Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
S. 2
2. Struktur des Gorgias
S. 4
3. Gorgias
S. 9
4. Polos
S. 11
5. Kallikles
S. 14
6. Schlußbemerkung
S. 17
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Einleitung
Es ist hinlänglich und längst bekannt, daß Sokrates nichts Schriftliches hinterlassen hat. Nahezu alles was wir ihn über ihn wissen, ist uns von seinem Schüler Platon hinterlassen. Wenn wir also von einer Philosophie des Sokrates sprechen, so sprechen wir von einer Version derselben, wie sie uns von Platon überliefert worden ist, angereichert durch einige wenige andere Quellen. Dasselbe gilt natürlich auch, vielleicht sogar in einem größeren Maße für Sokrates Methode.
Im Wesentlichen geht es dabei darum, daß Sokrates seine Gesprächspartner durch Fragen erst in ihren vorgefaßten Meinungen erschütterte, um sie dann im Verlauf des weiteren Gespräches zu neuen Erkenntnissen anzuleiten. Anzuleiten bedeutet hierbei, daß Sokrates eben nicht als jemand auftrat, der vorgab die Antwort auf die von ihm gestellten Fragen bereits zu kennen, sondern als jemand, dessen Erkenntnisprozess parallel zu dem seines Gesprächspartners verläuft.
Es ist aber höchst unwahrscheinlich, daß man auf diesem Wege jedesmal zu einem neuen Ergebnis gelangen würde. Die Wahrscheinlichkeit gebietet es, daß es Fälle gegeben haben muß, in denen Sokrates und sein Gesprächspartner ohne eine neue Erkenntnis auseinander gegangen sind, mit mehr unbeantworteten Fragen im Gepäck als vor ihrer Zusammenkunft. Solche Fälle sind uns aber nicht bekannt.
Daraus folgt der Schluß, daß uns entweder solche Fälle nicht überliefert sind oder, daß es sich bei Sokrates Methodik um eine didaktische gehandelt hat, in der er Unwissenheit nur vorgespielt hat. In einem solchen Fall hätte Sokrates bereits ein Ziel vor Augen, auf das er mit seinen Fragen hinaus wollte. Dem Gesprächspartner würde der Eindruck vermittelt, er wäre selbständig zu einer Erkenntnis gelangt Eine solche didaktische Methode besitzt einen entscheidenden Vorteil. Der Gesprächspartner wird nicht explizit von einer Auffassung überzeugt sondern gelangt selber zu dieser und ist daher eher bereit diese auch anzunehmen. Er ist ja von selbst zu diesem Schluß gelangt. Es wurde ihm nicht seine Unwissenheit demonstriert und somit auch seine Eitelkeit nicht verletzt. Aus eben diesem Grund wird diese didaktische Methode noch heute in der Schulpädagogik angewandt. Nur macht sich in der
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Pädagogik niemand Illusionen darüber, daß der Lehrer einen Wissensvorsprung besitzt und gegenüber seinen Schülern eine Moderatorfunktion übernimmt.
Diese Methode besitzt aber auch einen entscheidenden Nachteil. Man muß schon über einiges rhetorisches Geschick verfügen, um seine Fragen so zu stellen, daß sich am Ende das anvisierte Ergebnis einstellt.
In allen Dialogen Platons, in denen Sokrates als einer der Gesprächspartner auftritt, besitzt Sokrates dieses rhetorische Geschick reichlich. Es ist nun aber nicht so, daß Platon Gespräche des Sokrates protokolliert hätte. Außerdem begegnen wir Sokrates in Gesprächen mit den herausragendsten Gelehrten seiner Zeit.
In der vorliegenden Arbeit wird sich vor allem mit Sokrates Gespräch mit dem Sophisten Gorgias beschäftigt. Die Historizität eines solchen Treffens zwischen Gorgias und Sokrates ist nicht geklärt und wird auch nicht mehr geklärt werden. Das es ein solches Treffen überhaupt gegeben hat, ist immerhin möglich. Man würde dann für den Zeitpunkt des Gespräches 432 v. Chr. annehmen.
Andererseits ist das ziemlich unerheblich, weil der Wortlaut des Gespräches zwischen Sokrates und Gorgias auf jeden Fall fiktiv ist. Zwei Gründe gibt es für diese Behauptung. Zum einen Bezieht sich Sokrates im Verlaufe des Gespräches einmal auf eine Amtshandlung, die er vornehmen mußte (nämlich das Einsammeln von Stimmzetteln für die Wahl der Feldherren). Das hätte aber im Jahre 405 stattgefunden, in dem sich Gorgias nicht in Athen aufgehalten hat. Wir haben also ein Zeitparadoxon im Text selbst. Des weiteren hat Platon den Gorgias um 390 oder 389 veröffentlicht. Das heißt, zwischen dem Gespräch und seiner Veröffentlichung liegen bestenfalls anderthalb Jahrzehnte. Selbst wenn sie Platon um eine authentische Wiedergabe des Gespräches bemüht hätte, wäre es über den langen Zeitraum derart verfälscht worden, daß man es als Text fiktiven Inhalts behandeln müßte. Interessanter als solche zeitlich motivierten Vorbehalte ist aber ein Inhaltlicher. Wie bereits festgestellt wurde, bedarf die dialektische Methode des Sokrates einiger rhetorischer Geschicklichkeit. Nun befindet sich Gorgias aber im Gespräch mit einem der größten, vielleicht des größten Rhetors Griechenlands. Es wäre also anzunehmen, daß Gorgias Sokrates Gesprächsführung durchschauen und somit seine Dialektik unterlaufen würde. Das geschieht im Verlaufe des Dialoges aber nicht.
Die Frage, die diese Hausarbeit behandelt lautet also schlich: Warum geschieht das nicht?
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Zur Beantwortung dieser Frage werden im Verlaufe der Hausarbeit die Gesamtkonzeption des Gorgias untersucht und ausgewählte Dialogstellen zwischen Sokrates und Gorgias, Polos und Kallikles mit Hinblick darauf, wie Platon als eine Art Regisseur seine Figuren agieren läßt.
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Arbeit zitieren:
Jan Henrik Hartlap, 2002, Die Verführung des Lesers in Platons "Gorgias", München, GRIN Verlag GmbH
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