Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Entwicklungen bis Mitte der 50er Jahre 3
2.1 Gesellschaftliche Entwicklungen 3
2.2 Musikalische Entwicklungen 6
2.3 Entwicklungen in der Musikindustrie 15
3. Entwicklungen ab Mitte der 50er Jahre bis zum Ende der Dekade 30
3.1 Gesellschaftliche Entwicklungen 30
3.2 Musikalische Entwicklungen 33
3.3 Entwicklungen in der Musikindustrie 36
4. Schlussfolgerung 42
5. Quellen- und Literaturverzeichnis 46
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1. Einleitung
Nachdem Bill Haley 1955 mit Rock Around the Clock endlich von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen eine neue Ära einleitete, sollte nichts mehr so sein wie zuvor. Neue Stars spielten neue Musik für neue Zielgruppen - eine neue Zeit begann. Es kam zu Entwicklungen, die wir bis heute sehen und hören können, Entwicklungen, von denen heute viele Musiker und Zuhörer, Plattenlabel und Marketing-Verantwortliche direkt oder indirekt profitieren. Doch was verursachte diese Lawine? Woher kam sie und vor allen Dingen, was war davor? Diese Arbeit versucht Aufschluss darüber zu geben, welche Ereignisse und Entwicklungen auf gesellschaftlicher, musikalischer und industrieller Ebene bis zum Ende der 50er Jahre im Zusammenhang mit dem Aufkommen des Rock and Rolls in den USA standen. Wird generell davon ausgegangen, dass es sich bei Entwicklungen wie dem Entstehen des Rock and Rolls oder der Jugendbewegung um evo-lutorische Prozesse handelt und handelte, stellt sich die Frage, ob hier eine Grenze überschritten wurde: weg von einem Prozess, in dem sich über einen langen Zeitraum verschiedene Ereignisse gegenseitig beeinflussten (also dem Wesen einer Evolution gleich), hin zu einem revolutorischen Charakter, der den Rock and Roll zu einem wesentlichen Faktor zur Einflussnahme anderer Bereiche avancieren ließ? Falls es diesen Übergang gegeben hat soll weiterhin geklärt werden, ob es einen bestimmten Zeitpunkt gab, an dem der Evolutions- in einen Revolutionscharakter überging beziehungsweise ob sich das Ende der Entwicklung mit Evolutionscharakter auf ein einziges Trigger-Element zurückführen lässt? Wenn ja, wer oder was war dafür verantwortlich?
Andere Arbeiten beschränken sich häufig auf einzelne Aspekte wie die Musikindustrie und stellen diese detailliert dar. Ziel dieser Arbeit ist jedoch, einen breiten Einblick in die unterschiedlichen Entwicklungen zu erhalten um so deutlich zu machen, dass sehr viele Ereignisse über einen langen Zeitraum und sehr viele Handlungen und Entscheidungen unzähliger Individuen den Rock and Roll ermöglichten. Rock and Roll zu definieren fällt in dieser Hinsicht jedoch schwer. Zu sagen es handle sich lediglich um einen Musikstil, würde dabei je nach dem, welche Faktoren man betrachtet, zu kurz greifen. In dieser Arbeit wird der Ansatz verfolgt, dass es sich beim Rock and Roll um ein gesamtgesellschaftliches Phä-
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nomen handelt, dass nicht nur auf musikalischer, sondern auch auf gesellschaftlicher und industrieller Ebene unterschiedlich wahrgenommen und bewertet wurde. In umfangreichen Werken ist es gängig und auch sinnvoll, einzelne Aspekte in eigenen Abschnitten themenbezogen zu behandeln. Allerdings bringt diese Methode den Nachteil mit sich, dass hinsichtlich der zeitlichen Entwicklung und gegenseitigen Beeinflussung schnell der Überblick verloren gehen kann. Der geringere Umfang der Bachelor-Arbeit warf im Vorfeld die Frage auf, ob eine chronologische Auflistung der Ereignisse in diesem Fall nicht nur bedeuten könnte, einen neuen Weg zur Annäherung an das Thema beschreiten zu können, sondern auch, ob sich aus dieser Darstellung neue Erkenntnisse ergeben. Um über dem Zusammentragen der Fakten aus anderen Büchern hinaus zusätzlich Erkenntnis gewinnen zu können, wurde diese Arbeit bewusst in einer chronologischen Darstellung verfasst.
