Gliederung
1. Einleitung 3
2. Zur Wahrheit in der Philosophie 4
3. Nietzsches Metaphysikkritik 8
4. Nietzsches Neubestimmung der Wahrheit 10
5. Auswirkungen auf die Praxis - Logik 14
6. Zusammenfassung 16
7. Literatur 18
2
1. Einleitung
Friedrich Nietzsches philosophisches Werk wurde Zeit seines Lebens, vor allem aber auch nach Ende seiner philosophischen Schaffenskraft, äußerst umfassend und vor allem sehr kontrovers diskutiert. Dabei hält sich die allgemeine Auffassung, dass sein Denken etwas Extremes darstellt. Bei der Beschäftigung mit den Aphorismen Nietzsches fällt auf, dass es sich dabei wahrlich um etwas Besonderes im Bereich der Philosophie handelt. Ausdrücke wie Antiphilosoph oder Antichrist tauchen des Öfteren bei der Beschäftigung mit der Literatur seiner Kritiker, Befürworter und Anhänger und auch in seinen eigenen Schriften auf. Die Meinungen und Kritiken zu seinen Ansichten, Theorien und Schriften sind weit gestreut und variieren in einem Paradigma von absolutem Unverständnis bis hin zu absoluter Zustimmung. Er stellte die Philosophie „auf den Kopf“ und konstruierte mit seinem Gesamtwerk etwas Einzigartiges, scheute sich dabei auch nicht, die frühen griechischen Philosophen wie Aristoteles zu kritisieren bzw. ihre grundlegenden Ansätze genauestens zu hinterfragen und Gegenpositionen aufzustellen. Ausgehend von Schopenhauer und Wagner, den entscheidenden Einflüssen seiner Anfangszeit, entwickelte er eine eigene Philosophie, die von der Loslösung von bis dahin fest gedachten Begriffen und Konzepten gezeichnet war. Für eine sinnvolle und vollständige kritische Betrachtung seiner Arbeiten ist eben aufgrund dieser Abkehr von den Dogmen und Lehrsätzen in den Anfängen der Philosophie ein ganzes Studium notwendig, wenn es denn überhaupt möglich sein sollte, Nietzsche so zu begreifen, wie er es selbst tat. Es soll hier daher ein Aspekt seines Denkens betrachtet werden, der Aufschluss darüber geben kann, wie es möglich war und ist, die Philosophie bis in die Grundpfeiler zu verändern bzw. etwas völlig Neues, bis dahin nicht Vorstellbares zu konstruieren und auch begründen zu können. Die Rede ist demnach von Nietzsches Auffassung der Wahrheit, seiner Abkehr von den einzelnen objektiven Wahrheiten und seiner Bestimmung eines neuen allgemeinen Wahrheitsbegriffes, der systematisch aus seiner Metaphysikkritik wächst und durchaus notwendig ist, um zum Beispiel das Konzept des semantischen Nihilismus sinnvoll nachvollziehen zu können. Nietzsche selbst sah diese Neubetrachtung des Konzeptes der Wahrheit als eine seiner Hauptaufgaben an. So spricht er im Vorwort zu „Menschliches, Allzumenschliches I“ von einem „tiefen Verdacht“ 1 ,
1 Nietzsche MA I, Vorr. 1
3
wahrscheinlich von dem Verdacht, dass es keine Wahrheit gibt, ja gar dem Verdacht, dass selbst die Möglichkeit der Wahrheit vakant ist.
2. Zur Wahrheit in der Philosophie
Es soll im Folgenden nicht um eine spezifizierte Auseinandersetzung mit dem Begriff der Wahrheit, seiner historischen Entwicklung oder wissenschaftstheoretische Wahrheitsfindungsprozesse gehen. Vielmehr soll die allgemein übliche Bedeutung in der Philosophie dargestellt und später mit der Auffassung Nietzsches verglichen werden.
