Inhalt
1 Einleitung und Forschungsfragen. 2
1.1 Zur Person 2
1.2 Forschungsfragen. 2
2 Modernisierung und Postmodernisierung 3
2.1 Theoretische Grundlagen 3
2.2 Empirische Überprüfung. 6
3 Wirtschaftliche Entwicklung: Einfluss kultureller vs. ökonomischer Faktoren. 7
4 Fazit 9
5 Anhang: Abbildungen und Tabellen 10
6 Literatur 14
Abbildungs - und Tabellenverzeichnis
Abbildung 1: Materialistische und Postmaterialistische Werte, Quelle: Bunz, 2001 5
Abbildung 2: Postmaterialismus-Index (12-Item-Katalog) 11
Abbildung 3: Positionen einzelner Gesellschaften auf zwei kulturellen
Schl üsseldimensionen: religiöse Einflüsse, Quelle: Inglehart, 1998 11
Abbildung 4: Postmaterialismus in Europa von 1974-1999, Quelle: van Deth, 2001 11
Abbildung 5: Unterschiede in der Bildung, dem beruflichen Presztige und dem
Einkommen der Befragten, Quelle: Inglehart, 1989 12
Abbildung 6: Berufsbezogene Ziele nach Werttyp, Quelle: Inglehart, 1989. 13
Abbildung 7: Liste der untersuchten Länder, Quelle: Inglehart, 1989. 13
Tabelle 1: Mittleres Wirtschaftswachstum nach überlieferten Kulturen von 1965 bis
1984 (in Prozent), Quelle: Inglehart, 1989. 10
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1 Einleitung und Forschungsfragen
1.1 Zur Person
Der amerikanische Politikwissenschaftler Ronald Inglehart hat mit seiner Theorie der „Stillen Revolution“ die international vergleichende Wertewandelforschung seit Anfang der siebziger Jahre maßgeblich geprägt. 1971 veröffentlichte er im „American Political Science Review“ den aufsehenerregenden Artikel „The Silent Revolution“, indem er zum ersten Mal die von ihm beobachteten weltwirtschaftlichen Veränderungen durch seine Theorie des Wertewandels erklärte. 1977 führte er diese Theorie in seinem Buch „The Silent Revolution: Changing Values and Political Styles“ weiter aus und belegte sie mit zusätzlichen empirischen Daten. Darauf folgten in etwa zehnjährigen Abständen die beiden Werke „Cultural Change“ und „Modernization and Postmodernization“, in denen er wiederum neu erhobene Daten zur Untermauerung und Differenzierung seiner Wertewandeltheorie präsentierte. Die empirische Unterfütterung seiner Theorien war für Inglehart von Anfang an von großer Bedeutung. Dies war auch der Grund dafür, warum er von 1970 bis 1990 an den „Eurobarometer“ Surveys mitarbeitete, einer zwei Mal im Jahr durchgeführten repräsentativen Umfrage in allen Mitgliedsstaaten der EU. Seit 1988 ist er außerdem Vorsitzender der „World Values Surveys“, einer weltweit in 65 Ländern durchgeführten Umfrage-Studie, die bisher in drei Wellen (1981/82; 1990/91; 1999-2001) erhoben wurde. In beiden Studien werden aufgrund von Ingleharts Mitarbeit heute Items erhoben, die die laufende Überprüfung von Ingleharts Wertewandel-Theorie ermöglichen.
1.2 Forschungsfragen
In seinen Büchern untersucht Inglehart die Auswirkungen von Modernisierung und Postmodernisierung auf das wirtschaftliche System sowie auf das politische System einer Gesellschaft. Bei dieser Arbeit im Rahmen des Seminars „Wirtschaftssoziologie I“ beschränke ich mich bei meinen Forschungsfragen aus inhaltlichen Gründen jedoch auf die Auswirkungen auf das wirtschaftliche System. Wie bereits Weber sucht Inglehart nach Faktoren, die das Wirtschaftswachstum einer Gesellschaft erklären können. Eng mit diesem Problem verbunden ist deshalb die Frage, ob Webers Thesen in der heutigen Zeit noch immer Bestand haben. Die Forschungsfragen dieser Arbeit lauten demgemäß:
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(1) Welche Faktoren beeinflussen primär das Wirtschaftswachstum einer Gesellschaft? (2) Haben Webers Thesen heute noch immer Bestand oder müssen sie verworfen bzw. modifiziert werden?
