Eidesstattliche Erklärung
Hiermit erkläre ich an Eides Statt, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig und ohne unerlaubte fremde Hilfe angefertigt, andere als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel nicht benutzt und die den benutzten Quellen wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht habe.
Berlin, 20. September 2003
I
Danksagung
Die Fertigstellung der vorliegenden Diplomarbeit bildet gleichzeitig den Abschluss meines Studiums an der Technischen Universität Berlin. Aus diesem Grunde möc hte ich mich an dieser Stelle bei allen Personen bedanken, die während des gesamten Studienverlaufs und insbesondere bei der Erstellung dieser Arbeit eine herausragende Rolle für mich gespielt haben.
Beim Fachgebiet Qualitätswissenschaft der Technischen Universität Berlin bedanke ich mich ausdrücklich für die Ermöglichung der Anfertigung dieser Diplomarbeit. Besonderer Dank gilt dabei Prof. Hermann, der für die Arbeit wertvolle Informationen bereitstellte und mir durch seine Anregungen zum Thema brillante Ideen verschaffte. Zu Dank verpflichtet bin ich außerdem meinem betreuenden Assistenten André Elster, der in sämtlichen Phasen dieser Arbeit eine exzellente Kooperation ermöglichte.
Meiner Freundin Anna Krone möchte ich besonders danken für ihre Geduld und die Unterstützung während der Erstellung dieser Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
Danksagung. I
Inhaltsverzeichnis................................................................................................. II
Abk ürzungsverzeichnis. V
Abbildungsverzeichnis. X
1 Einleitung. 1
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität. 4
2.1 Der Begriff „Wissenschaft" 4
2.1.1 Definition des Begriffes „Wissen“ 4
2.1.2 Allgemeine Definitionen des Wissenschaftsbegriffes. 6
2.1.3 Klassifizierung von Wissenschaften 8
2.1.4 Paradigma-Theorie von KUHN 9
2.2 Das Phänomen Qualität. 13
2.2.1 Qualität - Ein theoretischer Begriff 13
2.2.2 Qualität - Ein moderner technisch-ökonomischer Begriff. 21
2.2.2.1 Qualität in der Umgangs- und Fachsprache. 21
2.2.2.2 Partialanalytisches Qualitätsverständnis von Garvin 28
2.2.2.3 Subjektive, teleologische und objektive Auffassung von
Qualit ät 31
2.2.3 Historischer Rückblick der Qualitätskonzeptionen 33
2.2.3.1 Qualität von Anfang an. 35
2.2.3.2 Qualität im 20 Jahrhundert 38
Inhaltsverzeichnis III
2.2.4 Résumé. 45
2.3 Rekonstruktion der Qualitätswissenschaft. 46
2.4 Inhalte und Teilgebiete der Qualitätswissenschaft. 53
3 Institutionalisierung des Qualitätsmanagements 54
3.1 Institutionalismus und Resource Mobilization Theory 54
3.2 Social Movement Organizations in der QM- Bewegung 57
3.3 Verankerung der Qualitätsmanagementkonzepte in der Gesellschaft 58
3.4 Résumé. 67
4 Angebotsanalyse der Lehr- und Forschungseinrichtungen der
Qualit ätswissenschaft in Deutschland. 70
4.1 Lehrangebot der deutschen Hochschulen. 70
4.2 Forschungsaktivitäten 81
4.2.1 Forschungsschwerpunkte der deutschen Hochschulen. 82
4.2.2 Forschungsprojekte der FQS (DGQ) 83
4.3 Résumé. 85
5 Die Europäische Kommission 87
5.1 Die Lissabon-Strategie. 87
5.2 Das Grünbuch der EU-Kommission. 88
5.3 Soziale Verantwortung der Unternehmen (CSR) in Deutschland. 92
5.4 Bewertung, Kritik und Vorschläge. 94
5.5 Bedeutung der CSR für die Qualitätswissenschaft 97
Inhaltsverzeichnis IV
6 Abgrenzung der Qualitätswissenschaft. 98
6.1 Erneute Rekonstruktion der Qualitätswissenschaft. 98
6.2 Kernkompetenzen der Qualitätswissenschaft 106
7 Exkurs - Globalisierung und Nachhaltigkeit. 112
8 Zusammenfassung und Ausblick 118
Literaturverzeichnis. 121
Anhang 134
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung
AiF Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen „Otto von Guericke“
AM Allgemeines Management
AQS Ausschuss Qualitätssicherung und angewandte Statistik
ASQ Deutsche Arbeitsgemeinschaft für statistische Qualitätskontrolle
Aufl. Auflage
AWF Ausschuss Wirtschaftliche Fertigung
BDI Bundesverband der Deutschen Industrie
BMBF Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie
BMWA Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit
BRD Bundesrepublik Deutschland
bspw. beispielsweise
bzw. beziehungsweise
ca. circa
CAQ Computer Aided Quality Assurance
CC Corporate Citizenship
CIM Computer Integrated Manufacturing
CSR Corporate Social Responsibility
CWQC Company Wide Quality Control
d. h. das heißt
DAR Deutscher Akkreditierungsrat
Abkürzungsverzeichnis VI
DGQ Deutsche Gesellschaft für Qualität
DIN Deutsches Institut für Normung
DoE Design of Experiments (= Versuchsplanung)
DQS Deutsche Gesellschaft zur Zertifizierung von Managementsystemen mbH
EDV elektronische Datenverarbeitung
EFQM European Foundation for Quality Management
EK Europäische Kommission
engl. englisch
EOQ European Organization for Quality
EOQC European Organization for Quality Control
EQA European Quality Award
et al. et alii ( = und andere)
etc. et cetera
EU Europäische Union
e. V. eingetragener Verein
evtl. eventuell
f. folgende
ff. fortfolgende
FMEA Fehler-Möglichkeits- und Einfluss-Analyse
FQS Forschungsgemeinschaft Qualität
FTA Fault Tree Analysis
ggf. gegebenenfalls
GMS Gesundheitsmanagementsystem
Abkürzungsverzeichnis VII
GQW Gesellschaft für Qualitätswissenschaft
H. Heft
Hrsg. Herausgeber
HoQ House of Quality
i. S. v. im Sinne von
IAO Internationale Arbeitsorganisation
IfM Institut für Mittelstandsforschung
IMS Integrierendes Managementsystem
INQA Initiative Neue Qualität der Arbeit
ISO International Standards Organization
ISO/TC ISO-Technische Komitees
Jg. Jahrgang
Jh. Jahrhundert
KMU kleine und mittelständige Unternehmen
KVP Kontinuierlicher Verbesserungsprozess
M 7 Sieben Managementwerkzeuge
NASA National Aeronautics and Space Administration
o. g. oben genannt
o. V. ohne Verfasser
PDCA Plan-Do-Check-Act
Q 7 Sieben Qualitätstechniken
QFD Quality Function Deployment
QM Qualitätsmanagement
Abkürzungsverzeichnis VIII
QMS Qualitätsmanagementsystem
QRK Qualitätsregelkarten
QS Qualitätssicherung
QS 9000 Darlegungsnorm der US-amerikanischen Automobilindustrie
QTK Qualität-Termin-Kosten
QW Qualitätswissenschaft
QZ Qualität und Zuverlässigkeit
S. Seite
SMS Sicherheitsmanagementsystem
sog. so genannte
SPC Statistic Process Control
SVU Soziale Verantwortung der Unternehmen
TGA Trägerschaft für Akkreditierung
TPM Total Productive Maintenance
TPS Toyota Production System
TQM Total Quality Management
u. a. unter anderem
UMS Umweltmanagementsystem
usw. und so weiter
v. a. vor allem
v. Chr. vor Christus
VAT Statistics of Value Added Tax
VDA Verband der Automobilindustrie
Abkürzungsverzeichnis IX
vgl. Vergleiche
WB Walgenbach und Beck
WTO World Trade Organization
z. B. zum Beispiel
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1.1: Zielsetzung und Aufbau der Arbeit
Abbildung 2.1 Wissenspyramide
Abbildung 2.2: Die vier Komponenten des Paradigmabegriffs
Abbildung 2.3: Kriterien einer Wissenschaft.
