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1 Einleitung
Nach zwei Jahrzehnten Militärdiktatur erlebte Brasilien von 1980 an eine demokratische Regierung. Nach dem Umbruch hatte man es dann eilig, politische Veränderungen im Staat und ein politisches Spektrum zugunsten der Dezentralisierung und der Stärkung der lokalen Regierungen zu fördern, um die Demokratie zu stärken und die Entwicklung zu unterstützen. Dies hatte, unter anderen Veränderungen, eine Erweiterung der finanziellen, administrativen und politischen Autonomie der brasilianischen Gemeinden zur Folge. Sie wurden 1988 als Einrichtung des Bundes in die Verfassung aufgenommen. Darüber hinaus wurde die Dezentralisierung von Politik und Verwaltung durch die Gründung neuer Gemeinden vorangetrieben. Derzeit gibt es 5564 Gemeinden in Brasilien, von denen, besonders im Bundesstaat Rio Grande do Sul (RS) welcher der südlichste Bundesstaat Brasiliens ist (s. Grafik), viele in den letzten Jahrzenten gegründet wurden. Dort entstanden 1981/1982 12 neue Gemeinden, 89 in 1988/1989, dazu kamen noch 94 im Jahr 1992 und noch 70 in 1995/1996. Insgesamt existieren dort zurzeit 496 Munizipien, allerdings existieren noch 113 Dörfer (Distritos), die für ihre politische Unabhängigkeit plädieren.
Grafik 01: Anzahl der in Rio Grande do Sul gegründeten Gemeinde je nach Gründungsjahr.
Die zahlenmäßige Zunahme der Gemeinden wird normalerweise sowohl als ein Hindernis der Entwicklung, als auch als ein diese Entwicklung fördernder Faktor betrachtet (Klering 2004, Bremaeker 1993, Gomes e Dowell 2000). Solche divergierenden Meinungen werden von den sich widersprechenden Realitäten unterstützt, denn viele der neu gegründeten Gemeinden haben nach der Redemokratisierung eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen,
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andere hingegen nicht (Klering 1997, PNUD 2003). Darüber hinaus mag die Konzeption, - oder das Mangeln einer Definition - von Entwicklung selbst ein Faktor sein, der zu solchem Antagonismus beiträgt. Die Entwicklungskonzeption in diesem Text entspricht der des indischen Ökonomen Amartya Sen (2007), Für ihn besteht Entwicklung aus dem Abbau von Freiheitshindernissen, welche die individuellen Handlungs- und Wahlmöglichkeiten einschränken. Was zur Erweiterung der menschlichen Verwirklichungschancen (capabilities) führen soll.
Unter den unterschiedlichen Theorien, die versuchen, die Dynamik der verschiedenen Gebiete und die Leistungen der öffentlichen Institutionen zu verstehen, hat die des sozialen Kapitals in den letzten Jahren eine immer größere Bedeutung erlangt. Der US-Politologe Robert Putnam erlangte Berühmtheit, indem er die unterschiedlichen Leistungen der administrativen Regionen Italiens mit der unterschiedlichen Verfügbarkeit von Sozialkapital erklärte Putnam (1993a, 1993b). Dem Autor zufolge können Regierungen ihre Projekte dort erfolgreicher durchführen und die soziale Entwicklung voranbringen, wo diese Ressource in ausreichendem Maße vorhanden ist. Wo dieses Kapital indes knapp ist, würden die Regierungen auf größere Schwierigkeiten stoßen und der wirtschaftliche und soziale Fortschritt wäre geringer. In Anbetracht dessen, dass sowohl das Gründen neuer Gemeinde, als auch das Vorhandensein von Sozialkapital anscheinend mit der Entwicklung von Gemeinden und