Zu Beginn stellt sich die Frage „Was ist Literatur?“. Diese Frage scheint allgegenwärtig und zeitüberdauernd gestellt zu werden. Der »Mensch von Heute« denkt wahrscheinlich zuerst an die Unterhaltungsliteratur, die Belletristik, und, wenn er eine umfassendere Bildung genoss, an Schriftsteller wie Schiller oder Goethe. Im Allgemeinen scheint es sich so bei Literatur nur um Texte zu handeln, die nicht unter Gebrauchstexte fallen. Fachliteratur, z.B. für Bildungszwecke, fällt nicht in diese Kategorie Literatur. Die Unterhaltungsliteratur setzt keinen Anspruch darauf, wahrheitsgemäß zu berichten oder Tatsachen wissenschaftlich zu erläutern. Dieser Gedanke ist aber relativ junger Natur (vgl. DJAKOVIĆ, A. 2006: 16). Bis ins 18. Jahrhundert wurde nicht zwischen Gebrauchstexten und Literaturtexten unterschieden. Alles was Geschrieben war, galt als Literatur. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts zog sich der Literaturbegriff immer weiter um die Belletristik zusammen (vgl. SEXL, M. 2004: 11).
Literatur scheint somit Etwas zu sein, dass (in gewisser Weise) über das Alltägliche hinausgeht und dem Leser Vergnügen bereiten soll (ebd.: 16). Dieses Vergnügen kann sowohl durch eine besonders schöne Form der künstlerischen Darstellung hervorgerufen werden, als auch durch »simple« interessante Inhalte, die vielleicht den aktuellen Zeitgeist treffen. Dabei ist es gar nicht so wichtig besonders viele und gute Informationen zu vermitteln, womit sich die »Literatur« noch einmal von den Gebrauchstexten abgrenzt. Nehmen wir es einem Sachtext übel, dass jener kompliziert ist, so können wir über solche Nichtigkeiten im Bereich der Unterhaltungsliteratur ruhig hinwegsehen, solange der Aspekt der Unterhaltung gewahrt bleibt (ebd.). So erfreuen sich Leser zum Beispiel an Krimis, die besonders verschachtelt sind, oder Thrillern, die den Leser in eine psychopathische Welt entführen, mit Gedankengängen, die kein Mensch (vielleicht auch nicht der Autor?!) jemals vollkommen verstehen kann. Die Unterhaltung bleibt dabei nicht auf der Strecke, sondern wird sogar weiter gesteigert.
Immer wieder relevant zeigt sich der Begriff der Qualität. Können wir Texte unterscheiden, indem wir sie ihrem Gebrauch zuordnen, so können wir (mehr oder minder) über die Qualität urteilen. Gerade die Literatur der heutigen Zeit ist in den Verruf gekommen qualitätslos zu sein. Von allem, was die Literatur einst ausgemacht hat, ist heute nur noch der Punkt der Unterhaltung geblieben (vgl. SCHÄRF, C. 2001: 12)
Die Mehrheit des Publikums »fordert« heute nur noch kurzweilige Unterhaltungsgeschichten. Dieses Phänomen lässt sich auch statistisch belegen. Betrachten wir die Bestsellerliste des Jahres 2011, so sehen wir auf den vorderen Plätzen Thriller, welche vom Autor im Quartalstakt veröffentlicht werden, Skandalromane, welche auf Pseudo-Sachbücher getrimmt sind und nur mit ihrem brisanten Thema Erfolg zu haben scheinen, Biographien aktuell verstorbener Persönlichkeiten, Vertextungen von erfolgreichen Fernsehserien und Fachbücher, die als Ratgeber daherkommen (Amazon 2012). All diese Werke sind entweder für Unterhaltungszwecke oder treffen mit ihrem Thema den aktuellen Zeitgeist der Leser. Erkenntlich zeigt sich dieser Zeitgeist an aktuellen Ereignissen. Die Fukushima-Katastrophe (11. März 2011) sorgte nicht nur in den Medien für einen erneuten Aufschwung des Themas der Atomenergie, sondern auch im Bereich der Literatur. Allerhand Autoren stürzen sich immer wieder nach solchen Ereignissen auf das neu entfachte Interesse. Die Verkaufszahlen sprechen dabei für sich. Wer entscheidet eigentlich, ob ein literarischer Text das Prädikat »wertvoll« oder »trivial« verdient hat? Als »wertvoll« scheinen zuerst Texte, die einen besonders hohen künstlerischen Gehalt haben (z.B. den Schreibstil), gut erzählt sind oder auf eine andere Art und Weise »wertvoll« erscheinen. Bereits hier zeigt sich, dass eine