Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung Seite 3
2. Abänderungen
2.1 Einleitung Seite 4
2.2 Die Inszenierung Gschaids Seite 5
3. Dramatisierungen
3.1 Ärger zwischen der Schusterfamilie und anderen
Dorfbewohnern Seite 9
3.2 Eheprobleme und Trennung der Schusterfamilie Seite 12
3.3 Die Suche nach dem Bergkristall Seite 14
3.4 Das Ende/Die Rettung Seite 15
4. Fazit Seite 18
5. Literaturverzeichnis Seite 19
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1. Einleitung
Film zum Buch oder Buch zum Film? Diese Frage kann man sich oft stellen. Wenn man es nicht sicher weiß, ob Buch oder Film zuerst existierte, ist die Frage meist genau so schwierig zu beantworten wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Die Beurteilung der jeweiligen Werke hängt sicherlich auch davon ab, ob man das ganze durch die Brille eines Bücherwurms oder eines regelmäßigen Kinogängers und Hollywood-Fans sieht. Die Problematik einen Klassiker der Literaturgeschichte zu verfilmen liegt sicherlich darin, den Ausgangstext durch die eigene Interpretation nicht bis zur Unkenntlichkeit zu verändern und dennoch so auf die Leinwand zu bringen, dass alle Sinne angesprochen werden und das gesamte Projekt eine stimmige, spannende Umsetzung darstellt. Diese Arbeit soll hinterfragen, ob dieses Vorhaben Joseph Vilsmaier im Jahr 2004 geglückt ist, als er sich des Textes „Bergkristall“ (1845) von Adalbert Stifter annahm. Es wird zu untersuchen sein, ob sich der Regisseur strikt an den Originaltext gehalten, oder zahlreiche Veränderungen vorgenommen hat. Des Weiteren soll dargelegt werden, wie die Erzählorte und Personen beispielsweise durch Bild und Ton, deren Realisierung bei einem Text einzig der Fantasie des Lesers obliegt, umgesetzt wurden. Worauf legte der Regisseur den Fokus? Sind eher die sozialen Verhältnisse zwischen Gschaidern und Millsdorfern für einen Kinozuschauer interessant, oder doch die faszinierende Naturkulisse, die im Text von Stifter ausführlich beschrieben wird? Da eine komplette, chronologische Betrachtung zu umfangreich und zu redundant wäre, wird sich die Arbeit auf die Analyse ausgewählter Aspekte beschränken, die interessant sind und sich eindeutig von der Textvorlage unterscheiden.
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2. Abänderungen 2.1 Einleitung
Ganz zu Beginn des Filmes findet sich der Zuschauer in der Gegenwart wieder. Ein Helikopter, die Bergwacht und eine Familie, die im Auto unterwegs ist, deuten eindeutig auf das 20. oder 21. Jahrhundert hin. Vilsmaier konstruiert also eine Rahmenhandlung, die das eigentliche Geschehen umschließt. Die vierköpfige Familie besteht nicht durch Zufall aus Mutter, Vater, Tochter und Sohn und ist somit in der Grundkonstellation der Schusterfamilie aus Gschaid und Millsdorf gleich. Dieser Kunstgriff kann als Erschaffung einer Parallele zwischen den beiden Erzählzeiten (19. und 20./21. Jahrhundert) gewertet werden und sorgt für eine größere Identifikation mit den Charakteren der Haupthandlung. Dies wird dadurch bestätigt, dass sich die Familie bereits kurz nach ihrer Ankunft in Niedergschaid der Naturgewalt ausgesetzt sieht. Eine Lawine versperrt den Autotunnel, „keiner kann raus, keiner kann rein“. Durch die Tatsache, dass die moderne Infrastruktur durch die Naturgewalt unnutzbar gemacht wurde, sind die Bewohner des modernen Millsdorf und Gschaid ebenso durch die Wetterbedingungen an die Stadt gefesselt, wie die damaligen Bewohner, denen Autos und Autobahnen noch gar nicht zur Verfügung standen. Durch das im Dorf hörbare Donnern und Grollen der Lawine bricht eine Panik aus und die Menschen suchen Zuflucht; z.B. in der Kirche. Durch die für einen Moment vor Augen geführte Panik und ohnmächtige Lähmung gegenüber den Naturgewalten nimmt der Film dem Zuschauer die Illusion, dass sich im Laufe der Jahre durch den menschlichen Fortschritt etwas an der Macht der Natur geändert haben könnte.
Die Familie, welche ihren Onkel, den Pfarrer Ernst, besucht, richtet sich auf eine gezwungenermaßen stille und gemütliche Nacht ein. Durch einen Stromausfall wird die Benutzung von alten Öllampen und Kerzen notwendig, was auch eine gewisse Romantisierung in Richtung vergangener Zeiten darstellt. Der Bogen zur eigentlichen Handlung wird durch einen Bergkristall, „das Herz des Berges“, der in der Wohnung des Pfarrers steht, geschlagen. Dieser Kristall habe eine ganz
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besondere Geschichte und da man ohnehin an Ort und Stelle gebunden ist, willigt man ein, die Geschichte anzuhören. In typischer Erzählermanier liest Pfarrer Ernst das riesige Märchenbuch vom Küchentisch auf, in welchem der Ururgroßvater die Geschichte vom Bergkristall festgehalten hat. Der gegenwärtige Pfarrer fungiert also durch die Worte seines Ururgroßvaters als Erzähler der Geschichte.
