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INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 2
2. TEXTUELLE BEFANGENHEIT ODER TRAUM? 3
3. EROTIK IM DIENSTE DES ERZÄHLENS 4
3.1 DIE FRAU ALS „ZWISCHEN-SPHÄRE-NGESCHÖPF“ 4
3.1.1 DIE ,NICHT-LESERIN 5
3.1.2 DIE ,RAUCHERIN 6
3.1.3 RIA 7
3.1.5 HERMETIA, EIN WEIBLICHER HERMES 9
3.2 'DIE KETTE DER DEMÜTIGUNGEN' 10
3.2.1 WAS IST DIE KETTE DER DEMÜTIGUNGEN? 10
3.2.1.1 Die 'Kette der Demütigungen' eine Lebensphilosophie 10
3.2.1.2 Die 'Kette der Demütigungen' ein Erzählprogramm 11
3.2.2. STRUKTUR DES NOVELLENKRANZES 11
3.2.3 DER NOVELLENKRANZ ALS INDIZ FÜR EINE GESCHÄDIGTE PSYCHE AMINGHAUS ? 12
4. ZUSAMMENFASSUNG 14
5. ANHANG 15
6. LITERATURVERZEICHNIS 18
2
1. Einleitung
Friedrich Aminghaus, Protagonist in Botho Strauß` Roman Kongreß. Die Kette der Demütigungen 1 , verliebt sich in eine geheimnisvolle Stimme, die plötzlich zwischen den Zeilen seines Buches hervortritt und ihm später als Buchfee Hermetia erscheint.
Ein Text für Kinder, ein Märchen gar? [...] Über Drogenmißbrauch ist aus [Aminghaus´] Unterlagen nichts bekannt, obgleich die Begegnung mit charmanten Plagegeistern und Elfen derartigen Verdacht nahelegen würde. Säufer unterhalten sich auch gerne mit weißen Mäusen. 2
So spöttelt der Rezensent Ulrich Weinzierl in der FAZ 3 . Den erotischen Novellenkranz, der den Kern des zweiten Romanteils bildet, (ver-)urteilt Weinzierl, sei nichts anderes als „Etüden aus der Vorschule der Läufigkeit“ nach dem „Modell [eines] gewissen Donatien-Alphonse Francois de Sade“ 4 . In der Zeit dagegen vergleicht Andreas Kilb abwägend den Kongreß mit französischen Klassikern des Obszönen, wie Bataille oder Klossowski und stellt als Unterschied fest, „wieviel sanfter, aber auch genauer Strauß das Tableau der Ausschweifungen malt. Seine Erotismen sind von metallischer Klarheit; kühl und heiß zugleich ...“ 5
Diese beiden Positionen aus der Strauß Rezension zum Kongreß spiegeln exemplarisch das grelle Pro und Contra der Kritikerurteile wider und zeigen, wieviel Zündstoff dieser sexuell sehr freizügige Text bietet. Aber wird uns denn tatsächlich nur vorgeführt, wie der Protagonist Aminghaus Gefangener seiner eigenen Phantasie wird ?
Ziel vorliegender Arbeit ist es, zu untersuchen, ob sich in den erotischen Phantasien, die hier vorgeführt werden, einfach nur die Geschichte eines am Leben scheiternden Menschen zeigt, oder, ob der Text andere Interpretationsmöglichkeiten bietet. Dazu wird zunächst in einem kurzen Kapitel der Aspekt, den Weinzierl wohl als den ‚märchenhaft phantastischen‘ bezeichnen würde, betrachtet. Es geht um den außergewöhnlichen Wahrneh-mungszustand, in dem sich der Protagonist befindet. Darauf werden zum einen die Frauengestalten untersucht, zum anderen der erotische Erzählreigen, die ‚Kette der Demütigungen‘, analysiert.
1 Strauß, Botho: Kongreß. Die Kette der Demütigungen. München: DTV 1993. (Alle Seitenangaben im laufenden Text beziehen sich auf diese Ausgabe)
2 Weinzierl, Ulrich: Federnder Schaft. Botho Strauß als verruchte Courthes-Mahler. In: FAZ 10. Okt. 1989 Nr. 253. S. L13
3 Ebd.
4 Ebd.
5 Kilb, Andreas: Spleen und Ideal. Ein „Kongreß“, viele Fragmente: Neues von Botho Strauß. In: Die Zeit 06. Okt. 1989 Nr. 41 S. 73f.
3
2. Textuelle Befangenheit oder Traum?
Ein Dialog zwischen Hermetia, der Buchfee, und Aminghaus steht zu Beginn des Buches. Strauß führt uns in medias res: es geht um die Konfrontation mit dem Phantastischen, der natürliche Wahrnehmungshorizont beginnt zu schwinden und wird um die Welt der Fiktion erweitert. Wie ist das möglich?
Jadwiga Gawlowska 6 vertritt die These, daß im Kongreß „die textuelle Befangenheit in ihrer äußersten Form [...] thematisiert“ 7 werde; das hieße, daß uns Strauß hier das Bild eines psychisch gestörten Menschen zeichnete, der unter Halluzinationen leidet.
