1. Einleitung
Denkmäler sind ein fester Bestandteil unserer Kultur, sie sind beinahe allgegenwärtig. Dabei wird die Bedeutung des jeweiligen Denkmals, solange es nicht komplett übersehen wird, oft vergessen. Diese besteht zum einen aus dem konkreten Anlass der Errichtung, sei es der Huldigung einer besonderen Person, der Erinnerung an ein bestimmtes historisches Ereignis oder einen bestimmten Brauch, und zum Anderen in der weitergehenden Intention, welche hinter dieser Erinnerung steht. Auch wenn die Vorstellung ein manches Mal nicht einfach erscheint, so wurden wohl die meisten Denkmäler in ihrem Entstehungsprozess von einem künstlerischen und intentionalen Diskurs begleitet.
Dies ist auch in heutiger Zeit nicht anders. Als eines der besten Beispiele dient hier wohl der sich über mehr als ein Jahrzehnt hingezogene Entstehungsprozess des „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin. Dieser Entstehungsprozess war stets begleitet von scharf geführten Auseinandersetzungen, in welchen immer wieder die künstlerische Gestaltung, die inhaltliche Ausrichtung und somit auch die vermittelte Botschaft, die Intention hinter diesem Denkmal, thematisiert und kritisiert wurde.
Der Entstehungsprozess des Denkmals und die Diskussion um seine Funktion im Speziellen soll in dieser Arbeit nachgezeichnet werden. Dabei wird zunächst das Konzept der Erinnerungsorte von Pierre Nora vorgestellt werden und mit dem kollektiven Gedächtnis, wie es Aleida Assmann beschrieben hat, in Verbindung gebracht werden. Auf dieser theoretischen Basis soll daraufhin die Debatte um das Denkmal für die ermordeten Juden Europas wiedergegeben werden, wobei der Fokus hier auf seine Funktion als Erinnerungsort gerichtet sein wird.
2. Kollektives Gedächtnis und Erinnerungsorte
2.1. Individuelles Gedächtnis - kollektives Gedächtnis
Was macht den Mensch zum Mensch? Diese Frage lässt sich natürlich nicht in wenigen Sätzen beantworten, aber ein wichtiges Merkmal besteht ohne Zweifel in der Fähigkeit des Menschen, sich zu erinnern, dem Vorhandensein des menschlichen Gedächtnisses. Ohne dieses wäre es für ihn unmöglich, eine eigene Identität zu erlangen. 1 Unterschieden werden
1 Vgl. Assmann, Aleida: Der Lange Schatten der Vergangenheit - Erinnerungskultur und Geschichtspolitik.
München 2006. S. 24.
1
muss hier aber zwischen zwei verschiedenen Arten des Gedächtnisses, die zuerst von Maurice Halbwachs näher erläutert wurden: dem individuellen und dem kollektiven Gedächtnis. 2 Gedächtnis steht hier für das „Medium subjektiver Das individuelle
Erfahrungsverarbeitung“ 3 , also dem Fundus der individuellen Erfahrungen, welche ein Mensch in seinem Leben gemacht hat. Doch auch dieser individuelle Teil des Gedächtnisses existiert nicht unbeeinflusst vom Umfeld des Menschen, vielmehr ist er „sozial gestützt“ 4 , da Erinnerungen „erst durch soziale Kommunikation [...] aufgebaut und verfestigt werden.“ 5 So entstehen beispielsweise durch intergenerationale Kommunikation innerhalb einer Familie, der Überkreuzung von Gehörtem und Erlebten, individuelle Gedächtnisse mit einem Horizont von ungefähr drei Generationen. 6 Ähnlich ist es mit „sozialen und historische[n] Generationen.“ 7 Aus gemeinsam erlebten historischen Schlüsselerlebnissen und Erlebnissen im Zusammenhang mit dem gemeinsamen sozialen Milieu ergeben sich ähnliche Erfahrungen, welche zu analogen individuellen Gedächtnissen führen. 8 Im Gegensatz zum individuellen Gedächtnis wurde die Existenz des kollektiven Gedächtnisses seit seiner Definition durch Maurice Halbwachs in den 1920er Jahren des öfteren angezweifelt. 