Gliederung in Gut und Schlecht nicht möglich ist. Seit den 1960er Jahren scheint sich diese (vermeintlich?) klare Einteilung zwischen »wertvollen« und »trivialen« Texten aufzulösen. Außerdem ist klar erkennbar (siehe Bestsellerlisten), dass immer weniger Qualität von Nöten sein muss, um Erfolg zu haben. Wenn bereits 25-jährige Fernsehblondinen ihre »Lebensgeschichten« veröffentlichen, die gefüllt sind von Unsinn, wie der Rest ihres gesamten öffentlichen Lebens, so spricht das eindeutig gegen den Sinn von (traditioneller) literarischer Qualität. Denn diese Literatur basiert auf reinem Unterhaltungsfaktor und nicht etwas auf einem besonders feinen Schreibstil, der einen in die Welt des Geschehens zieht. Vielmehr kann der eifrige Fernsehgucker nun sein Gerät ausschalten und kurzzeitig seinen geliebten Inhalt unterwegs genießen, ohne die Mattscheibe mittragen zu müssen. Der Qualitätsbegriff ist kein festlegbarer Aspekt, um Literatur bewerten zu können. Er hängt vielmehr von kulturellen und sozialen Gegebenheiten und Veränderungen ab. Der Leser entscheidet was für ihn qualitativ wertvoll ist, der Verlag entscheidet darüber was »qualitativ« genug ist, um verkauft zu werden und selbst der
Buchhändler hat einen gewissen Einfluss. Doch auch gerade dieses individuelle Aufnehmen von Literatur macht es schwierig, eine Formung der Literatur einer ganzen Gesellschaft oder einer Zeit zuzuordnen (vgl. DJAKOVIĆ, A. 2006: 17). Wie bereits erwähnt spielt der kommerzielle Teil eine wichtige Rolle. Wo früher Schriftsteller wohlhabende Leute waren oder jene, die es sich leisten konnten Zeit mit der Schreiberei zu verbringen, so gibt es heute ganze Heere von »Berufsschriftstellern«, die dementsprechend auch häufig Bücher publizieren (siehe auch hier die Bestsellerliste und ihre am häufigsten vorkommenden Autoren). Die Literatur reagiert, da sie nun ein wichtiger Teil der Wirtschaft geworden ist, auf den Markt und seine Veränderungen. Dabei ist dieses Phänomen keine wirkliche Neuerung, sondern schon seit Jahrhunderten zu beobachten. Jedoch scheint es immer weiter dazu zukommen, dass der Markt (definiert durch Nachfrage und Angebot) die »wahre Qualität« übersieht und der mutmaßliche »Schrott« weiterhin und immer erfolgreicher Absatz findet. Doch wie kommt es zu dieser Entwicklung? Ein genauer Grund ist auch hier wieder nicht festhaltbar. Viele Theoretiker gehen jedoch davon aus, dass unsere moderne Fernseh- und Computerkultur dazu führt, dass auch die Literatur immer weiter zum »Spaßobjekt« verkommt (vgl. DJAKOVIĆ, A-2006: 60f). Ähnlich dem größten Teil des Nachmittag- und Abendprogramms, welches hauptsächlich aus banalen oder heiterkeitserregenden Themen besteht, verkommt auch die Literatur. Eine Studie der ARD und des ZDF zeigt, dass sich der Durchschnittsbürger knapp 600 Minuten am Tag den neuen Medien, wie z.B. Fernsehen, Radio hören oder dem Internet, zuwendet. Verglichen dazu scheinen die 65 Minuten Lesezeit, die sich aus Zeitungen, Büchern und Zeitschriften zusammensetzen, beinahe erbärmlich (RIDDER, C. M. & ENGEL, B. 2005: 3). Immer mehr Verlage geben offen zu, Literatur zu veröffentlichen, da sich diese gut verkauft und somit erfolgreich auf dem Markt ist. Immer seltener kommt es vor, dass kulturlastige oder gar geistig anspruchsvolle Literatur für den breiten Markt veröffentlicht wird. Während früher diese gehobene Literatur in keinem Katalog eines guten Verlages fehlen durfte, so ist jene heute am Aussterben (vgl. SCHIFFRIN, A. 2000: 12). Somit scheinen sich zusammenfassend zwei große Ansprüche an die heutige Literatur stellen lassen: Zum einen ist dort, wie bereits erwähnt, der Unterhaltungsanspruch und zum anderen die (daraus) erfolgreiche Vermarktung. Ob jedoch ein Vergleich zwischen moderner Medienkultur und Literatur möglich ist, ist
fraglich. Dennoch ist klar erkennbar, dass die moderne Literatur ein Teil der Show um Geld, Macht und Ruhm geworden ist.
