Humboldt-Universität zu Berlin Philosophische Fakultät II Institut für deutsche Literatur Wintersemester 2001/2002 HS Zwischen Literatur und Journalismus: Reportage und Feuilleton
H A S S , M O R A L U N D H A R D C O R E - R E A L I S M U S
J O U R N A L I S T I S C H E S U N D L I T E R A R I S C H E S S C H R E I B E N B E I
M A X I M B I L L E R
Astrid Lukas
0 I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
1. Einleitung 2
2. Biographie und Werk 4
3. Der Journalist (Kolumnen) 5
4. Der Literat (Erzählungen Romane) 8
5. Der Kritiker (poetologische Konzepte) 13
6. Fazit 17
7. Quellen- Literaturverzeichnis 20
1
1 . E I N L E I T U N G Seit den 80er Jahren ist in Deutschland eine Renaissance journalistischen Schreibens zu beobachten, welches in seiner neuartigen Akzentuierung die klassischen Formen des Feuilletons und der Reportage abzulösen scheint. Gravierende Veränderungen in Medientechnologie und –ökomonie während der letzten zwei Jahrzehnte – vor allem die zunehmende Konkurrenz elektronischer Medien im Kampf um die Aufmerksamkeit des Lesers respektive Zuschauers – führten zu einer experimentellen Öffnung der Genres und damit zu ihrer Vermischung und Kreuzung, die „von Bild-Text-Experimenten über Fiktionalisierung, Narrativierung oder Dramatisierung von Reportagen, Kombination von Berichterstattung und Essayistik hin zum Mix aus Tagebuch, Kalendergeschichte und Aphoristik in der Kolumne“ reicht. 1 Eine einheitliche Stilrichtung innerhalb dieser „Bastardliteratur“ 2 ist bei so unterschiedlichen Autoren wie Christoph Dieckmann, Alexander Osang, Matthias Matussek auf der einen, Sibylle Berg, Max Goldt, Diedrich Diederichsen, Wiglaf Droste und Maxim Biller auf der anderen Seite nicht auszumachen, wohl aber eine allgemeinere Tendenz feuilletonistischen Schreibens: die Veränderung hin zu kürzeren Formen und zur Kolumnisierung der Texte. Die Kolumne an sich erlebte vor allem mit dem Aufkommen sogenannter Lifestyle- oder Zeitgeist-Magazine wie Spex, Tempo oder Max einen regelrechten Boom und ist „mittlerweile in seriösen Tageszeitungen ebenso anzutreffen wie in angesehenen Wochenzeitungen“ 3 , wobei die Texte in ihrem Gestus zwischen Kritik und Dialog, Chanson und Parodie, Skizze und Anekdote, Essay und Polemik changieren. 4 Maxim Biller als Prototyp eines solchen neuen, stark subjektivistisch geprägten literarischen Journalismus ist vielleicht nicht die „gewichtigste, wohl aber die schrillste Stimme aus der Kohorte der um 1960 geborenen Kolumnisten“. 5 Während man deren Artikel inzwischen meist auch als „Best of“- Kollektionen in Buchform nachlesen kann und die literarisch- journalistischen Produktionen damit ständig die medialen Grenzen zwischen Zeitung, Zeitschrift und Buch überschreiten, wenden auch die Autoren selbst sich vermehrt dem literarischen Schreiben zu. Ein (neuer) Trend also vom Publizisten zum Romancier? 1 Schütz: Fliegen des Geistes, S.56 2 Meyer: Bastardliteratur? Über Reporter, Chronisten und Kolumnisten (Feature) 3 Cord Schnibben: Reklamerepublik. Warum Werbung wie Journalismus wird und Journalismus wie Werbung, zitiert nach Schütz: Fliegen des Geistes, S.54 4 vgl. Schütz: Tucholskys Erben, S.102 5 Schütz: Fliegen des Geistes, S.67
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Biller jedenfalls versteht sich ausdrücklich als Journalist und Autor:
„Ich bin beides, Publizist und Schriftsteller. Und wenn ich nur Publizist wäre [...], dann würde ich sofort anfangen, eine eigene Zeitung aufzubauen. Nur, [...] dann würde ich nie mehr eine Erzählung schreiben. [...] Und ich will einfach lieber Erzählungen schreiben.“
Die Kollision dieser beiden Identitäten, also Billers Doppelrolle im Spannungsverhältnis zwischen Journalismus und Literatur, ist Ausgangspunkt und Kern dieser Auseinandersetzung mit dem Phänomen feuilletonistischen Schreibens zwischen den Genres. Ausgehend von einigen biographischen Notizen zum Autor (Kapitel 2), die neben der Einführung in diese Arbeit vor allem in Hinblick auf Billers Postulat der Authentizität (siehe Kapitel 5) eine Rolle spielen, sollen zunächst dessen journalistische Arbeiten vorgestellt werden (Kapitel 3). Dabei handelt es sich hauptsächlich um eine Zusammenfassung und Ergänzung der Ergebnisse meines Co-Referenten Klaus Schirmer, dessen Arbeit sich dezidiert mit Billers Kolumnen auseinandersetzt. Konzentrieren möchte ich mich auf das literarische Schaffen von Maxim Biller (Kapitel 4) sowie auf seine literaturkritischen bzw. literaturtheoretischen Forderungen, welche er in diversen Kolumnen, programmatischen Artikeln sowie Diskussionen zur deutschen Gegenwartsliteratur immer wieder deutlich macht (Kapitel 5). Inwieweit Biller diese poetologischen Konzepte in seinen Erzählungen und Romanen selbst umzusetzen vermag, wird ebenso zu untersuchen sein wie die Frage, ob und auf welche Weise sich journalistisches und literarisches Schreiben bei ihm gegenseitig beeinflussen, einander vielleicht gar bedingen und welche Gemeinsamkeiten, Parallelen und Unterschiede sich in thematischer, methodischer sowie stilistischer Hinsicht ausmachen lassen.
