Inhaltsverzeichnis
1. Ursachen für Arbeitslosigkeit in Deutschland
1.1 Historische Entwicklung
1.2 Gründe für Arbeitslosigkeit in Deutschland
1.3 Arten von Arbeitslosigkeit
2. Ansatzpunkte für eine Reform des Arbeitsmarktes
2.1 Stärkung der Arbeitsproduktivität
2.1.1 Flexibilität der Arbeitszeit
2.1.2 Investition in Humanarbeit
2.2 Schwächung der Nachfrage nach Arbeitskräften durch die
Sozialversicherung zurückführen
2.3 Stärkung des Gleichgewichtsmechanismus
2.3.1 Lohnpolitik
2.3.2 Hemmnisse durch Flächentarifverträge
2.3.3 Umgestaltung des institutionellen Regelwerks des
Arbeitsmarktes
2.4 Senkung der Ansprüche an staatliches Einkommen
2.4.1 Kürzung der staatlichen Mindesteinkommen
2.4.2 Lohnsubventionen
3. Arbeitsmarkt-Reform: Das Hartz-Konzept
4. Fazit
1. Ursachen für Arbeitslosigkeit 1 in Deutschland
1. 1. Historische Entwicklung
Der Aufbau der Arbeitslosigkeit in der BRD vollzog sich in drei Schritten, zunächst bedingt durch die beiden Ölpreisschocks in den Jahren 1973 und 1981 und zuletzt durch die 1992/93 einsetzende Rezession 2 . Zwischen diesen Zeitpunkten ging die Arbeitslosigkeit nur schleppend zurück. Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland ist durch eine beträchtliche Persistenz gekennzeichnet, obwohl die Beschäftigung in den achtziger Jahren spürbar gestiegen war. Kurz vor der Wiedervereinigung erreichte die Erwerbsquote 3 wieder das Niveau wie zu Beginn der siebziger Jahre, als in Deutschland Vollbeschäftigung herrschte. Gleichzeitig war jedoch im Zeitraum 1970 - 1990 ein starker Anstieg des Arbeitskräfteangebots zu verzeichnen, so dass sich die Arbeitslosenquote vom Höchststand der achtziger Jahre ( 9,1% ) nur auf 7,2 % verringerte.
Im Laufe der neunziger Jahre ging durch die Wiedervereinigung und den damit verbundenen Systemwechsel rund ein Drittel aller Arbeitsplätze in Ostdeutschland verloren. Zeitgleich setzte in Westdeutschland eine Rezession ein. Als Folge daraus stieg die gesamtdeutsche Arbeitslosenquote rapide, während die Erwerbstätigenquote sank. In Westdeutschland wurde der Arbeitsmarkt durch den kurzen Wirtschaftsaufschwung in den Jahren 1998 -2001 entlastet, wohingegen der Arbeitsmarkt in Ostdeutschland davon nicht profitieren konnte. 4
1.2 Gründe für die Arbeitslosigkeit in Deutschland
Die Gründe für die Arbeitslosigkeit in Deutschland sind sehr vielschichtig. Auslöser war aber ohne Zweifel der starke Anstieg des Erwerbspersonenpotentials 5 . Hervorgerufen wurde dieser u.a. durch
Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit in das Erwerbsleben
1 Erläuterung s. Glossar
2 Erläuterung s. Glossar
3 Erläuterung s. Glossar
4 Vgl. IAB Werkstattbericht Nr. 11/202
5 Erläuterung s. Glossar
1
die seit den siebziger Jahren zunehmende Erwerbsbeteiligung, insbesonders verheirateter Frauen
die Ausweitung des Erwerbspersonenpotentials durch hohe Zuwanderungszahlen von Übersiedlern, Aussiedlern und Ausländern in die BRD
Schwankende Konjunkturlagen und die Wiedervereinigung verschärfen die Probleme am Arbeitsmarkt seit den neunziger Jahren zusätzlich, zudem wirken sie sich auf den Westen Deutschlands wesentlich stärker als auf den Osten der Republik aus. Grund dafür ist der noch immer große Entwicklungsrückstand Ostdeutschlands bei den exportorientierten Bereichen des verarbeitenden Gewerbes.
