- 1 -
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 2
2. Der Aufbau des Geschehens 3
2.1 Das Erzählmuster 3
2.2 Die Ordnung des Geschehens 6
3. Das Zusammenspiel von Distanz und Dauer der Darstellung des Geschehens 9
4. Die Zersplitterung der Erzählinstanz 12
5. Schluss 16
6. Literaturverzeichnis 18
- 2 - 1.Einleitung
Das Geschehen in „Der Zweikampf“ 1 folgt inhaltlich dem Modell, das auch die Handlung in anderen Werken von Kleist bereits bestimmt hat. Es erzählt „von einem unmissverständlich geäußerten Lebensplan, der hier als ‚letzter Wille‘ des sterbenden Herzogs erscheint, und zugleich von der Absicht, in der Unübersichtlichkeit der Welt Helligkeit und ‚Aufklärung‘ zu schaffen; also das Dunkle und Ungeklärte der irdischen Ereignisse ‚unmittelbar ans
Tageslicht‘ […] zu bringen“ 2 .
Und doch unterscheidet sich „Der Zweikampf“ auf bemerkenswerte Weise von den anderen Erzählungen Kleists. Lange hatte Kleists letzte Erzählung von 1811 den Ruf, aufgrund seiner besonderen Handlungsordnung zu undurchdacht und zu ungeordnet zu sein, da sich das Motiv
des Textes immer wieder verliert. 3 So fällt vor allem die besondere Erzählstruktur ins Auge, mit der auch ein Wechsel der jeweils im Vordergrund stehenden Themen verbunden ist. Es erscheint daher gerade interessant, die Erzählung im Hinblick auf einige markante Punkte der Erzähltheorie zu analysieren.
Die Forschung zog dieser Erzählung eher andere Erzählungen Kleists vor. Eine Analyse zu der Erzählung „Der Zweikampf“ ist meist nur Teil eines größeren Werkes im Hinblick auf einzelne Gesichtspunkte und wird teilweise bei der Untersuchung anderer Erzählungen, denen größere Aufmerksamkeit gewidmet worden ist, nur erwähnt. Ansonsten wird die Erzählung entweder vergleichend neben andere Werke gestellt oder man konzentriert sich beispielsweise auf den Zweikampf, das Duell an sich, seine Folgen und ihre Deutung und die Instanz „Gott“. Eine genauere Untersuchung stellen u.a. auch in Bezug auf die besondere Erzählstruktur Gerhard Neumann und Walter Delabar in ihren Aufsätzen zu „Der Zweikampf“ an. Die Ordnung und die Distanz werden sowohl hier, als auch bei Carmen Pinilla Ballester angesprochen. Mit der Problematik der Erzählinstanz beschäftigen sich Peter Ensberg, Claudia Brors, Gerhard Neumann und ebenso Walter Delabar.
Bei der Analyse der Erzählung in Hinblick auf die Erzähltheorie wird in dieser Arbeit zuerst der Aufbau untersucht. Dabei wird zum einen auf das oben beschriebene besondere Erzählmuster und zum anderen auf die Ordnung von Handlungselementen eingegangen.
1 Kleist, Heinrich von: „Der Zweikampf“. In: Helmut Sembdner (Hg.): Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke
und Briefe. Band 2. München 2001, S.229-261.
Im Folgenden wird dieser Text mit der Abkürzung ZK im Haupttext in Klammern nachgewiesen.
2 Neumann, Gerhard: Der Zweikampf. Kleists „einrückendes“ Erzählen. In: Walter Hinderer (Hg.):
Interpretationen. Kleists Erzählungen. Stuttgart 1998, S.216-246, hier S.218.
3 Vgl. Krüger-Fürhoff, Irmela Marei: Den verwundeten Körper lesen. Zur Hermeneutik physischer und
ästhetischer Grenzverletzungen im Kontext von Kleists ‚Zweikampf‘. In: Kleistjahrbuch (1998) S.21-36, hier S.
21.
- 3 -Danach wird die Verknüpfung von Distanz und Dauer von hervorgehobenen Handlungsabschnitten beschrieben. Im Anschluss daran richtet sich das Augenmerk noch auf die gespaltene Erzählinstanz.
Die angestellten Überlegungen hierzu können für das Anliegen aufschlussreich sein, diesen Text auf einige Punkte der Erzähltheorie hin zu analysieren, was bisher noch nicht bis ins Detail erforscht worden ist.
