1. Zusammenfassung
In meiner Hausarbeit geht es um die Theory of Mind und ihre Bedeutung im Bereich sozialemotionaler Beziehungen. Hierfür möchte ich zunächst darauf eingehen, was die Theory of Mind eigentlich ist, wie sie operationalisiert wird und welche Ansätze in der Literatur der Entwicklungspsychologie es dazu gibt. Des Weiteren möchte ich die Entwicklung der Theory of Mind im Kindesalter herausarbeiten, wozu auch mögliche Vorläufer eben jener gehören. Anschließend komme ich zur elementaren Fragestellung meiner Hausarbeit: warum ist die Theory of Mind nicht nur im Bereich der kognitiven Entwicklung, sondern auch oder vor allem im Kontext der sozial-emotionalen Entwicklung anzusiedeln und welche Bedeutung hat sie in unserer sozialen Gemeinschaft? Wie wirken sich Defizite in der Theory of Mind Entwicklung auf soziale Beziehungen aus? Letzteres möchte ich dann abschließend am Beispiel des Autismus erläutern und der Frage nachgehen, ob Defizite in der Theory of Mind Entwicklung autismusspezifisch sind oder eventuell auch bei anderen Krankheiten/Entwicklungsstörungen vorkommen können.
2. Einleitung
Wenn wir uns im Alltag mit anderen Menschen auseinander setzen und mit ihnen kommunizieren und interagieren möchten, ist es unumgänglich, das Verhalten, die Intentionen und Absichten eben jener erkennen zu können und diese sogar mitunter vorherzusehen. Dabei berücksichtigen wir laut Henning, Daum und Aschersleben (2009) meist, was andere Personen denken, fühlen oder wünschen. Wir verfügen außerdem über das Wissen, dass die mentalen Zustände von anderen unseren nicht immer gleichen und dass bestimmte Überzeugungen nicht unbedingt mit der Realität übereinstimmen müssen (Henning et al., 2009). Dies beugt Missverständnissen im sozialen Interagieren vor und ermöglicht uns einen besseren Umgang miteinander (Henning et al., 2009). All diese Funktionen erfüllt die so genannte Theory of Mind, die oft im Hinblick der kognitiven („mentalen“) Entwicklung beleuchtet wird (Flavell, 2000, Harwood & Farrar, 2006, Jurist, 2010), aber vor allem im Kontext der sozialen Interaktion und menschlichen Gemeinschaft wichtig erscheint, also auch einen großen Einfluss auf die sozial-emotionale Entwicklung nimmt und umgekehrt (Harwood & Farrar, 2006, Jurist, 2010). Doch wie und wann entwickelt sich diese für uns so elementare Fähigkeit überhaupt und wie kann man feststellen, ob ein Kind bereits über diese verfügt? Was sind mögliche Vorläufer der Theory of Mind, was sind zugrunde liegende Mechanismen und was passiert, wenn sie sich nicht richtig oder hinreichend entwickelt?
2
Letzteres, also mögliche Defizite in der Theory of Mind Entwicklung, möchte ich am Beispiel autistischer Kinder erläutern, da gerade diese meist über keine Theory of Mind verfügen und ihr Krankheitsbild vor allem durch fehlende, bzw. eingeschränkte Interaktion mit der sozialen Umwelt gekennzeichnet ist (Kumbier, Domes, Herpertz-Dahlmann & Herpertz, 2009). In diesem Rahmen lässt sich herausarbeiten, was ein Defizit in der Theory of Mind Entwicklung eigentlich für unser soziales Leben und mental- emotionales Verständnis bedeutet, bzw. wie wichtig es in sozialen Beziehungen ist, über eine Theory of Mind zu verfügen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob man ein Defizit in der Entwicklung der Theory of Mind nur bei autistischen Menschen findet (d.h. ob es autismusspezifisch ist) oder ob auch andere Krankheiten, vor allem im psychischen Bereich, damit einhergehen.