Abbildung 2.4: Qualität als Güte oder Beschaffenheit einer Einheit
Abbildung 2.5: GEIGERs Waage zur Veranschaulichung des Qualitätsbegriffs
Abbildung 2.6: Qualität: ein relationaler Begriff
Abbildung 2.7: Vergleich der beiden Qualitätsbegriffe der ISO 8402 und 9000
Abbildung 2.8: Operabler Qualitätsbegriff
Abbildung 2.9: Entwicklung der Qualitätskonzeptionen
Abbildung 2.10: Qualitätswissenschaft als Querschnittsdisziplin.
Abbildung 2.11: Entwicklungsetappen des Qualitätsmanagements als
"präparadigmatische" Vorstufe der sich entwickelnden Qualitätswissenschaft
Abbildung 3.1: Entwicklung des Inhalts der QZ-Artikel
Abbildung 3.2: Entwicklung der Berufsstruktur der QZ-Autoren
Abbildung 3.3: Entwicklung der beruflichen Tätigkeit der QZ-Autoren
Abbildung 3.4: Entwicklung des Bildungsniveaus der QZ-Autoren.
Abbildung 4.1: Prozentualer Anteil der Rückmeldungen an den
ingenieurwissenschaftlichen Institutionen, die sich schwerpunktmäßig mit QM
besch äftigen
Abbildungsverzeichnis XI
Abbildung 4.2: Prozentualer Anteil der Rückmeldungen in den Natur-, Geistes- und Biowissenschaften, die sich schwerpunktmäßig mit QM beschäftigen............. 73
Abbildung 4.3: EOQ Harmonized Scheme................................................................ 74
Abbildung 4.4: Anteil der einzelnen Themenbereiche an der QM-Lehrveranstaltung
der Ingenieurwissenschaft ................................................................................. 76
Abbildung 4.5: Anteil der einzelnen Themenbereiche an der QM-Lehrveranstaltung in der Betriebswirtschaftswissenschaft.............................................................. 77
Abbildung 4.6: Anteil der einzelnen Themenbereiche an der QM-Lehrveranstaltung in den Natur-, Geistes- und Biowissenschaften ................................................ 78
Abbildung 4.7: Summe der Anteile der einzelnen Themenbereiche an der QM-
Lehrveranstaltung in allen Wissenschaften....................................................... 79
Abbildung 5.1: Triple-bottom-Ansatz ......................................................................... 89
Abbildung 6.1: Beschreibungsmerkmale der QW ................................................... 101
Abbildung 6.2: Nicht Qualitätswissenschaft, sondern Qualitätswissenschaften..... 103
Abbildung 6.3: Kernkompetenzen der QW .............................................................. 107
Abbildung 6.4: Integrative Managementsysteme mit Einsparungspotenzialen ...... 111
Fehler! Es konnten keine Einträge für ein Abbildungsverzeichnis gefunden werden.
1 Einleitung
Gesellschaft, Technik und Wirtschaft unterliegen einem ständigen Wandlungsprozess. Innovation und wissenschaftliche Forschung bewirken, dass nur der Wandel beständig ist. Es sind nicht nur Märkte, die sich wandeln, sondern auch Technologien, gesetzliche Rahmenbedingung und v. a. Wertvorstellungen, die zu einem anderen, oft kritischen Bewusstsein führen. Damit wird die Bewältigung der Komplexität des Wandels selbst zur Aufgabe. In dieser Situation, welche durch eine einer Vielzahl dynamischer Entwicklungen geprägt ist, hat die Qualitätswissenschaft als Handlungsziele u. a. das Ideal der Fehlerfreiheit, die ständige Verbesserung und die Berücksichtigung der menschlichen und gesellschaftlichen Interessen eingebracht. 1
Standardisierung und Normung werden durch die Komplexität und Dynamik des Wandels in Frage gestellt. Wissenschaftliche Klärungsprozesse, die von der praxisbezogenen Betrachtung der Zusammenhänge und Abhängigkeiten zur überblickenden und abstrahierenden Systematik führen, können oft nur schrittweise erfolgen und bedürfen der Diskussion. 2 So ist auch der Status der Qualitätswissenschaft als eigenständige Disziplin wenig klar. Schon die Betrachtung der mit Qualitätswissenschaft assoziierten Fachbegriffe zeigt, dass unscharfe Abgrenzungen und subjektive Bewertungen nicht ausgeschlossen werden können.
Kann überhaupt von einer Wissenschaft gesprochen werden, die sich mit Qualität beschäftigt? Wird im Grunde mit Qualitätswissenschaft das Qualitätsmanagement assoziiert oder verhält es sich umgekehrt? Ist Qualitätssicherung oder Total Quality Management (TQM) eine Teilmenge der Qualitätswissenschaft oder des Qualitätsmanagements?
Sowohl in der Literatur als auch in der Praxis wurden nur wenige Versuche unternommen, um den Begriff „Qualitätswissenschaft“ als solchen zu definieren. 3 Häufig, insbesondere in der Praxis, wird „Qualitätswissenschaft“ inhaltlich mit „Qualitätsmanagement“ gleichgesetzt. Eine präzise Abgrenzung zwischen diesen beiden Begriffen ist selbst unter den Experten nicht eindeutig.
1 Vgl. Redeker (2001), S. 5
2 Vgl. ebenda, S. 5
3 Vgl. z. B. Kamiske (2001), S. 1018 f.
1 Einleitung 2
Ein grundsätzliches Ziel dieser Arbeit ist es somit zu analysieren, ob und inwieweit zu Recht von Qualitätswissenschaft gesprochen werden kann.
Zudem besteht die Zielsetzung dieser Arbeit u. a. in der Beantwortung der folgenden Fragestellungen (vgl. auch Abb. 1.1):
• Wie lässt sich „Qualitätswissenschaft“ definieren (Definitionsproblematik)?
• Was sind die Aufgabenfelder der Qualitätswissenschaft heute und in der Zukunft?
• In welche strategische Richtung entwickeln sich die Konzeptionen der Qualitätswissenschaft (strategische Analyse)?
• Was ist die Besonderheit dieser Wissenschaft bzw. was sind ihre Kernkompetenzen?
• Wer bzw. welche Institutionen spielen für die Qualitätswissenschaft eine wichtige Rolle im Hinblick auf eine strategische Analyse (Schlüsselfiguren der QM-Bewegung)?
