Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Individualisierungsprozesse
2.1. Begriffsbestimmung
2.2. Historischer Abriss
2.3. Individualisierungsprozesse in sozialstrukturellen und kulturellen
Betrachtungsbereichen
2.3.1. Entschichtungsprozesse und „Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“
2.3.2. Individualisierungsprozesse und Identitätsbildung
3. Patchwork-Identität
4. Fazit
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1. Einleitung
Im Zuge meiner künstlerischen Arbeit mit Fundgegenständen und deren Archivierung stieß ich auf die Thematik der sozialstrukturellen und kulturellen Individualisierungsprozesse. Ich erkannte es als sehr aktuelles, sozialtheoretisches Thema unserer heutigen Zeit und erhielt viele Anstöße, die, überwiegend durch meine Arbeit angeregt, interessante Gegebenheiten aufzudecken schienen. Zum Beispiel erschien mir, dass eine erhöhte Spezialisierung im Arbeitsbereich eine größere Abhängigkeit von Arbeitsbereichen, also auch letztendlich von Individuen voneinander mit sich brächte als auch — bedingt durch die Urbanisierung (Verstädterung und der dadurch erhöhten strukturell zusammengehörenden Anwohnerzahl) — eine erhöhte Anonymität zur Folge habe. Im Zuge dieser Tatsache war es nicht mehr weit, zu dem Thema der Industrialisierung und ihrer Folgen für menschliche Existenzformen zu gelangen, womit ich mich weitestgehend in meiner künstlerischen Abschlussarbeit beschäftigte, welche allerdings vor diesem Hintergrund die Entkontextualisierung als Schwerpunkt beinhaltete. Zudem stieß ich auf einige Fragen und Anhaltspunkte, welche sich in Bezug auf Identität, Individualität und Individuum sowie ihre gegenteiligen Begriffe Anonymität, Uniformität und Kollektiv im Sinne von „Gesellschaft“ stellten, um nur einige in Schlagwörtern festgehaltene Bereiche zu nennen. Den Weg, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, fand ich überwiegend in dem Themenbereich der Individualisierung. Darüber hinaus wurde mir abermals bewusst, warum besonders in unserer heutigen Zeit alternative „Therapien“ so wichtig sind bzw. weshalb sie auch zu diesen Zeiten entstanden. Deswegen beschreibe ich im Folgenden zunächst die Vielfältigkeit des Begriffes „Individualisierung“ mit einem kurzen historischen Überblick, um dann auf eine Identitätsfindungsproblematik innerhalb der Individualisierungsprozesse hinzuweisen. Danach beschreibe ein Identitätsmodell von Heiner Keupp, der die Metapher eines Flickenteppichs benutzt um die Vielfältigkeit und Wandelbarkeit eines Identitätskonstrukts zu verdeutlichen, um nur eine Variante von vielen postmodernen Theorien in der Identitätsforschung vorzustellen.
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2. Individualisierungsprozesse
2.1. Begriffsbestimmung
Der Begriff des Individualisierungsprozesses beschreibt einen Prozess, der als Folge der Industrialisierung verstanden werden kann. Somit sind Individualisierungsprozesse auch ein Teilprozess von Modernisierungsprozessen, wie Bürokratisierung, Demokratisierung, Urbanisierung und steigende soziale Mobilität (vgl. Individualisierung, online; Junge 2002, S. 10). Durch Zunahme der Autonomie des Einzelnen wächst der Einfluss des Individuums auf gesellschaftliche Entwicklungen und somit auch seine Bedeutung für die Gesellschaft. Die vermehrte Anzahl von Wahlmöglichkeiten, z.B. der bevorzugten Lebensform, und der damit zusammenhängende Entscheidungszwang bewirken, dass das Individuum seine soziale Umwelt mitgestaltet (vgl. Junge 2002, S.9). “Mit dem Individualisierungsprozess geht die Hoffnung auf eine Aufklärung des Menschen über sich selbst einher” (Junge 2002, S.18). Individualisierungsprozess ist ein weitgefasster Begriff der zudem je auf die Perspektive ankommend, Unterschiedliches meinen kann (vgl. Junge 2002, S.19; vgl. Kron/ Horácek 2009, S.5). Z.B. kann Individualisierung als Chance auf ein sozial freies und unabhängiges Leben als Individuum aufgefasst werden, wobei die Vergrößerung des Handlungsspielraums des Einzelnen eine Aufforderung - oder die Herausforderung - darstellt selbstständig zu agieren und zu entscheiden. Andererseits kann sie aber auch als eine Bürde oder Last aufgefasst werden, als ein Zwang selbstständig entscheiden zu müssen und die Verantwortung dafür auch zu übernehmen (vgl. Junge 2002, S.12f).
Individualisierung kann als eine Ursache für den Zerfall von Familie, Solidaritätsverlust, Wertezerfall und moralischer Zerfall und sogar auch als Grund für die Verminderung von politischem Engagement gesehen werden. Was diese Debatte erschwert ist die Vielfältigkeit von Individualisierungsprozessen, die auch neue Varianten von Solidarität durch veränderte Gruppenidentifikation und Verlagerung politischer Aktivität auf andere Ebenen entstehen lässt (vgl. Junge 2002, S.26/80f).
