1. Einleitung
Bildung und Erziehung können im heutigen Zeitalter der Globalisierung als elementares und zentrales Instrumentarium einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Entwicklung wahrgenommen werden. Die bis dato vorherrschende obligatorische Bescheidenheit, die der erziehungswissenschaftliche Diskurs in der Beschäftigung mit der Globalisierung nach wie vor an den Tag legt, erstaunt umso mehr, als der Terminus Bildung als zentrale gesellschaftliche Produktivkraft eine signifikante Aufwertung erfährt (Seitz 2002, 7). Dabei manifestiert sich vor allem die menschliche Lernfähigkeit als die zentrale Ressource, die in der Lage ist, die globale Komplexität der vernetzten Welt neu zu gestalten. Die Globalisierung ist für Klaus Seitz (2002, 7) in Bezug auf diese neuen universalen Herausforderungen zu einer Zauberformel geworden, die zur Deskription und Legitimierung beliebiger Veränderungen auf dem Weg zur Weltgesellschaft herangezogen werden kann. So wird Globalisierung gemeinhin als epochales Phänomen betrachtet, das im Sinne einer Gegenwartsdiagnose in den letzten Jahrzehnten eine monumentale Dynamik erfährt und speziell seit den 1990er Jahren eine imposante Karriere erlebt (Seitz 2002, 8; Beck 2007b, 13; Osterhammel und Petersson 2007, 18; D. Brock 2008, 9; Butterwegge 2009, 55; Safranski 2010, 12). Christine Hunner-Kreisel, Arne Schäfer und Matthias D. Witte (2008, 7) gehen so weit zu sagen, dass kaum eine Woche verrinnt, in der die zunehmende Globalisierung nicht in den Nachrichten, in Boulevardmagazinen oder in Diskussionsrunden thematisiert wird. Zentral ist dabei, welche reziproken Auswirkungen die mit dem Globalisierungsprozess einhergehenden Attribute der universalen Vernetzung, der Mobilisierung, der Beschleunigung und der Wettbewerbsfähigkeit, um nur einige Beispiele zu nennen, auf das einzelne Individuum haben. Da der Globalisierungsprozess nolens volens auch auf individueller Ebene innovative Veränderungen mit sich bringt, sehen Hans-Peter Blossfeld et al. (2008, 11) sowohl das Auftreten erheblicher Unsicherheiten als auch das Entstehen außerordentlicher Chancen für den Einzelnen. Aus moralisch-ethischer Perspektive konstatierte Papst Johannes Paul II. bereits im Jahr 2001, dass „die Globalisierung a priori weder gut noch schlecht [ist]. Sie wird das sein, was die Menschen aus ihr machen“ (Benedikt XVI. 2009, CIV 42). Nach seiner Überzeugung, kann die Globalisierung, insofern sie als vielschichtiges und polyvalentes Phänomen betrachtet wird, eine noch nie dagewesene signifikante Neuverteilung der Ressourcen auf der Welt ermöglichen. Eine positive Komponenten sieht auch der Soziologe Ulrich Beck (2008, 285), in dem er den gegenwärtigen Prozess als Chance betrachtet und den Blick auf potenzielle Vorteile für die entscheidungstragenden Individuen, Unternehmen, Regionen und Staaten richtet. Andererseits interpretiert er die Modernisierungstendenzen als komplizierte, besorgniserregende und sogar unakzeptable Gefährdung des eigenen sozialen Lebens, das zum Großteil von Entscheidungen anderer determiniert wird. Werner Lenz (2009, 15) weist darauf hin, dass Globalisierung dann negativ
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wahrgenommen wird, wenn Auswirkungen und Nebenfolgen von Entscheidungen zu Lasten anderer Menschen gehen und im Zuge dessen als nicht mehr steuerbar erscheinen. Weiterhin hält er sich an die Überlegungen der kanadischen Journalistin und Globalisierungskritikerin Naomi Klein, die postuliert, dass Globalisierung als Herausforderung zu betrachten ist und es an den Menschen selbst liegt „mitzuentscheiden, welche Werte sich im Zeitalter der Globalisierung durchsetzen“ (ebd.).
Für jeden Menschen entstehen im Prozess der Globalisierung neue Muster von Bildungs-, Teilhabe- und Lebenschancen, von denen Kinder und Heranwachsende in aller Welt - wenn auch in äußerst divergenter Weise - besonders betroffen sind (Steffens und Weiss 2004). In diesem Nexus gewinnt insbesondere eine bedarfsgerechte Bildung der nachfolgenden Generationen an öffentlicher Aufmerksamkeit und gesellschaftlicher Bedeutung. Gudrun Quenzel und Klaus Hurrelmann (2010, 11) sehen Bildung als zentrale persönliche und soziale Ressource des 21. Jahrhunderts, die im globalen Wettbewerb im Sinne der Existenz- und Wohlfahrtssicherung zur elementaren Schlüsselkomponente wird. Zu emanzipierten Entscheidungsträgern in der globalen Gesellschaft werden heute nicht mehr diejenigen, die allein über den Reichtum der Welt verfügen, sondern diejenigen die aufgrund von Bildung in der Lage sind, Risiken von denen laut Beck (2008, 47f) alle gleichermaßen betroffen sind zu dezimieren. Hierbei soll nicht der Eindruck entstehen, die negativen Folgen der Globalisierung könnten allein durch das Initiiren neuer Bildungsprozesse bewältigt werden, allerdings ist globales Lernen eine wichtige Chance, um zu begreifen, welche Interessen die vernetzte Welt organisieren und wie auf diese reagiert werden kann (Lenz 2009, 15). Aus bildungssoziologischer Perspektive stellen sich dabei die Fragen, welche globalen Bildungsstrategien heute verfolgt werden müssen und mit welchen
Qualitätsanforderungen demzufolge Bildungseinrichtungen konfrontiert sind, die die Bereitstellung der bedarfsgerechten Bildung sichern sollen. Im Zuge dessen ist der Terminus Bildung auch in der Elementarpädagogik in Deutschland sowie in den meisten anderen hoch industrialisierten Staaten zu einem brisanten Thema geworden. Zum zentralen Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchungen wird dabei die Grundsatzfrage deklariert, welche Bildung unsere Kinder in der heutigen Zeit benötigen, um den genannten Anforderungen entgegentreten zu können und die Welt in ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Struktur verantwortungsbewusst und emanzipiert zu gestalten. Somit stehen nicht nur die gesamten Bildungssysteme sondern auch alle pädagogisch Tätigen vor neuen Herausforderungen, diesem Bildungsanspruch gerecht zu werden.
