Einleitung
Wenn sich heute ein Paar dazu entscheidet eine Ehe miteinander einzugehen, geschieht dies zumeist aus Gründen gegenseitiger Zuneigung und wechselseitiger Liebe. Im Mittelalter hingegen wurden insbesondere in Adelshäusern Hochzeiten weniger aus gefühlsmäßigen Gründen, als aus machtpolitischen und strategischen Interessen abgeschlossen. Aus den teilweise zielgerichteten Kalkulationen der Adelsfamilien resultierte auch eine bestimmte Erwartungshaltung, die sich an die Ehepartner richtete. Die Heirat sollte der Familie zu mehr Ansehen und Reichtum verhelfen. Zudem sollte die Kontinuität des Geschlechts durch eine legitime Nachkommenschaft gesichert werden, was sich als Aufgabe der Ehefrau entpuppte.
In der folgenden Hausarbeit mit dem Thema: „Die Bedeutung der Billungerin Wulfhild für die Welfen: Kindersegen und Adelsgeschlechter“ soll die Frage verfolgt werden, ob Wulfhild eine besondere Bedeutung für das Geschlecht der Welfen verkörperte und inwiefern sie den Vorstellungen von einer Ehefrau entsprach. Diese Untersuchung spaltet sich in zwei Schwerpunkte auf. Zuerst soll die kirchliche Meinung zur Ehe und ihre alltägliche Ausgestaltung in Hinblick auf die kirchlichen Moralvorstellungen dargestellt werden. Die daraus gewonnen Erkenntnisse werden im zweiten Teil der Arbeit auf die Person der Billungerin Wulfhild übertragen, wodurch ihre Bedeutung für das Geschlecht der Welfen herausgearbeitet werden soll. Bei der Untersuchung der Bedeutung Wulfhilds sollen mehrere historiographische und eine Bildquelle herangezogen werden.
Bei den historiographischen Quellen handelt es sich einmal um Auszüge der Historia Welforum ( Kapitel 15) 1 , die um 1170 2 im Hauskloster Weingarten entstanden sein soll und das Wissen aus älteren anderen Quellen zusammenbringt und die neuere Familiengeschichte beschreibt.
Die Historia Welforum ist als bedeutendste Quelle anzusehen, da sie am ehesten die welfischen Ansichten darlegt, was für die Ausarbeitung der Arbeit wesentlich ist.
1 Historia Welforum, ed. Erich König (Schwäbische Chroniken der Stauferzeit 1), Stuttgart, Berlin 1938, S.24- 29. Im Folgenden zitiert als: Historia Welforum, König, 1938, mit Seitenangabe.
2 Schneidmüller, Bernd, Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung (Urban Taschenbücher 465), Stuttgart, Berlin, Köln 2000, S.24. Im Folgenden zitiert als: Schneidmüller, Welfen, 2000, mit Seitenangabe.
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Als ergänzende und das sächsische Bewusstsein widerspiegelnde Quellen sollen Kapitel drei und vier der Sächsischen Weltchronik 3 , Kapitel 13 der Braunschweiger Reimchronik 4 sowie Auszüge des Sächsischen Annalisten 5 analysiert werden. Als Bildquelle wird das Stemma des Ordinarius von St. Blasius 6 , welches um 1300 entstanden ist in die Untersuchung einbezogen.
Als Interpretationshilfe der Quellen dienen insbesondere Bernd Schneidmüllers Werk „Die Welfen- Herrschaft und Erinnerung“ und Tobias Wellers „Heiratspolitik des deutschen Hochadels“ 7 .
2. Die Ehe im Mittelalter
In der nun folgenden Hausarbeit soll die Bedeutung der Billungerin für das Geschlecht der Welfen näher überprüft werden. Um die Ausarbeitung der Fragestellung besser verfolgen zu können wird zu Beginn ein Einblick in das Verständnis der Ehe im Mittelalter gegeben.
Unter dem Begriff Ehe soll hierbei laut dem Lexikon für Theologie und Kirche eine bestimmte Form des dauerhaften Zusammenlebens zweier Personen verschiedenen Geschlechts verstanden werden. Sie bringt „die Beziehungen zwischen den Geschlechtern in eine bestimmte Form, die auf dauerhaftes Zusammenleben und normalerweise auf gemeinsame Elternschaft gerichtet ist“ 8 .
3 Sächsische Weltchronik, ed. L. Weiland (MGH SS 2, Deutsche Chroniken und andere Geschichtsbücher des Mittelalters) Hannover 1877, S.275f.Im Folgenden zitiert als: Sächsische Weltchronik, mit Seitenangabe.
4 Braunschweiger Reimchronik, ed. L. Weiland (MGH SS 2, Deutsche Chroniken und andere Geschichtsbücher des Mittelalters) Hannover 1877, S. 474. Im Folgenden zitiert als: Braunschweiger Reimchronik, mit Seitenangabe.
5 Der Sächsische Annalist, ed. W. Wattenbach, 3. Aufl., Leipzig 1941. Im Folgenden zitiert als: Sächsische Annalist, mit Seitenangabe.
6 Heinrich der Löwe und seine Zeit. Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125- 1235. Katalog der Ausstellung. Braunschweig 1995, hg. v. Jochen Luckhardt, Franz Niehoff, München 1995, S.37. Im Folgenden zitiert als: Heinrich der Löwe und seine Zeit, mit Seitenangabe.
