Ruhr-Universität Bochum Kunstgeschichte Proseminar: Malerei und Graphik des 18. Jahrhunderts Sommersemster 2003
Thomas Gainsborough
Analyse des Analyse des Doppelporträts „ Mr and Mrs Andrews“ unter dem Aspekt gesellschaftlicher und politischer Veränderungen in Eng- land“
Eingereicht von: Britta Heidel
Gliederung
1. Einleitung 2
2. Einfluß gesellschaftlicher und politischer Veränderungen in
Gainsboroughs Werdegang 3
2.1. Englands politische Vormachtstellung und gesellschaftliche
Umwälzungen 3
Thomas Gainsborough Porträtist und Landschaftsmaler 6
3.1. Das Doppelporträt Mr an Mrs Andrews 6
3.2. Aufbau und Ikonologie 7
3.3. Farbe und Licht 13
3.4. Verknüpfung von Porträt und Landschaft 14
4. Gesellschaftliche Restriktionen in der Malerei des 18 Jahrhun-
derts 17
I Literaturverzeichnis 18
II Internetseiten 18
III Bildmaterial 19
1. Einleitung
Während des 18. Jahrhunderts gehörte Thomas Gainsborough mit zu den gefragtesten Malern Englands. Angehörige des Adels, des englischen Ho- fes und namhafte Politiker sahen es als ein Muß an, sich von ihm portätie- ren zu lassen und rühmten sein malerisches Können. Sogar König George der Dritte und seine Frau Königin Charlotte ließen bei ihm Portäts anferti- gen.
Obwohl Gainsborough vorwiegend durch den Zweig der Porträtmalerei bekannt wurde, galt seine eigentliche Leidenschaft der Landschaftsmalerei und des Musizierens.
Allerdings muß festgehalten werden, daß das Porträtieren für einen Maler seiner Zeit der erträglichste Wirtschaftszweig war. So sah er sich in sei- nem Berufsfeld sowohl als Geschäftsmann und als auch als Künstler in einem.
Das Gemälde „Mr and Mrs Andrews“ aus dem Jahre 1748/49 stellt seiner Seits ein Experiment dar, reale Landschaftsmalerei und Porträtismus in einem Bildnis zu verknüpfen. Bevor allerdings näher auf dieses Bildnis eingegangen werden kann, wird zu Beginn in einem kurzen Exkurs auf Englands politische Vormachtstellung und gesellschaftliche Umwälzungen hingewiesen.
Die Topographie ließ die englischen Landschaftsmaler nicht los. Unter den Landschaftsmalern des 18. Jahrhunderts nimmt Thomas Gainsborough eine herausragende Position ein. Seine Gemälde stellen eines der ein- druckvollsten und lebendigsten Bildzeugnisse des Georgorian England dar. Sein Hauptakzent liegt allerdings nicht nur in der Landschaftsmalerei, sondern im gleichen Maß auch in der Portraitmalerei.
Welche Rollen die Porträt- und Landschaftsmalerei in England gespielt haben und wie groß der Einfluß gesellschaftlicher und politischer Verände- rungen in Gainsboroughs Werdegang als Künstler war, soll in den folgen- den Kapiteln erläutert werden.
2. Einfluß gesellschaftlicher und politischer Veränderungen in
Gainsboroughs Werdegang
Nach der „Glorious Revolution“ von 1688 weitete sich Endglands Macht dank der eingeführten konstitutionellen Monarchie aus. Durch den nun ermöglichten Import und Export wurde London zum Umschlagsplatz exoti- scher und einheimischer Güter und löste Amsterdam als führenden Han- delsplatz in Europa ab.
Der wirtschaftliche Aufschwung ermöglichte es nicht nur den aristokrati- schen Großgrundbesitzern ihren Reichtum zu vergrößern, sondern auch die bis dahin kaum beachteten Gesellschaftsschichten der Kaufleute und Arbeiter profitierten davon.