Aus diesen Überlegungen ergibt sich als zentrale Fragestellung der vorliegenden Arbeit, welche Bedeutung die Bildung im heutigen Stadium des Globalisierungsprozesses hat, wie individuelle Bildungsprozesse in der Weltgesellschaft konkretisiert werden und
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welche qualitativen Ansprüche sich daraus für die Bildungsangebote der Elementarpädagogik ergeben.
Um im Rahmen der vorgegebenen Untersuchung ein fundiertes Verständnis der Zusammenhänge zu ermöglichen, gilt es zuvorderst das Phänomen der Globalisierung zu erörtern. Zum näheren Verständnis des Phänomens werden dabei eine begriffliche Annäherung, die historische und gegenwärtige Entwicklung, sowie verschiedene Dimensionen der Globalisierung aggregiert dargelegt. Die Betrachtung globaler Aspekte diverser Dimensionen ermöglicht in dieser Angelegenheit eine Annäherung an ein ganzheitliches Verständnis der aktuellen gesellschaftlichen Weltlage. Mit der Erörterung und Anerkennung ungleicher Machtverteilung als Resultat der Globalisierung sollen ethische Aspekte besondere Berücksichtigung finden. Der inhaltliche Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit bezieht sich auf der analysierten Grundlage zur gegenwärtigen Situation im Kontext der Globalisierung auf die Bedeutung der Bildung. Im Zuge dessen wird im zweiten Teil, nach einer definitorischen Abgrenzung des hier angewandten Bildungsbegriffs, die
Bildungsfunktionen in einer globalisierten Wissensgesellschaft aus bildungssoziologischer Perspektive diskutiert sowie ein Bezugsrahmen für globale Bildung dargelegt. Darauf folgt die Deskription globaler Bildungsprozesse, die sich vor dem Hintergrund des internationalen gesellschaftlichen Wandels vollziehen. Eine dezidierte substanzielle Festlegung der anvisierten Bildungsgegenstände wird in der Vorstellung globaler Bildungsinhalte realisiert.
Auf der diesbezüglich geschaffenen Erkenntnisgrundlage werden im dritten Abschnitt der Ausführungen die Qualitätsansprüche an die Umsetzung
elementarpädagogischer Bildungsangebote im Kontext der Globalisierung formuliert. Von besonderem Interesse ist dabei, welche Struktur die elementarpädagogischen Bildungseinrichtungen vorweisen müssen, um den gestellten Qualitätsanforderungen gerecht zu werden. In diesem Nexus stellt sich die Frage, wie das Kompetenzprofil des pädagogischen Personals angelegt sein muss, um qualitativ bedarfs- und kontextgerechte Bildungsangebote zu forcieren. Des Weiteren wird vorgestellt, welche integrativen Aspekte Bildung impliziert und wie diese als Bildung für alle im Sinne der Inklusion zur Verfügung gestellt werden kann. Abschließend werden im letzten Abschnitt die Ergebnisse der Arbeit zusammenfassend dargestellt, eine kritische Hinterfragung in Bezug auf die zentrale Fragestellung realisiert und ein Ausblick auf zukünftige Entwicklungen gewagt.
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2. Das Phänomen der Globalisierung
Die heute als pauschaler Sammelbegriff omnipräsente Bezeichnung der Globalisierung etablierte sich im deutschen Sprachgebrauch, nach allgemeiner Auffassung, erst in den 1990er Jahren (Osterhammel und Petersson 2007, 7; Seitz 2007, 63; Behrens 2005, 13). Klaus Müller (2002, 182) deklariert die neunziger Jahre gar als die „Dekade der Globalisierung“. Obgleich sich diese sprachliche Neuschöpfung im öffentlichen Jargon weltweit und in kürzester Zeit etabliert hat, bedeutet die begriffliche Konjunktur nicht automatisch, dass der benannte Gegenstand ex aequo neu ist (Seitz 2007, 63). Genauer gesagt charakterisiert der Terminus historisch weit zurückreichende Prozesse des ökonomischen, politischen und kulturellen Wandels, den viele Menschen gegenwärtig als nicht mehr erfassbar wahrnehmen (Overwien und Rathenow 2009, 9). Zur dezidierten Betrachtung des Phänomens der Globalisierung müssen aufgrund dessen je nach disziplinärem wissenschaftlichen Hintergrund divergierende Aspekte untersucht und in den Vordergrund gestellt werden.
„Wenn ein tatsächliches Phänomen in gleicher Art und Weise an Bedeutung zunimmt wie der Gebrauch seiner Begrifflichkeit, dann steht die inflationäre Benutzung des Begriffs der Globalisierung für ein Phänomen, das aktuell alle Lebensbereiche entscheidend verändert.“ (Angilletta 2002 in ebd.)
Dieser Gedankengrundlage folgend, ist es zentral, inwieweit und auf welche Art und Weise globale Prozesse von den Akteuren der jeweiligen Disziplinen in Gegenwart und Zukunft gestaltet werden können. Um Bildung als zentrales Gestaltungspotenzial im globalen Kontext zu betrachten und darauf basierende pädagogische Interventionen zu realisieren, bietet sich bezüglich der vorliegenden Arbeit an, zunächst den Gegenstand der Globalisierung zu analysieren und dabei eine nuancierte Darstellung des Phänomens zu forcieren.
2.1. Definitorische Abgrenzung
Obwohl, oder gerade weil in der Öffentlichkeit durchaus ein jeder über eine Auffassung darüber verfügt, was die Globalisierung heute bedeutet, ist eine exakte begriffliche Festlegung äußerst diffizil.
