0. Ausblick
Wie kann in der Theologie eine Sprache gefunden werden, die, mit Lévinas gesprochen, nicht im Gesagten hängen bleibt, sondern darüber hinaus in ein Sagen mündet? Ziel dieser Seminararbeit wird es im ersten Teil sein, diese Frage, das heißt, die Begriffe Sagen und Gesagtes mit Lévinas anhand der Primärliteratur zu erläutern. Im zweiten Teil versuche ich mit Blick in die Sekundärliteratur einige Konsequenzen für theologisches Sprechen zu formulieren. Es wird sich hoffentlich zeigen, dass Aufgabe und Bedeutung theologischen Sprechens nicht in erster Linie in einem Sprechen über einen Gegenstand liegen kann und Theologie bemüht sein muss, Zeugnis zu geben, wenn sie ihrem christlichen Anspruch gerecht werden will. Es geht aber nicht darum, die Eigenheiten der Sprache in der Theologie herauszuarbeiten, sondern den der Sprache eigenen rätselhaften, ambivalenten Charakter in seiner Bedeutung für theologisches Sprechen mit Lévinas anzudeuten. Denn auch bei Lévinas geht es nicht darum, die Ambivalenz der Sprache oder theologisches und religiöses Sprechen als nur eine Form eines Sprachspiels zu erklären. Die Ambivalenz, das Ineinander von Sagen und Gesagten lässt sich nicht auf bestimmte Bereiche, Sprachspiele oder Lebensformen beschränken.
„Das Rätsel kommt nicht dann und wann das phänomenale Erscheinen stören, als ob
dieser Erscheinung, die der Erkenntnis angemessen, d.h. rational ist, unterbrochen
würde durch geheimnisvolle Inseln des Irrationalen, auf denen die zweideutigen
Blumen des Glaubens wachsen. Das Rätsel erstreckt sich soweit wie das Phänomen;
das Rätsel trägt die Spur des Sagens, das sich aus dem Gesagten schon zurückgezogen
hat.“ 2
Doch schon hier in der Einleitung wird vielleicht deutlich, dass es ein Ringen um Ausdrücke, ein vorsichtiges Sprechen sein wird. Dieses zaghafte Vorantasten an den Worten kann anfangs und auch später als mühsam und ungenau verstanden werden, es will aber nur Lévinas Rede von der Ambiguität der Sprache Ernst nehmen.
2 Die Spur des Anderen, 251.
2
1. Die Bedeutsamkeit der Bedeutung
„Die Sprache ist sowohl im Guten wie im Bösen die Möglichkeit einer rätselhaften Zweideutigkeit.“ 3 Was Lévinas hier andeutet, entfaltet er in „Jenseits des Seins“: Die Ambivalenz von Sagen und Gesagten, die der Sprache immer anhaftet. Diese Ambivalenz, die dem Gesagte seine Eindeutigkeit nimmt und das Gesprochene in Frage stellt, bedeutet für Lévinas kein Problem, das gelöst werden könnte oder müsste, sondern den Versuch, Sprache als Rätsel zu bedenken und Unsagbares zu bezeugen. Für Lévinas lässt sich die Sprache immer nur in der Ambivalenz von Sagen und Gesagtes denken. Lévinas versucht mit der Sprache über die Sprache hinauszugehen, stellt die Funktion der Manifestation des Seins in Frage und sucht nach einer Bedeutung jenseits des Seins. Die Transzendenz in der Sprache der Immanenz darzustellen, ist unmöglich. Doch nur durch die Thematisierung dieser Unmöglichkeit könne das Ethische bewahrt werden. Denn Sprache hat für Lévinas nicht nur expressive und informative Funktion für das Sein, sondern ethische, als ein sagendes in Beziehung setzen, als ein Sagen als Ver-antwort-ung, als Stellvertretung, als die Bedeutsamkeit der Bedeutung. „Nicht die Ontologie bringt das sprechende Subjekt hervor. Im Gegenteil, erst die Bedeutsamkeit des Sagens, die über das im Gesagten versammelte sein hinausgeht, kann die Auslegung des Seins oder die Ontologie rechtfertigen.“ 4
1.1 Sagen und Gesagtes
Lévinas versucht auf dem Weg der Reduktion 5 , das Gesagte auf ein vor-ursprüngliches Sagen zurückzuführen. Das Sagen ist deshalb vor-ursprünglich, weil es als sich nicht aus dem Gesagten erschließt, sondern dem voraus liegt und im Gesagten auch nicht als das Ursprüngliche zu erkennen ist, sondern gerade im Gesagten verloren gehen kann. Doch diese Differenzierung und Problemanalyse des Sagen und Gesagten bleibt selbst wieder im oder am Gesagten hängen. Wir können gar nicht anders als im Gesagten gegen das Gesagte anzurennen. Etwas anderes als Sein und auch ein Anders-als-sein aussagen, bleibt immer noch ein Gesagtes, insofern alles Aussagen im Gesagten stattfinden muss. „Ein Anders-als-
