Ästhetische Reflexion einer Phase des Absolutismus
Inhalt
(1)
Schwierigkeit der Thema-Bestimmung - Dessen subjektive und objektive Dimension
Die objektiv-politische Thematik: Entstehung des Absolutismus - Dessen geschichtliche
Funktion : innerer Friede nach den religiösen Bürgerkriegswirren - der Herrscher als
deformierter Mensch - Macht vs. Recht - die Rolle des Untertan - Ambivalenz Marias
(2)
Staatsr äson vs. Herz - natürliche Rolle der Frau - Kritik positiver Religion - Täuschung,
Verstellung - Öffentlichkeit - Reminiszenzen barocker Anthropologie - Aufklärerische
Theoreme - Probleme der absolutistischen Doktrin
(3)
Muster scheiternder Kommunikation - asymmetrische Sprechsituation - Könige als Menschen
- bürgerliches Trauerspiel - Erschütterung der Position des Souveräns - Schickung und Schuld
- katholisches Wesen - Herzlosigkeit - Rolle als Königin und Rolle als Schwester - barocke
Ethik als Ideologie - Freiheit
(4)
Rodeo der Nebenfiguren - der Wandel Mortimers - Wahrheit des Fanatismus - Tragik der
Maria : Retter und Bedroher - Maria Helena Stuart - Mortimer als Posa-Travestie - Leicester
und das Scheitern menschlicher Pläne - Burleigh als machiavellistischer Berater - Shrewsbury
als aufgeklärter Adliger - Konsensus-Theorie von Wahrheit - Elisabeth als melancholische
Herrscherin - Klassische Transponierung des Einzelnen ins Allgemeine - Davison und die
Problematik des Handelns
(5)
Barocke und tragische Weltsicht - Opposition Himmel vs. Erde - Problematik der
Himmelfahrt. Bedeutung des Todes - Vergötterung als Humanisierung - Motivik des
bornierten Glaubens - Ästhetisierung des Religiösen - Kritik bornierter Religiosität - Maria als
negative Heldin - Zerstörung der Subjekte - Elisabeth als letzte auf der Bühne
(6)
Maria Stuart: eine Phase der Menschheitsgeschichte, poetisiert im historischen Drama -
zentrale Punkte - Abstrakte, d.i. falsche Entsagung der Maria - Lektüre contra legem
(7)
Maria Stuart im Horizont der Gattungsgeschichte - Wielands Lady Johanna Gray - Stoff aus
der englischen Geschichte - Aufklärerisches - Empfindsamkeit - barocke Traditionen - Tod
als erlösende Erfüllung - Welt als Grab - Platonisches - Schwierigkeiten der Ideologiekritik
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Maria Stuart
Schon die Zeitgenossen hatten große Schwierigkeiten, so etwas wie ein Thema zu sehen. Von Goethe soll die Bemerkung sein: Mich soll nur wundern, was das Publikum sagen wird, wenn die beiden Huren zusammenkommen und sich ihre Aventuren vorwerfen. 1 Was immer Goethe gesagt hat, die Äußerung ist symptomatisch für die Ratlosigkeit über das, was in dem Stück gestaltet ist. Dabei hätte eine genaue Lektüre bes. des Anfangs werterhelfen können. Schreibt doch Schiller eben an Goethe, daß man die Catastrophe gleich in den ersten Szenen sieht (18.06.99). Damit ist nicht nur der Untergang der Titelheldin gemeint, vielmehr all das, was ihn im Sinne der Tragödie notwendig macht. Man sieht in den ersten Szenen das Thema des Dramas.
Dieses Thema ist mehrfach dimensioniert; in formalbegrifflicher Erfassung hat es eine subjektive und eine objektive Seite. Die subjektive Dimension ist die individuelle der Personen, was man poetologisch deren Charakter nennt; die objektive ist das, freilich an die Personen geknüpfte, doch über sie hinausgehende, Gesellschaftliche, Staatlich Politische. Beide Ebenen sind in ihrer Antithetik und Verschränkung anhand des Textes zu explizieren.
(1)
Caroline Schlegel schreibt am 7. Mai 1801 an ihren Gatten August Wilhelm: Das Politische darin [in der Maria Stuart] hat auch die Deutlichkeit einer Deduktion nicht los werden können. 2 Freilich läßt sie uns mit einer näheren Bestimmung dieses Politischen allein, sie geht darauf nicht weiter ein. Zu fragen bleibt also, was in dem Stück das deutlich deduzierte Politische sein könnte.
