I
Inhaltsverzeichnis
Tabellenverzeichnis IV
Abbildungsverzeichnis V
Abk ürzungsverzeichnis VI
Symbolverzeichnis VIII
1. Einleitung 1
1.1. Problemstellung 2
1.2. Gang der Untersuchung 2
2. Begriffsbestimmung 3
2.1. Länderrisiko 3
2.2. Direktinvestitionen 4
3. Direktinvestitionen in der globalisierten Welt. 6
3.1. Historische und aktuelle Entwicklung 6
3.2. Bedeutung von Direktinvestitionen für die Empfängerländer 9
4. Klassifikation von Länderrisiken 13
4.1. Wirtschaftliches Risiko 13
4.1.1. Binnenwirtschaftliche Risikoindikatoren 14
4.1.2. Außenwirtschaftliche Risikoindikatoren 16
4.2. Politische Risiken 20
4.2.1. Innenpolitische Risikoindikatoren 21
4.2.2. Außenpolitische Risikoindikatoren 23
4.3. Ländergruppenrisiken 24
4.4. Sonstige Länderrisiken 25
4.5. Gesamtbetrachtung 26
5. Systematisierung der Analyseverfahren 27
5.1. Vorbemerkung zu den Analyseverfahren 27
5.2. Qualitative Verfahren 28
5.3. Quantitative Verfahren 30
5.4. Makroökonomische Verfahren 32
II
6. Ratingagenturen 33
6.1. Betrachtung von Markt und Wettbewerb 33
6.2. Ratingagenturen als Akteure auf dem Kapitalmarkt 34
6.2.1. Existenzbegründung angesichts friktionsfreier Märkte 34
6.2.2. Funktionen und Nutzen für Marktteilnehmer 36
6.3. Kommerzielle Anbieter 38
6.3.1. Internationale Ratingagenturen 39
6.2.2. Euromoney 43
6.2.3. BERI-Institute 45
6.2.4. Institutional Investor Magazin 49
6.2.5. Weitere Anbieter 51
6.4. Kritik an den Informationsintermediären 53
7. Prognosequalität von Länderratings 55
7.1. Am Beispiel der Asienkrise 55
7.1.1. Kurzdarstellung des Verlaufs 55
7.1.2. Ratings in der Asienkrise 57
7.2. Am Beispiel der Eurokrise. 59
7.2.1. Kurzdarstellung des Verlaufs 59
7.2.2. Ratings in der Eurokrise 60
7.3. Historische Rating-Fehler 64
7.4. Ursachen für Fehleinschätzungen 67
7.4.1. Inkonstante Informationsbasis 67
7.4.2. Geschäftsmodellproblematik 69
7.4.3. Prognoseproblematik 70
7.4.4. Moral Hazard 72
7.4. Neue Verfahrensansätze 72
8. Schutzmaßnahmen gegen das Ausfallrisiko 74
III
8.1. Allgemeine Schutzmaßnahmen 74
8.2. Investitionsschutzabkommen 74
8.3. Credit Default Swaps 75
9. Fazit 77
IV
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Euromoney Country Risk Scores März 2010 45
Tabelle 2: Institution Investor Credit Rating März 2011 50
Tabelle 3: Ratingveränderungen Februar 2006 - April 2010 60
Tabelle 4: Rating-Fehler von Fitch, Moody's und S P 1997 - 2006 64
V
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Direktinvestitionen in Mio. USD 1980-2010 und Prognose
Abbildung 2: Direktinvestitionen in Mrd. USD, Top 19 Destinationen
Abbildung 3: Binnenwirtschaftliche Risikoindikatoren
Abbildung 4: Außenwirtschaftliche Risikoindikatoren
Abbildung 5: Innenpolitische Risikoindikatoren
Abbildung 6: Außenpolitische Risikoindikatoren
Abbildung 7: Länderrisikoindikatoren und mögliche Konsequenzen
Abbildung 8: Marktanteile der Ratingagenturen
Abbildung 9: Ratingnoten nach S P, Moody's
Abbildung 10: Bonitätsabstufungen des Forelend-Index
Abbildung 11: Ratinghistorie der Länder der Asienkrise
Abbildung 12: Ratinghistorie Griechenland