Regionen in engem Zusammenhang stehen, interessieren uns die möglichen gegenseitigen Implikationen beider Faktoren, nämlich das Gründen neuer Gemeinden, der Level an Sozialkapital und Entwicklung. In welche Richtungen ergeben sich die Kausalbeziehungen? Wäre die Bewegung hin zur Entstehung einer neuen Gemeinde das Resultat der Entwicklung oder deren Mangel? Könnten solche Bewegungen ein Ergebnis vom vorhandenen Sozialkapital sein? Umgekehrt, könnte eine solche Bewegung das Ausmaß an Sozialkapital beeinflussen? Unter den vielen möglichen Fragen, ist die nach der Möglichkeit, dass der Entstehungsprozess neuer Gemeinde Veränderungen am Sozialkapital der an diesem Verfahren direkt beteiligten Dörfer hervorbringen kann die zentrale Forschungsfrage in diesem Artikel. Die empirische Feststellung einer solchen Modifizierung, würde eine vorher/nachher (der
Emanzipierung) Studie in dem gleichen Dorf erfordern. Da wir solche Daten nicht zur Verfügung hatten, war es ausgeschlossen derartige Vergleiche zu unternehmen. Möglich, war hingegen eine direkte Untersuchung in einem (oder mehreren) Dorf, welches den Gemeindegründungsprozess vor kurzem erlebt hatte mit einem Dorf in dem dieses Verfahre gerade in Gang ist. Der Vergleich beider Situationen würde uns wahrscheinlich zu zufriedenstellenden Ergebnissen führen. Um genauer zu sein, müsste man die Wahrnehmungen
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derer, die diesen Prozess am nahestehen erleben/erlebten erfassen. So hätte man gleichzeitig das Vorher bzw. die Erwartungen, sowie das „Während“ bzw. den Prozess selbst und die Ergebnisse dieser Bewegung.
Deshalb entschieden wir uns für die Realisierung semistrukturierter Interviews, die im Rahmen meiner Masterarbeit im Jahr 2005 durchgeführt wurden, mit den Mitgliedern der jeweiligen Comissões Emancipacionistas (emanzipatorischen Kommissionen) von Alto Paredão und Herveiras (s. Karte im Anhang). Alto Paredão ist ein Distrito (ein ländlicher Bezirk), der Teil der Gemeinde Santa Cruz do Sul - RS ist und seit 2002 seine politische Unabhängigkeit (Emanzipation) von dieser Gemeinde anstrebt. Aufgrund gesetzlicher Veränderungen konnte dies bisher nicht zum Schluss erreicht werden. Herveiras ist seit 1995 eine selbständige Gemeinde. So zielt man in diesem Text darauf ab zu analysieren und zu vergleichen inwiefern, wenn überhaupt, gemäß der Wahrnehmung der Führer im jeweiligen Fall, das Gründen einer neuen Gemeinde das Ausmaß an Sozialkapital der „Gemeinde“ beeinflussen mag.
2 Das soziale kapital: Entstehung und Entwicklung
Zur Erklärung der verschiedenen Leistungen der Regierungen und der sozioökonomischen Unterschiede in den italienischen Regionen sprach Putnam (1993a, 1993b) den Merkmalen der jeweiligen gesellschaftlichen Organisation eine entscheidende Bedeutung zu. Zu diesem Zweck stützt sich der Autor auf einen von ihm geschaffenen Indikator namens Bürgersinn, der mit dem Begriff Sozialkapital verbunden ist. Für ihn ist Sozialkapital eine immaterielle Ressource, gekennzeichnet durch die „ features of social organization, such as trust, norms, and networks, that can improve the efficiency of society by facilitating coordinated actions” (Putnam, 1993b s.167). In Putnam (2000, s.19) stellt der Autor fest: “Social capital is closely related to what some have called 'civic virtue'”.