9 Ähnlich dem individuellen hat auch das kollektive Gedächtnis nach Halbwachs eine identitätsstiftende Funktion. Hier jedoch nicht für das Individuum allein, sondern für eine der Gruppen, in der es sich befindet. 10 Diese Gruppen sind z.B. eine Familie, ein Verein oder eine Nation. 11 Die Schaffung einer Gruppenidentität geschieht durch „mentale, materiale und mediale Bilder“ 12 , wobei „Bilder“ hier stellvertretend für „Erzählungen, Orte, Denkmäler, und rituelle Praktiken“ 13 stehen. Durch die Erinnerungen, welche mit diesen Bildern verknüpft sind, wird die Vergangenheit vergegenwärtigt. Sie helfen dem Individuum, die Gegenwart wahrzunehmen, sie zwischen Vergangenheit und Zukunft einzuordnen und ihr zudem einen Sinn zu geben. 14 Hierbei sind die Erinnerungen bei weitem keine objektiven, sondern beeinflusst durch das jeweilige Milieu, in welchem sich das Individuum befindet. Dieses erzeugt eine Art „Rahmen, der Form und Inhalt gemeinsamer
2 Vgl. ebd., S. 23.
3 Ebd., S. 25.
4 Ebd.
5 Ebd.
6 Vgl. ebd., S. 26.
7 Ebd.
8 Vgl. ebd.
9 Ebd., S. 29.
10 Vgl. ebd., S. 30.
11 Vgl. Francois, Etienne; Schulze, Hagen: Einleitung. In: Francois, Etienne; Schulze, Hagen: Deutsche
Erinnerungsorte 1. München 2001. S. 13.
12 Assmann (wie Anm. 1), S. 30.
13 Ebd.
14 Vgl. Francois (wie Anm. 11), S. 14.
2
Erinnerungen begrenzt und bedingt.“ 15 . So werden vergangene Ereignisse zu Erinnerungen, welche für die sich erinnernden Individuen eine sinnstiftende, identitätsbildende Funktion übernehmen. 16 Die oben genannten „Bilder“ ergeben zusammengefasst das kollektive Gedächtnis der ihr Identität stiftenden Gruppe. Diese Beschreibung ist schon sehr nah an dem Konzept der Erinnerungsorte nach Pierre Nora, welches im folgenden näher erläutert werden soll.
2.2 Das Konzept der Erinnerungsorte
Lange Zeit wurde das kollektive Gedächtnis von Historikern in seiner Bedeutung für Gruppen von Menschen verkannt. Da die objektive Darstellung der Vergangenheit als Aufgabe der Wissenschaft gesehen wurde, war für diese subjektive Sicht auf die Vergangenheit kein Platz in der Forschung. Erst in den 1980er Jahren versuchte Pierre Nora das kollektive Gedächtnis einer Gruppe, speziell das kollektive Gedächtnis Frankreichs, in einem umfassenden Werk festzuhalten. Hierbei versuchte er in der Form von Essays Bruchstücke des nationalen Gedächtnisses Frankreichs zusammenzutragen. 17 Die von ihm beschriebenen Bruchstücke bezeichnet als „Orte, [...] in denen sich das Gedächtnis der Nation Frankreich in besonderem Maße kondensiert“ 18 . Mit dem Begriff der „Orte“ meint er hier, analog zu den oben genannten „Bildern“, nicht den geografischen Ort als solchen. Vielmehr steht er als Metapher für „reale wie mythische Gestalten und Ereignisse, Gebäude und Denkmäler, Institutionen und Begriffe, Bücher und Kunstwerke.“ 19 All diesen „Erinnerungsorte[n]“ 20 gemein ist ihr „Überschuss an symbolischer Bedeutung [...], der sich allerdings ändern kann“ 21 . Zusammen spannen sie ein „Netz von materiellen und immateriellen Erinnerungsfäden, das das nationale Bewusstsein in einem ungenau bestimmbaren, aber sehr profunden Sinne zusammenhält.“ 22 Somit geht Nora davon aus, dass, wie Jan Assmann formuliert, „das kulturelle Gedächtnis sich auf Fixpunkte in der Vergangenheit richtet, die zu symbolischen Figuren gerinnen, an die sich die Erinnerung haftet.“ 23 . Also sind die Erinnerungsorte „Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität, die in gesellschaftliche, kulturelle und politische Üblichkeiten