„Globalisierung ist sicher das am meisten gebrauchte - missbrauchte - und am seltensten definierte, wahrscheinlich missverständlichste, nebulöseste und politisch wirkungsvollste (Schlag- und Streit-) Wort der letzten, aber auch der kommenden Jahre.“ (Beck 2007b, 42)
Da eine kategorische Definition des Begriffs nicht vorliegt, muss auf eine universale Form der Erfassung des Phänomens zurückgegriffen werden, die der Heterogenität der
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Thematik gerecht wird. Der Begriff Globalisierung geht in erster Linie auf das Substantiv „Globus“ zurück, das nach Peter Sloterdijk (2006, 18f) die Idee der Kosmothese, einhergehend mit der doppelten kartographischen Gegenstandbestimmung des Himmels und der Erde, charakterisiert. Ausgehend von diesem Nomen resultieren die gängigen adjektivischen Ableitungen über „globale“ Sachverhalte, die maßgeblich vom englischen Verb „to globalize“ abstammen. Aus diesen Bezeichnungen ergibt sich letztlich der expressive Terminus der „Globalisierung“.
In Anbetracht ihres multidimensionalen Verständnisses schafft die Globalisierung in ihrer prozesshaften Interpretation transnationale Räume und reziproke regional-globale Beziehungsnetzwerke, die eine empirisch zu ermittelnde Ausdehnung, Dichte und Stabilität erfahren und die sich auf divergenten Ebenen vollziehen. Beck (2007b, 28f) versucht die Globalisierung als Prozess zu definieren, in dessen „Folgen die Nationalstaaten und ihre Souveränität durch transnationale Akteure, ihre Machtchancen, Orientierungen, Identitäten und Netzwerke unterlaufen und querverbunden werden“. In Bezug auf dieses Definitionsverständnis fügt Dietmar Brock (2008, 13) an, dass Globalisierung, einhergehend mit den vernetzenden Entwicklungen bei der Entstehung einzelner neuer zwischengesellschaftlicher Beziehungen beginnt und einen Endpunkt mit einem weltumspannenden Netzwerk aus globalen Sozialkontakten erreicht. Hartmut Rosa (2005, 334) postuliert einhergehend mit dem Aufbau eines globalen Beziehungsgefüges, das Ende stabiler personaler und kollektiver Identitäten, das Aufbrechen der Nationalstaaten sowie die Überwindung institutioneller Grenzen zwischen divergenten Funktionssphären. Eine prädestinierte Definition, die nahezu alle bisher dargelegte Aspekte berücksichtigt, legt Müller (2002, 8) vor.
„Jenseits politischer Stellungnahmen lässt sich Globalisierung als die raum-zeitliche Ausdehnung sozialer Praktiken über staatliche Grenzen, die Entstehung transnationaler Institutionen und Diffusion kultureller Muster beschreiben - ein Prozess der durch seinen Tiefgang, seine Geschwindigkeit und seine Reichweite von konventionellen Formen der Modernisierung unterscheidet.“ (ebd.)
Im Zuge dieses Prozessverständnisses der Globalisierung, einhergehend mit ihren qualitativen raumzeitlichen Veränderungen, soll im Folgenden die zeitliche Entwicklung dargelegt werden, in denen sich globale Expansionen und Innovationsmaßnahmen vollziehen respektive vollzogen haben. Zur adäquaten Erfassung des Gesamtkontexts des Phänomens und der Fixierung des bisher erreichten Zustands im fortlaufenden Globalisierungsprozess ist es notwendig, herauszuarbeiten, welche Faktoren dazu führten, dass die Welt zu dem werden konnte, was sie heute ist. Bezüglich der zentralen Frage, welche Bildung heute notwendig ist, um diesen fortlaufenden Prozess zukünftig zu gestalten, ist es im Rahmen der vorliegenden Arbeit unabdingbar, die Analyse anzustellen, welche Entwicklungen in der Vergangenheit den Globalisierungsprozess determinieren.
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2.2. Chronologie der Globalisierung
Für Jürgen Osterhammel und Niels P. Petersson (2007, 10) erscheint es als Selbstverständlichkeit, dass viele Faktoren des heutigen Daseins nur noch im Kontext globaler Verflechtungen verstanden werden können. Da davon auszugehen ist, dass derlei Verknüpfungen bereits in der Vergangenheit eine größere Rolle gespielt haben, ist zu untersuchen, von welcher Art diese waren, wie sie funktionierten und ob sich deren Aspekte tatsächlich zu einem Prozess eigenen Charakters summierten.
2.2.1. Historische Entwicklung
Bereits das Einsetzen des heute als Globalisierung bezeichneten Phänomens wird in der wissenschaftlichen Analyse höchstdifferent datiert. Während der Gesellschaftstheoretiker Karl Marx und der Sozialhistoriker Immanuel Wallerstein bereits das 15. Jahrhundert als Beginn des internationalen Zusammenwachsens identifizieren und vorwiegend kapitalistische Faktoren als Ursachen thematisieren, designiert der Soziologe Anthony Giddens, einhergehend mit der Modernisierung, das 18. Jahrhundert als Ursprung der Globalisierungsentwicklung (Beck 2007b, 44). Eine alternative differenziertere Terminierung und Kategorisierung der historischen Entwicklung, die für den Erklärungbedarf der vorliegenden Analyse prädestiniert erscheint, legt der Philosoph Peter Sloterdijk in seinem Dreiphasenmodell vor (Sloterdijk 2006, 20ff). Er deklariert die drei chronologischen Globalisierungswellen als kosmisch-uranische, terrestrische und elektronische Globalisierung 1 . Wie die Bezeichnung der ersten Phase bereits vermuten lässt, gehen die wirklichen Anfänge der Globalisierung nach seiner Auffassung bereits auf die „Rationalisierung der Weltstruktur durch die antiken Kosmologen“ (ebd., 20) zurück. Diese unternahmen zum ersten Mal in der Geschichte den Versuch die Gesamtheit des Seienden in ihrer geometrischen Gestalt zu konstruieren und somit eine Theorie des vollkommenen Globus zu bieten, die nicht nur die Loslösung von Himmel und Erde berücksichtigte, sondern auch die Proportionalität und die Zirkularität in den Fokus zu stellen versuchte. Der geschichtliche Rückblick im Rahmen Sloterdijks erster Globalisierungsphase verdeutlicht vornehmlich, dass die Globalisierung als ein stringent und historisch sehr viel mächtigeres Phänomen zu verstehen ist, als es in der landläufigen Meinung üblich ist. Die von ihm so bezeichnete terrestrische Globalisierung beschreibt somit bereits die zweite Phase seines Dreiphasenmodells der historischen Entwicklung, obgleich diese bei vielen anderen Autoren, wie auch bei den oben genannten, als einschlägiger Beginn determiniert wird. Konvergent zur
Aufwärtsentwicklung des terrestrischen Realismus und dem Aufbruch in die Neuzeit bis hin zur Ära, in dem das aktuelle Weltsystem seine derzeitigen Konturen herausbildete,
