1. Einleitung
Der Aufstieg des antiken Athens kann nur im Zusammenhang mit den Entwicklungen des Delisch-Attischen Seebundes verstanden werden. Während Athen das Bündnis (symmachia) dazu nutzte, seine politische und militärische Macht auszubauen, verloren die restlichen Mitglieder zunehmend an Einfluss. Naxos und Thasos waren die ersten poleis, die auf diese Situation reagierten, indem sie versuchten, das Bündnis zu verlassen, worauf Athen mit der Belagerung der Inseln antwortete. Die Unnachgiebigkeit, mit der Athen die symmachia zusammenhielt wirft Fragen auf, die in der vorliegenden Arbeit thematisiert werden: Welche Interessen verfolgte Athen mit der gewaltsamen Wiedereingliederung der abtrünnigen Kykladeninseln? Wie rechtfertigte es diese Motive? Um dies zu beantworten, muss zunächst das Bündnis selbst, sowie die Stellung seines Protagonisten innerhalb des Bündnisses untersucht werden. Besonderes Augenmerk wird hierbei vor allem auf den Zeitraum von der Gründung des Delisch-Attischen Seebundes (478 v. Chr.) bis zur erzwungenen Wiederaufnahme Thasos in die symmachia (463 v. Chr.) gelegt werden.
1.1 Quellenlage
Als Quellen liegen der vorliegenden Arbeit vor allem Thukydides Der Peleponnesische Krieg 1 , Herodots Geschichten und Geschichte 2 und Plutarchs Große Griechen und Römer 3 zugrunde. Trotz ihres unschätzbaren Werts für die Griechische Geschichtsschreibung (Pentekontaetie), ist das durch diese Quellen transportierte Geschichtsbild nicht unproblematisch. 4 Entstanden Thukydides’ (ca. 460-400 v. Chr.) und Herodots (ca. 484-425 v. Chr.) Werke bereits in zeitlichen Abstand von den beschriebenen Ereignissen, fehlt Plutarch (ca. 46-120 n. Chr.) jegliche historische Nähe zum Beschriebenen. Sowohl Herodot, wie auch Thukydides lebten in Athen, es ist daher nicht verwunderlich, dass ihre Sichtweise nicht unvoreingenommen ist. Problematisch ist weiterhin,
1 THUKYDIDES: Der Peleponnesische Krieg, hrsg. und übers. von LANDMANN, GEORG PETER. Düsseldorf, Zürich 2002.
2 HERODOT: Historien, Gesamtausgabe (Buch I-IX), hrsg. von HAUSSIG, H. W.. Stuttgart 1971.
3 Plutarch: Große Griechen und Römer, hrsg. von ZIEGLER, KONRAT. Zürich 1954. (Bibliothek der alten Welt)
4 Vgl. BLECKMANN, BRUNO: Alkibiades und die Athener im Urteil des Thukydides. In: Historische Zeitschrift, Band 282, S. 561-584.
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dass Thukydides in seiner Darstellung nicht chronologisch, sondern summarisch vorging, wodurch einige Zusammenhänge nur mühsam und hypothetisch miteinander verknüpft werden können. 5 Darüber hinaus kannten die antiken His-toriker die Werke ihrer Vorgänger, bzw. Zeitgenossen, so dass die einzelnen Schriften in Abhängigkeit zueinander stehen. Die neben den genannten Überlieferungen existierenden relevanten Inschriften, die so genannten Tributlisten in denen, ab 454 v. Chr., die Weihegaben der symmachoi festgehalten wurden, werden nur beiläufig Erwähnung finden. 6 Dennoch sei an dieser Stelle auf ihren Wert, zur Ermittlung von politischen und wirtschaftlichen Veränderungen, innerhalb des Seebundes, hingewiesen. Bedauerlicherweise sind keine Quellen aus Sparta oder den abtrünnigen Mitgliedern des Delisch-Attischen Seebundes überliefert, welche die einseitige Sichtweise kontrastieren könnten.
2. Der Delisch-Attische Seebund
Das folgende Kapitel thematisiert die Entwicklungen des Seebundes, von dessen Gründung, bis zur wachsenden Einflussnahme Athens. In diesem Zusammenhang werden außerdem die Austrittsversuch Naxos’ und Thasos’ themati- siertwerden.
2.1 Die Gründung des Delisch-Attischen Seebundes
Nachdem die ersten Expansionsbestrebungen Persiens 490 v. Chr. bei Marathon durch eine athenische Hoplitenarmee 490 v. Chr. gebremst wurden, rüstete sich der persische König Xerxes für eine weitere Invasion. 481 v. Chr. schlossen sich die verteidigungswilligen Griechen unter der Führung Spartas zum so genannten Hellenenbund zusammen. Nach anfänglichen Erfolgen der Perser, gelang es den Hellenen drei entscheidende Schlachten für sich zu entscheiden: 480 v. Chr. siegte eine athenische Flotte, unter der Führung von Themistokles, bei Salamis. Im folgenden Jahr besiegte eine griechische Armee unter dem Spartaner Pausanias das persische Landheer bei Plataiai und der
5 SCHULLER, WOLFGANG: Griechische Geschichte, fünfte Auflage. München 2002. (Oldenbourg Grundriss der Geschichte), S. 132.