Dabei wird zunächst für jede Phase ein kurzer rahmengebender Überblick über gesellschaftliche Entwicklungen gegeben, anschließend auf musikalische Entwicklungen der Stile, Techniken und Bandformationen eingegangen, bevor ein ausführlicher Blick hinter die Kulissen der Musikindustrie geworfen wird. Die eindeutige Zuordnung eines Ereignisses zu einem bestimmten Themenfeld ist grundsätzlich nicht möglich, denn ein schwarzer Rock and Roll-Musiker, der das Publikum zum Toben bringt und Millionen Platten an weiße und schwarze Zuhörer verkauft, könnte in alle Bereiche eingeordnet werden. Diese Arbeit verfolgt deshalb den Ansatz, einzelne Ereignisse kontextabhängig einzuordnen. Ebenso gibt es auf gesellschaftlicher Ebene zu viele zu große Entwicklungen, als das alle in angemessenem Umfang genannt und bearbeitet werden könnten. Da sich die Segregation wie ein roter Faden durch die Geschichte des Rock and Rolls zieht, wurde hier ein Schwerpunkt gelegt, wobei leider die genauere Betrachtung anderer Phänomene in den Hintergrund rückt.
Ohnehin musste auf das Nennen individueller Beispiele und vieler Hintergrundin-formationen verzichtet werden, denn für die Bachelor-Arbeit, gekürzt auf die nötigsten und wichtigsten Informationen, war es bereits so schon unumgänglich, den geforderten Umfang leicht zu erhöhen.
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2. Entwicklungen bis Mitte der 50er Jahre
2.1 Gesellschaftliche Entwicklungen
Um 1900 waren Kultur und Gesellschaft in den Vereinigten Staaten sehr regional geprägt. Es gab keine nationalen Medien, dadurch fehlte der Austausch unter Künstlern als auch ganz allgemein ein nationales Verständnis in der Bevölkerung (Covach 2009, S. 18). Die Ende des 19. Jahrhunderts im Entstehen begriffene Industrie- und Konsumkultur begann langsam aufzublühen und brachte immer mehr Menschen in Arbeit und Städte. Während des Ersten Weltkriegs kam es auf-grund der hohen Arbeitsnachfrage erstmals zu einem großen Migrationsstrom von 500.000 Afroamerikanern in Städte. Massenproduktion und technologischer Fortschritt, eine Elektrifizierung von ca. 60 Prozent der Haushalte sowie die Verbreitung neuer Gerätschaften wie Kühlschrank, Waschmaschine und Radio, führte in den 20er Jahren zu einem großen Aufschwung. Die ersten Verkaufsketten verdrängten kleine Einzelhändler und änderten Verkaufsstrategien und Einkaufsgewohnheiten grundlegend. Zwischen 1920 und 1930 stieg die Anzahl der Personenwagen von acht auf 23 Millionen Stück (Hebel 2008, S. 165-166), wobei Kritiker in der Mobilität von Frauen und Teenagern traditionelle Moralvorstellungen in Gefahr sahen. Dem Start des kommerziellen Radios 1920 folgte mit der National Broadcast Company (NBC) 1928 das erste nationale Radionetzwerk. Nun kam es nicht mehr darauf an, wo man lebte, sondern jeder konnte überall die gleichen Nachrichten, die gleichen Programme und die gleiche Musik verfolgen. Das entstandene nationale Publikum wurde von den Programmchefs als weißes Mittelklassepublikum eingestuft und deshalb mit weißem Mainstream-Pop bedient. Rhythm and Blues, Country und Western wurden eher den unteren weißen und schwarzen Einkommensschichten zugeschrieben und deshalb nicht gespielt. Diese Stile konnten sich so ihre regionalen Eigenheiten bewahren (Covach 2009, S. 19). Einen weiteren Beitrag zur nationalen Kultur lieferte die Filmindustrie. „Die Stars der Stummfilmzeit legen den Grundstein für die moderne Celebrity Culture, die ihrerseits als mediale (Über-)Steigerung eines ‚amerikanischen Individualismus‘ gesehen werden kann.“ Gleichzeitig spiegelte sich das sehr konservative Verständnis der damaligen Zeit zum Beispiel in Gesetzen gegen die Förderung der Frauen wider (Hebel 2008, S. 168-169).