1 siehe Anhang 1
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sieht er den Zeitraum von 1492 bis 1945 als in sich geschlossener Ereigniskomplex an. Die „Entdeckung und [die] nachfolgende koloniale Unterwerfungen Mittel-, Süd-, und Nordamerikas“ (Behrmann 2010, 159) sowie Umbrüche in anderen Teilen der Welt, einhergehend mit einem Streben der großen Zivilisationen nach Macht und Expansion, ließen eine neue Weltaufteilung und Verbindungen zwischen den Kontinenten entstehen. Die Schifffahrt und der Kolonialismus ermöglichten erstmals globale Interaktionen und evozierten den Aufbau eines globalen Handelsnetzes. In diesem Kontext kann von einer Systematisierung geschlossener und gegeneinander abgrenzbarer nationaler Räume gesprochen werden, in denen heterogene Nationalgesellschaften leben und handeln (Beck 2007b, 44). Mit der zunehmenden Einteilung der Erde und der Vernetzung individueller Staaten und Terretorien konnte im Verlauf dieser Mittelphase ein neues „globales Weltbild“ entstehen, das die gesamte Erdkugel und nicht nur den eigenen Kulturkreis erfasste (Osterhammel und Petersson 2007, 45). Auf diese räumliche Einteilung der Welt folgt nach Sloterdijks (2006, 21) Kategorisierung die dritte moderne Globalisierungsphase, die er als elektronische Globalisierung bezeichnet. Dank moderner Kommunikations- und Transportmittel werden folglich genau die Grenzen überschritten, die die terrestrische Globalisierung hervorgebracht hat. Die Globalisierung erzeugt heute in divergenter Art und Weise ein erfahrbares „Grenzenloswerden alltäglichen Handelns“, das mit einer neuen Vielfalt von Vernetzungen und Querverbindungen in einer von Kommunikationen und Informationen statuierten Weltgesellschaft konfrontiert ist (Beck 2007b, 44). In ihrem heutigen Verständnis wird die Globalisierung in der Regel mit den aktuellen Entwicklungen in Verbindung gebracht, obgleich die vorliegende historische Darstellung die These stützt, dass es sich nicht um ein neuartiges Phänomen handelt, sondern um die durchaus ausgeprägte Weiterentwicklung eines langen Prozesses. Osterhammel und Petersson (2007, 108f) asserieren letzten Endes, dass ein letzter Globalisierungsschub bereits auf eine Welt traf, für die Globalität nichts Neues mehr war.
2.2.2. Vom Globalisierungsprozess zur Globalität
Da es für sämtliche Betrachtungen und Interventionen bezüglich der Globalisierung schwer ist den Gegenstand eines fortlaufenden Prozesses zu applizieren, ist es hilfreicher einen gegenwärtigen Zustand zu charakterisieren, im Rahmen dessen präzise Analysen und Handlungen erfolgen können. Obgleich wie oben erörtert die Globalisierung an sich weit zurückreichende Prozesse beschreibt, ist heute bei der Deskription diverser globaler Veränderungen die jüngere Vergangenheit respektive Gegenwart gemeint. Rupert Lay asseriert bereits in den 1990er Jahren, dass die mit der Globalisierung infrage kommenden Reformen der territorialen-nationalstaatlichen Gesellschaften zumindest in Europa nahezu vollzogen seien und Gesellschaften zu Akteuren in einer global vernetzten Welt geworden sind (H. Schneider 2011, 93). Auch Beck (2007b, 27) hebt
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hervor, dass wir heute längst in einer Weltgesellschaft leben, die mit Globalität umschrieben werden kann und einen neuen Zustand eigenen Charakters beschreibt.
„Globalität bezeichnet die Tatsache, dass von nun an nichts, was sich auf unserem Planeten abspielt, nur ein örtlich begrenzter Vorgang ist, sondern dass alle Erfindungen, Siege und Katastrophen die ganze Welt betreffen und wir unser Handeln, unsere Organisationen und Institutionen entlang der Achse lokal-global reorientieren und reoganisieren müssen.“ (ebd., 30)
Jeremy Rifkin (2010, 315) konstatiert, dass die Erdbevölkerung heute zum erstenmal in der Geschichte in wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Strukturen eingebettet ist, die den gesamten Globus umringen. Ein wesentliches
Unterscheidungsmerkmal zwischen der Globalisierung und der Globalität kommt hierbei zum Vorschein. Während es sich bei der Globalisierung um veränderbare Prozesse handelt, die immer wieder neu gestaltet werden können, ist mit der Globalität ein Zustand der relativen Unrevidierbarkeit gemeint, der gegenwärtige Erscheinungsformen und Verhältnisse der globalen Vernetzung beschreibt. Heute leben wir in einer globalisierten Welt, die nahezu ausnahmslos von den Menschen eingenommen wurde. Helga Schneider (2011, 94) konstatiert, dass der Mensch von heute nicht nur auf einem dicht ausgebauten Verkehrsnetz um den Globus reisen kann, sondern dass beinahe der gesamte Erdball in ein zweites Netz aus digitalen Daten und Kommunikationen gehüllt ist. Tagtäglich werden in 49.000 Flugzeugen Menschen und Fracht durch die Luft in alle Winkel der Erde befördert sowie 3,2 Billionen US-Dollar auf den Kaptalmärkten bewegt (Rifkin 2010, 315). Über 2500 Satelliten umkreisen die Erde und übermitteln Informationen an mehr als vier Milliarden Menschen. Sie sind nicht nur in der Lage das Wetter zu verfolgen, Audio-, Video- und Textdateien zu übertragen, sondern helfen auch Millionen von Autofahrern, ihr geplantes Ziel zu erreichen (ebd.). Diese Entwicklung ermöglicht für Beck (2007b, 31) nicht nur die komprimierte Übermittlung von Informationen in Sekundenschnelle, sondern auch die Eliminierung der Ferne, sowie das Schaffen reeller Begegnungschancen und fortdauernder Kontaktnotwendigkeiten. Das Neue an der Globalität ist nach der Auffassung des Soziologen nicht das alltägliche Handeln und Leben über nationalstaatliche Grenzen hinweg oder die dichten Netzwerke mit hoher reziproker Abhängigkeit und Verpflichtung, sondern neu ist die Selbstwahrnehmung und das Bewusstsein dieser Transnationalität sowie die korrespondierenden globalen Handlungsfelder. Auch D. Brock (2008, 10) teilt die Meinung, dass an der Vernetzung der Welt kein Zweifel mehr besteht und führt an, dass sich im Zuge dieses Verlaufes neue Herausforderungen für die einzelnen Bereiche der zusammengewachsenen Welt ergeben. So werden im Folgenden die für diese Arbeit wichtigsten Dimensionen der Globalisierung explizit dargestellt, auf deren Basis sich im Anschluss die Bildungsinhalte und -interventionen der Elementarpädagogik herausbilden sollen.