Eine bürgerliche Gemeinschaft wäre demnach durch aktive Bürger charakterisiert, mit wachem Interesse am öffentlichen Leben, durch ein reiches und dichtes Vereinsleben und durch eine gesellschaftliche Struktur geprägt, die auf Vertrauen und Zusammenarbeit basiert. Das Gegenteil von bürgerlicher Gemeinschaft wäre der „unmoralische Familismus“. Diese Definition ist Banfield (1958) entnommen, wonach Individuen die Absicht haben, materielle und sofortige Vorteile für ihre Kernfamilie zu maximieren, wobei ein fast hobbesianisches Szenarium mit eingeschränkten Möglichkeiten für kooperative und kollektive Aktionen vorherrschen würde. Auf diese Weise wären sowohl die institutionellen, als auch die wirtschaftlichen und politischen Leistungen eng mit dem bürgerschaftlichen Engagement der Bevölkerung der jeweiligen Region
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verbunden. Je engagierter die Bevölkerung einer Region, desto mehr Sozialkapital würde produziert und desto besser wäre ihre Regierung und ihre sozioökonomische Dynamik. Dieser Ansatz fand in der Wissenschaft und in der politischen Sphäre in weiten Teilen der Welt enorme Resonanz, denn er schien der „vergessene(r) Schlüssel“ (Kliksberg 2002, Grootaert 1998) sowohl für die Probleme bezüglich der Demokratie wie auch für Entwicklung und Armut zu sein.
Nach der anfänglichen Euphorie machten sich die Kritiker bemerkbar, die insbesondere die Prämisse und die Schlussfolgerungen von Putnam in Frage stellten. Eine der wichtigsten Kritiken, an Putnams Konzept, bezieht sich auf seine Betonung der Rolle der Kultur für das Entstehen und die Entwicklung von Sozialkapital was als kulturalistischer Determinismus bezeichnet wird (Hermet 2002, Durston 2005). Putnam zufolge “where institution building (and not mere constitution writing) is concerned, time is measured in decades (Putnam, 1993, s. 184). Allerdings, “the history probably moves even more slowly when erecting norms of reciprocity and networks of civic engagement” (Putnam, 1993, s. 184). Nach (Hermet 2002) nimmt Putnam an, dass dem “guten” sozialen Kapital eine westeuropäische und nordamerikanische einvernehmliche Kultur des bürgerschaftlichen Engagements entspricht. Aus dieser Kultur ergäbe sich keine Erlösung, keine wirksame Teilhabe am politischen Leben und Entwicklung sondern lediglich Hindernisse.
Da die Werte und Traditionen sich nicht rasch verändern ließen, würde das in zahlreichen Territorien, wo das für Putnam unentbehrliche civic virtue keine Tradition ist, große Schwierigkeiten bei der Erzeugung und Inkrementieren von Sozialkapital implizieren. Dies wiederum würde eine große Hürde für Entwicklung darstellen. Daher gäben Gesellschaften, in denen ein positiver Kreislauf der Präsenz von Sozialkapital, demokratische politische Praktiken und sozioökonomische Entwicklung herrsche. Dabei wäre das Szenarium in anderen Gesellschaften gerade umgekehrt d.h.: ein Teufelskreis aus Mangel an Sozialkapital, geringer sozioökonomischer Entwicklung sowie korrupten, autoritären und klientelistischen politischen Praktiken. Gleichwohl, trotz seines betonten Kulturalismus, negiert Putnam nicht die Möglichkeit, dass sich das Sozialkapital im Laufe der Zeitverändern kann/lässt. Denn er meint, dass “social capital, unlike other forms of capital, must often be produced as a by-product of other social activities”, (Putnam 1993, s. 170). Und er beschreibt auch wie das geschehen soll: We should expect the creation and destruction of social capital to be marked by virtuous and vicious circles, (Putnam 1993, s. 170)”.
In Lateinamerika ist der chilenische Anthropologe John Durston einer derer, die sich am meisten mit dem Thema Sozialkapital beschäftigt und auch einer der wichtigsten Kritiker dieses
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kulturalistischen Ansatz von Putnam und seinen Nachfolgern. Für ihn sind soziale Systeme komplexe Systeme, die mit Feedback-Mechanismen funktionieren, nicht zu Gleichgewicht neigen und die Kausalität deren Ereignisse nicht einseitig sind. Jedes soziale System bestehe aus folgenden drei „Ebenen“: die abstrakte, die des Verhaltens (relationale Ebene) und die materielle. In mehreren seiner Texte veranschaulicht er dies folgendermaßen:
Abbildung 1: Die nach John Durston drei Ebene der sozialen Systeme.
