1. Einleitung 1
2. Die Stimme des Lehrers. 3
2.1. Stimme als Medium 3
2.2. Bedeutung der Lehrerstimme für die Schüler 5
3. Ein medizinischer Exkurs 6
3.1. Was ist alles an der Stimmproduktion beteiligt? 6
3.2. Wie entsteht Stimme? 7
4. Die beeinträchtigte Stimme. 9
4.1. Unterschiedliche Beeinträchtigungen der Stimme. 9
4.1.1. Organisch bedingte Stimmstörung. 10
4.1.2. Funktionelle Störungen der Stimme. 10
4.2. Auswirkungen von Stimmstörungen. 13
5. Tipps zur Vermeidung von Stimmstörungen (Stimmhygiene) 14
5.1. Bitte nicht räuspern. 15
5.2. Bitte nicht flüstern 15
5.3. Alles was qualmt. 15
5.4. Sehr heiße, sehr kalte und scharf gewürzte Speisen und Getränke 15
5.5. Ausreichend Flüssigkeit trinken 15
5.6. Luft im Klassenraum. 16
5.7. Inhalieren 16
5.8. Medikamente 16
5.9. Haltung des Körpers. 16
6. Tipps zum Sprechen. 17
7. Planungs- und Organisationselemente für den Workshop. 18
7.1. Vorüberlegungen 18
7.2. Aufbau des Workshops 19
8. Exemplarische Übungen zu ausgewählten Bereichen 20
8.1. Haltungsübungen 21
8.1.1. Die physiologische Sitzhaltung 21
8.1.2. Einnehmen der physiologischen Stehhaltung. 22
8.2. Atemübungen 22
8.2.1. Wohin wird geatmet? 22
8.2.2. Hochatmung oder Bauchatmung? 23
8.2.3. Dosierung der Atemluft. 24
8.3. Übungen zur Phonation, Entspannung und Lockerung. 24
8.3.1. Vitalübungen (Gähnen, Seufzen, Summen) 24
8.3.2. Atemwurf. 25
8.3.3. Froeschelsche Kau-Methode 25
8.3.4. Sirenenübung 25
8.3.5. Lockerung 26
9. Reflektion. 26
9.1. Ausblick. 27
10. Literaturverzeichnis 31
KAPITEL 1. EINLEITUNG 1
1. Einleitung
Die Entscheidung, meine Examensarbeit über dieses Thema zu schreiben, fiel während einer Lehrerkonferenz in meiner Schule. Die Vielfalt der anwesenden Stimmen war sehr ausgeprägt. Interessant fand ich die „auffälligen“ Stimmen, d.h. die Stimmen, die besonders leise, schrill oder kratzig waren. I ch überlegte, wie die Besitzer diese Stimmen wohl im Unterricht einsetzten, ob sie sich ihrer Stimme überhaupt bewusst waren und welche Auswirkungen diese Stimmen auf die Schüler ha tten. Dabei kam mir die Idee, mich intensiver mit diesem Thema auseinanderzusetzen.
Dieses Konzept entstand zur Absicherung der fachlichen Seite in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit einem Logopäden, der stimmtherapeutische Erfahrung hat. Es stellt die Grundlage für einen Workshop dar, den ich in naher Zukunft im Lehrerkollegium unserer Schule mit ihm gemeinsam durchführen werde.
Ich selbst bin freiberufliche r Sprecher für diverse Medien, habe aber neben einer Sprecherziehung nicht die Qualifikation (geschweige denn die Intention), Stimmprobleme mit dieser Arbeit zu therapieren.
Mein Schwerpunkt liegt in der Sensibilisierung der Lehrer für ihre Stimme und deren Gebrauch. Ich möchte mit diesem Konzept auf das meiner Meinung nach wichtigste Medium des Lehrers (die Stimme) eingehen und Informationen über ihren möglichen Gebrauch und ihre Grenzen beratend anbieten.