2 Modernisierung und Postmodernisierung
2.1 Theoretische Grundlagen
Die zentrale Aussage von Webers Modernisierungstheorie lautet: Das kulturelle System einer Gesellschaft beeinflusst die wirtschaftliche Entwicklung der Gesellschaft. Das kulturelle System der protestantischen Ethik in Nordeuropa und den USA hat demzufolge den Kapitalismus zur Folge gehabt, der wiederum zu einem sprunghaften Wirtschaftswachstum in diesen Ländern führte. Inglehart beobachtet in seiner Studie jedoch, dass in den letzten Jahrzehnten hohe Wachstumsraten nicht nur protestantischen Länder vorbehalten waren. Im Gegenteil: Unter den ersten 20 Ländern mit den höchsten Wachstumsraten von 1965 bis 1984 findet sich kein einziges mit protestantischer Kultur (vgl. Tabelle 1 im Anhang). Er stellt sich deshalb die Frage, ob es länder- bzw. systemübergreifende gesellschaftliche Entwicklungen gibt, die das Wirtschaftswachstum beeinflussen und diese Verschiebung erklären können. In seiner Untersuchung kommt er zu dem Schluss, dass es solche systemübergreifenden - und damit nicht auf protestantische Länder beschränkten - Entwicklungen gibt. Er umschreibt diese Prozesse mit „Modernisierung“ und „Postmodernisierung“. Wie gelangt Inglehart aber zu dieser Annahme?
Ingleharts Modell der Modernisierung
Nach Inglehart besteht die Beziehung zwischen dem kulturellen und ökonomischen System einer Gesellschaft nicht aus einem einseitigen (kulturellen) Determinismus, wie dieser teilweise bei Weber durchscheint. Beide Systeme beeinflussen sich vielmehr gegenseitig, es besteht eine enge Interdependenz. Diese Interdependenz kann sehr gut am Beispiel der traditionalen, d.h. vorindustriellen Gesellschaft erläutert werden, in denen noch traditionale - oft von Religion und Kirche vorgegebene - Werte im kulturellen System vorherrschen. Diese hemmen den sozialen Aufstieg, fördern aber sozialen Zusammenhalt und Stabilität.
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Der produktive Umgang mit Geld ist hier oft als Wucher verschrien. Der Grund hierfür ist im statischen ökonomischen System dieser Gesellschaften verankert: Wenig technologischer Wandel, geringe Wachstumsraten und Subsistenzwirtschaft machen soziale Mobilität zu einem Nullsummenspiel, das hochgradig konfliktgeladen und bedrohlich für die Gesellschaft wäre. Man kann also sehr gut erkennen, dass das wirtschaftliche System einerseits das kulturelle System erklären kann, andererseits aber ebenfalls durch dieses bedingt ist. Kommt es nun zur Industrialisierung einer Gesellschaft und damit zu einer Veränderung des wirtschaftlichen Systems, verändert sich zwangsläufig auch das kulturelle S ystem. Die sprunghafte wirtschaftliche Entwicklung macht plötzlich sozialen Aufstieg möglich, ohne dass hierdurch länger die Gesellschaft bedroht würde. Im Gegenteil: Die hiermit verbundenen, neu aufkommenden individuellen und materialistischen Werte fördern das immer größere Wirtschaftswachstum der Gesellschaft. Den
systemübergreifenden Kern dieser neu aufkommenden Werte beschreibt Inglehart als „Leistungsmotivation“. Das zentrale Element der Modernisierung ist bei Inglehart also nicht mehr länger die protestantische Ethik, sondern ein kultureller Faktor, der sich unter bestimmten Bedingungen auch in anderen - nicht protestantischen Ländern - durchsetzen kann.
Ingleharts Modell der Postmodernisierung
Die Modernisierung und das damit verbundene Wirtschaftswachstum haben Auswirkungen auf die Systemebene. Es kommt - nach einer gewissen Zeit - zu Wohlstand und Prosperität bzw. einer Sättigung der modernen Gesellschaft. Damit kommt es zu einer Risikoverlagerung und einer zweiten Veränderung auf kultureller Ebene, dem oft zitierten Wertewandel. Da der gesellschaftliche Wohlstand nun die Sorge nach persönlicher Sicherheit und Versorgung (Lebensziel: Überleben) immer mehr in den Hintergrund drängt, verlieren materialistische Werte und Leistungsmotivation immer mehr an Bedeutung. Die neuen Lebensziele heißen nun Wohlbefinden und Selbstentfaltung (vgl. Abbildung 1). Gerade in der jungen Generation kommt es auch zu einer Absetzungsbewegung gegenüber den „Tugenden“ der älteren Generationen (Leistung, Pflichterfüllung, Erfolg, Dienst, Ordnung, Pünktlichkeit,...) und zu einer Betonung freiheitlicher und idealistischer Werte. Diesen Wertewandel erklärt Inglehart anhand zweier Hypothesen bzw. der „Theorie des intergenerationellen Wandels“.
