Universität Konstanz
WS 2001/2002
Hauptseminar: Diskursstruktur und Intonation
______________________________________________________________________________
Informationsstruktur und Intonationsverlauf
1
Inhalt
Einführung 3
I Die Thema-Rhema Struktur
Funktionale und konfigurationelle Theorie 5
1. Die TRG in der Prager Schule 5
1.1 Thema und Theatisierung 6
1.2 Rhema und Rhematisierung 10
2. Thema und Rhema nach Halliday 13
II Praktischer Teil 17
1. Eigene Annahmen zur Thema-Rhema Struktur 17
1.1 Textbeispiel semantische Analyse 18
2. Die Intonationsstruktur nach Pierrehumbert und Hirschberg 21
2.1. Textbeispiel die intonatorische Analyse und die TRG 22
III Zusammenfassung 25
Literatur 28
2
Einführung
Die Pragmatik beschäftigt sich mit der handlungsbezogenen Betrachtung von Sprache, das heißt, wie sie als Mittel der Kommunikation eingesetzt wird und somit kommunikative Ziele erreicht werden können. Als Sprach-Handlungs-Theorie analysiert sie die Regeln der Form und Interpretation von sprachlichen Äußerungen im Kontext. Der Philosoph Charles Morris betrachtete die Pragmatik neben Syntax und Semantik als Teil der Semiotik, wobei sie dort die „Beziehung von Zeichen zu den Interpretanten“ 1 , d.h. das Verhältnis der Sprache zum Hörer bzw. Sprecher, untersuche. Gillian Brown und George Yule 2 weisen darauf hin, dass in der Diskursanalyse insbesondere zwischen gesprochener und geschriebener Sprache zu differenzieren ist, die sich natürlich neben der Produktion unter anderem auch in Dialektik, Akzent, Komplexität der syntaktischen Struktur und in der Einbindung des Kontextes unterscheiden. Die Analyse eines Diskurses, der, laut Brown/Yule im Gegensatz zum Text, einem Prozess unterzogen und situationsgebunden ist, kann also nicht nur anhand linguistischer Regeln erfolgen, sondern muss ebenso die Formen berücksichtigen, die die Sprache im Gebrauch hervorbringt. 3 Der Diskurs zeichnet sich auch dadurch aus, dass er über eine zusätzliche Struktur verfügt, die über das Wörtliche hinausgehende Informationen enthält.
Im Diskurs verankert sind die Informations- und Intonationsstruktur, genauer gesagt definiert sich nach Michael Halliday die Informationsstruktur a)durch die einzelnen Informationseinheiten (information units) und b)deren Korrelation zur intonatorischen Phrasierung (intonational phrasing) 4 . Die Informationsstruktur ist weder mit der syntaktischen noch der grammatischen Struktur gleichzusetzen, sie stellt vielmehr den Aufbau eines Satzes in der Frage nach dem Gegenstand und der Aussage dar.
Die Gliederung eines Satzes bzw. einer Äußerung erfolgte nach unterschiedlichen Mustern: So differenzierten frühere Forscher wie zum Beispiel Herrmann Paul nach „psychologischem Subjekt“ und „psychologischem Prädikat“ 5 , während die Prager Schule (z.B. Beneš) von „Topik“ und „Fokus“ sprach und die Termini „Thema“/„Rhema“ einführte, welche später von Halliday übernommen wurden.
Die Differenzierung von Thema und Rhema gründet in der Unterscheidung alter versus neuer bzw. bekannter versus nicht bekannter Information und dem Blick auf die Intonationsstruktur des Satzes. Die Definitionen dessen, was als neu oder alt angesehen wird, orientiert sich neben dem Blickwinkel entweder auf den gesamten Text oder auf einzelne Sätze mitunter am
1 In: Levinson 1994, S.1
2 Brown/Yule 1983 3 Vgl. Ib.S.1 4 Vgl. Halliday 1967, S.101 5 Paul 1909
3
allgemeingültigen Bekanntheitsgrad der Person, des Gegenstandes oder sonstigen Umstandes und dessen Einführungsstatus in den Text.
Als zweiter Aspekt spielt in der Thema-Rhema-Gliederung (TRG) der Intonationsverlauf eine in den Theorien mehr oder weniger respektierte Rolle. Janet Pierrehumbert und Julia Hirschberg befassten sich eingehend mit einer „Intonationskontur zur Diskursinterpretation“ 6 , die sie an Hand von einem differenzierten System von Tönen und Akzenten verfassten. In Kapitel II.2. soll dieses kurz zusammengefasst und als Grundlage für die Beschreibung der intonatorischen Untersuchung des Beispieltextes verwendet werden. Laut Pierrehumbert und Hirschberg ist die Betonung einerseits vorausberechenbar, aber auch im Satz verschiebbar, was wiederum bei der
TRG deutlich wird.