Eine Veränderung der Normen, an der Beziehungen oder der materiellen Ebene, könnte eine Veränderung mit unvorhersehbaren Entwicklungen im ganzen System auslösen. Deshalb wäre die abstrakte Kultur nicht irgendetwas Starres aber eine Akkumulation von alternativen Repertoires, die sogar widersprüchlich und in ständige Veränderung sein könnten. Das Gleiche könnte dem Sozialkapital geschehen. Dieses Kapital fände sich auf der Ebene der Praxis, nicht auf der Ebene Abstraktion wie Putnam behauptet. Auf dieser befände sich das kulturelle und das Humankapital. So würde die Anwesenheit oder die Abwesenheit von Vertrauen (was die Basis sozialen Kapitals sei) nicht von einer starren Programmierung, die von einer angestammten Kultur stamme, ableiten, sondern von den Wiederholungen der sozialen Interaktionen. Derartige Interaktionen allerdings seien von den anderen Ebenen beeinflusst, was sich auf das Entstehen von Sozialkapital auswirke. Für ihn ist Sozialkapital: “el contenido de ciertas relaciones y estructuras sociales, las actitudes de confianza que se dan en combinación con conductas de reciprocidad y cooperación” 1 (Durston, 2002, s. 15).
Dem Autor zufolge, “el análisis de los tres planos debe concentrarse en la interacción entre las condiciones objetivas (planos material y conductual) y la diversidad de discursos (plano abstracto) 2 (Durston, 2003, s. 155). Das heißt, die Aufmerksamkeit sollte auf die
1 Der Inhalt bestimmter Beziehungen und sozialer Strukturen, vertrauliche Haltungen/ vertrauensvolle Einstellungen, die mit Reziprozität und kooperativem Verhalten einhergehen.
2 … muss die Analyse der drei Ebene sich auf die Interaktion zwischen der objektiven Zuständen (die materiellen und relationalen Ebenen) und der Vielfalt der Diskursen (abstrakte Ebene) konzentrieren.
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Wechselwirkungen von Normen, Reden und Handlungen gerichtet werden. So würde man die Entstehungsverfahren von Sozialkapital besser verstehen. Dieser Autor ist auch der Ansicht, dass aufgrund der Tatsache, dass das soziales Kapital sich auf der Ebene der tatsächlichen Handlungen befindet und nicht auf der abstrakten, die kommunale Ebene die geeignete institutionellen Sphäre wäre, um das Sozialkapital zu analysieren. Es sei so gerade weil “es en el sistema territorial municipal donde la sociedad de masas se revela como un entramado de relaciones cara a cara, de actores específicos con estrategias en coevolución” (Durston 2005, s. 54) 3 .
