Hiermit versichere ich an Eides statt, dass ich die schriftliche Hausarbeit für die Diplomprüfung selbständig, ohne fremde Hilfe, lediglich unter Benutzung der angegebenen Literatur, angefertigt habe.
Ich versichere außerdem, dass die vorliegende Arbeit noch nicht einem anderen Prüfungsverfahren zugrunde gelegen hat.
Ich bin damit einverstanden, dass das zweite Exemplar meiner Diplomarbeit in der Bibliothek ausgeliehen werden kann.
Berlin, den 10.02.2003 Theresa Voigt
Seite I. Einleitung 1
Exkurs nationalsozialistischer Definitionen 5
II. Realität 9
1. Belarus 9
2. Deutsche Besatzungspolitik 1941 - 1944 22
3. Reale Behandlung der Belarusischen Bevölkerung 42
III. Propaganda 44
1. ‘Volksaufklärung’ und Propaganda im III. Reich 48
2. Minsker Zeitung 58
3. Propagandistische Einstufung der Belarusischen Bevölkerung 72
III. Ergebnis 75
Anhang 79
I Anzahl und Nationalitäten der Bevölkerung der BSSR 1941 und 1897 79
II Protokoll einer Staatssekretärssitzung vom 21.5.1941 80
III Wirtschaftspolitische Richtlinien vom 23.5.1941 81
IV Richtlinien für die Führung der Wirtschaft in den neubesetzten Ostgebieten 83
V Schreiben des Generalkommissars in Minsk zur Propaganda vom 12.2.1944 85
VI Definitionen des Brockhaus 1937/1938 86 VII Karten 87
Dokumente des Nationalarchivs der Republik Belarus 89
Ausgewählte Artikel der Minsker Zeitung 92 Bibliographie 99
I. Einleitung
Die British Broadcasting Corporation trat im Herbst 1940 an Thomas Mann mit der Bitte heran, über ihren Sender in regelmäßigen Abständen kurze Ansprachen an das Deutsche Volk zu richten, in denen er Kriegsereignisse kommentieren und eine Einflussnahme auf die Zuhörer versuchen sollte. Im September 1942 schrieb er, als Vorwort für die entstehende Sammlung dieser Reden, folgenden Gedankengang, der notwendigerweise in seiner Gänze wiedergegeben werden muss: „Der Führer hat seiner Verachtung des deutschen Volkes, seiner Überzeugtheit von der Feigheit, Unterwürfigkeit, Dummheit dieser Menschenart, ihrer grenzenlosen Fähigkeit,
sich belügen zu lassen, oft Ausdruck gegeben und nur jedes Mal vergessen, eine Erklärung dafür hinzuzufügen,
wie es ihm gelingt, gleichzeitig in den Deutschen eine zur Weltherrschaft bestimmte Herrenrasse zu sehen. Wie
kann ein Volk, von dem psychologisch feststeht, dass es sogar gegen ihn niemals revoltieren wird, eine
Herrenrasse sein? Ich bitte den Geschichtshelden, diese Frage einmal zwischen zwei Schlachtenplänen einer 1 Genau diese Frage ist es auch, die sich der Autorin in
logischen Prüfung zu unterziehen.“
Betrachtung der belarusischen Situation zur Zeit deutscher Besatzung aufdrängte, da sich hier eine ähnlich ungeklärte Frage auftut. Wie sollte es gelingen, die sich widersprechende Politik der ‚Volksaufklärung’ und Propaganda mit der kriegerischen Realität zu verbinden? Ist dies überhaupt möglich, d.h. können Gründe für diese Widersprüche angegeben werden; Fakten und Geschehnisse, die diese Politik zwar nicht rechtfertigen, sie jedoch ‚sinnvoller’ erscheinen lassen? Der Versuch der Beantwortung dieser Frage wird Aufgabe dieser Arbeit sein.
Die Arbeitshypothese, zu deren Bestätigung oder Widerlegung die vorliegende Arbeit im Schlussteil der Arbeit kommen wird, sagt aus, dass die deutsche Besatzungspolitik den Typus eines Hilfsvolkes für die Belarusen aus rein ökonomischen und kriegspolitischen Gründen konstruierte. Weiterhin, um dies zu präzisieren, geschah dies nur als eine Reaktion auf die sich (für die Deutschen) verschlechternden Kriegsumstände. Wie mit einem möglichen Widerspruch zwischen dem Hilfsvolk-Konstrukt und der Realität umgegangen wurde, ist zwar eine mindestens ebenso interessante Fragestellung, müsste aber in einem anderen Untersuchungskonzept beantwortet werden und kann daher hier nur am Rande behandelt werden. Ein weiterer Punkt, der im Rahmen unserer Arbeit nicht behandelt wird, ist der Partisanenkampf auf belarusischem Gebiet, da sich dieser unseres Erachtens nach lediglich verstärkend auf die zu untersuchenden Faktoren ausgewirkt hat. Ein eigener, andersgearteter
* Mann, Thomas, Deutsche Hörer! Fünfundzwanzig Radiosendungen nach Deutschland, Insel-Verlag, Leipzig 1970, S.30. Diese Radiosendung fand im Juli 1941 statt. 1 Ebenda, S.6.
1
Impuls für unsere Fragestellung war demnach nicht in dem Maße erkennbar, als dass es den zusätzlichen Zeit- und Arbeitsaufwand (zu Kosten anderer Punkte) gelohnt hätte.
Einleitend erscheinen uns einige wichtige Bemerkungen im Allgemeinen zu Belarus und der Forschungslage darüber sowie Erklärungen verwendeter Begrifflichkeiten notwendig. Belarus wurde in der Geschichte der westlichen Wissenschaftslandschaft verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Erste Ausnahmen bildeten dabei Arbeiten von Jäger oder
Engelhardt, die während des I. und II. Weltkrieges entstanden waren 2 und an die sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges die ‚Standardwerke’ von Vakar und Dallin 3 anschlossen. Erst in den letzten zehn Jahren (die Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit dem Reaktorunglück in Tschernobyl nicht inbegriffen) scheint ein beständiges Interesse an Belarus erwacht zu sein.
Eine steigende Anzahl von Arbeiten legt diese Vermutung zumindest nahe 4 . Ein solches Interesse, insbesondere wenn es dauerhaft sein sollte, ist wünschenswert. Es könnte den Mangel eines Überblicks über die Gesamtzusammenhänge sowie die noch immer bestehenden
Lücken im Forschungsstand beheben. 5 Diese Lücken zeigen sich insbesondere in der von uns untersuchten Thematik: von uns wurde keine Arbeit gefunden, die sich mit eben dieser doch
sehr deutlichen Diskrepanz zwischen realer Politik und der Propaganda auseinandersetzte. 6 Kann man zwar auf einigen, schon erwähnten, geschichtswissenschaftlichen Arbeiten zur deutschen Besatzungszeit aufbauen, so mangelt es auf der anderen Seite an Arbeiten über das Pressewesen, speziell im benannten Untersuchungszeitraum und -ort. Es bleibt zu hoffen, dass hier auch in größerem Rahmen (das gesamte ‚Ostland’ betreffend) ein Forschungsinteresse einsetzt; könnte man dies doch insbesondere noch mit den Auswirkungen bis in die heutigen Tage verbinden. Dies könnte den Transformationsforschern vielleicht einen neuen Erklärungsansatz liefern. Man darf daher auf kommende Arbeiten (wie auch auf hilfreiche Übersetzungen belarusischer oder russischer Forschungen für sprachunkundige Forscher) gespannt sein. Hierbei muss erwähnt werden, dass von der Autorin aus gleichem Grund keine
2 Vgl.: Curschmann, Fritz, Die Weißruthenen; Jäger, Walther (Hrsg.), Weißruthenien, 1919; Engelhardt, Eugen Freiherr von, Weißruthenien, Berlin 1943; Rhode, G, Die Weißruthenen; Scheibert, P, Der weißruthenische politische Gedanke; Vaatz, A, Baltikum und Weißruthenien, alle zitiert nach: Siebert, Dana, Bäuerliche Alltagsstrategien in der Belarussischen SSR (1921-1941). Die Zerstörung patriarchalischer Familienwirtschaft, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1998, S.24.
3 Vakar, Nicholas P., Belorussia - The Making of a Nation, Harvard University Press, Cambridge 1956; Dallin, Alexander, Deutsche Herrschaft in Rußland, Düsseldorf 1958.