Abbildung 13: Ratinghistorie Irland
Abbildung 14: Ratinghistorie Portugal
Abbildung 15: Ablauf eines Credit Default Swaps
VI
Abkürzungsverzeichnis
UNCTAD United Nations Conference on Trade and Development
IMF International Monetary Fund
USD US-amerikanische Währungseinheit Dollar
ASEAN Association of Southeast Asian Nations
OPEC Organization of the Petroleum Exporting Countries
M&As Mergers and Acquisitions
BIP Bruttoinlandsprodukt
BSP Bruttosozialprodukt
IWF Internationaler Währungsfonds
DSR Debt-Service-Ratio
S&P Standard and Poor’s
RMSM Revised Minimum Standard Modell
BERI Business Environment Risk Intelligence
BRS Business Risk Service
Forelend Forecast of Country Risk for International Lenders
GNP Gross National Product
ORI Operation Risk Index
PRI Political Risk Index
POR Profit Opportunity Recommendation
R-Factor Remittances and Repatriation
ICRG International Country Risk Guide
FED Federal Reserve System
EU Europäische Union
NAFTA North American Free Trade Agreement
Mercosur Mercado Común del Sur
VII
ESM Europäischer Stabiltäts-Mechanismus
EFSF Europäische Finanzstabilisierungsfazilität
USD US-Amerikanischer Dollar
CDS Credit Default Swap
BIT Bilateral Investment Treaty
VIII
Symbolverzeichnis
∑ Summe
1
1. Einleitung
Regionale Wirtschaftskrisen haben in Zeiten der Globalisierung weltweite Auswirkungen, die je nach Ausprägung der wirtschaftlichen Verflechtungen unterschiedlich stark auf andere Volkswirtschaften durchschlagen. Häufig ist die Schieflage eines Landes hinsichtlich der Währung oder politischer Umwälzungen Auslöser für Wirtschaftskrisen, die sich innerhalb kurzer Zeit auf Nachbarregionen ausdehen. Das Handelsvolumen des internationalen Kapitalmarkts nimmt fortlaufend zu, sodass die Weltkonjunktur, und im Besonderen die Heimatmärkte der Großinvestoren, im großen Maße reibungslose und gesicherte Transaktionen benötigen, um die erhofften Wechselwirkungen zwischen grenzüberschreitendem Kapitalverkehr, Renditenerzielung und
Wohlstandsgewinne nicht zu gefährden. Mit der Internationalisierung von Produktion und Kapital steigt jedoch auch das Ausfallrisiko. Während ein Investor bei einer Investition auf seinem Heimatmarkt die Umweltbedingungen kennt und auch mit der Rechtslage i.w.S. vertraut ist, birgt die Unkenntnis, bei einer Überlegung in einen ausländischen Markt zu investieren, Risiken. Auch wenn das Investitionsobjekt einwandfreie Kennzahlen vorweisen kann und von Analysten als aussichtsreich und sicher beurteilt wird, kann der Eintritt eines Länderrisikos innerhalb kurzer Zeit zu einer grundlegend anderen Beurteilung des Investitionsobjektes führen, obwohl die betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen unverändert sind. Neben dieser Problematik für die Investoren überlagert das Länderrisiko zudem die individuellen Risiken und wirkt sich auf alle dort beheimateten Markteilnehmer hinsichtlich ihrer Bonität aus. Für die Marktakteure als auch für die weltweite wirtschaftliche Stabilität ist daher die richtige Einschätzung des Länderrisikos von überragender Bedeutung.
