Für C.
Inhaltsverzeichnis
Gedicht „Deine Kinder sind nicht deine Kinder“ 1
1. Einleitung. 2
2. Wie es zu einem Pflegeverhältnis kommt. 3
2.1 Die sogenannte Herkunftsfamilie. 3
2.2 Elternrecht und Kindeswohl. 4
2.3 Traumatische Vorerfahrungen als Ausgangsbedingung eines
Pflegeverh ältnisses. 5
2.4 Vorerfahrungen mit Institutionen der Jugendhilfe. 6
3. Wie ein Pflegeverhältnis gelingen kann. 6
3.1 Beweggründe der Pflegeeltern. 6
3.2 Die beiden zentralen Pflegefamilienkonzepte. 8
Das Ersatzfamilienkonzept. 8
Das Ergänzungsfamilienkonzept. 9
Diskussion. 10
3.3 Pflegefamiliale Konstellationen und Gestaltungsmöglichkeiten. 12
Tagespflegefamilie. 12
Dauerpflegefamilie. 13
3.4 Geschwisterbeziehungen in Pflegeverhältnissen. 14
4. Wie ein gesunder Identitätsbildungsprozess des Pflegekindes möglich
wird. 16
4.1 Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie. 16
4.2 Die Rolle des verwandtschaftlichen Systems. 17
5. Fazit. 18
Literaturverzeichnis. 19
Prim ärliteratur. 19
Sekund ärliteratur 19
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.
Denn das Leben geht nicht rückwärts und verweilt nicht beim Gestern.
Lass deine Bogenrundung in der Hand des Schützen Freude bedeuten.“
1 Aus: K. Gibran: Der Prophet, zit. nach Geiger (2000): Deine Kinder sind nicht deine Kinder, S. 45.
2
1. Einleitung
______________________________________________________________________ Die Suche nach Identität ist ein zutiefst menschlicher Prozess. Wo komme ich her? Wo gehöre ich hin? Diesen Fragen implizit, so die Vermutung an dieser Stelle, ist die Suche nach einem Platz im Leben. Das Bedürfnis nach Sinn drückt sich in der Suche nach Zugehörigkeit aus. Um das Morgen zu wagen, muss der Mensch sein Gestern kennen.
Die Geschichte der Menschheit gibt Zeugnis von dieser Suche nach Identität, die sich auch auf einer höheren Strukturebene in den jeweils individuellen Riten der Völker zeigt. Beispielhaft sei die biblische Urgeschichte, genauer die Schöpfungserzählungen, genannt. Diese Texte sind Zeugnisse für die Identitätssuche des Volkes Israel, welche dahingehend endet, dass sich dieses Volk als von Jahweh erschaffen und berufen versteht.
Im Kontext dieser Arbeit soll die Suche nach Identität im speziellen Fall von Pflegeverhältnissen thematisiert werden. Unter der Maßgabe, dass jedem Menschen diese Suche nach dem Kern seiner Persönlichkeit innewohnt - ja, geradezu ein Grundbedürfnis genannt werden kann - sollen besonders dauerhafte Pflegebeziehungen mit den ihnen eigenen Herausforderungen ernst genommen werden. Die Frage „Wer bin ich?“ wird sich früher oder später jedes/r in Pflege genommene Kind/ Jugendlicher stellen. Es wird zu fragen sein, welche Bedingungen günstig und welche Maßnahmen notwendig sind, damit die Möglichkeit eröffnet wird, diese Frage zufriedenstellend zu beantworten. Jeder Mensch ist (zum Teil auch sich selbst) Geheimnis. Er gehört niemandem. Der eingangs zitierte Poet vermittelt ein Gefühl dafür, mit welch notwendiger Distanz man dem anvertrauten Kind/ Jugendlichen begegnen sollte, bzw. wo die nicht hintergehbaren Grenzen zu seiner Persönlichkeit liegen. In Bezug auf die Problematik eines Pflegeverhältnisses geschieht in den zitierten Ausführungen eine wichtige Sensibilisierung für die Individualität jedes Kindes. Obwohl im Gedicht leibliche Eltern angesprochen scheinen, kann es auch als Apell an Pflege(und Adoptiv-)eltern verstanden werden. Erwachsene, die die Verantwortung für ein Kind/ einen Jugendlichen (übernommen) haben, sind aufgefordert, ihre Macht- und Einflussmöglichkeiten relativiert wahrzunehmen.
