Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Entstehungsbedingungen der NS-Rassenhygiene. 5
2.1 Entwicklungen der Euthanasie 5
2.2 Entwicklungen der Eugenik 6
2.3 Verknüpfungen von Eugenik und Euthanasie 7
2.4 Das Konzept der NS-Rassenhygiene. 9
2.5 Die Rolle der Pädagogik für die Rassenhygiene. 12
3. Umsetzung der NS-Rassenhygiene im Dritten Reich 14
3.1 Institutionalisierung und rechtliche Basis 14
3.2 Ausweitung der Euthanasie: Aktion T4. 17
3.3 Dezentralisierung und Fortsetzung der Euthanasie 20
3.4 Entwicklung der Pädagogik nach 1933. 21
4. Schlussbetrachtungen 23
4.1 Von T4 zur Endlösung der Judenfrage 23
4.2 Zusammenfassung und Fazit. 24
5. Anhang. 26
5.1 Literaturverzeichnis 26
5.2 Abbildungsverzeichnis 28
2
1. Einleitung
Das Ziel dieser Hausarbeit ist eine möglichst exakte Rekonstruktion der NS-Rassenhygiene. Im ersten Hauptteil sollen dafür wichtige Vorarbeiten geleistet werden. Zunächst werden die beiden grundlegenden Hauptströmungen Euthanasie 1 und Eugenik 2 in ihrer zeitlichen Entwicklung kurz dargestellt. Darauf aufbauend wird dann die Verknüpfung dieser beiden mit weiteren Strömungen der Natur- und Geisteswissenschaften dargestellt. Dabei handelt es sich vor allem um sozialdarwinistische sowie völkisch-nationale Bewegungen. Außerdem soll im ersten Schritt die Rolle der Pädagogik im Zusammenhang mit der Rassenpolitik der Nationalsozialisten herausgearbeitet werden. Im zweiten Schritt sollen dann die praktischen Implikationen der dargelegten Theorie untersucht werden. Angefangen mit Formen von Institutionalisierung und möglichen juristischen Kodifizierungen, über konkrete Maßnahmen - wie die Aktion T4 - bis schließlich zu einer Neubewertung der Rolle der Pädagogik nach Analyse der praktischen Umsetzung der Theorie. Einige Schlussbetrachtungen sollen das Thema abrunden.
Eine kommentarlose Darstellung dieser jeder Menschenwürde und moralischen Grundwerten widersprechenden Ereignisse ist nicht einfach, erscheint im Sinne der historischen Genauigkeit aber als notwendig. Auf Anführungsstriche bei euphemistischen Begriffen des NS-Jargons wird daher ebenso verzichtet. Die Grausamkeiten der dargestellten Taten im Maße einer völligen Kulturentledigung 3 sollen daher hier an dieser Stelle stellvertretend für die ganze Arbeit zum Ausdruck gebracht werden: „Untaten von so ungezügelter und zugleich so bürokratisch-sachlich organisierter Lieblosigkeit, Bosheit und Mordgier, dass niemand sie ohne
1 Von griechisch „euthanasia“ = guter, leichter Tod
2 Von griechisch „eugenos“ = gutes Geschlecht
3 Cf. Mitscherlich (1995), S. 10
3
tiefste Scham darüber zu empfinden zu lesen vermag, dass Menschen zu
solchem fähig sind.“ 4
4 Ibid.
4
2. Entstehungsbedingungen der NS-Rassenhygiene
2.1 Entwicklungen der Euthanasie
Der Begriff der Euthanasie hat eine lange Geschichte aufzuweisen und unterlag dabei einem fortlaufenden Wandel, sodass man zweifelsohne von einem weitgespannten Bedeutungsfeld 5 sprechen kann. Erste Spuren lassen sich schon im fünften vorchristlichen Jahrhundert ausmachen, wobei Euthanasie hier vor allem im hellenistischen Sprachgebrauch als Ideal des schmerzlosen und ehrenvollen Todes verstanden wurde. 6 Der erste große Bedeutungswandel erfolgt dann erst im 17. Jahrhundert durch Francis Bacon. Euthanasie im Sinne einer „euthanasia exterior“ 7 umfasste nun ärztliche Handlungen, die dem Sterbenden die Qualen des Todeskampfes erleichtern sollten. Dies wurde im 18. und frühen 19. Jahrhundert von Nikolas Paradys und Johann Christian Reil um Körperpflege, korrekte Lagerung und schmerzstillende Medikation sowie auch um psychologische Betreuung ergänzt. 8 Euthanasie wurde analog zur Hebammenkunst als Hilfe für Sterbende interpretiert. Das gesamte 19. Jahrhundert umfasst also eine Sterbebegleitung, aber keine Lebensverkürzung, sodass Karl Ludwig Klohss 1835 treffend sagen konnte:
„Tod erleichtern heißt nicht, Tod geben, wenngleich Tod geben, oft viel leichter als ihn erleichtern heißen möge.“ 9 Die für die Entstehung der nationalsozialistischen Rassenhygiene entscheidende Umwandlung in der Bedeutung der Begrifflichkeit sollte im frühen 20. Jahrhundert erfolgen. Schon 1859 veröffentlichte der britische Naturforscher Charles Robert Darwin sein Werk „Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigten Rasse im