Da es für die Marktteilnehmer aufgrund der Komplexität und des Zeitaufwands nicht möglich ist, das Länderrisiko selbst einzuschätzen, bedarf es Spezialisten, die diese Aufgabe unabhängig und mit großer Sorgfalt erfüllen. Im Wesentlichen übernehmen diese Aufgabe drei Ratingagenturen. Von ihrer Expertise hängt es maßgeblich ab, ob latente Gefahren aufgedeckt und infolgedessen eventuelle Wirtschaftskrisen verhindert und Investitionsentscheidungen anhand risikoadäquater
2
Einschätzungen hinsichtlich des Länderrisikos getroffen werden können. Die richtige und rechtzeitige Beurteilung von Länderrisiken durch die Ratingagenturen drückt sich in der Prognosequalität aus. Häufig wird den Ratingagenturen vorgeworfen, dass sie eine Teilschuld an den Ausbrüchen vergangener Wirtschaftskrisen zu verantworten hätten und zu einer Verschärfung des Krisenverlaufs beitrugen. Auch in der aktuellen Debatte über die europäische Staatsschuldenkrise stehen diese Vorwürfe im Raum.
1.1. Problemstellung
In dieser Arbeit soll der Vorwurf untersucht werden, inwieweit eine Kritik an den Ratingagenturen hinsichtlich der Prognosequalität berechtigt ist und ob tatsächlich eine Teilschuld an den Wirtschaftskrisen vorliegt.
1.2. Gang der Untersuchung
Zunächst werden die Begriffe Länderrisiko und Direktinvestitionen definiert, um ein klares Bild über die begriffliche Abgrenzung zu erhalten. Die historische Entwicklung und aktuelle Betrachtung der
Direktinvestitionsflüsse zeigt die starke Zunahme des internationalen Kapitalverkehrs. Die Bedeutung von Direktinvestitionen für die Weltwirtschaft wird anschließend kurz skizziert, um dann der Frage nachzugehen, ob tatsächlich ein Zusammenhang zwischen
Direktinvestitionen und Wirtschaftswachstum empirisch bewiesen ist. Diese Aspekte sind insofern von Bedeutung, als Direktinvestitionen dem Länderrisiko unterliegen und es dem aktuellen Zeitgeist entspricht, möglichst viel ausländisches Kapital ins Land zu holen.
In Kapitel 4 werden die Länderrisiken kategorisiert, ausführlich dargestellt und in einer Gesamtbetrachtung nochmals in Beziehung gesetzt. Die so gesammelten Erkenntnisse über die Risikofaktoren bilden den Übergang zu den theoretischen Grundlagen der Analyseverfahren und -techniken. Das anschließende Kapitel betrachtet den Markt der Ratingagenturen, ihre Existenzbegründung und setzt sich detailliert mit den einzelnen kommerziellen Informationsanbietern auseinander. Die Prognosequalität bildet den Schwerpunkt für Kapitel 7. Anhand der Asien- und der aktuellen Eurokrise werden Rating-Fehler aufgedeckt und durch Hinzunahme
3
historischer Ratingverläufe vertieft. Im zweiten Teil des Kapitels stellt Vermutungen über die Ursachen der Rating-Fehler an und stellt neue Verfahrensansätze. Abschließend werden einige ausgewählte
Schutzmaßnahmen gegen das Ausfallrisiko betrachtet und beurteilt. Das Fazit fasst die Erkenntnisse dieser Arbeit zusammen und gibt einen Ausblick auf die zukünftigen Problemfelder und Lösungsansätze.