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2.3. Dimensionen der Globalisierung
Das Phänomen der Globalisierung hat sich in der öffentlichen Wahrnehmung neben der Positionierung in den Kerndisziplinen der Wirtschaft und der Politik als allzeit präsentes Gesamtkonzept etabliert, das sämtliche Bereiche des internationalen Handelns integriert. Im Diskurs stehen hierbei in erster Linie die mit der Globalisierung einhergehenden strukturellen Modifikationen und deren ökonomische, politische, kulturelle und gesellschaftliche Konsequenzen. Vor dem Hintergrund der internationalen Vernetzung und der Erneuerung der Interdependenzen ist es vonnöten, diese unterschiedlichen Dimensionen der Globalisierung zu kontrastieren, um eine detaillierte Designation der Veränderungsprozesse zu ermöglichen und im Folgenden eine Ansatzgrundlage divergenter Bildungsprozesse und -inhalte hervorzubringen.
2.3.1. Wirtschaftliche Entwicklung
Die meisten Aspekte der Globalisierung lassen sich nach Ulrich Teusch (2004, 41) mit wirtschaftlichen Faktoren in Zusammenhang bringen, sodass die Entwicklungen im wirtschaftlichen Bereich als dominante Kausalfaktoren der Globalisierung angesehen werden können. Die Grundlage der ökonomischen Entwicklungen bildet in diesem Kontext der technologische Fortschritt und dessen Verfügbarkeit für eine breite Masse der Bevölkerung und der Unternehmen. Jan Aart Scholte (2000, 99) asseriert, dass sich die Neuerungen vor allem auf den Transport, die Kommunikationsmittel und die Datenverarbeitung beziehen. In diesem Nexus postuliert Rifkins (2010, 315), dass die Logistik des zeitgenössischen Handelsverkehrs beinahe barrierelos geworden ist. Heute können Waren über Nacht in die ganze Welt versendet werden und Nachrichtenübertragung um den Globus ist, wie in Punkt 2.2.2 angesprochen, eine Zeit von Sekunden. „Auch die Komponenten industrieller Produktion werden in verschiedenen Ländern hergestellt und zur Endmontage an einen dritten Ort gebracht.“ (ebd.) Um international wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen sich sowohl die Wirtschaft als auch die Wirtschaftspolitik, der neoliberalen 2 Ansicht zufolge, an die Bedingungen der Globalisierung anpassen (Behrens 2005, 13). Auf der Grundlage dieser Entwicklungen kann eine zunehmende Macht transnationaler Unternehmen, für die im Rahmen einer internationalen Veränderung ein innovatives strategisches Potential entsteht, beobachtet werden. Diese sogenannten Global Players wollen und können Arbeitsplätze heute dorthin exportieren, wo Kosten und Auflagen für den Einsatz der Arbeitskräfte und der benötigten Rohstoffe am preiswertesten sind. Einzelne Dienstleistungen und Produkte können so segmentiert werden, dass sie wie oben beschrieben, an verschiedenen Orten
2 Denkrichtung des Liberalismus, die eine freiheitliche, marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung mit den entsprechenden Gestaltungsmerkmalen wie privates Eigentum an den Produktionsmitteln, freie Preisbildung, Wettbewerbs- und Gewerbefreiheit anstrebt, staatliche Eingriffe in die Wirtschaft jedoch nicht ganz ablehnt, sondern auf ein Minimum beschränken will. (Duden Wirtschaft 2009 in bpb 2011)
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der Welt kollaborativ angefertigt werden. Diese Segmentierung evoziert ein Fertigungsnetzwerk, bei dem diverse Unternehmen, insbesondere die genannten Global Players, weltweit Hand in Hand an der Produktion von Gütern arbeiten (D. Brock 2008, 49). Profitieren können anhand effizienter kollaborativer Produktion hochwertiger Produkte insbesondere die Unternehmen der hochindustrialisierten Nationalstaaten, indem sie Rohstoffe und Dienstleistungen günstig aus minderentwickelten Ländern importieren, während sie gleichzeitig ihre Waren teuer exportieren. Demzufolge kommt es unweigerlich zu einer ungleichen Entwicklung, die Wallerstein als
Abhängigkeitsverhältnis bezeichnet (Türk, Lemke und Bruch 2006, 71f). So liegt im ökonomischen Bereich noch kein gleichberechtigter Markt vor, auf dem ein globaler Wettbewerb herrscht, sondern ein weltweites Abhängigkeitsgefälle, von dem hauptsächlich die reichen Staaten in Amerika, Europa, und dem pazifischen Raum profitieren (Olssen 2006, 261; Beck 2008, 43). Da der Aspekt der ungleichen Machtverteilung speziell in Punkt 2.3.4 Berücksichtigung finden wird, soll er an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden.