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Die Große Depression ab 1929 hatte gravierende Auswirkungen auf die Gesellschaft. Während sich das Bruttosozialprodukt beinahe halbierte, stieg die Arbeitslosigkeit bis 1932 von drei auf 25 Prozent an. Die dadurch ausgelöste Massenarmut führte wiederum zu sozialen, demographischen, psychologischen, gesundheits- und erziehungspolitischen Problemen (Hebel 2008, S. 178). Einige Rassenkonflikte waren Zeichen einer ausgeprägten Segregation, die sich auch im Radio widerspiegelte. Schwarze Musik war in den 30ern kein Bestandteil des Radioprogramms, die ersten DJs durften erst in den 40er Jahren abends oder nachts auflegen (Chapple 1977, S. 55). Allerdings standen diese Tendenzen in keinem Verhältnis zu dem, wie wichtig und einflussreich schwarze Musik vom (zumeist) schwarzen Publikum zum Beispiel 1938 aufgenommen wurde: „Men climbed over each other, girls perched on their partners’ shoulders, babies were held aloft, the younger generation scrambled up on the stands, car tops and construction work at the north end of the field and swing really broke loose.” (Carson in Fondation Cartier pour l'Art Contemporain 2007, S. 54). Während sich Teile der Gesellschaft von manch tradierten Einengungen begannen zu befreien, wurde das House Committee on Un-American Activities gegründet. Als wichtigste Plattform diente dieses Komitee bis in die 50er Jahre hinein „einer Kampagne gegen liberale Kritiker der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Situation in den USA und gegen angebliche kommunistische Unterwanderungs- und Umsturzversuche.“ Millionen amerikanischer Staatsbürger wurden verhört, Loyalitätsprüfungen unterzogen und bei Nichtkooperation ins Gefängnis gebracht. Die unter dem Namen McCarthy-Ära bezeichnete Phase zog einen übersteigerten Patriotismus nach sich und verbreitete das Gefühl, in einem Überwachungsstaat zu leben (Hebel 2008, S. 193).
Im Fokus der Gesellschaft stand außerdem die wirtschaftlich angespannte Situation im Land, dass mit dem umfassenden Reformprogramm New Deal wieder auf die Beine gebracht werden sollte. Noch bis 1939 lag die Arbeitslosenquote bei 17 Prozent, erst 1943, zwei Jahre nach Kriegseintritt, erreichten die USA Vollbeschäftigung (Hebel 2008, S. 180-181). Im Zuge dieser wirtschaftlichen Expansion, die den Grundstein für nie gekannten Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten in der Nachkriegszeit legen sollte, kam es zu einer zweiten großen Migrationswelle in den 40er Jahren. 15 Millionen Bürger zogen bundesstaatübergreifend
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um, darunter mehr als 1,2 Millionen Afroamerikaner, die aus dem Süden in den Westen und Norden zogen. Der Arbeitermangel während des Krieges hatte dazu geführt, dass auch schwarze Bürger gutbezahlte Beschäftigungsmöglichkeiten erhielten und vom Aufschwung profitieren konnten (Chapple 1977, S. 28-29). Von einer zunehmenden beschäftigungspolitischen Integration profitierten Afroamerikaner auch in Streitkräften und Regierungsinstitutionen (Hebel 2008, S. 187). Dies führte zu einer erhöhten Kaufkraft und damit auch zu der Möglichkeit, schwarze Unterhaltungsangebote nachfragen zu können (Chapple 1977, S. 29). Diese Nachfrage wiederum überstieg zunächst das Angebot und sorgte in der Folge dafür, dass neue Radiostationen und Plattenlabel gegründet wurden. Außerdem trug die Migrationswelle dazu bei, regionale Kulturen noch stärker miteinander auszutauschen. Einige weiße Zuhörer des Westens und Ostens mochten die von den Zugezogenen mitgebrachte schwarze Musik genauso wie jene Zuhörer, die in den Süden zogen und dort von Hillbilly-Stationen versorgt wurden (Chapple 1977, S. 8). Und obwohl die Segregation immer mehr aufbrach, für alle zum Beispiel an der Aufnahme des afroamerikanischen Baseball-Spielers Jackie Robinson in die Profiliga 1947 sichtbar (Hebel 2008, S. 199), änderte dies kaum etwas an der Segregation