3. Definition Theory of Mind
In den 80er Jahren führten Wimmer und Perner (1983, zit. nach Bruning, Konrad & Herpertz-Dahlmann, 2005, S. 78) eine ursprünglich in der Primatenforschung entwickelte Theorie in die Entwicklungspsychologie ein. Es handelt sich dabei um die so genannte „Theory of Mind“ (kurz ToM), die laut Bruning et al. (2005) für ein Leben in Gemeinschaft notwendig ist, um Handlungen, Absichten und Gefühle anderer Menschen abschätzen zu können und somit in die eigene Planung mit einbeziehen zu können. Sie umfasst alltagspsychologische Konzepte und ermöglicht es uns, anderen Personen geistige Prozesse zuschreiben zu können, wie z.B. „wissen, glauben, wollen, fühlen“ (Bruning et al., 2005, S. 78). Missverständnisse in der alltäglichen Interaktion mit anderen Menschen sind laut Henning et al. (2009) oft durch das Wissen darüber, dass mentale Zustände zwischen verschiedenen Personen unterschiedlich sein können, erklärbar. Außerdem beinhaltet die Theory of Mind auch die Erkenntnis, dass Überzeugungen von anderen Menschen nicht unbedingt real sein müssen (Henning et al., 2009). Bereits im Kleinkindalter zeigen sich erste Entwicklungsansätze einer Theory of Mind. Kinder beginnen, die „Subjektivität und Gerichtetheit von mentalen Zuständen wie Wünsche, Emotionen und Absichten bei der Interpretation menschlichen Verhaltens“ zu berücksichtigen (Henning et al., 2009, S. 233). Laut Oerter und Montada (2008) verfügen normal entwickelte Kinder etwa ab dem Alter von vier Jahren über die Theory of Mind als eine mentalistische Alltagspsychologie, sie verstehen nun, dass die Inhalte ihres Bewusstseins das Resultat von Denkvorgängen und Wahrnehmungsleistungen sind und dass Menschen sich hinsichtlich ihrer Wahrnehmung, Wünsche und Absichten unterscheiden (Kißgen & Schleiffer, 2002). Doch wie lässt sich feststellen, ob ein Kind bereits über eine Theory of Mind verfügt? Es gibt eine
3
Vielzahl von Möglichkeiten, die Theory of Mind zu operationalisieren. Im Folgenden wird auf ein paar dieser Untersuchungsparadigmen eingegangen.
3.1. Operationalisierung
Man kann die Theory of Mind unter anderem durch einfache oder komplexe Geschichten (first-order belief bzw. second-order belief) untersuchen. Die prominenteste der sogenannten „first-order false belief-Aufgaben“ (einfache Geschichte) ist laut Baron-Cohen, Leslie und Frith (1985, zit. nach Bruning et al., 2005, S. 78) der Sally-Anne-Task von Wimmer und Perner (1983), der im Folgenden in Abbildung 1 dargestellt ist. Zu sehen ist eine Geschichte, die den Probanden gezeigt oder erzählt wird, an deren Ende sie dann einige Fragen beantworten müssen.
Vierjährige gesunde Kinder können laut Bruning et al. (2005) die Frage, wo Sally ihre Murmel suchen wird, wenn sie wieder kommt, richtig beantworten. Sie verfügen über eine Theory of Mind, die sie befähigt zu erkennen, dass Sally aufgrund von unzureichender Information nicht weiß, wo sich ihre Murmel befindet und daher dort suchen wird, wo sie sie zurückgelassen hat. Kinder, die noch über keine Theory of Mind verfügen, verstehen nach Bruning et al. (2005) diesen Zusammenhang nicht. Sie wissen nicht, dass andere Menschen andere Intentionen, Vorstellungen und Überzeugungen haben und glauben, dass jeder die Realität genauso wahrnimmt wie sie selbst. In Bezug auf den Sally-Anne-Task würden sie vermuten, dass Sally dort suchen wird, wo Anne die Murmel in ihrer Abwesenheit tatsächlich hingetan hat. Sie machen also den so genannten „false-belief“-Fehler, denn sie antworten so, „als wisse der Protagonist über den Zustand der Realität Bescheid“ (Bruning et al., 2005, S. 78). Die Theory of Mind wird bei diesem Test erst dann zuerkannt, wenn das Kind zum einen die Glaubensfrage richtig beantworten kann („Was glaubt Sally, wo ihre Murmel ist? Wo wird sie sie suchen, wenn sie wiederkommt?“) und zum anderen auch die Realitätsfrage („Wo ist die Murmel jetzt?“) und die Erinnerungsfrage („Wo war die Murmel am Anfang?“) korrekt löst (Kißgen & Schleiffer, 2002).