Die Wechselbeziehung zwischen Informations- und Intonationsstruktur kann man zunächst grob in folgender allgemeiner Tendenz benennen: Der Fokus des Satzes liegt auf neuer Information, die intonatorisch hervorgehoben wird und als Rhema bezeichnet werden kann. Die Grundlage der Mitteilung beinhaltet meist alte Information und ist als Thema weniger betont.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Thema-Rhema-Struktur, auf Grund des eingeschränkten Rahmens aber lediglich mit einer Gegenüberstellung der Auffassungen von Halliday und einem Überblick der Prager Schule. Diese werden unter Berücksichtigung der Intonation zunächst theoretisch erläutert und die Ergebnisse schließlich konkret auf ein aus dem Seminar bekanntes Textfragment angewendet.
6 Pierrehumbert / Hirschberg 1990, S.271
4
I. Die Thema-Rhema-Struktur
Zur Untersuchung der Informationsstruktur wird der Satz in thematische und rhematische Teile gegliedert, je nach deren Informationsgehalt und der Bedeutung der Information im Satzgefüge. Die Auslegung dieser Thema-Rhema-Gliederung (TRG) basiert auf den Ansätzen der Prager Schule, deren Forscher diese zur Deutung und zum Vergleich verschiedener Sprachen und deren Typologien einsetzten, wobei im Vorfeld schon Herrmann Paul Ende des 19. Jahrhunderts auf den psychologischen Hintergrund der Linguistik verwies. Die Prager Schule legte ihren Untersuchungsschwerpunkt auf die Funktionen der unterschiedlich informativen Konstituenten im Satz, maßen der Intonation aber auch eine wichtige Rolle zu.
Darauf aufbauend entwarf Michael Halliday seine Theorie, die den Informationskomplex und die Intonationsstruktur des Textes bzw. Satzes parallel betrachtet. Seiner Meinung nach gestalten sich beide Strukturen zusammenhängend.
Die beiden Standpunkte unterscheiden sich grundsätzlich im Hinblick auf die angenommene Ordnung der Informationsformen im Satz, woraus sich eine strukturell unterschiedliche Auffassung der TRG ergibt.
1. Die TRG in der Prager Schule
Die Termini Thema und Rhema gehören, den tschechischen Linguisten der Prager Schule zu Folge, zur Bedeutungsseite eines Satzes. Der Gedanke des Forschers Mathesius, die „grammatischen Mittel (...) [stellten das] Ausdrucksmittel für die kommunikative Struktur des Satzes [dar]“ 7 , liegt den weiteren Untersuchungen zu Grunde. Nach der grammatischen und semantischen Satzstruktur, stellt die TRG als „Ebene der Organisation der Äußerung“ die dritte Stufe des von Daneš geprägten „Three-level approach to syntax“ dar 8 .
In der weiteren Ausführung werde ich mich auf Grund der Vielzahl von Theoretikern der Prager Schule an einen Überblick nach Heidolph (u.a.) halten.
Nach der funktionalen Theorie wirken auf kontextuell gebundene Sätze 1. syntaktisch- hierarchische und 2. kommunikativ-pragmatische Faktoren ein. Letztere werden wiederum in zwei Kategorien unterteilt, denen auch genannte Begriffspaare zugeordnet sind: a) Die kognitive Kategorie unterscheidet in der Analyse Bekannt und Nicht bekannt und b) die Kategorie des sprachlichen Kontextes differenziert neue und nicht neue Information. 9 Bekannt sind abgeschlossene Einheiten, Gegenstände und Klassen, die entweder allgemein geläufig sind (z.B.
7 Eroms 1986, S.10
8 Ib. S.12
9 Vgl. Heidolph (u.a.) 1981, S.726ff.
5
die Sonne), die aus der Gesprächssituation selbst oder bei der zweiten Erwähnung nach Einführung in die Situation allen Kommunikationsbeteiligten vertraut sind. Nicht bekannt ist demnach, was noch nicht erwähnt oder in den Text eingeleitet wurde oder außerhalb der Sprechsituation liegt.
Bislang noch nicht erwähnte substantivische Einheiten gelten bei ihrer ersten Einführung in den Text, ebenso wie unpersönliche Pronomen (man, es) und Reflexiva als neu. Als bekannt vorausgesetzt werden Sprecher und Hörer, das heißt, die entsprechenden Personalpronomen (1. und 2. Person Singular und Plural) sind nicht neu.