Dem germanistisch geschulten Ohr entgeht nicht bei der Lektüre das Rekurrente, wiederholt Auftauchende; es weist in der Form des Leitmotivs auf Zentrales hin: Paulet wirft gleich zu Beginn im Gespräch mit der Gesellschafterin Marias dieser vor, die Fackel
Des Bürgerkrieges in das Reich zu schleudern (V. 65)
Bürgerkrieg erscheint wörtlich mindestens noch zweimal (V. 822, 841), auch wieder in Form des Vorwurfs gegen Maria, jetzt von Burleigh: Da Ihr ... durch die Flammen
Des Bürgerkriegs zum Throne steigen wolltet. (V. 840 f.)
Nicht wörtlich, aber nur substituiert durch Zwietracht (in V. 834), wird dieses Motiv noch einmal verstärkt. Mit Bürgerkrieg ist ein ganz zentrales Moment der Thematik des Stückes getroffen. Poetisiert ist vom Dichter eine bestimmte Epoche der Geschichte der Menschheit, am Ende des Absolutismus dessen Anfang. Gezeigt wird, wie der eine absolut regierende Monarch, im Stück Elisabeth, aus einem Konkurrenzkampf entsteht, sich aus der Situation des religiösen Bürgerkriegs: nicht umsonst ist Maria katholisch und Elisabeth anglikanisch reformiert, als Garant der inneren Ordnung entwickelt. Und, um das vorweg zu nehmen: gezeigt wird, welch eine erbärmliche Figur dieser Monarch ist, der am Ende, reduziert auf die Ordnungsfunktion, völlig vereinsamt dasteht: Der Lord läßt sich
Entschuldigen, er ist zu Schiff nach Frankreich. (V. 4032 f.)
Dies erhält Elisabeth zur Antwort, als sie menschlichen Trost suchend nach dem Geliebten fragt. Der pointierte Schluß des Stückes hat die Zeitkritik des klassischen Poeten in sich: er
1 Äußerung Goethes, von Wilhelm Grimm berichtet, hier zitiert nach NA 9, S. 371
2 Zit. nach NA 9, S. 380.
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Ästhetische Reflexion einer Phase des Absolutismus
weist auf die inhumane Rolle hin, die die absoluten Fürsten zu spielen gezwungen sind. Mit der Moral, die sie in der Politik nicht gebrauchen können, haben sie auch die Menschlichkeit aus sich vertrieben. In der Figur der Elisabeth hat Schiller, u. U. gegen seine bewußte Absicht und ohne sein Wissen, die Situation der Herrschenden erfaßt. Das bleibt aber noch zu erläutern. In der neueren Forschung hat der Historiker Koselleck, auf die Genese des absolutistischen Staates aus der Situation des religiösen Bürgerkrieges 3 hingewiesen. Der Anfang ... des klassischen Absolutismus ... war der religiöse Bürgerkrieg. In mühseligen Kämpfen hatte sich der moderne Staat aus den Religionswirren erhoben. 4 Schiller hat dieses Moment des religiösen Gegensatzes als Grund des Konflikts zwischen Elisabeth und Maria nicht in extenso thematisiert, aber nachdrücklich genannt, daneben andere Momente angespielt: Besonders Maria versteht sich als eine freie Königin des Auslands (V. 727), es ist ihr wichtig, im Hinblick auf die Rechtmäßigkeit der Verurteilung, nicht dieses Reiches Bürgerin zu sein (V. 726). So wird der Vorwurf des Eroberungskrieges motiviert, den Paulet vorbringt: Maria hoffe, diese ganze Insel / Aus ihrem Kerker zu erobern (V. 114 f.). Bürgerkrieg und Eroberungskrieg gehören für den Poeten, der das Ganze verbalisiert, zusammen. Sie sind für ihn Mittel, zentrale geschichtliche Strukturen darzustellen. Deren Formulierung überträgt er Maria: Denn nicht vom Rechte, von Gewalt allein Ist zwischen mir und Engelland die Rede. (V. 957 F.)