4 Vgl. u.a. die Arbeiten von: Bernhard Chiari, Rainer Lindner, Heinz Timmermann, Christian Gerlach, Martin Dean, Dirk Holtbrügge, Dietrich Beyrau, Jan Zaprudnik. Ein intensiv beforschtes Feld, welches hier auf Grund der Thematik überhaupt nicht berücksichtigt wurde, ist die Transformationsforschung. Dazu vgl. u.a. die diversen Aktuellen Analysen oder Berichte des Bundesinstituts für Osteuropäische Studien BIOST, http://www.biost.de.
5 Selbst Gerlach, der eine der jüngsten, und sehr ausführlichen, Arbeiten geschrieben hat, bestätigt diesen Wunsch. Gerlach, Christian, Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944, Hamburger Edition, Hamburg 2000.
6 Mit der Einschränkung des deutschen, englischen und französischen Sprachraumes.
2
russisch- oder belarusischsprachigen Texte verwendet wurden. Dies stellt sicherlich ein Manko dar, konnte jedoch im Rahmen einer Diplomarbeit nicht behoben werden.
Ein auffallender Punkt in Arbeiten über Belarus ist die sehr variierende Benennung des Landes und deren Erklärung. In den meisten wissenschaftlichen Arbeiten heißt es dazu bis
heute, dass die Herkunft des Landesnamen weitgehend ungeklärt sei. 7 So wurde u.a. schon von der Belaja Rus, Belorussija, Belaja Rossija, Belorussland, Weißrußland oder gar von
Weißruthenien 8 gesprochen. Die Deutung dieser ‚Weißen Rus’ reichen von weiß wie frei (in altslawischen Sprachen) bis zum weiß als Gegensatz zur Kiever und der Schwarzen Rus. Diese Herkunftsdiskussion hat gerade nach der Unabhängigkeit 1991 wieder ein neues
Gewicht erhalten; wir wollen darauf jedoch nicht näher eingehen. 9 Wir verwenden, wie inzwischen auch in dem Großteil der veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten neueren Datums, den heutigen offiziellen Landesnamen Belarus. In den originalen Dokumenten verbleibt natürlich die dort gebräuchliche Bezeichnung.
Ein weiterer zu klärender Sachverhalt bezieht sich auf die Frage nach dem einzugrenzenden Untersuchungsgebiet. Gerade wenn man seinen Untersuchungszeitpunkt vor 1945 wählt, stellt dies einen wichtigen und oft auch problematischen Punkt dar. Für unsere Untersuchung wird
als territoriale Basis Belarus in seinen heutigen Grenzen 10 gewählt. Gerlach führt zu dieser Problematik aus, dass es „eines der größten Forschungsprobleme [sei], dass sich die Historiker außerhalb Weißrußlands und der Sowjetunion meist nach den deutschen Verwaltungseinteilungen richteten und deshalb
allenfalls das GK Weißruthenien betrachteten.... Dies führte zu Unkenntnis, Verengung der Fragestellungen und
verzerrten Schlußfolgerungen“, da der Großteil des heutigen Belarus schließlich außerhalb der
Grenzen des Generalkommissariats lag. 11 In dem weitestgehend einheitlichen belarusischen Sprachraum machte die Propaganda schließlich auch nicht an der Kommissariatsgrenze halt.
7 Vgl. u.a.: Harder, Hans-Bernd, Humanismus in Weißrußland. Ein Aufriß des Problems, in: Scholz, Friedrich (Hrsg.), Weißrußland und der Westen - Beiträge zu einem internationalen Symposium in Münster vom 3.-6.Mai 1990, Dresden University Press, Dresden 1998, S.189.
8 Dana Siebert meint dazu: „Die eigentlich beste Bezeichnung „Weißruthenien“ ist zu belastet, um noch Verwendung zu finden und wirkt heutzutage zudem etwas verstiegen.“, in: Siebert (1998), S. 24.
9 Gerade die seit 1991 verstärkt geführten Untersuchungen zur belarusischen Nation und Geschichte beziehen sich immer wieder auf die Herkunft des Namens, welcher heute oft als Abgrenzung zu oder Annäherung an Russland verwendet wird. „Whatever the source of this name, it is clear that it is very old and originally corresponded to the territory where the ancestors of Belarusians lived and where the modern Republic of Belarus is situated.“ in: Reshatau, Jauhen, Notes from the History of Belarus from ancient times to the present moment, Minsk 1994, http://www.belarusguide.com/historyI/history.html, Oktober 2002.
10 Diese Grenzen unterscheiden sich von denen vor dem deutschen Angriff nur insofern, als „dass damals auch das Gebiet um Białystok und Łom a dazugehörte, das die Sowjetunion 1944 an Polen zurückgab...und das Ŝ
heute üblicherweise mit der deutschen Besatzungspolitik in Polen abgehandelt wird.“, in: Gerlach (2000), S. 23.
11 Ebenda, S.13.
3
Die Arbeit untergliedert sich in zwei Hauptteile, welche die Realität und andererseits die Propaganda behandeln. Dabei wird im ersten Teil, da er sich zur besseren Erklärbarkeit der von den Deutschen bei ihrem Einmarsch vorgefundenen Verhältnisse zuerst mit der Geschichte Belarus befasst, ein historisches Übergewicht nur schwer zu vermeiden sein. Zu viele Faktoren müssen erwähnt werden, um die deutschen Anleihen an die Vergangenheit verstehen zu können. Eine Bewertung hinsichtlich der realen Behandlung der einheimischen Bevölkerung durch die Besatzer wird den ersten Teil abschließen. Dass dieser geschichtliche Teil von immenser Bedeutung ist, betont auch Gorr: „Der Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz öffentlicher Diskurse als mögliche Verführung oder Funktionalisierung vorhandener Bedürfnisse kann nicht
nachgegangen werden ohne Hereinnahme der Kenntnisse ihrer Umstände, das haben die Theoreme zum Diskurs
wie die wissenssoziologisch kategorisierten gesellschaftlichen Vorgänge deutlich gemacht. Deshalb müssen dazu
die gesellschaftlichen Voraussetzungen, auf die sich eine willkürliche, zweckgerichtete, diktatorische
Meinungsmanipulation bezieht, skizziert werden, - es geht dabei vor allem um jene Voraussetzungen, von denen 12
die propagandistische Politik des NS-Staates direkt oder indirekt profitierte und auf die sie sich bezog.“ Der zweite Teil widmet sich der Propaganda. Hierzu werden zuerst einige Propagandamodelle behandelt, bevor eine kurze Darstellung der Presse des III. Reiches und einer Verortung der Minsker Zeitung in diesen Strukturen gegeben wird. War Propaganda lange Zeit nur in Verbindung gebracht worden mit diktatorischen oder totalitären Systemen, erkannte man schließlich deren Bedeutung auch für die demokratisch organisierten Staaten. Doch bleibt die Propaganda noch immer besonders für die Untersuchung von totalitären Staaten von entscheidender Bedeutung. Denn sprachliche Äußerungen sind im öffentlichen Raum als
solche auch immer politisch, „weil sie die Wirklichkeit gestalten und prägen“ 13 . Nationalsozialistischer Propaganda kann man sich diskurstheoretisch nähern, um hierbei eine mögliche Dialektik von textuellen und gesellschaftlichen Strukturen aufzudecken, oder aber diskursanalystisch, um durch die Erkenntnis der zum Ausdruck kommenden Forderungen eine
Freilegung der gesellschaftlichen Strukturen zu erreichen. 14 Wir werden den ersten der erwähnten Weg gehen. Wurden die gesellschaftlichen Strukturen im vorhergehenden Kapitel ausführlich geschildert, so dass ein Bild der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen geliefert werden konnte, werden im dritten Kapitel unserer Arbeit die textuellen Strukturen der ausgewählten Artikel der Minsker Zeitung detailliert untersucht. Wir wollen somit zu einem Ergebnis im Hinblick auf die propagandistische Behandlung der Belarusen, oder im deutschen Sprachverständnis: der Weissruthenen, gelangen. Diese diskurstheoretischen Zugänge lassen sich gerade hier gut integrieren, da man „vom Text zum Diskurs [nur] über die Frage
12 Gorr (2000), S.60.
13 Ebenda, S.57.
14 Ebenda.
4
15 gelangt, und dieser Hintergrund genauso wie die
nach der Aufgabe und Entstehung eines Textes“ Propaganda selbst Gegenstand unserer Untersuchung ist,.