zum Beispiel in den Musik-Charts (Chapple 1977, S. 234) oder dem separaten Verkauf der Platten weißer und schwarzer Künstler in unterschiedlichen Regalen oder Räumen (Chapple 1977, S. 232). Die Benachteiligungen setzten sich im Musikgeschäft fort, sei es im Covern von Liedern schwarzer Künstler (Chapple 1977, S. 36) oder in der viel zu niedrigen beziehungsweise ganz ausbleibenden Bezahlung (Chapple 1977, S. 236). Allerdings gab es auch auf der anderen Seite unfaire Behandlungen, wenn auch nicht im gleichen Umfang. Veranstalter von Tanz- oder Musikabenden zum Beispiel, auf denen schwarze Künstler spielten, ließen noch bis in die 40er Jahre konsequent kein weißes Publikum in ihre Clubs. Erst langsam wurden dann sogenannte White Spectator Tickets zu sehr hohen Preisen angeboten, die es weißen, nur erwachsenen, Anhängern ermöglichte, in den schlechtesten Ecken des Raums dabei zu sein - unter der Voraussetzung, dass man den ganzen Abend gewillt war zu stehen und nicht zu tanzen. Da immer mehr weiße Zuhörer Live-Veranstaltungen besuchen wollten, führten die Veranstalter beispielsweise White Nights ein oder trennten mit einem Seil den Saal zwischen weißen und schwarzen Zuhörern. Während sich die weißen Zuhörer zunächst von den schwarzen abgucken konnten, wie diese zu der Musik tanz-5
ten, wurde das Seil nach einiger Zeit entfernt und alle tanzten zusammen (Chapple 1977, S. 41). Ähnlich verlief die Entwicklung bei den Plattenverkäufen. Die zunehmende Begeisterung für Rhythm and Blues bei schwarzen und neuerdings auch weißen Zuhörern machte 1952 Schluss mit der Segregation in Plattengeschäften und Jukeboxes (Chapple 1977, S. 233). Der Dolphin Record Store in Los Angeles berichtete, dass plötzlich 40 Prozent seines Umsatzes mit weißen Käufern erzielt wurde, während einige Monate zuvor die Kundschaft beinahe exklusiv schwarz war (Chapple 1977, S. 31). 1954 erhielt die Bewegung zur Auflösung der Segregation einen weiteren Schub, als der Oberste Gerichtshof die Rassentrennung an Schulen kippte. Die Entscheidung führte zu vielen Rassenkonflikten und gewalttätigen Aktionen gerade in den Südstaaten, weshalb das Urteil zum Teil gegen Bevölkerung und Regierung der jeweiligen Bundesstaaten durchgesetzt werden musste (Hebel 2008, S. 200). Als Bill Haley im darauffolgenden Jahr mit Rock Around the Clock die Rock and Roll-Lawine los trat, waren weite Teile der weißen Gesellschaft allerdings noch nicht bereit, auch die Platten schwarzer Künstler zu kaufen.
2.2 Musikalische Entwicklungen
Robert Palmer behauptet in einem Artikel des Rolling Stone aus dem Jahr 1980, dass die ersten Rock and Roll-Aufnahmen bereits 1936 entstanden seien. Die zwei Lieder Dangerous Woman und Barbecue Bust der Mississippi Jook Band weisen in der Tat eine hörbar große Ähnlichkeit mit späteren Rock and Roll-Liedern auf, wie die „fully formed rock’n’roll guitar riffs and a stomping rock’n’roll beat“ (Palmer in Fondation Cartier pour l'Art Contemporain 2007, S. 40). Um die Frage beantworten zu können, ob zwei Jahrzehnte vor den „ersten“ Rock and Roll-Aufnahmen entweder die Gesellschaft, oder aber Musiker noch nicht reif für diesen neuen Stil waren, soll in diesem Kapitel auf die Entwicklung der für den Rock and Roll wichtigen Musikstile eingegangen werden. Dabei ist dieser Ansatz nicht so leicht zu verfolgen, wie es sich zunächst anhören mag. Ein Stil lässt sich in der Regel nicht allein an der Verwendung eines bestimmten Taktmusters, spezieller Instrumente, fröhlicher oder trauriger Texte oder ähnlichen Attributen festmachen. Dies erschwert eine Analyse genauso wie teils unterschiedlich lautende Literatur
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zum Thema. Klar wird, es gibt nicht den einen Stil, dem Rock and Roll entsprang, sondern viele verschiedene mit unterschiedlich starkem Beitrag - ähnlich einer Evolution, in der es zu einer nicht enden wollenden Vermischung unterschiedlicher Einflüsse kommt.