2. Begriffsbestimmung
2.1. Länderrisiko
Der Begriff des Risikos kommt in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur vielfach zur Anwendung. Im Allgemeinen wird er als Eventualität beschrieben, die mit einer unsicheren Wahrscheinlichkeit eintreten und so zu einem Ergebnis führen kann, das vom erwarteten Resultat abweicht. Folglich drückt sich in dem Risiko die Wahrscheinlichkeit aus, dass ein Schaden entstehen oder ein Vorteil ausbleiben kann. 1 Das Risiko kann ferner durch die Gefahr der negativen Zielabweichung beschrieben werden. 2
Darauf aufbauend leitet sich der Begriff Länderrisiko aus der Tatsache ab, dass die Entwicklung entscheidungsrelevanter Größen in der Zukunft unsicher ist. 3 Unter dem Begriff Länderrisiko werden die beiden Termini Transferrisiko (transfer risk) und hoheitliches Risiko (sovereign risk) zusammengefasst. 4 Letzteres wird in der Literatur auch als Staatsrisiko bezeichnet. Das transfer risk kann auch als Währungsrisiko definiert werden, das einen Schuldner durch behördliche oder gesetzgeberische Maßnahmen in die Situation versetzt, seinen Zahlungsverpflichtungen nicht ordentlich nachkommen zu können. 5 Das transfer risk betrifft Wirtschaftssubjekte des privaten Sektors, die eine einwandfreie Bonität vorzuweisen haben und unverschuldet ihrer Zahlungsverpflichtung nicht nachkommen können. Es liegt beispielsweise dann vor, wenn eine Regierung Beschränkungen hinsichtlich der Konvertibilität der eigenen Währung einführt. Der Schuldner verfügt also über ein ausreichendes
1 Vgl. Gabler Verlag Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (14.05.2001), S. 1.
2 Vgl. Przybylski (1993), S. 43.
3 Vgl. Baxmann (1985), S. 12.
4 Vgl. Lichten (1997), S. 34.
5 Vgl. Gabler Verlag Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (14.05.2011), S. 1.
4
Vermögen, ist jedoch nicht in der Lage die notwendigen Devisen zu beschaffen, um gegenüber dem Gläubiger in der vereinbarten Landeswährung die Zahlungsverpflichtung begleichen zu können. Das sovereign risk betrifft im Gegensatz zum transfer risk nicht private Wirtschaftssubjekte, sondern den Staat. Unter dem Begriff sovereign risk wird die Zahlungsverweigerung eines Staates verstanden, der seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Ausland nicht fristgerecht nachkommen kann oder will. 6 Das Länderrisiko umfasst also sowohl das transfer risk als auch das sovereign risk. Eine synonymische Verwendung der Begriffe Länderrisiko und sovereign risk ist nur in dem Fall zutreffend, wenn eine Regierung oder eine öffentliche Instanz als Kreditnehmer in Erscheinung tritt. 7
Das Länderrisiko setzt sich aus verschiedenen risikorelevanten Bereichen zusammen. Dazu gehören im Allgemeinen die ökonomischen, politischen, rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen eines Staates. 8 Ferner können kulturelle Eigenheiten hinsichtlich der Sitten und Bräuche ein Risiko darstellen.
2.2. Direktinvestitionen
In der Literatur wird der Begriff Direktinvestition analog zum englischen Sprachgebrauch Foreign Direct Investment benutzt, wenngleich sich der englische Begriff auch immer stärker in der deutschen Literatur durchsetzt. Direktinvestitionen zählen zu den Auslandsinvestitionen und werden durch den grenzüberschreitenden Kapitalexport definiert. 9 Graham und Krugman definieren Direktinvestitionen als eine im Ausland platzierte Vermögensanlage durch natürliche oder juristische Personen, dessen Ziel es ist, die Kontrolle oder zumindest erheblichen Einfluss auf die erworbene Aktiva zu erlangen. 10 Der Internationale Währungsfonds (IWF) definiert Direktinvestitionen als internationales Investment, „(…) that reflects the objective of a resident entity in one economy obtaining a lasting interest in an enterprise resident in another economy. (The resident