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Die (1) Mangelhypothese besagt, dass die Wertprioritäten eines Individuums die sozioökonomische Umwelt reflektieren: Den höchsten subjektiven Wert misst man den Dingen bei, die relativ knapp sind. Die (2) Sozialisationshypothese hingegen bezeichnet die Beziehung zwischen sozioökonomischer Umwelt und Wertprioritäten als nicht regelmäßig: Die Werte eines Menschen spiegeln in hohem Maße die Bedingungen wider, die in seinen Entwicklungsjahren herrschten.
Abbildung 1: Materialistische und Postmaterialistische Werte, Quelle: Bunz, 2001
Während die Mangelhypothese durch die Veränderungen auf der Systemebene (Wohlstand, Prosperität) Verschiebungen der Wertprioritäten erklärt, impliziert die Sozialisationshypothese, dass diese Veränderungen nicht bei allen Individuen auf gleiche Weise wirken. Da Wertprioritäten v.a. in der Sozialisationsphase (d.h. bis zu einem Alter von etwa 20 Jahren) ausgebildet und im Normalfall ein Leben lang beibehalten werden, ist v.a. die jüngere, noch nicht sozialisierte Generation vom Wertewandel betroffen. Der Wertewandel findet also nicht plötzlich und bei allen Menschen der Gesellschaft statt, sondern eher schleichend: die nachkommenden Generationen ersetzen nach und nach die alten, v.a. materialistisch geprägten Generationen.
Diese Entwicklung, die Inglehart als „Postmodernisierung“ beschreibt, hat gemäß seiner Interdependenz-These zwangsläufig auch wieder Auswirkungen auf das wirtschaftliche System: Da die Leistungsmotivation und die materialistischen Werte nach und nach an Bedeutung verlieren, geht auch das Wirtschaftswachstum zurück.
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2.2 Empirische Überprüfung
Um seine Theorie auch empirisch abstützen zu können, entwickelte Inglehart einen 12-Item-Katalog von gesellschaftlichen Zielen, der den Befragten bei den Eurobarometern vorgelegt wurde (vgl. Abbildung 2 im Anhang). Je nachdem, ob die Befragten eines Landes eher die sechs materialistischen Ziele oder die sechs postmaterialistischen Ziele als besonders wichtig empfanden, ergab sich so für jedes Land ein spezieller Postmaterialismus-Index. In den World Values Surveys wurde sogar mit mehr als 100 sehr unterschiedlichen Fragen versucht, die Hauptrichtungen des Wertewandelsprozesses in vielen verschiedenen Ländern zusammenzufassen. Die Ergebnisse beider Studien bestätigen Ingleharts theoretische Überlegungen: Die Zahl der Postmaterialisten stieg in den untersuchten EU-Ländern ab den siebziger Jahren, v.a. aber seit Anfang der achtziger Jahre bis zum Anfang der neunziger Jahre deutlich an. Bis heute war dann eher eine Stagnation und teilweise sogar ein Rückgang der Postmaterialisten zu verzeichnen (vgl. Abbildung 4 im Anhang). Die Analysen der World Value Surveys führten zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass offensichtlich nur zwei Dimensionen ausreichen, um alle Themen des Wertewandels in systemübergreifende Muster einzugliedern (vgl. Abbildung 3 im Anhang): eine „traditionell/säkular-rationale Dimension“ und eine „Überlebens/Selbstentfaltungs-Dimension“. Die erste Dimension entspricht der Entwicklung zur „modernen“ Gesellschaft (von unten nach oben), die zweite Dimension der Entwicklung zur „postmodernen“ Gesellschaft (von links nach rechts). Deutlich zu erkennen ist hier, dass die protestantischen Staaten auf beiden Dimensionen einen eindeutigen „Vorsprung“ vor den anderen Ländern haben. Die katholischen Länder befinden sich auf beiden Dimensionen etwa in der Mitte. Die ostasiatischen (konfuzianistisch geprägten) Staaten sind bereits deutlich im „modernisierten“ Bereich des Schaubilds zu verorten, liegen jedoch bezüglich der Postmodernisierung noch deutlich hinter den protestantischen und den meisten katholischen Ländern. Auch auf der mikrosoziologischen Ebene scheinen sich Ingleharts Prognosen zu bestätigen: Während Postmaterialisten aus einem Vier-Item-Katalog von Berufszielen eher die beiden Ziele „gutes Gehalt“ und „sicherer Arbeitsplatz“ betonen, legen Postmaterialisten mehr Wert auf das „Gefühl, etwas zu leisten“ und „Kollegen, die man mag“ (vgl. Abbildung 6 im Anhang). Ebenfalls empirisch nachweisen kann Inglehart deshalb, dass Postmaterialisten häufig berufliche „Underachiever“ sind. Im Vergleich mit Materialisten beziehen sie trotz durchschnittlich höherer Bildung und
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höherem beruflichen Prestige in den meisten Fällen kein höheres Gehalt (vgl. Abbildung 5 im Anhang).