15 Ebd., S. 13.
16 Vgl. ebd.
17 Vgl. ebd., S. 15.
18 Ebd.
19 Ebd., S. 18.
20 Ebd., S. 16.
21 Ebd.
22 Ebd.
23 Ebd., S. 17.
3
eingebunden sind und sich in dem Maße ändern, in dem sich die Weise ihrer Wahrnehmung, Aneignung, Anwendung und Übertragung verändert.“ 24
Das Konzept der Erinnerungsorte, wie es Pierre Nora in den 1980er und frühen 1990er Jahren für Frankreich entworfen und in 130 Essays zusammengetragen hat, wurde recht schnell für weitere Nationen übernommen. 25 Etienne Francois und Hagen Schulze übertrugen es 2001 schließlich auch auf Deutschland. Bei den von ihnen ausgewählten Orten liegt der Schwerpunkt im Gegensatz zu Pierre Noras Auswahl für Frankreich, auf dem 19. und 20. Jahrhundert, was aufgrund der Geschichte Deutschlands nicht verwundert. Auch das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin hätte sicherlich gut in ihre Auswahl gepasst, konnte aufgrund des Datums der Entstehung aber natürlich nicht beachtet werden. Trotzdem kann man das Denkmal durchaus als Erinnerungsort im Sinne Noras betrachten. Aus diesem Grunde soll im weiteren Verlauf der Arbeit nun zunächst der Entstehungsprozess des Denkmals wiedergegeben, und daraufhin seine Funktion als künstlich geschaffener Erinnerungsort näher beleuchtet werden. Hierbei ist vorwegzunehmen, dass bis heute ein kontroverser Diskurs über die Intention und Funktion des Denkmals besteht.
3. Der Entstehungsprozess des „Denkmal[s] für die ermordeten Juden Europas“
3.1. Die Anfänge bis zum ersten Wettbewerb
Das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ wurde am 10. Mai 2005 eingeweiht, nachdem es einen jahrelangen Diskurs zwischen verschiedenen Interessengruppen gegeben hatte, welcher den gesamten Prozess immer wieder fast zum Scheitern brachte. Wo der Beginn dieses Prozesses zu setzen ist, kann unterschiedlich ausgelegt werden. So wurde schon in den 1950er Jahren überlegt, wie die Bundesrepublik Deutschland der Opfer des Zweiten Weltkriegs gedenken sollte, wobei der Fokus hier noch auf den eigenen Opfern lag. 26 Es dauerte jedoch bis Mitte der 1980er Jahre, bis der Prozess, welcher im Bau des Denkmals endete, erneut angestoßen wurde. Als erstes Schlüsselereignis kann hier die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im Jahr 1985 bezeichnet werden. In dieser legte er die Verantwortung der Deutschen für den Nationalsozialismus unmissverständlich dar, und sprach auch den Nachgeborenen eine Verpflichtung zu, diese
24 Ebd., S. 18.
25 Vgl. ebd., S. 16.
26 Vgl. Leggewie, Claus; Meyer, Erik: „Ein Ort an den man gerne geht“ - Das Holocaust-Mahnmal und die
deutsche Geschichtspolitik nach 1989. München/Wien 2005. S. 25.
4
Arbeit zitieren:
Joscha Dick, 2007, Der Entstehungsprozess des „Denkmals für die ermordeten Juden in Europa und seine Funktion als Erinnerungsort, München, GRIN Verlag GmbH
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