Der Tuchfabrikant und Händler John Gaisborough, der Vater von Thomas Gaisnborough, zog ebenfalls aus dieser wirtschaftlichen Konjunktur seinen Nutzen. Obwohl er in jener Zeit nicht zu der Gesellschaftsschicht der Aris- tokratie und des niederen Adels gehörte, identifizierte er als solcher. Seine Kleidung glich der eines Edelmannes. Er nahm Fechtunterricht und befaß- te sich während seiner Geschäftsreisen durch Frankreich und den Nieder- landen mit den dortigen „neuen künstlerischen Bestrebungen“ 1 . Ein solches selbstbewußtes und zum Teil auch unbefangenes Auftreten zeigte sich ebenfalls bei Thomas Gainsborough. So wurde er von Zeitge- nossen als gesellig, leichtlebig und sorglos in Geldangelegenheiten be- schrieben 2 .
2.1. Englands politische Vormachtstellung und gesellschaftliche
Umwälzungen Trotz innerer Mißstände (Ämterpatronage, veraltete Strafjustiz, Armen- pflege und Erziehung) wandelt sich England auf der Grundlage kapitalisti- scher Wirtschaftsordnung und –gesinnung zur Werkstatt der Welt. Durch Flurbereinigung und ein neues Fruchtwechselsystem erhöhen sich die Felderträge. Dennoch entstand ein Nahrungsmitteldefizit, da die Be- völkerung von 1750 bis 1820 von 7,8 auf 14,3 Millionen anwuchs. 3 Beson-
1 Jonathan Norton Leonard: Gainsborough und seine Zeit – 1727 – 1788, 2. Auflage, 1972 Amsterdam, S. 8 – 9 2 Ebd. S. 8 3 dtv- Atlas zur Weltgeschichte, Hg. Hermann Kinder und Werner Hilgemann, Bd. 2, 17. Auflage, München 1982, S. 31
ders in den Großstädten stieg die Bevölkerungsrate rapide an. Durch die Entwicklung von Maschinen, Aufbau von Fabriken und die Einführung der Lohnarbeit wurden Bereiche wie Handarbeit, Kleinstädte und Landarbeit verdrängt.
Jahrhunderte lang hatte das patriarchalische System der „offenen Flur“ gegolten. Dabei wurde ein großer Teil des Bodens mehr oder weniger gemeinschaftlich bestellt. Jeder Dorfbewohner konnte nach der Ernte sein Vieh auf diesen Feldern weiden lassen. Die Abschaffung dieses Rechts war Voraussetzung der Rationalisierung und Intensivierung des Anbaus. Mitte des 18. Jahrhunderts begann diese Reform, als fortschrittliche Guts- besitzer die Felder zusammenlegen ließen. Öd- und Waldland wurde wirt- schaftlich nutzbar gemacht und eingezäunt, so daß das Vieh der Dorfbe- wohner ausgesperrt wurde. „Enclosure“ war einer der wichtigsten Begriffe dieser Kultivierungswelle und der Auftakt zur Industriellen Revolution. 4 Die Einfriedung erwies sich für die Gutsbesitzer als eine der profitabelsten In- vestitionen des 18. Jahrhunderts. Im Gegensatz dazu wurden die kleinen Leuten durch den Verlust der traditionellen Rechte mehr und mehr ruiniert. Diese Maßnahme der aristokratischen Großunternehmer wurde durch das Parlament unterstützt. Die von Shelburne 5 und Pitt 6 betriebene, auf Re- formen ausgerichtete Politik, die die Machtinteressen der englischen O- berklasse im Auge behielt, wurde von Mitgliedern des Landadels unter- stützt, die auffallend oft durch den „neuen“ Adel vertreten sind. Neben ih- rem Engagement im Unterhaus setzten sie ihre Überzeugung in Moderni- sierungsarbeiten auf ihren ausgedehnten Landsitzen um. Die Pächter wirtschafteten mit neuen, rationellen Methoden und benötigten weniger
4 http://www.planet-interkom.de/thorsten.hapke/VWL_Gesch4_Exkurs.htm, Hg. Thorsten Hapke, Datum: 04.07.2003 5 William Shelburne, Marquess of Landsdowne ( *1737, +1805), gehörte zu der „Society of the Bill of Rights“. Während der Wilkes-Affäre gewann er schnell den Ruf eines Radi- kalreformers.