6 Vgl. o.V., Gabler Wirtschaftslexikon (1993), S. 2046.
7 Vgl. Kochalumottil (2002), S. 4.
8 Vgl. Walldorf, (1993), S. 2043.
9 Vgl. Gabler Verlag Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (15.05.2011), S. 1.
10 Vgl. Graham und Krugman (1989), S. 8.
5
entity is the direct investor and the enterprise is the direct investment enterprise).“ 11 Der United Nations World Investment Report 1999 schließt sich der Definition des IWF inhaltlich an und führt weiter aus, dass „(…) the investor exerts a significant degree of influence on the management of the enterprise resident in the other economy.“ 12 Darüber hinaus spricht der World Investment Report 1999 bei der Definition von Direktinvestitionen von einer langfristigen Beziehung des Investors zum ausländischen Unternehmen. 13 Als Investitionsinstrument für multinationale Unternehmen treten Direktinvestitionen also in Form von Erwerb oder Gründung von Tochtergesellschaften im Ausland in Erscheinung. Im Gegensatz zur Portfolioinvestition, die vordergründig die Partizipation am Gewinn eines ausländischen Unternehmens zum Gegenstand hat, zielen
Direktinvestitionen auf die Kontrolle des Unternehmens und damit auf die ab. 14 Steuerung der Unternehmensstrategie Direktinvestitionen
bezwecken also den Einfluss auf die Geschäftstätigkeit, die schlussendlich zur Gewinnerzielung führt.
Eine Unterteilung von Direktinvestitionen kann aus zwei Perspektiven erfolgen. Betrachtet man Direktinvestitionen aus dem
Unternehmensprozess heraus, kann man nach Caves drei Kategorien definieren.
• horizontale Direktinvestitionen • vertikale Direktinvestitionen
• conglomerate Direktinvestitionen
Caves definiert horizontale Direktinvestitionen als die Ausweitung der Produktionsstätten ins Ausland zum Zwecke der Produktion von bereits im Sortiment vorhandenen Gütern. Vertikale Direktinvestitionen werden vorgenommen, um ein vor- oder nachgelagerten Produktionsprozess zu errichten, während conglomerate Direktinvestitionen eine Kombination beider vorgenannter Kategorien umfassen. 15 Betrachtet man dagegen Direktinvestitionen aus der Perspektive, die sich auf die
Unternehmenstätigkeit im Empfängerland beschränken, kann nach Plum
11 International Monetary Fund (1996), S. 107.
12 UNCTAD (1999), S. 465.
13 Vgl. UNCTAD (1999), S. 465.
14 Vgl. Stehn (1992), S. 4.
15 Vgl. Caves (1971), S. 3.
6
nochmals zwischen substitutiven und additiven Direktinvestitionen unterschieden werden. Der Begriff der Substitution bezieht sich hier auf die Verdrängung von Investoren oder Unternehmen im Empfängerland, die explizit aus den getätigten Direktinvestitionen resultieren. Additive Direktinvestitionen haben dagegen keine substitutive Wirkung, sondern fließen als zusätzliche Mittel in das Empfängerland und verursachen dadurch keinerlei Verdrängung anderer Marktteilnehmer. 16
3. Direktinvestitionen in der globalisierten Welt
3.1. Historische und aktuelle Entwicklung
Seit Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts rückte der Begriff Globalisierung immer stärker in den Vordergrund. Obwohl verwandte Ausdrücke, wie Weltwirtschaft und Weltökonomie weitläufig bekannt waren, stilisierte sich der Begriff der Globalisierung zum Schlagwort für die Zunahme der zwischenstaatlichen ökonomischen Beziehungen empor. Aus Abbildung 1 geht der bedeutende Zuwachs an Direktinvestitionen der letzten drei Jahrzehnte hervor.
Abbildung 1: Direktinvestitionen in Mio. USD 1980-2010 und Prognose 17 Quelle: Eigene Darstellung