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2 . B I O G R A P H I E U N D W E R K Maxim Biller wird am 25.08.1960 in Prag als Sohn russisch-jüdischer Eltern geboren. 1970 emigriert die Familie infolge der Niederschlagung des Prager Frühlings nach Deutschland. In Hamburg beginnt Biller Neuere deutschen Literatur, Geschichte und Philosophie zu studieren, wechselt 1980 jedoch an die Ludwig-Maximilians-Universität in München, wo er das Studium 1983 mit der Magisterarbeit über Antisemitismus bei Thomas Mann abschließt. Bereits während dieser Zeit macht Biller erste journalistische Erfahrungen, u.a. während einer Hospitanz bei der Wochenzeitung DIE ZEIT unter Fritz J. Raddatz. Von diesem inspiriert, absolviert Biller 1983/84 eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und ist seit 1985 als Journalist für diverse Tageszeitungen und Zeitschriften tätig. Bis 1996 schreibt Biller unter dem Titel „Hundert Zeilen Hass“ Kolumnen für das Lifestyle-Magazin Tempo, an welchem er auch redaktionell mitarbeitet. Eine Auswahl seiner Artikel und Glossen erscheint 1991 in dem Sammelband „Die Tempojahre“. 1996 wird er für seine Kolumne „Warum hast du den Krieg verloren, Großvater“ mit dem Hauptpreis des Europäischen Feuilletons ausgezeichnet. Nachdem Tempo 1996 eingestellt wird, setzt Biller seine Kolumne in der Reihe „Junges Deutschland“ des Wochenmagazins der ZEIT fort, bis auch dieses 1999 nicht mehr herausgegeben wird. Bis er 2001 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung unter dem Titel „Moralische Geschichten“ wieder eine eigene Kolumne bekommt und mit „Deutschbuch“ eine weitere Auswahl seiner Reportagen und Artikel publiziert, wendet sich Biller verstärkt dem literarischen Schreiben zu. Bereits 1990 veröffentlichte er seinen ersten Erzählband „Wenn ich einmal reich und tot bin“. Die schriftstellerische Arbeit wird durch diverse Stipendien unterstützt und gewürdigt: 1991 erhält Biller ein Aufenthaltsstipendium des Berliner Senats, 1992 ein Stipendium für Literatur der Landeshauptstadt München, 1995 schließlich ein Stipendium des Deutschen Literatur-Fonds. Sein zweiter Erzählband „Land der Väter und Verräter“ wird 1994 zudem als beste belletristische Neuerscheinung eines Münchner Autors mit dem Tukan-Preis der Stadt München ausgezeichnet. Nach einem weiteren Band zum Teil bereits herausgegebener Erzählungen („Harlem Holocaust“, 1998) veröffentlicht Biller im Jahr 2000 seinen ersten Roman „Die Tochter“. Ein Jahr später folgt mit „Kühltransport“ das erste Theaterstück des inzwischen in Berlin lebenden Autors. 2003 erscheinen schließlich Billers zweiter Roman „Esra“ 6 sowie „Der perfekte Roman: Das Maxim-Biller-Lesebuch“.
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Die Auslieferung des Romans wurde im April diesen Jahres durch eine Einstweilige Verfügung wegen angeblicher Verletzung von Persönlichkeitsrechten gestoppt. Ein endgültiges Urteil darüber, ob und unter welchen Bedingungen das Buch weiterhin verkauft werden darf, steht allerdings noch aus.
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Astrid Lukas, 2003, Hass, Moral und Hardcore-Realismus. Journalistisches und literarisches Schreiben bei Maxim Biller, Munich, GRIN Publishing GmbH
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