Nicht bekannt/Nicht neu schließen einander aus, es gibt aber Überschneidungen im Bereich Bekannt/Neu: Eine Einheit der soeben geschilderten Kriterien (mit Ausnahme der Personalpronomina) kann kognitiv und situativ bekannt sein, bei ihrer Neueinführung in den spezifischen Text ist sie aber dennoch neu.
Die Einteilung nach Bekanntheit und Neuheit bzw. Nichtbekanntheit und Nichtneuheit ist übertragbar auf die TRG. Tendenziell ist das Thema Subjekt eines Satzes und ist unbetont, Rhema entspricht dem Objekt und trägt den Hauptakzent. Folgendes Schaubild 10 verdeutlicht die Verhältnisse nach der funktionalen Theorie.
Dieser Gliederung zu Folge bilden alle bekannten Einheiten, plus neuer und nicht neuer Teile den Themabereich eines Satzes. Rhematisch sind demgegenüber alle neuen und partiell bekannte bzw. nicht bekannte Einheiten.
1.1. Thema und Thematisierung
Das Thema wird weitläufig definiert als das „Besprochene“ (Lötscher), die „Gegebenheit, an die der Sprecher anknüpfen kann“ (Boost) das „eine geschlossene Bedeutung aufweist“ und die „Funktion der Bezeichnung“ (Zemb) hat 11 .
„Eine der bekannten Eigenschaften, die den Themabereich bilden, wird als Ausgangspunkt der Mitteilung, als Thema, an den Satzanfang gestellt, thematisiert. Welche der themafähigen Einheiten thematisiert werden kann, hängt von verschiedenen Bedingungen ab“ 12 :
10 Nach Ib. S.728
11 In: Eroms 1986, S.16, 32, 22, 24 12 Ib.S. 728; Vgl. auch S.728ff.
6
Hierbei ist zum Einen die Stellung des gesamten Satzes im Text und zum Anderen die Position der thematischen Einheiten im Satz relevant: Am Textbeginn oder am Beginn eines neuen Textabschnittes nach einem Themawechsel muss man alle bekannten Teile zugleich als neu definieren, da sie noch nicht eingeführt sind, was wiederum bedeutet, dass der Themabereich gleichzeitig rhematisch ist.
Innerhalb des Textes gilt jedoch bereits Erwähntes ab dem Folgesatz als bekannt und kann somit unter Umständen auch in den thematischen Sektor wechseln.
(Im Urlaub traf ich [nette Leute aus Dänemark].)
(1)
(1a) Das Gleiche gilt auch für inferierbare Gegenstände oder Teilmengen deren Ganzes im vorausgehenden Text eingeführt wurde und damit bekannt ist. In Folge sind demnach auch alle Teile dieses Ganzen, Besitzstücke oder Körperteile bekannt und können Thema werden. Kam der Teil bzw. das Besitzstück jedoch in seiner spezifischen Bezeichnung noch nicht explizit zum Ausdruck, gehört die Einheit mit den Eigenschaften bekannt und neu gleichzeitig zum Rhemabereich.
(Ich bin [mit dem neuen Auto] gegen einen Baum gefahren.)
(2)
Die logische Abfolge innerhalb eines Textes wird bestimmt durch die Stellung der themafähigen Einheiten im einleitenden Satz. Gibt es in einem Satz mehrere neue thematische Elemente, hängt der weitere geplante Kontext von der syntaktischen Anordnung ab, das heißt, man kann sich aussuchen, was in der weiteren Konversation der Gesprächsmittelpunkt sein soll. Durch die Positionierung des neu eingeführten Themas in eine rhematische Stellung, also am Ende des Einleitungssatzes, kann dieses am Anfang des Folgesatzes als reines Thema wieder aufgenommen werden, ohne eventuelle Ambiguitäten oder Verständnisprobleme auszulösen. [[In der Münchener Maximilianstrasse]] befindet sich [[das Maximilianeum]]
(3)
(3a) Dahingegen wird im Anschluss an (3) der Satz
(3a') *[Dort] (in der Maximilianstrasse) kann man sehr teuer einkaufen eher als unsinnig empfunden.
Als Thema innerhalb des Textflusses werden hauptsächlich durch Einführung bekannte, nicht neue Elemente und die Redepersonen verwendet. Der Aufbau der Gesprächssituation entwickelt sich also im Allgemeinen von Neuheit zu Nicht-Neuheit. Wie wir in (3) bereits gesehen haben, entscheidet bei Vorhandensein von mehreren neuen Einheiten die Satzstellung über die logische
13 Die formale Darstellung der Beispiele hält sich in diesem Kapitel der Einheitlichkeit halber an die Notation von
Heidolph et al., 1981: [Thema] [Rhema]
7
Quote paper:
Iris Baumgärtel, 2002, Diskursstruktur und Intonation, Munich, GRIN Publishing GmbH
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