3 Merkmale der untersuchten “Gemeinde”
Wie der beigefügten Karte zu entnehmen ist, liegen beide „Gemeinde“ nah vom geographischen Zentrum von Rio Grande do Sul, im Conselho Regional de Desenvolvimento (COREDE) (Rat für regionale Entwicklung) Vale do Rio Pardo. Mit ca. 120.000 Einwohnern im Jahr 2010 ist Santa Cruz do Sul die wichtigste Stadt der Region. Dort ist die Produktion und Verarbeitung von Tabak die größte wirtschaftliche Branche, dessen Unternehmen sich in der bereits genannten Stadt und in den Nachtbarstädten Venâncio Aires und Vera Cruz konzentrieren. Dementsprechend ist, sowohl in Herveiras, als auch in Alto Paredão die auf Tabak basierende Agrarwirtschaft die wichtigste ökonomische Aktivität. Die landwirtschaftlichen Flächen betragen im Durchschnitt ca. 30 Hektar und werden von der Arbeitskraft des Besitzers und seiner Familie bewirtschaftet. Beim letzten Zensus betrug die Bevölkerungszahl Herveiras 2957 Bewohner, wovon 82,71% außerhalb der Stadt lebten. Es weist eine Fläche von 119 km² auf und liegt 56 km von Santa Cruz do Sul sowie 191 von Porto Alegre (die Hauptstadt des Bundestaats) entfernt. Die Zufahrt ergibt sich vorrangig durch zwei Möglichkeiten. Ersten durch die Nachtbarkommune Vale do Sol und zweitens durch die Kommune Sinimbu. Bis zu diesen beiden Gemeinde gibt es eine asphaltierte Straße. Von dort ab sind es noch ca. 30 Km. Bis 1992 gehörte Herveiras als Distrito zu Santa Cruz do Sul. In diesem Jahr fand die Emanzipierung von Sinimbu statt, was die Übernahme des Territoriums von Herveiras bedeutete. So begann im Jahr 1994 die Bewegung pro Emanzipierung, was am 28. Dezember 1995, durch das Gesetz n° 10640 zum Erfolg gebracht wurde.
3 Es ist im kommunalen territorialen System, wo die Massengesellschaft sich als ein Geflecht von face to face Beziehungen und von spezifischen Aktoren mit Koevolutionirenden Strategien zeige.
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Alto Paredão, auch nach den Daten des Zensus 2000, hatte 1741 Einwohner, wovon 82,22% auf dem Land lebten. Dessen Fläche beträgt 59,25 Km² und von dort bis zum verstädterten Gebiet von Santa Cruz do Sul sind es 49 km. Einführen…Im Jahr 1988 wurde der Bezirk eingeführt und 13 Jahre später, also 2001, begannen die Vorbereitungen für das Gründen einer neuen Kommune.
4 Ergebnisse
4.1 Von der Einschränkungen der Freiheit hin zur emanzipatorischen Bewegungen
Zu Beginn der Interviews befragten wir die Teilnehmer zu den Ursachen, die zur Entstehung der emanzipatorischen Bewegung geführt hätten und warum sie sich daran beteiligt haben. Und gerade dieser Punkt verdient die größte Aufmerksamkeit, da die angegebenen Ursachen eine wichtige Rolle bei der Beziehungen zwischen den Führern spielte, was offenbar zur Veränderungen an Komponenten des Sozialkapitals wie Kooperation, Vertrauen, und bürgerschaftlichen Engagements führte. Man konnte feststellen, dass es an diesem Punkt keine Unterschiede zwischen den beiden „Kommune“ gibt. Es zeigte sich nämlich, dass die Genese dieser Bewegungen eng mit den persönlichen Entwicklungsperspektiven ihre Bewohner und der aktuellen und zukünftigen Entwicklungsstand der jeweiligen Kommune selbst verbunden war. Es stellte sich als eine Beziehung zwischen lokaler Entwicklung und Entwicklung der Einzelnen heraus, wobei die Variable Auswanderung und die Identität mit dem Territorium starke Bedeutung hatten.
Einer der Interviewten aus Alto Paredão, Besitzer eines kleinen Supermarkts, indem er befragt wurde, warum seiner Meinung nach diese Bewegung auftauchte und warum er sich daran beteiligt hatte, gab jeweils folgende Antworten.
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Es passierte, meine ich, wegen der Vernachlässigung. Wir sind hier zu weit weg von der Stadt. Es sind 50 Km. Und wir sind von der kommunalen Verwaltung ganz vergessen worden. Zu viele Menschen wandern aus
aufgrund des Mangels an Chancen. (…) Ich habe mich daran beteiligt, mit der Absicht immer hier zu bleiben, weil indem das Gebiet sich entwickelt werde ich mein Geschäft auch entwickeln, die anderen werden ihre Geschäfte auch fortsetzen können. Deshalb habe ich mich an der Emanzipierungsbewegung beteiligt.