Abschließend werden wir die Teilergebnisse gegenüberstellen, um unsere Arbeitshypothese zu überprüfen. Da die Entscheidung zwischen ‚Hilfsvolk’ oder ‚Untermenschen’ letztlich auch eine Frage der Macht über dieses Volk ist, soll dieser Punkt abschließend auch noch kurz gestreift werden. Hierzu werden die realen Machtverhältnisse zwischen Diskursgestalten (Deutsche) und Diskurszielen (Belarusen) anhand der gewonnenen Ergebnisse untersucht werden
Exkurs nationalsozialistischer Definitionen
Wollen wir in unserer Arbeit ‚Untermenschen’ oder ‚Hilfsvölker’ untersuchen, so muss an
dieser Stelle kurz auf die nationalsozialistischen Rassentheorien 16 eingegangen werden.
· Rassen
Das Gesetz des Lebens ist der Kampf ums Dasein. Diese darwinistische Grundformel machten sich die Nationalsozialisten zu eigen. Es geht nicht mehr um „Schlacht im kriegerischen Sinn, sondern um Kampf im biologischen Sinn“, um eine Selektion des Stärksten und die Bewahrung
der am besten angepassten Rasse 17 . Die staatliche und biologische Idee der Reinheit der Rasse löste schließlich den Kampf der Rassen ab. 18 Im Nationalsozialismus sollte schließlich der Staatsrassismus den biologischen Rassenschutz garantieren. Die einzelnen Rassen wurden in der NS-Ideologie u.a. durch die Art ihres Kampfes unterschieden. Fischer, ein Anthropologe nationalsozialistischer Couleur, definierte Rassen als Gruppen von Menschen mit bestimmten, bei ihnen reinerbig vorhandenen Erbanlagen, die
anderen Rassen fehlen würden. 19 Drei Typen wurden nun unterschieden in Kuli- oder
15 Ebenda, S.38. Hervorhebungen Theresa Voigt (im Folgenden Th.V.); „Es geht nicht darum, den Sinn der Geschichte zu entdecken, sondern tatsächliche historische Verläufe (Diskurse) und ihre Regularitäten, Formen, Strukturen aufzudecken oder allenfalls darum, ‚die Sinne’, die die Menschen ihrem Tun und Sein unterstellen und das jeweilige Bewusstsein und Wollen der Menschen zu entdecken. Doch nicht zuletzt geht es darum, sich damit kritisch und in der Absicht, menschliche Verhältnisse zu verbessern, auseinanderzusetzen.“, in: Jäger, Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung, 1993, S.222, zitiert nach: ebenda, S.40.
16 „Die Rassenlehre war die entscheidende geistige Grundlage des Nationalsozialismus. Sie war nicht der Grund zu seiner Machtergreifung[...]. Aber seine Rassenlehre war das Ziel dieser Macht, und durch sie in erster Linie glaubten die Nationalsozialisten ihre Macht für alle Zeiten [...] erhalten zu können.“, in: Saller, Karl, Die Rassenlehre des Nationalsozialismus in Wissenschaft und Propaganda, Progress-Verlag, Darmstadt 1961, S.9. Vgl. hierzu auch die Definitionen des Brockhaus von 1937/1938 im Anhang VI dieser Arbeit.
17 Foucault, Michel, Vom Licht des Krieges zur Geburt der Geschichte, Merve Verlag, Berlin 1986, S.49f.
18 Sobald sich die Reinheit der Rasse an die Stelle des Kampfes der Rassen setzt, wird der Rassismus geboren, in dem sich die Wendung der Gegenhistorie in einen Staatsrassismus vollzieht.[...]Der Rassismus ist buchstäblich der revolutionäre Diskurs - aber umgedreht. In: ebenda, S.50f.
19 Vgl. Saller auch allgemein zur Entwicklung der ns-Rassenideologie. Saller (1961), S.37.
5
Fellachenrassen 20 , Parasiten 21 sowie die Herren- und Kriegerrassen, deren bedeutendste Form die nordische Rasse sei 22 und die „ein Recht darauf [hat], die Welt zu beherrschen“. 23 Die Nürnberger Rassengesetze, insbesondere das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre vom 15.9.1935, stellte eine wichtige Grundlage der Rassenpolitik
dar. 24 In der ‚Rassenpolitik’, 1943 vom Reichsführer SS/SS-Hauptamt herausgegeben, wird rassisch niederen Völkern so die Fähigkeit abgesprochen, eine hochwertige Kultur zu entwickeln; außerdem hätten solche Völker keine Geschichte. Dies sei nur natürlich, denn
dazu hätten diese auch nicht die notwendige Courage. 25
Nach der NS-Lehre konnte ‚Gemeinschaft’ nur aus der Gemeinschaft der Rassegleichen bestehen; rassen-ungleiche Personen hatten an ihr keinen Anteil: dies ist das Prinzip der
rassischen oder ‚völkischen’ Ungleichheit der Menschen. 26 Das Wesentliche der NS-Rassenlehre liegt nun aber nicht in der Behauptung von der Verschiedenheit der Rassen, sondern in der Folgerung des Rechtes der stärkeren Rasse zur Herrschaft kraft Schicksal oder
Naturgesetz. 27
· Weissruthenen
Von allgemeinen Vorgaben der nationalsozialistischen Rassenkunde her ist die eher positive politische Einschätzung der Belarusen kaum zu begründen. So wurden sie als Mischform ‚ostbaltischer’ und ‚osteuropider’ Rassen definiert, was nicht unbedingt als vorteilhaft gewertet wurde. Am 12.9.1940 war von Himmler, in seiner Funktion als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums, bestimmt worden, Weißruthenen könnten wie Russen, Tschechen u.a. nach individueller Überprüfung ‚eingedeutscht’ werden. Dies wurde durch
20 Unter der Fellachenrasse ist die Mehrheit der Erdbevölkerung, das Gros der Farbigen aus Asien und Afrika sowie das ‚ostbaltisch-ostisch-innerasiatische Volkstum Russlands’ zu verstehen.
21 Dazu zählte das Judentum.
22 Das deutsche Volk sollte deren ‚Vorvolk’ darstellen. In: Zimmermann, K., Die geistigen Grundlagen des Nationalsozialismus. Das Dritte Reich. Bausteine zum neuen Staat und Volk, Leipzig 1933, S.73ff., zitiert nach: Hellfaier, Detlev, Versen, Johannes (Hrsg.), Antisemitismus Judenverfolgung Endlösung, Selbstverlag der Lippischen Landesbibliothek, Detmold 1989, S.17.
23 Äußerung Hitlers zu Otto Strasse am 21.5.1930, zitiert nach: Wilenchik, Witalij, Die Partisanenbewegung in Weissrussland 1941-1944, in: Historische Veröffentlichungen / Osteuropa-Institut an der Freien Universität Berlin (Hrsg.), Forschungen zur osteuropäischen Geschichte, Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1984, Band 34, S.179.
24 Hier spricht man davon, dass „die Reinheit des deutschen Blutes die Voraussetzung für den Fortbestand des Deutschen Volkes ist...“ und bezieht diese Reinheit quasi als ‚Einleitung’ auf die Abgrenzung zu den Juden. Das Zitat in: Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre (15.09.1935), Reichsgesetzblatt 1935 I, S. 1146-1147, zitiert nach: documentArchiv.de (Hrsg.), http://www.documentArchiv.de/ns/nbgesetze01.html, Dezember 2002.
25 „Races that do not have the courage to make history have no history.”, Der Reichsführer SS/SS-Hauptamt, Rassenpolitik, Berlin 1943, in: http://www.calvin.edu/academic/cas/gpa/rassenpo.htm, Dezember 2002 (Ausschnitte in englischer Übersetzung), S.6.
26 Majer, Diemut, „Fremdvölkische“ im Dritten Reich, Schriften des Bundesarchivs, Harald Boldt Verlag, Boppard am Rhein 1981, S.83.
