1. Einleitung
Die vorliegende Hausarbeit, entstanden im Seminar „Erziehungs- und Bildungsprozesse in Schulen“, beschäftigt sich mit dem Thema Indoktrination in der Erziehung. Dabei soll vor allem das gewählte Fallbeispiel, Erziehung im Nationalsozialismus, helfen, zu einer Definition zu kommen, die mehr sein soll als eine für den allgemeinen Sprachgebrauch. Besonders berücksichtigt werden sollen vor allem die pädagogischen Implikationen des Begriffs. Als grundlegend wird zunächst die Definition von Karl Zenke gelten, die Indoktrination als „gezielte Beeinflussung der Meinungsbildung anderer unter Ausnutzung von Abhängigkeiten, autoritärer Macht und Kontrolle der Informationsmöglichkeiten“ auffasst. 1
Zunächst aber sollen in aller Kürze die wichtigsten Zäsuren herausgearbeitet werden, um den Wandel der Begrifflichkeit der Indoktrination zu unterstreichen. Für das Mittelalter waren Autorität und Unabänderlichkeit von Tradition und der in ihr überlieferten Inhalte charakteristisch. 2 Bildung wurde in diesem Sinne als Einbildung Gottes in die Seele des Menschen verstanden. 3 Bildung und Indoktrination waren in dieser Epoche somit synonym verwendete Begriffe. Der erste große Wandel in der Bedeutung erfolgte im Zuge der Aufklärung. Indoktrination und Bildung wurden nun differenziert betrachtet. In Abgrenzung zur Indoktrination wurde Bildung als Selbstbildung des Subjektes, hin zu einem selbstbestimmten Erziehungs- und Bildungsprozess, begriffen. 4 Auf eine einfache Formel gebracht hieß dies, dass jemand der erzieht, nicht indoktriniert und jemand der indoktriniert, nicht erzieht. Ernst Christian Trapp (1745-1818) formulierte 1787 ferner, dass man „die Vermittlung der Inhalte ändern [muss], sodass mit der Vermittlung auch die Befähigung zur Mit- und Weiterarbeit am Fortschritt selber ermöglicht wird“ 5 . Bei aller Euphorie muss jedoch auch kritisch angemerkt werden, dass diese Beschreibung einer Idealvorstellung entspricht, in der Realität ist vielmehr eine Mischung von aufklärerischen und indoktrinären Tendenzen zu beobachten gewesen. 6 Die Aufklärer gingen in der
1 Zenke (2002), S. 269
2 Cf. Schwenk (1974), S. 11
3 Cf. Stroß (2001), S. 723
4 Cf. ibid.
5 Zitiert nach Schwenk (1974), S. 14
6 Cf. Stroß (2001), S. 723
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Regel nicht davon aus, dass die Selbständigkeit im Denken der Schüler zu Konflikten mit ihren Lehrern führen würde. Die Annahme war vielmehr, dass die Schüler selbständig zu dem gelangten, was die Lehrer meinten.
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Die nächste wichtige Zäsur ist auf die 1930er Jahre zu datieren. Vor allem im angloamerikanischen Sprachraum wurde Indoktrination nun als politisch gefärbter und negativ konnotierter Begriff zur Kennzeichnung politischer Gegner aufgefasst,
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um somit Feindbilder zu erhalten bzw. diese zu errichten.
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Im Sinne dieser Definition fand der Begriff der Indoktrination in den 1960er Jahren auch Eingang in den deutschen Sprachgebrauch. In der Pädagogik war der Begriff jedoch nach wie vor randständig. Bis 1989 blieb das Indoktrinationsverständnis in der Pädagogik pejorativ und war zudem kaum einheitlich definiert.
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Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Kommunismus wurde die Thematik von der Pädagogik neu aufgegriffen, sichtbar z.B. am allgemeinen Indoktrinationsverbot. Indoktrination wurde nun im Sinne einer Kritik an der Erziehung in totalitären Systemen, im Verbund mit einer Betonung der tendenziellen Efffektlosigkeit dieser Maßnahmen, aufgefasst.
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Die wichtigste Frage, die sich aus diesem historischen Überblick ableitet, ist die nach der Unterscheidung von Unterricht bzw. Erziehung und Indoktrination. Stehen sich die beiden Begriffe dichotom gegenüber oder stellt Indoktrination vielmehr ein Extrem von Unterricht bzw. Erziehung dar? Diese Frage soll im weiteren Verlauf dieser Hausarbeit beleuchtet werden. Dazu soll zunächst ein vor allem theoriegestützter Definitionsversuch dienen. Anschließend soll im ersten Hauptteil dieser Arbeit eine Analyse des Erziehungssystems im Nationalsozialismus folgen, um die bisherigen Thesen zu überprüfen bzw. zu ergänzen. Im zweiten Hauptteil sollen dann anhand wichtiger Schlüsselkategorien, die sich zum einen aus dem Fallbeispiel und zum anderen aus den Thesen Olivier Rebouls
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ergeben, die bis dahin erarbeiteten Definitionsversuche erweitert und ggf. revidiert werden. Im abschließenden Schritt soll dann eine einheitliche Definition von Indoktrination vorgestellt werden, die Indoktrination gerade auch als Teil der Pädagogik begreift, um so herauszustellen, dass indoktrinäre Ten-
7 Cf. Schwenk (1974), S. 16
8 Cf. Stroß (2001), S. 722
9 Cf. op. cit., S. 725
10 Cf. Stroß (2007), S. 20
11 Cf. op. cit., S. 25
12 Cf. Reboul (1979)
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denzen auch in modernen demokratischen Systemen virulent sein können. Eine kurze Zusammenfassung rundet schließlich die Ergebnisse dieser Hausarbeit ab.
