der Versicherungen mehr als 18 % des BSP ausmacht. Es folgen Südafrika mit knapp 15 % und, fast gleichauf, Grossbritannien und die Niederlande mit je 12.4 %. In der Schweiz sind es 10 %, was unser Land auf den neunten Platz rückt, noch hinter Hongkong, Südkorea, Japan und Frankreich. 5
Traditionell wird in der privaten Versicherung zwischen Leben- und Nichtlebengeschäft unterschieden. Die beiden Teilmärkte funktionieren nach sehr unterschiedlichen Gesetzmässigkeiten. Hinzu kommt noch der Gesundheits- und Krankenversicherungsmarkt, der wiederum seine eigenen Gesetzmässigkeiten hat, allerdings in vielen Ländern partiell oder vollständig verstaatlicht ist. Der
5 Swiss Re. World Insurance in 2010. Premiums back to growth - capital increases. Sigma No. 2/2011, pp. 33, 38, 39.
Verfügbar unter http://media.swissre.com/documents/sigma2_2011_en.pdf
Arbeit zitieren:
Dr. phil. hist. Rolf Tanner, 2011, Risiko versichern, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
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