Recht als positiv geltende Satzung wird erst durch den Sieg des dann absolut regierenden Monarchen ermöglicht. Solange um die bestimmende Funktion gerungen wird, gilt nur Gewalt, Faustrecht, bellum omnium contra omnes; es ist die Situation des Naturzustandes, bzw. genauer: des sich bildenden Absolutismus. Maria sieht die geltenden Handlungsmaximen deutlich: Ich bin die Schwache, sie die Mächtge Wohl! Sie brauche die Gewalt, sie töte mich, Sie bringe ihrer Sicherheit das Opfer. Doch sie gestehe dann, daß sie die Macht Allein, nicht die Gerechtigkeit geübt. Nicht vom Gesetze borge sie das Schwert, Sich der verhaßten Feindin zu entladen Und kleide nicht in heiliges Gewand Der rohen Stärke blutiges Erkühnen. Solch Gaukelspiel betrüge nicht die Welt! Ermorden lassen kann sie mich, nicht richten! (V. 961 ff.)
Gewalt, Macht, rohe Stärke beschreiben eine Geschichte, die anders verläuft als die von ihr betroffenen Subjekte es wünschen können. Dagegen wird von Maria die Utopie eines anderen Zustandes gesetzt: Ja ich gesteht daß ich die Hoffnung nährte, Zwei edle Nationen unterm Schatten Des Ölbaums frei und fröhlich zu vereinen [...] Der alten Zwietracht unglückselge Glut
3 R. Koselleck, Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, zuerst Freiburg 1959; dann: Frankfurt 1976; hier S. V.
4 Ebd. S. 11. Im Stück selbst wird genügend genau auf diese Thematik hingewiesen: Nicht alle deine Briten denken gleich,/Noch viele heimliche Verehrer zählt / Der römische Götzendienst auf dieser Insel. / Die alle nähren feindliche Gedanken (V. 1261ff.). Königsmord (V. 1273) werde in diesen Zirkeln gelehrt. Dagegen steht die Aufgabe der absoluten Elisabeth: das Glück / Des Friedens diesem Reiche zu verlängern (V.1 307f.).
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Maria Stuart
Hofft ich auf ewge Tage zu ersticken,[...]
die Kronen
Schottland und England friedlich zu vermählen. (V. 829 ff.)
Eine zentrale tragische Struktur des Stückes liegt darin, daß Maria mit diesem Programm nicht zum Zuge kommt. Was richtig wäre, realisiert sich nicht. Das ist eine Erfahrung des klassischen Poeten, dessen Leben auch durch die Revolution bzw. napoleonischen Kriege tangiert wird. Im letzten Auftritt des Stückes und hier rundet sich diese Thematik stellt Shrewsbury das Ergebnis fest: Die Gegnerin ist tot. Du hast von nun an
Nichts mehr zu fürchten, brauchst nichts mehr zu achten. (V. 4030 f.) Damit ist die Position des absoluten Fürsten umschrieben. Schiller hat dabei die Betonung auf das gelegt, was man die Anthropologie des Herrschers nennen könnte. Es geht ihm um dessen Person, den König als Menschen. Das zeigt im Ganzen der Gang der Handlung: daß Elisabeth vereinsamt zurückbleibt: Sie bezwingt sich und steht mit ruhiger Fassung da. 5 Gezeigt wird, wie menschliche Bedürfnisse in der politischen Maschine deformiert werden. Ich darf ja
Mein Herz nicht fragen. Ach! Das hätte anders Gewählt. Und wie beneid ich andre Weiber, Die das erhöhen dürfen, was sie lieben, So glücklich bin i c h nicht, daß ich dem Manne, Der mir vor allen teuer ist, die Krone Aufsetzen kann! Der Stuart wards vergönnt, Die Hand nach ihrer Neigung zu verschenken, .. (V. 1968 ff.)
Gegenübergestellt, und diese Opposition ist ein tragisches Moment in Elisabeth, werden Coeur und (Staats-) raison. Besonders der zweite Aufzug, der die von Burleigh geplante Vermählung Elisabeths mit Monsieur (dem Bruder des französischen Königs) in ihrer Problematik entfaltet, gibt dazu Gelegenheit. Elisabeth scheint sich ganz für die Pflicht entschieden zu haben, genauer: sie muß es, wenn der Poet seine Absicht: sie in der Rolle des absoluten Herrschers zu zeigen, darstellen will. Notwendig, und das ist im Sinn der Alten ein Moment von Nemesis (Schicksal), ist diese Verbindung von Herrschaft und menschlicher Entfremdung. Leicester versucht, diese von Schiller als notwendig gewußte und poetisierte Korrelation zu leugnen, indem er sie personalisiert, die Schuld allein dem Burleigh in die Schuhe schiebt: Der denkt allem auf deinen Staatsvorteil Auch deine Weiblichkeit hat ihre Rechte, Der zarte Punkt gehört vor D e i n Gericht Nicht vor des Staatsmanns ... (V 20i5 f.)