Dabei gibt es doch eine ganz einfach Erklärung: Der Leser Friedrich Aminghaus schläft ein:
Er war tatsächlich sehr müde und kämpfte mit dichtem Auge gegen die Gewalt des Verlesens an. Die Zeilen wurden dunkler und vager, so daß er den deutenden Finger zur Stütze nahm. Doch die Sprünge, die Schründe des goldenen Mißverstehens taten sich unter ihm auf, und er sah die Irrlettern tanzen [...] und hörte wieder die winzige Stimme [...] (8)
Aminghaus ist vom Lesen erschöpft, kann sich schließlich nicht mehr auf die einzelnen Buchstaben konzentrieren und beginnt zu träumen. Die Übermüdung erklärt, daß er die Stimme Hermatias schon vor seinem Einschlafen vernimmt: Er befindet sich in einer Übergangsphase zum Traum, in der Realität und Fiktion bereits nicht mehr klar zu trennen sind.
Diese Interpretation läßt eine plausible Erklärung zu, warum Friedrich zwischen verschiedenen Wahrnehmungsebenen pendelt: Im Traum werden „ungelöste gedankliche Probleme, affektiv überbetonte Komplexe, nicht zu Ende geführte Überlegungen und übermäßig starke Eindrücke“ 8 aus dem Alltag verarbeitet. Einzelne Szenen im Kongreß sind also der realen Erfahrung Aminghaus`, den „übermäßig starken Eindrücken“, zuzuordnen, so z.B. Erinnerungen an die spielenden Kinder im Hof aus Friedrichs Kindheit (vgl. S. 42 - 44), oder die Erinnerung an eine alten Schulhofliebe (vgl. S. 36 - 38), die Figur ‚Ria‘ , mit der Friedrich einmal liiert war (vgl. S. 29; S. 49f ) und wahrscheinlich auch die Teilnahme an einem Kongreß. Diese realen Erfahrungen werden nun reflektiert und mit einer fiktionalen Traumebene vermischt, zu der vor allem die erotischen Phantasien 9 gehören.
6 Gawlowska, Jadwiga: „Erotik als Bewährungstest für den Menschen oder für die Sprache?“ Zu Botho Strauss: „Kongress. Die Kette der Demütigungen“. In: Das Erotische in der Literatur. Hrsg. v. Thomas Schneider, Lang. Frankfurt/Main, Berlin u.a.. 1993, S 195 -- 201
7 ebd. S. 195
8 Bossard, Robert: Traumpsychologie. Wachen - Schlafen - Träumen. Frankfurt: Fischer 1987, S. 72
9 vgl. den zweiten Teil des Romans
4
Das Lesen an sich ist also nicht der Grund dafür, daß Friedrich in eine Phantasiewelt gerät, sondern schlichtes Einschlafen. Allerdings bietet das Lesen eine gute Voraussetzung für den Traum. Liest Aminghaus z.B. in einem wissenschaftlichen Buch bevor er einschläft, können seine Gedanken noch in „ungelöste[n] gedankliche[n] Probleme[n]“ 10 stecken, die ihn dann im Traum beschäftigen; liest Friedrich in einem belletristischen Buch, befindet er sich schon vor seinem Traum in einer fiktionalen Welt.
3. Erotik im Dienste des Erzählens
Wie bereits im vorangegangenen Kapitel dargestellt, träumt Aminghaus und befindet sich so in einem surrealistischen Wahrnehmungszustand. Die Erotik, bzw. die sexuelle Libido erweist sich bald als beherrschende Variable in Friedrichs Traum. Hermetia, die „Buchfee“ (8), ist die Personifikation der Erotik.
Lebt der erste Teil des Buches im Wesentlichen von Friedrichs Suche nach Hermetia, sitzt er im zweiten Teil seiner Angebeteten gegenüber und wartet auf die Erlaubnis, sich dieser körperlich nähern zu dürfen. Der Erzählreigen, die „Kette der Demütigungen“ (83), die Aneinanderreihung sexueller Phantasien beginnt. Ist die Erotik zunächst nur die treibende Kraft, die Friedrich immer tiefer in seinen Traum versinken läßt, ist sie schließlich selbst Thema und steht somit ganz im Dienste des Erzählens.
Im folgenden sollen nun zunächst die Frauengestalten im Kongreß dargestellt und untersucht werden. Danach geht es um die Analyse der ‚Kette der Demütigungen‘.
3.1 Die Frau als „Zwischen-Sphären-Geschöpf“
Aminghaus wird zunächst nur mit der Stimme Hermetias konfrontiert, die ihn bezaubert und ihm schließlich verspricht:
Es wird der Tag kommen, da Sie mich mit lebendigem Auge erblicken [...]. Dann nämlich wird die Unansehnlichkeit, werden die häßlichen Schrift-Schnüre, in denen ich jetzt gefesselt liege, endgültig von mir gefallen sein und Sie werden mich mit ganzem Leib und freier Gestalt vor sich finden [...]. (9)
Friedrich begegnet jedoch zunächst Hermetias Vorbotinnen: Da ist die ,Nicht-Leserin, in der Aminghaus zunächst Hermetia zu erkennen glaubt (vgl.17f). Eine nigotinsüchtige ,Raucherin‘ drängt sich ihm auf (vgl. 21—26). Daneben begegnet Friedrich Frauengestal-
10 Bossard, Robert: Traumpsychologi,. S. 72
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Andreas Weidmann, 2001, Die Geschichte einer gescheiterte Existenz? Aminghaus` erotischer Traum in Botho Strauß: Kongreß. Die Kette der Demütigungen, München, GRIN Verlag GmbH
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