Auf individueller Ebene ergibt sich aus den wirtschaftlichen Entwicklungen, dass Menschen bezüglich globaler Produktionsprozesse mobiler werden müssen. Sollten einzelne Personen oder auch Gruppen gefragte Kompetenzen aufweisen, werden sie ihr Arbeitsvermögen dort einsetzen, wo es für sie am erfolgversprechendsten ist. Bereits an dieser Stelle ist anzuführen, dass die Globalisierung nolens volens nicht ausschließlich Triumphatoren generiert. Den Ausführungen D. Brocks (2008, 61) folgend, handelt es sich bei den sogenannten Globalisierungsgewinnern, sogar um eine vergleichsweise kleine Gruppe von Wissensträgern, die in der globalisierten Wirtschaft der Gegenwart und Zukunft die produktive Arbeit realisieren. Der ökonomische Kern der hier implizierten Wissensgesellschaft besteht somit in der These, dass wirtschaftliche Innovationen heute nicht mehr über effektive Industrieproduktion, sondern überwiegend über die Anwendung theoretischen Wissens effiziert wird. Es verwundert daher nicht, dass wirtschaftliche Wertschöpfung unter den Bedingungen der Innovationsdynamik der Wirtschaft immer stärker von kreativen Leistungen sogenannter Wissensträger abhängig ist (ebd., 62). Um in der weltgesellschaftlichen Konkurrenz mit einem sukzessiv steigenden Wettbewerbsdruck bestehen zu können, entsteht für die einzelnen Staaten heute die Aufgabe, Kapital, Menschen und Wissen zu gewinnen und zu fördern. Diese Erfolgsvorhaben der einzelnen Unternehmen übertragen sich folglich ungefiltert auf die einzelnen Individuen, die als Kompetenzträger im ökonomischen Prozess agieren und fordern von diesen nicht nur ein hohes Maß an Mobilität, sondern setzen gleichermaßen Flexibilität und Innovationsfähigkeit voraus.
Für die Nationalstaaten ergibt sich daraus, dass sie den Trend zur weltweiten Vernetzung und Interdependenz adäquat begleiten müssen. Fest steht, dass sowohl die Unternehmen als auch die einzelnen Individuen weniger auf den einzelnen Nationalstaat
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angewisen sind, da eine zunehmende Abschaffung nationaler Protektion den internationalen Austausch vereinfacht und sogar fördert. Ergo ist es Aufgabe der Politik ein zeitgemäßes Handeln an den Tag zu legen, dass die Diskrepanzen zwischen Globalität und Nationalstaatlichkeit entschärft und neue Strukturen schafft, die das internationale Agieren regeln.
2.3.2. Politische Aufgaben Die ökonomische Globalisierung stellt die Politik heutzutage vor große
Herausforderungen und Probleme, da politische Systeme nach wie vor überwiegend auf nationalstaatlichen Denkstrukturen basieren, während wirtschaftliches Handeln bereits komplexe globale Querverbindungen aufweist. Beck (2007b, 72f) akzentuiert, dass besonders die Nationalstaaten mit der Konzentration auf ihre national-regional beschränkte Politik zunehmend an die Grenzen ihres Einflusses auf die eigene Wirtschaft stoßen. Nach dieser Behauptung lässt sich die Frage nach dem Einfluss und somit nach der Bedeutung einer Regierung stellen, die in globalen wirtschaftspolitischen Angelegenheiten weitgehend machtlos erscheint. Hinzu kommt, dass sich in Bezug auf Handlungsoperationen der Internationalen Regierungsorganisationen (IGOs) und Internationalen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) eine Kompetenzverlagerung zuungunsten der Nationalstaaten beobachten lässt. Supranationalen Organisationen wie beispielsweise die Weltbank, die Welthandelsorganisation, Greenpeace oder auch soziale Bildungsorganisationen, wie Lehrer ohne Grenzen, bekommen global gesehen sukzessive mehr Autorität. Berechtigterweise stellt sich gegenwärtig die Frage, ob im Zuge der globalen Prozesse nicht globale Institutionen besser und umfassender agieren können als die Nationalstaaten. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass Nationalstaaten häufig wichtige Weichen stellen und somit den wirtschaftlichen, politischen und auch gesellschaftlichen Prozess erheblich beeinflussen (D. Brock 2008, 77). Nach diesem Verständnis ist es vornehmlich Aufgabe der nationalstaatlichen Politik aktiv auf globale Entwicklungen zu reagieren, da wirtschaftliche Verläufe nicht getrennt von politischen Interaktionen der einzelnen Staaten betrachtet werden können. D. Brock (ebd., 92) beschreibt im Zuge dessen mögliche Instrumente, mit denen die Nationalstaaten auf Herausforderungen der wirtschaftlichen Globalisierung reagieren können. Hierzu gehört unter anderem die Verlagerung politischer Prozesse auf die internationale Ebene mithilfe transnationaler politischer Kooperation, wie sie insbesondere durch die erwähnten supranationalen Organisationen wie der Welthandelsorganisation oder der Weltbank realisiert werden. Des weiteren nennt er die Konstituierung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums als potenzielle Reaktion, die weitere Integrationsprozesse ermöglicht. Mit dem Prinzip der Subsidiarität, die Eigenverantwortung dem staatlichen Handeln vorzieht, beschreibt er ferner die Anpassung und Fokussierung der problemlösenden
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Ebene auf das zu lösende Problem. Außerdem verweist er auf die Möglichkeit respektive Notwendigkeit gemeinsamer universeller Werte, die im Folgenden insbesondere in den Punkten 2.3.3 und 2.4 Berücksichtigung finden werden. Summarisch gesehen geht es darum, wie der Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz (2008, 345) fordert, das eingeschränkte Bezugssystem der Nationalpolitik zu überwinden und politisch gesehen globaler zu denken und zu handeln, um letztlich die Folgen der Globalisierung im demokratischen Sinne zu gestalten. Prozesse der Globalisierung müssen aus diesem Grund in demokratiepolitische Entscheidungen einbezogen werden, da eine globaliserte Welt ein mehr an Demokratie benötigt. Zur Aufgabe der Politik wird es, einen neuen Bezugsrahmen zu erstellen, indem wirtschaftliche und auch andere globale Vernetzungen vonstatten gehen können (ebd.). Politischen Interventionen reichen nach diesem Verständnis neben dem wirtschaftlichen Bereich auch in andere Dimensionen hinein und ergeben daraus Konsequenzen, wie sie im Folgenden vorgestellt, maßgeblich im kulturellen Bereich zum Tragen kommen.