2. Eine theoriegeleitete Definition von Indoktrination
Zuallererst soll die Wortherkunft des Begriffs Indoktrination geklärt werden. Die Präposition „in“ (lat.) bedeutet dabei soviel wie hinein, „doctrina“ kommt ebenfalls aus dem Lateinischen und steht für Lehre oder Belehrung. Im Folgenden sollen nun drei typische Definitionsversuche aufgezeigt werden. Indoktrination wird zuerst aufgefasst als Erziehung, „die zur Verbreitung einer Doktrin instrumentalisiert [wird], bei gleichzeitiger Unterdrückung von Gegenargumenten, sodass diese Doktrin als einzig wahre erscheinen muss“ 13 . Zweitens auch als „massive psychologische Mittel nutzende Beeinflussung von Einzelnen oder Gruppen zur Durchsetzung einer ideologischen Weltanschauung“ 14 . Und schließlich drittens als „extreme Art der Bewusstseinsvergewaltigung“ 15 . Alle diese Definitionen zeigen zwar, dass der Begriff der Indoktrination einem stetigen Wandel unterlegen ist und jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtetet wurde, führen aber kaum zum gewünschten Ziel, nämlich einem pädagogischen Verständnis von Indoktrination. Es wird daher nun versucht, die wichtigsten Elemente der Indoktrination aufzuschlüsseln, um so das gewünschte Ziel zu erreichen. Reboul nennt dabei folgende wichtigen Bestandteile: 16 Als Grundlage kann man annehmen, dass Indoktrination einen Irrtum und somit eine gewisse Schädlichkeit der jeweiligen Lehre voraussetzt. Deshalb indoktriniert man, wenn man anderen nicht erlaubt, selbständig herauszufinden, was wahr oder falsch ist. Ein wichtiger Bestandteil der Indoktrination ist demzufolge die der Aufklärung widersprechende Unmündigkeit der Klientel. Auf dieser Unmündigkeit aufbauend kann man dann Fakten je nach gewünschtem Ziel im eigenen Sinne auslegen oder deuten. Eine unzulässige Selektion bzw. Gewichtung zur Untermauerung einer Doktrin ist die Folge. Die Doktrin kann dann als wissenschaftlich bzw. objektiv postuliert werden. Das für Reboul wich- 13 Dzierzbicka (2007), S. 50
14 Stroß (2001), S. 723
15 Ibid.
16 Cf. Reboul (1979), S. 19-47
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tigste Kriterium der Indoktrination leitet dieser mit einer Frage ein. Und zwar die Frage danach, ob man indoktriniert ist oder wird. Wenn man nun die Frage positiv beantwortet, ist man aber gerade nicht indoktriniert. Reboul folgert, dass Indoktrination der Tarnung bedarf und somit die jeweilige Doktrin so gelehrt werden muss, als sei sie gar keine. 17 Daraus abgeleitet kann Indoktrination auch als Missbrauch der Unterrichtsmacht zu Gunsten einer bestimmten Sache interpretiert werden.
Die Analyse der einzelnen Bestandteile führt zwar weiter als die teilweise stark abstrahierenden Definitionen, man ist allerdings immer noch kaum in der Lage, Indoktrination als pädagogischen Begriff umfassend zu erfassen. Ein Fallbeispiel, die Erziehung im Nationalsozialismus, soll eben für diesen Punkt den entscheidenden Impuls geben.
3. Fallbeispiel: Erziehung im Nationalsozialismus
Das oberste Ziel der Erziehung im Nationalsozialismus war die einheitliche geistige Ausrichtung der Jugend im Sinne der NS-Weltanschauung sowie die politische Umerziehung des gesamten Volkes. 18 Die grobe Richtung gab Adolf Hitlers „Mein Kampf“ (Band 1 vom Juli 1925) bereits sehr früh vor. Hitler forderte, dass es nicht die Aufgabe der Schule sein dürfe, Wissen einzupumpen. Die Schule im Sinne Hitlers hatte das Heranzüchten von kerngesunden Körpern zur Aufgabe, geistige Fähigkeiten wurden als zweitrangig eingestuft. Die spezielle NS-Erziehungsideologie soll im Folgenden zunächst an den führenden Köpfen nachvollzogen werden.
Als institutionell ranghöchster Pädagoge kann Bernhard Rust 19 , Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung zwischen 1933 und 1945, gelten. Dieser gab als oberstes Ziel die Erziehung zum nationalsozialistischen Menschen vor. 20 De facto hatte Rust trotz seines Amtes kaum Einfluss und geriet darüber hinaus des Öfteren in Konflikt mit den Parteioberen. Wesentlich mehr
17 Und zwar in erster Linie dort, wo die ausschließliche Lehre einer Doktrin nicht vorgesehen ist, z.B. also in der Schule. Cf. op. cit., S. 42
18 Cf. Radt (1998), S. 10 und Gies (1989), S. 10
19 Geboren am 30.9.1883 Hannover in Hannover, gestorben am 8.5.1945 in Berne (Oldenburg) durch Suizid, cf. Graml (1999), S. 876
20 Cf. Baumgart (2001), S. 204
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Arbeit zitieren:
Heiko Suhr, 2008, Indoktrination in der Erziehung , München, GRIN Verlag GmbH
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