Da die Auseinandersetzung mit dem Thema Stimme innerhalb des Lehramtstudiums in Deutschland an bestimmte Fachrichtungen gekoppelt ist (z.B. Musik, Deutsch, Sport (vgl. Hammann 2000, S. 26)), kommt der überwiegende Teil der Lehramtsstudenten damit nicht in Berührung. Während des Referendariats oder im Berufsleben ist das nicht anders. Somit ist es fast kein Wunder, dass die Anzahl der stimmbeeinträchtigten Lehrer mit 50% bis 70% (vgl. Hammann 2001, S. 29) recht hoch liegt. Viele Lehrer schreiben die Stimmprobleme Erkältungen zu (Symptom rauer Hals etc.), obwohl der falsche Gebrauch der Stimme die eigentliche Ursache darstellt. Zahlreiche HNO-Ärzte verstärken diese Sichtweise durch medikamentöse Behandlung (z.B. Antibiotika), ohne dadurch die Ursache zu bekämpfen und ohne die Patienten an Stimmtherapeute n/Logopäden zu überweisen.
KAPITEL 1. EINLEITUNG 2
Andere Lehrer resignieren und nehmen es hin, dass die Beeinträchtigung oder auch der hin und wieder auftretende gänzliche Verlust der Stimme zum Berufsbild Lehrer dazugehört.
Hier setzt mein Konzept an, denn ich möchte darüber aufklären, wie Stimmprobleme entstehen können und welche Möglichkeiten es gibt, diesen entgegenzuwirken (in Form von Tipps, Hilfen, exemplarischen Übungen oder Weiterleitung an therapeutische Institutionen). Darüber hinaus stelle ich die Bedeutung des Mediums Stimme und deren Wirkung auf die Schülerschaft dar. Mein Ziel ist nicht, dass alle Lehrer eine schön klingende Stimme bekommen. Vielmehr sollen sie dafür sensibilisiert werden, was ihrer Stimme gut tut und was nicht, damit sie eine funktionstüchtige Stimme darstellt.
Dieses Konzept beinhaltet nicht die minutiöse Planung eines Workshops. Der Schwerpunkt liegt in der Auseinandersetzung mit dem Thema, der Bereitstellung sämtlicher Informationen, die zur Durchführung des Workshops nötig sind und einer Verlaufsplanung des Workshops. Somit kann jeder, der dieses Konzept anwenden möchte, aus den vorhandenen Informationen auswählen und seinem Bedingungsfeld angemessene Schwerpunkte anbieten.
Während der Vorbereitung dieses Konzepts wurde mir viel Zustimmung und reges Interesse entgegengebracht. Einer befreundete n Referendarin wurde bereits nach drei Wochen des Referendariats von einem Arzt attestiert, dass sie sich schnellstens in logopädische Behandlung begeben solle oder auf lange Sicht ihren Lehrerberuf vergessen könne. Dieses Beispiel zeigt mir, dass Aufklärung im Bereich „Lehrer und Stimme“ dringend nötig ist. So etwas erst während des Referendariats zu erfahren, ist meiner Meinung nach zu spät.
Die beiden Lehrerqualifikationen Beraten und Innovieren bilden die Grundlage dieses Konzepts. Auch wenn mit Stimmeinsatz im fachlichen Sinne etwas anderes gemeint ist, so verstehe ich unter Stimmeinsatz den Einsatz der Stimme im täglichen Gebrauch.
Auf die weibliche Form der Rechtschreibung verzichte ich zu Gunsten der besseren Lesbarkeit.
KAPITEL 2. DIE STIMME DES LEHRERS 3
2. Die Stimme des Lehrers
Der Lehrer zählt zur Gruppe der Berufssprecher. In diesem Beruf liegt der Schwerpunkt auf dauerhaftem, überwiegend lautem Sprechen. Laut einer Studie von Jackson (vgl. Martin & Darnley 1999, S. 88) haben Lehrer pro Unterrichtsstunde 200-300 Sprechakte. Wenn man das auf einen Arbeitstag hochrechnet, ergeben sich 1200-1800 Sprechanlässe pro Tag, wobei die Pausen und angeschlossene Konferenzen nicht mitgerechnet sind. Die Hälfte dieser Sprechakte findet in hoher Lautstärke (über 80dB) statt. Diese hohen stimmlichen Anforderungen unter schwierigen Arbeitsbedingungen können bei Lehrkräften leicht zu physischen, psychischen und psychosomatischen Problemen führen (vgl. Porsch, S. 1).