Der Komplexität des Gegenstandes Qualität entsprechend gibt es nicht nur ein einziges Konzept, sondern eine Vielzahl an Konzeptionen, die im historischen Zeitverlauf immer wieder aus einer anderen Perspektive heraus entwickelt wurden. Nach der Herausstellung des allgemeinen Wissens chaftsbegriff und der Kriterien einer Wissenschaft ( Vgl. 2.1) wird im zweiten Kapitel geklärt, was Qualität eigentlich ist bzw. wie der Qualitätsbegriff als Fachbegriff heute Verwendung findet und welche Aspekte Qualitätsmanagement umfasst - einschließlich der Frage nach seinem Wesen und Wissenschaftscharakter. Dieses Kapitel zeigt ebenfalls den begrifflichen Wandel auf, der v. a. an beispielhaft ausgewählten zentralen philosophischen Traditionen zu erkennen ist. Mit den erlangen Informationen wird die Qualitätswissenschaft rekonstruiert 1 . Im dritten Kapitel wird mit Hilfe der Institutionalistischen Theo-
1 Rekonstruierenbedeutet den ursprünglichen Zustand wiederherstellen oder nachbilden;
den Ablauf eines früheren Vorgangs oder Erlebnisses in Einzelheiten darstellen und zu grö-
ßerem (wirtschaftlichen) Nutzen umgestalten, ausbauen und modernisieren [vgl. Duden, S.
854].
1 Einleitung 3
rie in Verbindung zur „Resource Mobilization Theory“ der Institutionalisierungsprozess des Qualitätsmanagements aufgezeigt, um die Schlüsselfiguren der QM-Bewegung zu identifizieren, die die QM-Konzepte stark geprägt und vorangetrieben haben.
Das vierte Kapitel untersucht den Ist-Zustand bezüglich der Lehrangebote sowie Forschungsschwerpunkte an den deutschen Hochschulen im Bereich des Qualitätsmanagements. Im Rahmen der Lissabon-Strategie werden dann im fünften Kapitel die strategischen Ziele der Europäischen Kommission dargestellt. Dieses Kapitel geht auf das Grünbuch der Europäischen Kommission ein und stellt dabei das CSR-Konzept (CSR= Corporate Social Responsibility) vor. Im sechsten Kapitel wird die Qualitätswissenschaft erneut rekonstruiert. Dabei werden die Kernkompetenzen der Qualitätswissenschaft explizit herausgestellt. In einem Exkurs im siebten Kapitel wird Qualitätswissenschaft frei von jeglichen (insbesondere wissenschaftlichen) Restriktionen neu verstanden. Dabei wird mit Hilfe der Qualitätskonzeptionen versucht, einen möglichen theoretischen Lösungsansatz zum Problem der globalen Nachhaltigkeit zu finden. Das letzte Kapitel fasst schließlich die Arbeit zusammen und leitet Handlungsempfehlungen für die Zukunft ab (vgl. Abb. 1.1).
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der
Qualität
Um den Begriff „Qualitätswissenschaft“ zu definieren, macht es Sinn, im Vorfeld Semantik (Wortbedeutungslehre) anzuwenden. Das Wort wird in seine Bestandteile Qualität und Wissenschaft zerlegt, um sie vorerst unabhängig voneinander zu betrachten, bevor sie miteinander verbunden werden. Daher widmet sich der Autor in diesem Kapitel separat den Begriffen „Wissenschaft“ und „Qualität“.
2.1 Der Begriff „Wissenschaft"
Die Etymologie des Wortes (Etymologie= Geschichte und Grundbedeutung der Wörter) Wis senschaft kommt aus dem griechischen „episteme“ sowie aus dem lateinischen „scientia“ und bedeutet „Wissen“ oder „Erkenntnis“. Zur genauen Einteilung und weiteren Betrachtung von Wissenschaft muss also „Wissen“ zuerst definiert werden. Darauf aufbauend werden die Kriterien, Typen und Arten der Wissenschaft hergeleitet.
2.1.1 Definition des Begriffes „Wissen“
Bestehende Definitionen des Begriffes „Wissen“ sind entsprechend der verschiedenen Blickwinkel ihrer Verfasser u. a. geprägt von philosophischen, pädagogischen, wirtschaftlichen und technischen Einflüssen. PROBST, einer der bekanntesten Vertreter des Wissensmanagements hat Wissen folgendermaßen definiert:
„Wissen bezeichnet die Gesamtheit der Kenntnisse und Fähigkeiten, die Individuen zur Lösung von Problemen einsetzen. Dies umfasst sowohl theoretische Erkenntnisse als auch praktische Alltagsregeln und Handlungsanweisungen. Wissen stützt sich auf Daten und Informationen, ist im Gegensatz zu diesen jedoch immer an Personen gebunden. Es wird von Individuen konstruiert und repräsentiert deren Erwartungen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge.“ 1
1 Probst (1998), S. 44
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 5
Die in Abb. 2.1 dargestellte Wissenspyramide soll die Abhängigkeiten zwischen Zeichen, Daten, Informationen und Wissen aus Sicht der Semiotik 1 sichtbar machen. Dabei sind Syntax, Semantik und Pragmatik die Dimensionen der Semiotik. Aus Zeichen werden Daten (Syntax), aus Daten Informationen (Semantik) und aus I n-formation durch Pragmatik Wissen. 2
Nach STEINMÜLLER entsteht Wissen, wenn Kenntnisse über Zusammenhänge mehrerer Informationen und deren Verwendung im relevanten Umfeld vorhanden sind. Nur dann wird es möglich, die zur Verfügung stehenden Informationen so zu vernetzen, dass ein bestimmter Zweck unter spezifischen Kontextbedingungen effizient verfolgt werden kann. 3
Diese Anwendbarkeit von Informationen wird als Pragmatik bezeichnet. Erst durch Vernetzung, Kontextbezug und Zweckorientierung entsteht aus Information Wissen.
1 Die Semiotik, auch Theorie der Zeichen genannt, wurde u. a. in der Disziplin der künstli-
chen Intelligenz verwendet, um einen Wissensbegriff zu definieren.
2 Vgl. Krallmann (1999), S. 320-321
3 Vgl. Steinmüller (1993), S. 236 4 Aamodt/Nygard (1995), S. 195
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 6
Mit anderen Worten ist also Wissen eine Information, die durch logische Ableitung -Vernetzung, Kontextbezug, Zweckorientierung - oder aufgrund von Erfahrung begründet ist. Diese Begründbarkeit ist der wesentliche Unterschied zwischen Wissen und Glauben. Folglich gibt es zwei Begründungsebenen: Erfahrung und logische Ableitung. Wissenschaft ist dementsprechend eine Verbindung dieser beiden Begründungskomponenten.
2.1.2 Allgemeine Definitionen des Wissenschaftsbegriffes
Definition 1:
„Wissenschaft bedeutet material in subjektivem Sinne das Wissen des Einzelnen, in objektivem den durch Schrift und Lehre überlieferten Schatz des Wissens der Menschheit, formal den nach logischen Regeln geordneten I nbegriff von Lehrsätzen. In material-objektivem und formalem Sinne zugleich ist sie das vollständige Ganze gleichartiger, nach Prinzipien geordneter Erkenntnisse.“ 1
Definition 2:
„Wissenschaft ist jede intersubjektiv überprüfbare Untersuchung von Tatbeständen und die auf ihr beruhende, systematische Beschreibung und - wenn möglich - Erklärung der untersuchten Tatbestände.“ 2
Ausgehend von der zweiten Definition folgt, dass die Wissenschaft aus drei wesentlichen Bestandteilen bestehen muss:
Theorie (Beschreibung, Modelle, Erklärungen),
Empirie (Tatsachen, Beobachtungen) sowie
Kommunikation (intersubjektive Überprüfung).