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Auch aus Herveiras meinte der erste Oberbürgermeister:
Aus diesen Aussagen wird deutlich, welche die Hauptursache, die die emanzipatorischen Bewegungen auslöste, war: das Streben nach lokaler Entwicklung. Dabei enthielten sich zwei verbundenen Erwartungen. Nämlich: Emanzipieren und Entwickeln. Die erste wurde bzw. wird als Mittel zum Erreichen des Ziels, die zweite als das Ziel selbst wahrgenommen. D.h. die Emanzipation wird auch als Weg zur persönlichen Entwicklung betrachtet. Oder, wie ober erwähnt, als Entfaltungsmöglichkeit der privaten Geschäfte. Geht man davon aus, dass die Perspektiven der Entfaltung der Individuen starke Ursachen für Migrationsentscheidungen darstellen können, kommt man zur Schlussfolgerung, dass in Gebiete, wo diese Entwicklungsmöglichkeiten sehr gering sind, die Auswanderungstendenz sehr stark auftaucht. In diesem Sinne folgt ein klares Beispiel.
Geht man von der Richtigkeit der oben genannten Behauptung aus, dann kann man sagen, dass dort wo die Entwicklungschancen der Individuen höher sind, die Tendenz zur Auswanderung dementsprechend geringer ist. Und dass daher die Bereitschaft der Einzelnen ihre Energie, ihre Zeit und Teil ihres Geldes in den kollektiven und lokalen
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Ich werde noch dort wieder leben, und warum kann ich nicht in einer kleiner Stadt leben? So ähnlich wie die
6 Eine Gruppe Menschen versammelte sich in 1994 und nach und nach begannen wir mit Versammlungen in der ganzen Gemeine mit der Absicht die sehr erwünschte Emanzipation zu erreichen.
7 Paredão ist ein guter Platz zum Leben, aber man stagniert hier eben. Die Kommunikationsmittel beeinflussen das. Ich denke, die Zufahrtsstraßen sind ausschlaggebend. Zum Beispiel wenn ich nach Santa Cruz umziehen
wurde, könnte es schlechter sein, ich weiß es nicht, aber meine Chancen würden besser sein. (…) Ich bin entschlossen am Ende dieses Jahres nach Santa Cruz umzuziehen aber wenn dieses Jahr die Emanzipation käme, könnte ich das heute nicht sagen.
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Entwicklungsangelegenheiten zu investieren höher ist. Auf diese Weise ist es sinnvoll zu erwarten, dass das Sozialkapital dort leichter verstärkt werden kann. Genauer gesagt: die Kooperationsbereitschaft und das bürgerliche Engagement. Auf der anderen Seite ergeben sich Schwierigkeiten bei der Entstehung von Sozialkapital, insbesondere bei jenem, das für lokale Entwicklung förderlich sein könnte da, wo die Restriktionen für die Entwicklung (die Verwirklichungen) sehr stark sind und aus diesem Grund viele der Einwohner ihre Lebensprojekte in anderen Territorien verwirklichen wollen. Was auch auch die Notwendigkeit der gleichzeitigen Betrachtung von individuellem und kollektivem Sozialkapital veranschaulicht. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Genese der emanzipatorischen Bewegungen eine Mischung aus persönlichen Entwicklungsperspektiven und Entwicklung auf dem Territorium sowie des Territoriums selbst war. Diese Erwartungen machten die Menschen empfänglich sich für das gemeinsame Ziel zu engagieren, was zur Erhöhung der Partizipation an Versammlungen und Veranstaltungen ausschlaggebend beitrug. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass solche Ereignisse darauf abzielten, Geld für die Tätigkeiten der emanzipatorischen Kommission zu sammeln und die durch die Bewegung aufgetauchten Themen zu diskutieren. Dies wiederum hätte den Trend zur Auswanderung reduziert und das Interesse an und Kenntnisse über lokalen Problemen erhöht. Daher, nimmt man die Behauptung Putnams an, dass der Bestand an sozialem Kapital sich vermehrt indem er benutzt wird und dass es als Nebenprodukt anderer sozialer Interaktionen entsteht, lässt sich feststellen, dass das Streben nach der lokalen Entwicklung, was sich bei der Emanzipationsbewegung beider „Kommune“ konkretisierte, das Förden lokalen Sozialkapitals ein ihrer Ergebnisse hatte.