Der Anstieg des Erwerbspersonenpotentials konnte auch nicht durch ein höheres und beschäftigungswirksames Wirtschaftswachstum aufgefangen werden. Zum einen wurde in der Vergangenheit nicht genügend in zukunftsträchtige Produkte investiert ( es konnten nicht genügend neue Märkte erschlossen werden ), zum anderen flossen ( und fließen ) weiterhin hohe Subventionen 6 in den Erhalt veralterter Produktionsstrukturen
( Kohlebergbau, Werften, Landwirtschaft etc. ). Die volle Ausschöpfung der ohne Zweifel vorhandenen Potentiale im High-Tech-Bereich wurde so verhindert. Damit wurde aber letztendlich der notwendige Strukturwandel, die Transformation einer sekundären in eine tertiäre Ökonomie unnötig behindert. Die gegenwärtig strukturelle Arbeitslosigkeit kann somit als Begleiterscheinung des nicht wirklich bewältigten Übergangs gesehen werden. 7 Eine weitere Ursache für die hohe Arbeitslosigkeit sind die kontinuierlich gestiegenen Beitragssätze zu den Sozialversicherungssystemen. Die Beiträge dazu fließen in die Personalzusatzkosten und verteuern so die Arbeit. Als Folge daraus verringert sich die Zahl der rentablen Arbeitsplätze, wenn nicht andere Personalzusatzkosten verringert werden oder die Löhne langsamer steigen als die Produktivität. Nach Auskunft des Instituts der Wirtschaft liegen die Arbeitskosten in Westdeutschland mit 26,36 € ( 2002 ) weltweit an zweiter Stelle, Ostdeutschland liegt mit 16,43 € an 18. Stelle 8 .
6 Erläuterung s. Glossar
7 vgl. IAB Werkstattbericht Nr.11/2002 v. 22.8.2002, IAB Kurzbericht Nr. 16 v.1.8.2002 u. J.Eekhoff, Beschäftigung und soziale Sicherheit ( 1998 ) S. 5-17
8 Dülmener Zeitung ( WAZ ), Rubrik Wirtschaft, Mittwoch 20. August 2003
2
Neben den Beiträgen zu den Sozialversicherungen ( gesetzliche Personalzusatzkosten ) fallen i.d.R. weitere Personalzusatzkosten durch tarifliche bzw. betriebliche Vereinbarungen an ( z.B. durch Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, betriebliche Altersversorgung, Verpflegungszuschüsse etc. ), so dass die Gesamtheit der Personalzusatzkosten 1996 bereits 81 Prozent betrug, Tendenz steigend 9 .
Im Durchschnitt muss ein Arbeitnehmer mehr als 3 Stunden arbeiten, um eine in Anspruch genommene Arbeitsstunde bezahlen zu können. Diese Kluft hat einen großen Einfluss auf die Entscheidung zwischen offizieller Arbeit und Schwarzarbeit 10 .
Schwarzarbeit ist ein gesellschaftlich weit verbreitetes Problem, bei dem auf Kosten der Allgemeinheit ( legale ) Arbeitsplätze verloren gehen und das Finanzamt und die Sozialversicherungen Milliarden an Abgaben verlieren 11 .
Neben den genannten Gründen für die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland spielen noch eine Vielzahl von weiteren Faktoren eine wichtige Rolle. So wurde z.B. durch die Dämpfung der Weltkonjunktur, die „ Gründerkrise “ in vielen e-basierten Dienstleistungsbranchen und den Schock der Terroranschläge vom
11. September 2001 alle Hoffnung auf eine rasche Belebung am Arbeitsmarkt zunichte gemacht 12 . Diese und auch weitere Faktoren sowie die besondere Situation in Ostdeutschland konnten im Rahmen dieser Hausarbeit nicht berücksichtigt werden.