Die moderne Wissenschaftstheorie nahm ihren Anfang durch die Philosophie des Königsberger Philosophen IMMANUEL KANT (1724 - 1804). Vor KANT hatten die
1 Kirchner/Michaelis (1998), S. 695
2 Speck (1980), S. 726
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 7
Philosophen einen Streitpunkt: Stammt unser Wissen aus unserem Verstand (Rationalisten), oder stammt dieses Wissen aus der sinnlichen Erfahrung (Empiristen). 1 Die Rationalisten waren z. B. PLATON, RENÉ oder DESCARTES; Empiristen waren z. B. ARISTOTELES, FRANCIS BACON oder DAVID HUME. KANT versuchte, aus diesen unterschiedlichen Perspektiven eine Synthese herzustellen. 2 Er formulierte zur Lösung dieses Problems in einem berühmt gewordenen Zitat: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ 3
Theorien und Beschreibungen, symbolisiert durch Gedanken, sind leer, wenn sie nicht mit empirischem Gehalt gefüllt und nicht mit den Tatsachen und Beobachtungen konfrontiert werden. Andererseits gibt es keine bloßen Tatsachen und Beobachtungen, denn sie brauchen eine gewisse Form und Struktur, einen Rahmen. HILA-RY PUTNAM 4 nennt diese Position „internen Realismus“. Real beobachtbar ist nur das, was zuvor in einem Begriffsschema definiert wurde. 5 Resümierend bedeutet das:
Wissenschaftliche Theorien legen den Rahmen fest, in dem dann empirische Untersuchungen möglich sind. Ohne Empirie bleibt der Rahmen ohne Inhalt; eine Untersuchung ohne Rahmen bleibt aber unverständlich.
Der dritte Punkt, der aus der obigen Definition 2 hervorgeht, ist die intersubjektive Überprüfbarkeit. „Intersubjektiv“ bedeutet: Prinzipiell für alle Menschen beobachtbar, prinzipiell wiederholbar; es heißt aber auch: Schlussfolgerungen müssen für andere nachvollziehbar sein, also gewissen logischen Regeln des Argumentierens gehorchen. Diese Definition bezieht sich auf beide Aspekte. Sowohl die Fakten müssen
1 Empirismus: Philosophische Lehre, die als einzige Erkenntnisquelle die Sinneserfahrung,
die Beobachtung, das Experiment gelten lässt. Dementsprechend ist die Empirie eine Me-thode, die sich auf Erfahrung stützt, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen (Empi-rist= Vertreter der Lehre des Empirismus). Siehe auch Anhang Teil I. Rationalismus: Geisteshaltung, die das rationale Denken als einzige Erkenntnisquelle an-sieht (Rationalist= Vertreter dieser Geisteshaltung). Siehe auch Anhang Teil I.
2 Vgl. Zollondz (2002), S. 12 ff.
3 Kant, S. 75
4 HILARY PUTNAM war eine der wichtigsten Wissenschaftstheoretikerinnen zu Zeiten von
Kant.
5 Vgl. Putnam (1991), S. 22 ff.
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 8
einer intersubjektiven Überprüfung standhalten als auch die Schlussfolgerung im Rahmen einer Theorie.
2.1.3 Klassifizierung von Wissenschaften
Bisher wurde lediglich von einer allgemeinen Definition der Wissenschaft gesprochen. Es gibt aber viele Wissenschaften. 1 Wodurch ist eine besondere Wissenschaft charakterisiert? Was unterscheidet sie von anderen Wissenschaften? Eine Wissenschaft, so das Fazit des vorherigen Abschnitts, ist ein theoretischer Rahmen, der empirisch überprüft wird. Also unterscheiden sich die verschiedenen Wissenschaften durch das, was überprüft wird (ihren Gegenstand) und durch das, worin und womit etwas überprüft wird (die Methode ). Es gibt Gegenstände, die in vielen Wissenschaften vorkommen, dort aber mit ganz verschiedenen Methoden überprüft werden. Die Bibel z. B. ist für den Theologen das Wort Gottes, für einen Kaufmann ein Produkt (Buch), für einen Sprachwissenschaftler ein Text oder für den Soziologen ein soziales Symbol. Andererseits werden z. B. die statistischen Methoden in vielen Wissenschaften angewendet, wie in der Physik, Chemie, Medizin etc. Jede Wissenschaft ist stets darauf bedacht, ihre Methoden zu verfeinern. Aus diesem Grund gib es in fast jeder Disziplin eine Methodenlehre.
Nach Definition 1 (siehe Kapitel 2.1.2) werden demnach jene Wissenschaften, die nur Methoden zum Gegenstand haben, formale Wissenschaften genannt. Dazu gehören z. B. die Logik und die Mathematik, die in vielen anderen Wissenschaften wie in der Physik oder Ökonomie ihre Anwendung finden.
Aus diesen und anderen Überlegungen folgernd können Wissenschaften unterschiedlich eingeteilt werden in
Formal-Wissenschaften und
Objektiv -Wissenschaften.
1 ARISTOTELES klassifizierte die Wissenschaft in drei Kategorien: 1) die „theoretische“ Wis-
senschaft (Mathematik, Theologie), 2) die „praktische“ Wissenschaft (Physik, Chemie, Sozi-
alwissenschaften) und 3) die „poetische“ Wissenschaft (Kunst) - Heute jedoch wird in der
Regel „praktisch“ durch „empirisch“ ersetzt.
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 9
Objektiv-Wissenschaften können auch Geistes- und Naturwissenschaften genannt werden.
Eine weitere Einteilungsmöglichkeit der Wissenschaften, die vor allem in den Wirtschaftswissenschaften sehr wichtig geworden ist, ist jene in deskriptive und normative Wissenschaften. Dabei bedeutet „deskriptiv“ beschreibend. Von einer deskriptiven Aussage wird gesprochen, wenn eine Aussage sich auf etwas bezieht, das prinzipiell intersubjektiv beobachtbar ist. Die Naturwissenschaften sind in aller Regel in diesem Sinne deskriptiv. Dagegen sind die Geisteswissenschaften nicht intersubjektiv überprüfbar. In der Ästhetik taucht z. B. das Wort „schön“ sehr häufig auf, Schönheit aber ist kein intersubjektiver Begriff. Es fließt immer eine subjektive Bewertung mit ein, die zwar immer begründet werden muss - sonst wäre es keine Wissenschaft -, letztlich aber lässt sich keine Einigkeit über „schön“ oder „hässlich“ erzielen. Z. B. beruhen die Empfehlungen eines Wirtschaftswissenschaftlers immer auf Wertungen. Wertungen bleiben aber subjektiv begründet. Wer auf der Grundlage einer Wertung eine Empfehlung gibt, schreibt er etwas vor, er argumentiert somit normativ (Norm = Gesetz, Vorschrift).