4
Abbildung 1: Sally-Anne-Task nach Wimmer & Perner (1983, zit. nach Bruning et al., 2005, S. 79). Diese
Geschichte ist ein prominentes Beispiel zur Untersuchung der Theory of Mind. Sie wird Kindern erzählt, welche
dann daraufhin die Frage beantworten müssen, wo Sally ihre Murmel suchen wird
Eine Aufgabe für ältere, bzw. weiter entwickelte Kinder stellen „second-order false belief“-Aufgaben dar (komplexe Geschichten) (Bruning et al., 2005), bei denen erkannt werden soll, was eine andere Person über die Überzeugung einer weiteren Person denkt. Sie handeln meistens davon, dass jemand einen anderen versucht zu täuschen. Die Kinder müssen also ein Verständnis dafür entwickelt haben, dass eine „Annahme (Ansicht) über die Meinung eines anderen falsch sein kann“ (Bruning et al., 2005, S. 79), bzw. dass jemand eine falsche Überzeugung über eine Überzeugung haben kann. Untersuchungen zur Entwicklung der Theory of Mind bei einem Kind werden laut Bruning et al. (2005) meist mit den oben genannten false-belief tasks erster oder zweiter Ordnung durchgeführt. Es gibt allerdings auch noch andere Untersuchungsparadigmen, die nicht so oft zum Einsatz kommen wie die false-belief tasks und die ich deshalb nur kurz erwähnen möchte. Hierzu zählen Videodarstellungen von sozialen Interaktionssituationen nach Strayer und Roberts (1997, zit. nach Bruning et al., 2005, S. 78), soziale Attributionstests (bei denen animierte
5
geometrische Figuren gezeigt werden, denen soziale Absichten zugeschrieben werden sollen) nach Klin (2000, zit. nach Bruning et al., 2005, S. 78), Augentests (Erkennen des emotionalen Zustands einer Person anhand ihres Gesichtsausdrucks) und „mentalizing“-Aufgaben, bei denen die Intention des Probanden durch den Vergleich von Bedingungen mit und ohne soziale Interaktionspartner erfasst wird (Gallagher, Jack, Roepstorff & Frith, 2002, zit. nach Bruning et al., 2005, S. 78).
3.2. Mechanismen
Laut Ensink und Mayes (2010) gibt es verschiedene konkurrierende theoretische Interpretationen oder Mechanismen, die der Entwicklung und Natur einer Theory of Mind zugrunde liegen. Im Folgenden soll auf die zwei Wichtigsten kurz eingegangen werden, da diese für das Verständnis der Theory of Mind meiner Meinung nach grundlegend sind. In der Forschung wird bis heute diskutiert, durch welchen Mechanismus die Theory of Mind erklärt werden kann.
3.2.1. Theorie-Theorie
Jurist (2010) beschreibt die so genannte Theorie-Theorie als „Volkspsychologie”. Sie basiert seiner Meinung nach darauf, dass man sich selber eine Theorie bildet, wie der Geist oder der Verstand einer anderen Person arbeitet. Gopnik (1993, zit. nach Jurist, 2010, S. 292) verglich dies mit der Arbeit eines Wissenschaftlers, der auf ähnliche Weise Theorien über die umgebende Welt bildet. Die Theorie-Theorie sagt demnach also aus, dass sich das Kind (oder der erwachsene Mensch) eine Theorie (Theory of Mind) durch Beobachtung und Evaluation seiner Umwelt bildet, die ständig durch neue Hinweise in seiner Umgebung reorganisiert (oder getestet) wird (Ensink & Mayes, 2010). Laut Gopnik, Capps und Meltzoff (2000, zit. nach Ensink & Mayes, 2010, S. 304) ist dieser Mechanismus angeboren und funktioniert als überprüfbare kausale Landkarte der Welt. Allerdings wird der Faktor der Angeborenheit unter den Theorie-Theoretikern noch diskutiert. Die einen sind der Meinung, dass die Theory of Mind mit Hilfe angeborener domänenspezifischer Mechanismen erworben wird, die anderen vertreten die These, dass zugrunde liegende Mechanismen durch Erfahrungen konstruiert werden (Henning et al., 2009).
6
Arbeit zitieren:
Sarah Bestgen, 2011, 'Theory of Mind' und ihre Bedeutung im Hinblick auf sozial-emotionale Beziehungen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Psychologie - Entwicklungspsychologie: 'Theory of Mind' und ihre Bedeutung im Hinblick auf sozial-emotionale Beziehungen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Psychologie - Entwicklungspsychologie: neuer Titel erschienen: 'Theory of Mind' und ihre Bedeutung im Hinblick auf sozial-emotionale Beziehungen
Sarah Bestgen hat einen neuen Text hochgeladen
Sozial-emotionale Entwicklung fördern
Wie Kinder in Gemeinschaft sta...
Simone Pfeffer, Hartmut W. Schmidt
Emotionale Entwicklung in Psychoanalyse, Bindungstheorie und Neurowiss...
Theoretische Konzepte und Beha...
Viviane Green, Elisabeth Vorspohl
Theory, Justice, and Social Change
Theoretical Integrations and C...
Bruce A. Arrigo, Christopher R. Williams
Sonderpädagogik der sozialen und emotionalen Entwicklung
Barbara Gasteiger-Klicpera, Henri Julius, Christian Klicpera
Untersuchung des Mechanismus der Katalytischen Aktivität von Orotidin-...
Dissertation
Daniel Heinrich
0 Kommentare