Das Stück zeigt gegen diese Meinung des Lords, daß das Recht der Weiblichkeit dann nicht in Anspruch genommen werden kann, wenn die öffentliche Funktion den Menschen einseitig deformiert hat. Ein zentrales Thema der Klassiker: die nicht mögliche allseitige Realisierung der menschlichen Möglichkeiten, Bedürfnisse ist hier mitartikuliert. Gezeigt wird, pur konstatierend, was man begrifflich Entfremdung nennen könnte, eine Entfremdung von einem emphatisch gedachten, aber nicht voll positiv ausgedrückten Menschentum. Elisabeth sieht das als Betroffene deutlicher als Leicester, dessen Forderung der Harmonie von Pflicht und Neigung nur tröstende, psychotherapeutische,
5 Letzte Regieanweisung Schillers am Schluß des Stückes; bei Schiller kursiv.
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nicht aber realgeschichtliche Funktion hat:
Leicht wurd es ihr [Maria] zu leben, nimmer lud sie Das Joch sich auf, dem i c h mich unterwarf. Hätt ich doch auch Ansprüche machen können Des Lebens mich, der Erde Lust zu freun, Doch ich zog strenge Königspflichten vor. (V. 1980 ff.)
So gilt nicht nur für den Umgang mit den Untertanen, sondern auch mit sich selbst: Der Herrscher Muß hart sein können, ... (V. 3160 f.)
Die Resignation der Elisabeth im vierten Aufzug wird so verständlich: Ich bin des Lebens und des Herrschens müd. (V. 3145)
Objektiv gesehen ist diese subjektive Verzweiflung Ausdruck der gesellschaftlich bestimmten Verfassung des Herrschenden Er ist zur Härte, Brutalität gezwungen, um die Ordnung garantieren zu können; diese Härte kann er (wohl in der Wirklichkeit, nicht im Drama, dem es um Richtigkeit geht) nicht durchhalten.
Die absolutistische Allmacht ist mit Entmenschlichung erkauft, das ist ein Beweisinteresse, das der Marbacher in diesem Stück hat. Das zu zeigen, bestimmt ihn zu dem Stoff aus der englischen Geschichte. Nun ist es freilich ein bekanntes Mißverständnis, von poetischen Texten zu meinen, diese formulierten, etwa gar defizient, was man begrifflich besser sagen könne. Was der Poet geben will, ist das ganze geschichtliche Leben in seiner Aspektvielfalt und letztendlich, beim vorhandenen Stand der Entwicklung von Praxis, Vieldeutigkeit. Die Anthropologie des Herrschers als deformiertem Menschen ist die eine Seite des Themas. Es ist die Wahrheit dessen, was Elisabeth zunächst in ihrem Selbstverständnis von sich hält: gerechte Herrscherin sein zu können. Das ist der falsche Schein, den sie selbst am Ende des Stückes durchschaut hat. Das ist ihre Entwicklung, die Desillusionierung der Meinung über sich selbst. Was sie glaubte sein zu können, ist sie wirklich nicht. Insofern jedoch als dem Herrscher, in Theorie und Praxis des Absolutismus, der Untertan korreliert ist, ist dies nur die eine Seite des Problems. Die andere zeigt sich, wenn Maria für sich gesehen wird, in ihrem Selbstverständnis. Sie ist die Gefangene, als Usurpatorin Verurteilte, die auf die Hinrichtung wartet. Sie erhebt einen Rechtsanspruch (V. 592), fühlt sich nicht gerecht behandelt. Sie steht somit für den von der unmoralischen Macht Unterdrückten, der für sich Gerechtigkeit reklamiert. Das versichert ihr auch die treue Amme: Was Ihr auch zu bereuen habt, in England Seid Ihr nicht schuldig ... Macht ists, die Euch hier unterdrückt (V. 373 ff.) Das hatte sie schon dem Gefängniswärter gegenüber betont: In England ist kein Richter über sie (V. 61)
Maria greift auf, daß sie nicht verurteilt werden kann, allerdings in einer den Sachverhalt sehr komplizierenden Weise: Verordnet ist im englischen Gesetz, Daß jeder Angeklagte durch Geschworene Von seines Gleichen soll gerichtet werden. Wer in der Committee ist meines Gleichen? Nur Könige sind meine Peers. (V. 702 ff )
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Maria Stuart
Worauf sie sich hier kapriziert, ist ihre Rolle als Herrscherin: damit weicht sie von ihrem Selbstverständnis als (purer) Mensch ab und bestätigt die Einschätzung durch Elisabeth, daß sie aktuelle Konkurrentin um die Macht ist.