6 MERITT, BENJAMIN D.; WADE-GERY, HENRY T.; MC GREGOR, MALCOLM F.: The Athenian Tribute Lists, Princeton 1939-53.
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spartanische König Leotychidas vernichtete die persische Flotte bei Mykale. 7 Nach Thukydides kam es jedoch zu Unstimmigkeiten unter den griechischen Verbündeten. Offenbar schienen die Hellenen durch Pausanias’ Führungsstil abgestoßen gewesen zu sein:
Schon während dieser Führung aber verdroß die Hellenen sein gewaltsames W esen, vor allem die Ionier und die jüngst vom Großkönig Befreiten. Sie gingen zu den Athenern und baten sie, ihre Führer zu werden, wegen ihrer gleichen Ab- 8
stammung, und die Eigenmächtigkeiten des Pausanias nicht zu dulden.
Thukydides Darstellung liefert an dieser Stelle eine Legitimation für den späteren Zusammenschluss der Griechen unter der Führung Athens. Traditionell stand Sparta, der stärksten Landmacht Griechenlands, die Führung der Hellenen zu, wohingegen Athen zunächst auf eine führende Rolle verzichten musste. Denn anfangs […] hatte man davon gesprochen, dass die Athener die Führung der Flotte übernehmen müssten. Da sich aber die Bundesgenossen widersetzten, g a- 9
ben die Athener nach. Hellas zu retten war ihre ganze Sorge.
Nach Herodot, habe Athen aufgrund seines nahezu selbstlosen Verlangens Griechenland vor der persischen Bedrohung zu beschützen, auf die Führungsrolle verzichtet, die ihm eigentlich zugestanden hätte. Der Widerstand der Bundesgenossen und die militärische und politische Bedeutung Spartas erscheinen in dieser Darstellung nebensächlich, wenngleich sie wichtige Gründe für das zurückhaltende Verhalten Athens gewesen sein müssen. Thukydides’ Schilderung zufolge, hätten sich die Spartaner jedoch bald durch das Verhalten ihres Heerführers Pausanias als Kopf des Hellenenbundes disqualifiziert. Daneben betont er die Verwandtschaft der Athener zu den anderen póleis und dass es die Bundesgenossen waren, die Athen die Führungsrolle antrugen. Es ist glaubwürdig, dass die Spartaner tatsächlich unter den Verbündeten unbeliebt waren. Schließlich unterschieden sich die militaristischen Spartaner in Gesinnung und Brauchtum von den restlichen Griechen; dazu kam, dass zurückliegende Konflikte das Verhältnis der Verbündeten zusätzlich belasteten. 10
7 Vgl. SCHULLER, WOLFGANG (2002), S. 30-31. 8 THUKYDIDES I.95.1-2. 9 HERODOT VIII.3.2.
10 Vgl. THUKYDIDES I.95.ff. und SCHULLER, WOLFGANG (2002), S. 21ff.
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Trotz der Erfolge gegen die Perser hatte Athen, wie auch die Griechen der kleinasiatischen Küste und der vorgelagerten Inseln, die zum Teil immer noch in persischer Hand waren, ein Interesse an der Fortführung des Krieges. Die Spartaner hingegen konnten aufgrund ihrer stets angespannten innenpolitischen Lage keine weitreichenden Operationen ausführen, da sie immer mit einem Auf-stand der von ihnen unterdrückten Heloten rechnen mussten. 11 Sie lehnten daher die Teilnahme an weiteren Kriegshandlungen ab. 12 Nach dem Ausscheiden der Spartaner aus der griechischen Koalition, formierte sich, auf Grundlage vieler bereits bestehender Einzelbündnisse, 13 unter Athens Federführung, der Delisch-Attische Seebund. Als mächtigstes Mitglied übernahm Athen die militärische Führung im neu gegründeten Bündnis:
Auf diese Weise bekamen die Athener die Führung, mit Zustimmung der Verbündeten, weil Pausanias verhaßt war, und setzten nun fest, welche Städte Geld gegen den Barbaren beisteuern sollten und welche Schiffe - denn das Vorgeben war: Vergeltung erlittener Unbill durch Verwüstungen des königlichen Landes. Damals setzten die Athener zuerst die Behörde der Schatzmeister von Hellas ein, den Beitrag zu empfangen (so nannte man die Beisteuer). Der erste Beitrag, der umgelegt wurde, betrug vierhundertsechzig Talente; als Schatzhaus wählten sie Delos, und 14 dort im Heiligtum waren auch ihre Versammlungen.