Es stellt sich die Frage, warum in anderen Berufssprechergruppen (z.B. Schauspieler) eine Sprech- und Stimmausbildung verpflichtend ist, während das bei Lehrern (trotz ihrer höheren Belastung (vgl. Gundermann 1994, S. 70)) nicht der Fall ist.
2.1. Stimme als Medium
Laut einer Umfrage von Martin (1994, vgl. Martin & Darnley 1999, S. 2) sehen 93% der Lehrer die Stimme als ein wichtiges professionelles Werkzeug an. Es werden ganz unterschiedliche Anforderungen an den Lehrer gestellt, so dass dieser viele verschiedene Stimmen benötigt: als Lehrer ist man Anführer, Richter, Streitschlichter, Tröster, Unterhalter etc. Man muss anordnen, überreden, erklären, ausschimpfen, ermutigen und inspirieren (vgl. Cornish 1995, S. 49). Und das alles mit einer Stimme. Eine Meinungsumfrage zum Stimmverhalten bei Lehrpersonen im Hinblick auf das Schülerverhalten im Unterricht lässt darauf schließen, dass ein Bewusstsein für sprecherische und stimmliche Ausdrucksmittel vorhanden ist. Laut Angaben der Lehrer bewirken sie mit ihrer Stimme bei den Schülern folgendes:
- Steigerung der Aufmerksamkeit und Konzentration
- Motivation durch bewusst eingesetzte Stimmvariation
- Erzeugen von Spannung
- Entspannung durch eine ruhige, sanfte, leise Stimme
- Förderung der allgemeinen Sprechbereitschaft
- Sicherung des Aufgabenverständnisses
- Erwirken von Ordnungsmaßnahmen
(vgl. Barthen 1995 zit. n. Nienkerke-Springer 1997, S. 212)
KAPITEL 2. DIE STIMME DES LEHRERS 4
Auch wenn es sicher noch weitere Einsatzmöglichkeiten der Stimme bei Lehrern gibt, sollte man sich vor Augen führen, dass die Stimme kein genormtes Medium ist, das jeder gleichbedeutend benutzen kann, sondern das „Ergebnis der Person“ (Linklater 2001, S. 16). Physiologisch gesehen ist die Stimme das Ergebnis des Zusammenspiels verschiedener Teile unseres Organismus (nähere Beschreibung erfolgt im medizinischen Exkurs). Was die Stimme jedoch einzigartig macht, ist etwas, das über diese Vorgänge hinausgeht. Es hat mit der Person zu tun, mit dem, was aus ihr hervor klingt. „Per sonare“ - durch den Ton wird der Mensch zur unverwechselbaren, einmaligen Persönlichkeit (vgl. Stengel & Strauch 1996, S. 20). Aus diesem Grund darf man bei der Arbeit an der Stimme nicht die Person außer Acht lassen. Wegen ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität sieht Gundermann die Stimme als ein „biopsychosoziales Phänomen“ (Gundermann 1994, S. 18).
Die Stimme erteilt Auskunft über das Geschlecht des Besitzers, das Alter, die Herkunft, die Stimmung, die Einstellung zur Sache.
Sten Nadolny beschreibt, was beim Reden noch hinzu klingt: „Wer redet, transportiert niemals nur das, was seine Worte bedeuten, sondern auch, was er selbst bedeutet - er erzählt seine eigene Geschichte indirekt mit. Das sollte er nicht fürchten, sondern sogar wollen und zulassen! Nur dann wird er Aufmerksamkeit gewinnen, mehr noch: die Haltung hilft dem Inhalt auf die Beine.“ (zit. n. Nienkerke-Springer 1997, S. 215)
Die Elemente, die noch hinzu klingen, sind die so genannten prosodischen Elemente. Die wichtigsten sind Tempo, Melodie, Lautstärke, Pausen und Akzentuierung. Sie machen den Sprachstil des Menschen individuell. Zum Beispiel beleben sie die Sprache, heben Bedeutungen hervor und unterscheiden Fragen von Aussagen (vgl. Nienkerke-Springer 1997, S. 216). Ohne prosodische Elemente könnte man „Er geht ins Theater“ nicht von „Er geht ins Theater?“ unterscheiden. Der flexible Umgang mit den sprachlichen Ausdruckselementen beeinflusst in großem Maße das Kommunikationsgeschehen im Unterricht. Darüber hinaus dient der flexible Umgang mit Lautstärke, Sprechtonhöhe, Sprechtempo und der damit verbundenen Pauseneinteilung auch der Gesunderhaltung der Stimme. Denn eine aufkommende Heiserkeit kann dazu verführen, permanent zu laut oder zu leise zu sprechen (vgl. Nienkerke-Springer 1997, S. 215).