2.3.3. Kulturelle Konsequenzen
Die zunehmende Vernetzung der Welt apostrophiert aufgrund internationaler ökonomischer Entwicklungen und politischer Maßnahmen den zunehmenden interkulturellen Kontakt zwischen Menschen und Völkern. Die Globalisierung scheint demzufolge, schließt man sich der öffentlichen Diskussion an, auch vor der Kultur nicht haltzumachen. In diesem Nexus problematisiert die kulturelle Globalisierung den Kulturbegriff, der laut Borke Rehbein und Hermann Schwengel (2008, 106) Traditionen, Bräuche, Technologien, materielle Güter und Ideen umfasst. Um eine individuelle Identität zu erfahren, schreiben sich die Nationalstaaten in der Regel eine eigene Kultur zu, obgleich Kulturen oftmals historisch gesehen andere Grenzen aufweisen als die der einzelnen Staatsgebiete. Bereits hierbei stellt sich die Frage, inwieweit die bishherige Aufteilung der Entitäten in Nationalstaaten der tatsächlichen kulturellen Diversität entspricht. Dessen ungeachtet kommt es im Rahmen der Globalisierung, einhergehend mit interkulturellen Interaktionen und Vernetzungen, zu einer Homogenisierung der Kulturen der Welt (ebd., 107ff). Eine besondere Rolle wird dabei der individuellen Ausdrucksform in Gestalt von Sprache zugeschrieben, die in kultureller Beziehung als Haupt-Symbolträger gelten kann. Steger (2009, 100ff) resümiert bezüglich der Betrachtung der Entwicklung der globalen Sprachenvielfalt, dass sich diese in den letzten 500 Jahren mehr als halbiert hat und infolgedessen ein exorbitanter Rückgang der weltweit gesprochenen Sprachen zu verzeichnen ist. Die englische Sprache hat heute nicht nur die meisten Sprecher weltweit, sondern wird von allen Sprachen der Welt auch in Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft am meisten eingesetzt (Janzer unter weltsprachen.net 2008). Es verwundert daher nicht, dass Englisch als Weltsprache
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immer bedeutender wird und die Zahl derer, die Englisch als Muttersprache sprechen, stark steigen und dieselbe von einer Mehrheit wenigstens als Zweitsprache in Grundzügen beherrscht werden wird. Die Bedeutung einer gemeinsamen Weltsprache wird insbesondere beim Medium des Internets deutlich, da internationale Kommunikation sowie der Zugriff auf gemeinsame Inhalte in erster Linie mithilfe einer gemeinsamen Sprache weltweit gewährleistet werden kann (D. Brock 2008, 227). Obgleich im Verlauf der letzten Jahre eine deutliche Zunahme der Sprachenvielfalt im Internet zu verfolgen war, bleibt der Zugang zu einem Großteil der Informationen des World Wide Web ohne englische Sprachkenntnisse nach wie vor verborgen (Janzer unter weltsprachen.net 2008). Das Internet ist in der Tat nicht das einzige Medium, das mit seinen Möglichkeiten der Echtzeitkommunikation und der Übermittlung von Bildern und Informationen, augenscheinlich zur Vereinheitlichung der Kulturen beiträgt.
Gleichermaßen herrscht eine Übermacht einiger weniger internationaler Medienkonzerne vor, die dafür sorgen, dass überall auf der Welt nach dem Supermodell oder dem besten Sänger gesucht wird und jeder von Atlanta bis Zagreb ein Millionär werden will (Steger 2009, 97). In den Kinos können heute überall auf der Welt Hollywoodfilme angesehen werden und amerikanische Serien laufen fast weltweit auf den Fernsehkanälen. Kulturelle Globalisierung lässt sich auch bei anderen Waren erkennen, wobei Produkte universell als Ausdrucksformen genutzt und angesehen werden. Als Musterbeispiel für diese Entwicklung wird neben Coca-Cola-, Apple- und McDonalds-Produkten, die von der amerikanischen Firma Matel hergestellte Barbiepuppe genannt.
„Als sehr beliebtes Spielzeug transportiert Barbie körperliche und kulturelle Werte, die unmittelbar mit der US-amerikanischen Gesellschaft verknüpft sind, in Kinderzimmer und wohl auch -köpfe dieser Welt. Wespentaille, endlos lange Beine, wallendes blondes Haar, blaue Augen und Stupsnase verbinden sich zu einem absatzfördernden Schönheitsideal. Accessoires und Textilien passen die verantwortlichen Designer den jeweils aktuellen, vornehmlich amerikanischen Mode- und Life-Style-Konjunkturen an.“ (Fässler 2007, 13)
In diesem Konnex ist nicht zu leugnen, dass es eine unumstrittene Angleichung der Kulturen nach westlichem, insbesondere amerikanischem Vorbild gibt, die George Ritzer mit McDonaldisierung bezeichnet (Rehbein und Schwengel 2008, 107). Die quantitativ erfassbaren Prinzipien Geschwindigkeit, Umfang und niedrige Preise bilden in diesem Nexus die Grundlage der Geschäftsidee. Effizienz und Quantität, einhergehend mit Mengen und Kalkulationen werden im Zuge der Globalisierung in vielen anderen Bereichen wie beispielsweise den Medien, dem Sport und der Politik verortet, in denen sie ebenfalls zum obersten globalen Leitziel geworden sind (Ritzer 1995 in ebd., 108). Dennoch ist fraglich, ob im Zuge der imposanten Amerikanisierung von kulturellem Imperialismus gesprochen werden kann, da es solche Tendenzen laut D. Brock (2008, 147) im Laufe der Geschichte immer wieder gegeben hat. Er nennt beispielsweise kriegerische Auseinandersetzungen, die seit jeher ein Feld interkulturellen Austauschs
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sind und somit als Vorreiter im Prozess der kulturellen Globalisierung gesehen werden können. Bezüglich dieser Entwicklung wird deutlich, dass es sich auch bei der kulturellen Globalisierung nicht ausschließlich um ein modernes Phänomen handelt, sondern dass sie vielmehr aus einer historisch bedingten prozessualen Perspektive zu verstehen ist. Ulf Hannerz (2002, 139) akzentuiert im Zuge dessen eine historisch entstandene, heute existierende Weltkultur. Darunter versteht er allerdings keine globale Einheitskultur, sondern die zunehmende Verflechtung verschiedener lokaler Kulturen, zu denen Menschen in unterschiedlicher Weise in Beziehung treten können. Die Globalität stellt somit nicht nur die Grenzenlosigkeit der Kultur wieder her, sondern fördert gleichermaßen die Erneuerung und Vielfalt kultureller Austauschformen. Als Idealvorstellung interkulturell Handelnder nennt er den Kosmopoliten, der die intellektuelle und ästhetische Offenheit und Kompetenz im Umgang mit anderen Kulturen besitzt und sich selbst in einem interkulturellen gesellschaftlichen Rahmen weiterentwickeln kann (ebd., 140). Dazu sollen im Anschluss die Herausforderungen der gesellschaftliche Globalisierung erörtert werden, mit denen die Menschen heute konfrontiert sind und auf die mit neuen Interventionen im Bildungskontext reagiert werden muss.
