1. Einleitung
Die Erforschung von Emotionen in der mediävistischen Literaturwissenschaft beinhaltet im Gegensatz zur aktuellen Emotionsforschung, nicht die Analyse des tatsächlich Gefühlten, sondern richtet sich vielmehr auf die Darstellung von Emotionen und deren Funktion im mittelalterlichen Text. Von Interesse ist dabei nicht der psychologische Aspekt des Fühlens, vielmehr wird der literarische Gefühlsausdruck ganz im Sinne einer Handlung verstanden, die pragmatische Funktionen auf textinterner und textexterner Ebene übernimmt. Diese Annahme liegt auch Jutta Emings Ausführungen zu Gefühlsausdrücken im mittelalterlichen Kontext zugrunde, Eming verdeutlicht, dass Emotionen eben nicht als spontaner Ausdruck ausladender Affekte gedeutet werden können, sondern innerhalb der „ritualisierten Kommunikation des Mittelalters“ 1 durch spezifische Bedeutungen markiert sind. Grundlegend für das Verständnis der Zeichenfunktion von Emotionen sind dazu die bei Eming herangezogenen Überlegungen des Historikers Gerd Althoff, der auf das bewusste Einsetzten von Emotionen in öffentlichen Ritualen des Mittelalters verweist. Unter Bezugnahme historischer Quellen demonstriert Althoff die zentrale Bedeutung von ritualisierten öffentlichen Kommunikationsakten bei der Sicherung bestehender Ordnungs- und Machtverhältnisse, Emotionen wurden in konventionalisierten Verhaltensmustern bewusst in ihrer Zeichenfunktion genutzt. Durch emotionalen Überschwang wurde die Wirkung in die jeweilig beabsichtigte Richtung erzielt und „Theatralik und Affekte wurden […] reflektiert eingesetzt“ 2 .
Emotionen in der mittelalterlichen Literatur werden demzufolge als zielgerichtete Handlungen verstanden, deren Wirkung und Interaktion mit dem Begriff der Beitrag 3 Performativität konzeptualisiert werden. In ihrem zum
Sonderforschungsbereich „Kulturen des Performativen“ 4 verdeutlichen Jutta
1 Eming, Jutta: Emotionen als Gegenstand mediävistischer Literaturwissenschaft, in: Journal of Literary Theory 1 (2007), S. 259
2 Althoff, Gerd: Gefühle in der öffentlichen Kommunikation des Mittelalters, in: Emotionalität: zur Geschichte der Gefühle, hg. Von Claudia Benthien, Anne Feig und Ingrid Kasten, Köln 2000, (Böhlau Verlag), S. 90
3 Eming, Jutta/Kasten, Ingrid/Koch, Elke/Sieber, Andrea: Emotionalität und Performativität in narrativen Texten des Mittelalters, in: Paragrana Band 10, Heft 1 (2001), S. 217
4 Sonderforschungsbereich an der Freien Universität zu Berlin, Vgl. http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we04/germanistik/forschung/sfb447_a2.html (Zugriff am 20.04.2010)
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Eming, Ingrid Kasten, Elke Koch und Andrea Sieber, dass Emotionsdarstellungen nicht nur Handlungen auf Textebene motivieren, sondern in ihrer außerliterarischen Wirkung ebenfalls Emotionen erzeugen können. Die Gefühlsausdrucks“ 5 „performative Dimension eines umfasst den
Handlungscharakter von Emotionen, die einerseits weitere Handlungen verursachen und wiederum durch vorangegangene Handlungen ausgelöst wurden. 6 Daraus ergibt sich das Verständnis eines sich ständig wiederholenden Prozesses evozierter Handlungen und Folgehandlungen, deren Wiederholung zur Durchsetzung und Verfestigung von bestimmten Normen führen kann. 7 Die verwendeten Mittel zur Darstellung von Emotionen in der Literatur des Mittelalters, entsprechen einem festgelegten Repertoir nonverbaler und verbaler Ausdrucksformen, deren Funktionen durch den Kontext, die Figurenrede und die Erzählerrede erkennbar wird. Eine besondere Rolle wird dabei den körpersprachlichen Ausdrucksmitteln zu teil, mittels Gestik und Mimik werden Gefühle unmittelbar über den Körper ausgedrückt. Körperinszenierungen zum Zwecke des Gefühlsausdrucks vollziehen sich allerdings „nicht im 'heimlichen' Raum, sondern vor einer oder mehreren anderen Figuren, teils einem regelrechten Publikum“ 8 .
Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit die ästhetischen Strategien von Gefühlsdarstellungen auf der Textebene zu analysieren, d.h. deren Wirken auf inhaltliche Zusammenhänge zu klären, sowie Bezüge zur textexternen, appellativen Funktion herzustellen. Berücksichtig man die vorangestellte Funktion zur Etablierung und Stabilisierung von Normen muss auch der Einfluss auf die literarische Konzeption von Identität und Geschlecht untersucht werden und „welche Rolle Emotionen in literarischen Entwürfen von gesellschaftlicher Ordnung [...] spielen“. 9
Im folgenden soll anhand zweier zentraler Frauenfiguren im Roman „Friedrich von Schwaben“ untersucht werden, inwiefern die Konzeption von Identität durch Emotionsdarstellungen im Text konstruiert und vermittelt werden. Maßgebend für
5 Eming 2007, S.260.
6 Eming/Kasten/Koch/Sieber 2001, S. 217
7 Ebd., S. 218
8 Ebd., S. 224
9 Kasten, Ingrid: Einleitung, in: Codierung von Emotionen im Mittelalter , hg. Von C. Stephen Jaeger und Ingrid Kasten, Berlin 2003, (De Gruyter), S. 29
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die folgenden Untersuchungen sind dabei die verbalen und nonverbalen Gefühlsausdrücke der Figuren Angelburg und Jerome, sowie der Entwurf beider Frauenfiguren und deren Verhältnis zueinander. Die Analyse konzentriert sich dabei vor allem auf die gegensätzliche Figurenkonzeption und ihrem Minneverhalten in der Beziehung zu Friedrich. Im Zentrum steht dabei die These, dass mittels verbaler Äußerungen und Körperinszenierungen, die vollkommende Tugendhaftigkeit der Angelburg, und die raffinierte Sinnlichkeit der Jerome als alternative Figurenkonzepte gegenübergestellt werden. Abschließend soll diskutiert werden, inwieweit Emotionsdarstellungen zur Bildung von Stereotypen und Geschlechterkonzepten beitragen können.
2.Tugenthafte maget und zarte lîp - Tugendhaftigkeit und Sinnlichkeit Im Minne- und Abenteuerroman 10 „Friedrich von Schwaben“ werden drei zentrale Frauengestalten beschrieben, die jeweils sehr unterschiedlich die Romanhandlung bestimmen. Eine kurze Inhaltsangabe scheint hier unerlässlich, um die Frauenfiguren in den Handlungskontext einordnen zu können. Der junge Adlige Friedrich wird während der Jagd von der, in eine Hirschkuh verzauberten, Königstochter Angelburg in den Wald gelockt 11 , er gelangt schließlich in eine leere Burg, wo er nach Genuss von reichlich Speis und Trank von der verzauberten Angelburg im Schlaf besucht wird. Grund für deren Verzauberung ist ein „Stiefmutter-Tochter-Konflikt“ 12 ; Angelburg konfrontiert ihre Stiefmutter Flanea mit deren Ehebruch und bittet sie um Unterlassung und Rückbesinnung auf tugendhaftes Verhalten. Flanea täuscht zunächst Einsicht vor, intrigiert aber mit Hilfe ihres Geliebten, dem Zauberer Jeroparg gegen Angelburg, indem er ihren Vater, den König Mompolier zeitweise erblinden lässt und Angelburg als angebliche Verursacherin entlarvt. Diese wird zur Bestrafung durch
10 Eine spezifische Gattungseinordnung kann hier nicht unternommen werden. Vgl. dazu beispielsweise Ridder 1998 , S. 125, Linden 2005, S. 489
11 Hier und im Folgenden zitiert nach : Friedrich von Schwaben. Herausgegeben und kommentiert von Sandra Linden, Bibliotheca Suevica. Konstanz 2005 Jerome bekennt nach der Erlösung durch Friedrich ihn vorsätzlich in den Wald gelockt zu haben: (V. 4869) luoder ich für dich leit, sprich ich in wârhait. zuo aller nôt ich dich hab prâcht.