2. Der Aufbau des Geschehens
2.1 Das Erzählmuster
Kleist setzt im folgenden Geschehen eine besondere Erzählstrategie ein. Gerade hat sich der Leser in der verworrenen Problematik des begonnen Themas zurechtgefunden, da wird die Erzählung von einer Geschichte diversen Inhalts abgelöst. Durch die gesamte Erzählung „Der Zweikampf“ zieht sich dieses Erzählmuster des überraschenden unerwarteten Einrückens von neuen Erzählfeldern. Die Aufklärung eines Mordes an einem Herzog, der soeben in einer Zusammenkunft mit dem Kaiser die Legitimation des mit seiner Gattin vor der Ehe gezeugten einzigen Sohnes erwirkt hat, zieht diverse Komplikationen nach sich.
In der anfänglichen Mordgeschichte stehen die Bemühungen um die Ermittlung des Täters der Witwe des Herzogs von Breysach und ihres Kanzlers Godwin von Herrthal im Vordergrund. Da die Spuren zum Schwager der Regentin, Herzog Rotbart, führen, distanziert diese sich aus Befangenheit von der Angelegenheit und gibt den Mordfall an den Kaiser ab. Vor dem kaiserlichen Gericht gibt der Verdächtige ein Alibi für die Tatzeit an, nämlich eine heimlich verbrachte Nacht mit der bisher unbekannten Witwe Littegarde von Auenstein, welche in der Gesellschaft einen überaus tadellosen Ruf hat.
„Die Ökonomie des Textes erscheint so auf den Prozeß [!] der Aufdeckung eines Verbrechens und der Überführung eines Mörders angelegt. Diese Teleologie des Kriminalschemas aber führt durch den permanenten Einbruch des Zufalls und die Präsens des Rätsels in die Irre: Die Erzählung setzt sich fort in der Überlagerung von Handlungssträngen und verliert
augenscheinlich ihren eigentlichen Gegenstand.“ 4
Hier findet die Detektivproblematik also vorerst ein Ende. Das Rätsel um die Verbindung zwischen Tatwaffe und ihrem Eigentümer Rotbart bleibt ungelöst. Stattdessen dreht sich der
4 Ballester, Carmen Pinilla: Erzählte Hinrichtungen. Zum literarischen Diskurs über Verbrechen und Strafe um
1800. Franfurt am Main. Lang 1992 (= Reihe I Deutsche Sprache und Literatur 1345) S. 102.
- 4 -weitere Verlauf des Geschehens nur um die Frage, ob Rotbart die Tatnacht tatsächlich mit Littegarde verbracht hat, also um Schuld oder Unschuld dieser Dame. Mit den Worten „Nun muß [!] man wissen, daß [!] […]“ (ZK 235) wird eine Liebesgeschichte begonnen, in der Littegarde von Auenstein und ihr Verehrer Herr Friedrich von Trota die Hauptrollen spielen. Die Figur und das Leben der Littegarde werden dabei detailliert beschrieben. Trota ist es auch, der sich bereit erklärt, als Anwalt die Unschuld von Littegarde vor Gericht zu verteidigen und ihre Ehre zu retten, nachdem diese aufgrund des Vorfalls von ihrer Familie verstoßen worden ist: „Und schon […] befand sich Herr Friedrich von Trota, ohne sich über die Art und Weise, wie er seinen Beweis vor Gericht zu führen gedachte, auszulassen, […] auf der Straße nach Basel.“(ZK 241).
An diesem Punkt tritt an die Stelle der Liebesgeschichte die eines Duells. Da vor Gericht Aussage gegen Aussage der jeweiligen Partei steht, werden Rotbart und Trota zu Rivalen. In einem Zweikampf soll durch Gott Recht gesprochen werden. Derjenige, der die Wahrheit sagt, werde den anderen durch Überlegenheit besiegen. Dabei hat das Rätsel um die Wahrheit des angegebenen Alibis, also um die Schuld oder Unschuld Littegardens die Ermittlung des Mörders verdrängt.
„Das Mord-Problem wird also im Verlauf der Erzählung durch das Problem der Liebesnacht ersetzt, und anscheinend wird das zweite Problem als ebenso schwerwiegend angesehen wie das erste, denn die eine Antwort auf beide Fragen zieht für einen der Antagonisten den Tod
nach sich.“ 5
Als durch ein Missgeschick Trota dem Grafen schwer verletzt unterliegen muss, wird der Kampf als entschieden gewertet und Rotbart gilt als Sieger des Zweikampfes. Trota stirbt wider Erwarten jedoch nicht an den Folgen des Kampfes. Der Graf Rotbart, der nur leicht verwundet als Sieger aus dem Zweikampf hervorgegangen ist, wird jedoch von einer wachsenden eitrigen Wunde gequält, für die kein Heilmittel gefunden werden kann. Im Gegensatz dazu erfährt der schwer verletzte Trota eine wundersame rasche Genesung und Erholung.