2.1.4 Paradigma-Theorie von KUHN
Seitdem es KUHN (1922-1996) in der Literatur gibt, gibt es auch das Stichwort „His-torisierung der Wissenschaftstheorie“. THOMAS KUHN definiert Paradigmata als Modelle, aus denen bestimmte festgefügte Traditionen wissenschaftlicher Forschung erwachsen. 1
Nach KUHNs Theorie entwickeln sich wissenschaftliche Disziplinen in einer A bwechselung von zwei Phasen. Diese bezeichnet er als die normalwissenschaftliche und die revolutionäre Phase. In der ersten normalwissenschaftlichen Phase arbeiten die Wissenschaftler einer bestimmten Forschungs- oder Fachrichtung auf der Grundlage eines allseits akzeptierten unhinterfragten Paradigmas. Solch ein Paradigma enthält nicht nur die Kernaussagen der jeweils vertretenen Theorien, sondern auch methodologische Normen und Werteinstellungen. Es bestimmt sogar die Beobachtungsdaten. Nur die gemeinsame Akzeptanz eines Paradigmas ermöglicht in der normalwissenschaftlichen Phase kontinuierlichen Wissensfortschritt. Falls es im Laufe der Zeit gewisse Daten oder Beobachtungen auftreten, die dem
1 Vgl. Kuhn (1967), S. 149 f.
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 10
Paradigma widersprechen (so genannte Anomalien), werden solche Konflikte durch eine mehr oder minder ad hoc vorgenommene Modifikation des Paradigmas bereinigt. Häufen sich jedoch solche Anomalien, so wird nach einem neuen Paradigma gesucht. Is t dieses durch jüngere Gelehrte gefunden, tritt die Wissenschaftsentwicklung für eine gewisse Zeit in eine revolutionäre Phase ein, in der zwei Paradigmen um die Vorherrschaft kämpfen. Mit einem Wechsel des Paradigmas sind jedoch alle gemeinsamen Rationalitätsstandards weggefallen, alle bisherigen Erfahrungsdaten werden neu interpretiert. Die beiden Paradigmen sind gemäß KUHNs bekannter Inkommensurabilitätsthese rational unvergleichbar, also inkommensurabel. Typische Beispiele als Beleg für diese Theorie sind etwa der Übergang von der Ptolemäischen zur K opernikanischen Astronomie oder von der Newtonschen zur Einsteinschen Physik. 1
Die Abbildungen 2.2 und 2.3 fassen die bisherige Diskussion um den Wissenschaftsbegriff in dieser Arbeit zusammen. Während die Abbildung 2.2 die vier Komponenten des Paradigmenbegriffs zeigt, wie sie sich in der Post-Kuhnschen Diskussion herausgebildet haben, stellt die Abbildung 2.3 die allgemeinen Kriterien einer Wissenschaft resümiert dar, auf deren Basis die Rekonstruktion der Qualitätswissenschaft in Kapitel 2.3 vollzogen wird.
1 Vgl. Kuhn (1967), S. 149f., Vgl. auch Schurz (1998), S. 2 ff.
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 11
1 Zollondz (2001), S. 672; Vgl. auch Schurz (1998), S. 10 f.
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität
2.2 Das Phänomen Qualität
Es hat sich in der Literatur und vor allem in der Diskussion zum Qualitätsmanagement bislang kein einheitlicher und allgemein anerkannter Qualitätsbegriff herausgebildet. „The Search for a universal definition of quality has yielded inconsistent results.“ 1 Es liegt eine Vielzahl unterschiedlicher Begriffsauffassungen vor, die aus einer jeweils anderen Sichtweise des Konstruktes „Qualität“ und vor allem aus einer Betonung von jeweils anderen Teilaspekten des Qualitätsbegriffs resultieren. 2
2.2.1 Qualität - Ein theoretischer Begriff
Um ein Verständnis davon zu erlangen, was der Begriff Qualität 3 aussagt, haben sich die Menschen schon immer bemüht. Schon seit Jahrtausenden ist er im Sprachgebrauch eines jeden, und doch gibt es bis heute noch kein einheitliches Verständnis dafür. „Qualität“ ist ein Begriff, der in vielen Wissenschaften Einzug gefunden hat. Aus der Praxis kam das Verlangen, ihn zu normen, was sogar international gelang (z. B. DIN ISO 9000er Reihe). In diesem Abschnitt wird der begriffliche Wandel aufgezeigt.
Bereits bei der Betrachtung der Wortherkunft von Qualität zeigt sich die Ambivalenz des Begriffs: Im Lateinischen bedeutet „Qualis“ Beschaffenheit, während „Qualitas“ das Verhältnis zu Dingen ausdrückt. Das Wortstamm Qualis fragt nach der Art und Weise der Beschaffenheit, Qualitas bezieht sich sowohl auf die Eigenschaftlichkeit als auch auf ein Verhältnis zu Dingen oder Prozessen. Demzufolge trägt Qualität eine substantielle und prozessuale Dimension in sich. 4
Eine historische Rekonstruktion soll den Wandel des Qualitätsbegriffs deutlich machen und die verschiedenen Perspektiven, d. h. was im Laufe der Zeit unter Qualität verstanden wurde, aufzeigen. Dabei gilt es im Bewusstsein zu halten, dass die his-torischen Episteme 5 jeweils kulturspezifische Bedingungen definieren, unter denen das jeweilige Wissen von Qualität möglich war. Episteme der untersuchten Epochen
1 Reeves / Bednar (1994), S. 419
2 Vgl. z. B. Geiger (1994), S. 43-45 sowie Reinhart/Lindemann & Heinzl (1996), S. 5-7
3 latein: qualitas, englisch: quality, französisch: qualité, spanisch: calidad, italienisch: qualitá,
deutsch: Qualität
4 Vgl. Küpers (2001A), S. 843
5 Wissen, Erkenntnis (vgl. auch Abschnitt 2.1)
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 14
sind die im alltäglichen Wissen von Qualität zugrundeliegenden, kognitiven, diskontinuierlichen Ordnungsstrukturen. 1
Aufschlussreich für ein Verständnis von Qualität ist die vorsokratische Bestheit (Arete 2 ). Die Vorsokratiker vollzogen ein anderes Fragen und eine andere Denkrichtung in Bezug auf das Phänomen des Qualitativen als SOKRATES, PLATON und ARIS-TOTELES und deren okzidentalen Schulen. Für das vorsokratische Verständnis waren die seienden Dinge (onto 3 ) im Sinne ihrer realen Vorhandenheit ein Ereignis. Die Leitfrage war nach dem Ursprung und Endzweck (Telos 4 ) der umgebenden Seinsnatur. „Die Wesenheit der Bestheit (Arete) fanden sie in der bewahrenden Substanz, der gelingenden Funktion und dem erlebbaren Schönen.“ 5 Im vorsokratischen Verstehen der Arete als höchste Form eines Selbstseins liegt eine tiefe Wesenserfassung. Das Selbstsein zeigt sich als Selbsterfüllung in der Bestheit, die konkrete Höchstform des Seienden. Es war dem vorsokratischen Denkabenteuer zu eigen, dieses „Es-Selbst“ der Dinge und Prozesse zu denken, unbekümmert ob es einen Zweck hat oder definierbar ist. Es ging um zweckfreie Ereignisse im Zusammenhang mit der Aufgabe eines guten Lebens. Diese nicht von Zwecken bedingte Schau findet sich nachweisbar in den Fragmenten des HERAKLIT (544-483 v. Chr.). In Fragment 429 heißt es: „Die Menschen haben ihre Lust mehr an den Qualitäten als an der Substanz, das ist eine Grundtatsache unseres Lebens.“ 6
Die Arete (Bestheit) wurde im Laufe der Zeit mit der Gerechtigkeit in Verbindung gebracht und entwickelte sich mehr und mehr zu einer Tugendmoral. Mit SOKRA-TES und PLATON erhob sich die Frage nach der Lehrbarkeit der Bestheit. Die Bestheit beruht bei SOKRATES darauf, dass der Mensch seine Kräfte tugendhaft in sich verwirklicht. Dam it wird Qualität zur Aufgabe eines guten Lebens. Und mit PLATON wird die Bestheit in die moralische Ideenlehre aufgenommen. Sie wird in
1 Vgl. Küpers (2001A), S. 843
2 Tugend, Tüchtigkeit, hier: Bestheit; Arete im lebensweltlichen Zusammenhang bezeichnet
die höchste Qualität von etwas als die jeweilige Bestheit.