3 DieSpur des Anderen, 245.
4 Jenseits des Seins, 95.
5 Vgl. Jenseits des Seins, 106-116.
3
sein darstellen - das ergibt immer noch ein ontologisch Gesagtes, insoweit alles Zeigen ein sein darstellt.“ 6 Das Gesagte lässt sich also nicht einfach auf das ethische Sagen zurückführen. Das Sagen des Unendlichen kommt in mir als Gesagtes an und bedeutet damit eigentlich Bestreitung des Unendlichen, da dieses sich jeder Thematisierung verweigert. Eben darin liegt die Ambivalenz. Das Sagen zeigt sich nicht im Horizont des Seins. Es wird allein in der Beunruhigung erfahrbar, in der Zweideutigkeit einer Störung, einer Spur, die nicht einfach selber wieder ein Zeichen ist. Das Sagen widersteht der Gegenwart und der Manifestation oder überlässt sich ihnen nur als zeitliche Störung. Doch diese Störung, diese ständige, nicht absolute Unterbrechung, diese Diachronie kann sich (nur) vollziehen in Synchronie und als deren Störung, ohne in dieser Zweideutigkeit eine Anwesenheit (phänomenologisch oder ontologisch) zu offenbaren. Denn die Störung kann nicht selbst zum Thema werden kann, ohne sich dadurch aufzulösen. (Nur) in einer solchen Beunruhigung, die die bestehende Ordnung stört, aber nicht völlig unterbricht, das heißt, abbricht, geht das Gesagte über sich selbst hinaus. Indem Gesagtes Einspruch erhebt gegen den Verlust des Sagens, erhält es die Diachronie des Sagens aufrecht.
Der ethische Anspruch betrifft also als eine Störung, als eine Beunruhigung. Nur in der Unentscheidbarkeit 7 einer solchen Beunruhigung bleibt die Möglichkeit einer verantwortungsvollen, weil zu übernehmenden Verantwortung, der ich zustimmen muss, begründet. Dieser Unentscheidbarkeit, die auf das Ja zur Verantwortung wartet, versucht Lévinas mit der Methode der Reduktion sprachlich gerecht zu werden. Die Verantwortung für den anderen hat also nicht in meiner Freiheit ihren Ursprung, sondern fordert sie heraus. Sie erfordert meine Freiheit als Zustimmung. Eine solche Zustimmung der Ver-antwort-ung ist immer Antwort, ist ein Ja, aber ein Ja, dem die Zustimmung des Anderen zuvorkommt. Die Reduktion versucht, das ethische Moment immer wieder neu in der Begegnung mit dem Anderen darzustellen und stößt dabei immer wieder neu an die Grenzen der eigenen Sprache. Das ständige Ringen um ein Sagen im Gesagten ist für Lévinas ethisch notwendig. Sprachlich lässt sich das Ethische (nur) durch die ständige Negation des Nicht-Ethischen, des Gesagten, fassen. Das Gesagte ist aber von der Ambivalenz des Unentscheidbaren betroffen, weil selbst das Gesagte einen unbedingten Anspruch, den des Dritten, zum Ausdruck bringt 8 . Das Scheitern der Reduktion, die Unmöglichkeit bei einem Sagen anzukommen, erhält damit seine ethische Notwendigkeit. Das Nicht-Ethische kann unter dieser Voraussetzung auch in der ausschließlichen Beziehung, der vollständigen Öffnung des Selben auf den Anspruch des
6 Jenseits des Seins, 108.
7 Vgl. http://www.sicetnon.org/content/pdf/Ambivalenz_des_Unbedingten_Preis.pdf (Dezember 2007)
8 Vgl. Jenseits des Seins, 53.
4
Anderen, gesehen werden. Vielleicht, so könnte man argumentieren, kann die Reduktion niemals bei einem Sagen ankommen, weil sie es nicht darf.