16 Vgl. Plum (1995), S. 9.
17 Vgl. Datensatz aus UnctadStad, 11.05.2011, S. 1.
7
Nach einem stetigen Anstieg zwischen den Jahren 1984 und 1990 folgte auf den Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1990 ein leichter Rückgang, der innerhalb von zwei Jahren jedoch wieder aufgeholt wurde. Seit 1992 stiegen die Direktinvestitionen rasant an und fanden ihren vorläufigen Höhepunkt im Jahr 2000. Der erneute Zusammenbruch war eine Folge des Platzens der Dotcom-Blase. Dieser Effekt wurde durch die Anschläge vom 11.September 2001 auf das World Trade Center in New York nochmals verstärkt. Ab 2003 stiegen die Direktinvestitionssummen in bis dahin unbekanntem Tempo und erreichten 2006 wieder das Niveau vor der Dotcom-Blase, um anschließend auf ein Allzeithoch von 2,1 Billionen US-Dollar (USD) im Jahr 2007 zu steigen. Anschließend holte die Finanzmarktkrise die Weltwirtschaft ein und drückte das
Investitionsvolumen im Jahr 2008 zunächst auf 1,744 Billionen USD, um dann im Jahr 2009 weiter abzuschmelzen und sich bei 1,185 Billionen USD zu stabilisieren. 18 Anschließend folgte mit 1,243 Billionen USD eine leichte Erholung im Jahr 2010. 19 Die Direktinvestitionen liegen damit 15 Prozent unter dem durchschnittlichen Vorkrisenniveau und 37 Prozent unter dem Allzeithoch aus dem Jahr 2007. 20
Der Trend, der jährlich vom World Investment Report ermittelt wird, wird für das Jahr 2011 auf 1,4 bis 1,6 Billionen USD, in 2012 auf 1,7 Billionen USD und in 2013 auf 1,9 Billionen USD taxiert. 21 Damit könnte die Weltwirtschaft in Kürze wieder an das Allzeithoch aus dem Jahr 2007 anknüpfen und weiter an Fahrt aufnehmen. Der World Investment Report 2011 gibt auch Aufschluss über die Verteilung der Direktinvestitionen. So können Schwellen- und Entwicklungsländern erstmals mehr als die Hälfte aller Direktinvestitionen für sich gewinnen, während diese Ländergruppe selbst 29 Prozent an den weltweiten Direktinvestitionen stellt. Der Großteil der Investitionsvolumina aus dieser Ländergruppe verbleibt innerhalb ihrer Gruppierung. Unter den 20 größten Investoren befinden sich zehn
18 Vgl. UnctadStad, 11.05.2011, S. 1.
19 Vgl. UNCTAD (2011), S. xii.
20 Vgl. ebn.
21 Vgl. ebn.
8
Schwellen- und Entwicklungsländer. Damit bleibt diese Ländergruppe ein entscheidender Wachstumsfaktor für die Weltwirtschaft. 22
Eine detaillierte Betrachtung ergibt sich aus Abbildung 2.
Abbildung 2: Direktinvestitionen in Mrd. USD, Top 19 Destinationen Quelle: Eigene Darstellung, Daten aus UNCTAD (2011), S. 4.
Obwohl das Volumen der Direktinvestitionen seit der Finanzmarktkrise wieder anzieht, können nicht alle Länder von der neuen Dynamik profitieren. Insbesondere gering entwickelte Staaten auf dem afrikanischen Kontinent, kleine Inselstaaten mit geringer wirtschaftlicher Aktivität und solche Entwicklungsländer, die über keinen Meerzugang verfügen, verlieren weiter an Boden. Auch Südasiens
Direktinvestitionsvolumina sind rückläufig, wogegen die Regionen Lateinamerika, Ost- und Südostasien starke Zuwächse zu verzeichnen haben. 23
22 Vgl. UNCTAD (2011), S. xii.
23 Vgl. ebn., S. x.
9
3.2. Bedeutung von Direktinvestitionen für die Empfängerländer
Die wissenschaftliche Beurteilung, ob eine positive Korrelation zwischen Direktinvestitionen und Wirtschaftswachstum auf dem Empfängermarkt besteht, divergiert mitunter erheblich. Zahlreiche Studien, die sich auf einzelne Länder oder Ländergruppen konzentrieren, gelangen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die Evidenzen reichen dabei von einer negativen bis hin zu einer stark positiven Korrlation. Die Mehrheit der Studien gelangt insgesamt jedoch zu einem positiven Ergebnis.
