selber erfahren haben wirst, hat zu gelten, diese Demokratie muss verteidigt werden. Und ich habe diesen Staat immer verteidigt, genauso wie du jetzt, Christin. Aber heute bin ich nicht mehr sicher, ob ich recht daran getan habe." S.224)
Als Oliver zu Unrecht von der Polizei verhaftet wird und sich ein halbes Jahr unschuldig in Untersuchungshaft befindet, bekommt er die Realität des Staates, in dem er lebt und dessen Macht, zu spüren. Im Zusammenhang mit der utopischen
Vorstellung, die durch die Erziehung des Vaters entstanden ist, entsteht bei Oliver auf Grund dieser Verhaftung eine extreme Enttäuschung von der Gesellschaft. Deshalb
dreht er dieser den Rücken zu. („Er erzählte, wie er unter einem falschen Verdacht für ein halbes Jahr inhaftiert worden war und bald danach in den Untergrund abtauchte.“ S. 267)
Betrachtet man in diesem Zusammenhang Olivers Charaktereigenschaften, wie der Drang nach Gerechtigkeit und Wahrheit, lässt sich verstehen, wie es dazu kommen
konnte, dass Oliver Zurek sich gegen den Staat stellte, in dem er lebte. („Er sprach über den jungen Oliver, über dessen Wahrheitsliebe und das ausgeprägte, unabdingbare Rechtsgefühl des Knaben, den die so gebrechliche und unvollkommene Welt unablässig beschäftigt hatte.“ S.120)
An dieser Stelle kommen nun Olivers Freunde ins Spiel, die von mehreren Figuren in Christoph Heins Roman als ausschlaggebender Faktor auf Olivers Weg vom normalen Bürger zum Terroristen bezeichnet werden.
Sie zeigten Oliver einen Weg, sich für die Ungerechtigkeit, die der Staat ihm zufügte, zu rächen und so die Gerechtigkeit zu erlangen, die ihm zuvor verwehrt geblieben war. Dass Unzufriedenheit und Enttäuschung ein guter Nährboden für radikale Gedankengüter bilden, zeigte die Vergangenheit in Deutschland bereits Anfang des 20. Jahrhunderts. Zwar kann man die Ideologie der RAF nicht mit den Wahlversprechen Adolf Hitlers vergleichen, jedoch wie sich die Bevölkerung Verbesserungen davon versprach. Hier besteht die Parallele zu Oliver Zurek, denn durch die tiefe Enttäuschung, die er durch seine unberechtigte Haftstrafe erfuhr, war er anfällig für das radikale Gedankengut der RAF-‐Mitglieder. („Die falschen Freunde, die falschen Bücher, die falschen Zeitungen.“ S. 219)
Auch die Öffentlichkeit spielt eine wichtige Rolle bei Olivers Entwicklung. Durch die Medien wurde er nach seiner Verhaftung sofort als Terrorist betitelt. Die Folgen dieser
schnellen Verurteilung durch die Medien sieht man in den Menschen, die Richard Zurek auf den Tod seines Sohnes ansprechen. Alle von ihnen vertreten lediglich die Meinung, die sie in den Tageszeitungen und Fernsehberichten zu sehen bekamen. Der Roman wirft auch die Frage auf, welche Schuld der Staat an Oliver Zureks Verurteilung zum Terroristen trägt. Dem Staat wird vorgeworfen, Beweise zu vernichten oder zurückzuhalten, um somit die Ermittlungen im Fall Zurek zu behindern. („Hier ist ein Unrecht geschehen, ein Gericht hat dieses Unrecht als Recht erklärt. […] Sie wollen den Staat nicht in eine peinliche Verlegenheit bringen“ S. 228-‐ 229)
Ich denke, dass all diese Faktoren gemeinsam die Schuld an Olivers Tod tragen. Beim Lesen des Romans fällt auch auf, dass die Beziehung zu Oliver auch die Frage nach der Schuld für seine Entwicklung bestimmt. Alle, die keine familiäre Bindung zu Oliver haben, sehen die Schuld nur bei Oliver selbst. Sie bilden ihre Meinung durch die Berichterstattung der Medien, die Oliver von Anfang an als schuldigen Terroristen darstellen. Die Medien berichten zwar kurzzeitig, dass Oliver kein Mörder sei, aber als der erste Abschlussbericht der Staatsanwaltschaft erscheint, stellen sie Oliver sofort wieder als den schuldigen Terroristen und Mörder dar.