KAPITEL 2. DIE STIMME DES LEHRERS 5
2.2. Bedeutung der Lehrerstimme für die Schüler
Jeder Mensch wird in seinem Sozialisationsprozess von stimmlichen Vorbildern geprägt, die die Stimme und den Stimmgebrauch beeinflussen. So imitiert ein Säugling Melodie, Rhythmus und Intonation der Umwelt, bevor er überhaupt sprechen kann. Die Nachahmung von auffälligen bzw. beeinträchtigten Stimmen überträgt sich ebenso auf das Kind wie Dialekte und Atemformen. Die Bezugspersonen sind sich eher bewusst, ein Sprachvorbild zu sein, als ein Stimmvorbild (vgl. Nienkerke-Springer 2000, S. 32). So wie Eltern ein Stimm- und Sprachvorbild für ihre Kinder darstellen, gilt das auch für den Lehrer. In statistischen Untersuchungen in den USA wurde festgestellt, dass Jungen eine höhere Grundfrequenz der Sprechstimme aufweisen, da die Elementarschulen überwiegend mit Lehrerinnen besetzt sind (vgl. Gundermann 1994, S. 42). Interessant ist jedoch die Frage, wie Stimmbeeinträchtigungen des Lehrers auf die Schüler wirken. Allgemein bekannt ist folgende Situation: Hat unser Gesprächspartner eine belegte Stimme, fangen auch wir an, uns zu räuspern. Dieser als funktioneller Nachvollzug bezeichnete Effekt zeigt, wie stark wir auf Stimmeigenschaften reagieren (vgl. Eckert & Laver 1994, S. 5). Wenn jedoch Stimmeigenschaften, die normalerweise ein bestimmtes Gefühl ausdrücken, gewohnheitsmäßig verwendet werden, sendet der Sprecher ständig falsche Signale aus. So stellt sich eine ständig überhöhte Stimmlage, mit großer Lautstärke und hörbarer Anspannung der Sprechmuskulatur, dem Hörer als Stress dar - selbst wenn der Sprecher nicht gestresst ist. Die Besonderheit liegt nicht darin, dass der Sprecher falsch eingeschätzt wird, sondern dass beim Zuhörer jenes Gefühl erzeugt wird, das beim Sprecher gar nicht vorhanden ist. Es fällt schwer, sich innerlich zu entspannen, wenn der Gesprächspartner gestresst klingt (vgl. Eckert & Laver 1994, S. 161). So könnte der Lehrer durch den Einsatz seiner derart beeinträchtigten Stimme für Unruhe bzw. Stress in der Klasse mitverantwortlich sein. In diesem Bereich ist jedoch noch einige Forschungsarbeit zu leisten.
Eine Studie von Morton & Watson (2001) beschäftigt sich mit der Auswirkung einer beeinträchtigten Stimme auf die Fähigkeit von Kindern, Gesprochenes zu verarbeiten. Die Studie zeigt, dass sich die beeinträchtigte Stimme negativ auf die linguistische Verarbeitung auswirkt. Die mögliche Begründung ist, dass diese Stimme zusätzliche Ansprüche an den Hörer stellt, so dass dieser weniger Kapazitäten für die Speicherung und das Verstehen zur Verfügung hat. Selbst wenn sich die Schüler vielleicht an die beeinträchtigte Stimme gewöhnen können (dies wurde beim Stottern nachgewiesen), so ist dieses Ergebnis, bezogen auf das Lernen in der Schule, nicht zu vernachlässigen.
Arbeit zitieren:
Frank Becker, 2003, Täglich im Einsatz und doch kaum beachtet - ein Konzept zur Sensibilisierung der Lehrer für ihren Stimmeinsatz, München, GRIN Verlag GmbH
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