De Gregorio untersuchte in seiner Studie die Determinanten für das Wirtschaftswachstum zwölf lateinamerikanischer Länder zwischen den Jahren 1950 und 1985. Dabei kam er zu dem Schluss, dass Investitionen ein Hauptfaktor für wirtschaftliches Wachstum darstellen. De Gregorio weist in diesen Zusammenhang explizit auf die höhere Effizienz von Direktinvestitionen gegenüber domestic Investments hin. 24 Auch Borensztein et al. sehen einen positiven Zusammenhang zwischen Direktinvestitionen und Wirtschaftswachstum, wobei die Autoren jedoch ein Minimum an human capital in der Ökonomie als Grundvoraussetzung sehen. 25 Eine weitere Studie, die eine positive Korrelation zwischen Direktinvestitionen und Wirtschaftswachstum als bewiesen ansieht, unterstreicht dabei den besonderen Zusammenhang zwischen Direktinvestitionen und der Zunahme des Handelsvolumens.
Karabasi et. al. stellten einen positiven Zusammenhang zwischen Direktinvestitionen und der wirtschaftlichen Entwicklung von
Entwicklungsländern fest, die insbesondere dann zum tragen kommen, wenn das Empfängerland über ausreichende Kapazitäten von Humankapital verfügt. Gleichzeitig betonen Karabasi et. al. die Bedeutung von Direktinvestitionen für den Technologietransfer, 26 der für eine weiterführende wirtschaftliche Entwicklung von entscheidender Bedeutung sein kann. Auch De Mello attestiert in seiner Studie eine positive Korrelation zwischen Direktinvestitionen und der wirtschaftlichen Entwicklung einer Ökonomie. Besondere Erwähnung finden dabei die positiven Begleiteffekte, die sich aus dem Technologietransfer ergeben.
24 Vgl. De Gregorio (1992), S. 61. u. S. 73.
25 Vgl. Borensztein et al. (1998), S. 123.
26 Vgl. Karabasi et. al. (2002), S. 12.
10
Im Zuge dessen bilden die Unternehmen ihre Angestellten besser aus, da die neue Technologie neue Fähigkeiten abverlangt. Gleichzeitig werden auch die besonderen Anforderungen an das Management durch Schulungsmaßnahmen auf ein neues Level gehoben. 27 Durch die Multiplikation dieses Vorgangs wirken sich die Bildungsmaßnahmen, die mit dem Technologietransfer einhergehen, insgesamt positiv auf das Humankapital aus, welches wiederum ein Kriterium für eine positive Investitionsentscheidung eines ausländischen Investors sein kann.
Die Studie von Sata untersuchte 44 Entwicklungsländer hinsichtlich der Effekte von privaten Kapitalflüssen auf das Wirtschaftswachstum. Insbesondere der Entwicklungs- und Kapitalisierungsgrad des Finanzsystems ist nach Sata ein entscheidender Faktor, der die Wirkung von Direktinvestitionen auf das Wirtschaftswachstum positiv beeinflusst. Der Autor misst der Kapitalbasis von Finanzinstituten eine entscheidende Bedeutung bei und führt als Begründung die Allokationsfunktion der Banken an, die sich auch in einer Investitionszurückhaltung ausdrücken kann, wenn der Finanzsektor eines Landes als unterkapitalisiert gilt. Ferner verweist Sata auf das Erfordernis Transparenz herzustellen, da ausländische Investoren Informationen über die wirtschaftliche Lage zur Entscheidungshilfe benötigen. 28
Basu et. al. untersuchten den Zusammenhang zwischen
Direktinvestitionen und dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) hinsichtlich der wechselseitigen Beeinflussung. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass ein wachsendes BIP in relativ abgeschotteten Volkswirtschaften langfristige Direktinvestitionen anziehen, während eine relativ offene Wirtschaftsordnung sowohl lang- als auch kurzfristige Direktinvestitionen zur Folge haben. Darüber hinaus sprechen die Autoren von einer wechselseitigen Ursache, die in den letztgenannten Volkswirtschaften zwischen Direktinvestitionen und dem BIP besteht. Zusätzlich weisen Basu et. al. auf Handels- und Finanzrestriktionen hin, die den Direktinvestitionszufluss verhindern. 29
27 Vgl. De Mello (1999), S. 134.
28 Vgl. Soto (2000), S. 24.
29 Vgl. Basu et. al. (2003), S. 516.
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