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Zu den gegenwärtigen Bedeutungsvarianten, die als Vorschlag von Monika Wohlrab-Sahr (1997) in strukturelle Individualisierung-also Beobachtungen objektiver sozialstruktureller Entwicklungen wie z.B. der Arbeitsmarktindividualisierung-und kulturelle Individualisierung-also die Bedeutung des Individuums in der Gesellschaft und seine Entwicklungunterteilt werden kann, reiht Dr. Phil. Habil. Matthias Junge (*1960) die der klassischen Soziologie hinzu. So bezog Emil Durkheim (1893) Individualisierung auf die Entwicklung gesellschaftlicher Arbeitsteilung, Georg Simmel (1900) sah es als Steigerung von Möglichkeiten und somit auch als Chancen für die Selbstfindung durch Entwicklung der individuell präferierten Lebensart und “Max Weber als voranschreitende rationale Durchdringung der Welt”(Junge 2002, S.11). Allen dreien liegt die Basis zu Grunde, dass die Autonomisierung des Individuums mit Modernisierungsprozessen verknüpft ist (vgl. Junge 2002, S.11). Zu dieser Begriffsvielfalt kommt ein noch wesentlicher Grundaspekt hinzu: Individualisierung bedeutet nicht ausschließlich vielfältige neue Möglichkeiten, sondern auch gleichzeitig vorhandene und ebenso wählbare alte soziale Formen.
Sie bedeutet die Coexistenz manchmal sich auch widersprechender verschiedener sozialer Lebensformen (vgl. Junge 2002, S.17). Der Facettenreichtum dieses Begriffs soll nicht verwirren, sondern stellt die Möglichkeit dar die Komplexität sozialer Gegebenheiten und Entwicklungen mehrdimensional zu erfassen.
2.2 Historischer Abriss
Die “Erfindung” des Individuums ist eine basale Voraussetzung für Individualisierungsprozesse. Bereits in der Spätantike lassen sich erste Hinweise für das Aufkommen der Idee des Individuums finden. Aus vielschichtigen und langwierigen geschichtlichen Prozessen entwickelte sich die zunehmende Bedeutung vom Einzelmenschen auch in Bezug auf gesellschaftliche, also kollektive, Verhältnisse. Sicherlich gab es die Einzelperson schon immer, allerdings wurden ihr keinerlei spezifische
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Bedeutung in Bezug auf Kultur und Gesellschaft, also die Beobachtung und Beschreibung sozialer oder kultureller Prozesse zuteil. Matthias Junge zitiert Hahn (1988) indem er exemplarisch auf ein frühes Aufkommen der Bedeutsamkeit des Individuums in der Schrift Confessiones (Bekenntnisse) des Kirchenlehrer Aurelius Augustinius (354-430) verweist. Dieser reflektiert seinen Lebensweg und die damit zusammenhängenden inneren Wandlungen in dem Manuskript. Die wachsende kulturelle Bedeutsamkeit des Individuums wird an der Tatsache erkennbar, dass dieses Werk über Jahrhunderte hinweg Menschen unterschiedlichster Richtungen und mit unterschiedlichen Motivationen beschäftigte und inspirierte. Zudem hatte das Christentum große Auswirkungen auf die Entwicklung der Idee des Individuums. Durch die Vorstellung der Sündhaftigkeit war unweigerlich die Einzelperson angesprochen. Auch Taufe und Namensgebung waren ausschlaggebende Faktoren für die Entwicklung eines erhöhten Bewusstseinsgrad für das Individuum (vgl. Junge 2002, S.33). Auf Grund der Reformation der Kirche durch Martin Luther und die Abspaltung des Protestantismus‘ verdichtete sich die Idee des Individuums. Das neue Selbstverständnis der Menschen von der Eigenverantwortung sickerte in das gesellschaftliche Leben hinein und verfestigte sich durch immer weitere Zivilisationsprozesse. Diese äußerten sich zu Entstehungszeiten von Nationalstaaten mit Machtmonopolen z.B. durch Disziplinierung der Körperaffekte und Richtlinien sowie Vorgaben für sittliche Verhaltensweisen. Hier wurde nun “die Komplexitätssteigerung gesellschaftlicher Verhältnisse [...] unter anderem durch Ausdifferenzierungsprozesse von Rollen aufzufangen gesucht.”(Junge, 2002, S.35).
Die Entstehung des Bürgertums ließ Individuen sich selber als solche Wahrnehmen. Die Idee des autonomen Staatsbürgers verfestigte diese Eigenwahrnehmung. Dies äußerte sich bereits zwischen dem 11. Und dem 13. Jahrhundert so, dass das Bürgertum auf das Recht der kommunalen Selbstverwaltung bestand, was es schließlich auch erlangte. Ausschlaggebende Beispiele hierfür sind z.B. die französische Revolution 1789 oder die bürgerliche Revolution in England 1688/89.
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Arbeit zitieren:
Shirin Sayarinejad, 2010, Individualisierungsprozesse und ihre Bedeutung für moderne Identitätsbildung, München, GRIN Verlag GmbH
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