dtv- Atlas zur Weltgeschichte, Hg. Hermann Kinder und Werner Hilgemann, Bd. 2, 17. Auflage, München 1982, S. 31 6 William Pitt d. Jüngere ( *28.05.1759 Hayes, +23.01.1806 London), seit 1781 Mitglied des Unterhauses, 1783 – 1801 und 1804 – 1806 Premierminister in England. Er versuch- te innenpolitisch vergeblich eine Verbesserung des Wahlrechtes durchzusetzen, refor- mierte das Kredit- und Finanzwesen (Consolidated Fund 1787) und brachte 1801 die Union mit Irland zustande.
Bertelsmann – Neues Lexikon, Hg. Wolf Eckhard Gudemann, Bd. 7, Gütersloh 1995, S.
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Arbeitskräfte. Die steigenden Bodenerträge und medizinische Erfolge wie die Seuchenbekämpfung und zunehmende Hygiene verursachten eine sprunghafte Bevölkerungszunahme. Die daraus resultierende Überbevöl- kerung war Folge des entstehenden großstädtischen Proletariats. Viele ehemalige Bauern zogen in die Großstädte, in der Hoffnung dort Arbeit zu finden. Andere dagegen entschlossen sich, England komplett den Rücken zu kehren, um in den neuen Kolonien wie Nordamerika, Australien etc. ein neues Leben zu beginnen.
Diese Folgen begünstigten die Entfaltung der Industrie. Ein neues Fabrik- system verlangte selbstbewußte Initiative, Kapital für Maschinen und Roh- stoffe sowie Absatzmärkte für Massenproduktionen. Aus den traditionellen Bevölkerungsschichten bildete sich ein neues Klassensystem: Unterneh- mer und ungelernte Proletarier.
Beide Gruppen verfügten weder über Grundbesitz noch über eine Parla- mentsvertretung und waren daher Gegner der Gentry und der Großkauf- leute. Trotzdem waren diese beiden Gruppen verfeindet. Überangebote an Arbeitern und drakonische Mittel wie überlange Arbeitszeiten bei Hunger- löhnen oder auch Frauen- und Kinderarbeit erzwangen eine neue, noch ungewohnte Arbeitsdisziplin in Fabriken.
Das Kleinbauerntum und Handwerk verloren an Bedeutung, dadurch ver- schärften sich die Klassenunterschiede. Die soziale Frage wurde nicht nur zum drängenden Problem in England sondern auch in anderen Industrie- nationen wie Holland, Belgien, Frankreich etc. Dennoch blieb England bis Ende des 19. Jahrhunderts führende Industrienation.
So wie sich das soziale Denken in England veränderte, so führte dies auch zu einer Reform der Malerei in England. Wegbereiter dieser Umwäl- zungen waren z.B. Maler wie der Gesellschaftskritiker William Hogarth 7 , Joshua Reynolds, Thomas Gainsborough, etc.
7 „Ich erkannte, daß die Schriftsteller und auch die Maler im historischen Stil die Zwi-
schenstufe vom Erhabenen zum Grotesken übersahen. Das veranlaßte mich, auf meine
Art zu malen...“ Gustav Friedrich Hartlaub: Die großen englischen Maler der Blütezeit
1730 – 1840, München 1948, S. 22
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Britta Heidel, 2003, Thomas Gainsborough - Analyse des Doppelporträts "Mr and Mrs Andrews", Munich, GRIN Publishing GmbH
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