1.3 Arten von Arbeitslosigkeit
Im wesentlichen lassen sich vier Arten von Arbeitslosigkeit unterscheiden:
strukturelle Arbeitslosigkeit,
konjunkturelle Arbeitslosigkeit, saisonale Arbeitslosigkeit, friktionelle Arbeitslosigkeit.
9 J. Eekhoff, Beschäftigung und soziale Sicherheit ( 1998 ) S. 84 - 92
10 s. Glossar
11 Das Lexikon der Wirtschaft, Dudenverlag 2001, S. 338
3
Die friktionelle und die saisonale Arbeitslosigkeit sind nicht ursächlich für den hohen Stand an Unterbeschäftigung in Deutschland. Vielmehr wird in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur und in der allgemeinen Einschätzung die Arbeitslosigkeit in Deutschland als überwiegend „ strukturell “ eingestuft. Dabei meint „ strukturell “ zum einen die Verhärtung und Persistenz bestimmter Strukturen der Arbeitslosigkeit bei mangelnder „ Arbeitsmarktflexibilität “. Zum anderen wird auf das Gesamtniveau der strukturell verhärteten Arbeitslosigkeit abgestellt, das durch die Rigidität der Ordnungsbedingungen und die institutionellen Regelungen des Arbeitsmarktes verursacht wird. 13 Insofern sind die Versäumnisse der Vergangenheit auch für die aktuelle Verschärfung der Arbeitsmarktkrise relevant. Konjunkturelle Arbeitslosigkeit wird auf einen gesamtwirtschaftlichen Nachfragemangel und eine entsprechende
Unterauslastung des vorhandenen Produktionspotentials in der aktuellen Periode bezogen. Die konjunkturelle Wende von 2000 auf 2001 und der Anstieg der saisonbereinigten Arbeitslosenzahlen kann im wesentlichen auf die rezessive Entwicklung in den USA, die hohe Interdependenz zwischen der deutschen und der US - amerikanischen Wirtschaftsentwicklung, einen beträchtlichen Ölpreisschub sowie auf den exogenen Schock des 11. September mit seinen Auswirkungen auf die Investitions- und Konsumpläne der Inländer und die Ausländernachfrage zurückgeführt werden. 14 Das Nebeneinander von offenen Stellen und Arbeitslosigkeit resultiert aus den unterschiedlichen Profilen von Arbeitskräften und Arbeitsplätzen („Mismatch“) 15 . Diese Form der Arbeitslosigkeit führte zur Einführung von „ Green Cards “ für ausländische Arbeitnehmer, vor allem aus dem IT-Bereich. Insgesamt spielt diese Form der Arbeitslosigkeit in Deutschland aber eher eine untergeordnete Rolle.
2. Ansatzpunkte für eine Reform des Arbeitsmarktes
Zu mehr Beschäftigung bzw. zu einem Abbau von Arbeitslosigkeit kann es in einer Marktwirtschaft nur kommen, wenn die Wertschöpfung pro Beschäftigtem real stärker steigt als die Löhne. Steigen die Löhne stärker als der
12 IAB Kurzbericht Nr. 16 v. 01.08.2002
13 Vgl. IAB Kurzbericht Ausgabe Nr. 16 v. 01.08.2002 S.3, Information zur politischen Bildung Nr. 175 Wirtschaft 2 S.13-14 ( Neudruck 1991 )
14 Vgl. IAB Kurzbericht Ausgabe Nr. 16 v. 01.08.2002 S.5
15 Erläuterung s. Glossar
4
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Guido Nosthoff, 2003, Ursachen für Arbeitslosigkeit in Deutschland - Ansatzpunkte für eine Reform des Arbeitsmarktes, Munich, GRIN Publishing GmbH
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