Christin sieht die Schuld an Olivers Tod und dessen Anschluss an die RAF-‐Szene bei ihrem Bruder selbst und dessen Freunden. Obwohl sie ein Familienmitglied Olivers ist und von daher eine sehr enge Bindung zu ihm haben sollte, vertritt sie mehrfach die Meinung der Medien und der Öffentlichkeit. Dies liegt daran, dass sich der Weg der beiden schon vor Olivers Abtauchen trennte. Immer wieder kam es zu Streit und großen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Geschwistern. Der Hauptgrund für die
Diskussionen zwischen Christin und Oliver waren Olivers Ideologie und sein Hass auf den Staat und dessen Gewalten. Das einzige Familienmitglied, das Olivers Ideologie teilt, ist Heiner, sein jüngerer Bruder. Heiner, der eine sehr enge Bindung zu seinem älteren Bruder Oliver hatte, wollte diesen sogar bei seinem Rachefeldzug gegen den Staat begleiten. („Ich musste ihm im Wald feierlich versprechen, mich niemals an illegalen Aktionen zu beteiligen. […] Ja, denn damals war ich zu allem bereit. Das Leben, das ich heute leben darf, verdanke ich eigentlich Oliver. Er hat mich davor bewahrt, das ich auch […]“ S. 236 -‐ 237) Oliver verbat es ihm jedoch mit der Begründung, dass sie nicht beide ihre Eltern verlassen könnten. Olivers Vater sucht die Schuld am Tod seines Sohnes
zunächst bei sich selbst. Er begründet dies mit der Tatsache, dass die Überlebenden sich den Verstorbenen gegenüber stets schuldig fühlen. Als Beispiel nennt er hier die Überlebenden der Konzentrationslager. („Heute weiß ich, dass jeder, der einen Menschen überlebt, der vor seiner Zeit gestorben ist, mit dieser merkwürdigen Schuld zu tun hat. Der Tod vor der Zeit macht uns schuldig. Macht mich schuldig …+.“( S. 80- 81) Richard Zurek verändert sich im Laufe der Handlung. Zu Beginn seiner Spurensuche sucht er die Schuld an Olivers Tod noch bei sich. Ich denke, dass es ihm am Ende des Romans nicht mehr darum geht, einen Schuldigen zu finden, was ohnehin unmöglich ist. Vielmehr geht es ihm um die Bestätigung, dass sein Sohn kein Selbstmörder und vor allem auch kein Mörder ist. Richard Zurek verliert auch sein blindes Vertrauen in den Staat, in dem er lebt, und beginnt, diesen zu kritisieren. („Es ist nicht allein die Presse. Sie lügen alle. Die Staatsanwaltschaft, die Polizei, die Gutachter, der ganze Staat. Es ist wie eine riesige Verschwörung. Wie eine Eiterbeule." S.183) Dies wird deutlich, als er seinen Eid, den er als Beamter geschworen hatte, widerruft. („Da der Staat aber seine eigenen Gesetze nicht wahrt, bin ich von meinem Amtseid entbunden." S.268)
Ich denke, dass man an den verschiedenen Meinungen über Olivers Tod, die selbst in dessen Familie bestehen, erkennt, wie schwer es ist, diese Frage zu beantworten. Hein übergibt sie bewusst dem Leser und zwingt diesen zu einer Beantwortung, wobei angemerkt werden muss, dass er durch seinen Roman bereits eine Antwort intendiert, die Oliver selbst ent-‐ und die Staatsmacht belastet. Quellenangabe:
• Königs Erläuterungen und Materialien: Interpretation zu Christoph Hein. In seiner frühen
Kindheit ein Garten von Rüdiger Bernhardt • www.wikipedia.de
• http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/inseinerfruehenkindheit-‐r.htm
Arbeit zitieren:
Marcus Zapp, 2011, Schuldfrage: In seiner frühen Kindheit ein Garten (Christoph Hein), München, GRIN Verlag GmbH
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