1. Einleitung
Mythen, Geschichten und Praktiken rund um das Thema Schamanismus erfahren in heutiger Zeit eine große Beliebtheit, wie sich allein anhand der Vielzahl von Erscheinungen im Bereich esoterischer Populärliteratur erkennen lässt. 1 Dies scheint verwunderlich, ist der Schamanismus doch nicht in der westlichen Kultur verwurzelt, vielleicht lässt sich aber auch gerade aus diesem Grunde die von ihm ausgehende Faszination erklären. In der Wissenschaft hingegen findet der Schamanismus schon seit geraumer Zeit, spätestens jedoch seit dem erscheinen Rasmussens Buchs „Thulefahrt“ 2 , in welchem er 1926 über den Schamanismus der Eskimos berichtet, große Beachtung. 3
Diese Arbeit soll zunächst die Begrifflichkeit des Schamanismus definieren um daraufhin seine Struktur genauer zu erläutern. Hierbei soll der Fokus vorwiegend auf die zentrale Person des Schamanen gerichtet sein.
2. Definition des Begriffes Schamanismus
Die Definition des Begriffs Schamanismus ist in der Wissenschaft noch immer umstritten, bis heute gibt es keine einheitliche Beschreibung des Phänomens. 4 Trotzdem soll hier versucht werden, allgemeingültige Merkmale aus verschiedenen Definitionen zusammenzutragen und auf die Problemfelder einer Definition aufmerksam zu machen, um den Begriff somit letztlich doch noch zufriedenstellend zu umreißen.
Schamanismus beschreibt ein „eigenartige[s], über alle nördlichen Gegenden der Erde verbreitete[s] religiös-magische[s] Wahrsagungs- und Krankenheilungsverfahren und die damit verbundene Weltanschauung...“ 5 , bzw. eine „auf durch Erfahrung oder Überlieferung gewonnenen psychologischen und psychischen Erkenntnissen beruhende Verfahrensweise zur Beeinflussung anderer Menschen bzw. zur Behandlung geistiger oder seelischer Erkrankungen,...“. 6 Er stellt somit ein Phänomen dar, dessen psychologische Dimension von großer Bedeutung ist. Schamanismus hat seinen begrifflichen Ursprung in archaischen Jäger-und Sammlervölkern Nordasiens, wobei seine Wurzeln „ohne Zweifel bis ins sogenannte alpine Paläolithikum, also vielleicht 30000 bis 50000 Jahre“ 7 zurückreichen, und ist in diesen
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2 Rasmussen, Knud: Rassmussens Thulefahrt. Frankfurt am Main 1926.
3 Vgl. Lommel, Andreas: Schamanen und Medizinmänner - Magie und Mystik früher Kulturen. München 1980.
S. 7.
4 Vgl. Stolz, Alfred: Schamanen - Ekstase und Jenseitssymbolik. Köln 1988. S. 10.
5 Ohlmarks, Ake: Studien zum Problem des Schamanismus. Lund (u.a.) 1939. S. 1.
6 Lommel (wie Anm. 3), S. 7.
7 Ebd., S. 217.
1
Gegenden auch heute noch vereinzelt zu beobachten, weshalb sich ein Großteil der wissenschaftlichen Literatur auf die dort lebenden Völker bezieht. Zudem wird er jedoch zunehmend auch für die Beschreibung ähnlicher kultureller Phänomen, in Nord- und Südamerika, Indonesien und Australien herangezogen, wobei die Gefahr des Verlustes einer klaren Definition entsteht. 8 Ake Ohlmarks schätzte die Ausbreitung des Schamanismus 1939 gar auf „...ein Drittel des gesamten Festlandes der Erde...“ 9 . Wo immer er beobachtet werden kann, handelt es sich jedoch um relativ kleine Gemeinschaften von 20 bis maximal 300 Personen. 10
Ein wichtiges Element des Schamanismus ist der Glaube an die Trennung von Körper und Geist eines Lebewesens. Dieser beruht Lommel zu Folge auf den allgegenwärtigen Schuldgefühlen archaischer Jägervölker, welche aufgrund dem zum Überleben notwendigen alltäglichen Jagen und Töten von Tieren entsteht. Um sich von diesen Schuldgefühlen zu befreien erfindet der Jäger die unsterbliche Seele, „um sagen zu können, dass er die Tiere ja eigentlich nicht töte, sondern nur ihren Körper, und dass sie aus ihren Knochen, wenn man sie richtig behandle und verwahre, immer wieder neu erstehen könnten.“ 11 Diese Auffassung führt dann weiterhin zum Entstehen des Gedanken vom Jenseits und der Geisterwelt, welche die Basis des Schamanismus bilden. 12
Die zentrale Rolle im Schamanismus spielt der Schamane. Er ist eine Art „Geisterbeschwörer“ eines Volkes, welcher es dank der Ausstattung mit besonderen psychischen Fähigkeiten vermag sich in einen Trancezustand zu versetzen, in welchem er mit Geistern kommunizieren und mit seiner Seele zeitweise in deren Welt agieren kann, was allgemein als „schamanieren“ bezeichnet wird. 13 Das Schamanieren findet stets zielgerichtet und problemorientiert statt. So kann ein Schamane sich bei Krankheit eines Stammesangehörigen in die Geisteswelt begeben, um von den Geistern Kenntnis von der Art des Unglücks und den Schlüssel zu dessen Abhilfe zu erlangen. 14 Aber auch Fruchtbarkeits-und Jagdrituale, Wahrsagung oder einfache Belustigungen sind neben der Bekämpfung von (Geistes-)Krankheiten Aufgaben eines Schamanen. 15
Uneinigkeit herrscht in der Forschung über die Frage, ob Schamanismus als eine Religion bezeichnet werden könne oder nicht. Hans Findeisen bejaht diese grundlegende Frage ca.