Mit dieser Argumentation begeht sie einen Fehler: sie fordert etwas für sich, was es nicht geben kann, konkret: Könige als Richter, geschichtlich: pardon in einem Kampf um die Herrschaft, der von seinem Prinzip her keine Gnade kennen kann. Gerechtigkeit ist, wenn sie selbst Anspruch auf Macht erhebt, nicht möglich. Maria bezieht sich hier auf anscheinend schriftlich fixierte Rechte, auf Tradition, die es noch nicht geben kann, weil sie allererst vom starken, friedenbringenden Herrscher gestiftet wird. Maria fordert hier Behandlung als öffentliche Person, als Funktionsträger, in ihrer Rolle als Königin. Das ist ihre eine Hamartia: denn auf diesem Felde gilt nur die blanke Macht. Das demonstriert die Handlung des Stückes ad oculos. Sie müßte sich aber als Privatperson aufführen, so tun, als habe sie mit Herrschaft nichts im Sinn. Die Möglichkeit hierzu bestände, sie ist vom Poeten klug in der Vorgeschichte angelegt: deren Rekapitulation zeigt die persönliche Schuld der Maria, daß sie den Mord am Gatten unterstützte, jedenfalls nicht verhinderte, daß sie den Mörder heiratete. Die Tröstungen der Amme prallen hier ab: Die Jugend mildert Eure Schuld. Ihr wart So zarten Alters noch.
MARIA
So zart, und lud
Die schwere Schuld auf mein so junges Leben. (V. 294 ff.)
Um diese private Schuld der Maria geht es aber durchaus nicht bei ihrer Verurteilung. Vorwurf ist, daß sie Elisabeth stürzen will: Erregte sie aus diesen Mauern nicht Den Böswicht Parry und den Babington Zu der verfluchten Tat des Königsmords? (V. 69 ff.)
Daß sie einen Macht- und Herrschaftsanspruch anmeldet, ist das, was ihren Untergang hervorruft. Sie tritt als öffentliche Person auf, und hier gilt für Elisabeth Gewalt nur ist die einzge Sicherheit, Kein Bündnis ist mit dem Gezücht der Schlangen. (V. 2361 f.)
Sie kann auf die vermeintliche Herausforderung nur so reagieren. Die Schwierigkeiten des Verständnisses dieses Stückes entstehen einmal daraus, daß diese Thematik nicht erfaßt wird: daß es um gesellschaftliche, hier für den Absolutismus in seiner Genese typische Probleme geht. Dieser Sinn muß mühsam aus der klassischen Stilisierung herausfiltriert werden. Wenn diese Thematik einmal erkannt ist, bleiben die Probleme insofern, als die Handelnden in ihrer doppelten Erscheinung erfaßt werden müssen: sie fungieren auf der Bühne als Menschen mit menschlichen Bedürfnissen (wie Liebe), als Privatpersonen; dann aber als Funktionsträger in einer öffentlichen, politischen Rolle. Das Stück wäre nicht von Schiller, wenn es nicht diese Verbindung zeigte: von privaten, häuslichen, dem bürgerlichen Drama verpflichteten Motiven mit staatlichen, politischen der alten heroischen Tragödie verbundenen Momenten. Besonders in der Figur der Maria sind beide ineinander verknüpft. Maria weiß selbst nicht, was eigentlich sie ist oder klugerweise sein sollte: private oder öffentliche Person. Für Elisabeth ist das entschieden (zunächst); sie ist Funktionsträger. Das ist poetisch sehr klug gelöst, entspricht doch der objektiven Schwäche der katholischen Schottin ihre psychische Ungewißheit, das unsichere Schwanken.
Nun geht es dem Weimarer Klassiker freilich nicht allein um diese Poetisierung eines geschichtlichen Stadiums anhand zweier Huren. Der Untertitel lautet: ein Trauerspiel. Es
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Prof. Dr. Erwin Leibfried, 1985, "Maria Stuart" - ein Trauerspiel: Ästhetische Reflexion einer Phase des Absolutismus, München, GRIN Verlag GmbH
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