Das Vordringen zu seinem Geheimnis - die Suche nach seiner Identität - wird je- dem Kind/ Jugendlichen selbst überlassen bleiben.
3
2. Wie es zu einem Pflegeverhältnis kommt
______________________________________________________________________
2.1 Die sogenannte Herkunftsfamilie
Ausgangspunkt der vorgelegten Betrachtungen ist die Annahme, dass die Herkunftsfamilie die eigentliche Familie jedes in Pflege genommenen Kindes/ Jugendlichen ist. Jeder Mensch hat einen leiblichen Vater und eine leibliche Mutter (und evtl. leibliche Geschwister). Diese Tatsache sei hier besonders in zweierlei Hinsicht vorangestellt: einerseits im Hinblick auf die später darzustellende Kontroverse, ob das Ersatz- oder das Ergänzungsfamilienkonzept am besten geeignet ist in Dauerpflegeverhältnissen, andererseits in Bezug auf die Bedeutung dieses Faktums für die Identitätsentwicklung des Pflegekindes 2 . Wie die im vorangestellten Gedicht unhintergehbare Persönlichkeit jedes Menschen, so ist auch die Tatsache der leiblichen Elternschaft nicht hinterfragbar. Herkunftsfamilien, so das Credo der einschlägigen Literatur, sind zumeist vielfach belastete Familien. Der Alltag der meisten Herkunftseltern ist geprägt von „sozioökonomischen Mangellagen, emotionalen Belastungen oder psychischen Erkrankungen“ 3 , stellen Conrad et al. fest. Die Problemlagen, denen Familien ausgesetzt sein können, sind vielschichtig 4 und bedingen sich zum Teil gegenseitig. Tendenziell gehören Herkunftsfamilien eher den unteren sozialen Schichten an, wo finanzielle Engpässe, (dadurch bedingte) zwischenmenschliche Konflikte und beengte Wohnverhältnisse einige der Hauptfaktoren sein können, die die familiäre Alltagsgestaltung erschweren. Eltern können sich unter diesen Bedingungen im Hinblick auf die Versorgung und/ oder Erziehung ihres Kindes überlastet fühlen; so nennen Conrad et al. den „unspezifischen Anlass [der, J.V.] ,Überforderung'“ 5 als Hauptgrund für die Inpflegenahme von Kindern. Jedoch sind die Hintergründe individuell zu betrachten. Wie ein von Gehres et al. angeführtes Praxisbeispiel von zwei Pflegekindern zeigt, können auch der Tod eines oder beider Elternteile zur Inpflegenahme führen. 6 Dieser Fall scheint jedoch im Vergleich zu den statistischen Daten, die Conrad et al. in Anlehnung an Blandow et al. vorlegen, selten zu sein. Über die Hälfte (54%) der in jener Studie untersuchten Pflegekin-
2Der Terminus „(Pflege)Kind“ meint hier nicht nur Kinder (im Alter von 0-12 Jahren), sondern bezieht Jugendliche (bis zur Volljährigkeit) mit ein.
3 Conrad et al. (2006): Das Pflegekind im Spannungsfeld zwischen Pflegeeltern und Herkunftseltern, S. 59.
4 Vgl. dazu Schattner (2000): Soziale Elternschaft aus psychologischer Sicht, S. 32.
5 Conrad et al. (2006): Das Pflegekind im Spannungsfeld zwischen Pflegeeltern und Herkunftseltern, S. 59.
6 Vgl. Gehres et al. (2008): Identitätsbildung und Lebensverläufe bei Pflegekindern, S. 62ff und 74ff.
Arbeit zitieren:
Janka Vogel, 2011, Identitätsentwicklung von Pflegekindern, München, GRIN Verlag GmbH
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