3 Wirtschaftliche Entwicklung: Einfluss kultureller vs. ökonomischer Faktoren
Wie im vorigen Kapitel herausgearbeitet wurde, haben kulturelle Faktoren (d.h. Werte für Leistungsmotivation bzw. Postmaterialismus in der Gesellschaft) einen deutlichen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Die Frage ist aber, ob dies die einzigen Faktoren sind, die deutlichen und nachweisbaren Einfluss auf das Wirtschaftswachstum haben oder ob es noch andere, v.a. ökonomische Faktoren gibt, die eine ähnlich wichtige oder sogar wichtigere Rolle spielen. Zur Untersuchung dieser Frage beschäftigt sich Inglehart zunächst mit einigen wirtschaftswissenschaftlichen Ansätzen zur Erklärung der wirtschaftlichen Entwicklung einer Gesellschaft. Hier wird verschiedenen allgemeinen ökonomischen Faktoren ein entscheidender und positiver Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung zugesprochen. Inglehart kommt zu dem Ergebnis, dass v.a. zwei ökonomische Faktoren deutliche und positive Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben: die Investitionen in das Humankapital (d.h. Bildungsausgaben) und die Investitionsrate (d.h. Anteil der Investitionen am Bruttosozialprodukt (BSP)). Negativ hingegen wirkt ein hohes anfängliches BSP auf die wirtschaftliche Entwicklung. Dies ist v.a. durch die Tatsache zu erklären, dass unterentwickelte Länder einfacher und kostengünstiger auf Entwicklungen hochentwickelter Länder zurückgreifen können und damit hohe Entwicklungskosten sparen.
Um den relativen Einfluss dieser drei ökonomischen Faktoren auf die wirtschaftliche Entwicklung mit dem Einfluss der bereits untersuchten kulturellen Faktoren zu vergleichen, verwendet Inglehart zwei Indizes: den bereits erwähnten Postmaterialismus-Index (12 Items) sowie einen neuen Leistungsmotivations-Index. Diesen konstruiert Inglehart in Anlehnung an McClelland aus einem Vier-Item-Katalog von Erziehungszielen. Für eine hohe gesellschaftliche Leistungsmotivation spricht demnach die Betonung der Ziele „Sparsamkeit“ und „Entschlossenheit“, für eine geringere Leistungsmotivation die Betonung der Werte „Gehorsam“ und „Religiöser Glaube“.
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Inglehart untersucht nun die Erklärungskraft vier verschiedener Modelle anhand der Daten aus 25 Ländern (vgl. Abbildung 7 im Anhang). Im ersten Modell wird nur die Erklärungskraft der ökonomischen Faktoren in Bezug auf das Wirtschaftswachstum untersucht. Das Ergebnis: 55 % der Varianz der Wachstumsraten können erklärt werden. Im zweiten Modell wird diesmal nur die Erklärungskraft der kulturellen Faktoren in Bezug auf das Wirtschaftswachstum untersucht. Dieses zweite Modell hat eine etwas höhere Erklärungskraft: 59 % der Varianz der Wachstumsraten werden erklärt. Schließlich prüft Inglehart die gemeinsame Erklärungskraft ökonomischer und kultureller Faktoren. Das Ergebnis fällt erwartungsgemäß höher aus als bei den beiden ersten Modellen: die Varianz der Wachstumsraten kann auf diese Weise zu 69% erklärt werden. Durch die Kombination der fünf Faktoren im dritten Modell fallen jedoch zwei der Faktoren unter die Signifikanzschwelle: die Investitionsrate und der Postmaterialismus-Index. Als Erklärung verweist Inglehart auf die hohe positive Korrelation von Leistungsmotivations-Index und Investitionsrate sowie hohem anfänglichem BSP und Postmaterialismus-Index. Bei gleichzeitiger Prüfung der vier Faktoren fallen die jeweils erklärungsschwächeren deshalb unter das Signifikanzniveau. Werden diese nicht mehr signifikanten Faktoren in einem vierten Modell herausgenommen, ergibt sich eine Erklärungskraft von 70 % der Varianz der Wachstumsraten.