27 Ebenda, S.84.
6
einen Erlass des Ostministeriums vom 13.7.1942 noch einmal bekräftigt. Dass jedoch der sogenannte Rassestandpunkt nach den jeweiligen politischen Notwendigkeiten ausgerichtet wurde, bekräftigt Gerlach und fügt einen Vorschlag des Militärverwaltungschefs bei der Heeresgruppe Mitte als Beispiel an. So solle die NS-Rassenlehre abgewandelt werden, um
den Nationalsozialismus nach Russland exportieren zu können. 28 Den relativ positiven Wertungen widersprachen allerdings Bildern von Zurückgebliebenheit
und Primitivität, welche schon vor der deutschen Besetzung verbreitet wurden. 29 Dieses Bild, den deutschen Soldaten weitgehend eingeimpft und auf schon vorhandene Vorurteile aufbauend, sollte sich als ‚richtig’ herausstellen: der Anblick von Ausgebombten, Flüchtlingen, der Plünderung ausgesetzten Bauern und der vorhandenen Armut erzeugten u.a. folgende, typische Äußerung: „Wenn du dieses dreckige Volk hier siehst und diese erbärmlichen Verhältnisse, dann kriegst Du das gruseln.“ 30 Im Erlass über die „Behandlung der europäischen Völker“ vom 15.2.1943 hingegen heißt es, da „jede Kraft des europäischen Kontinents, also auch vor allem der Ostvölker...in den Kampf gegen den jüdischen Bolschewismus eingesetzt“ werden müsse, verbiete es sich, „diese Völker, insbesondere die Angehörigen der Ostvölker...herabzusetzen und in ihrem inneren Wertbewusstsein zu kränken“ oder die künftige Neuordnung Europas in einer Weise darzustellen, „aus der die Angehörigen fremder Völker den Eindruck gewinnen könnten, als ob die deutsche
31
Führung sie in einem dauernden Unterwerfungsverhältnis zu halten beabsichtige.“
· Herrenvolk
Die Deutschen waren die Herrenrasse, das Herrschervolk, und die Unterworfenen endeten meist in der absoluten Rechtlosigkeit. „Nie werde ich daher anderen Völkern das gleiche Recht wie den
28 Russland hätte diese ‚Unterstützung’ durch deutsches Gedankengut jedoch mit wirtschaftlichen Zugeständnissen zu bezahlen. Äußerung von Tesmer in: Erfahrungsbericht Militärverwaltung Mitte, zitiert nach: Gerlach (2000), S.100.
„In der Ostpolitik müssen wir - das ist auch schon mit dem Führer abgestimmt - eine Umstellung unserer Propaganda und Politik vornehmen. Die bisherige Propaganda und Politik war darauf abgestellt, dass wir den Ostraum denkbar schnell in unseren Besitz nehmen würden. Diese Hoffnung ist ja nicht in Erfüllung gegangen. Wir müssen uns also hier auf eine längere Aktion einstellen und sind deshalb gezwungen, unsere Parole und auch unsere Politik in grundlegenden Dingen zu ändern.“ 24.2.1942, in: Lochner, Louis P. (Hrsg.), Goebbels Tagebücher. Aus den Jahren 1942-43, zitiert nach: Longerich, Peter, Propagandisten im Krieg - Die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes unter Ribbentrop, R.Oldenbourg Verlag, München 1987, S.93.
29 „Rassisch wesentlich einheitlicher [als Russen und Ukrainer], allgemein viel weniger begabt, kulturell viel stärker zurückgeblieben und ökonomisch geradezu ein ideales Ausbeutungsgebiet[...]seien die Weißrussen in ihren vorwiegend waldigen und sumpfigen Siedlungsgebieten“, Peter-Heinz Seraphim, Das Judentum im osteuropäischen Raum,1938; „Die Weißruthenen sind das rückständigste, ärmste Bauernvolk diesseits des Urals“, so die Dienststelle Rosenberg. Beide zitiert nach: Gerlach (2000), S.101.
30 Feldpostbrief vom 6.7.1942, Raum Polozk, zitiert nach: Gerlach (2000), S.102. 31 Zitiert nach: Longerich (1987), S.99.
7
Deutschen zuerkennen. Unsere Aufgabe ist es, die anderen Völker zu unterwerfen. Das deutsche Volk sei 32
berufen, die neue Herrenschicht abzugeben.“
· Hilfsvolk
Für den Terminus der Hilfsvölker findet sich bei den Nationalsozialisten keine genaue Definition. Trotzdem soll er von uns verwendet werden, um einen Gegensatz zu den ‚Untermenschen’ zu schaffen, die sich allein aus dem Begriffsverständnis heraus noch unter das Herrenvolk der Deutschen stellen lassen. Steht hilfreich für fördernd oder nützlich, Hilfe gar für Beistand oder aktive Anteilnahme, helfen für unterstützen, förderlich sein, so wollen wir ‚Hilfsvolk’ nicht als ein Volk verstanden wissen, welches Beistand leistet, sondern welches ‚nützlich’, ‚förderlich’ und ‚unterstützend’ für die eigene (deutsche) Politik sei.
· Untermenschen 33
Eine wissenschaftliche Definition des Begriffes ‚Untermensch’ kann es nicht geben, da ein solches Etwas im eigentlichen Sinn seines Wortes gar nicht existiert. Deshalb können zu einer Erklärung, was in nationalsozialistischer Ideologie darunter verstanden wurde, auch nur Worte aus dieser Zeit beitragen. In diesem Zusammenhang ist ein SS-Propagandaheft zu
erwähnen, welches mehr als vier Millionen 34 mal in Deutschland verteilt worden war. Die Rede ist von der Broschüre „Der Untermensch“. Darin werden alle Völker des Ostens als
„filthy, mongoloid, animalistic trash“ 35 bezeichnet. Es ist bezeichnend, dass sich Goebbels für eine Unterbindung der weiteren Verbreitung dieser Schrift einsetzte, sah er doch die fatalen Auswirkungen, die diese Propaganda insbesondere im Hinblick auf die Ostarbeiter bewirkte. Der Inhalt des ‚Untermenschen’ ließ sich nicht auf das Reich beschränken und war bald auch in den besetzten Ostgebieten bekannt und stand hier diametral zur angepriesenen Chance der angeworbenen Arbeiter im Reich. Im Frühjahr 1943 war die Propagandaschrift im Reich schließlich rar geworden. Die 1934er (und 1942 wiederholte) Ausstellung „Das Sowjet-Paradies“, in der die Besucher über die „dreadful conditions“ in der Sowjetunion unterrichtet
werden sollten 36 , kann sich ideologisch durchaus mit dem „Untermenschen“ messen.
32 Rauschning, Hermann, Gespräche mit Hitler, zitiert nach: Gruchmann, Lothar, Nationalsozialistische Großraumordnung - Die Konstruktion einer „deutschen Monroe-Doktrin“, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 4/1962, S.74.
33 „Die Drohung des ‚Untermenschen’ gehört zu jenen kategorischen und apokalyptischen Visionen der NS-Rassepropaganda, die zur Legitimation von Gewalt und Abschreckung für Verbrechen bereitgehalten wird.“, in: Gorr (2000), S.111.
34 Gerlach (2000), S.100. Vgl. hier auch weitere Literaturangaben zu dieser Thematik.
35 Zitiert nach: Herzstein, Robert Edwin, The war that Hitler won - The most infamous propaganda campaign in history, Hamish Hamilton, London 1978, S.365f.
36 „The present Soviet state is nothing other than the realization of that Jewish invention.” Die Ausstellung erzählt über “the gray misery of daily life” und “primitive conditions”. Ebenso wie die zwei folgenden Zitate in: Das Sowjet-Paradies. Ausstellung der Reichspropagandaleitung der NSDAP. Ein Bericht in Wort und Bild,
8
„Wherever one looks“, heißt es hier, „there is poverty, misery, decay and hunger.“ Die Broschüre gibt zum Abschluss noch folgendes mit auf den Weg: „Our battle is to free the East...and to save Europe from the nightmare that has threatened it for millenia.“
Lassen wir abschließend zu diesem Punkt noch das SS-Hauptamt zu Wort kommen: „Jene biologisch scheinbar völlig gleichgeartete Naturschöpfung mit Händen, Füßen und einer Art von Gehirn, mit
Augen und Mund, ist doch eine ganz andere, eine furchtbare Kreatur, ist nur ein Wurf zum Menschen hin, mit
menschenähnlichen Gesichtszügen - geistig, seelisch jedoch tiefer stehend als jedes Tier. Im Inneren dieses
Menschen ein grausames Chaos wilder, hemmungsloser Leidenschaften: namenloser Zerstörungswille,
primitivste Begierde, unverhüllteste Gemeinheit. Untermensch - sonst nichts! Denn es ist nicht alles gleich, was Menschenantlitz trägt.“ 37
II. Realität
1. Belarus
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einem wichtigen Teil der belarusischen Geschichte: der Zeit der deutschen Besatzung im II. Weltkrieg von Mitte/Ende Juni 1941 bis
Anfang Juli 1944 38 .