Der Athener Aristeides, der großen Anteil an der Gestaltung des neuen Bündnisses hatte, leistete den Ioniern einen Eid, in dem er bekräftigte, Athen habe die gleichen Feinde und Freunde wie die Bundesgenossen. Außerdem be-schworen die symmachoi die ewige Gültigkeit des Bundes. 15
11 Vgl. Ebenda, S. 22.
12 Vgl. Ebenda, S. 31. Interessanterweise spielen die innenpolitischen Probleme, die Sparta zum Ausscheiden aus der Allianz gegen die Perser bewogen in den Darstellungen Herodots und Thukydides keine Rolle. In Herodots Darstellung „entrissen [die Athener] den Lakedaimoniern den Oberbefehl“ (siehe HERODOT VIII.3.2.) während die Spartaner nach Thukydides kriegsmüde erscheinen: Immerhin schickten sie ihn [Pausanias] nicht mehr als Befehlshaber aus, sondern Dorkis und ein paar andere mit einem nicht sehr starken Heer; diesen überließen die Verbündeten die Führung nicht mehr, und als sie das merkten, fuhren sie wieder ab, und andere schickten die Spartaner später nicht mehr hin, aus Sorge, die Fremde verdürbe ihnen die Leute, wie sie es ja auch an Pausanias erlebt hatten, und weil sie den Persischen Krieg satt hatten und Athen als Vormacht stark genug glaubten . THUKYDIDES I.95.6.
13 SCHULLER, WOLFGANG (2002), S. 31. 14 THUKYDIDES I. 96.
15 Um die Ewigkeit zu symbolisieren warf man Eisenklumpen ins Wasser und bekundete, der Bund solle bestehen, bis diese wieder auftauchen würden. KIECHLE, FRANZ: Athens Politik nach der Abwehr der Perser. In: Historische Zeitung, Band 204, S. 275.
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Die Kriegskasse des Bundes befand sich auf der Kykladeninsel Delos. Die Beiträge (phóroi), den die einzelnen poleis leisteten, variierten und wurden von zehn athenischen Schatzmeistern, den so genannten hellenotamiai verwaltet. 16 Insgesamt zogen es die meisten Bündner vor Tribute zu entrichten, statt Schiffe und Truppen beizusteuern, so dass Athen mit großem Abstand den größten Teil der personellen und materiellen Kriegslast zu tragen hatte. 17
2.2 Die Transformation des Delisch-Attischen Seebundes
Spätestens seit dem hellenischen Sieg bei Mykale (479 v. Chr.) hatten die Griechen den Persern die Initiative entrissen. Der Verteidigungskrieg entwickelte sich zu einem griechischen Angriffskrieg. Wie bereits erwähnt, bestanden die Ziele des Bündnisses in der gewaltsamen Zurückdrängung des persischen Einflusses im östlichen Mittelmeer und der „Vergeltung erlittener Unbill durch Verwüstungen des königlichen [d.h. des persisch besetzten] Landes“ 18 . Der Bund war bei der die Verfolgung dieser Ziele sehr erfolgreich, man zwang die Perser (ca. 469-466 v. Chr.) an der Mündung des Eurymedon zum Kampf und schlug sie dort in einer See- und Landschlacht vernichtend. 19 Angespornt von den Erfolgen an der Küste Kleinasiens beteiligte man sich am Versuch Ägypten von der persischen Besatzung zu befreien, was jedoch scheiterte. Unter schweren Verlusten musste sich Athen wieder zurückziehen. 449/448 v. Chr. schloss der Seebund mit Persien Frieden (Frieden von Kallias). 20 Innerhalb des Bundes baute Athen, dass sich selbst als „Mutterstand der Jonier“ 21 verstand, seine Machtstellung kontinuierlich aus. Der Seebund war inzwischen durch die immerwährende Kriegsführung aus einem hegemonial geführten, aber gleichberechtigten Bündnis zu einer Herrschaft Athens
16 SCHULLER, WOLFGANG (2002), S. 31.
17 Ebenda, S. 275. Die Beiträge der einzelnen Bundesgenossen lassen sich durch erhaltene I nschriften (ab 454 einsetzend) nachweisen, die die jährlichen Tributzahlungen der einzelnen Bündner belegen. Anhand der Inschriften lassen sich politische, wie auch wirtschaftliche Veränderungen innerhalb des Seebundes rekonstruieren. Vgl. MERITT, BENJAMIN D.; WADE-GERY, HENRY T.; MC GREGOR, MALCOLM F. (1939-53).
18 THUKYDIDES I.96.1.
19 Vgl. MEIER, CHRISTIAN: Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte. Berlin 1993. (Siedler), S. 327.
20 Vgl. SCHULLER, WOLFGANG (2002), S. 31.
21 MEIER, CHRISTIAN (1993), S. 301.
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M. A. Aaron Faßbender, 2006, Athens Machtpolitik im Delisch-Attischen Seebund, München, GRIN Verlag GmbH
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