3 Onto ist das seiende Ding, unabhängig vom Bewusstsein existierend verstanden. Ontolo-
gie ist die philosophische Lehre vom Sein, von den Ordnungs-, Begriffs- und Wesensbe-
stimmungen des Seienden.
4 Telos= das Ziel, der [End]zweck
5 Vgl. Küpers (2001A), S. 844
6 Vgl. Zollondz (2002), S. 9
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 15
einer Dichotomie 1 (Zweiteilung) von Idee und Erscheinung in eine dialektische Wahrheitsbestimmung eingebunden. Das Qualitative wird kategorial aus den Ideen abgeleitet, es entsteht nicht aus der Verbindung zwischen Subjekt und Objekt. „Qualität ereignet sich nicht mehr, sondern wird ereignet.“ 2 Die undefinierbare Qualität wird in dieser Epoche begrifflich und moralisch zu fassen gesucht. 3
In der Antike wurden die Vorstellungen von Qualität durch ARISTOTELES (384-322 v. Chr.) bestimmt. Unter den zehn Kategorien des ARISTOTELES 4 , die Aussageklassen darstellen, die weder aufeinander noch auf höhere Klassen zurückführbar sind, wurde auch die Qualität kategorisiert. Innerhalb dieser Kategorien unterscheidet Aristoteles weiter in „Prädikabilien“. Qualität weist er vier Prädikabilien zu:
„I. Die Weisen des Verhaltens: die Anlagen des Geistes oder des Körpers, die durch wiederholte Akte angeeignet werden wie die Wissenschaft, die Tugenden, die Laster; die Geschicklichkeit zum Malen, zum Schreiben, zum Tanzen.
II. Die natürlichen Vermögen, welche die Fakultäten der Seele oder des Körpers sind: der Verstand, der Wille, das Gedächtnis, die fünf Sinne, die Fähigkeit zu gehen.
III. Die sinnlichen Qualitäten wie die Härte, die Weichheit, die Schwere, das Kalte, das Warme, die Farben, die Töne, die Gerüche, die verschiedenen Geschmacksrichtungen.
IV. Die Form und Gestalt, die die äußere Bestimmtheit der Quantität ist; wie rund, viereckig, kugelförmig oder kubisch.“ 5
Mit diesen Prädikabilien wird Qualität von ARISTOTELES bestimmt als das, „vermöge dessen man (etwas) so oder so beschaffen heißt“ 1 . D. h. Qualitäten sind das,
1 „zweigeteilt“; Gliederung eines Oberbegriffes in einen darin enthaltenen Begriff und dessen
Gegenteil.
2 Küpers (2001A), S. 847
3 Vgl. ebenda, S. 847
4 zu den Zehn Kategorien des Aristoteles siehe Zollondz (2002), S. 10
5 Zollondz (2002), S. 11
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 16
was den Unterschied des Wesens ausmacht. Unterschieden werden Wesensqualitäten (Qualitäten als Affektionen 2 der bewegten Dinge) und Unterschiede der Bewegung. 3 Qualität ist dasjenige, „bei dessen Veränderung man sagt, dass die Körper anders würden“ 4 (z. B. passive Qualitäten wie Wärme, Kälte, süß und sauer). 5 Qualität ist demzufolge als Teil der Veränderung bzw. Bewegung zu verstehen. Mit dieser platonischen Deutung wird das Verständnis von Arete weitergehend verändert. Die Arete erhält neben der Bedeutung von Vortrefflichkeit auch eine moralische Dimension: Arete wird nun zur Tugend bzw. Haltung.
Auch wenn sich in der Nachfolge des ARISTOTELES, ob bei CICERO oder den Scholastikern 6 , durchaus einige interessante Aspekte zum Qualitätsbegriff finden bzw. rekonstruieren ließen, so würden diese Analysen keinen wesentlichen Fortschritt bringen. Es handelt sich doch eher um Fußnoten zu ARISTOTELES. 7 Aus diesem Grund wird das Thema bei GALILEO fortgesetzt.
GALILEO (1564-1642) unterscheidet zwischen objektiven und subjektiven Qualitäten. Objektiv sind für ihn beispielsweise Bewegung, Figur, Größe der Dinge. Subjektiv sind die in Bezug zur Natur der menschlichen Sinnlichkeit stehenden Farben, Töne usw. DESCARTES (1596-1650) und NEWTON (1642-1727) folgen dieser Unterscheidung in objektive und subjektive Qualitäten. Ihr Denken war mit Materie-Geist-Dualismus geprägt. „DESCARTES bestimmte Qualität mit im Raum ausgedehnter Materie (res extensa) und der selbstgewissen Bestimmung des Geistes (res cogitans), über die wir nichts sicher wissen.“ 8 DESCARTES und NEWTONS Auffassungen leiten den Rationalismus (vgl. Kapitel 2.1.2 und Anhang Teil I) ein und stehen somit am Anfang der entstehenden Naturwissenschaft. LOCKE (1632-1704), der Qualität als die Fähigkeit eines Dinges, eine Empfindung im Bewusstsein zu
1 Aristoteles (1991)
2 Wohlwollen, Neigung
3 Vgl. Aristoteles (1991), 14, 1020b, 15
4 ebenda, 14, 1020b, 10
5 Vgl. Zollondz (2002), S. 11
6 Scholastik: die auf die antike Philosophie gestützte, christliche Dogmen verarbeitende Phi-
losophie und Theologie des Mittelalters (etwa 9.-14. Jh.).