2.3.4. Gesellschaftliche Herausforderungen
Im Rahmen der kosmopolitischen Diskussion und des gesellschaftlichen Aspekts der Globalisierung stellt sich die Frage nach dem Einfluss der Globalisierung auf die Gesellschaften der Länder und ob eine Weltgesellschaft möglich oder gar schon vorhanden ist. Obgleich der Begriff einer Weltgesellschaft im Folgenden als gesellschaftlicher Bezugsrahmen herangezogen wird, sind in der wissenschaftlichen Diskussion auch kritische Stimmen zu vermerken, da unterschiedliche
Gesellschaftsauffassungen zur Determination herangezogen werden. Den Ausführungen Seitz (2002, 52f) folgend, charakterisieren bedeutende Soziologen wie Niklas Luhmann oder Talcott Parsons den Begriff als unangemessen, da das gegenwärtige globale Beziehungssystem nicht die formalen Anforderungen einer Gesellschaft erfüllt.
„Gesellschaft [ist] in erster Linie (…) ‘politisch organisiert‘. Sie muss Loyalität gegenüber einem Gemeinschaftsgefühl sowie gegenüber einer ‘korporativen Agentur‘ der Art, die wir üblicherweise als Regierung bezeichnen, aufweisen und sie muss auf einem bestimmten Territorium eine relativ effektive normative Ordnung etablieren.“ (Parsons 1975 in ebd., 53)
In diesem Nexus kann davon ausgegangen werden, dass die Welt heute zwar nicht mehr als absolute Staatenwelt figuriert, allerdings auch noch keine Weltgesellschaft erreicht ist. Unabhängig, inwieweit sich utopische Ideen einer Weltgesellschaft aktuell durchgesetzt haben, ist es fraglich, ob zwischen der Zeit vor und dem Einsetzen der
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aktuellen Globalisierungswelle gesellschaftliche Veränderungen stattgefunden haben. Beck (2008, 9) tituliert in diesem Zusammenhang die moderne Gesellschaft als Weltrisikogesellschaft. Risiken, die der Soziologe in seinem Gesellschaftsmodell beschreibt, sind globale Risiken, die delokal, unkalkulierbar und nicht-kompensierbar zutage treten. Vor allem die von ihm so bezeichneten Nebenfolgen respektive Nebenwirkungen der wissenschaftlich-technischen Siege, wie das Ozonloch oder atomare Gefahren, tangieren alle Menschen gleichermaßen (ebd., 54, 79). Die Verbrennung fossiler Brennstoffe zur Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung eines industriellen, städtischen Lebensstils der Industrienationen, bewirkt beispielsweise einen dramatischen Anstieg des Kohlenstoffdioxidausstoßes in die Atmosphäre. Klimatische Veränderungen einhergehend mit der Erwärmung der Erdoberfläche sind somit der Preis für die von den Menschen vorangetriebene Industrialisierung. Die daraus entstehende und sich weiter ausbreitende ökologische Zerstörung trifft somit die gesamte Zivilisation, da nach und nach Lebensbedingungen verändert und Lebensräume zerstört werden (Rifkin 2010, 350ff). Die Gesellschaft ist jedoch nicht nur im ökologischen Risiko vereint. Auch andere gesellschaftliche Modifikationen, wie die persistierende Entwicklungstendenz zur Dienstleistungsgesellschaft, die zunehmend höhere Lebenserwartung, sowie die sinkende Geburtenrate tangieren alle modernen Gesellschaften der Welt (Birg 2004, 55,65). Diese Entwicklungen laufen analog zur wirtschaftlichen und politischen Ebene nicht überall in gleicher Geschwindigkeit ab. Vor allem Länder der Dritten Welt bleiben bei vielen Entwicklungen außen vor, beziehungsweise werden von den Folgen der Globalisierung härter getroffen. Obgleich sich die Diskrepanz zwischen reich und arm respektive zwischen Inklusions- und Exklusionsbereichen der Weltgesellschaft mittlerweile quer durch die Regionen der Welt zieht, befindet sich die überwiegende Mehrheit der Menschen auf der nördlichen Halbkugel im Wohlstand und die Mehrzahl der Menschen auf der südlichen Halbkugel in Armut und Not (Merkel und Wulf 2002, 11). Sie alle nehmen jedoch, wenn auch mit divergenter Voraussetzung, an globalen Prozessen teil, in denen sich Vereinheitlichung und Differenzierung, Anpassung und Widerstand simultan vollziehen. Annäherung der Lebensbedingungen unter Respektierung und Beibehaltung der kulturellen Vielfalt wird hierbei zum Leitziel. Bezüglich der individuellen Standpunkte der universell handelnden Akteure im Globalisierungsprozess ist es an dieser Stelle unabdingbar zu konkretisieren, auf welchem Niveau sich die Weltbevölkerung auf dem Weg zur Weltgesellschaft derzeit befindet. Rüdiger Safranski (2010, 19) verweist darauf, dass die modernen globalen Netzwerke ein Bild von einer Weltgesellschaft erzeugen, dass einheitlicher erscheint als es in der Realität ist. Sukzessive sind im Verlauf der Globalisierung Assymetrien von Macht, Produktivität und Reichtum entstanden, die ein Souveränitätsgefälle innerhalb der Gesellschaften generieren. Gerade in Situationen der Ressourcenknappheit entscheiden Mächtige und Reiche über die Verteilung der Lebenschancen auf der Erde.
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Arbeit zitieren:
Monika Thiem, 2011, Konsequenzen der Globalisierung für die Elementarpädagogik, München, GRIN Verlag GmbH
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