Ab dieser Stelle stehen in der Erzählung die Deutung des Fragen aufwerfenden Ausgangs des Zweikampfs und damit das Gottesurteil im Vordergrund.
Das schuldig geglaubte Liebespaar soll auf dem Scheiterhaufen hingerichtet werden und dem Freigesprochenen, der einen Schwur darauf ableistet, die Wahrheit gesagt zu haben, ist der unmittelbar drohende Tod durch seine rätselhafte Krankheit sicher. „Aufgrund der angesichts
5 Delabar, Walter: Stellvertretung, Verschiebung und Konkurrenz. Zu einigen strukturalen Aspekten in Kleists
Erzählung „Der Zweikampf“. Oder: Herzog Wilhelm kehrt zurück. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 124
(2005) 4, S. 481-498, hier S.486.
- 5 -des bevorstehenden Todes kaum zweifelhaften eidlichen Wahrheitsbeteuerung des Grafen kommt der Prior zu dem Schluß [!], der für den Detektionsprozeß [!] der Novelle neben den schon eingeführten Argumenten des Alibis, des Corpus delicti (als eines Indizienbeweises) und des Suchmusters ‚cherchez la femme‘[…] nun ein viertes Moment bereitstellt: nämlich
dasjenige der Frage nach dem ‚unbekannten Dritten‘.“ 6
Die Antwort hierauf leitet Kleist wiederum mit den Worten „Man muß [!] nämlich wissen, daß [!] […]“ (ZK 256) ein. Hier erfährt die Erzählung ein weiteres Mal eine Kehre in eine neue Richtung, in eine kriminelle Täuschungsgeschichte der Kammerzofe Littegardens, Rosalie. Der Leser erhält die Erklärung für das Verhalten des Grafen Rotbart in Bezug auf die Angabe seines Alibis. Er war nämlich selbst Opfer einer Täuschung und eines Betrugs durch die eifersüchtige Rosalie geworden, die sich in der Mordnacht als Littegarde ausgegeben hatte. Rosalies Figur und Geschichte werden in diesem Teil der Erzählung vorgestellt. Außerdem werden alle Details zu dem durch Rosalie arrangierten Betrug bekannt. Die aus dieser Liasion entstandene Schwangerschaft und ein ausgetauschter Ring sind hierfür vorgebrachte Beweise.
Nach der Lüftung dieses Geheimnisses wird zurück an den Ort der Hinrichtung geschwenkt, wo Rotbart den Mord am Herzog gesteht und den Folgen seiner Krankheit erliegt. Auch hier wird nachträglich noch eine Information aus der Vergangenheit eingeschoben. Die Herzogin als eine der Hauptfiguren der Mordgeschichte zu Beginn der Erzählung tritt nochmals auf. Sie bezeichnet den Tod des Grafen als „Ahndung“ (ZK 260) des Ermordeten, da gemäß ihrer Aussage ihr Mann mit seinen letzten Worten den Namen des Mörders auf unverständliche Weise genannt habe. Dass die Namen ‚Rotbart‘ und ‚Trota‘ bei undeutlicher Aussprache ähnlich klingen, bietet ein weiteres Moment der Unklarheit zum Ende der Erzählung hin. Damit trägt die Herzogin noch ein fünftes Element detektorischen Erzählens
nach 7 , nämlich die Nachricht, die durch das Opfer selbst mitgeteilt wird. Das „Happy End“ der Erzählung liefert Kleist knapp, wobei er zum Abschluss das Augenmerk nochmals auf die Konsequenzen des uneindeutigen Gottesurteils lenkt. Er lässt den Kaiser „in die Statuten des geheiligten göttlichen Zweikampfs, überall wo vorausgesetzt wird, daß [!] die Schuld dadurch unmittelbar ans Tageslicht komme, die Worte einrücken: ‚wenn es Gottes Wille ist‘“ (ZK 261).
Es fällt auf, dass verschiedene Bausteine aus den einzelnen Erzählungen gerade so lange verwendet werden, wie sie für das weitere Geschehen auch gebraucht werden. Danach werden sie einfach fallen gelassen. Einzelne Figuren erscheinen im jeweiligen Handlungsrahmen nur,
6 Neumann: Der Zweikampf, S.223.
7 Vgl. Neumann: Der Zweikampf, S.225.
Arbeit zitieren:
2009, Zur Erzählstruktur in Heinrich von Kleists "Der Zweikampf", München, GRIN Verlag GmbH
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