7 Vgl. Gründer/Ritter/Gabriel (1989)
8 Vgl. Zollondz (2002), S. 13
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 17
erzeugen, definiert, werden die objektiven zu den primären und die subjektiven zu den sekundären Qualitäten der Sinne zugewiesen. HUME (1711-1776) und BER-KELEY (1685-1753), die als Empiristen bzw. Sensualisten (vgl. Kapitel 2.1.2 und Anhang Teil I) gelten, reduzieren die Denkvollzüge bezüglich ihrer Herkunft und Begründung auf psychische Gesetze und Funktionen des Vorstellens. Qualitäten sind wie Quantitäten stets nur als bestimmte Größen vorstellbar. HUME bindet die primären und sekundären Qualitäten konsequent an die Sinne. Für ihn können die Qualitäten nicht in den Dingen selbst existieren, sondern sind Vorstellungen der Seele ohne äußeres Urbild oder Muster, das sie darstellen. 1 Die in der philosophischen Tradition vertretene Meinung, dass Sinnesqualitäten nur Eindrücke des Geistes seien, mit denen sie dann keine Ähnlichkeit hätten, rührt nach HUME vom Faktum her, dass sich Eindrücke unter scheinbarer Beibehaltung der Identität von Gegenständen ändern. Es gilt generell folgendes für den Empirismus: (1) Qualitäten sind quantifizierbare Vorstellungen des Geistes, (2) äußerliche formallogische bzw. quantitativ-empirische Distinktion und (3) Entwicklung der Erfahrung. 2 Die rationalistischen und empiristischen Qualitätsauffassungen resümiert KÜPERS wie folgt: „Wird nur die klare und distinkte Perzeption 3 zum Ausgangspunkt der Weltbetrachtung, so führt dies zu einer entsprechenden zerreißenden Wirklichkeitsauffassung. Das definitorisch-analytische Denken, das zwischen der räumlichen Ausgedehntheit der Materie und der extensiven, selbstgewissen Bestimmung des Geistes unterscheidet, trennt das Denken von der Materie, den Begriff von den Dingen, den Geist vom Leib. Wirklich ist demnach nur, was in rationalen Definitionen festlegbar erscheint. Da nur Zwecke streng definierbar, fixierbar und berechenbar sind, werden die qualitativen Phänomene des Wesens, des Sinnes und des Wertes auf diese reduziert. Werte sind der Dimension des definierbar Faktischen und Präsenten enthoben. Nur das wird als wirklich gelten gelassen, was systematisierend festlegbar und in rationale Form gebracht werden kann. Unbezweifelbarkeit wird zum Kriterium des Mentalen.“ 4
1 Vgl. Küpers (2001A), S. 849
2 Vgl. Zollondz (2002), S. 13
3 Wahrnehmung
4 Vgl. Küpers (2001A), S. 848-849
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 18
In der Transzendentalphilosophie 1 versuchte G. W. LEIBNIZ (1646-1716) die Bindung der Qualität an die räumliche Grenze des Dinges aufzuheben. Er verstand die Materie nicht primär als das Ausgedehnte, sondern als wirkende Kraft. Für ihn war das Qualitätsproblem in einer kriteriumsorientierten Weise zu sehen, indem er den Grad der Deutlichkeit von Eigenschaften als Definitionsmerkmal der primären und sekundären Qualitäten heranzog. Demnach definiert LEIBNIZ Qualität als diejenige Beschaffenheit der Dinge, die sich auch in einer isolierten Gegebenheit erkennen lässt, während die Quantität auf eine unmittelbare Beziehung zu anderen Gegenständen angewiesen ist. Während dieselbe Quantität die Gleichheit von Gegenständen aussagt, bezeugt dieselbe Qualität Ähnlichkeit. 2 „Dabei geht LEIBNIZ von einer bloß graduellen Verschiedenheit von Sinnlichkeit und Verstand aus. Die Anschauung ist für LEIBNIZ ein unvollkommenes Denken, dem es an Deutlichkeit fehlt.“ 3
Im Anschluss an LEIBNIZ folgt die Grenzbetrachtung von KANT (1724-1804). Er sah LOCKEs objektive Qualitäten als apriorisch 4 an, die subjektiven als aposteriorisch (real). Im Rahmen seiner transzendentalen Vernunftkritik hatte KANT die Positionen des Empirismus und des Rationalismus widerlegt. Er wies nach, dass es reine Vernunftideen gibt, die als regulative Prinzipien im Dienst der Erfahrungsgewinnung stehen. Damit aus unstrukturierten Qualitätsempfindungen wie optische, akustische und weitere Sinneseindrücke, die in Raum und Zeit ausgebreitet sind, eine objektive Wirklichkeit wird, bedarf es eines formalen Regelzusammenhangs, welcher für alle nachvollziehbar und kommunizierbar ist. Dies ist für KANT der Begriff, nach dem die qualitative Empfindung zur Einheit als eine bestimmte Form und Struktur gebracht wird. KANT unterscheidet die Realität, die Negation und die Limitation als Kategorien der Qualität. Kategorien sind reine Begriffe, sie kommen nicht den Dingen selbst zu, sondern sind nach Kant a priori gegebene Schemata unseres Verstandes mit deren Funktionsweise wir Ordnung in unsere qualitativen Erfahrun-
1 transzendent:die Grenzen der Erfahrung und der sinnlich erkennbaren Welt überschrei-
tend; übersinnlich
2 Vgl. Küpers (2001A), S. 850 f.
3 ebenda, S. 851
4 apriorisch kommt aus dem lateinischen a priori und bedeutet vom früher her. Apriorisch
wird eine Einsicht genannt, deren Richtigkeit durch die Erfahrung weder bewiesen noch wi-derlegt werden kann. Kant kennzeichnet damit Begriffe allein dem Verstande, der Vernunft
entstammen, allerdings erst dann in Erscheinung bzw. Tätigkeit treten, wenn ihrer Hilfe
Wahrnehmung zu Begriffen geformt werden. Gegenteil: aposteriorisch
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 19
gen bringen. 1 „Nach KANT ist demnach die Kategorie der Qualität ohne eine objektive Erkenntnis nicht möglich. Die als reine Vernunftsidee aufgefasste Kategorie des Qualitativen steht somit als regulatives Prinzip im Dienst der Erkenntnis der Erfahrung von Qualität. Die Realität des Qualitativen ist für KANT nicht objektiv gegeben, sondern das Setzen einer Bestimmtheit des Wesens durch den Verstand. Nicht mehr die qualitätsvermittelnden Sinne selbst, sondern, über die reinen Anschau-ungsformen vermittelt, sind es die reinen Verstandesbegriffe (Kategorien) und die Urteilskraft der Vernunft als transzendentale Schemata, welche die Erkenntnis auch von Qualität bestimmen. Diese Kategorien und Schemata treten mit hoher logischer Autorität dem Sinnlich-Qualitativem unvermittelt gegenüber.“ resümiert KÜPERS. 2