Nun stellt sich die Frage, was die Literatur heute noch ausmacht. Was unterscheidet sie vom allgegenwärtigen Mediensumpf, von dem wir umgeben sind? Spielen wirklich nur noch Kommerz und Kurzweil eine entscheidende Rolle im Bereich der Literatur? Klar ist, dass man diese Frage nicht eindeutig beantworten kann, denn so vielfältig wie die Literatur und ihre Leser sind, sind auch die Meinungen über jene. Kritische Äußerungen über den aktuellen Stand der Literatur sind keine Erfindungen der heutigen Kritiker, sondern vielleicht erneut das letzte Aufbäumen in einer Zeit des Umbruchs und Wandels. Wie bereits die junge Generation neuer Literaten im 18. Jahrhundert bewies, dass die gegebene Normkonformität über Bord gekippt werden kann, so können auch die heutigen Veränderungen unserer Zeit, im Bereich der Literatur, der Aufbruch zu Neuem sein und können nicht von vornherein als vollends negativ abgestempelt werden.
Dennoch kann die wichtige Rolle der Literatur in unserer Gesellschaft und in unserem Leben nicht abgestritten werden. Es zeigt sich jedoch, dass die schwinde(l)nde Leserschaft dem explodierenden Büchermarkt und Autorenklonen nicht mehr standhalten kann. Die Studie der »Stiftung Lesen«, welche vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegeben wurde, scheint einen bereits spürbaren Trend statistisch sichtbar zu machen. Dabei wurden 2530 »(Nicht-)Leser« im Alter ab 14 Jahren über ihr Leseverhalten befragt. Dabei kam heraus, dass Lesen zwar immer noch eine wichtige Rolle für die Bürger der BRD spielt, es aber dennoch seltener praktiziert wird. Gerade im jugendlichen Teil der Bevölkerung ist ein klarer Abschwung erkennbar. Haben 1992 noch 83% der Jugendlichen von 14 bis 19 Jahren bis zu einmal pro Woche gelesen, so waren es 2001 nur noch 71%. Bei den jungen Erwachsenen von 20 bis 29 Jahren sank der Wert von 58% auf 44%. Dennoch muss die Literaturindustrie (!) keine Abstriche machen, sondern verkauft weiterhin gut, da zwar die Anzahl der »Wenig-Leser« abgenommen, dafür aber die Zahl der »Viel-Leser« gestiegen ist. Interessant erscheint hier die Tatsache, als Gegendarstellung zu der Behauptung, dass die neuen Medien die Bücher verdrängen würden, dass Computernutzer eher und häufiger ein Buch in die Hand nehmen als die »Nicht-Computernutzer« (vgl.
STIFTUNG LESEN 2001). Dennoch bleibt die Tatsache, dass jeder vierte Deutsche so gut wie nie ein Buch liest (vgl. STIFTUNG LESEN 2008).
Ob die vorranggegangen Studienergebnisse auch Einflüsse auf die Qualität und Art der heutigen Literatur haben, ist nur schwer abzuschätzen. Fest steht jedoch, dass ein Großteil der Leser (und zwar besonders der »Wenig-Leser«) von anspruchsvollen und auch längeren literarischen Werken abgeschreckt wird. Die moderne Popkultur scheint einen Einfluss auf die Art und Weise zu haben, wie Literatur heute entsteht und vor allem, wie sie wahrgenommen wird. Eine abschließende Wertung, ob der Zweig der Literatur bereits verdorrt ist, kann nicht vorgenommen werden. Je nach Ansichtswinkel und persönlicher Meinung, können verschiedene Theorien aufgestellt werden, in welche Richtung sich die Literatur bewegt oder wo sie sich aktuell befindet. Dennoch scheint sich die Literatur eher auf einer Talfahrt zu befindet, aber ganz sicher nicht auf einem Höhenflug ihrer selbst.
Literaturverzeichnis:
AMAZON (2012): Bücher-Bestseller für das Jahr 2011. http://www.amazon.de. 07.01.2012
DJAKOVIĆ, A. (2006): Literatur im 21. Jahrhundert: Zeitgeistphänomene, Medienkonkurrenz, Funktion und ökonomische Aspekte der Ware Buch unter Bezugnahme auf aktuelle Entwicklungen in der Buchbranche. Mainz OSTERHAUS, S. (1998): Manuskript vom 02.11.1998 aus Büchermarkt, DeutschlandRadio. Berlin
RIDDER, C. M. & ENGEL, B. (2005): Massenkommunikation 2005: Images und Funktionen der Massenmedien im Vergleich. o.O. SCHÄRF, C. (2001): Literatur in der Wissensgesellschaft. Göttingen SEXL, M. (Hrsg.) (2004): Einführung in die Literaturtheorie. Wien STIFTUNG LESEN (2001): Leseverhalten in Deutschland im neuen Jahrtausend. http://www.schulbank.de. 07.01.2012
STIFTUNG LESEN (2008): Lesen in Deutschland 2008. http://www.stiftunglesen.de. 07.01.2012
WAGENBACH K. (2000): Nachwort. In: SCHIFFRIN, A.: Verlage ohne Verleger. Über die Zukunft der Bücher. Berlin
Arbeit zitieren:
Alexander Henkes, 2012, Literatur in der Gegenwart - Leser zwischen Kultur und Kurzweil, München, GRIN Verlag GmbH
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