4.2 Die Konsequenzen der Emanzipation und ihre Beziehungen zum Sozialkapital
Wie bereits erwähnt erreichte die Emanzipatorische Bewegung in Herveiras ihr Ziel, doch in Alto Paredão konnte sie aufgrund von Gesetzesänderungen nicht fortgesetzt werden. Daher konzentrieren wir uns in diesem Abschnitt auf die möglichen Beziehungen zwischen sozialem Kapital und dieser neuen politisch-administrativen Realität Herveiras. In der Regel äußerten sich die Befragten sehr zufrieden mit dieser neuen Wirklichkeit/Situation. Denn aufgrund deren, hätten sich konkrete Verbesserungen für alle Bewohner der neuen Gemeinde erreichen lassen. Gerade diese Verbesserungen erwiesen sich in engem Zusammenhang mit Veränderungen am Sozialkapital der Kommune. Die bedeutungsvollen Veränderungen wären in den öffentlichen Dienstleistungen der Gesundheits-, Telefon-, und Bildungssysteme wie bei der Verbesserung der Befahrbarkeit der Straßen. Deshalb
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nach der Meinung eines Befragten
Solche sichtbaren Verbesserungen sind gerade das, was das Vergleichen mit der vorherigen Realität/Situation ermöglicht, und so die Überzeugung aufrechterhält, dass die Emanzipierung die richtige Entscheidung war. Das steht direkt im Zusammenhang mit dem Sozialkapital der Gemeinde. Besonders wenn man das von Durston vorgeschlagenen dreigliedrige Model der sozialen Strukturen berücksichtigt. Wie bereits erwähnt hat sich das kollektive Handeln, das für die Erreichung der Entwicklung angewandt wurde, als fördernd für das soziale Kapitals erwiesen. So, wenn die Ziele, die dem kollektiven Handeln zugrunde lagen und es auslösten, erreicht werden bzw. wurden, das heißt, dass eine gewisse Entwicklung (materielle Ebene) stattfand. Was sich bei der obigen Aussage manifestiert, sodass niemand bereit wäre einen Rückschritt zur ehemaligen politisch-administrativen Lage zu unterstützen. Die Erlangung jener Verbesserungen repräsentiert die Bestätigung der Erwartungen (abstrakte Ebene), die die kollektive Aktion und Kooperation verursachten. Und gerade diese Bestätigung, indem sie die Menschen weiterhin bereit halten sich an den öffentlichen Themen zu beteiligen und für die Entwicklung ihre Gemeinde zu kooperieren, ist das, was einen Zuwachs zum vorherigen Bestand an Sozialkapital ermöglicht. Dies liegt am Identitätsgefühls für die neue Gemeinde (die sie selbst ins Leben gerufen haben) und das Gefühl dass man selbst von den Verbesserungen profitiert. Anders gesagt: Jenes Gefühl, dass eine kollektive Verbesserung sich auch auf das Leben jedes Menschen/Bewohner positiv auswirkt.