Das Gebiet von Belarus war auf Grund seiner geographischen Lage und Merkmale das Durchmarschgebiet in Richtung Moskau. Daraus ergab sich folgendes: Ein amerikanischer Beobachter nannte Belarus im Jahr 1946: „the most devasted territory in the world“ und schreibt weiter: „the ruins extend over the length and breadth of thousands of square miles ... Minsk itself is 80 per cent destroyed … Vitebsk is 95 per cent destroyed” 39 . Den Auswirkungen dieses Krieges versucht die Gedenkstätte in Chatyn, dem Dorf, welches 1943 von den deutschen Besatzern verbrannt wurde, symbolisch zu begegnen: drei Birken stehen hier für die überlebenden Einwohner und eine Flamme brennt für ein weiteres Viertel der belarusischen Bevölkerung, die während
dieses Krieges ums Leben kamen. 40
Zentralverlag der NSDAP, Berlin 1942, in: http://www.calvin.edu/academic/cas/gpa/paradise.htm, Dezember 2002 (Ausschnitte in englischer Übersetzung)
37 Saller (1961), S.134.
38 Die Besetzung von Minsk durch deutsche Truppen erfolgte am 27. Juni 1941, dessen Räumung am 2./3. Juli 1944; Abschlußbericht des Stadtkommissars von Minsk, Becker, vom 27. Juli 1944 an den Generalkommissar von Weißruthenien, Kurt von Gottberg, über die Räumung der Stadt Minsk am 2./3. Juli 1944, in: Kohl, Paul, Der Krieg der deutschen Wehrmacht und der Polizei 1941-1944. Sowjetische Überlebende berichten, Geschichte Fischer, Frankfurt am Main 1995, S.242.
39 Zitiert nach Vakar (1956), S.209. Leider scheint es hier, zumindest in dieser Ausgabe, einen Fehler in seiner Fußnotenbelegung zu geben, so daß die eigentliche Quelle dieser Angabe nicht erkenntlich ist.
40 Ausgehend von einer Bevölkerungszahl von 10,6 Millionen (1939) wurden ca. 2,2 Millionen Zivilisten und Kriegsgefangene ermordet. Gerlach (2000), S.11. Er bezieht sich auf die zusammengefassten Angaben der staatlichen sowjetischen Untersuchungskommission.
9
Die Geschichte Belarus kann uns helfen, die Politik der Deutschen Besatzer und damit das
schreckliche Ergebnis dieses Krieges besser zu verstehen. 41 Denn die deutsche Besatzungspolitik und Propaganda setzte nicht im luftleeren Raum, sondern an präzisen Punkten des belarusischen Lebens an. Hier zeigt sich jedoch eine Problematik bezüglich einer Polarisierung und „Neuschreibung“ der belarusischen Geschichte, die sich auch (und vor
allem) nach 1991 fortgesetzt hat. 42 Auf diese Diskussion kann hier jedoch nur hingewiesen werden.
a) Die Geschichte der Region bis 1941 43
Im 9. Jahrhundert entstand die Kiever Rus, der erste Slawische Staat, der aufgeteilt war in kleinere Fürstentümer. Eines davon, Polack, kann als Kern des späteren Belarus angesehen werden. Im Laufe des 13. Jahrhundert gingen große Teile der Kiever Rus an Litauen. Der so entstandene Staat war das Großfürstentum Litauen, dessen offizielle Sprache als ein Vorläufer des heutigen Belarusisch und Ukrainisch angesehen wird. Durch die Union von Krevo 1385, basierend auf der Heirat des Litauer Großfürsten mit der polnischen Königin, kam es zu einer Konföderation zwischen Polen und dem Großfürstentum Litauen, welche 1569 durch die Union von Lublin in die ‚Rech Paspalitaya’ - was soviel wie gemeinsamer Staat bedeutete -umgewandelt wurde. Kurze Zeit später, 1596 durch die Union von Brest, entstand die Unierte Kirche, eine Vereinigung der Römisch-Katholischen mit der Orthodoxen Kirche, der im Laufe der Zeit die Mehrheit der belarusischen Bevölkerung angehören sollte. Diese Zeit des
14. bis 16. Jahrhunderts wird oft auch als das Goldene Zeitalter der Belarusischen Kultur
bezeichnet. 44
Im Zuge der drei Teilungen der ‚Rech Paspalitaya’ in den Jahren 1772, 1793 und 1795 kam das Gebiet der heutigen Belarus fast vollständig an das Russische Reich. Dies markiert einen
41 „Fast alle Arbeiten zur deutschen Besatzungspolitik im Osten kranken daran, dass sie der Vorgeschichte zu wenig Gewicht beimessen.“ In: Wilhelm, Hans-Heinrich, Die Rolle der Kollaboration für die deutsche Besatzungspolitik in Litauen und „Weißruthenien“ - Konzepte, Praxis, Probleme, Wirkungen und Forschungsdesiderata, in: Röhr, Werner ( Hrsg.), Okkupation und Kollaboration (1938-1945), Europa unterm Hakenkreuz, Hüthig Verlagsgemeinschaft, Berlin, Heidelberg 1994.
42 „Die Polarisierung der belarussischen Geschichtsschreibung in zwei Lager - früher: das sowjetische und das nationale im Exil - hat auch in... der R spublika Belarus’ seine Fortsetzung erfahren. Beide Seiten bemühten ÷
sich weiterhin um eine „positive“ Geschichtsschreibung.“, in: Siebert (1998), S.26f; „Die Besonderheit der Geschichtsschreibung Weißrußlands besteht darin, dass in ihr lange Zeit zwei antiweißrussische Konzeptionen - eine großrussische und eine großpolnische - dominierten. ... Daher besteht die vorrangige Aufgabe unserer Historiker heute darin,...die nationale Konzeption der Geschichte Weißrußlands wiederherzustellen.“ Michas’ Bič in: Lindner, Rainer, Historiker und Herrschaft - Nationsbildung und Geschichtspolitik in Weißrußland im 19. und 20. Jahrhundert, R.Oldenburg Verlag, München 1999, S.11.
43 Vgl. Fedor, Helen, Belarus. Country studies, Federal Research Division - Library of Congress, 1995, http://lcweb2.loc.gov/frd/cs/bytoc.html#by0077, Oktober 2002.
44 Gemeint ist damit meist Francysk Skaryna , der 1517 eine Bibel in belarusischer Sprache druckte. (Eigentlich war dies eher eine Vorform des heutigen Belarusisch und Ukrainisch). Die Nationalsozialisten bezogen sich gerne auf dieses Ereignis.
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Wendepunkt und wird, je nach Geschichtsinterpretation, als Positivum 45 oder als Beginn der Fremdherrschaft gewertet. Letzteres kann bekräftigt werden durch eine an diesem Zeitpunkt einsetzende „Russifizierung“: Die Universitäten von Polack und Vilnius wurden 1820 und 1832 geschlossen; 1839 löste Zar Nicholaus I. die Unierte Kirche auf (ihr gehörten Ende des
18. Jahrhunderts 70% der Bevölkerung an 46 ) und zwang die Gläubigen, zur Orthodoxen Kirche zu konvertieren. Des weiteren wurde die Verwendung des Namens „Belorussia“
untersagt und durch die Bezeichnung Nord-West Region ersetzt. 47 Ende des 19. Jahrhunderts verstärkten sich trotz industrieller Entwicklung und der Abschaffung der Leibeigenschaft (1861) die Armut und Arbeitslosigkeit weiterhin. Es kam schließlich in den verbleibenden Jahren bis zur Oktoberrevolution zu einer Auswanderung von bis zu 1,5 Millionen Menschen.
Im Zusammenhang mit den außen- wie innenpolitischen Problemen des Russischen Reiches am Anfang des 20. Jahrhunderts (u.a. die Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg von
1904-1905 und die Revolution vom Januar 1905) kam es im Oktobermanifest 1905 48 zu einer Ausweitung bürgerlicher Freiheiten, wie z.B. der Aufhebung des Verbotes der belarusischen (und anderer nicht-russischer) Sprache(n). In Belarus entwickelte sich in dieser Zeit auch die
Zeitschrift Naša Niva 49 . Sie versuchte, der damaligen belarusischen Identitätssuche und Nationenbildung ein Forum zu sein. Ein erster Ansatzpunkt war dabei die belarusische Sprache, da sich eine Identifikation als Belaruse entweder auf die Sprache bezog oder aber an dem lokalen Bezugspunkt festmachte. So war unter der Landbevölkerung eine
Selbsttitulierung als „Hiesige“ 50 sehr verbreitet. Aber, so Winderl, „when the Tsarist empire was on the verge of collapse at the turn of the century, however, societal structures were not in favor of a strong
national Belarusian integration. The functional elites did not share a Belarusian identity, they were dominated by
45 In der sowjetischen Geschichtsschreibung heißt es hierzu: „1772-1795 Wiedervereinigung Belorußlands mit Rußland.“, in: Baranowa, M.P., Pawlowa, N.G., Kurze Geschichte der Belorussischen sozialistischen Sowjetrepublik, Friedrich-Schiller-Universität, Jena 1985, S.147.