8 Haase, Evelin: Schamanismus - Begegnung mit der Geisterwelt. In: Tromnau , Gernot (Hg.): Schamanen -
Mittlerzwischen Menschen und Geistern. Duisburg 1991. S. 11.
9 Ohlmarks (wie Anm. 5), S. ΙX.
10 Lommel (wie Anm. 3), S. 108.
11 Ebd., S. 20.
12 Vgl. ebd., S. 20.
13 Vgl. Haase (wie Anm. 8), S. 10.
14 Vgl. Ohlmarks (wie Anm. 5), S. 5.
15 Vgl. Lommel (wie Anm. 3), S. 11.
2
1960 und begründet dies unter Zuhilfenahme der Religionsdefinitionen der Theologen Paul Wernle und Nathan Södeblom. 16 Er kommt zu dem Schluss, der Schamanismus sei „eine alte spiritistische Religion, die in Nordasien alle anderen religiösen Bereiche durchsetzt und sich angeglichen hat.“ 17 Dem widersprechend stellt Ake Ohlmarks schon 1939 fest, der Schamanismus sei eigentlich keine wirkliche Religion, da er neben sich „sowohl wirkliche arktische Opfer- und Hochgottesreligionen als auch etwa das russischorthodoxe Christentum oder einen atheistischen Sowjet-Ideologismus“ 18 dulde. Ähnliche Standpunkte werden auch in jüngeren Untersuchungen vertreten, beispielsweise von Andreas Lommel, welcher Schamanismus 1980 nicht als Religion, sondern vielmehr als einen „...Komplex von religiösen Vorstellungen und Verhaltensweisen,...“ 19 beschreibt. Klar abgegrenzt werden muss der Schamanismus zudem „...von Ekstatismus, Heilen und Wahrsagung anderer primitiver Völker...“. 20 Er unterscheidet sich von diesen in fünf verschiedenen Dimensionen. So spielen die Geister und die Geisterwelt eine außergewöhnliche Rolle beim Schamanieren, welche so nirgends anders beobachtet werden kann (religionsgeschichtliche Dimension). Zudem wird das Schamanieren stets begleitet von einer gleichförmigen Ausgestaltung des Settings (ethnografische Dimension). Des Weiteren hat der Schamane in den entsprechenden Kulturen eine zentrale und für das Gemeinleben höchst vitale aber zugleich auch verachtete Rolle inne (soziologische Dimension). Das Schamanieren wird, wie bereits erwähnt, ausschließlich in Bezug auf ein konkretes (soziales) Problem vollzogen (ethnologisch-funktionale Dimension). Und zuletzt hat der ekstatische Zustand des Schamanen während des Schamanierens eine sonst äußerst selten anzutreffende Stärke und Intensität (psychische Dimension). 21
Nachdem der Begriff des Schamanismus nun hinreichend umrissen wurde, soll seine innere Struktur näher erläutert werden, wobei hier das Hauptaugenmerk auf die Person des Schamanen gelegt wird.
16 Vgl. Findeisen, Hans; Gehrts, Heino: Die Schamanen - Jagdhelfer u. Ratgeber, Seelenfahrer, Künder u.
Heiler. Köln 1983. S. 22f.
17 Ebd., S. 24.
18 Ohlmarks (wie Anm. 5), S. 1.
19 Lommel (wie Anm. 3), S. 8.
20 Ohlmarks (wie Anm. 5), S. 4.
21 Vgl. Ohlmarks (wie Anm. 5), S. 4f.
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Joscha Dick, 2007, Schamanismus - ein Überblick, München, GRIN Verlag GmbH
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