„In Bergkristall erzählt ein Er-Erzähler, der über den Geschehnissen steht und so aus einer relativ auktorialen Erzählperspektive spricht, ohne dem Leser Einblicke in die Gedanken und Gefühlsregungen der Figuren zu gewähren. Der auktoriale Erzähler kommentiert an vielen Stellen der Erzählung“. 1
Dieser Ururgroßvater war auch Pfarrer; eine Randbemerkung, die auf große Tradition hinweist und auch hier die Verbundenheit zu früheren Zeiten ausdrückt - ganz wie es auch in Stifters Text heißt: „Daher bilden die Bewohner eine eigene Welt. […] Sie sind sehr stetig und es bleibt immer beim Alten.“ 2 Die
Rahmenhandlung ist ansprechend dargestellt, allerdings ist von Anfang an recht durchschaubar, was geschehen wird. Wenn man allerdings ein wenig von der Oberfläche Abstand nimmt und die gefühlte Verschmelzung von Gegenwart und Vergangenheit (Machtlosigkeit gegenüber der Natur, Faszination für Sagen und Legenden, Verwendung alter Öllampen) als gewollte Erschaffung zweier sich sehr ähnlicher Parallelwelten ansieht, kann man diese Maßnahme durchaus als gelungenen Griff beurteilen.
2.2 Die Inszenierung Gschaids
Neben der soeben erwähnten Rahmenhandlung gibt es auch in der Textfassung von Bergkristall selbst eine Rahmen- und Binnenhandlung.
„Der Erzähler legt in der Rahmenerzählung die natürlichen und sozialen Gegebenheiten der Hauptfiguren dar, deren Bedeutung für die Handlung sich erst durch die Binnenerzählung zeigt. In der Binnenerzählung besteht die Haupthandlung aus der Verirrung eines Geschwisterpaares im Schnee und deren Errettung.“ 3
Mit der in der Rahmenhandlung auftauchenden Landschaftsschilderung beschäftigt sich dieser Punkt.
Mit dem Satz „niemand weiß mehr genau, warum seit Jahrhunderten Feindschaft zwischen Gschaid und Millsdorf herrscht“, erfolgt die Überblendung von
1 Kocaman, Ali. Figurenkonstellation und soziale Verhältnisse in Stifters "Bunte Steine", S. 66, Z. 16-20
2 Stifter, Adalbert: Bergkristall. Reclam Universal-Bibliothek Nr. 3912, Ausgabe 2001, S. 7, Z. 3 & Z. 11
3 Kocaman, Ali. Figurenkonstellation und soziale Verhältnisse in Stifters "Bunte Steine", S. 66, Z. 22-25
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Gegenwart zu Vergangenheit. Hier lässt sich zum ersten Mal erahnen, dass der Konflikt zwischen den Dörfern im Film dramatisiert wurde, um die Geschichte spannender zu gestalten. Stifter beschreibt das Verhältnis der beiden Gemeinden eher als abgekühlt und distanziert, denn es dauert „oft fast ein Jahr, ehe ein Bewohner von Gschaid in das jenseitige Tal hinüberkömmt“ 4 , da „doch Sitten und Gewohnheiten in beiden Tälern so verschieden“ 5 sind. Feindschaft hört sich
nach ständigen Fehden und Streitigkeiten an, wobei eine gegenseitige Missachtung und Unabhängigkeit voneinander hier wohl eher eine passende Beschreibung wäre. Außerdem gibt es durchaus auch Gemeinsamkeiten, die nicht komplett übersehen werden dürfen: „Heimatverbundenheit und das Bewahren von Traditionen sind Merkmale, die in beiden Dörfern vorherrschen.“ 6
Mitten im ersten Satz des Erzählers folgt ein harter Schnitt und der Zuschauer verfolgt nun eine Ranfahrt der Kamera auf eine verschneite Bergspitze, die in Groß-, eigentlich schon gar in Detailaufnahme, zu sehen ist. Durch eine Überblendung wird eine weitere Nahaufnahme einer V-förmigen Bergspitze gezeigt, durch die man nach einem weiteren harten Schnitt in das Gschaider Tal hineingleitet. Dadurch wird die Abgeschiedenheit der Gschaider unterstrichen; das Tal ist von Bergen umgeben und es wird klar, dass die Bewohner „eine eigene Welt“ 7 bilden. Ein Panorama von Gschaid, eine weite Super-Totale ist zu
sehen. Während diese beeindruckend in Szene gesetzten Natureindrücke auf der Leinwand zu sehen sind, spricht der Erzähler, nun aus dem off, weiter. Der Text von Stifter wurde hier nicht genau übernommen, aber es gibt einige Ähnlichkeiten. Teilweise zeigen die Bilder genau das, was Stifter niederschrieb. Deshalb ist der Text des Erzählers im Film logischerweise deutlich verkürzt. „Unser Dorf Gschaid steht in den hohen Gebirgen und hat einen kleinen, spitzen Kirchturm, der mit seinem Dach in dem duftigen und blauen Dämmern der Berge weithin sichtbar ist“, beginnt der Film-Erzähler die Beschreibung Gschaids. Bei Stifter heißt es hingegen „In den hohen Gebirgen unseres Vaterlandes steht ein
4 Stifter, Adalbert. Bergkristall, S. 13, Z. 3 und Z. 27, 28
5 Stifter, Adalbert. Bergkristall, S. 13, Z. 3 und Z. 14, 15
6 Kocaman, Ali. Figurenkonstellation und soziale Verhältnisse in Stifters "Bunte Steine", S. 70, Z. 12-13
7 Stifter, Adalbert. Bergkristall, S. 7, Z. 3
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Arbeit zitieren:
B.A. Martin Reinhart, 2009, Josef Vilsmaiers filmische Umsetzung von Adalbert Stifters 'Bergkristall', München, GRIN Verlag GmbH
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