46 Unter der Landbevölkerung betrug der Anteil 80%. In: Bugrova, Irina, Politische Kultur in Belarus: eine Rekonstruktion der Entwicklung vom Großfürstentum Litauen zum Lukaschenko-Regime, Untersuchungen des Forschungsschwerpunktes Konflikt- und Kooperationsstrukturen in Osteuropa, Universität Mannheim, Nr.18/1998, Online-Ausgabe, http://www.uni-mannheim.de/fkks, Oktober 2002, S.15.
47 Zur Transformation der belarusischen Gesellschaft innerhalb des Russischen Reiches vgl. ebenda, S.19ff.
48 Dies war eine Reaktion von zaristischer Seite auf Emanzipationsbestrebungen. Im April des gleichen Jahres war es schon zum sogenannten Toleranzedikt gekommen, die Religionsausübung und -wahl betreffend. Lindner (1999), S.54; Volks-Ploetz, Verlag Ploetz Freiburg, Würzburg 1995, S. 417.
49 Naša Niva bedeutet „Unser Feld“. Die Zeitung beschäftigte sich z.B. mit Fragen der kulturellen Bedeutung kleiner Nationen und vermittelte Geschichtsbilder, die zwischen Mythos und Realität angesiedelt waren. Besonders die Landbevölkerung war von ihr jedoch schwer zu erreichen, obwohl Naša Niva auf Belarusisch erschien. Einer der Gründe mag der geringe Alphabetisierungsgrad gewesen sein. In: Lindner (1999), S.105; Die Zeitung erschien von 1906-1915. Einige Autoren verweisen auf ein Erscheinen bis 1918. In: Fedor (1995), S.10.
50 „Tutejšyja” - belarusisch: Hiesiger. In: Bugrova (1998), S.7; Vgl. Dazu auch: Dean, Martin,Collaboration in the Holocaust - Crimes of the Local Police in Belorussia and Ukraine, 1941-44, St. Martin’s Press, New York 2000, S.10.
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urban Russian administrators, urban Jewish merchants, and Polish landowners.” Er nennt diese Zeit kurz „a short period of national agitation by a small nationalist elite” 51 .
Im I. Weltkrieg besetzten ab 1915 deutsche Truppen den westlichen Teil der Belarus, und die Frontlinie sollte sich bis zur Oktoberrevolution kaum ändern. Die Deutschen Besatzer versuchten u.a. durch die Eröffnung belarusischer Grundschulen und die Einführung eines
„belarusischen Alphabets“ die Bevölkerung für sich zu gewinnen. 52 Direkte Unterstützung suchten sie bei den Nationalisten, u.a. beim Belarusischen National-Komitee, welches im Dezember 1915 an einer Konferenz über die Wiederherstellung des Großfürstentums Litauen
als Konföderation beteiligt war. 53
Im östlichen Teil Belarus’ kam es im Zuge der Februarrevolution zu Kämpfen, in deren Anschluss am 8. März 1917 in Minsk der Stadtsowjet unter Beteiligung der Bolschewisten gebildet wurde. Parallel dazu hielt die demokratische Nationalbewegung vom 25.-27.3.1917 in Minsk einen Kongress belarusischer Organisationen ab, der für die Belarus einen autonomen Status innerhalb des sich formierenden sowjetischen Staates forderte. Gleichzeitig wurde ein Belarusisches Nationalkomitee (BNK) gebildet. Vom 8.-12.7.1917 kam es schließlich zur Gründung der ‚Zentralrada’ (Zentralrat) belarusischer Organisationen.
In der Belarus fanden die Bolschewisten 54 aktive Unterstützung weitestgehend nur bei Arbeitern und Soldaten. Trotzdem konnten sie bei den Wahlen 1917 55 ein Ergebnis von ca. 49% der Stimmen erreichen und bauten dadurch ihre Macht aus. Innerhalb der Partei kam es jedoch bald zu Streitigkeiten zwischen nationalkommunistischen und zentral- kommunistischenStrömungen. So akzeptierte erstere den von der Rada initiierten 1. Allbelarussischen Kongress und nahm daran teil, während letztere am 18.12.1917 für dessen Auflösung sorgte. Der Kongress hatte zuvor das Recht der Belarusen auf Selbstbestimmung
verkündet. 56 Parallel dazu fand in Minsk der 2. Außerordentliche Kongress der Bauernsoldaten der Westfront statt. 57 Man muss in dieser Zeit also von einer parallelen Entwicklung prosowjetischer und belarusisch-nationaler Bewegungen sprechen.
51 Winderl, Thomas, Nationalism, Nation and State, WUV Universitätsverlag, Wien 1999, S.79. Hervorhebungen Th.V.
52 Vgl. Siebert (1998), S.35.
53 Ebenda. Diese Konföderation kam jedoch nicht zustande. Vgl. dazu Lindner (1999), S.115.
54 Sie organisierten sich seit Anfang September 1917 unter dem Namen „Nordwestliches Gebietskomitee der RSDRP(b). In: Siebert (1998), S.38.
55 Die Wahlen zur Konstituierenden Versammlung fanden vom 12.-19.11.1917 statt. Genaue Ergebnisse sowie deren Bewertung in: ebenda, S.39.
56 Nach der Auflösung blieb der „Rat des 1. Allbelarusischen Kongresses“ in Illegalität bestehen. In: Lindner (1999), S.40.
57 Vom 11. bis 15.12.1917.
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Nach dem Scheitern von Friedensverhandlungen zwischen der russisch-kommunistischen Regierung und Deutschland nahmen deutsche Truppen die Kriegshandlungen erneut auf. Die nationalkommunistischen Bolschewisten in Minsk und andere belarusischnationaldemokratische Gruppen begegneten den Deutschen offiziell mit Loyalitäts-bekundungen. 58 Die Deutschen bemühten sich im Gegenzug, eine - wirtschaftlich abhängige„unabhängige“ Regierung zu installieren 59 . Als jedoch die Rada am 25.3.1918 die Belarusische Nationalrepublik 60 ausrief, „bremste die deutsche Militärverwaltung“. Da gleichzeitig das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Besatzern nicht sehr gut war 61 , verwundert es nicht, dass die belarusische Nationalbewegung in dieser Situation in mehrere Lager
zerbrach 62 . Als es schließlich nach der Novemberrevolution in Deutschland zum Abzug der deutschen Truppen kam, war die BNR nicht in der Lage, die Rote Armee aufzuhalten. Diese besetzte somit bis Februar 1919 nahezu das gesamte Gebiet - mit Ausnahme der westlichen Gebiete um Hrodna und Br÷st - der heutigen Belarus. Gleichzeitig wurde schon am 1. Januar
1919 die Belorusische Sozialistische Sowjetrepublik 63 gegründet.
Die polnische Armee drang schließlich in die westlichsten Gebiete Belarus’ ein und besetzte diese für ca. ein Jahr. Die antipolnische Einstellung und der Widerstand der Bevölkerung gegen diese Besetzung konnten von den Kommunisten im Ostteil Belarus jedoch aufgrund ihrer eigenen Diskreditierung bei der dortigen Bevölkerung nicht für eine schnellere Rückeroberung des Gebietes genutzt werden.
Nach der Rückeroberung Belarus’ wurde am 31.7.1920 in Minsk die „unabhängige SSRB“ 64 ausgerufen, welche jedoch nur aus den Gebieten um Minsk und Sluck bestand. Der Rigaer Vertrag vom 18. März 1921 brachte schließlich folgende Einigung: das westliche Drittel des belarusischen Gebietes ging an Polen, der östliche Teil an Russland und das verbleibende Mittelstück formte die zukünftige BSSR, welche im Dezember 1922 ein Gründungsmitglied
der UdSSR 65 wurde.
Nach wechselvollen Kriegsjahren und einer kurzen Phase nationaler „Eigenständigkeit“ fand
sich Belarus nun aufgeteilt zwischen zwei Großmächten wieder. 66 Zu diesem Zeitpunkt
58 Siebert (1998), S.41.
59 Gerlach (2000), S.36f.
60 Belaruskaja Narodnaja R÷spublika (BNR), in: Siebert (1998), S.42. Die Rada hatte außerdem den am 3. März 1918 unterschriebenen Vertrag von Brest-Litovsk abgelehnt.
61 „Die Bildung von gemäßigten deutschen Soldatenräten erfolgte zu spät, um das Verhältnis von Besatzern und Besetzten auf eine neue Grundlage zu stellen.“, ebenda.