Als Ergebnis hält Inglehart deshalb fest, dass folgende drei Faktoren besonders förderlich für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes sind: 1. Hohe Werte für Leistungsmotivation in der Gesellschaft (kultureller Faktor), 2. Hohe Investitionen in das Humankapital (ökonomischer Faktor) und 3. eine geringe anfängliche Höhe des BSP. (In weiteren Tests weist Inglehart dabei dem Leistungsmotivations-Index den größten direkten Einfluss auf Investitionsrate und Wachstumsrate nach.) Liegen diese drei Faktoren vor, ist ein hohes Wirtschaftswachstum demnach sehr wahrscheinlich. Andere Faktoren, wie die übrigen oben bereits erwähnten, könnten bei einer größeren Fallzahl von Ländern durchaus statistisch signifikante Wirkungen aufweisen. Wenn N jedoch nur 25 Länder beträgt und ein beträchtlicher Anteil gleicher Varianz vorhanden ist, wie hier, erreichen wahrscheinlich nur die stärksten Zusammenhänge Signifikanz.
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4 Fazit
Die erste Forschungsfrage wurde bereits im vorigen Kapitel beantwortet. Ausgehend von den obigen Ausführungen ist es nun auch möglich, die zweite Forschungsfrage zu beantworten: Nach Inglehart kann die anfangs erwähnte Beobachtung (20 Länder mit den höchsten Wachstumsraten 1965-1984) erklärt werden, ohne Webers Modernisierungstheorie zu revidieren. Sie muss dazu nur systemübergreifend formuliert und um einige Erkenntnisse erweitert werden:
1. Protestantismus ist nicht der einzige Weg zum Wirtschaftswachstum. Entscheidend ist der Faktor „Leistungsmotivation“ bzw. die Überwindung traditionaler (wirtschaftshemmender) Werte sowie die Förderung des Humankapitals. Die Bedeutung des Faktors „Leistungsmotivation“ auch in nichtprotestantischen Ländern lässt sich gut am Beispiel der beiden konfuzianistisch geprägten Länder Chinas und Japans illustrieren. Während China die technologische und militärische Ü berlegenheit der modernisierten
protestantischen Länder in Nordeuropa und den USA lange Zeit ignorierte, um sich nicht auf das „Niveau von Barbaren“ (Inglehart, 1989, S. 85) herunterzulassen, griff man in Japan schneller die Ideen des Westens auf. Die Leistungsmotivation entsprang hier dem militärischen Ethos der bürokratischen Elite Japans, die sich aus der ehemaligen Kriegerkaste der Samurai rekrutierte. Während im Westen also die traditionale Kultur durch das Zusammentreffen von Industrialisierung und Reformation aufgebrochen wurde, vollzog Japan die gleiche Entwicklung etwas verzögert durch das Zusammentreffen einer Bedrohung von außen mit dem Wertesystem einer gesellschaftlichen Trägergruppe.
2. Kultur ist keine Konstante. Es gibt keinen unveränderlichen Zusammenhang zwischen Protestantismus und wirtschaftlicher Leistung. Durch Anpassungen an veränderte Bedingungen (Wohlstand) kommt es in modernen Gesellschaften zur Postmodernisierung und damit zum Rückgang des Wirtschaftswachstums. Die protestantischen Gesellschaften fallen diesbezüglich hinter die Gesellschaften zurück, bei denen die Modernisierung später einsetzte. Diesen Prozess der Ablösung der protestantischen Staaten von ihren Spitzenpositionen bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklung durch die katholischen und ostasiatischen Länder bezeichnet Inglehart als „Die Stille Revolution“.
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5 Anhang: Abbildungen und Tabellen
Tabelle 1: Mittleres Wirtschaftswachstum nach überlieferten Kulturen von 1965 bis
1984 (in Prozent), Quelle: Inglehart, 1989
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Arbeit zitieren:
Jan Kercher, 2003, Internationaler Wertewandel und Wirtschaftsentwicklung - "Die Stille Revolution" nach Ronald Inglehart, München, GRIN Verlag GmbH
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