Einen interessanten Ansatz zur Bestimmung einzelner Musikstile liefert Ennis, der von sechs musikalischen Strömungen (streams) spricht, aus denen Rock and Roll entstand: Pop, Black Pop, Country Pop, Jazz, Folk und Gospel (Ennis 1992, S. 18). Dabei wird eine Strömung durch bestimmte Elemente definiert. Zum einen zählt dazu ein künstlerisches System, also unter anderem die Musiker, Zuhörer und Kritiker, einen ökonomischen Rahmen, welcher kaufende Konsumenten, vertreibende Distributoren und musikauswählende Disk Jockeys (DJs) umfasst, sowie eine gesellschaftliche Entwicklung, die auf die Verteidigung oder Verstärkung einer bestimmten Rasse, Altersgruppe, Klasse, Geschlecht, oder der Zugehörigkeit zu einer Region, Stadt oder Nation ausgerichtet ist. Dabei sind alle Elemente drei Seiten der gleichen Medaille. Ein Lied ist gleichzeitig Teil eines künstlerischen Systems, Produkt der Wirtschaft und Bestandteil einer Propaganda seines gesellschaftlichen Umfelds. Während eine Strömung an sich eine lose Struktur ist, finden sich die Werte und Überzeugungen seiner Anhänger allerdings in bestimmten Symbolen und Verhaltensweisen wie Frisuren, Kleidungsstilen, Sprachen, Gesten, Körperhaltung und speziellen Ritualen wieder (Ennis 1992, S. 22). Einige der im Rock and Roll verwendeten musikalischen Elemente lassen sich, noch vor der Herausbildung der sechs verschiedenen Strömungen, auf die ersten Afrikaner zurückführen, die als Sklaven nach Amerika verschleppt wurden. Typisch für afrikanische Musikstile ist zum Beispiel eine Technik, bei der ein einzelner Sänger oder ein einzelnes Instrument zuerst einen kurzen Teil praktisch gegen die restliche Formation singt beziehungsweise spielt, um dann vom gesamten Chor oder Ensemble eine Antwort zu erhalten (call-and-response). Ein weiteres Merkmal des späteren Rock and Rolls, dass seine Ursprünge in Afrika hat, ist die gleichzeitige Verwendung mehrerer unterschiedlicher Rhythmen (Palmer in Fondation Cartier pour l'Art Contemporain 2007, S. 40). Ein einfaches Beispiel ist ein Schlagzeuger, der zwar der Betonung halber nur den zweiten und vierten Schlag auf der Snare Drum vornimmt, mit Bass und Becken aber alle vier Schläge des 4/4-Takts spielt (Chapple 1977, 245). Palmer nennt als weiteren afrikanischen 7
Ursprung auch den Gesang, der für europäisch abstammende Musiker vergleichsweise rau und heiser klang (Palmer in Fondation Cartier pour l'Art Contemporain 2007, S. 41). Allerdings machte sich auch bemerkbar, dass Afrikaner Musikinstrumente nutzten, um Sprache zu imitieren. Dies führte zu formalen Problemen, denn der Gesang kann nicht in der herkömmlichen europäischen Notation, die auch in den Vereinigten Staaten genutzt wurde, einwandfrei wiedergegeben werden. Die europäische Skala kann als kleinstes Intervall lediglich Halbtöne darstellen, während in der afrikanischen Musik Töne gebeugt (bend) werden, um Stimmungslagen wiederzugeben beziehungsweise zu erzeugen. Diese sogenannten Blue Notes finden sich auch in vielen Rock and Roll-Werken (Chapple 1977, S. 243-244). Nicht zuletzt die auf das Publikum direkte und antreibende Wirkung sind typische Merkmale, die sich auch im Rock and Roll wiederfinden. Während diese und einige andere musikalischen Attribute der nach Amerika verschleppten Afrikaner während der Sklaverei überdauerten, gingen andere verloren oder wurden von deren Besitzern ausgetrieben. Auch einige musikalischen Ursprünge weißer Künstler finden sich in späteren Rock and Roll-Liedern wieder. Dazu zählen zum Beispiel die Strophen eines Liedes, die aus vier oder acht Takten bestanden, der objektive Erzähler, der nicht in das Geschehen involviert ist (Palmer in Fondation Cartier pour l'Art Contemporain 2007, S. 41), wie auch der sich aus der Folk Musik entwickelnde Country, der in seiner instrumentalen Form als Tanzmusik wichtig war (Fifka 2007, S. 27).
Als sich die sechs Strömungen um 1900 herausbildeten, kam es bereits zu ersten Vermischungen der unterschiedlichen musikalischen Traditionen innerhalb der Strömungen (Ennis 1992, S. 35), doch das Nichtvorhandensein nationaler Medien beschränkte die Inspiration und gegenseitige Beeinflussung auf kleine regionale oder gar lokale Gebiete. Dies änderte sich erstmals mit dem Start des kommerziellen Radios 1920 (Hebel 2008, 165-167). Nur zwei Jahre später konnten Künstler die Werke anderer Musiker auf beinahe 600 Radiosendern verfolgen (Ennis 1992, S. 57-59), ab 1928 förderte das im ganzen Land ausgestrahlte Programm der NBC erstmals den nationalen Austausch musikalischer Ideen (Covach 2009, S. 19). Neben dem Radio diente die Verbreitung von Musikaufnahmen (records, im Folgenden Platten) in den 30er Jahren hauptsächlich als Inspiration vieler Musiker. So experimentierten Western Swing Bands mit Instrumenten afrikanischen Ur-
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