5 Cf. Schmuhl (1992), S. 25
6 Cf. ibid.
7 Ibid.
8 Heute als Orthothanasie bekannt, zeittypisch aber als „euthanasia media“ bezeichnet.
Cf. op. cit., S. 26
9 Ibid.
5
Kampf ums Dasein“. Dieses Werk sollte, obwohl von Darwin eindeutig auf die Natur- und Pflanzenwelt bezogen, die Geschichte nachhaltig beeinflussen. Bereits 1868 transformierte der deutsche Zoologe Ernst Haeckel den Kampf ums Dasein auf die Geschichte der Völker. 10 Der Darwinismus mutierte zum Sozialdarwinismus. Aufgegriffen wurde dieser Gedanke vor allem von Auguste Forel und Alexander Tille. Es entstanden unheilvolle Ideen, wie z.B. dass Aushungern von Untüchtigen oder die negative Wirkung von Kranken- und Sozialversicherungen auf die natürliche Selektion. 11 Kennzeichnend ist also schon damals eine Konstruktion, dass es eine soziale Differenz gibt, die sich nach Leistung bzw. auch nach utilitaristischen Prinzipien definieren lässt. Institutionell lässt sich die Entwicklung an der Gründung der „Gesellschaft für Rassenhygiene“ 12 festmachen. Die relativ geringe Mitgliederzahl von 350 Aktiven im Jahre 1914 zeigt aber auch, dass die Maßnahmen der sozialen Selektion eine Randerscheinung der Gesellschaft darstellten. 13 Eine Ausweitung des Begriffs der Euthanasie im Sinne von Sterbehilfe auf unheilbar Kranke, deren Tod aber noch nicht unmittelbar bevorstand, ist jedoch schon deutlich wahrzunehmen. 14
2.2 Entwicklungen der Eugenik
Grundlegend ist die Unterscheidung von positiver und negativer Eugenik. Als Begründer der positiven Eugenik gilt der Brite Francis Galton 15 , der in den späten 1860er Jahren die These postulierte, dass intellektuelle Fähigkeiten vererbbar sind. 16 Daraus leitete er das Ziel ab, eine Verbesserung der Rasse durch Vermehrung von besonderen Gaben herbeizuführen. Die Nähe zu den Gedanken Darwins ist augenscheinlich,
10 Cf. Klee (1994), S. 16
11 Cf. op. cit., S. 17
12 Im Jahre 1904 von Alfred Ploetz (Kapitel 2.3) gegründet
13 Cf. op. cit., S. 19
14 Cf. Schmuhl (1992), S. 26
15 Cf. Weingart (2001), S. 36
16 Cf. ibid.
6
was auch nicht weiter verwundert, da Galton der Vetter von Darwin war. Die von Galton entworfene Methode sieht vor, dass man über die Anwendung des Selektionsprinzips auf die Gesellschaft die Kontrolle über die Evolution gewinnt, um so die angestrebten Eliten zu produzieren. 17 Diesen Vorgang nannte er Eugenik. Rezipiert wurden diese Gedanken im kleinen Kreise vor allem in England von Soziologen und Biologen. Für die deutschsprachige Wissenschaft ist keinerlei nennenswerte Anknüpfung bekannt.
Es entwickele sich vielmehr unabhängig von Galton die negative Eugenik, als deren Urvater Wilhelm Schallmayer gilt. 18 Im Jahre 1891 veröffentlichte er sein Werk „Über die drohende körperliche Entartung der Kulturmenschheit“. Die Zielsetzung ist mit der von Galton durchaus vergleichbar, nämlich die Aufartung der Rasse. Aber Schallmayer wählte einen umgekehrten Zugang. Für ihn ist die natürliche Selektion, die Darwin ja für die Natur postulierte, in der Gesellschaft außer Kraft gesetzt. 19 Seine These lautet daher, dass es durch medizinische Innovation bzw. durch lebensverlängernde Therapien zu einem Degenerationsprozess kommt. Negative Eugenik steht also zunächst für das Wiedereinführen der natürlichen Selektion der Gesellschaft. Schallmayers Gedanken blieben im Kreis einiger weniger Mediziner ähnlich exklusiv wie die von Galton.
2.3 Verknüpfungen von Eugenik und Euthanasie
Es sind zwei entscheidende Zäsuren auf dem Weg von Eugenik und Euthanasie zur NS-Rassenhygiene. Charakteristisch für beide ist die Zusammenführung und Radikalisierung der sozialdarwinistischen,
eugenischen und euthanasischen Ideen zu einem mehr oder weniger geschlossenen System.
17 Cf. op. cit., S. 37
18 Cf. ibid.
19 Cf. op. cit., S. 38
7
Arbeit zitieren:
Heiko Suhr, 2007, NS-Rassenhygiene, München, GRIN Verlag GmbH
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