62 Vgl. ebenda, S.50ff.
63 Vakar (1956), S. 108; Belaruskaja Saveckaja Sacyjalistyčnaja R÷spublika, im weiteren BSSR.
64 Saveckaja Sacyjalistyčnaja R÷spublika Belarus. Siebert (1998), S.47.
65 СССР oder SSSR: Savecki Sajuz Sacyjalistyčnych R÷spublik. Wegen der Allgemeingebräuchlichkeit verbleibt jedoch UdSSR anstelle von SSSR.
66 „Die Grenze trennte die Belarus mittenzwei; hier verliefen weder „historische“ noch ethnische Grenzendas Nationalstaatsprinzip, das auf der Versailler Konferenz von Finnland bis Rumänien durchgesetzt worden war, blieb hier vollkommen unberücksichtigt. ...der Sowjetseite verlangte es aber genauso wie der polnischen,
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unterschieden sich die beiden Teile schon sehr. So hatte die östliche Belarus die Februar- und Oktoberrevolution miterlebt; Brest z.B. wurde hingegen von den Deutschen direkt an die Polen übergeben und die Landbevölkerung im westlichen Teil hatte wiederum die Revolutionen nur durch die Rote Armee im Sommer 1920 „kennengelernt“. Die Zeit bis
1939 67 wird im folgenden für beide Teile - auf Grund der beschriebenen Entwicklunggetrennt untersucht.
· BSSR bis 1939
In der BSSR stellte die Neue Ökonomische Politik (NöP) 68 , 1921 auf dem X. Parteitag beschlossen, eine - zeitlich begrenzte - Annäherung an kapitalistische Strukturen her und konnte somit zu einer Belebung der Wirtschaft beitragen. Begleitet wurde dies von einer national-kulturellen Liberalisierung, wobei Minsk in diesen Fragen eine gewisse Handlungsfreiheit erhielt. Der Aufbau des Bildungswesens wurde in Angriff genommen; ein Zeichen dessen war die Eröffnung der Universität in Minsk noch im Juli desselben Jahres. In den Jahren 1924 und 1926 erhielt die BSSR die Gebiete „zurück“, die im Zuge des Rigaer
Vertrages 1921 an Russland gegangen waren. 69
Die Liberalisierung endete jedoch schon 1927 mit dem XV. Parteitag 70 , auf dem die Einleitung der Kollektivierung 71 der Landwirtschaft sowie eine verstärkte Industrialisierung beschlossen wurden. Damit einhergehend setzte 1929 die erste Repressionswelle gegen die
Bevölkerung ein. 72 Durch die „Vernichtung der Kulaken als Klasse“ 73 und die Kollektivierung
ein solches Gebiet sein eigen nennen zu können, auf welchem die Aussicht bestand, die jeweilige Herrschaft ohne größere Schwierigkeiten installieren zu können.“ In: Siebert (1998), S.50.
67 Siebert führt zu dieser Zeit an: „Über die politische Entwicklung in den zwanziger und dreißiger Jahren gab es eine solch scharfe Auseinandersetzung in der Historikerzunft schon allein deshalb nicht, weil sowohl die Nichtkommunisten als auch die Kommunisten unter den Repressionen des Stalinregimes zu leiden hatten. Was jedoch wirklich geschah und worüber in der Sowjetzeit verfälschend und unvollständig geschrieben wurde, bleibt aber bis heute sehr unscharf.... Letztlich bleiben auch die Gesamtdarstellungen dieser Epoche der BSSR Flickwerk.“ in: ebenda, S. 26.
68 Novaja ökanamičnaja Polityka. Inhalte der NöP in: Wilenchik (1984), S.135f; Vgl. zur Politik der Kommunistischen Partei in der BSSR 1921-29: Siebert (1998), S.58ff.
69 Vgl. Karte im Anhang VII dieser Arbeit. Vgl. ebenso Lindner (1999), S.177. Siebert führt mögliche Gründe für die Erweiterung an: Siebert (1998), S.63. Um eine Größenvorstellung der Erweiterung zu vermitteln: die Bevölkerung wuchs von 1,5 auf nahezu 5 Millionen Einwohner an. (Lindner nennt 4,2 Mio)
70 Er fand vom 2.-19. Dezember 1927 in Moskau statt und wurde auch „Parteitag der Kollektivierung“ genannt. In: Wilenchik (1984), S.136f.
71 Ausführliche Schilderung der Kollektivierungspolitik sowie der unterschiedlichen Situation in West- und Ostbelarus in: Siebert (1998), S.92.
72 Die zweite Repressionswelle setzte 1933 ein, eine weitere schließlich 1937/38. Gründe dieser Repressionen u.a. in: ebenda, S.74ff.
73 Als Folge des XVI. Parteitages der KPdSU (26.6.-13.7.1930), dem Parteitag „des breiten Vormarsches des Sozialismus“. In: Wilenchik (1984), S.136; Vgl. auch Siebert (1998), S.68. „Wer zum Kulaken gestempelt wurde, blieb Willkür.“, in: ebenda, S.129.
Ein Ergebnis dieser Politik sind z.B. die Massengräber von Kurapaty. In der Zeit von 1936 bis 1940 wurden hier die von den Staatsorganen Ermordeten vergraben. In: ebenda, S.78; Vgl. auch den folgenden Artikel , ursprünglich 1988 veröffentlicht in der belarusischen Zeitung „Litaratura i Mastactva“: Pazniak,
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sollte die Landwirtschaft „gesäubert“ werden. Gleichzeitig kam es zu einer verstärkten Russifizierung, die sich u.a. in der Anpassung der belarusischen Sprache an russische Normen
wiederspiegelte. Auch durften Tageszeitungen nur noch in Russisch erscheinen. 74 Die Lebensgrundlage der belarusischen Bauern, die noch immer die Mehrheit der
Bevölkerung stellten 75 , wurde durch die Kollektivierungen vollkommen verändert - meist zum Negativen. Das politische und kulturelle Leben lag danieder. Die Geschichte der dreißiger
Jahre als eine „permanente Repression“ 76 zu bezeichnen, liegt daher nahe. Die Keime der national-kulturellen Entwicklung der 20er Jahre und gleichzeitig die Idee einer nationalen Selbständigkeit Belarus, auch innerhalb der UdSSR, wurden zerstört oder zumindest verschüttet. Arendt formuliert diesen Zustand treffend: „Anfang der dreißiger Jahre waren die Bauern- und Mittelklassen »abgestorben«, diejenigen, die nicht zu den Millionen Toten und Deportierten
gehörten, hatten gelernt, dass es gegen die Staatsmacht keine Gruppensolidarität und keine Hilfe gibt, ... sondern
dass jeder von ihnen in absoluter Hilflosigkeit und Verlassenheit von höheren Mächten abhing, die jederzeit über
ihn befinden konnten.“ 77 Dieser Prozess setzte sich bis 1939 weiter fort.
· Die Östlichen Gebiete bis 1939
Der Polnische Staat hatte sich nach 1921, neben der Politik in den Östlichen Gebieten (so der offizielle polnische Titel des ehemals belarusischen Raumes), mit vielen Problemen auseinander zusetzen. Ein Hauptaugenmerk wurde dabei auf die Minderheitenfrage gelegt, denn immerhin ein Drittel der Gesamtbevölkerung wurde u.a. von Deutschen, Ukrainern und
Belarusen gestellt 78 . Dass diese Politik nicht sehr restriktiv war, findet seinen Ausdruck darin, dass 1922 allein die Belarusen durch drei Senatoren und 11 Abgeordnete im Sejm vertreten
waren und 1923 die Kommunistische Partei Westbelarus’ 79 gegründet werden konnte. Ab 1924 änderte sich diese Politiklinie 80 : durch „Denationalisierung“ und allmähliche Polonisierung der Bevölkerung sollte die „Belarusische Frage“ gelöst werden. So wurden Belarusische Schulen geschlossen, die russisch-orthodoxe Kirche bekämpft, Publikationen in belarusischer Sprache verboten und schließlich gar Polen aufgefordert, sich verstärkt in dem
Zianon, Shmyhalou, Yauhen, Kurapaty - the road of death, http://www.belarusguide.com/as/disas.html, Oktober 2002.
74 Lindner (1999), S. 162. „Auch die Russifizierung des Reiches, die Unterdrückung der Nationalitäten, unterschied sich nur insofern von der Zarenherrschaft, als die neue despotische Herrschaft das Analphabetentum abschaffte, da sich dieses noch immer als ein sehr natürlicher und höchst wirksamer Schutz gegen Propaganda und ideologische Indoktrination erwiesen hat.“, in: Arendt, Hannah, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft
- Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, Piper, München 2001, S.689.