Der philosophische Qualitätsbegriff hat in der Moderne, von NIETZSCHE (1844-1900) eingeleitet bis BERGSON (1859-1941), HUSSERL (1859-1938), und MER-LEA-PONTY (1908-1961) eine phänomenologische Wende erfahren. Erste Analysen finden sich in den Arbeiten von KÜPERS, der Qualität als phänomenales Ereignis begreift. Demnach fragt das phänomenologische Verständnis des Qualitätsereignisses nicht nur danach, was Qualität ist, sondern vielmehr wie sie lebensweltlich in Erscheinung tritt. Dieser Ansatz berücksichtigt dabei systematisch die Bedeutung des Leiblichen, Emotionalen und Atmosphärischen, aber auch die sprachlichnarrativen bzw. dramaturgisch-symbolischen Dimensionen des Qualitätsereignisses. Hinsichtlich dieser phänomenologisch untersuchbaren Zusammenhänge der leiblichen Wahrnehmung und expressiven Sprachpraxis kann das Qualitätsereignis als intentionaler Differenzprozess verstanden werden. Aus dieser intentionalen Differenzdynamik des Qualitätsereignisses entsteht ein relationaler und kontextabhängiger Mehrwert. 3 „Zusammenfassend kann Qualität phänomenologisch als ein interrelationaler und responsiv-intentionaler Differenzprozess verstanden werden, der sich als ein mehrwerthervorbringendes, offenes Ereignisgeschehen, je als besonders konstelliert.“ 4
Aus der Systemtheorie ist noch kein ausgearbeiteter Qualitätsbegriff bekannt, aber es gibt eine Reihe von erkenntnistheoretischen Überlegungen, die sich für die Aus-
1 Vgl.Küpers (2001A), S. 850-852
2 ebenda, S. 851
3 Vgl. Küpers (2001B), S. 828
4 Küpers (2001B), S. 830
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 20
arbeitung eines Qualitätsbegriffes nutzen lassen. Qualität ist nur dann ein system-theoretischer Begriff, wenn (a) der Beobachter ins Spiel kommt, für den eine Qualität eine Qualität ist, oder (b) ein System-Umweltverhältnis beobachtet wird, in dem ein System die quantitativen Reize der Umwelt in qualitative Informationen übersetzt. 1 Mit dieser Auffassung wird die Annahme abgelehnt, es gäbe so etwas wie objektive oder subjektive Qualität. Stattdessen ist eine Qualität grundsätzlich ein Hinweis auf ein Schema, mit dessen Hilfe sich ein Subjekt oder System (Beobachter) in ein Verhältnis zu seiner Umwelt setzt. Dieses Verhältnis eines Beobachters zu seiner Umwelt ist eine Selbstaussage (Wahrnehmung einer bestimmten Qualität) im Gewande einer Fremdaussage (Wahrnehmung dieser Qualität als Qualität von etwas). Der Qualitätsbegriff enthält daher die Paradoxie, eine Aussage über eine Umwelt zu treffen, die eine Aussage über das System (den Beobachter) ist. Der Qualitätsbegriff entfaltet diese Paradoxie in eine zeitliche Struktur des Verhältnisses von System und Umwelt, die eine Qualität nicht phänomenal, sondern funktional für die Aufrechterhaltung dieses Verhältnisses in Anspruch nimmt. 2 Zusammenfassend „kann man sich Qualität als einen komplexen Rechner vorstellen, der laufend Systemzustände und Umweltwahrnehmungen miteinander vergleicht und die Ergebnisse dieses Vergleichs für das Errechnen weiterer Systemzustände verfügbar macht. Das Kriterium dieses Rechners ist die Aufrechterhaltung einer funktionalen Komplementarität von System und Umwelt. Das Rechenverfahren selbst ist ästhetisch. Denn es kann sich nicht auf Kausalität, sondern nur auf die Differenz von System und Umwelt verlassen.“ 3
Fazit:
Bei der theoretischen Begriffsbestimmung von der vorsokratischen Arete, über antike und mittelalterliche bis hin zu neuzeitlichen Auffassungen vollzieht sich ein aufschlussreicher geistesgeschichtlicher Wandlungsprozess des Verständnisses und der Deutung des Qualitativen. Dieser geschichtliche Entwicklungsprozess zeigt den diskontinuierlichen Entstehungszusammenhang des modernen Qualitätsbegriffs auf. Aus einem solchen historischen Zusammenhang kann dann der moderne ökonomi-
1 Derzweite Fall ist die theoretische Beschreibung des ersten Falls.
2 Vgl. Bäcker (2001), S. 857
3 Bäcker (2001), S. 858-859
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 21
sche Qualitätsbegriff bzw. Fachbegriff des Qualitätsmanagement eingeordnet und relativiert werden.
2.2.2 Qualität - Ein moderner technisch-ökonomischer Begriff
Von der philosophischen über die phänomenologische bis hin zu der systemtheoretischen Herangehens- und Betrachtungsweise, wie nun die Qualität zu definieren sei, hat es in der gesamten Wirkungsgeschichte dieses Begriffes im weltweiten Wirtschaftsgeschehen nicht eine derartige Konjunktur des Qualitätsbegriffes gegeben, wie heute, seit Mitte des 20. Jahrhunderts. In den 70er Jahren wurde in der damaligen BRD im Zusammenhang mit Qualität von Lebensqualität (quality of life) und Humanisierung der Arbeit gesprochen. Lebensqualität meint die gesamten Lebensbedingungen in einer Gesellschaft. Lebensqualität war ein Konzept, das eine umfassende Ausrichtung verfolgte. 1 Das Konzept ist nicht eingelöst worden, der Begriff Qualität wird heute wohl kaum mit Leben, also Lebensqualität in Verbindung gebracht. Qualität ist ein technisch-ökonomische Begriff par excellence geworden. 2
2.2.2.1 Qualität in der Umgangs- und Fachsprache
In der Umgangssprache wird Qualität als eine Eigenschaft verstanden, die einer Sache oder etwas Immateriellem inhärent ist. Demzufolge lässt sich die Qualitäts-Eigenschaft entweder als Güte oder Beschaffenheit einer Einheit definieren (siehe Abbildung 2.4). 3
1 Vgl. Zocholl-Issmail (2001), S. 64 ff.
2 Vgl. Zollondz (2002), S. 143
3 Vgl. ebenda, S. 143
2 Qualitätswissenschaft - die Wissenschaft von der Qualität 22
Qualität ist Güte, und wenn von der Güte einer definierten Einheit gesprochen wird, wird eine wertende Aussage über diese Einheit formuliert, die sich auf einen zu erfüllenden Zweck bezieht. Diese Zwecksetzung gleicht in gewissermaßen der von JURAN vorgelegten Qualitätsdefinition, die genau genommen eine Zielsetzung zum Ausdruck bringt: „fitness for use“. Es wird aber auch bei der Klassifizierung, wie es bei Anspruchklassen der Fall ist, von der Güte gesprochen. Zum Beispiel handelt es sich bei der Hotelklassifizierung nach sogenannten Sternen um die Festlegung einzelner Anspruchklassen. 2
Anders verhält es sich bei dem Unterbegriff Beschaffenheit. Die Beschaffenheit äußert die Gesamtheit der Merkmale und Merkmalswerte einer betrachteten Einheit. Beispielsweise kann eine Wolldecke dick oder dünn, grob- oder feingewebt, weich oder hart etc. sein. Hierbei kommt keine direkte Wertung zum Ausdruck, sondern es werden nur Qualitätsforderungen aufgestellt. Der Begriff Beschaffenheit, aber auch der Relationsbegriff Anspruchklasse sind Kernbegriffe des modernen Qualitätsmanagements. 3
1 eigene Darstellung in Anlehnung an Zollondz (2002), S. 143
2 Vgl. ebenda, S. 144
3 Vgl. Zollondz (2002), S. 144 f.
Arbeit zitieren:
Alireza Sigaroudi, 2003, Strategische Analyse der Qualitätswissenschaft im Hinblick auf eine Reformulierung ihrer Kernkompetenzen, München, GRIN Verlag GmbH
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