Auf diese Weise scheint das Akkumulieren von Sozialkapital (oder bürgerliches Engagement) eng mit dem tatsächlichen Erlangen der Entwicklung verbunden zu sein. Was uns zu dem Gedanken führt, dass es andernfalls, wenn die entstandenen Entwicklungserwartungen sich nicht bestätigen, zu Demobilisierung kommt und dass die kollektiven Aktionen höchstwahrscheinlich weniger geschätzt und weniger durchgeführt werden. Dadurch können im Gegensatz individualistische Handlungen mehr in Betracht gezogen und/oder tatsächlich umgesetzt werden. Und in diesem Fall richten sie sich möglicherweise auf die Lösung privaten
8 Wenn heute eine Volksabstimmung gäbe, um wieder eine als Distrikt zurücktreten, kaum würde man jemanden finden, der dafür wäre. Unabhängig von Parteifarben. Man würde niemanden finden, der zum Distriktstatus zurück wollte. Nicht zuletzt weil man nur Nachteile und keine Vorteile daran sieht.
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Probleme. Wofür die individuellen Netzwerke behilflich sein können aber dann dienen sie vorwiegend dazu, Schwierigkeiten zu entkommen und nicht zum persönlichen Fortschritt und noch weniger zur Entwicklung der Kommune oder Region. Was uns nicht dazu führen sollte, solche individualistischen Handlungen als Beweis für amoralischen Familismus zu betrachten. Es kann auch sein, dass die individualistische Variante zur Auswanderung führt, wie es bei den zwei erforschten Gemeinden (besonders in Alto Paredão) ist. Damit zerreißen sich die Bindungen, die sozialen Netze werden zerstört und die Zahl der Personen, die sich für das lokale Entwickeln einsetzen könnten, sinkt. Dies weist darauf hin die Hypothese Durstons zu bestätigen, wonach das Entstehen und Entwickeln von Sozialkapital keiner einseitigen Kausalitätsbedingung unterworfen sei.
5 Schlussanmerkungen
Die oben erörterten Verfahren führen zu der Schlussfolgerung, dass sich in den analysierten Gebiete die These Putnams, Sozialkapital sei ein Nebenprodukt anderer sozialen Interaktion, bestätigt. Gleichwohl kann ein solches Ergebnis in einem kürzeren Zeitraum, als der von Putnam suggerierte, stattfinden. Denn das Sozialkapital tendiert dazu, sich einhergehend mit dem Entwicklungsprozess zu verändern. Es beeinflusst die Entwicklung und wird von dieser beeinflusst. Wobei es nicht nur in Verbindung zu Normen und Werten steht, sondern auch zu materiellen Ressourcen, die die Ebene der alltäglichen Beziehungen beeinflussen, - wo nach Durston die Formation sozialen Kapitals sich ereignet - egal welche Normen und Werten vorhanden sind. Doch wenn es weder Wachstum noch Entwicklung (im Sinne von Amartya Sen) gibt und sich auch keine Perspektiven in dieser Hinsicht identifizieren lassen, tendiert es zu Auswanderungen.
Wenn also für Putnam die Vergangenheit ausschlaggebend zur Konfigurierung des sozialen Kapitals auf den verschiedenen Territorien ist, führt uns das was hier beschrieben wurde zu der Vermutung, dass auch die Gegenwart und die Zukunft es sind. Und zwar aufgrund der Gesamtheit der aktuellen eher einschränkenden oder eher vergünstigenden Faktoren, die das Entwickeln der jeweiligen Bewohner beeinflussen mögen. Und wenn es so sein mag, sind die Normen und kulturellen Werten wahrscheinlich gar nicht so entscheidend wie dieser Autor behauptet. Deshalb wenn Gebiete, wo es sehr viele Hindernisse für das Entwickeln ihre Bewohnern existieren, welche die Lage in Herveiras und Alto Paredão offenbar sein mag, sich in Schwierigkeiten zur ökonomischen und sozialen Entwicklung befinden, liegt es möglicherweise nicht vorwiegend an mangelndem Sozialkapital deren Bewohner oder an der Unwilligkeit der
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Behörden. Stattdessen geschieht es, sehr wahrscheinlich, aufgrund von Anliegen, die sowohl die Pflichten und die Macht lokaler Regierungen, als auch die Leistungsmacht vom Sozialkapital solcher Kommune bzw. Regionen extrapolieren.
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