„Indem, immer aufs Neue, der im Voraus zum Scheitern verurteilte Versuch, das ethische Moment zu erfassen, aufgehoben (negiert) wird, zeigt sich das Ethische durch den permanenten Einspruch gegen jede abschließende Bestimmung. Es zeigt sich als Störung der statuierten Ordnung und wird durch deren Aufhebung selbst aufgehoben (erhalten).“ 9 Dabei zeigt sich das Sagen als Störung (nur) im Ausgang vom Gesagten. Das Sagen erweist sich als Diachronie in der synchronen Ordnung des objektiv Gesagten. Darüber hinaus kann und darf das Sagen aber nicht bei dieser Unterbrechung stehen bleiben. Der Dritte, der ein anderer Anderer ist, macht den Vergleich, der einzig in der Ordnung des Gesagten möglich ist, notwendig. Die Reduktion muss deshalb, will sie ihren ethischen Anspruch wahren, in der ständigen Wiederholung in der Sprache einen zweifachen Verrat 10 üben. Einerseits am Sagen durch das Gesagte, durch den Versuch, es darzustellen, und andererseits an der Ethik. Doch (nur) durch diesen doppelten Verrat zeigt sich das Ethische - es zeigt sich in seinem Verschwinden, ist anwesend nur in seiner Abwesenheit. Die Ambivalenz als Ineinander von Sagen und Gesagten, von Bekenntnis und Bestreitung, von Anderem und Selbem bezeichnet Lévinas als „ungewöhnliche Intrige“ und diese „ungewöhnliche Intrige, die das Ich aufruft und die sich jenseits der Erkenntnis und der Entbergung im Rätsel knüpft, ist ethisch.“ 11 Der vor-ursprüngliche An-spruch des anderen, das Sagen, dieses Bedeuten, das Bedeutung im Sein überhaupt erst ermöglicht, bezeichnet ein Sprechen vor jeder verbalisierten Aussage, das damit allererst den Raum für Kommunikation und Mitteilung eröffnet - dem Zeugnisgeben eines Sagens, das Lévinas in der „Aufrichtigkeit des Zeugnisses“ 12 als ein „Sagen ohne Gesagtes“ 13 bezeichnet. Lévinas beschreibt die „Aufrichtigkeit des Zeugnisses“ als Umkehr 14 , in der das Außerhalb mich betrifft. Diese Betroffenwerden geschieht aber grade dadurch, dass das Außerhalb nicht ein-geholt werden kann. Meine Betroffenheit liegt also in seiner Unmöglichkeit eingeholt zu werden, Das bloße Dass dieser Betroffenheit bringt sich als Schock zum Ausdruck, wovon jedoch (nur) meine Antwort Zeugnis gibt. Doch das Unendliche verschwindet nicht im Zeugnis, sondern bleibt darin vom Endlichen völlig getrennt, selbst wenn es so nahe ist, dass Lévinas sogar vom Andern im Selben spricht.
9 http://www.sicetnon.org/content/pdf/Ambivalenz_des_Unbedingten_Preis.pdf (Dezember 2007)
10 Vgl., Jenseits des Seins, 31. Im Verrat ereignen sich Treuebruch und Zeugnis zugleich. Er verrät etwas (das
Ethische), andererseits verrät er uns etwas (das Zeugnis).
11 Die Spur des Anderen, 285.
12 Jenseits des Seins, 322.
13 Jenseits des Seins, 110.
14 Vgl. Jenseits des Seins, 322.
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Arbeit zitieren:
MMag. phil. MMag. theol Renate Enderlin, 2008, Sagen und Gesagtes in Lévinas "Jenseits des Seins" und das Ringen um Sprache in der Theologie, München, GRIN Verlag GmbH
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