7 Schneidmüller, Welfen, 2000.
8 Urs Baumann, Ehe im Mittelalter, in: Lexikon für Theologie und Kirche (LThK), begr. v. Michael Buchberger, 3.Aufl., hg. v. Walter Kasper u.a., 3 Bd., Freiburg, Basel, Rom, Wien 1993, S. 467. Im Folgenden zitiert als: LThK, Buchberger, mit Seitenangabe.
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Nun soll zuerst das für das Mittelalter entscheidende Meinungsbild der Kirche zur Ehe dargelegt werden, um im Anschluss die alltägliche Umsetzung der Ehe näher zu erläutern.
2.1 Das Meinungsbild der Kirche
In den Schriften der Geistlichen im Hochmittelalter zeigt sich ein breites Spektrum an Meinungen zum Thema Ehe, wodurch der wissenschaftliche Umgang mit diesem sozialen Phänomen erschwert wird. Zudem ist der Historiker maßgeblich auf die zumeist klerikal eingefärbten Quellen der Kirche angewiesen, da sie den größten Anteil der überlieferten Schriften aus dem Mittelalter ausmachen.
So wird die Ansicht vertreten, dass „die Ehe eine von Gott eingerichtete Institution“ 9 darstellt und folglich nicht als Sünde angesehen werden darf, weil alles was Gott geschaffen hat als gut anzuerkennen ist. Dieser Gedanke lässt sich zurückführen auf die biblische Beschreibung der Beziehung zwischen Adam und Eva, in der uns überlieferten Schöpfungsgeschichte des Alten Testamentes, in der sie als die ersten Menschen in einem an die Ehe erinnernden Verhältnis leben 10 . Außerdem rechtfertigt dieser Gedanke die Einführung der Ehe als Sakrament. Diese Auffassung, die viele Kirchenväter des Mittelalters vertreten, prägen das Bild der Ehe zur damaligen Zeit. Allerdings besitzt die Ehe nur eine Legitimation sofern sie zur Fortpflanzung dient. Somit soll ihr die Funktion zukommen, die Sexualität in geregelte Bahnen zu lenken.
Obwohl die Ehe Akzeptanz von Seiten der Kirche erfährt, wird von ihr trotzdem die Jungfräulichkeit und die Witwenschaft als vollkommeneres Gut gegenüber des Ehestandes propagiert 11 .
Jedoch wird durch den ausgeprägten Marienkult 12 des 12. Jahrhunderts das Bild der Frau in gewisser Weise zugunsten der Ehe und der damit verbundenen Mutterschaft
9 Hans- Werner Goetz, Frauen im frühen Mittelalter. Frauenbild und Frauenleben im Frankenreich, Weimar, Köln, Wien 1995, S.168.Im Folgenden zitiert als: Goetz, Frauen im frühen Mittelalter, mit Seitenangabe.
10 Vgl. Goetz, Frauen im frühen Mittelalter, S.168.
11 Vgl. Georges Duby , Die Frau ohne Stimme (Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek), Berlin 1989, S.42. Im Folgenden zitiert als: Duby, Frau ohne Stimme, 1989, mit Seitenangabe.
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verbessert. Maria ist Jungfrau, Ehefrau und Mutter in einer Person und stellt zwar dadurch für die Frauen ein unerreichbares Idealbild dar, aber es lenkt die Ehe und insbesondere die Mutterschaft in ein besseres Licht 13 . Der Marienkult trägt insgesamt viel zum mittelalterlichen Frauenbild bei 14 .
2.2 Die tatsächliche Ausgestaltung der Ehe im Alltag
Die Kirche unterwirft die Ehe einer strenger Reglementierung und kann in verschiedenen Bereichen der Ehe seinen Einfluss als meinungsbildende Institution geltend machen. So vollzieht die Kirche Eheschließungen, Ehescheidungen und prägt darüber hinaus die Moralvorstellungen in der Ehe.
Doch trotzdem gilt die Ehe allgemein als die „gewöhnliche und erstrebenswerte Lebensform der Laien aller Stände und Schichten“ 15 .
Sie gewinnt sogar zunehmend insbesondere in den oberen Gesellschaftsschichten eine Art politische Bedeutung, weil durch eine gute Ehe der Reichtum und das soziale Ansehen einer Familie vergrößert werden kann 16 . Folglich ist die Wahl des Ehepartners dahingehenden Interessen unterworfen. Außerdem kommt der Frau bei der Geburt von legitimen Nachkommen eine wichtige Rolle zu, was auch daran festzumachen ist, dass Kinderlosigkeit in einer bestehenden Ehe als Annulierungsgrund akzeptiert wird 17 . Sicherlich stellt dies ebenfalls ein Indiz für die meinungsprägende und mächtige Funktion der Kirche als Institution dar.
12 Vgl. LThK, Buchberger, S. 1378, 1379.
13 Vgl. Duby, Frau ohne Stimme, 1989, S.37, 38.
14 Eileen Power, Als Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann?. Das Leben der Frau im Mittelalter, Berlin 1984, S.24. Im Folgenden zitiert als: Power, Leben der Frau im Mittelalter, mit Seitenangabe.
15 Goetz, Frauen im frühen Mittelalter, S.191.
16 Vgl., ebd., S.195.
17 Vgl. W. Prevenier, Th. De Hemptinne, Die Ehe in der Gesellschaft des Mittelalters, in:Lexikon des Mittelalters (LexMA),Bd 3, München, Zürich 1998, S. 1637. Im Folgenden zitiert als: LexMA, mit Seitenangabe.
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Arbeit zitieren:
Sarah Nolte, 2006, Die Bedeutung der Billungerin Wulfhild für die Welfen: Kindersegen und Adelsgeschlechter, München, GRIN Verlag GmbH
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