75 Volkszählung 1939: Gesamtbevölkerung ca. 5,5 Mio, Stadtbevölkerung ca. 1,35 Mio, in: Siebert (1998), S.92.
76 Brzezinski, zitiert nach: ebenda, S.79.
77 Arendt (2001), S.690.
78 Genauer Zahlenbeleg in: Wilenchik (1984), S.138.
79 Die Kamunistyčnaja Partyja Zachodnaj Belarusi (KPZB) war ein Bestandteil der KP Polens. in: ebenda, S.137f.
80 Ursachen in: Wilenchik (1984), S.139.
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Östlichen Gebiet anzusiedeln. Durch Investitions-Vernachlässigung wurde dieser Raum
gleichzeitig zu einem „agrarischen Anhängsel“ Polens. 81
Nach dem Militärputsch 1926 unter Marschall Piłsudski entwickelte sich ein autoritäres polnisches Regime, welches 1935 sogar aus dem Völkerbund-Vertrag über die Ethnischen Minderheiten austrat. Während die Repressionen im Zuge dessen besonders gegen die teils
bürgerliche, teils prosowjetische belarusische Nationalbewegung zunahmen 82 , akzeptierte die polnische Öffentlichkeit die Belarusen “kaum als Nation..., sondern [betrachtete sie] vielmehr als rückständige, kulturlose, exotische, zur Beherrschung bestimmte, teils separatistische Bevölkerung bestimmter
Gebiete“ 83 . Die beiderseitigen Ressentiments wurden in den Jahren der polnischen Herrschaft einmal mehr verstärkt und durch die offizielle polnische Politik noch unterstützt.
· 1939-1941
Im Anschluss an den Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23.8.1939 84 und den Kriegsbeginn durch den Einmarsch deutscher Truppen in Polen (1.9.1939) kam es am 17.9.1939 schließlich zum Einmarsch der sowjetischen Truppen in „Ost-Polen“. Der nicht
unfreundliche, aber gemischte, Empfang durch die ansässige Bevölkerung 85 ist vor dem Hintergrund der polnischen Repressionen nachvollziehbar. Nach den Wahlen im Oktober
1937 86 beantragte das Parlament die Aufnahme der besetzten Gebiete in die BSSR; dem wurde am 3. November zugestimmt. Die „wiedervereinigte“ BSSR umfasste nun ca. 10,6
Millionen 87 Einwohner.
In den verbleibenden zwei Jahren bis zum Beginn der deutschen Besatzung im Jahr 1941
konnte die Divergenz der zwei Teile der BSSR, u.a. in Landwirtschaft und Industrie 88 , nicht aufgehoben werden. War die Bevölkerung der alten BSSR durch die Stalinsche Politik schon in den oben beschriebenen quasi Ausnahmezustand versetzt, erwartete oder erhoffte der ehemals polnische Teil eine Besserung seiner Lage: „Some Belorussians initially welcomed the arrival
81 Zwischen 1929-1939 wurden ca. 300 000 Polen in Westbelarus angesiedelt. In: Gerlach (2000), S.40; Gleichzeitig wanderten (1925-38) ca. 78 000 Einwohner dieses Östlichen Gebietes aus. In: Fedor (1995), S.17.
82 „The Polish authorities had restricted Belorussian education and also persecuted some nationalists.”, in: Dean (2000), S.2.
83 Gerlach (2000), S.40f.
84 „Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung der zum polnischen Staate gehörenden Gebiete werden die Interessenssphären Deutschlands und der UdSSR ungefähr durch die Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San abgegrenzt.“, in: Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken vom 23. August 1939 und Geheimes Zusatzprotokoll vom 23. August 1939 zum Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, zitiert nach: Kohl (1995), S.219ff.
85 Gerlach spricht davon, dass die weißrussische und jüdische Bevölkerung positiv, die polnische hingegen zurückhaltend bis feindlich reagiert hätte. In: Gerlach (2000), S.41; Beispiele direkter Unterstützung der Roten Armee durch die Bevölkerung in: Wilenchik (1984), S.144f.
86 Die Wahlen fanden am 23.10.1939 statt. Wilenchik spricht vom 22.10.1939. Er nennt auch Wahlergebnisse, in : ebenda, S.145. Die Qualität dieser Wahlen soll hier nicht besprochen werden.
87 Statistische Berichte für das Ostland 3 (1943), zitiert nach: Gerlach (2000), S.41.
88 Ebenda.
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of the Red Army. … they hoped for an improvement in their social and cultural position compared with Polish
rule. … Thus a combination of hope and fear encouraged Belorussians to demonstrate support for the new
order.” 89 . Dies sollte sich jedoch genauso wie die Hoffnungen auf eine national-eigenständige Zukunft zerschlagen: “The joy felt on the part of the whole nation as a result of liberation was followed as early as the second day by the declaration that all revolutionaries, members of the KPZB…, Komsomol
members… were enemies….Our struggle, our sufferings, our dreams for a happy future were mocked and spat
upon. … Our enemies laughed at these idiotic events.” 90 Weiterhin kam es in den neuen Gebieten zu Veränderungen, die in die Gesellschaftsstruktur eingriffen. So war es Juden nun unter
sowjetischer Herrschaft 91 erlaubt, in Berufen zu arbeiten, die ihnen vorher verwehrt waren, z.B. als Polizisten. Für Teile der Bevölkerung, die gerade ihre Existenz verloren hatten oder sich ihrer Ideale beraubt sahen, war diese „Kollaboration“ sicherlich eine Provokation und konnte zu einer Verstärkung antisemitischer Tendenzen führen. Durch Enteignung von Gutsbesitzern, Schaffung von Kolchosen und mehreren Deportationswellen sowie der Schaffung einer Sicherheitszone an der deutsch-sowjetischen Grenze wurde
die Situation in Westbelarus weiter verschärft. 92 Schätzungen sprechen von bis zu 10% (1,3 Mio!) der Bevölkerung, die in dieser Zeit deportiert wurden. Da das zu erreichende Ziel die Befriedung des Landes darstellte, waren die Deportierten meist „those committed in some way to the Polish cause, those with relatives abroad, those viewed as `capitalists´ (including merchants and landowners), 93 . Die
foreign nationals (mainly refugees) and those who already had relatives in prison and labour camps.” Deportationen hielten also, auch im östlichen Teil Belarus, weiter an. Eine sehr schwarze Form von Humor soll die damalige Lage der Bevölkerung abschließend verdeutlichen: „At Biala Podlaska, the first station on the German side of the border, the train carrying refugees from the east encountered the train moving west. »When Jews coming from Brisk [Brest] saw Jews
going there, they shouted: ‘You are insane, where are you going?’ Those coming from Warsaw answered with equal astonishment: ‘You are insane, where are you going?’«” 94 .
89 Dean (2000), S.2.
90 Aus einem Brief von W.P. Laskowicz an den Ersten Sekretär der Belorussischen Kommunistischen Partei, in: ebenda.
91 “Judaism was formally tolerated in line with `Stalin’s Constitution´ and the Soviet authorities did not interfere directly with Jewish religious practices. Nevertheless organized religion was constantly under pressure to limit its activities: for instance, rabbis were heavily taxed and religious education driven underground.” Im Gegensatz dazu konnten Polen in den 30er Jahren keine Anstellung als „a civil servant, a municipal employee, a policeman, an officer or a professional NCO´” ausüben. In: ebenda, S.4ff.
92 Vgl. ebenda, S.4 sowie Chiari, Bernhard, Alltag hinter der Front: Besatzung, Kollaboration und Widerstand in Weißrußland 1941-1944, Droste Verlag-Schriften des Bundesarchivs, Düsseldorf 1998, S.46ff. 93 Dean (2000), S.6f; Die genannten 10% basieren auf polnischen Angaben. Er führt weiter an, dass diese Zahlen noch diskussionswürdig seien; Siebert nennt zwar eine Zahl von 600 000 Menschen, welche von sowjetischen Organen zwischen 1917 und 1953 verfolgt worden seien, jedoch könne eigentlich nur als faktenmäßig sicher gelten kann, „dass es in der BSSR Repressionen gab, die zum Tode der Betroffenen oder zu ihrer Abwanderung führten.“ Diverse Faktoren seien für die problematische Quellenlage verantwortlich. In: Siebert (1998), S.93.
94 In: Pinchuk, B., Shtetl Jews under Soviet Rule: Eastern Poland on the Eve of the Holocaust, zitiert nach: Dean (2000), S.16.
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Arbeit zitieren:
verheiratet Decker Theresa Voigt, 2003, Zwischen Nazipropaganda und Realtität - Die Einstufung der Bevölkerung von Belarus während des 2. Weltkrieges als "Hilfsvolk" oder als "Untermenschen", München, GRIN Verlag GmbH
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