Die Wahrheit spielt in der Philosophie eine herausragende, wenn nicht die entscheidende Rolle. Ganz gleich, ob es um den Sinn des Lebens, die Vernunft, Gerechtigkeit oder auch wissenschaftstheoretische Fragestellungen wie Kausalitätsfragen usw. geht: Der Begriff der Wahrheit ist dabei immer relativ klar abgesteckt und konstituiert sich aus einer Menge objektiver Wahrheiten, die eine Basis für ausgehende Überlegungen und Theorien bilden. So finden sich in philosophischen Wörterbüchern Definitionen, die einen Überblick über das Wesen der Wahrheit geben, wie sie in der Philosophie gedacht und diskutiert wird.
Eine übliche Formulierung der Wahrheit besteht darin, sie ganz salopp mit dem Begriff Richtigkeit gleich zu setzen. Demnach wird eine Aussage oder Theorie anhand bestimmter Kriterien oder Verifikationsmethoden auf diese „Eigenschaft“ hin überprüft 2 . Die Kriterien für eine solche Überprüfung sind umstritten, es existieren daher unterschiedliche Auffassungen, ab wann eine Theorie oder Aussage als wahr gilt. Im Allgemeinen geht es dabei aber immer um eine Übereinstimmung, das heißt es wird verglichen, ob ein bestimmter Sachverhalt einem Vergleichssachverhalt entspricht oder nicht. Die Richtigkeit der Aussage (und damit die Einordnung des Satzes zu den wahren oder unwahren Sätzen) „Es regnet draußen.“, hängt also damit zusammen bzw. ist abhängig davon, ob es draußen gerade regnet oder eben nicht. Dieses stark vereinfachte Beispiel zeigt neben dem System des Vergleichs auch die starke Abhängigkeit der so interpretierten Wahrheit von objektiven Gegebenheiten.
Nachfolgend möchte ich die in philosophischen Wörterbüchern oftmals abgebildeten Theorien zum Wesen und Begriff der (engeren) Wahrheit kurz eräutern 3 .
2 vgl. Wörterbuch der Philosophie. Hegenbart, R.1984
3 vgl. Philosophielexikon Hrsg. Hügli, A. und Lübcke, P. 1991
4
Allgemein liegt dem
„Begriff der Wahrheit die Vorstellung zugrunde, dass es für jedes Ding eine ideale Gestalt gebe und dass ein Ding um so
Die Korrespondenztheorie (von lat. co-, ‚mit’ und respondere, ‚antworten’) wird auch Übereinstimmungstheorie der Wahrheit genannt und sagt demnach aus, dass etwas wahr ist, wenn es mit dem übereinstimmt, was es aussagt. Dies geht auf Aristoteles zurück und wurde von Thomas von Aquin später folgendermaßen formuliert: Veritas est adaequatio rei et intellectus (Wahrheit ist die Übereinstimmung von Ding und Intellekt). Ein treffendes Beispiel für eine wahre Behauptung nach dieser Theorie wäre „Die kleinste Entfernung der Erde vom Mond beträgt 356.410 km“. Dieser Satz ist dann, und nur dann wahr, wenn es sich tatsächlich so verhält, dass nämlich die kleinste Entfernung von Mond und Erde 356.410 km beträgt.
Diese Theorie wurde allerdings heftig kritisiert und wird heute kaum noch ernsthaft vertreten. Gründe dafür sind nicht zuletzt, „dass
die Aussagestruktur von vollkommen anderer Art ist als die Strukturen und Relationen der Wirklichkeit, die Inhalt der Aussage sind“
und „dass
wie
.
Kritik wurde aus mehreren Gründen, unter anderem von Brentano, an der Korrespondenz-theorie geübt. Einleuchtend ist dabei vor allem der Punkt, dass eine Übereinstimmung ausschlaggebend ist. Wenn man aber eine Relation auf ihre Übereinstimmung von Aussage
4 Philosophielexikon Hrsg. Hügli, A. und Lübcke, P. 1991 S. 605
5 vgl. Philosophielexikon Hrsg. Hügli, A. und Lübcke, P. 1991 S. 605
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Arbeit zitieren:
Christian Hense, 2011, Zu Nietzsches Wahrheitsbegriff, München, GRIN Verlag GmbH
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