12 Ridder, Klaus: Mittelhochdeutsche Minne-und Aventiureromane: Fiktion, Geschichte und literarische Tradition im späthöfischen Roman: „Reinfried von Braunschweig“, „Wilhelm von Österreich“, „Friedrich von Schwaben“, Berlin 1998 (de Gruyter) S. 127
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Flanea verzaubert und muss fortan tagsüber in Hirschgestalt leben, während sie die Nächte in der einsamen Burg in Menschengestalt mit ihren zwei Hoffräulein verbringt. Die Erlösung Angelburgs ist an eine Vielzahl komplizierter Bedingungen geknüpft, denn nur unter Einhaltung verschiedener Tabus (Sichttabu, Keuschheitsprobe) unter Berücksichtigung einer komplexen Zeitstruktur ist deren Erlösung und somit Rückverwandlung möglich. Friedrich verliebt sich in die verzauberte Angelburg, verspricht sie zu erlösen, verstößt aber (wieder durch eine List des Zauberers Jeroparg) gegen das Sichttabu, woraufhin Angelburg und ihre Hoffräulein sich in in drei weiße Tauben verwandeln, davon fliegen und nach dem gescheiterten Erlösungsversuch nur durch weitere schwierige Aufgaben und Prüfungen erlöst werden kann. Während des 20 Jahre andauernden Erlösungswegs muss Friedrich mehrere Aventiuren bestehen, unter anderem wird er dabei von der Zwergenkönigin Jerome in ihr unterirdisches Bergreich gelockt. Die, in Minne zu Friedrich entbrannte, Zwergenkönigin hält ihn in ihrem Bergreich gefangen, woraufhin sich Friedrich, unter dem Vorwand der Täuschung, auf eine Liebesbeziehung mit Jerome einlässt, aus der eine gemeinsame Tochter Zipproner entsteht.
Es gelingt ihm zu fliehen, die zurückgelassene Zwergin Jerome reagiert darauf mit einer 23 jährigen Minnekrankheit, ihr seelisches und körperliches Leiden fesselt Jerome ans Bett. Nach Bestehen einer weiteren Aventiure kann Friedrich Angelburg erlösen, sie heiraten und die, durch ihre Verbannung verlorenen, herrschaftlichen Territorien zurück erobern. Die betrügerische Paar Flanea und Jeroparg wird nach Aufklärung der Intrige verbrannt, dem König Mompolier wird seine Verblendung verziehen. Nach 9 jähriger Ehe und der Geburt eines Sohnes stirbt Angelburg unerwartet und bittet Friedrich auf dem Sterbebett sich mit der Zwergenkönigin Jerome zu verheiraten, um so die uneheliche Tochter Zipproner zu legitimieren. Nach der gelungenen Versöhnung mit Jerome kann Friedrich durch seine nochmalige Heirat mit einer Partnerin adligen Geschlechts „den Fortbestand des Herrschergeschlechts für die Zukunft“ 13 sichern. Die Figur der tugendhaften, keuschen Angelburg wird als radikaler Gegensatz zur betrügerischen, skrupellosen Flanea konzipiert, wobei der zunächst private Konflikt zwischen Stiefmutter und Tochter eine völlige Neuordnung der
13 Linden, Sandra: Friedrich von Schwaben, Konstanz 2005, S. 470
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Arbeit zitieren:
Fraenze Gade, 2010, Tugenthafte maget und zarte lîp. - Zur Emotionsdarstellung der Frauenfiguren Angelburg und Jeromê im Roman „Friedrich von Schwaben“., München, GRIN Verlag GmbH
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